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Helmut Seidel: 75. Geburtstag PDF Drucken E-Mail
27.07.2004

Zum 75. Geburtstag des Leipziger Philosophen Helmut Seidel

von Steffen Dietzsch

"Allein die Praxis der Philosophie ist selbst theoretisch"

Wenn es dereinst einmal interessant werden sollte, selbstständige, von ideologischen Vorgaben freie akademische Leistungen von Philosophen in der DDR zu identifizieren, wird man u.a. bald auf das Lebenswerk des Leipziger Philosophiehistorikers Helmut Seidel aufmerksam werden. Er entwickelte in den sechziger Jahren in seiner Habilitationsschrift Philosophie und Wirklichkeit (Leipzig 1964) eine originelle Rekonstruktion der Marxschen Theorie.

Das hat als Praxisphilosophie sofort ebenso viele seiner Studenten in den Bann gezogen, wie es ihn von orthodoxer Seite allerdings unter dauerhafte Kritik gestellt hat. Diese Orientierung auf die vom jungen Marx bedeutsam hervorgehobene ‘tätige Seite' am Denken als ‘Zentralkategorie' eines modernen Marxismus brachte nämlich jenes offizielle - dualistische - Weltbild zum Einsturz, nach dem der (‘gute') Materialismus sich des (‘bösen' subversiven) Idealismus zu erwehren hätte. Dadurch allerdings, daß zeitgleich viele reformorientierte Marxisten u.a. in Zagreb (in der Zeitschrift Praxis), Prag (Jiri Cerny), Budapest (Hermann István, Agnes Heller) oder Warschau (Adam Schaff) den Marxismus auch als Subjektivitäts- bzw. Handlungstheorie oder Anthropologie begriffen, wurde dieser Seidelsche Denkeinsatz in Leipzig sofort unter ‘Revisionismus'-Verdacht gestellt und abgebrochen bzw. Seidel selber parteilich abgestraft.

Helmut Seidel hatte in Moskau studiert, bei Ewald Illjenkow, der ihn maßgeblich für Hegel und Spinoza interessierte. Seidels erster philosophischer Paukenschlag als Leipziger Dozent war dann auch die Herausgabe von Spinozas Theologisch-politischem Traktat im Reclam-Verlag Leipzig, dessen Interpretationsmittelpunkt die hier von Spinoza formulierte Idee der Gedankenfreiheit bildete: In einem freien Staat muß jedem erlaubt sein, zu denken was er will und zu sagen, was er denkt.

Helmut Seidel hat auch im Hörsaal immer wieder die Warnung seines geliebten Spinoza vor denjenigen wiederholt, die marktschreierisch verkünden, sie besäßen etwas, das höher steht als die Vernunft. Diese Textstelle des Spinoza hatte sich schon Marx in sein Notizbuch notiert. Seidel nun wollte damit seinen Studenten immer diese unbedingte Idee der universellen Einen Vernunft ans Herz legen, der gegenüber alle ‘parteilichen' oder ‘transversalen' Relativierungen der Vernunft zurückzustehen hätten. Das war seinerzeit im Gerangel mit der Parteiorthodoxie nicht ungefährlich, wie es auch in der geistigen Situation von heute noch gar nicht abgegolten ist.

Seidel war bis 1990 Philosophieprofessor in Leipzig. Seine vielbesuchten Vorlesungen zur Geschichte des philosophischen Denkens zwischen griechischer Antike und europäischer Aufklärung wurden in drei Bänden veröffentlicht.

Helmut Seidel war anfangs der Neunziger Jahre Initiator und lange Zeit erster Präsident der ‘Rosa-Luxemburg-Stiftung' in Sachsen. Seither hat er sich immer wieder mit Vorträgen und Büchern (u.a. Spinoza, 1994 und Fichte, 1999) zur Verteidigung aufklärerischen Denkens am öffentlichen Diskurs beteiligt.

 

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