Aus der Hüfte
Der
Frühling hat mich in Ingo Schulzes Arme getrieben. Die Folge ist, dass ich
wieder einmal mit Vergnügen, ja bisweilen mit einem Seufzer der Achtung die Minutennovellen von István Örkény lese,
obwohl dort kein Handy klingelt. Das
klingt verwirrender als es ist. Also: der Frühling. Er hat mich ins Straßencafé
gelockt. Während ich dort saß, defilierten etliche eilige Herren mit wehenden,
nicht länger durch Wintermäntel verborgenen Jacketts an mir vorbei. Bei jedem
Schritt enthüllte sich ein lederner Gürtel, an dessen Seite in einem passgenauen
Etui ein Handy steckte. In Hüfthöhe.
Eine Präsentation, die nur einen Schluss zulässt: Hier steckt keine
Kommunikations-Hardware, sondern ein Colt.
Der Träger ist gewissermaßen allzeit schussbereit. Mit Wehmut gedenke ich des
selbstironischen Gestus und (ich geb’s ja zu) auch der Hüften der
Italo-Western-Helden, die Sergio Leone so trefflich in Szene zu setzen wusste,
greife zu Ingo Schulzes Handy – dreizehn geschichten in alter manier,
denke einerseits an Schulzes Gabe für raffiniert Verflochtenes (siehe Simple Storys) und denke andererseits,
dass Pierre Bourdieu eine solche, nun ja, annähernd marktschreierische Untermauerung
seiner These (ich meine durch einen Titel wie Handy) nun auch nicht nötig hat: Der Künstler agiert nicht als
erdenferner Solitär, sondern als im literarischen
Feld positionierter Produzent, der durchaus von sozialen und ökonomischen
Gegebenheiten beeinflusst ist. Das schließt gewiss einen Schuss Pragmatismus
ein. Doch nun will ich endlich wissen, was er, also Ingo Schulze, mit diesem
Accessoire anstellt, das er auf den Titel gehoben hat (oder war’s doch eher die
Marketingabteilung des Verlags?) In der Auftaktgeschichte (Sie wissen schon,
wie der Titel lautet) zieht sich ein junges Paar gern übers Wochenende auf’s
Land zurück. Der Bungalow ist klein, die Kiefern sind hoch, die Ruhe groß – bis
eines Nachts eine randalierende Horde ins Idyll einbricht. In dieser Situation fand ich es gut, ein Handy zu besitzen. Das
Handy wird zum Symbol der Sicherheit. Wie einst der Colt. Sag’ ich doch. Zwischen uns Bungalowbewohnern hatte sich
eine Art Wildwest-Solidarität entwickelt. Die Nachbarn schließen sich zu
einer wehrhaften Gemeinschaft zusammen, jederzeit per Handy-Notruf einsatzbereit
– bis das System, was aus dramaturgischer Sicht dringend nötig ist, sich selbst
ad absurdum führt: Der nächste Überfall wird gewissermaßen live per Handy
reportiert – »Hörn Sie mal, wie das
kracht!« - »Jetzt sind sie am
Briefkasten« –, doch da der
Erzähler inzwischen wieder in Berlin weilt, kann er nichts ausrichten. Das
heißt: Er ist informiert, hat aber keine Handlungsmöglichkeit. Er ist anwesend
und abwesend zugleich. Ein Dilemma, lakonisch inszeniert: So etwas kann Ingo
Schulze, das lieben die Juroren, die ihm zum Beispiel im vergangenen Herbst den
Preis der Leipziger Buchmesse verliehen haben. Sie loben die sich in den Alltagssituationen unvermittelt offenbarende
existentielle Dimension. Die Rezensenten springen flugs auf den gleichen
Zug, greifen darüber hinaus auf, was der Klappentext als Leitmotiv feilbietet:
das scheinbar aus dem Nichts auftauchende Moment des Gefährlichen, des Unwägbaren,
eine gewisse Unterminierung des Alltags (ja, durchaus gut gemacht,
gewissermaßen Kontrapunkte zu den Augenblicken
des Glücks) – suchen und finden die Textbeispiele (Schulze hat sich
übrigens, nebenbei bemerkt, dieses symbolisch aufgeladenen Handys nach der
ersten Geschichte entledigt, was für ihn spricht). Und schon läuft die Rezeptions-/Rezensionsmaschinerie
und zieht einem Perpetuum mobile gleich ihre Endlosschleifen. Apropos Schleife: darauf komme ich noch. Es gibt
einen anderen, meist unerwähnten Aspekt: den poetologischen. Die Variationen,
in denen Schulze das Sich-Einverleiben und gleichsam Verdauen des Erlebten bzw.
Gehörten und Gesehenen beschreibt, vor allem aber seine spielerische Weise,
Intertextualität transparent zu machen bzw. sie im Schulterschluss mit den
Kollegen – so geschehen in dem Band Eine,
zwei, noch eine Geschichte/n von Kertész,
Esterházy und Schulze – bewusst zu inszenieren, nähren mein Vergnügen an der
Lektüre. Springen wir gleich von der Auftakt- in die Schlussgeschichte des Handy-Bandes, die zugleich den Übergang
ins nächste Buch markiert: Ein zwischen Ich und Er wechselnder Erzähler fährt
Zug, von Budapest nach Wien. Es ist der 25. April 2004. Petra (oder Katja) soll in Wien des Erzählers
Manuskript Zwischenfall in Petersburg lesen
(über einen Überfall, der sich getreu einer fiktionalen Vorgabe zugetragen haben
soll), außerdem gibt es noch Privates zu klären. Jede Menge Grenzerfahrungen metaphorischer Art also
und einen realen Checkpoint als Schlüsselstelle der drei aufeinander
basierenden Erzählungen: Hegyeshalom, die
Grenzstation. Hegyeshalom! Der Ort, der die Grenze zwischen Ungarn und Österreich
markiert, die Grenze, die Ingo Schulzes Erzähler problemlos passiert – es gibt keine Zöllner mehr
–, während Imre Kertész Erzählung Protokoll
(1991) ein anderes Erlebnis zu Grunde liegt: In eben jenem Kaff beschlagnahmt ein Beamter Geld und Ausweis
des Erzählers/Kertész’ – In diesem
Zöllner war keine Liebe –, verhört ihn und präsentiert ihm schließlich ein
Protokoll. Es entwickelt sich eine Situation, in der sich sämtliche erlittenen
Gewalterfahrungen verdichten: vor meinen
Augen erschienen Gitterfenster und Stacheldrahtzäune. Die inneren Bilder
katapultieren den Erzähler in einen Zustand der Starre. Zugleich setzt sich jäh
die Erkenntnis eines immerwährenden Prinzips durch, das sich in diesem Zöllner
personifiziert wie in allen Zöllnern der Welt: Alles, Alles, / Alles weiß ich, / Alles ward mir nun frei. / Auch deine
Raben / hör ich rauschen. Die Verse aus Brünnhildes Monolog, zu denen der
Erzähler, dieser Eindruck drängt sich auf, zunächst geradezu Zuflucht sucht (Götterdämmerung, 3. Akt, 3. Szene. Allein die Auswahl des Zitats, die
Entscheidung für den sehr speziellen intertextuellen Verweis wirft Fragen auf,
die diesen Rahmen sprengen. Unter dem Titel Der
Fall Wagner gibt Imre Kertész in einem Hörbuch Antworten), diese Verse
werden gegen Ende der Geschichte ein weiteres Mal zitiert und kommentiert: Ich habe die Fähigkeit zum Dulden verloren,
ich bin nicht mehr verwundbar. Ich bin verloren. <…> Ich bin tot. Péter
Esterházy nun, um das Trio zu komplettieren, inszeniert seine Variante der
Zöllner-Episode in Leben und Literatur als
Geschichte einer Rebellion gegen die Willkür eines Zöllners. Aufs Engste angelehnt an Kertesz’
Erzählung, gespickt mit Zitaten aus dem Protokoll
und dennoch Eigenständigkeit behauptend, legt dieser Text seine
Zeugenschaft offen für den unendlichen Prozess des Fort- und Weiterschreibens
der Literatur, des Sich-Ein- und Überschreibens. Ein Palimpsest, dessen tiefere
Schichten freigelegt sind. Und so gleicht das Resümee des Erzählers einem Ruf
an Kertézs über die Zeiten und Zeilen hinweg: Ich bin nicht verloren, aber ich kann es im nächsten Augenblick sein.
Doch noch einmal zurück zu Ingo Schulze. Er lässt seinen Zug fahrenden Erzähler
István Örkénys Minutennovellen lesen.
Die bin ich Ihnen ja ohnehin noch schuldig. Genau gesagt den Text Schleife: einen absurden Dialog über die
Vorzüge und (charakterlichen) Nachteile einer jungen Frau. Die Männer kommen zu
keinem Schluss, vielmehr verfangen sie sich in ihren Beteuerungen und Repliken.
Die Gesprächsfäden verknüpfen sich schließlich zu einem Knäuel. Dichter und
dichter, im buchstäblichen Sinn sich anreichernd, wird die Schleife zur Metapher der Literatur. Wie gezeigt: Derart lasse ich
mich gerne einbinden.
[Gabi Rüth]
Ingo Schulze:
Handy – dreizehn geschichten in alter manier
Berlin Verlag, Berlin 2007
ISBN 3-8270-0720-9
Imre Kertész, Péter Esterházy, Ingo Schulze: Eine, zwei, noch
eine Geschichte/n
Berlin Verlag, Berlin 2008
ISBN 3-8270-0787-2
(Imre Kertész: Protokoll, übersetzt von
Kristin Schwamm
Péter Esterházy: Leben und Literatur,
übersetzt von Hans Skirecki
Ingo Schulze: Noch eine Geschichte)
István Örkény: Minutennovellen
(Ausgewählt und übersetzt von Terézia Mora)
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002
(Band 1358 der Bibliothek Suhrkamp)
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