Rüth: Punkt.um (2) PDF Drucken E-Mail
15.05.2008

Aus der Hüfte

Der Frühling hat mich in Ingo Schulzes Arme getrieben. Die Folge ist, dass ich wieder einmal mit Vergnügen, ja bisweilen mit einem Seufzer der Achtung die Minutennovellen von István Örkény lese, obwohl dort kein Handy klingelt. Das klingt verwirrender als es ist. Also: der Frühling. Er hat mich ins Straßencafé gelockt. Während ich dort saß, defilierten etliche eilige Herren mit wehenden, nicht länger durch Wintermäntel verborgenen Jacketts an mir vorbei. Bei jedem Schritt enthüllte sich ein lederner Gürtel, an dessen Seite in einem passgenauen Etui ein Handy steckte. In Hüfthöhe. Eine Präsentation, die nur einen Schluss zulässt: Hier steckt keine Kommunikations-Hardware, sondern ein Colt. Der Träger ist gewissermaßen allzeit schussbereit. Mit Wehmut gedenke ich des selbstironischen Gestus und (ich geb’s ja zu) auch der Hüften der Italo-Western-Helden, die Sergio Leone so trefflich in Szene zu setzen wusste, greife zu Ingo Schulzes Handy dreizehn geschichten in alter manier, denke einerseits an Schulzes Gabe für raffiniert Verflochtenes (siehe Simple Storys) und denke andererseits, dass Pierre Bourdieu eine solche, nun ja, annähernd marktschreierische Untermauerung seiner These (ich meine durch einen Titel wie Handy) nun auch nicht nötig hat: Der Künstler agiert nicht als erdenferner Solitär, sondern als im literarischen Feld positionierter Produzent, der durchaus von sozialen und ökonomischen Gegebenheiten beeinflusst ist. Das schließt gewiss einen Schuss Pragmatismus ein. Doch nun will ich endlich wissen, was er, also Ingo Schulze, mit diesem Accessoire anstellt, das er auf den Titel gehoben hat (oder war’s doch eher die Marketingabteilung des Verlags?) In der Auftaktgeschichte (Sie wissen schon, wie der Titel lautet) zieht sich ein junges Paar gern übers Wochenende auf’s Land zurück. Der Bungalow ist klein, die Kiefern sind hoch, die Ruhe groß – bis eines Nachts eine randalierende Horde ins Idyll einbricht. In dieser Situation fand ich es gut, ein Handy zu besitzen. Das Handy wird zum Symbol der Sicherheit. Wie einst der Colt. Sag’ ich doch. Zwischen uns Bungalowbewohnern hatte sich eine Art Wildwest-Solidarität entwickelt. Die Nachbarn schließen sich zu einer wehrhaften Gemeinschaft zusammen, jederzeit per Handy-Notruf einsatzbereit – bis das System, was aus dramaturgischer Sicht dringend nötig ist, sich selbst ad absurdum führt: Der nächste Überfall wird gewissermaßen live per Handy reportiert – »Hörn Sie mal, wie das kracht!« - »Jetzt sind sie am Briefkasten« –, doch da der Erzähler inzwischen wieder in Berlin weilt, kann er nichts ausrichten. Das heißt: Er ist informiert, hat aber keine Handlungsmöglichkeit. Er ist anwesend und abwesend zugleich. Ein Dilemma, lakonisch inszeniert: So etwas kann Ingo Schulze, das lieben die Juroren, die ihm zum Beispiel im vergangenen Herbst den Preis der Leipziger Buchmesse verliehen haben. Sie loben die sich in den Alltagssituationen unvermittelt offenbarende existentielle Dimension. Die Rezensenten springen flugs auf den gleichen Zug, greifen darüber hinaus auf, was der Klappentext als Leitmotiv feilbietet: das scheinbar aus dem Nichts auftauchende Moment des Gefährlichen, des Unwägbaren, eine gewisse Unterminierung des Alltags (ja, durchaus gut gemacht, gewissermaßen Kontrapunkte zu den Augenblicken des Glücks) – suchen und finden die Textbeispiele (Schulze hat sich übrigens, nebenbei bemerkt, dieses symbolisch aufgeladenen Handys nach der ersten Geschichte entledigt, was für ihn spricht). Und schon läuft die Rezeptions-/Rezensionsmaschinerie und zieht einem Perpetuum mobile gleich ihre Endlosschleifen. Apropos Schleife: darauf komme ich noch. Es gibt einen anderen, meist unerwähnten Aspekt: den poetologischen. Die Variationen, in denen Schulze das Sich-Einverleiben und gleichsam Verdauen des Erlebten bzw. Gehörten und Gesehenen beschreibt, vor allem aber seine spielerische Weise, Intertextualität transparent zu machen bzw. sie im Schulterschluss mit den Kollegen – so geschehen in dem Band Eine, zwei, noch eine Geschichte/n von Kertész, Esterházy und Schulze – bewusst zu inszenieren, nähren mein Vergnügen an der Lektüre. Springen wir gleich von der Auftakt- in die Schlussgeschichte des Handy-Bandes, die zugleich den Übergang ins nächste Buch markiert: Ein zwischen Ich und Er wechselnder Erzähler fährt Zug, von Budapest nach Wien. Es ist der 25. April 2004. Petra (oder Katja) soll in Wien des Erzählers Manuskript Zwischenfall in Petersburg lesen (über einen Überfall, der sich getreu einer fiktionalen Vorgabe zugetragen haben soll), außerdem gibt es noch Privates zu klären. Jede Menge Grenzerfahrungen metaphorischer Art also und einen realen Checkpoint als Schlüsselstelle der drei aufeinander basierenden Erzählungen: Hegyeshalom, die Grenzstation. Hegyeshalom! Der Ort, der die Grenze zwischen Ungarn und Österreich markiert, die Grenze, die Ingo Schulzes Erzähler problemlos passiert – es gibt keine Zöllner  mehr –, während Imre Kertész Erzählung Protokoll (1991) ein anderes Erlebnis zu Grunde liegt: In eben jenem Kaff beschlagnahmt ein Beamter Geld und Ausweis des Erzählers/Kertész’ – In diesem Zöllner war keine Liebe –, verhört ihn und präsentiert ihm schließlich ein Protokoll. Es entwickelt sich eine Situation, in der sich sämtliche erlittenen Gewalterfahrungen verdichten: vor meinen Augen erschienen Gitterfenster und Stacheldrahtzäune. Die inneren Bilder katapultieren den Erzähler in einen Zustand der Starre. Zugleich setzt sich jäh die Erkenntnis eines immerwährenden Prinzips durch, das sich in diesem Zöllner personifiziert wie in allen Zöllnern der Welt: Alles, Alles, / Alles weiß ich, / Alles ward mir nun frei. / Auch deine Raben / hör ich rauschen. Die Verse aus Brünnhildes Monolog, zu denen der Erzähler, dieser Eindruck drängt sich auf, zunächst geradezu Zuflucht sucht (Götterdämmerung, 3. Akt, 3. Szene. Allein die Auswahl des Zitats, die Entscheidung für den sehr speziellen intertextuellen Verweis wirft Fragen auf, die diesen Rahmen sprengen. Unter dem Titel Der Fall Wagner gibt Imre Kertész in einem Hörbuch Antworten), diese Verse werden gegen Ende der Geschichte ein weiteres Mal zitiert und kommentiert: Ich habe die Fähigkeit zum Dulden verloren, ich bin nicht mehr verwundbar. Ich bin verloren. <…> Ich bin tot. Péter Esterházy nun, um das Trio zu komplettieren, inszeniert seine Variante der Zöllner-Episode in Leben und Literatur als Geschichte einer Rebellion gegen die Willkür eines Zöllners. Aufs Engste angelehnt an Kertesz’ Erzählung, gespickt mit Zitaten aus dem Protokoll und dennoch Eigenständigkeit behauptend, legt dieser Text seine Zeugenschaft offen für den unendlichen Prozess des Fort- und Weiterschreibens der Literatur, des Sich-Ein- und Überschreibens. Ein Palimpsest, dessen tiefere Schichten freigelegt sind. Und so gleicht das Resümee des Erzählers einem Ruf an Kertézs über die Zeiten und Zeilen hinweg: Ich bin nicht verloren, aber ich kann es im nächsten Augenblick sein. Doch noch einmal zurück zu Ingo Schulze. Er lässt seinen Zug fahrenden Erzähler István Örkénys Minutennovellen lesen. Die bin ich Ihnen ja ohnehin noch schuldig. Genau gesagt den Text Schleife: einen absurden Dialog über die Vorzüge und (charakterlichen) Nachteile einer jungen Frau. Die Männer kommen zu keinem Schluss, vielmehr verfangen sie sich in ihren Beteuerungen und Repliken. Die Gesprächsfäden verknüpfen sich schließlich zu einem Knäuel. Dichter und dichter, im buchstäblichen Sinn sich anreichernd, wird die Schleife zur Metapher der Literatur. Wie gezeigt: Derart lasse ich mich gerne einbinden.

[Gabi Rüth]


Ingo Schulze: Handy – dreizehn geschichten in alter manier
Berlin Verlag, Berlin 2007
ISBN 3-8270-0720-9

Imre Kertész, Péter Esterházy, Ingo Schulze: Eine, zwei, noch eine Geschichte/n
Berlin Verlag, Berlin 2008
ISBN 3-8270-0787-2

(Imre Kertész: Protokoll, übersetzt von Kristin Schwamm
Péter Esterházy: Leben und Literatur, übersetzt von Hans Skirecki
Ingo Schulze: Noch eine Geschichte)

István Örkény: Minutennovellen
(Ausgewählt und übersetzt von Terézia Mora)
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002
(Band 1358 der Bibliothek Suhrkamp)

 

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