Atlantischer Kapitalismus: Eine Welt oder mehrere?
von Ingo Schmidt
Abstract:
Transatlantische
Streitigkeiten über den Irak-Krieg haben vor einigen Jahren die Frage
aufgeworfen, ob die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen den reichen und
mächtigen Staaten beiderseits des Atlantiks ihrem Ende entgegengehen. Politisch
ist davon keine Rede mehr. Dafür stellen die von den USA ausgehende Finanzkrise
sowie ein hierdurch ausgelöster Höhenflug des Euro die wirtschaftlichen
Beziehungen der Nordatlantikmächte absehbar auf eine harte Probe. In diesem
Text werden Entstehung und Entwicklung des Atlantischen Kapitalismus während
der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg nachgezeichnet, um eine Grundlage zur
Einschätzung gegenwärtiger Probleme zu liefern.
Politisch
haben wir es mit einem gemeinschaftlichen Herrschaftsprojekt unter Führung der
USA zu tun. Dessen wirtschaftliche Grundlagen bestehen maßgeblich in dem
Zusammenspiel von amerikanischem Keynesianismus und europäischem
Merkantilismus. Ersterer hat die Weltwirtschaft mit nomineller Nachfrage
versorgt, während letzterer die Inflation unter Kontrolle halten sollte. Diese
wirtschaftspolitische Arbeitsteilung ist auch nach dem Ende der
Nachkriegsprosperität intakt geblieben. Allerdings ist mit den seither rückläufigen
Wachstumsraten die Gefahr wirtschaftlicher und imperialer Überdehnung
verbunden. Wenngleich die Herstellung eines autonomen europäischen
Herrschaftsblocks gegenwärtig nicht auf der politischen Tagesordnung steht,
kann es zu einem unbeabsichtigten Bruch der transatlantischen Achse kommen.
Seit der Einführung des Euro – zurzeit die einzige Währung, die den Dollar als
internationale Leitwährung beerben könnte – ist die Zusammenarbeit der
Zentralbanken in Washington und Frankfurt wichtiger denn je. Allerdings zeigt
die aktuelle Finanzkrise auch, dass es sich unter den Bedingungen eines
schwächelnden Dollar und eines kraftstrotzenden Euro weniger leicht kooperieren
lässt als unter der eindeutigen Dollar-Dominanz der Vergangenheit.
Der Mythos von der Einzigartigkeit der USA
Amerikas
Einzigartigkeit, schon seit langer Zeit ein Kernelement rechter Ideologien in
den USA, ist seit Ende des Kalten Krieges zu einem Allgemeinplatz geworden. Ob
Anhänger des US-Kapitalismus dessen Fähigkeit preisen, neue Produkte und Märkte
zu schaffen oder Amerikas Rolle als unverzichtbarer Supermacht, oder ob
Kritiker darauf bestehen, dass das soziale und politische System der USA
Ungleichheit, Unsicherheit und Kriege produziert – kein anderes Land kann
soviel Aufmerksamkeit beanspruchen wie Amerika. Das allseitig geteilte Gefühl
einer Amerikanisierung der Welt hat eine wichtige politische Implikation:
Autonome Entwicklungen in anderen Teilen der Welt sind nur in dem Umfang
möglich, in welchem der Einfluss der USA und ihrer europäischen Partner
zurückgeht, bzw. diese Partnerschaft an Zusammenhalt verliert.
Mit
Blick auf die ärmeren Regionen der Welt ist dies ganz offensichtlich.
Allerdings hat der Irak-Krieg gezeigt, dass es in Europa auch Strömungen gibt,
die das verbreitete Unbehagen an der Amerikanisierung zur Grundlage eigener
Vormachtansprüche machen. Aus dieser Sicht müssen die angeblich europäischen
Werte multilateraler Verhandlungen zwischen- und sozialstaatlicher Kompromisse
innerhalb der Staaten gegen Amerikas rücksichtslosen Gebrauch von Gewalt sowie
dessen entfesselte Marktwirtschaft verteidigt werden (Derrida/Habermas 2003).
Der herablassende Spott US-amerikanischer Neokonservativer über die
schwächlichen Europäer (Kagan 2002) übersieht, dass es innerhalb der politischen
Klasse Europas eine Strömung gibt, welche die tatsächliche oder auch nur
absichtsvoll behauptete Amerikanisierung der Welt zur Begründung europäischer
Machtentfaltung nutzt. Ihre Strategie zielt darauf, im Namen der Europäisierung
eine Gegenmacht zu den USA aufzubauen. Dabei soll die Betonung eines
einzigartigen Europäischen Sozialmodells, das gegen die Herausforderung des
amerikanischen Kapitalismus verteidigt werden müsse, einen
Europäisierungs-Konsens über soziale Gegensätze hinweg schaffen (Albert 1992;
Hall/Soskice 2001).
Allerdings
ist die Gegenüberstellung eines regulierten europäischen und eines
unregulierten amerikanischen Kapitalismus analytisch irreführend. Man muss die
Existenz eines amerikanischen Sozialstaates auch dann erkennen, wenn man dessen
Leistungen als völlig unzulänglich erachtet. Der Mythos, in Amerika sei der
Idealtypus einer liberalen Marktwirtschaft Wirklichkeit geworden, ist politisch
wirkungsmächtig, weil er von (Neo-)Konservativen, Liberalen und
Sozialdemokraten der Sache nach geteilt und lediglich normativ unterschiedlich
bewertet wird.
Immerhin
hat dieser Mythos geholfen, die europäische Integration im Namen der
Wettbewerbsfähigkeit voranzutreiben, weil der US-Kapitalismus leider keine Wahl
zum Rückbau des Sozialstaates lasse. Andererseits seien kleinere Anpassungen
leicht zu verkraften, weil man von einem sehr hohen Niveau sozialer Sicherung
ausgehe. Freilich wurde der Sozialabbau auf der Ebene der Mitgliedsstaaten zu
keiner Zeit durch den Aufbau sozialer Sicherungen auf EU-Ebene ausgeglichen.
Insofern ist die Vorstellung eines Europäischen Sozialmodells ebenso mythisch
wie jene eines unregulierten US-Kapitalismus.
Wenn
es etwas gibt, das den Namen Europäisierung verdient, ist es die Entstehung
eines Binnenmarktes, dessen Regeln von der EU so festgelegt wurden, dass die
Mitgliedsstaaten zur Senkung ihrer jeweils nationalstaatlichen Standards
gezwungen sind. Aus dieser Perspektive können innereuropäische
Wirtschaftsbeziehungen und EU-Institutionen als Basis eines eigenständigen Machtblocks
angesehen werden. Ganz gleich, wie man die Realisierungschancen für ein
derartiges Unterfangen einschätzt, gibt es Gründe, die Idee einer europäischen
Großmacht zurückzuweisen und allen in diese Richtung gehenden Bestrebungen
entgegenzutreten. Hierdurch würden entweder die subalternen Klassen innerhalb
Europas zu Lasten jener in anderen Teilen der Welt bevorteilt, wodurch eine Art
europäischer Sozialimperialismus entstünde, oder eine neue Runde der weltweiten
Absenkung von Beschäftigungs- und Sozialstandards eingeleitet.
Allerdings
sollten die Möglichkeiten einer europäischen Blockbildung nicht überschätzt
werden. Diese erfolgt nicht automatisch bei Überschreiten bestimmter
ökonomischer Grenzwerte, die den innereuropäischen Wirtschaftsaustausch im
Vergleich zu Waren- und Kapitalverkehr mit Ländern außerhalb Europas messen.
Eine Großmacht Europa entstünde nur, wenn die herrschenden Klassen der
EU-Mitgliedstaaten bereit wären an einem entsprechenden politischen Strang zu
ziehen und ihre Beziehungen zu den USA aufzugeben. Danach sieht es gegenwärtig
nicht aus. Hinter der verbreiteten Ablehnung von George Bush verbirgt sich
vielmehr die weit verbreitete Hoffnung, das andere Amerika werde
nach den Präsidentschaftswahlen im November wieder ins Weiße Haus einziehen.
Eine Hoffnung, die in den USA übrigens ebenso verbreitet ist wie in Europa.
Die transatlantische Arbeitsteilung
Um
die Hoffnung der herrschenden Klassen Europas auf eine Fortsetzung der
transatlantischen Partnerschaft zu verstehen, unbeschadet der Tatsache, dass
sie darin eine den USA untergeordnete Rolle spielen, ist die Geschichte des
Atlantischen Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg in Erinnerung zu rufen.
Während die USA die wirtschaftliche Integration Europas innerhalb eines von ihnen
selbst angeführten Westblockes gegen die Sowjetunion förderten, erkannten die
Europäer, dass ihnen dieser Prozess wenigstens die Rolle des Juniorpartners
sichern würde. Da sie zumindest ansatzweise die Einflussmöglichkeiten einzelner
Staaten in der EU bündeln konnten, behielten sie gegenüber den USA Mitbestimmungsrechte, die Japan, das
ohne entsprechende Partner in Asien auf sich allein gestellt war, nicht
erringen und behaupten konnte.
Amerikanische
Führungsmacht und europäische Integration haben schließlich zu einer,
wenngleich asymmetrischen und fragilen, Machtbalance geführt. Diese beinhaltet
in wirtschaftlichen und politischen Dingen eine transatlantische
Arbeitsteilung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Weltwirtschaft
entscheidend von der keynesianischen Wirtschaftspolitik der USA vorangetrieben.
Dass diese nach einem monetaristischen Intermezzo zu Beginn der 1980er Jahre ad
acta gelegt worden sei, ist Teil des Mythos eines vollständig liberalisierten
US-Kapitalismus. Ohne das Kind beim Namen zu nennen, haben die USA die
Weltwirtschaft auch nach dem Ende der Nachkriegsprosperität mit
Wachstumsimpulsen versorgt. Dem europäischen Merkantilismus fiel in der
wirtschaftlichen Arbeitsteilung mit den USA die Rolle des Inflationsdämpfers
zu, der durch beständige Exportausweitung die Preissetzungsmacht der
Industriekonzerne beiderseits des Atlantiks in Grenzen hielt. Ein latentes
Überangebot auf den Warenmärkten wirkte zudem dämpfend auf die Lohnforderungen
europäischer und mehr noch US-amerikanischer Gewerkschaften. Die Grundlagen
dieser keynesianisch-merkantilistischen Arbeitsteilung sind sicherlich brüchig
geworden, seit aus einem latenten Überangebot dauerhafte Absatzprobleme
geworden sind. Eine Entwicklung, die nicht zuletzt deshalb eingetreten ist, weil
das Modell exportorientierten Wachstums auch von einer Reihe nicht-europäischer
Länder mit Erfolg umgesetzt wurde.
Dass
die wirtschaftlichen Grundlagen der transatlantischen Arbeitsteilung brüchig
geworden sind, bedeutet jedoch noch lange nicht, dass diese Achse vorsätzlich
zerbrochen wird. Gerade unter dem Eindruck neuer Regionalmächte in
Lateinamerika und erst recht in Asien halten die alten Atlantikmächte zusammen.
Dies schließt den Streit über taktische Fragen der Machterhaltung, wie im Falle
des Irak-Krieges, nicht aus, sondern ein. Es gibt ja eine seit Jahrzehnten auch
politisch eingespielte Arbeitsteilung zwischen den transatlantischen Brüdern, in der das
US-Militär oftmals der Wegbereiter der europäischen Diplomatie ist. Dieses
Zusammenspiel von harten Amerikanern und verständnisvollen Europäern half bei
der Eindämmung und Aufweichung der Sowjetunion ebenso wie bei der
Zurückdrängung antikolonialer Bewegungen.
Bislang
konnte sich der Atlantische Kapitalismus weltweit privilegierte Rohstoffzugänge
sichern und die Etablierung rivalisierender Mächte verhindern. Sollten China
und vielleicht sogar Indien und Russland versuchen, dieser Erfolgsgeschichte
ein Ende zu bereiten, dürften sich diese Länder schnell einer transatlantischen
Front zur Verteidigung einmal errungener Privilegien gegenübersehen.
Der
mögliche Erfolg steht auf einem anderen Blatt. Angesichts machtpolitischer und
wirtschaftlicher Überdehnung ist die hegemoniale Stellung des Atlantischen
Kapitalismus keineswegs mehr sicher. Armen Ländern, zu jener Zeit mehrheitlich
noch europäische Kolonien, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur
politische Unabhängigkeit, sondern auch wirtschaftliche Prosperität in Aussicht
gestellt. Mit Ausnahme der bereits genannten Regionalmächte und einiger Prosperitätsenklaven
in Lateinamerika und insbesondere Asien ist hieraus nicht viel geworden.
Neokolonialismus und Ungleichheit charakterisieren die Welt. Während die
hegemoniale Stellung des Atlantischen Kapitalismus einerseits durch eine Reihe
von Regionalmächten herausgefordert wird, verliert er gegenüber den armen
Ländern der Welt an Attraktivität und hat sich in der letzten Jahren zunehmend
auf militärische Herrschaftsabsicherung verlegt. Die damit verbundenen Ausgaben
erfreuen zwar die Rüstungsindustrie, haben aber kaum gesamtwirtschaftliche
Wachstums- oder Beschäftigungseffekte. Daher kommt es zwar immer wieder zu
Konflikten über die angemessene Kostenverteilung, es besteht aber gegenwärtig
auf keiner Seite des Atlantiks das Bedürfnis, eigene Wege zu gehen und die
Kosten der dann entstehenden amerikanischen bzw. europäischen Imperien allein
zu tragen. Wahrscheinlicher als eine Scheidung, die von einem oder
beiden Partnern gewünscht wird, ist, dass sich beide Seiten nicht mehr zusammenraufen können und
unbeabsichtigt auseinanderdriften. Das Fortschreiten der europäischen
Integration hat das atlantische Machtkartell unter US-Führung nahe an ein
Duopol geführt. Und Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaft beschreiben eine
derartige Konstellation als instabil. Um zu verstehen, weshalb der Atlantische
Kapitalismus eher von imperialer Überdehnung und erfolglosen
Koordinierungsbemühungen bedroht ist, als vom Streben, völlig eigenständige
Machtblöcke dies- oder jenseits des Atlantiks zu errichten, ist wie so oft ein
historischer Rückblick angezeigt.
Ursprünge der transatlantischen Arbeitsteilung
Lange
bevor von einem Atlantischen Kapitalismus die Rede sein konnte, entwickelte
sich eine Atlantische Wirtschaft, die ihren Ausgangspunkt in der europäischen
Kolonisierung des amerikanischen Kontinents im 16. Jahrhundert hatte. Die
merkantilistischen Bestrebungen der Europäer, Reichtum durch
Leistungsbilanzüberschüsse aufzuhäufen und dabei die amerikanischen Kolonien in
untergeordneter Stellung zu halten, wurden durch die Unabhängigkeitskämpfe
letzterer in die Schranken gewiesen. Das war genau zu jener Zeit, als sich von
England ausgehend die industrielle Revolution in Europa verbreitete. Die gerade
gewonnene Unabhängigkeit erlaubte es den USA, die in den meisten Teilen der
Welt erfolgende Entwicklung der Unterentwicklung zu vermeiden. Ganz im
Gegenteil entwickelten sie hinter dem Schutz hoher Zollmauern, welche die
technologisch überlegene Konkurrenz aus Europa vom entstehenden amerikanischen
Binnenmarkt ausschloss, ihre eigene industrielle Basis. Allerdings kam es
dadurch keineswegs zu einer Zerstörung der unter kolonialen Vorzeichen
entstandenen Atlantischen Wirtschaft. Vielmehr wurde der Dreieckshandel mit
afrikanischen Sklaven, amerikanischen Rohmaterialien und europäischen
Industrieprodukten durch einen anhaltenden Strom europäischen Kapitals und
europäischer Arbeitskraft nach Amerika ersetzt. Jenseits des Atlantiks winkten
höhere Löhne und Gewinne als sie in Europa erzielt werden konnten.
Unbeschadet
dieser transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen entwickelte sich der
Kapitalismus in Amerika und Europa innerhalb des institutionellen Rahmens von
Nationalstaaten. Damit gingen auf beiden Seiten expansionistische Tendenzen
einher, die allerdings kaum zu Konflikten über die Aufteilung der restlichen
Welt führten. In Lateinamerika verdrängten die USA zwar Spanien und Portugal,
deren Kolonialreiche angesichts des industriell unterfütterten britischen
Imperialismus ohnehin im Niedergang waren. Gleichwohl wurde Lateinamerika von
den europäischen Kolonialmächten als Hinterhof der USA weitgehend anerkannt.
Nicht transatlantische, sondern europäische Rivalitäten führten schließlich zum
Ersten Weltkrieg, in den die USA nach längerem Hin und Her an der Seite
Großbritanniens und Frankreichs gegen die deutsch-österreicherische Allianz
eintraten.
Der
Krieg hatte viele innereuropäische Wirtschaftsbeziehungen zerstört, die
transatlantischen Waren- und Kapitalströme trockneten dagegen erst im Verlauf
der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise aus. Der Zweite Weltkrieg, der nicht
zuletzt durch die sozialen und politischen Folgen dieser Krise ausgelöst wurde,
erschöpfte in Europa nicht nur die Verlierer, sondern auch die Sieger. Erst
jetzt waren die USA stark genug, die unter den Europäern immer noch vorhandenen
Rivalitäten soweit zu unterdrücken, dass sie ein Atlantisches
Herrschaftsprojekt nicht mehr behindern konnten. Dafür war es auch höchste
Zeit, hatte die Sowjetunion doch in unerwartet kurzer Zeit den Weg von
Stalingrad nach Berlin zurückgelegt und damit der These eines unvermeidlichen
Übergangs zum Kommunismus mächtig Auftrieb gegeben.
Angesichts
des aufziehenden Kalten Krieges, dessen Fronten nicht nur durch Europa, sondern
auch durch Asien liefen, ist der Fokus auf den Atlantischen Kapitalismus
erklärungsbedürftig. Immerhin hat Japan mit Blick auf Geschichte und
Wirtschaftsleistung eine ähnliche Rolle in Asien gespielt wie Deutschland in
Europa. Die herrschenden Klassen beider Länder haben nach der Weltmacht
gegriffen und sind damit gescheitert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind beide zu
führenden Exportländern und regionalen Wirtschaftszentren aufgestiegen. So
gesehen sollten entweder beide oder keines von beiden als Bestandteil des
hegemonialen Führungsteams der Weltwirtschaft behandelt werden. Politisch haben
sich Deutschland und Japan in der Nachkriegszeit jedoch in unterschiedliche
Richtungen entwickelt. Während Japan als westlicher Vorposten in Asien isoliert
blieb und nicht einmal mit Südkorea, dem anderen Vorposten der freien Welt,
gemeinsame Sache machte, wurde Deutschland zusammen mit Frankreich und
Großbritannien eine tragende Säule der europäischen Integration. Letztere stand
zwar stets unter dem Primat der Ökonomie – Zollunion und Binnenmarkt waren
stets wichtiger als Europaparlament oder gar ein europaweites Sozialsystem –,
hat aber zur Herausbildung supranationaler Institutionen geführt. Diese
erlaubten immerhin die Bündelung wirtschaftlicher Kräfte und eine gewisse
außenpolitische Abstimmung unter den Mitgliedsländern.
Innerhalb
dieses Integrationsprozesses fanden sich Sieger und Verlierer des Zweiten
Weltkrieges paradoxerweise in einer ähnlichen Position. Auf beiden Seiten hatte
die Kriegsfinanzierung die monetären Systeme stark geschwächt oder ganz
zerstört. Die einen waren gegenüber den USA hoch verschuldet, die anderen
erlebten eine Währungsreform unter US-Aufsicht. Deutschland und Italien
erfuhren mit dem Kriegsende einen vollständigen Machtverlust, während
Großbritannien und Frankreich dem allmählichen Verlust ihrer Kolonien
entgegengingen. Sofern die europäischen Sieger und Verlierer des Krieges
politisch und wirtschaftlich geschwächt waren und mit den damals
kraftstrotzenden USA in keiner Weise konkurrieren konnten, waren beide Seiten
zur europäischen Einigung unter amerikanischer Führung bereit. Dass die
Spaltung Europas der hierfür zu entrichtende Preis war, spielte im Interesse
der Eindämmung der Sowjetunion keine Rolle. Der Atlantische Kapitalismus
entstand aus einem gleichzeitigen Prozess westeuropäischer und transatlantischer
Integration.
Kennzeichen der
transatlantischen Arbeitsteilung
Die Entstehung des Atlantischen Kapitalismus fällt in eine Zeit, die
auch als Amerikanisches Jahrhundert bezeichnet
wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die USA nicht nur zur unangefochtenen
Führungsmacht des Westens, sondern auch zu einem wirtschaftlichen und sozialen
Vorbild für alle anderen industriekapitalistischen Länder geworden. Auf der
Grundlage radikaler Produktinnovationen, beispielsweise in Massenfertigung
hergestellte Autos und Unterhaltungselektronik, keynesianischer
Stabilisierungspolitik und einem sozialen Kompromiss zwischen den wichtigsten
Schichten aus Arbeiterklasse und Unternehmertum, hatte die US-Ökonomie die
Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre überwinden können. Die Rüstungsproduktion
für den Zweiten Weltkrieg, der in Europa und Asien ausgefochten wurde, spielte
dabei eine wichtige Rolle, aber daran mochten die Amerikaner die in Ruinen
lebenden Europäer und Asiaten nicht erinnern. Zudem fanden Waren aus aller
kapitalistischen Herren Länder infolge günstiger Wechselkurse und eines
Prozesses stufenweisen Zollabbaus Zugang zum schnell wachsenden amerikanischen
Binnenmarkt. Dieser wurde zum Motor weltwirtschaftlicher Entwicklung nach einer
von 1914 bis 1945 anhaltenden Periode von Kriegen und Krisen. Wenngleich
die Führungsrolle der USA bei der Stabilisierung des Nachkriegskapitalismus
nicht bestritten werden kann, sind Begriffe wie Amerikanisches
Jahrhundert oder Amerikanisches
Empire irreführend.
Einerseits nehmen sie die Selbstherrlichkeit amerikanischer Eliten zu ernst,
andererseits unterschätzen sie den Beitrag anderer Länder zur
Nachkriegsordnung. Mit Blick auf wirtschaftliche, politische und soziale
Faktoren ist diese Ordnung angemessener als Atlantischer Kapitalismus zu
bezeichnen.
Mit Blick auf die europäische Wirtschaft ist
daran zu erinnern, dass deren Entwicklung in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts zwar durch imperialistische Konkurrenz blockiert worden war, unter
Führung der USA aber schnell eine Rekonstruktionsperiode durchlaufen hat, die
auf den zu Beginn des Jahrhunderts verlassenen Entwicklungspfad zurückführte
(Jánossy 1966). Aus diesem Grund konnte Europa bezüglich Produktivität und
Pro-Kopf-Einkommen unerwartet schnell zu den USA aufschließen. Im Verlaufe
dieses Wachstums- und Aufholprozesses hat sich eine wirtschaftspolitische
Arbeitsteilung herausgebildet, die bis zum Ausbruch der gegenwärtigen
Finanzkrise intakt geblieben ist. Ob sie sich auch in der Zukunft noch einmal
bewähren wird, ist ungewiss. Bislang war es jedenfalls so, dass die Schaffung
von zahlungsfähiger Nachfrage in der Verantwortung eines amerikanischen
Keynesianismus lag, während ein europäischer Merkantilismus, seiner kolonialen
Vergangenheit entkleidet und in den US-geprägten Weltmarkt des
Nachkriegskapitalismus eingepasst, die Preissetzungsmacht von Unternehmen und
die Lohnforderungen von Beschäftigten zu zügeln hatte.
Dabei war die Exportkonkurrenz aus
technologisch fortgeschrittenen Ländern von zentraler Bedeutung. Wären
amerikanische Arbeiter die einzigen gewesen, die Waren auf hohem
Technologieniveau produzierten, hätten sie ungehindert ihren Anteil an den
Monopolprofiten US-amerikanischer Konzerne fordern können. Letztere hätten
diese Forderungen bis an die Grenze der Zahlungsbereitschaft an ihre Kunden
weitergereicht. Niedriglohnkonkurrenz aus technologisch weniger entwickelten
Ländern hätte hieran nichts zu ändern vermocht. Tatsächlich gab es in den USA
eine riesige Niedriglohnökonomie, deren zumeist schwarze Beschäftigte die
Verhandlungsmacht gewerkschaftlich organisierter Arbeiter in den großen
US-Konzernen jedoch nicht unterhöhlen konnte. Europäischen Arbeitern, die
fortgeschrittene Technologien anwandten, weniger als ihre US-amerikanischen
Kollegen verdienten und von politisch festgelegten Wechselkursen profitierten,
gelang dies spielend. Sie arbeiteten, ebenso wie japanische Arbeiter, in
Firmen, die von technologisch begründeten Monopolprofiten angezogen wurden und
durch Imitation ihrer Vorbilder die Aufhebung amerikanischer
Technologiemonopole bewirkten.
Der
Atlantische Kapitalismus ruht jedoch nicht nur auf einer wirtschaftlichen,
sondern auch auf einer politischen Säule. Großbritannien und Frankreich waren
durch den Verlust ihrer Kolonien geschwächt. Die informellen Beziehungen, die
sie auch nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien pflegten, konnten
jedoch als Erbmasse in das transatlantische Herrschaftsprojekt eingebracht
werden. Es ist nicht zu vergessen, dass beide Länder über Atomwaffen verfügen
und sich dadurch ein gewisses Gehör in außenpolitischen Fragen verschaffen
konnten. Während des Kalten Krieges war zudem die deutsche Bundeswehr mit ihren
Panzerverbänden von strategischer Bedeutung, da sie erhebliche militärische und
wirtschaftliche Ressourcen des Ostblocks binden konnte. Im Gegensatz zum
entwickelten Kapitalismus, dessen Stagnationstendenzen bis zu einem gewissen
Grad von hohen Militärausgaben überwunden werden konnten, litt der
osteuropäische Staatssozialismus an einem Mangel produktiver Kapazitäten, der
durch das Wettrüsten noch verstärkt wurde.
Transatlantische
Wirtschaftsbeziehungen und militärische Zusammenarbeit trugen dazu bei, dass
die herrschenden Klassen beiderseits des Nordatlantiks einen Block imperialer
Weltbeherrschung formen konnten. Diese Formierung wurde durch
institutionalisierte Zusammenarbeit – insbesondere OECD und Nato sind hier zu
nennen –, sowie den Aufstieg der Kulturindustrie gefördert. Erstere erlaubte
die strategische Abstimmung nach innen, letztere die Vermarktung westlicher
Zivilisation und Moderne nach außen.
Paradoxerweise
war der Atlantische Kapitalismus trotz intensiven Wirtschaftsaustauschs,
institutionalisierter Zusammenarbeit sowie kulturindustrieller Herstellung und
Vermarktung westlicher Werte kaum sichtbar. Nach zwei Weltkriegen im Namen
nationaler Überlegenheit schien die Zeit des Multilateralismus gekommen. UNO,
IWF und GATT legen Zeugnis dafür ab. Dass diese Institutionen wesentlich von
den USA geprägt und später von den Atlantikmächten genutzt wurden, um ihre
Machtbalance in multilateralem Gewand auszutarieren, war kaum augenscheinlich.
Noch unsichtbarer wurde der Atlantische Kapitalismus, weil internationale
Beziehungen in der Nachkriegszeit ganz im Schatten des Aufstiegs des
Sozialstaates standen. Die Legitimation, die der Staat des Kapitals in zwei
Weltkriegen verloren hatte, konnte durch die Integration von Gewerkschaften und
Sozialdemokratie in einen sozialstaatlich erweiterten Staat auf neuer Grundlage
wieder gewonnen werden. Dass den auf nationalstaatlicher Ebene eingebundenen
Arbeiterbewegungen ein supranationaler Block transatlantischer Herrschaft
gegenüberstand, wurde letzteren zumeist erst nach Ende der
Nachkriegsprosperität und der seit den 1980er Jahren inszenierten Standortkonkurrenz
bewusst.
Dabei
sah es während des Übergangs von der Prosperität zur nachfolgenden
Spekulationswirtschaft mit sinkendem Wachstum der realen Wertschöpfung einen
Moment lang so aus, als würde das Zusammenspiel zwischen US-amerikanischem
Keynesianismus und europäischem Merkantilismus suspendiert. Mit der Freigabe
des Dollarkurses und den daraufhin einsetzenden Abwertungen gab die
US-Regierung der Stärkung ihrer Binnenwirtschaft eindeutig Vorrang vor der
Stimulierung weltwirtschaftlichen Wachstums. Daraufhin versuchten es einige
europäische Regierungen mit keynesianischen Experimenten, die allerdings
untereinander nicht abgestimmt waren. Ob ein koordinierter Euro-Keynesianismus
erfolgreicher gewesen wäre, sei dahingestellt. Aus dem individuellen Scheitern
nationaler Keynesianismen zog die Europäische Sozialdemokratie, die innerhalb
der einzelnen Sozialstaaten lange für eine keynesianische Wirtschaftspolitik
eingetreten war, jedenfalls die Schlussfolgerung, dass eine derartige Politik
unter veränderten weltwirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr möglich sei
(Scharpf 1987). Insbesondere unter dem Druck der deutschen Exportindustrien
konnte der merkantilistische Konsens in Europa wiederhergestellt werden.
Auf
der anderen Seite des Atlantiks kehrte die Wirtschaftspolitik nach einem
monetaristischen Zwischenspiel, dessen Folgen ausreichend gewesen waren, die
sozialen Kräfteverhältnisse von gewerkschaftlich organisierter
Industriearbeiterschaft und industriellem Management zum organisierten
Vermögensbesitz zu verschieben, zu keynesianischer Nachfrageschöpfung zurück.
Gegenüber der Nachkriegsprosperität brachten die 1980er Jahre eben keinen
allgemeinen Übergang zum Monetarismus. Vielmehr wurde die alte Arbeitsteilung
zwischen europäischem Merkantilismus und amerikanischem Keynesianismus auf
veränderter Grundlage fortgesetzt, allerdings mit geringeren Wachstumserfolgenals in der
Vergangenheit. Fürderhin wurde sie nicht von nationalstaatlichen Sozialpakten
getragen, sondern vom Vermögensbesitz, unter dessen Fuchtel soziale und
Beschäftigungsstandards gesenkt und die industrielle Produktion technologisch
und organisatorisch umgebaut wurde.
Die
1970er Jahre hatten nicht nur die wirtschaftspolitische Arbeitsteilung zwischen
Europa und Amerika vorübergehend in Frage gestellt, sondern schienen auch eine
Verschiebung von einer amerikanischen Konfrontationsstrategie gegenüber
Sowjetunion und Befreiungsbewegungen des Südens zu einem europäischen
Verhandlungsweg anzudeuten. Entspannungspolitik und erste Diskussionen über
eine neue Weltwirtschaftsordnung wiesen in diese Richtung. Diese Versuche einer
außenpolitischen Neuorientierung waren ebenso schnell beendet wie die
keynesianischen Experimente der 1970er Jahre. Unter Reagan wurde ein zweiter
Kalter Krieg begonnen und ein Kurs harter Aufstandsbekämpfung im Süden
eingeschlagen. In beiden Fällen nahmen die Europäer ihre gewohnte Rolle als
Juniorpartner der USA wieder ein. Bei dieser Arbeitsteilung ist es seither
geblieben.
Gegenwärtige Probleme
Den
Sieg im Kalten Krieg konnten die Atlantikmächte gemeinsam feiern. In den USA
war zwar im Überschwang des unerwarteten Abtretens der Sowjetunion von der
Weltbühne von einem unilateralen Moment die Rede, der Bündnisse und
Rücksichtnahme auf andere Länder – und seien es die besten Freunde –, künftig
überflüssig mache (Krauthammer 1991). Die Realität sah aber anders aus. Die
Kriege gegen den Irak 1991 und gegen Jugoslawien 1999 wurden mit UN-Mandat und
nach Abstimmung mit den europäischen Partnern geführt.
Als
mögliche Herausforderung des Atlantischen Kapitalismus wurde die Geldwaffe angesehen, die
die EU mit dem Euro zu schmieden begann. Für solche Bedenken gab es in den USA
allen Grund. Diese hatten ihre Führungsrolle nach dem Ende der
Nachkriegsprosperität nicht mehr auf der Grundlage eines vorbildlichen
Produktionsmodells behauptet, sondern zum einen durch die Verfügung über eine
weltweit einsatzfähige Armee und zum anderen über die internationale
Leitwährung. Pentagon und Dollar wurden zu Garanten amerikanischer
Vorherrschaft.
Während
das Pentagon in den 1990er Jahren im Rahmen eingespielter Kooperation mit den
europäischen Verbündeten vorging, was taktische Geplänkel nicht ausschließt,
machten sich die Hüter des Dollar Sorgen, der Euro könne ihr
Leitwährungsmonopol untergraben.
Entsprechende
Vorstellungen mögen für einzelne Strömungen der politischen Klasse in Europa
eine Rolle gespielt haben. Deren Mainstream hatte jedoch weniger die
geldpolitische Eroberung des Weltmarktes im Auge als vielmehr die
institutionelle Absicherung ihres merkantilistischen Wirtschaftsmodells.
Strikte Inflationsbekämpfung und der Zwang zur Haushaltskonsolidierung sollten
die internationale Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern und private
Investitionen anregen. Wie in der Vergangenheit sollte der Weltmarkt weiterhin
durch Exporte, nicht durch eine europäische Weltwährung erobert werden. Um
dieses Ziel zu erreichen, war Europa weiterhin auf die amerikanische
Nachfragemaschine angewiesen. Und die schien in den 1990er Jahren rund zu
laufen wie lange nicht mehr.
Börsen
und Banken in den USA schufen fiktive Vermögenswerte, die ohne viele Nachfragen
als Kreditsicherheiten anerkannt wurden. Dies erlaubte eine stark ansteigende
Schuldenaufnahme des privaten Sektors sowie hieraus finanzierte
Nachfragezuwächse. So sehr drehte sich diese New Economy um Dollar und Wall
Street, dass die Europäer wieder zu glühenden Verehrern des US-Modells wurden.
Dieses
Vertrauenskapital wurde durch das Platzen der New Economy-Spekulationsblase in
Frage gestellt und danach von Bush junior verspielt. Die zum Teil heftigen
Reaktion auf den einseitig vorangetriebenen Krieg gegen den Irak im Jahr 2003
waren nur teilweise durch taktische Differenzen über das angemessene Vorgehen
im Mittleren Osten und ökonomische Partikularinteressen der Europäer ausgelöst.
Zu einem Teil waren sie auch der Enttäuschung geschuldet, nicht wie gewohnt
konsultiert worden zu sein.
Nachdem
die Gemüter sich wieder beruhigt haben, kann die Frage gestellt werden, ob Bush
vorschnell Porzellan zerschlagen hat. Dass er von dem Bestreben getrieben
wurde, das Öl des Mittleren Osten nicht nur unter die politische, sondern auch
unter die wirtschaftliche Kontrolle der USA bzw. von US-Firmen zu bringen, ist
sicherlich richtig, aber für die Europäer kein Grund zur Beschwerde. Diese
hatten vor der Invasion des Irak begonnen, dass Embargo gegen das
Hussein-Regime zu unterlaufen und sich mit dem faktischen Anknüpfen von
Wirtschaftsbeziehungen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Amerikanern zu
erarbeiten. Dass letztere hierüber nicht gerade erfreut waren, sollte niemanden
verwundern. Entscheidender ist jedoch etwas anderes.
Die
Kluft zwischen der neokonservativen Verkündung eines neuen amerikanischen
Jahrhunderts und den seither erzielten Resultaten könnte größer kaum sein. Nach
fünf Jahren Krieg und Besatzung im Irak geht es für die amerikanische
Außenpolitik nicht mehr darum, den Mittleren Osten nach ihrem Willen und zu
ihrem Vorteil zu gestalten, sondern um die Minimierung des Gesichtsverlustes,
der mit dem als unvermeidlich erkannten Rückzug eintreten wird. Dass auf dem
Weg dahin möglicherweise noch weitere Kriege vom Zaun gebrochen werden, ist
kein Zeichen von Stärke. Es ist vielmehr ein Versuch Stärke zu demonstrieren –
für die betroffenen Bevölkerungen allerdings ein tödlicher.
Die
USA verfügen zwar über das weltgrößte Waffenarsenal, haben aber nicht mehr die
Macht, die Welt nach ihrem Bilde zu gestalten. Die Europäer, unbeschadet
eigener Aufrüstungsbemühungen, sind weder in der Lage, sich an die Stelle der
Amerikaner zu setzen, noch diese wirkungsvoll zu unterstützen. Gemessen an den
eigenen Verlautbarungen von demokratischem Aufbau und wirtschaftlichem
Aufschwung, haben sich zwischen Euphrat, Tigris und Hindukusch eben nicht nur
US-amerikanische, sondern auch jede Menge europäischer Armeen blamiert.
Außenpolitisch findet daher keine Machtverschiebung von Washington nach
Brüssel, bzw. Berlin, London und Paris, statt, sondern ein schleichender
Machtverlust des gesamten Atlantischen Kapitalismus.
Der
gleiche Befund gilt für die Wirtschaft. Zwar haben der kurzlebige Rüstungs- und
Immobilienboom in den USA zu einer Wall Street-Krise und erheblichen
Dollar-Abwertungen geführt, in deren Verlauf der Euro – seine Vorgängerwährung
Deutschmark eingerechnet – auf historisch bislang unerreichte Höchstwerte
gestiegen ist. Nüchtern kalkulierende Anleger werden von der Ausweitung ihres
Engagements allerdings keine Traumrenditen erwarten, sondern bemühen sich um
die Begrenzung der Verluste, die ihre Investitionen in den USA gegenwärtig einfahren.
Die Europäer haben sich auch in den letzten Jahren auf die Förderung ihrer
Exporte konzentriert, um deren Absatz sie nun bangen. Darüber hinausgehende
Bestrebungen, eigenständige Akkumulationsquellen zu erschließen, sind nicht
weit gediehen und folgten zudem dem gerade in die Krise geratenen Wall
Street-Modell. Viel versprechend ist das nicht. Zudem gibt es geldpolitische
Abstimmungsprobleme. Zwar haben sich die amerikanische und die europäische
Zentralbank, in Abstimmung mit ihren Kollegen in Tokio und London, seit dem
Ausbruch der gegenwärtigen Finanzkrise bemüht, das internationale Finanzsystem
durch mehrfache kräftige Liquiditätsspritzen am Laufen zu halten. Jenseits
dieser Sofortmaßnahmen gibt es aber beträchtliche Unterschiede zwischen amerikanischer
Niedrigzins- und europäischer Hochzinspolitik. Hierin ist zwar auch eine
Fortsetzung der keynesianischen bzw. merkantilistischen Traditionen auf beiden
Seiten des Atlantiks zu sehen. Andererseits haben Finanzkrisen seit der
Überwindung der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre viele Länder der Welt,
aber niemals die USA erwischt. Dies ist nunmehr der Fall. Unter diesen
Bedingungen ist das europäische Beharren auf hohen Zinsen, die zur
Inflationsbekämpfung notwendig seien, entweder ein uneingestandener Angriff auf
die ohnehin schwache Stellung des Dollar oder Zeugnis einer
Binnenzentriertheit, welche die internationale Rolle des Euro als Leitwährung
im Wartestand samt der damit verbundenen Probleme nicht wahrhaben will. Zur
Finanzkrise kommen also noch politische Abstimmungsschwierigkeiten.
Dass sich angesichts dieses Zustands des
Atlantischen Kapitalismus alle Augen auf die pazifische Prosperität richten,
ist nur zu verständlich. Ob sich dort tatsächlich ein neues, von den
Atlantikmächten unabhängiges Entwicklungsmodell herausbildet und wie diese
Mächte darauf reagieren werden, sind Fragen, um die sich Weltwirtschaft und
-politik auf absehbare Zeit drehen werden. Der Atlantische Kapitalismus mag die
Welt nicht mehr nach seinem Willen beherrschen und gestalten können, dazu,
Ärger zu bereiten, reicht seine Kraft aber noch allemal.
Literatur:
Michel
Albert: Kapitalismus contra Kapitalismus,
Frankfurt/M.-New York 1992
Jacques
Derrida/Jürgen Habermas: „Unsere Erneuerung nach dem Krieg – Die Wiedergeburt
Europas“, in: Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 31.Mai 2003
Peter Hall/David Soskice: Varieties of Capitalism, Oxford University Press 2001
Franz
Jánossy: Das Ende der Wirtschaftswunder,
Frankfurt/M. 1966
Robert Kagan: „Power and Weakness“, in: Policy Review, June 2002
Charles Krauthammer: „The Unipolar Moment“, in: Foreign Affairs, January/February 1991
Fritz
Scharpf: Sozialdemokratische
Krisenpolitik in Europa, Frankfurt/M.-New York 1987 |