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Warum
Schmetterlinge so heißen
von
Peter Heisch
Es ist doch kaum zu fassen: Wie kam
man in der deutschen Sprache überhaupt dazu, ein so grazil dahin
schwebendes Wesen wie den Schmetterling mit diesem niederschmetternd
derben Wort zu behaften? Schmetterling! Wem ist diese plumpe, dem
schwerelos im Sommerwind von Blume zu Blume taumelnden
Schuppenflügler so unangemessene Bezeichnung eingefallen? Aus
ihr ist kaum ein Hauch jener Poesie und Leichtigkeit des Seins
spürbar, die der Anblick eines Schmetterlings vermittelt. Da
zeigen sich andere Kultursprachen entschieden fantasievoller und
splendid
in der Benennung solch fliegender Kleinode.
Angefangen
beim französischen papillon,
der zumindest andeutungsweise etwas über dessen Schwebezustand
aussagt, über die spanische mariposa,
die zugleich einer Figur im Stierkampf entspricht, bei welcher der
Torero elegant seine Maleta um sich herumwirbelt, bis zum
italienischen farfallone,
dem wir in Mozarts Oper Figaros
Hochzeit begegnen,
wenn der aufgebrachte Graf Almaviva den sich inmitten eines
Damenflors herumtreibenden Cherubino ausschilt: »Non pi andrai
farfallone amoroso, notte e giorno dintorni girando.«
Allerdings irrt der Herr Graf gewaltig, wenn er Tag- und Nachtfalter
im Zorn gedankenlos in einen Topf wirft, obwohl Entomologen die
beiden Gruppen nach strengen Kriterien in Diurna
und Heterocera
als tag- oder nachtaktiv unterscheiden. Allein die Artenvielfalt und
der Erfindungsreichtum an oftmals skurrilen Fachbezeichnungen für
diese Insekten scheint unerschöpflich. Denken wir nur an Titel
wie Schwalbenschwanz, Admiral, Flattergrasschwärzling,
Wachtelweizen-Scheckenfalter, Kaisermantel, Birkenzipfel- oder
Kommafalter (was natürlich für Korrektoren besonders
interessant tönt!). Ach, man könnte dabei unversehens
selbst ins Schwärmen geraten.
Doch
bleibt, dessen ungeachtet, die Frage zu klären, wie die
Schmetterlinge zu ihrem rätselhaft missverständlichen Namen
kamen. Der Nebel lichtet sich, wenn wir erfahren, dass die
Schmetterlinge ursächlich gar nichts mit dem lautmalenden Verb
schmettern<
für »einen Gegenstand heftig zu Boden werfen« zu tun
hatten, sondern bereits im 16. Jahrhundert aus dem ostmitteldeutschen
Schmetten oder Schmant (ein Wort, das manch einer vielleicht schon
irgendwann einmal gehört hat, ohne zu wissen, was es damit auf
sich hat) entstanden ist, was schlicht und einfach dem Milchrahm
(also unserem Nidel) entspricht und sich über die benachbarte
Sprachgrenze hinweg aus dem tschechischen smetana
herausgebildet hat. Besuchern Prags dürfte der dort verabreichte
Café crème zumindest als kava
se smetanou in
lebhafter Erinnerung haften bleiben, und unter den weltberühmten
Musikern aus Böhmens Hain und Fluren ist ein Komponist namens
Smetana
sozusagen allererste Sahne. Ein Zusammenhang zwischen
Schmetterlingen und Schmetten besteht vor allem darin, dass die
kecken Sommervögel in früheren Zeiten die förmlich zum
Naschen einladenden Rahmtöpfe vor den Küchenfenstern
umschwirrt haben, worin die verärgerten Hausfrauen ein übles
Hexen- und Teufelswerk erblickten. Auf diese Weise bekam der
Schmetterling sein Fett weg und geriet zum Synonym für Butter-
und Molkendiebe. Daraus erklärt sich nebenbei auch das
Zustandekommen seines englischen Pendantsbutterfly.
In diesem Sinne darf man jenes angenehme Kribbeln im Bauch, das
Jugendliche im Zustand erster Verliebtheit befällt und als
»Schmetterlinge im Bauch haben« beschrieben wird
(»butterflies in one's stomach«) durchaus wörtlich
nehmen. Darüber hinaus zählen Schmetterlinge infolge ihrer
Metamorphose von der gefräßigen Raupe zu einem lieblich
bunten Falter als Symbol der Auferstehung und Erneuerung des Lebens.
Philosophen der Antike waren sogar der Ansicht, wir Menschen seien
hirnkapazitätsmäßig gewissermaßen Raupen, die
von ihrer künftigen Existenz als Schmetterlinge nichts ahnen,
und Esoteriker sind felsenfest davon überzeugt, dass selbst der
harmlose Flügelschlag eines Schmetterlings sehr wohl imstande
ist, gemäß dem so genannten Schmetterlingseffekt etwas
Entscheidendes irgendwo in der Welt zu bewirken. Den Japanern gelten
zwei miteinander turtelnde Schmetterlinge gar als Sinnbild einer
glücklichen Ehe. Denn »die Schmetterlinge tanzen manchmal
Reigen miteinander«, wie es in einem Haiku von Tu
Fu heißt.
Doch abgesehen von der Poesie der Bildersprache erscheint uns alleine
schon die erstaunliche Verwandlungsfähigkeit des Schmetterlings
vom einstigen Rahmdieb zu einem festen Bestandteil unseres
Wortschatzes als pures Wunder, mit dem wir uns begnügen wollen.
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