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Albi Rosenthal in Oxford gestorben
von Steffen Dietzsch und Leila Kais Er war eine der letzten großen Persönlichkeiten der deutsch-jüdischen Emigration; er hatte seine Heimatstadt München schon im Mai 1933 verlassen, kurz nach dem ersten offiziellen Judenboykott in Deutschland.
Albi (Albrecht Gabriel) Rosenthal, geboren am 6. Oktober 1914, war der älteste Sohn des Kunsthistorikers Erwin Rosenthal (1889 - 1981), der das - seit 1867 bestehende - Antiquariatsgeschäft in der Münchner Brienner Straße 47 (heute 26) als Juniorchef leitete. Durch seine Heirat mit der Florentinerin Margherita Olschki (1912), der Tochter Leo Olschkis (1861 - 1940), verband Albis Vater zwei der angesehensten europäischen Antiquariatsadressen [vgl. FAZ, v. 20. Nov. 2002]. Über drei Generationen hinweg hatten die Rosenthals, denen im Sommer vergangenen Jahres eine eigene Ausstellung im Jüdischen Museum München gewidmet wurde, als Kaufleute und Gelehrte eine wichtige Mittlerrolle im Kunst- und Wissenschaftsbetrieb der Stadt inne [vgl.: Die Rosenthals. Der Aufstieg einer jüdischen Antiquarsfamilie zu Weltruhm. Wien 2002]. Die damit einhergehenden kulturellen Synergien prägten Albi Rosenthals gesamte intellektuelle Entwicklung nachhaltig. Der junge Albi wurde so von Anfang an ein selbständiger, weltoffener, freier Geist. Die wirtschaftliche Situation nach dem Ersten Weltkrieg sowie die Ausgrenzungsmaßnahmen gegen jüdische Bürger im Anschluss an die nationalsozialistische Machtergreifung erzwangen den Rückzug der Familie aus dem Münchner Antiquariatsgeschäft. Das Ziel des Emigranten Albi Rosenthal war London. Hier, am Warburg Institut, das sich auch gerade aus Deutschland gerettet hatte, studierte er Kunstgeschichte bei Fritz Saxl und Rudolf Wittkower. In dieser Zeit lernte er eine junge Frau kennen, die 1934 im gleichen Fach gerade ihr Studium an der Sorbonne abgeschlossen hatte: Maud Levy (geb. am 22. April 1909 in London). Maud war die Tochter von Dr. med. Oscar Levy (1867-1946), der schon seit 1894 als deutsch-jüdischer Exilant in England lebte. Oscar Levy, a Quixotic Philosopher (Israel Cohen), hatte zwischen 1909 und 1913 eine achtzehnbändige englische Nietzscheausgabe veröffentlicht. Ihm verdankt Albi eine lebenslange Liebe zur Philosophie Nietzsches und Anstöße zum Sammeln seltenster Nietzsche-Autographen, wie etwa Nietzsches sogenanntes ›Testament‹ vom Mai 1889, das heute im Nietzsche-Haus in Sils-Maria ausgestellt ist. Albi war fasziniert von Oscar Levys schriftstellerischen Qualitäten, seinem rasanten Stil und seiner unerbittlichen Klarheit, wie er es selber einmal in einem Vortrag zu Oscar Levy gesagt hat. Beider - Nietzsches wie Levys - Einzelgängertum blieb ihm Vorbild. Albi widerstand zeitlebens, ganz wie der hochverehrte Oscar Levy, allen ideologischen Massenverblendungen des Nationalismus - gleich welcher Observanz, natürlich auch allen theokratischen oder ›politisch korrekten‹ Denkgängeleien. Albi und Maud heirateten erst 1947 - all die Jahre vorher hätte eine Heirat mit einem ›deutschstämmigen‹ Emigranten den staatsbürgerlichen Status von Maud betroffen -, sie hatten vier Kinder, von denen eines starb. Außerordentlich ausgeprägt war von frühauf auch Albi Rosenthals Liebe zur Musik. Er spielte lange Jahre Geige im Oxforder Universitätsorchester, dessen Direktor er schließlich wurde. Diese persönliche Neigung verband sich sehr günstig mit seinen beruflichen Interessen, insofern er bald internationales Ansehen als Kenner in Fragen der Authentizität von Autographen erlangte. Als er 1951 den Auftrag erhielt, die Sammlung des französischen Pianisten Alfred Cortot in Lausanne zu schätzen, machte er die Bekanntschaft von Otto Haas, der ebenfalls als Jude Deutschland hatte verlassen müssen und dessen bedeutendes Londoner Musikantiquariat, das seinerseits aus dem ehemals Berliner Antiquariat Leo Liepmannssohn hervorging, er kurz vor dessen Tod im Jahr 1955 übernahm [vgl. DIE ZEIT vom 24.07.2003]. Damit begründete Albi Rosenthal ein bald europaweit bedeutendes Geschäft für Musikautographen und stellte sich ganz in die Tradition seines Münchner Großvaters Jacques Rosenthal, dessen erster selbstständiger Antiquariatskatalog auch der Musikliteratur gewidmet war. Albi Rosenthal machte sich damit in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts um die Musikwissenschaft in Europa verdient, wie kaum ein anderer. Für Berlin entdeckte er Mendelssohn-Urschriften; in Salzburg leistete er dem Mozarteum großzügige Unterstützung; im Auftrag des British Museum in London schätzte er den Nachlass des englischen Komponisten und Dirigenten Benjamin Britten (1913 - 1976) und erweiterte den Bestand des Museums durch seine Beteiligung an der Stiftung des englischen Komponisten Michael Tippet (1905 - 1998). Als Paul Sacher (1906 - 1999) im Jahr 1973 in Basel seine Stiftung gründete, die heute als ein umfassendes Forschungszentrum für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts gilt, wurde Albi Rosenthal ihr Treuhänder, widmete dem Aufbau der Stiftung die meiste Zeit und trug selbst mit der Sammlung des österreichischen Komponisten Anton von Webern (1883 - 1945) und dem Nachlass Igor Strawinskys (1882 - 1971) wesentlich zur internationalen Bedeutung des dortigen Archivs bei. Zu seinem achtzigsten Geburtstag übergab Albi Rosenthal der Bodleian Library in Oxford, deren Beiratsmitglied er lange gewesen war, seine über viele Jahrzehnte hinweg gesammelten Mozart-Autographen. In vielen Fällen wandelten sich seine beruflichen Beziehungen zu namhaften europäischen wie amerikanischen Musikern und Forschern zu Freundschaften. Heute wird die Firma A. Rosenthal Ltd. in Oxford von Albis Tochter Julia geleitet. Bis zuletzt bewahrte Albi sein tiefes kulturelles Interesse und seine hochherzige Zugewandtheit zu den Menschen, mit denen er im Laufe seines Lebens Umgang gehabt hatte. Noch jedes Jahr machte er sich etwa, zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter Julia, auf den Weg von Oxford nach Sils-Maria im Engadin, zum dortigen Kolloquium der Nietzsche-Stiftung, die ihn und Maud zum Dank für ihre maßgeblichen Leistungen zu Ehrenmitgliedern ernannt hatte. Auch für dieses Jahr hatte er sich die Reise vorgenommen. Wie ein Portal, das viele Menschen und Dinge aufgenommen hatte, war er viel zu groß und offen, um etwas festzuhalten. Gleichwohl erfuhren die, die ihn in den letzten Jahren erlebten, insbesondere die mündige Stille, in der er sich zunehmend bewegte. Wir, die Verfasser, selbst hatten im November vergangenen Jahres die Gelegenheit, ihn im Verlauf zweier Tage in seinem Haus in Boars Hill bei Oxford zu besuchen. Fast glich er einem vollkommenen Relief, an dem er selbst lange geformt hatte. Sein Schauen und Hören gingen lautlos in den Raum und knüpften sich sicher an die Dinge. Er lief mit uns den kurzen Weg nach White Rock, dem Haus, in dem Oscar Levy vor nahezu sechzig Jahren gestorben war. Immer lotete Albi die Zeit mit eigenmächtigen Maßen und schien mit seinem langsamen Gang und seinen Bewegungen in Adagio unendlich weiter zu kommen als andere, ganz wie die Schildkröte des Achilles, die man bei aller Anstrengung nicht einholt. Er hatte sich in seinem langen Leben niemals nur in die Richtung gewandt, in die der Wind eben blies; es schien, dass er deshalb auch jetzt nicht gebeugt ging. Fünf Monate später, am 22. April, trafen wir ihn in Cannes wieder, wo er, zusammen mit seiner Tochter Julia und einigen wenigen geladenen Gästen, den 95. Geburtstag seiner guten Maud beging. An diesem Abend leuchtete er allen mit seinem Lächeln ins Gesicht. Dieses Lächeln unterschied sich kaum von dem, das er als junger Mann getragen hatte, nur war es wie aus vielen früheren Erlebnissen gemacht, die er auf diese eigene Weise feierte und die man als Gast nur ahnen konnte: Cannes ist der Ort, an dem Maud Rosenthal mit Ihrem Vater viele Winter verbracht hatte und dessen besondere Melodie aus Licht und Farbe sie seither mit ihrer Familie immer wieder aufsucht. Albis letzter offizieller Auftritt war am 15. Juli d. J., als er der Eröffnung des Erweiterungsbaus des Nietzsche-Hauses in Sils-Maria beiwohnte, der die Bibliothek und den handschriftlichen Nachlass seines Schwiegervaters Oscar Levy beherbergen wird. Am Dienstag, dem 3. August nachmittags ist Albi Rosenthal, fast neunzigjährig, in seinem Haus gestorben; Maud und ihre Tochter Julia waren bis zuletzt bei ihm. |