Heisch: Sprachglossen (23) PDF Drucken E-Mail
19.08.2008

Warum Schmetterlinge so heißen

von Peter Heisch

Es ist doch kaum zu fassen: Wie kam man in der deutschen Sprache überhaupt dazu, ein so grazil dahin schwebendes Wesen wie den Schmetterling mit diesem niederschmetternd derben Wort zu behaften? Schmetterling! Wem ist diese plumpe, dem schwerelos im Sommerwind von Blume zu Blume taumelnden Schuppenflügler so unangemessene Bezeichnung eingefallen? Aus ihr ist kaum ein Hauch jener Poesie und Leichtigkeit des Seins spürbar, die der Anblick eines Schmetterlings vermittelt. Da zeigen sich andere Kultursprachen entschieden fantasievoller und splendid in der Benennung solch fliegender Kleinode.

Angefangen beim französischen papillon, der zumindest andeutungsweise etwas über dessen Schwebezustand aussagt, über die spanische mariposa, die zugleich einer Figur im Stierkampf entspricht, bei welcher der Torero elegant seine Maleta um sich herumwirbelt, bis zum italienischen farfallone, dem wir in Mozarts Oper Figaros Hochzeit begegnen, wenn der aufgebrachte Graf Almaviva den sich inmitten eines Damenflors herumtreibenden Cherubino ausschilt: »Non pi andrai farfallone amoroso, notte e giorno dintorni girando.« Allerdings irrt der Herr Graf gewaltig, wenn er Tag- und Nachtfalter im Zorn gedankenlos in einen Topf wirft, obwohl Entomologen die beiden Gruppen nach strengen Kriterien in Diurna und Heterocera als tag- oder nachtaktiv unterscheiden. Allein die Artenvielfalt und der Erfindungsreichtum an oftmals skurrilen Fachbezeichnungen für diese Insekten scheint unerschöpflich. Denken wir nur an Titel wie Schwalbenschwanz, Admiral, Flattergrasschwärzling, Wachtelweizen-Scheckenfalter, Kaisermantel, Birkenzipfel- oder Kommafalter (was natürlich für Korrektoren besonders interessant tönt!). Ach, man könnte dabei unversehens selbst ins Schwärmen geraten.

Doch bleibt, dessen ungeachtet, die Frage zu klären, wie die Schmetterlinge zu ihrem rätselhaft missverständlichen Namen kamen. Der Nebel lichtet sich, wenn wir erfahren, dass die Schmetterlinge ursächlich gar nichts mit dem lautmalenden Verb schmettern< für »einen Gegenstand heftig zu Boden werfen« zu tun hatten, sondern bereits im 16. Jahrhundert aus dem ostmitteldeutschen Schmetten oder Schmant (ein Wort, das manch einer vielleicht schon irgendwann einmal gehört hat, ohne zu wissen, was es damit auf sich hat) entstanden ist, was schlicht und einfach dem Milchrahm (also unserem Nidel) entspricht und sich über die benachbarte Sprachgrenze hinweg aus dem tschechischen smetana herausgebildet hat. Besuchern Prags dürfte der dort verabreichte Café crème zumindest als kava se smetanou in lebhafter Erinnerung haften bleiben, und unter den weltberühmten Musikern aus Böhmens Hain und Fluren ist ein Komponist namens Smetana sozusagen allererste Sahne. Ein Zusammenhang zwischen Schmetterlingen und Schmetten besteht vor allem darin, dass die kecken Sommervögel in früheren Zeiten die förmlich zum Naschen einladenden Rahmtöpfe vor den Küchenfenstern umschwirrt haben, worin die verärgerten Hausfrauen ein übles Hexen- und Teufelswerk erblickten. Auf diese Weise bekam der Schmetterling sein Fett weg und geriet zum Synonym für Butter- und Molkendiebe. Daraus erklärt sich nebenbei auch das Zustandekommen seines englischen Pendantsbutterfly. In diesem Sinne darf man jenes angenehme Kribbeln im Bauch, das Jugendliche im Zustand erster Verliebtheit befällt und als »Schmetterlinge im Bauch haben« beschrieben wird (»butterflies in one's stomach«) durchaus wörtlich nehmen. Darüber hinaus zählen Schmetterlinge infolge ihrer Metamorphose von der gefräßigen Raupe zu einem lieblich bunten Falter als Symbol der Auferstehung und Erneuerung des Lebens. Philosophen der Antike waren sogar der Ansicht, wir Menschen seien hirnkapazitätsmäßig gewissermaßen Raupen, die von ihrer künftigen Existenz als Schmetterlinge nichts ahnen, und Esoteriker sind felsenfest davon überzeugt, dass selbst der harmlose Flügelschlag eines Schmetterlings sehr wohl imstande ist, gemäß dem so genannten Schmetterlingseffekt etwas Entscheidendes irgendwo in der Welt zu bewirken. Den Japanern gelten zwei miteinander turtelnde Schmetterlinge gar als Sinnbild einer glücklichen Ehe. Denn »die Schmetterlinge tanzen manchmal Reigen miteinander«, wie es in einem Haiku von Tu Fu heißt. Doch abgesehen von der Poesie der Bildersprache erscheint uns alleine schon die erstaunliche Verwandlungsfähigkeit des Schmetterlings vom einstigen Rahmdieb zu einem festen Bestandteil unseres Wortschatzes als pures Wunder, mit dem wir uns begnügen wollen.

 

© 2012 Globkult