Ein Schutz vor den
Stürmen der Geschichtevon
Terry Eagleton
Wahrsager versuchen die Zukunft
vorauszusagen, um sie zu steuern. Sie untersuchen die Innereien eines
Gesellschaftssystems, um die Zeichen zu dekodieren, die den Herrschenden
zusichern sollen, dass ihre Profite sicher sind und das System überdauern wird.
Heutzutage sind es in der Regel Ökonomen oder Manager. Ein Prophet hat dagegen
nur insofern ein Interesse daran, die Zukunft vorauszusagen, als er die
Menschen warnen möchte; wenn sie ihr Leben nicht ändern, würden sie keine
Zukunft haben. Sein Anliegen ist die Kritik an der gegenwärtigen
Ungerechtigkeit, nicht der Traum von einer perfekten Zukunftsvision. Da man
aber Ungerechtigkeit nicht definieren kann ohne eine Vorstellung von
Gerechtigkeit, ist in der Kritik eine Art Zukunftsvision implizit.
Eine
Zukunft, die mit der Gegenwart nicht in irgendeiner Weise kompatibel ist, wäre
unverständlich, eine nur kompatible nicht wünschenswert. Eine wünschenswerte
Zukunft muss plausibel sein, sonst sehnen wir uns vergeblich danach und
erkranken wie Freuds Neurotiker an der Sehnsucht. Wenn wir die Zukunft aber
einfach aus der Gegenwart ableiten, vernichten wir das Zukünftige an der
Zukunft, etwa wie der neue Historizismus das Vergangene aus der Vergangenheit
zu eliminieren versucht. Der wirklich bizarre Utopist, der seinen Kopf
besonders nachhaltig in den Sand steckt, ist der betonköpfige Pragmatiker, der
glaubt, dass die Zukunft mehr oder weniger der Gegenwart gleichen wird. Das
Fantastische der Wahnvorstellung, dass es den Militärisch-Industriellen
Komplex, Brad Pitt und Schokoflockenkekse im Jahr 5000 auch noch geben werde,
lässt langhaarige, wild blickende Apokalyptiker wie maßvolle Schwächlinge
erscheinen. Was immer Francis Fukuyama denken mag, das Problem liegt nicht
darin, dass wir zu wenig, sondern dass wir zu viel Perspektive haben. Unsere
Kinder sehen einer interessanten Zukunft entgegen.
Es
ist sehr wahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahrzehnten eine größere Krise
des Kapitalismus geben wird, was nicht heißt, dass das sicher ist oder dass der
Sozialismus kommen wird. Dass die Zukunft sicher anders sein wird als die
Gegenwart, gewährleistet nicht, dass sie besser sein wird. Aber in dem Maße, in
dem der Westen seine Wagenburg abschottet und die Tore zuknallt vor einer immer
entfremdeteren, heimatlosen, verarmten Population von Ausgegrenzten (sowohl im
eigenen Land als auch im Ausland), und in dem Umfang, in dem die
Zivilgesellschaft entwurzelt wird, bedarf es keines Nostradamus, um Turbulenzen
auf uns zukommen zu sehen.
Ohne
eine Menge sozialer Abfederung kann man den Kräften des Marktes nicht freien
Lauf lassen, sonst riskiert man zu viel Instabilität und Unmut. Aber eben diese
soziale Abfederung wird von den Marktkräften zerstört. Das System untergräbt
seine eigene Hegemonie, es braucht dazu die Linke gar nicht. Dass sich die
Geschichte wiederholt, muss man weniger fürchten als die Aussicht, dass sich
die Dinge zu klären beginnen, während die Linke chaotisch, desorganisiert und
unfähig ist, die spontanen Revolten in produktive Kanäle zu lenken. Daraus
folgt, dass es dann viel mehr Menschenleben kosten könnte.
Das
ist besonders bedauerlich, wenn man bedenkt, wie bemerkenswert bescheiden die
Forderungen der Linken sind. Sie wollen nichts Revolutionäres, nur Bedingungen,
in denen jeder auf unserem Planeten genug zu essen und eine Arbeit hat, frei
ist und in Würde leben kann. Dass man eine Revolution benötigt, um das zu
erreichen, zeigt wie schlecht es um die Dinge bestellt ist. Die Ursache dafür
ist der Extremismus des Kapitalismus, nicht des Sozialismus. Dass es um uns
sehr schlecht bestellt ist, unterscheidet, nebenbei bemerkt, die Radikalen von
den liberalen Reformern, nicht aber von gewissen Konservativen. Liberale,
Pragmatiker und Modernisierer bestehen auf der utopischen Wahnvorstellung, dass
nichts grundlegend schief läuft. Sie schätzen das falsch ein. Die besonders
naive Form von Idealismus ist nicht der Sozialismus, sondern der Glaube, dass
der Kapitalismus mit der Zeit die Welt ernähren könne. Wie lang man wohl so
eine Auffassung vertreten kann, bevor man zugibt, dass sie diskreditiert ist?
Dass
Begriffe wie Optimismus und Pessimismus politisch viel Sinn machen, hat mich
trotzdem nie überzeugt. Worauf es ankommt bei der Ermittlung der
Voraussetzungen jeglicher moralischer und politischer Aktivität, ist ein
Realismus, der einen manchmal in Depressionen führt und manchmal zur Euphorie.
So ein Realismus ist sehr anstrengend. Man muss aus den richtigen Gründen
pessimistisch sein und das packt die Linke nicht immer. Ich möchte daher kurz
auf einige Gründe eingehen, warum die Linke sich nicht entmutigen lassen soll.
Zunächst
halte ich es für einen Fehler zu glauben, dass die derzeitige Krise der Linken
etwas mit dem Zusammenbruch des ›Kommunismus‹ zu tun habe. Durch die
Ereignisse Ende der 80er Jahre verloren nur wenige Sozialisten ihre Illusionen,
denn um diese zu verlieren, muss man sie zuvor gehabt haben. Illusionen über
die Sowjetunion hatte eine große Zahl von Menschen im Westen zuletzt in den
30er Jahren und das ist lange her. Wer eine wirklich kompetente Kritik jenes
Systems sucht, wird sie nicht bei westlichen Liberalen finden, sondern bei den
wichtigen marxistischen Strömungen, die immer viel radikaler in ihrem Widerstand
gegen den Stalinismus waren als beispielsweise Isaiah Berlin. Jedenfalls befand
sich die Linke weltweit in einer tiefen Krise lange bevor der erste Stein aus
der Berliner Mauer gebrochen wurde.
Wenn
es eine Ursache gibt, warum die Linke über das Ende des ›Kommunismus‹ erschüttert
sein sollte, dann deshalb, weil dieser Zusammenbruch die gewaltige Macht des
Kapitalismus manifestierte (der durch einen vorsätzlichen und ruinösen
Waffenwettbewerb entscheidend dazu beitrug, den Sowjetblock in die Knie zu
zwingen), und nicht, weil etwa eine wertvolle Lebensweise mit den Ceausescus
unterging. Trotz der schrecklichen Folgen war das, was Ende der 80er Jahre
geschah, eine Revolution. Und Revolutionen waren in den 80er Jahren nicht
vorgesehen.
Auch
die angebliche Apathie der Bevölkerung ist kein Grund zur Depression, denn
diese ist weitgehend ein Mythos. Die Menschen, die gegen Flüchtlinge sind und
das Recht fordern, ihr Eigentum mit einer Neutronenbombe zu verteidigen, mögen
unaufgeklärt sein, sie sind aber nicht apathisch. Es gibt viele gute
Staatsbürger im Norden, in Irland, wo ich lebe, die eher zu wenig apathisch
sind. Männer und Frauen sind meist nur gleichgültig gegenüber einer Politik,
die sich ihnen gegenüber gleichgültig verhält. Die Menschen halten derzeit nicht
viel von den Politikern oder von Mehrwerttheorien. Wenn man aber durch ihren
Hinterhof eine Autobahn führen oder die Schule ihrer Kinder schließen will,
werden sie schnell genug protestieren. Und warum auch nicht? Es ist vernünftig,
einer ungerechten Macht zu widerstehen, wenn man das ohne allzu großes Risiko
und mit einer angemessenen Erfolgschance tun kann. Solche Proteste mögen
überhaupt nicht wirksam sein, aber darum geht es hier nicht. Es ist meiner
Meinung nach auch vernünftig, sich radikalen politischen Veränderungen zu
verweigern, solange das System imstande ist, einem eine gewisse, wie auch immer
bescheidene Bedürfnisbefriedigung zu ermöglichen und so lange die Alternativen
gefährlich und unklar sind. Die meisten Menschen brauchen jedenfalls ihre ganze
Energie nur zum Überleben, für unmittelbare materielle Bedürfnisse, weshalb sie
nicht viel davon für Politik übrig haben. Während aber die Forderung,
vernünftig zu sein heute bedeutet, die Dinge nüchtern zu betrachten, bedeutete
sie in den 1790er Jahren, Barrikaden zu bauen: Wenn ein politisches System
nicht mehr imstande ist, die Bedürfnisse der Bürger so weit zu befriedigen,
dass sich diese an dasselbe gebunden fühlen, werden, sobald einigermaßen
vertretbar sichere und realistische Alternativen zu ihm entstehen, politische
Revolten so voraussehbar, wie die Tatsache, dass ein Kilo Rindfleisch eine gute
Brühe gibt. Der Untergang der Apartheid ist in unserer Zeit ein signifikantes
Beispiel dafür.
Es
gibt somit wenig Grund anzunehmen, dass die Bevölkerung im Allgemeinen träge
oder selbstzufrieden ist. Im Gegenteil, sie scheint vielmehr sehr beunruhigt
über eine Reihe wesentlicher Probleme. Aber selbst wenn sich die Mehrzahl der
Bürger dem Sozialismus so wenig zuwenden würde wie der Theosophie, sollte man
angesichts der Landlosenbewegung in Brasilien, der Militanz der französischen
Arbeiterklasse, der studentischen Agitation in den USA gegen die
Unterbezahlung, anarchistischer Angriffe auf den Finanzkapitalismus und
ähnlichem mehr den Mangel an linkem Widerstand auch nicht übertreiben.
Auch
die These vom ›Verschwinden der
Arbeiterklasse‹ lässt sich bei
genauerer Betrachtung nicht aufrechterhalten. Gewiss ist das Proletariat an
Umfang und Bedeutung geschrumpft; das Proletariat, wenn man darunter manuell arbeitende
Erwerbstätige in der Industrie versteht, ist nicht dasselbe wie die
Arbeiterklasse. Man hört nicht auf, zur Arbeiterklasse zu gehören, wenn man ein
Kellner ist und nicht in der Bekleidungsindustrie arbeitet. ›Proletariat‹ orientiert auf
eine bestimmte Art von Arbeit, während Arbeiterklasse sich auf eine Stellung
innerhalb der Produktionsverhältnisse bezieht. (Diese Verwirrung ist auch
deshalb entstanden, weil zu Marx’ Zeit die Arbeiterklasse ziemlich
gleichbedeutend mit dem Industrieproletariat war.) Jedenfalls ist das
Proletariat im eigentlichen Wortsinn weltweit selbst in absoluten Zahlen
gewachsen. Man kann der Auffassung sein, dass es relativ zu anderen Klassen
global weniger wurde, aber es steht nirgends geschrieben, dass die
Arbeiterklasse die größte soziale Schicht sein müsse, um als revolutionäre
Kraft zu wirken. Die Arbeiterklasse ist die ›universale‹ Klasse nicht
deshalb, weil sie die zahlreichste ist, sondern weil Gerechtigkeit für sie eine
globale oder universale Transformation des Gesellschaftssystems erforderlich
macht.
Die
Arbeiterklasse muss auch keineswegs die elendste und notleidendste Schicht
sein. Es gibt viele Menschen, Landstreicher, alte Menschen, Arbeitslose, Leute,
die wir heute lumpenproletarische Intelligenz nennen, denen es viel schlechter
geht. Die Arbeiterklasse wird von einigen Sozialisten als die revolutionäre
Klasse angesehen, nicht weil sie so leidet (was manchmal der Fall ist, aber
nicht immer), sondern, weil ihre Stellung innerhalb des kapitalistischen
Systems sie befähigt, die Macht zu übernehmen. Wie einige andere radikale
Kräfte ist sie an der Wurzel und Quelle des Systems und zugleich außerstande,
darin völlig integriert zu sein; sie ist Teil seiner Logik und zugleich sein
Totengräber. Für den Marxismus hat die Arbeiterklasse eine besondere Rolle,
nicht weil sie besonders elend oder sehr zahlreich ist, sondern, weil sie im freudschen Sinn ›symptomatisch‹ ist, den
Widerspruch repräsentiert, wie die Begrenzung eines Feldes, sich sowohl
innerhalb wie außerhalb befindet, und damit Aspekte der dualen oder
widersprüchlichen Logik des gesamten Systems vertritt. Weil sie die
Widersprüche des gesamten Systems reflektiert, ist sie in gewisser Weise sein
Totalisator. Wer sollte es übernehmen, wenn nicht die Männer und Frauen, die
das System schaffen, deren Lebensunterhalt von ihm abhängt, die fähig sind, es
gerecht und kollektiv zu betreiben und die am meisten von einem solchen Wandel
profitieren würden?
In der Antike bedeutete das Wort ›Proletariat‹(proletarius
auf Lateinisch) diejenigen, die dem Staat dadurch dienten, dass sie Kinder
hatten (also Arbeitskräfte produzierten), weil sie zu arm waren, um mit ihrem
Eigentum zu dienen. Das Proletariat hat also, in anderen Worten, viel mit
sexueller und materieller Produktion zu tun, und da die Last der sexuellen
Produktion in höherem Maße von den Frauen als von den Männern getragen wird,
könnte man sagen, dass die Arbeiterklasse in der Antike weiblich war, wie das
auch heute zunehmend der Fall ist. Der Geograf David Harvey nennt die
oppositionellen Kräfte der Zukunft das ›feminisierte Proletariat‹. Jene öden
Streitereien zwischen Sozialisten und Feministinnen werden durch die
Entwicklung des Kapitalismus zunehmend obsolet, denn dieser zwingt Sozialisten
und Feministinnen zur Zusammenarbeit. Natürlich könnten die oppositionellen
Kräfte scheitern. Das ist aber etwas anderes, als wenn sie niemals existiert
hätten.
Muss
die Linke verzweifeln, weil der Marxismus endgültig diskreditiert wurde? Nein,
denn das geschah nicht. Er hat eine gewaltige Niederlage erlitten, das ist aber
etwas anderes. Ihn ›diskreditiert‹ zu nennen, ist etwa so, als hielte man Mosambik
für diskreditiert, weil es einmal von den Portugiesen beherrscht wurde. Wenn
der Marxismus durch den Zusammenbruch des Sowjetblocks diskreditiert wurde,
warum war er es dann nicht bereits in den 60er und 70er Jahren, als wir bereits
sehr genau wussten, was für eine Travestie des Sozialismus der Sowjetblock war?
Marxistisches Denken ist weder entlarvt worden noch ist es intellektuell
bankrott, zum Teil, weil das nicht erforderlich war. Es fehlt ihm nicht so sehr
an Antworten als an Fragen. Eine ganze kulturelle und politische Wende hat den
Marxismus als Praxis links liegen gelassen, hat sich aber kaum von ihm als
Weltanschauung abgewandt. Als solche gibt es kaum ein Dokument, das aktueller
ist als das Kommunistische Manifest aus dem Jahre 1848, das eine Zukunft
zunehmender Globalisierung, wachsender Ungleichheiten, steigenden Elends und
immer häufigerer Kriege voraussieht? Das ist gewiss nicht veralteter als
Maynard Keynes.
Wenn
Leute den Marxismus diskreditiert oder irrelevant nennen, behaupten sie, genau
zu wissen, was Marxismus ist. Das kann ich von mir nicht behaupten. Strenge
Antiessenzialisten sprechen vom Scheitern des Marxismus, als könnte man das
Wesentliche eines Glaubensbekenntnisses, das sich jetzt aufgelöst hat,
isolieren. Das Wesen des Marxismus als Lehre herauszufiltern ist keineswegs
einfach. Die Klassentheorie? Keineswegs: Marx und Engels bestanden darauf, dass
das nichts Neues war. Die politische Revolution, der Klassenkampf, die
Abschaffung des Privateigentums, menschliche Kooperation, soziale Gleichheit,
Beendigung der Entfremdung und der Marktkräfte? Keineswegs: Viele Linke, die
keine Marxisten sind, haben diese Auffassungen mit ihnen geteilt; William
Blake, hat das fast alles auch vertreten; auch Raymond Williams, der sich nicht
als Marxist verstand. Die Bedeutung der Wirtschaft in der Geschichte? Sigmund
Freud, kein Anhänger des Marxismus, war immerhin der Meinung, dass das
Grundmotiv im Leben der Gesellschaft ein wirtschaftliches sei und dass wir ohne
diesen öden Zwang unsere Tage vergammeln würden. Die verschiedenen materiellen
Phasen der Geschichte sollen die Formen des gesellschaftlichen Lebens bestimmt
haben? Diese Auffassung war auch bei radikalen Aufklärern gang und gäbe.
Wichtig
ist nicht der Marxismus, sondern das Überleben des Sozialismus; vielleicht
stellt sich heraus, dass der Marxismus ein wesentlicher Transporteur des
Sozialismus ist, dass das Überleben des einen ohne den anderen nicht möglich
ist. Für den Marxismus charakteristisch ist ein ziemlich technisches
Verständnis für die Mechanismen, durch die sich eine geschichtliche
Produktionsweise in eine andere verwandelt. Wenn die Arbeiterklasse zur Macht
kommt, wäre das die logische Folge jenes Mechanismus. Man kann an die
Notwendigkeit des Sozialismus glauben, ohne dem Marxismus zu vertrauen. Man
nennt den Marxismus oft eine untrennbare Einheit von Theorie und Praxis; ein
nichtmarxistischer Sozialist kann die Praxis eines Marxisten unterstützen, ohne
die Theorie zu übernehmen. Man muss die Lehre gründlich überprüfen. Im
vergangenen Jahrhundert haben kleinbürgerliche Nationalisten politische Dinge
getan, die die Marxisten empfahlen, z.B. haben sie oft kapitalistische
Gesellschaftsverhältnisse ausgehebelt. Das ist ein komplexer Vorgang.
Der
Sozialismus ist auch nicht theoretisch bankrott in dem Sinne, dass er ideenlos
wäre. Es gibt noch immer genügend gute linke Ideen, nicht zuletzt eine Menge
fruchtbarer Anregungen, wie eine sozialistische Wirtschaft aussehen könnte,
inwiefern für bestimmte Funktionen noch Märkte benötigt würden usw. Auch ging
im 20.Jahrhundert keineswegs der revolutionäre Impetus verloren, er hat nur
seinen Ort gewechselt. In der Mitte des Jahrhunderts siegte die erfolgreichste
radikale Bewegung der Neuzeit – der Antikolonialismus, der die alten
Kolonialreiche endgültig entmachtete. Der Sozialismus ist als die größte
Reformbewegung der Geschichte bezeichnet worden, aber der antikoloniale Kampf
war viel größer und der weitaus erfolgreichste.
Nein,
keiner der hier aufgeführten Gründe berechtigt uns, pessimistisch zu sein. Wir
sollten auch nicht glauben, das kapitalistische System sei unerschütterlich.
Diese Auffassung mag von einigen enttäuschten Radikalen vertreten werden, der
Militärisch-Industrielle Komplex vertritt sie bestimmt nicht. Dort weiß man
genau, wie schrecklich instabil die ganze Sache ist. Und dass die
Globalisierung diese Instabilität verstärkt. Wenn alles in der Welt mit allem
anderen verknüpft ist, dann kann ein Schwenk an einer Stelle, eine
Erschütterung an einer anderen und eine Krise an einer dritten auslösen.
Weshalb
sollte also die Linke pessimistisch sein? Die Antwort ist offensichtlich: Das
System ist weder wirklich stabil noch ist es sehr mächtig – aber es ist derzeit
viel zu mächtig für uns. Heißt das, dass das System für immer fortbestehen
wird? Keineswegs. Es wäre durchaus imstande zugrunde zu gehen, ohne dass seine
politischen Gegner dazu etwas beitragen. Ob das gut oder schlecht ist, das ist
die Frage. Man braucht keinen Sozialismus, um den Kapitalismus zum Absturz zu
bringen – das kann der Kapitalismus ganz allein. Das System ist gewiss
imstande, Harakiri zu begehen. Den Sozialismus oder etwas Ähnliches benötigt man,
um das System abzulösen, ohne uns alle in die Barbarei zu stürzen. Deshalb sind
oppositionelle Kräfte so wichtig: um Faschismus, Aufruhr und Barbarei so weit
wie möglich zu verhindern, die unweigerlich aus einer größeren Systemkrise
erwachsen würden. Walter Benjamin bemerkte weise, dass die Revolution kein
entgleister Zug ist. Sie sei vielmehr die Anwendung der Notbremse. Die Rolle
sozialistischer Ideen ist in diesem Sinne der Schutz der noch ungeborenen
Zukunft: kein Angebot eines Sturmes, sondern ein Schutz vor den Stürmen der
Gegenwartsgeschichte.
Der
Beitrag erschien im englischen Original in der britischen Zeitschrift Red Pepper, Februar 2002 (www.redpepper.org.uk).
Die Übersetzung besorgte Hanna Behrend, Berlin.
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