Schmidt: Atlantischer Kapitalismus PDF Drucken E-Mail
10.05.2008

Atlantischer Kapitalismus: Eine Welt oder mehrere?


von Ingo Schmidt

Abstract:

Transatlantische Streitigkeiten über den Irak-Krieg haben vor einigen Jahren die Frage aufgeworfen, ob die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen den reichen und mächtigen Staaten beiderseits des Atlantiks ihrem Ende entgegengehen. Politisch ist davon keine Rede mehr. Dafür stellen die von den USA ausgehende Finanzkrise sowie ein hierdurch ausgelöster Höhenflug des Euro die wirtschaftlichen Beziehungen der Nordatlantikmächte absehbar auf eine harte Probe. In diesem Text werden Entstehung und Entwicklung des Atlantischen Kapitalismus während der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg nachgezeichnet, um eine Grundlage zur Einschätzung gegenwärtiger Probleme zu liefern.

Politisch haben wir es mit einem gemeinschaftlichen Herrschaftsprojekt unter Führung der USA zu tun. Dessen wirtschaftliche Grundlagen bestehen maßgeblich in dem Zusammenspiel von amerikanischem Keynesianismus und europäischem Merkantilismus. Ersterer hat die Weltwirtschaft mit nomineller Nachfrage versorgt, während letzterer die Inflation unter Kontrolle halten sollte. Diese wirtschaftspolitische Arbeitsteilung ist auch nach dem Ende der Nachkriegsprosperität intakt geblieben. Allerdings ist mit den seither rückläufigen Wachstumsraten die Gefahr wirtschaftlicher und imperialer Überdehnung verbunden. Wenngleich die Herstellung eines autonomen europäischen Herrschaftsblocks gegenwärtig nicht auf der politischen Tagesordnung steht, kann es zu einem unbeabsichtigten Bruch der transatlantischen Achse kommen. Seit der Einführung des Euro – zurzeit die einzige Währung, die den Dollar als internationale Leitwährung beerben könnte – ist die Zusammenarbeit der Zentralbanken in Washington und Frankfurt wichtiger denn je. Allerdings zeigt die aktuelle Finanzkrise auch, dass es sich unter den Bedingungen eines schwächelnden Dollar und eines kraftstrotzenden Euro weniger leicht kooperieren lässt als unter der eindeutigen Dollar-Dominanz der Vergangenheit.

Der Mythos von der Einzigartigkeit der USA

Amerikas Einzigartigkeit, schon seit langer Zeit ein Kernelement rechter Ideologien in den USA, ist seit Ende des Kalten Krieges zu einem Allgemeinplatz geworden. Ob Anhänger des US-Kapitalismus dessen Fähigkeit preisen, neue Produkte und Märkte zu schaffen oder Amerikas Rolle als unverzichtbarer Supermacht, oder ob Kritiker darauf bestehen, dass das soziale und politische System der USA Ungleichheit, Unsicherheit und Kriege produziert – kein anderes Land kann soviel Aufmerksamkeit beanspruchen wie Amerika. Das allseitig geteilte Gefühl einer Amerikanisierung der Welt hat eine wichtige politische Implikation: Autonome Entwicklungen in anderen Teilen der Welt sind nur in dem Umfang möglich, in welchem der Einfluss der USA und ihrer europäischen Partner zurückgeht, bzw. diese Partnerschaft an Zusammenhalt verliert.

Mit Blick auf die ärmeren Regionen der Welt ist dies ganz offensichtlich. Allerdings hat der Irak-Krieg gezeigt, dass es in Europa auch Strömungen gibt, die das verbreitete Unbehagen an der Amerikanisierung zur Grundlage eigener Vormachtansprüche machen. Aus dieser Sicht müssen die angeblich europäischen Werte multilateraler Verhandlungen zwischen- und sozialstaatlicher Kompromisse innerhalb der Staaten gegen Amerikas rücksichtslosen Gebrauch von Gewalt sowie dessen entfesselte Marktwirtschaft verteidigt werden (Derrida/Habermas 2003). Der herablassende Spott US-amerikanischer Neokonservativer über die schwächlichen Europäer (Kagan 2002) übersieht, dass es innerhalb der politischen Klasse Europas eine Strömung gibt, welche die tatsächliche oder auch nur absichtsvoll behauptete Amerikanisierung der Welt zur Begründung europäischer Machtentfaltung nutzt. Ihre Strategie zielt darauf, im Namen der Europäisierung eine Gegenmacht zu den USA aufzubauen. Dabei soll die Betonung eines einzigartigen Europäischen Sozialmodells, das gegen die Herausforderung des amerikanischen Kapitalismus verteidigt werden müsse, einen Europäisierungs-Konsens über soziale Gegensätze hinweg schaffen (Albert 1992; Hall/Soskice 2001).

Allerdings ist die Gegenüberstellung eines regulierten europäischen und eines unregulierten amerikanischen Kapitalismus analytisch irreführend. Man muss die Existenz eines amerikanischen Sozialstaates auch dann erkennen, wenn man dessen Leistungen als völlig unzulänglich erachtet. Der Mythos, in Amerika sei der Idealtypus einer liberalen Marktwirtschaft Wirklichkeit geworden, ist politisch wirkungsmächtig, weil er von (Neo-)Konservativen, Liberalen und Sozialdemokraten der Sache nach geteilt und lediglich normativ unterschiedlich bewertet wird.

Immerhin hat dieser Mythos geholfen, die europäische Integration im Namen der Wettbewerbsfähigkeit voranzutreiben, weil der US-Kapitalismus leider keine Wahl zum Rückbau des Sozialstaates lasse. Andererseits seien kleinere Anpassungen leicht zu verkraften, weil man von einem sehr hohen Niveau sozialer Sicherung ausgehe. Freilich wurde der Sozialabbau auf der Ebene der Mitgliedsstaaten zu keiner Zeit durch den Aufbau sozialer Sicherungen auf EU-Ebene ausgeglichen. Insofern ist die Vorstellung eines Europäischen Sozialmodells ebenso mythisch wie jene eines unregulierten US-Kapitalismus.

Wenn es etwas gibt, das den Namen Europäisierung verdient, ist es die Entstehung eines Binnenmarktes, dessen Regeln von der EU so festgelegt wurden, dass die Mitgliedsstaaten zur Senkung ihrer jeweils nationalstaatlichen Standards gezwungen sind. Aus dieser Perspektive können innereuropäische Wirtschaftsbeziehungen und EU-Institutionen als Basis eines eigenständigen Machtblocks angesehen werden. Ganz gleich, wie man die Realisierungschancen für ein derartiges Unterfangen einschätzt, gibt es Gründe, die Idee einer europäischen Großmacht zurückzuweisen und allen in diese Richtung gehenden Bestrebungen entgegenzutreten. Hierdurch würden entweder die subalternen Klassen innerhalb Europas zu Lasten jener in anderen Teilen der Welt bevorteilt, wodurch eine Art europäischer Sozialimperialismus entstünde, oder eine neue Runde der weltweiten Absenkung von Beschäftigungs- und Sozialstandards eingeleitet.

Allerdings sollten die Möglichkeiten einer europäischen Blockbildung nicht überschätzt werden. Diese erfolgt nicht automatisch bei Überschreiten bestimmter ökonomischer Grenzwerte, die den innereuropäischen Wirtschaftsaustausch im Vergleich zu Waren- und Kapitalverkehr mit Ländern außerhalb Europas messen. Eine Großmacht Europa entstünde nur, wenn die herrschenden Klassen der EU-Mitgliedstaaten bereit wären an einem entsprechenden politischen Strang zu ziehen und ihre Beziehungen zu den USA aufzugeben. Danach sieht es gegenwärtig nicht aus. Hinter der verbreiteten Ablehnung von George Bush verbirgt sich vielmehr die weit verbreitete Hoffnung, das andere Amerika werde nach den Präsidentschaftswahlen im November wieder ins Weiße Haus einziehen. Eine Hoffnung, die in den USA übrigens ebenso verbreitet ist wie in Europa.

Die transatlantische Arbeitsteilung

Um die Hoffnung der herrschenden Klassen Europas auf eine Fortsetzung der transatlantischen Partnerschaft zu verstehen, unbeschadet der Tatsache, dass sie darin eine den USA untergeordnete Rolle spielen, ist die Geschichte des Atlantischen Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg in Erinnerung zu rufen. Während die USA die wirtschaftliche Integration Europas innerhalb eines von ihnen selbst angeführten Westblockes gegen die Sowjetunion förderten, erkannten die Europäer, dass ihnen dieser Prozess wenigstens die Rolle des Juniorpartners sichern würde. Da sie zumindest ansatzweise die Einflussmöglichkeiten einzelner Staaten in der EU bündeln konnten, behielten sie gegenüber den USA Mitbestimmungsrechte, die Japan, das ohne entsprechende Partner in Asien auf sich allein gestellt war, nicht erringen und behaupten konnte.

Amerikanische Führungsmacht und europäische Integration haben schließlich zu einer, wenngleich asymmetrischen und fragilen, Machtbalance geführt. Diese beinhaltet in wirtschaftlichen und politischen Dingen eine transatlantische Arbeitsteilung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Weltwirtschaft entscheidend von der keynesianischen Wirtschaftspolitik der USA vorangetrieben. Dass diese nach einem monetaristischen Intermezzo zu Beginn der 1980er Jahre ad acta gelegt worden sei, ist Teil des Mythos eines vollständig liberalisierten US-Kapitalismus. Ohne das Kind beim Namen zu nennen, haben die USA die Weltwirtschaft auch nach dem Ende der Nachkriegsprosperität mit Wachstumsimpulsen versorgt. Dem europäischen Merkantilismus fiel in der wirtschaftlichen Arbeitsteilung mit den USA die Rolle des Inflationsdämpfers zu, der durch beständige Exportausweitung die Preissetzungsmacht der Industriekonzerne beiderseits des Atlantiks in Grenzen hielt. Ein latentes Überangebot auf den Warenmärkten wirkte zudem dämpfend auf die Lohnforderungen europäischer und mehr noch US-amerikanischer Gewerkschaften. Die Grundlagen dieser keynesianisch-merkantilistischen Arbeitsteilung sind sicherlich brüchig geworden, seit aus einem latenten Überangebot dauerhafte Absatzprobleme geworden sind. Eine Entwicklung, die nicht zuletzt deshalb eingetreten ist, weil das Modell exportorientierten Wachstums auch von einer Reihe nicht-europäischer Länder mit Erfolg umgesetzt wurde.

Dass die wirtschaftlichen Grundlagen der transatlantischen Arbeitsteilung brüchig geworden sind, bedeutet jedoch noch lange nicht, dass diese Achse vorsätzlich zerbrochen wird. Gerade unter dem Eindruck neuer Regionalmächte in Lateinamerika und erst recht in Asien halten die alten Atlantikmächte zusammen. Dies schließt den Streit über taktische Fragen der Machterhaltung, wie im Falle des Irak-Krieges, nicht aus, sondern ein. Es gibt ja eine seit Jahrzehnten auch politisch eingespielte Arbeitsteilung zwischen den transatlantischen Brüdern, in der das US-Militär oftmals der Wegbereiter der europäischen Diplomatie ist. Dieses Zusammenspiel von harten Amerikanern und verständnisvollen Europäern half bei der Eindämmung und Aufweichung der Sowjetunion ebenso wie bei der Zurückdrängung antikolonialer Bewegungen.

Bislang konnte sich der Atlantische Kapitalismus weltweit privilegierte Rohstoffzugänge sichern und die Etablierung rivalisierender Mächte verhindern. Sollten China und vielleicht sogar Indien und Russland versuchen, dieser Erfolgsgeschichte ein Ende zu bereiten, dürften sich diese Länder schnell einer transatlantischen Front zur Verteidigung einmal errungener Privilegien gegenübersehen.

Der mögliche Erfolg steht auf einem anderen Blatt. Angesichts machtpolitischer und wirtschaftlicher Überdehnung ist die hegemoniale Stellung des Atlantischen Kapitalismus keineswegs mehr sicher. Armen Ländern, zu jener Zeit mehrheitlich noch europäische Kolonien, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur politische Unabhängigkeit, sondern auch wirtschaftliche Prosperität in Aussicht gestellt. Mit Ausnahme der bereits genannten Regionalmächte und einiger Prosperitätsenklaven in Lateinamerika und insbesondere Asien ist hieraus nicht viel geworden. Neokolonialismus und Ungleichheit charakterisieren die Welt. Während die hegemoniale Stellung des Atlantischen Kapitalismus einerseits durch eine Reihe von Regionalmächten herausgefordert wird, verliert er gegenüber den armen Ländern der Welt an Attraktivität und hat sich in der letzten Jahren zunehmend auf militärische Herrschaftsabsicherung verlegt. Die damit verbundenen Ausgaben erfreuen zwar die Rüstungsindustrie, haben aber kaum gesamtwirtschaftliche Wachstums- oder Beschäftigungseffekte. Daher kommt es zwar immer wieder zu Konflikten über die angemessene Kostenverteilung, es besteht aber gegenwärtig auf keiner Seite des Atlantiks das Bedürfnis, eigene Wege zu gehen und die Kosten der dann entstehenden amerikanischen bzw. europäischen Imperien allein zu tragen. Wahrscheinlicher als eine Scheidung, die von einem oder beiden Partnern gewünscht wird, ist, dass sich beide Seiten nicht mehr zusammenraufen können und unbeabsichtigt auseinanderdriften. Das Fortschreiten der europäischen Integration hat das atlantische Machtkartell unter US-Führung nahe an ein Duopol geführt. Und Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaft beschreiben eine derartige Konstellation als instabil. Um zu verstehen, weshalb der Atlantische Kapitalismus eher von imperialer Überdehnung und erfolglosen Koordinierungsbemühungen bedroht ist, als vom Streben, völlig eigenständige Machtblöcke dies- oder jenseits des Atlantiks zu errichten, ist wie so oft ein historischer Rückblick angezeigt.

Ursprünge der transatlantischen Arbeitsteilung

Lange bevor von einem Atlantischen Kapitalismus die Rede sein konnte, entwickelte sich eine Atlantische Wirtschaft, die ihren Ausgangspunkt in der europäischen Kolonisierung des amerikanischen Kontinents im 16. Jahrhundert hatte. Die merkantilistischen Bestrebungen der Europäer, Reichtum durch Leistungsbilanzüberschüsse aufzuhäufen und dabei die amerikanischen Kolonien in untergeordneter Stellung zu halten, wurden durch die Unabhängigkeitskämpfe letzterer in die Schranken gewiesen. Das war genau zu jener Zeit, als sich von England ausgehend die industrielle Revolution in Europa verbreitete. Die gerade gewonnene Unabhängigkeit erlaubte es den USA, die in den meisten Teilen der Welt erfolgende Entwicklung der Unterentwicklung zu vermeiden. Ganz im Gegenteil entwickelten sie hinter dem Schutz hoher Zollmauern, welche die technologisch überlegene Konkurrenz aus Europa vom entstehenden amerikanischen Binnenmarkt ausschloss, ihre eigene industrielle Basis. Allerdings kam es dadurch keineswegs zu einer Zerstörung der unter kolonialen Vorzeichen entstandenen Atlantischen Wirtschaft. Vielmehr wurde der Dreieckshandel mit afrikanischen Sklaven, amerikanischen Rohmaterialien und europäischen Industrieprodukten durch einen anhaltenden Strom europäischen Kapitals und europäischer Arbeitskraft nach Amerika ersetzt. Jenseits des Atlantiks winkten höhere Löhne und Gewinne als sie in Europa erzielt werden konnten.

Unbeschadet dieser transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen entwickelte sich der Kapitalismus in Amerika und Europa innerhalb des institutionellen Rahmens von Nationalstaaten. Damit gingen auf beiden Seiten expansionistische Tendenzen einher, die allerdings kaum zu Konflikten über die Aufteilung der restlichen Welt führten. In Lateinamerika verdrängten die USA zwar Spanien und Portugal, deren Kolonialreiche angesichts des industriell unterfütterten britischen Imperialismus ohnehin im Niedergang waren. Gleichwohl wurde Lateinamerika von den europäischen Kolonialmächten als Hinterhof der USA weitgehend anerkannt. Nicht transatlantische, sondern europäische Rivalitäten führten schließlich zum Ersten Weltkrieg, in den die USA nach längerem Hin und Her an der Seite Großbritanniens und Frankreichs gegen die deutsch-österreicherische Allianz eintraten.

Der Krieg hatte viele innereuropäische Wirtschaftsbeziehungen zerstört, die transatlantischen Waren- und Kapitalströme trockneten dagegen erst im Verlauf der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise aus. Der Zweite Weltkrieg, der nicht zuletzt durch die sozialen und politischen Folgen dieser Krise ausgelöst wurde, erschöpfte in Europa nicht nur die Verlierer, sondern auch die Sieger. Erst jetzt waren die USA stark genug, die unter den Europäern immer noch vorhandenen Rivalitäten soweit zu unterdrücken, dass sie ein Atlantisches Herrschaftsprojekt nicht mehr behindern konnten. Dafür war es auch höchste Zeit, hatte die Sowjetunion doch in unerwartet kurzer Zeit den Weg von Stalingrad nach Berlin zurückgelegt und damit der These eines unvermeidlichen Übergangs zum Kommunismus mächtig Auftrieb gegeben.

Angesichts des aufziehenden Kalten Krieges, dessen Fronten nicht nur durch Europa, sondern auch durch Asien liefen, ist der Fokus auf den Atlantischen Kapitalismus erklärungsbedürftig. Immerhin hat Japan mit Blick auf Geschichte und Wirtschaftsleistung eine ähnliche Rolle in Asien gespielt wie Deutschland in Europa. Die herrschenden Klassen beider Länder haben nach der Weltmacht gegriffen und sind damit gescheitert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind beide zu führenden Exportländern und regionalen Wirtschaftszentren aufgestiegen. So gesehen sollten entweder beide oder keines von beiden als Bestandteil des hegemonialen Führungsteams der Weltwirtschaft behandelt werden. Politisch haben sich Deutschland und Japan in der Nachkriegszeit jedoch in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Während Japan als westlicher Vorposten in Asien isoliert blieb und nicht einmal mit Südkorea, dem anderen Vorposten der freien Welt, gemeinsame Sache machte, wurde Deutschland zusammen mit Frankreich und Großbritannien eine tragende Säule der europäischen Integration. Letztere stand zwar stets unter dem Primat der Ökonomie – Zollunion und Binnenmarkt waren stets wichtiger als Europaparlament oder gar ein europaweites Sozialsystem –, hat aber zur Herausbildung supranationaler Institutionen geführt. Diese erlaubten immerhin die Bündelung wirtschaftlicher Kräfte und eine gewisse außenpolitische Abstimmung unter den Mitgliedsländern.

Innerhalb dieses Integrationsprozesses fanden sich Sieger und Verlierer des Zweiten Weltkrieges paradoxerweise in einer ähnlichen Position. Auf beiden Seiten hatte die Kriegsfinanzierung die monetären Systeme stark geschwächt oder ganz zerstört. Die einen waren gegenüber den USA hoch verschuldet, die anderen erlebten eine Währungsreform unter US-Aufsicht. Deutschland und Italien erfuhren mit dem Kriegsende einen vollständigen Machtverlust, während Großbritannien und Frankreich dem allmählichen Verlust ihrer Kolonien entgegengingen. Sofern die europäischen Sieger und Verlierer des Krieges politisch und wirtschaftlich geschwächt waren und mit den damals kraftstrotzenden USA in keiner Weise konkurrieren konnten, waren beide Seiten zur europäischen Einigung unter amerikanischer Führung bereit. Dass die Spaltung Europas der hierfür zu entrichtende Preis war, spielte im Interesse der Eindämmung der Sowjetunion keine Rolle. Der Atlantische Kapitalismus entstand aus einem gleichzeitigen Prozess westeuropäischer und transatlantischer Integration.

Kennzeichen der transatlantischen Arbeitsteilung

Die Entstehung des Atlantischen Kapitalismus fällt in eine Zeit, die auch als Amerikanisches Jahrhundert bezeichnet wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die USA nicht nur zur unangefochtenen Führungsmacht des Westens, sondern auch zu einem wirtschaftlichen und sozialen Vorbild für alle anderen industriekapitalistischen Länder geworden. Auf der Grundlage radikaler Produktinnovationen, beispielsweise in Massenfertigung hergestellte Autos und Unterhaltungselektronik, keynesianischer Stabilisierungspolitik und einem sozialen Kompromiss zwischen den wichtigsten Schichten aus Arbeiterklasse und Unternehmertum, hatte die US-Ökonomie die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre überwinden können. Die Rüstungsproduktion für den Zweiten Weltkrieg, der in Europa und Asien ausgefochten wurde, spielte dabei eine wichtige Rolle, aber daran mochten die Amerikaner die in Ruinen lebenden Europäer und Asiaten nicht erinnern. Zudem fanden Waren aus aller kapitalistischen Herren Länder infolge günstiger Wechselkurse und eines Prozesses stufenweisen Zollabbaus Zugang zum schnell wachsenden amerikanischen Binnenmarkt. Dieser wurde zum Motor weltwirtschaftlicher Entwicklung nach einer von 1914 bis 1945 anhaltenden Periode von Kriegen und Krisen.

Wenngleich die Führungsrolle der USA bei der Stabilisierung des Nachkriegskapitalismus nicht bestritten werden kann, sind Begriffe wie Amerikanisches Jahrhundert oder Amerikanisches Empire irreführend. Einerseits nehmen sie die Selbstherrlichkeit amerikanischer Eliten zu ernst, andererseits unterschätzen sie den Beitrag anderer Länder zur Nachkriegsordnung. Mit Blick auf wirtschaftliche, politische und soziale Faktoren ist diese Ordnung angemessener als Atlantischer Kapitalismus zu bezeichnen.

Mit Blick auf die europäische Wirtschaft ist daran zu erinnern, dass deren Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar durch imperialistische Konkurrenz blockiert worden war, unter Führung der USA aber schnell eine Rekonstruktionsperiode durchlaufen hat, die auf den zu Beginn des Jahrhunderts verlassenen Entwicklungspfad zurückführte (Jánossy 1966). Aus diesem Grund konnte Europa bezüglich Produktivität und Pro-Kopf-Einkommen unerwartet schnell zu den USA aufschließen. Im Verlaufe dieses Wachstums- und Aufholprozesses hat sich eine wirtschaftspolitische Arbeitsteilung herausgebildet, die bis zum Ausbruch der gegenwärtigen Finanzkrise intakt geblieben ist. Ob sie sich auch in der Zukunft noch einmal bewähren wird, ist ungewiss. Bislang war es jedenfalls so, dass die Schaffung von zahlungsfähiger Nachfrage in der Verantwortung eines amerikanischen Keynesianismus lag, während ein europäischer Merkantilismus, seiner kolonialen Vergangenheit entkleidet und in den US-geprägten Weltmarkt des Nachkriegskapitalismus eingepasst, die Preissetzungsmacht von Unternehmen und die Lohnforderungen von Beschäftigten zu zügeln hatte.

Dabei war die Exportkonkurrenz aus technologisch fortgeschrittenen Ländern von zentraler Bedeutung. Wären amerikanische Arbeiter die einzigen gewesen, die Waren auf hohem Technologieniveau produzierten, hätten sie ungehindert ihren Anteil an den Monopolprofiten US-amerikanischer Konzerne fordern können. Letztere hätten diese Forderungen bis an die Grenze der Zahlungsbereitschaft an ihre Kunden weitergereicht. Niedriglohnkonkurrenz aus technologisch weniger entwickelten Ländern hätte hieran nichts zu ändern vermocht. Tatsächlich gab es in den USA eine riesige Niedriglohnökonomie, deren zumeist schwarze Beschäftigte die Verhandlungsmacht gewerkschaftlich organisierter Arbeiter in den großen US-Konzernen jedoch nicht unterhöhlen konnte. Europäischen Arbeitern, die fortgeschrittene Technologien anwandten, weniger als ihre US-amerikanischen Kollegen verdienten und von politisch festgelegten Wechselkursen profitierten, gelang dies spielend. Sie arbeiteten, ebenso wie japanische Arbeiter, in Firmen, die von technologisch begründeten Monopolprofiten angezogen wurden und durch Imitation ihrer Vorbilder die Aufhebung amerikanischer Technologiemonopole bewirkten.

Der Atlantische Kapitalismus ruht jedoch nicht nur auf einer wirtschaftlichen, sondern auch auf einer politischen Säule. Großbritannien und Frankreich waren durch den Verlust ihrer Kolonien geschwächt. Die informellen Beziehungen, die sie auch nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien pflegten, konnten jedoch als Erbmasse in das transatlantische Herrschaftsprojekt eingebracht werden. Es ist nicht zu vergessen, dass beide Länder über Atomwaffen verfügen und sich dadurch ein gewisses Gehör in außenpolitischen Fragen verschaffen konnten. Während des Kalten Krieges war zudem die deutsche Bundeswehr mit ihren Panzerverbänden von strategischer Bedeutung, da sie erhebliche militärische und wirtschaftliche Ressourcen des Ostblocks binden konnte. Im Gegensatz zum entwickelten Kapitalismus, dessen Stagnationstendenzen bis zu einem gewissen Grad von hohen Militärausgaben überwunden werden konnten, litt der osteuropäische Staatssozialismus an einem Mangel produktiver Kapazitäten, der durch das Wettrüsten noch verstärkt wurde.

Transatlantische Wirtschaftsbeziehungen und militärische Zusammenarbeit trugen dazu bei, dass die herrschenden Klassen beiderseits des Nordatlantiks einen Block imperialer Weltbeherrschung formen konnten. Diese Formierung wurde durch institutionalisierte Zusammenarbeit – insbesondere OECD und Nato sind hier zu nennen –, sowie den Aufstieg der Kulturindustrie gefördert. Erstere erlaubte die strategische Abstimmung nach innen, letztere die Vermarktung westlicher Zivilisation und Moderne nach außen.

Paradoxerweise war der Atlantische Kapitalismus trotz intensiven Wirtschaftsaustauschs, institutionalisierter Zusammenarbeit sowie kulturindustrieller Herstellung und Vermarktung westlicher Werte kaum sichtbar. Nach zwei Weltkriegen im Namen nationaler Überlegenheit schien die Zeit des Multilateralismus gekommen. UNO, IWF und GATT legen Zeugnis dafür ab. Dass diese Institutionen wesentlich von den USA geprägt und später von den Atlantikmächten genutzt wurden, um ihre Machtbalance in multilateralem Gewand auszutarieren, war kaum augenscheinlich. Noch unsichtbarer wurde der Atlantische Kapitalismus, weil internationale Beziehungen in der Nachkriegszeit ganz im Schatten des Aufstiegs des Sozialstaates standen. Die Legitimation, die der Staat des Kapitals in zwei Weltkriegen verloren hatte, konnte durch die Integration von Gewerkschaften und Sozialdemokratie in einen sozialstaatlich erweiterten Staat auf neuer Grundlage wieder gewonnen werden. Dass den auf nationalstaatlicher Ebene eingebundenen Arbeiterbewegungen ein supranationaler Block transatlantischer Herrschaft gegenüberstand, wurde letzteren zumeist erst nach Ende der Nachkriegsprosperität und der seit den 1980er Jahren inszenierten Standortkonkurrenz bewusst.

Dabei sah es während des Übergangs von der Prosperität zur nachfolgenden Spekulationswirtschaft mit sinkendem Wachstum der realen Wertschöpfung einen Moment lang so aus, als würde das Zusammenspiel zwischen US-amerikanischem Keynesianismus und europäischem Merkantilismus suspendiert. Mit der Freigabe des Dollarkurses und den daraufhin einsetzenden Abwertungen gab die US-Regierung der Stärkung ihrer Binnenwirtschaft eindeutig Vorrang vor der Stimulierung weltwirtschaftlichen Wachstums. Daraufhin versuchten es einige europäische Regierungen mit keynesianischen Experimenten, die allerdings untereinander nicht abgestimmt waren. Ob ein koordinierter Euro-Keynesianismus erfolgreicher gewesen wäre, sei dahingestellt. Aus dem individuellen Scheitern nationaler Keynesianismen zog die Europäische Sozialdemokratie, die innerhalb der einzelnen Sozialstaaten lange für eine keynesianische Wirtschaftspolitik eingetreten war, jedenfalls die Schlussfolgerung, dass eine derartige Politik unter veränderten weltwirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr möglich sei (Scharpf 1987). Insbesondere unter dem Druck der deutschen Exportindustrien konnte der merkantilistische Konsens in Europa wiederhergestellt werden.

Auf der anderen Seite des Atlantiks kehrte die Wirtschaftspolitik nach einem monetaristischen Zwischenspiel, dessen Folgen ausreichend gewesen waren, die sozialen Kräfteverhältnisse von gewerkschaftlich organisierter Industriearbeiterschaft und industriellem Management zum organisierten Vermögensbesitz zu verschieben, zu keynesianischer Nachfrageschöpfung zurück. Gegenüber der Nachkriegsprosperität brachten die 1980er Jahre eben keinen allgemeinen Übergang zum Monetarismus. Vielmehr wurde die alte Arbeitsteilung zwischen europäischem Merkantilismus und amerikanischem Keynesianismus auf veränderter Grundlage fortgesetzt, allerdings mit geringeren Wachstumserfolgenals in der Vergangenheit. Fürderhin wurde sie nicht von nationalstaatlichen Sozialpakten getragen, sondern vom Vermögensbesitz, unter dessen Fuchtel soziale und Beschäftigungsstandards gesenkt und die industrielle Produktion technologisch und organisatorisch umgebaut wurde.

Die 1970er Jahre hatten nicht nur die wirtschaftspolitische Arbeitsteilung zwischen Europa und Amerika vorübergehend in Frage gestellt, sondern schienen auch eine Verschiebung von einer amerikanischen Konfrontationsstrategie gegenüber Sowjetunion und Befreiungsbewegungen des Südens zu einem europäischen Verhandlungsweg anzudeuten. Entspannungspolitik und erste Diskussionen über eine neue Weltwirtschaftsordnung wiesen in diese Richtung. Diese Versuche einer außenpolitischen Neuorientierung waren ebenso schnell beendet wie die keynesianischen Experimente der 1970er Jahre. Unter Reagan wurde ein zweiter Kalter Krieg begonnen und ein Kurs harter Aufstandsbekämpfung im Süden eingeschlagen. In beiden Fällen nahmen die Europäer ihre gewohnte Rolle als Juniorpartner der USA wieder ein. Bei dieser Arbeitsteilung ist es seither geblieben.

Gegenwärtige Probleme

Den Sieg im Kalten Krieg konnten die Atlantikmächte gemeinsam feiern. In den USA war zwar im Überschwang des unerwarteten Abtretens der Sowjetunion von der Weltbühne von einem unilateralen Moment die Rede, der Bündnisse und Rücksichtnahme auf andere Länder – und seien es die besten Freunde –, künftig überflüssig mache (Krauthammer 1991). Die Realität sah aber anders aus. Die Kriege gegen den Irak 1991 und gegen Jugoslawien 1999 wurden mit UN-Mandat und nach Abstimmung mit den europäischen Partnern geführt.

Als mögliche Herausforderung des Atlantischen Kapitalismus wurde die Geldwaffe angesehen, die die EU mit dem Euro zu schmieden begann. Für solche Bedenken gab es in den USA allen Grund. Diese hatten ihre Führungsrolle nach dem Ende der Nachkriegsprosperität nicht mehr auf der Grundlage eines vorbildlichen Produktionsmodells behauptet, sondern zum einen durch die Verfügung über eine weltweit einsatzfähige Armee und zum anderen über die internationale Leitwährung. Pentagon und Dollar wurden zu Garanten amerikanischer Vorherrschaft.

Während das Pentagon in den 1990er Jahren im Rahmen eingespielter Kooperation mit den europäischen Verbündeten vorging, was taktische Geplänkel nicht ausschließt, machten sich die Hüter des Dollar Sorgen, der Euro könne ihr Leitwährungsmonopol untergraben.

Entsprechende Vorstellungen mögen für einzelne Strömungen der politischen Klasse in Europa eine Rolle gespielt haben. Deren Mainstream hatte jedoch weniger die geldpolitische Eroberung des Weltmarktes im Auge als vielmehr die institutionelle Absicherung ihres merkantilistischen Wirtschaftsmodells. Strikte Inflationsbekämpfung und der Zwang zur Haushaltskonsolidierung sollten die internationale Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern und private Investitionen anregen. Wie in der Vergangenheit sollte der Weltmarkt weiterhin durch Exporte, nicht durch eine europäische Weltwährung erobert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, war Europa weiterhin auf die amerikanische Nachfragemaschine angewiesen. Und die schien in den 1990er Jahren rund zu laufen wie lange nicht mehr.

Börsen und Banken in den USA schufen fiktive Vermögenswerte, die ohne viele Nachfragen als Kreditsicherheiten anerkannt wurden. Dies erlaubte eine stark ansteigende Schuldenaufnahme des privaten Sektors sowie hieraus finanzierte Nachfragezuwächse. So sehr drehte sich diese New Economy um Dollar und Wall Street, dass die Europäer wieder zu glühenden Verehrern des US-Modells wurden.

Dieses Vertrauenskapital wurde durch das Platzen der New Economy-Spekulationsblase in Frage gestellt und danach von Bush junior verspielt. Die zum Teil heftigen Reaktion auf den einseitig vorangetriebenen Krieg gegen den Irak im Jahr 2003 waren nur teilweise durch taktische Differenzen über das angemessene Vorgehen im Mittleren Osten und ökonomische Partikularinteressen der Europäer ausgelöst. Zu einem Teil waren sie auch der Enttäuschung geschuldet, nicht wie gewohnt konsultiert worden zu sein.

Nachdem die Gemüter sich wieder beruhigt haben, kann die Frage gestellt werden, ob Bush vorschnell Porzellan zerschlagen hat. Dass er von dem Bestreben getrieben wurde, das Öl des Mittleren Osten nicht nur unter die politische, sondern auch unter die wirtschaftliche Kontrolle der USA bzw. von US-Firmen zu bringen, ist sicherlich richtig, aber für die Europäer kein Grund zur Beschwerde. Diese hatten vor der Invasion des Irak begonnen, dass Embargo gegen das Hussein-Regime zu unterlaufen und sich mit dem faktischen Anknüpfen von Wirtschaftsbeziehungen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Amerikanern zu erarbeiten. Dass letztere hierüber nicht gerade erfreut waren, sollte niemanden verwundern. Entscheidender ist jedoch etwas anderes.

Die Kluft zwischen der neokonservativen Verkündung eines neuen amerikanischen Jahrhunderts und den seither erzielten Resultaten könnte größer kaum sein. Nach fünf Jahren Krieg und Besatzung im Irak geht es für die amerikanische Außenpolitik nicht mehr darum, den Mittleren Osten nach ihrem Willen und zu ihrem Vorteil zu gestalten, sondern um die Minimierung des Gesichtsverlustes, der mit dem als unvermeidlich erkannten Rückzug eintreten wird. Dass auf dem Weg dahin möglicherweise noch weitere Kriege vom Zaun gebrochen werden, ist kein Zeichen von Stärke. Es ist vielmehr ein Versuch Stärke zu demonstrieren – für die betroffenen Bevölkerungen allerdings ein tödlicher.

Die USA verfügen zwar über das weltgrößte Waffenarsenal, haben aber nicht mehr die Macht, die Welt nach ihrem Bilde zu gestalten. Die Europäer, unbeschadet eigener Aufrüstungsbemühungen, sind weder in der Lage, sich an die Stelle der Amerikaner zu setzen, noch diese wirkungsvoll zu unterstützen. Gemessen an den eigenen Verlautbarungen von demokratischem Aufbau und wirtschaftlichem Aufschwung, haben sich zwischen Euphrat, Tigris und Hindukusch eben nicht nur US-amerikanische, sondern auch jede Menge europäischer Armeen blamiert. Außenpolitisch findet daher keine Machtverschiebung von Washington nach Brüssel, bzw. Berlin, London und Paris, statt, sondern ein schleichender Machtverlust des gesamten Atlantischen Kapitalismus.

Der gleiche Befund gilt für die Wirtschaft. Zwar haben der kurzlebige Rüstungs- und Immobilienboom in den USA zu einer Wall Street-Krise und erheblichen Dollar-Abwertungen geführt, in deren Verlauf der Euro – seine Vorgängerwährung Deutschmark eingerechnet – auf historisch bislang unerreichte Höchstwerte gestiegen ist. Nüchtern kalkulierende Anleger werden von der Ausweitung ihres Engagements allerdings keine Traumrenditen erwarten, sondern bemühen sich um die Begrenzung der Verluste, die ihre Investitionen in den USA gegenwärtig einfahren. Die Europäer haben sich auch in den letzten Jahren auf die Förderung ihrer Exporte konzentriert, um deren Absatz sie nun bangen. Darüber hinausgehende Bestrebungen, eigenständige Akkumulationsquellen zu erschließen, sind nicht weit gediehen und folgten zudem dem gerade in die Krise geratenen Wall Street-Modell. Viel versprechend ist das nicht. Zudem gibt es geldpolitische Abstimmungsprobleme. Zwar haben sich die amerikanische und die europäische Zentralbank, in Abstimmung mit ihren Kollegen in Tokio und London, seit dem Ausbruch der gegenwärtigen Finanzkrise bemüht, das internationale Finanzsystem durch mehrfache kräftige Liquiditätsspritzen am Laufen zu halten. Jenseits dieser Sofortmaßnahmen gibt es aber beträchtliche Unterschiede zwischen amerikanischer Niedrigzins- und europäischer Hochzinspolitik. Hierin ist zwar auch eine Fortsetzung der keynesianischen bzw. merkantilistischen Traditionen auf beiden Seiten des Atlantiks zu sehen. Andererseits haben Finanzkrisen seit der Überwindung der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre viele Länder der Welt, aber niemals die USA erwischt. Dies ist nunmehr der Fall. Unter diesen Bedingungen ist das europäische Beharren auf hohen Zinsen, die zur Inflationsbekämpfung notwendig seien, entweder ein uneingestandener Angriff auf die ohnehin schwache Stellung des Dollar oder Zeugnis einer Binnenzentriertheit, welche die internationale Rolle des Euro als Leitwährung im Wartestand samt der damit verbundenen Probleme nicht wahrhaben will. Zur Finanzkrise kommen also noch politische Abstimmungsschwierigkeiten.

Dass sich angesichts dieses Zustands des Atlantischen Kapitalismus alle Augen auf die pazifische Prosperität richten, ist nur zu verständlich. Ob sich dort tatsächlich ein neues, von den Atlantikmächten unabhängiges Entwicklungsmodell herausbildet und wie diese Mächte darauf reagieren werden, sind Fragen, um die sich Weltwirtschaft und -politik auf absehbare Zeit drehen werden. Der Atlantische Kapitalismus mag die Welt nicht mehr nach seinem Willen beherrschen und gestalten können, dazu, Ärger zu bereiten, reicht seine Kraft aber noch allemal.

Literatur:

Michel Albert: Kapitalismus contra Kapitalismus, Frankfurt/M.-New York 1992

Jacques Derrida/Jürgen Habermas: „Unsere Erneuerung nach dem Krieg – Die Wiedergeburt Europas“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.Mai 2003

Peter Hall/David Soskice: Varieties of Capitalism, Oxford University Press 2001

Franz Jánossy: Das Ende der Wirtschaftswunder, Frankfurt/M. 1966

Robert Kagan: „Power and Weakness“, in: Policy Review, June 2002

Charles Krauthammer: „The Unipolar Moment“, in: Foreign Affairs, January/February 1991

Fritz Scharpf: Sozialdemokratische Krisenpolitik in Europa, Frankfurt/M.-New York 1987

 

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