Eagleton: Sozialismus PDF Drucken E-Mail
02.08.2008

Ein Schutz vor den Stürmen der Geschichte

von Terry Eagleton

Wahrsager versuchen die Zukunft vorauszusagen, um sie zu steuern. Sie untersuchen die Innereien eines Gesellschaftssystems, um die Zeichen zu dekodieren, die den Herrschenden zusichern sollen, dass ihre Profite sicher sind und das System überdauern wird. Heutzutage sind es in der Regel Ökonomen oder Manager. Ein Prophet hat dagegen nur insofern ein Interesse daran, die Zukunft vorauszusagen, als er die Menschen warnen möchte; wenn sie ihr Leben nicht ändern, würden sie keine Zukunft haben. Sein Anliegen ist die Kritik an der gegenwärtigen Ungerechtigkeit, nicht der Traum von einer perfekten Zukunftsvision. Da man aber Ungerechtigkeit nicht definieren kann ohne eine Vorstellung von Gerechtigkeit, ist in der Kritik eine Art Zukunftsvision implizit.

Eine Zukunft, die mit der Gegenwart nicht in irgendeiner Weise kompatibel ist, wäre unverständlich, eine nur kompatible nicht wünschenswert. Eine wünschenswerte Zukunft muss plausibel sein, sonst sehnen wir uns vergeblich danach und erkranken wie Freuds Neurotiker an der Sehnsucht. Wenn wir die Zukunft aber einfach aus der Gegenwart ableiten, vernichten wir das Zukünftige an der Zukunft, etwa wie der neue Historizismus das Vergangene aus der Vergangenheit zu eliminieren versucht. Der wirklich bizarre Utopist, der seinen Kopf besonders nachhaltig in den Sand steckt, ist der betonköpfige Pragmatiker, der glaubt, dass die Zukunft mehr oder weniger der Gegenwart gleichen wird. Das Fantastische der Wahnvorstellung, dass es den Militärisch-Industriellen Komplex, Brad Pitt und Schokoflockenkekse im Jahr 5000 auch noch geben werde, lässt langhaarige, wild blickende Apokalyptiker wie maßvolle Schwächlinge erscheinen. Was immer Francis Fukuyama denken mag, das Problem liegt nicht darin, dass wir zu wenig, sondern dass wir zu viel Perspektive haben. Unsere Kinder sehen einer interessanten Zukunft entgegen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahrzehnten eine größere Krise des Kapitalismus geben wird, was nicht heißt, dass das sicher ist oder dass der Sozialismus kommen wird. Dass die Zukunft sicher anders sein wird als die Gegenwart, gewährleistet nicht, dass sie besser sein wird. Aber in dem Maße, in dem der Westen seine Wagenburg abschottet und die Tore zuknallt vor einer immer entfremdeteren, heimatlosen, verarmten Population von Ausgegrenzten (sowohl im eigenen Land als auch im Ausland), und in dem Umfang, in dem die Zivilgesellschaft entwurzelt wird, bedarf es keines Nostradamus, um Turbulenzen auf uns zukommen zu sehen.

Ohne eine Menge sozialer Abfederung kann man den Kräften des Marktes nicht freien Lauf lassen, sonst riskiert man zu viel Instabilität und Unmut. Aber eben diese soziale Abfederung wird von den Marktkräften zerstört. Das System untergräbt seine eigene Hegemonie, es braucht dazu die Linke gar nicht. Dass sich die Geschichte wiederholt, muss man weniger fürchten als die Aussicht, dass sich die Dinge zu klären beginnen, während die Linke chaotisch, desorganisiert und unfähig ist, die spontanen Revolten in produktive Kanäle zu lenken. Daraus folgt, dass es dann viel mehr Menschenleben kosten könnte.

Das ist besonders bedauerlich, wenn man bedenkt, wie bemerkenswert bescheiden die Forderungen der Linken sind. Sie wollen nichts Revolutionäres, nur Bedingungen, in denen jeder auf unserem Planeten genug zu essen und eine Arbeit hat, frei ist und in Würde leben kann. Dass man eine Revolution benötigt, um das zu erreichen, zeigt wie schlecht es um die Dinge bestellt ist. Die Ursache dafür ist der Extremismus des Kapitalismus, nicht des Sozialismus. Dass es um uns sehr schlecht bestellt ist, unterscheidet, nebenbei bemerkt, die Radikalen von den liberalen Reformern, nicht aber von gewissen Konservativen. Liberale, Pragmatiker und Modernisierer bestehen auf der utopischen Wahnvorstellung, dass nichts grundlegend schief läuft. Sie schätzen das falsch ein. Die besonders naive Form von Idealismus ist nicht der Sozialismus, sondern der Glaube, dass der Kapitalismus mit der Zeit die Welt ernähren könne. Wie lang man wohl so eine Auffassung vertreten kann, bevor man zugibt, dass sie diskreditiert ist?

Dass Begriffe wie Optimismus und Pessimismus politisch viel Sinn machen, hat mich trotzdem nie überzeugt. Worauf es ankommt bei der Ermittlung der Voraussetzungen jeglicher moralischer und politischer Aktivität, ist ein Realismus, der einen manchmal in Depressionen führt und manchmal zur Euphorie. So ein Realismus ist sehr anstrengend. Man muss aus den richtigen Gründen pessimistisch sein und das packt die Linke nicht immer. Ich möchte daher kurz auf einige Gründe eingehen, warum die Linke sich nicht entmutigen lassen soll.

Zunächst halte ich es für einen Fehler zu glauben, dass die derzeitige Krise der Linken etwas mit dem Zusammenbruch des ›Kommunismus‹ zu tun habe. Durch die Ereignisse Ende der 80er Jahre verloren nur wenige Sozialisten ihre Illusionen, denn um diese zu verlieren, muss man sie zuvor gehabt haben. Illusionen über die Sowjetunion hatte eine große Zahl von Menschen im Westen zuletzt in den 30er Jahren und das ist lange her. Wer eine wirklich kompetente Kritik jenes Systems sucht, wird sie nicht bei westlichen Liberalen finden, sondern bei den wichtigen marxistischen Strömungen, die immer viel radikaler in ihrem Widerstand gegen den Stalinismus waren als beispielsweise Isaiah Berlin. Jedenfalls befand sich die Linke weltweit in einer tiefen Krise lange bevor der erste Stein aus der Berliner Mauer gebrochen wurde.

Wenn es eine Ursache gibt, warum die Linke über das Ende des ›Kommunismus‹ erschüttert sein sollte, dann deshalb, weil dieser Zusammenbruch die gewaltige Macht des Kapitalismus manifestierte (der durch einen vorsätzlichen und ruinösen Waffenwettbewerb entscheidend dazu beitrug, den Sowjetblock in die Knie zu zwingen), und nicht, weil etwa eine wertvolle Lebensweise mit den Ceausescus unterging. Trotz der schrecklichen Folgen war das, was Ende der 80er Jahre geschah, eine Revolution. Und Revolutionen waren in den 80er Jahren nicht vorgesehen.

Auch die angebliche Apathie der Bevölkerung ist kein Grund zur Depression, denn diese ist weitgehend ein Mythos. Die Menschen, die gegen Flüchtlinge sind und das Recht fordern, ihr Eigentum mit einer Neutronenbombe zu verteidigen, mögen unaufgeklärt sein, sie sind aber nicht apathisch. Es gibt viele gute Staatsbürger im Norden, in Irland, wo ich lebe, die eher zu wenig apathisch sind. Männer und Frauen sind meist nur gleichgültig gegenüber einer Politik, die sich ihnen gegenüber gleichgültig verhält. Die Menschen halten derzeit nicht viel von den Politikern oder von Mehrwerttheorien. Wenn man aber durch ihren Hinterhof eine Autobahn führen oder die Schule ihrer Kinder schließen will, werden sie schnell genug protestieren. Und warum auch nicht? Es ist vernünftig, einer ungerechten Macht zu widerstehen, wenn man das ohne allzu großes Risiko und mit einer angemessenen Erfolgschance tun kann. Solche Proteste mögen überhaupt nicht wirksam sein, aber darum geht es hier nicht. Es ist meiner Meinung nach auch vernünftig, sich radikalen politischen Veränderungen zu verweigern, solange das System imstande ist, einem eine gewisse, wie auch immer bescheidene Bedürfnisbefriedigung zu ermöglichen und so lange die Alternativen gefährlich und unklar sind. Die meisten Menschen brauchen jedenfalls ihre ganze Energie nur zum Überleben, für unmittelbare materielle Bedürfnisse, weshalb sie nicht viel davon für Politik übrig haben. Während aber die Forderung, vernünftig zu sein heute bedeutet, die Dinge nüchtern zu betrachten, bedeutete sie in den 1790er Jahren, Barrikaden zu bauen: Wenn ein politisches System nicht mehr imstande ist, die Bedürfnisse der Bürger so weit zu befriedigen, dass sich diese an dasselbe gebunden fühlen, werden, sobald einigermaßen vertretbar sichere und realistische Alternativen zu ihm entstehen, politische Revolten so voraussehbar, wie die Tatsache, dass ein Kilo Rindfleisch eine gute Brühe gibt. Der Untergang der Apartheid ist in unserer Zeit ein signifikantes Beispiel dafür.

Es gibt somit wenig Grund anzunehmen, dass die Bevölkerung im Allgemeinen träge oder selbstzufrieden ist. Im Gegenteil, sie scheint vielmehr sehr beunruhigt über eine Reihe wesentlicher Probleme. Aber selbst wenn sich die Mehrzahl der Bürger dem Sozialismus so wenig zuwenden würde wie der Theosophie, sollte man angesichts der Landlosenbewegung in Brasilien, der Militanz der französischen Arbeiterklasse, der studentischen Agitation in den USA gegen die Unterbezahlung, anarchistischer Angriffe auf den Finanzkapitalismus und ähnlichem mehr den Mangel an linkem Widerstand auch nicht übertreiben.

Auch die These vom ›Verschwinden der Arbeiterklasse‹ lässt sich bei genauerer Betrachtung nicht aufrechterhalten. Gewiss ist das Proletariat an Umfang und Bedeutung geschrumpft; das Proletariat, wenn man darunter manuell arbeitende Erwerbstätige in der Industrie versteht, ist nicht dasselbe wie die Arbeiterklasse. Man hört nicht auf, zur Arbeiterklasse zu gehören, wenn man ein Kellner ist und nicht in der Bekleidungsindustrie arbeitet. ›Proletariat‹ orientiert auf eine bestimmte Art von Arbeit, während Arbeiterklasse sich auf eine Stellung innerhalb der Produktionsverhältnisse bezieht. (Diese Verwirrung ist auch deshalb entstanden, weil zu Marx’ Zeit die Arbeiterklasse ziemlich gleichbedeutend mit dem Industrieproletariat war.) Jedenfalls ist das Proletariat im eigentlichen Wortsinn weltweit selbst in absoluten Zahlen gewachsen. Man kann der Auffassung sein, dass es relativ zu anderen Klassen global weniger wurde, aber es steht nirgends geschrieben, dass die Arbeiterklasse die größte soziale Schicht sein müsse, um als revolutionäre Kraft zu wirken. Die Arbeiterklasse ist die ›universale‹ Klasse nicht deshalb, weil sie die zahlreichste ist, sondern weil Gerechtigkeit für sie eine globale oder universale Transformation des Gesellschaftssystems erforderlich macht.

Die Arbeiterklasse muss auch keineswegs die elendste und notleidendste Schicht sein. Es gibt viele Menschen, Landstreicher, alte Menschen, Arbeitslose, Leute, die wir heute lumpenproletarische Intelligenz nennen, denen es viel schlechter geht. Die Arbeiterklasse wird von einigen Sozialisten als die revolutionäre Klasse angesehen, nicht weil sie so leidet (was manchmal der Fall ist, aber nicht immer), sondern, weil ihre Stellung innerhalb des kapitalistischen Systems sie befähigt, die Macht zu übernehmen. Wie einige andere radikale Kräfte ist sie an der Wurzel und Quelle des Systems und zugleich außerstande, darin völlig integriert zu sein; sie ist Teil seiner Logik und zugleich sein Totengräber. Für den Marxismus hat die Arbeiterklasse eine besondere Rolle, nicht weil sie besonders elend oder sehr zahlreich ist, sondern, weil sie im freudschen Sinn ›symptomatisch‹ ist, den Widerspruch repräsentiert, wie die Begrenzung eines Feldes, sich sowohl innerhalb wie außerhalb befindet, und damit Aspekte der dualen oder widersprüchlichen Logik des gesamten Systems vertritt. Weil sie die Widersprüche des gesamten Systems reflektiert, ist sie in gewisser Weise sein Totalisator. Wer sollte es übernehmen, wenn nicht die Männer und Frauen, die das System schaffen, deren Lebensunterhalt von ihm abhängt, die fähig sind, es gerecht und kollektiv zu betreiben und die am meisten von einem solchen Wandel profitieren würden?

In der Antike bedeutete das Wort ›Proletariat‹(proletarius auf Lateinisch) diejenigen, die dem Staat dadurch dienten, dass sie Kinder hatten (also Arbeitskräfte produzierten), weil sie zu arm waren, um mit ihrem Eigentum zu dienen. Das Proletariat hat also, in anderen Worten, viel mit sexueller und materieller Produktion zu tun, und da die Last der sexuellen Produktion in höherem Maße von den Frauen als von den Männern getragen wird, könnte man sagen, dass die Arbeiterklasse in der Antike weiblich war, wie das auch heute zunehmend der Fall ist. Der Geograf David Harvey nennt die oppositionellen Kräfte der Zukunft das ›feminisierte Proletariat‹. Jene öden Streitereien zwischen Sozialisten und Feministinnen werden durch die Entwicklung des Kapitalismus zunehmend obsolet, denn dieser zwingt Sozialisten und Feministinnen zur Zusammenarbeit. Natürlich könnten die oppositionellen Kräfte scheitern. Das ist aber etwas anderes, als wenn sie niemals existiert hätten.

Muss die Linke verzweifeln, weil der Marxismus endgültig diskreditiert wurde? Nein, denn das geschah nicht. Er hat eine gewaltige Niederlage erlitten, das ist aber etwas anderes. Ihn ›diskreditiert‹ zu nennen, ist etwa so, als hielte man Mosambik für diskreditiert, weil es einmal von den Portugiesen beherrscht wurde. Wenn der Marxismus durch den Zusammenbruch des Sowjetblocks diskreditiert wurde, warum war er es dann nicht bereits in den 60er und 70er Jahren, als wir bereits sehr genau wussten, was für eine Travestie des Sozialismus der Sowjetblock war? Marxistisches Denken ist weder entlarvt worden noch ist es intellektuell bankrott, zum Teil, weil das nicht erforderlich war. Es fehlt ihm nicht so sehr an Antworten als an Fragen. Eine ganze kulturelle und politische Wende hat den Marxismus als Praxis links liegen gelassen, hat sich aber kaum von ihm als Weltanschauung abgewandt. Als solche gibt es kaum ein Dokument, das aktueller ist als das Kommunistische Manifest aus dem Jahre 1848, das eine Zukunft zunehmender Globalisierung, wachsender Ungleichheiten, steigenden Elends und immer häufigerer Kriege voraussieht? Das ist gewiss nicht veralteter als Maynard Keynes.

Wenn Leute den Marxismus diskreditiert oder irrelevant nennen, behaupten sie, genau zu wissen, was Marxismus ist. Das kann ich von mir nicht behaupten. Strenge Antiessenzialisten sprechen vom Scheitern des Marxismus, als könnte man das Wesentliche eines Glaubensbekenntnisses, das sich jetzt aufgelöst hat, isolieren. Das Wesen des Marxismus als Lehre herauszufiltern ist keineswegs einfach. Die Klassentheorie? Keineswegs: Marx und Engels bestanden darauf, dass das nichts Neues war. Die politische Revolution, der Klassenkampf, die Abschaffung des Privateigentums, menschliche Kooperation, soziale Gleichheit, Beendigung der Entfremdung und der Marktkräfte? Keineswegs: Viele Linke, die keine Marxisten sind, haben diese Auffassungen mit ihnen geteilt; William Blake, hat das fast alles auch vertreten; auch Raymond Williams, der sich nicht als Marxist verstand. Die Bedeutung der Wirtschaft in der Geschichte? Sigmund Freud, kein Anhänger des Marxismus, war immerhin der Meinung, dass das Grundmotiv im Leben der Gesellschaft ein wirtschaftliches sei und dass wir ohne diesen öden Zwang unsere Tage vergammeln würden. Die verschiedenen materiellen Phasen der Geschichte sollen die Formen des gesellschaftlichen Lebens bestimmt haben? Diese Auffassung war auch bei radikalen Aufklärern gang und gäbe.

Wichtig ist nicht der Marxismus, sondern das Überleben des Sozialismus; vielleicht stellt sich heraus, dass der Marxismus ein wesentlicher Transporteur des Sozialismus ist, dass das Überleben des einen ohne den anderen nicht möglich ist. Für den Marxismus charakteristisch ist ein ziemlich technisches Verständnis für die Mechanismen, durch die sich eine geschichtliche Produktionsweise in eine andere verwandelt. Wenn die Arbeiterklasse zur Macht kommt, wäre das die logische Folge jenes Mechanismus. Man kann an die Notwendigkeit des Sozialismus glauben, ohne dem Marxismus zu vertrauen. Man nennt den Marxismus oft eine untrennbare Einheit von Theorie und Praxis; ein nichtmarxistischer Sozialist kann die Praxis eines Marxisten unterstützen, ohne die Theorie zu übernehmen. Man muss die Lehre gründlich überprüfen. Im vergangenen Jahrhundert haben kleinbürgerliche Nationalisten politische Dinge getan, die die Marxisten empfahlen, z.B. haben sie oft kapitalistische Gesellschaftsverhältnisse ausgehebelt. Das ist ein komplexer Vorgang.

Der Sozialismus ist auch nicht theoretisch bankrott in dem Sinne, dass er ideenlos wäre. Es gibt noch immer genügend gute linke Ideen, nicht zuletzt eine Menge fruchtbarer Anregungen, wie eine sozialistische Wirtschaft aussehen könnte, inwiefern für bestimmte Funktionen noch Märkte benötigt würden usw. Auch ging im 20.Jahrhundert keineswegs der revolutionäre Impetus verloren, er hat nur seinen Ort gewechselt. In der Mitte des Jahrhunderts siegte die erfolgreichste radikale Bewegung der Neuzeit – der Antikolonialismus, der die alten Kolonialreiche endgültig entmachtete. Der Sozialismus ist als die größte Reformbewegung der Geschichte bezeichnet worden, aber der antikoloniale Kampf war viel größer und der weitaus erfolgreichste.

Nein, keiner der hier aufgeführten Gründe berechtigt uns, pessimistisch zu sein. Wir sollten auch nicht glauben, das kapitalistische System sei unerschütterlich. Diese Auffassung mag von einigen enttäuschten Radikalen vertreten werden, der Militärisch-Industrielle Komplex vertritt sie bestimmt nicht. Dort weiß man genau, wie schrecklich instabil die ganze Sache ist. Und dass die Globalisierung diese Instabilität verstärkt. Wenn alles in der Welt mit allem anderen verknüpft ist, dann kann ein Schwenk an einer Stelle, eine Erschütterung an einer anderen und eine Krise an einer dritten auslösen.

Weshalb sollte also die Linke pessimistisch sein? Die Antwort ist offensichtlich: Das System ist weder wirklich stabil noch ist es sehr mächtig – aber es ist derzeit viel zu mächtig für uns. Heißt das, dass das System für immer fortbestehen wird? Keineswegs. Es wäre durchaus imstande zugrunde zu gehen, ohne dass seine politischen Gegner dazu etwas beitragen. Ob das gut oder schlecht ist, das ist die Frage. Man braucht keinen Sozialismus, um den Kapitalismus zum Absturz zu bringen – das kann der Kapitalismus ganz allein. Das System ist gewiss imstande, Harakiri zu begehen. Den Sozialismus oder etwas Ähnliches benötigt man, um das System abzulösen, ohne uns alle in die Barbarei zu stürzen. Deshalb sind oppositionelle Kräfte so wichtig: um Faschismus, Aufruhr und Barbarei so weit wie möglich zu verhindern, die unweigerlich aus einer größeren Systemkrise erwachsen würden. Walter Benjamin bemerkte weise, dass die Revolution kein entgleister Zug ist. Sie sei vielmehr die Anwendung der Notbremse. Die Rolle sozialistischer Ideen ist in diesem Sinne der Schutz der noch ungeborenen Zukunft: kein Angebot eines Sturmes, sondern ein Schutz vor den Stürmen der Gegenwartsgeschichte.

Der Beitrag erschien im englischen Original in der britischen Zeitschrift Red Pepper, Februar 2002 (www.redpepper.org.uk). Die Übersetzung besorgte Hanna Behrend, Berlin.

 

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