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Heisch: Sprachglossen (21) |
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04.04.2008 |
Hoffart und Wollust
von Peter Heisch
»Fische fängt man mit der Angel, Leute mit Worten«, lautet eine alte chinesische Weisheit. Doch manchmal sträubt sich, um im Bild zu bleiben, der Geköderte beim Anblick eines mit Widerhaken versehenen Wortes entschieden dagegen, leichtfertig nach dem Brocken zu schnappen, und zieht es stattdessen vor, zunächst einmal leer zu schlucken. So ging es mir wenigstens, als ich in einem Artikel zu lesen bekam: »Botta hatte eine fulgurante Karriere als Architekt zu verzeichnen...« Ich stutzte und wollte bereits den Rotstift ansetzen, um ›fulgurant‹ durch ›fulminant‹ auszutauschen. Das wäre an sich nicht so daneben gewesen, da der Gerühmte auf eine glänzende Laufbahn zurückblicken kann, doch nicht exakt dem Sinn des Adjektivs ›fulgurant‹ entsprechend. Blitzartig kam mir die Erleuchtung, als mir die Schaffhauser Schillerglocke einfiel, auf der es schließlich heißt: »Fulgura frango« (»Die Blitze breche ich.«). Seither habe ich meine Zweifel, ob es mit dem in Sportberichten häufig erwähnten ›fulminanten Start‹ (pleonastisch gar zum ›fulminanten Blitzstart‹ aufgewertet) manches Athleten seine Richtigkeit hat und man nicht eher von einem fulguranten Start mit allenfalls fulminantem Ergebnis sprechen müsse.
In einem Prospekt stieß ich auf die etwas merkwürdige Formulierung, das angebotene Flaschenlagerregal ließe sich händisch leicht selber ausführen und erfuhr zu meiner nicht geringen Verwunderung, dass mit ›händisch‹ ehemals das gemeint war, was wir neuerdings unter dem Allerweltswort ›manuell‹ verstehen. Eine Ungereimtheit ist ferner die für praktisches Handhaben verwendete Bezeichnung ›hantieren‹, die sich mit ›t‹ schreibt, obwohl doch nicht von der Hand zu weisen ist, dass damit eine händische Verrichtung gemeint ist. Es muss im Laufe der Zeit eimal aus dem Niederländischen eingesickert sein, wo man unter ›hanteeren‹ soviel wie ›Handel treiben‹ versteht, also eine Transaktion im modernen Sinne.
Aber welchen Wollanteil hat wohl die Wollust, welche von vielen instinktiv mit einem Dehnungs-h geschrieben wird, und müsste man sie, falls dahinter etwas anderes zu verstehen wäre als Sinnenfreude, nach neuen Regeln nicht mit ›lll‹ schreiben? Denn bei Wollust denke ich eher an warme Socken als an kuschelige Betttücher. Noch in Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache empfindet der Mensch »Schmerz und Wohllust« und bekundet mit Tönen und Seufzern Lautäußerungen, aus denen der Autor die Entstehung der Sprache herleitete. Wie verklemmt muss eine Epoche gewesen sein, die ihren Zeitgenossen nur eine kurzatmige Wollust zugestand, so kurz abgebunden wie die damals übliche Hoffart, hinter der man den hochfahrenden Choleriker vermuten konnte, wenn man nicht ahnte, dass sie nur die gezierte Hof-Art, den Dünkel und die Überheblichkeit des Adels kaschierte. Für heute aufgeklärte Verhältnisse wäre die aktualisierte Schreibweise Hofffahrt angemessen, die damit zugleich die Hoffnung vieler Verkehrsteilnehmer auf freie Fahrt zum Ausdruck brächte.
Kürzlich schrieb ein Korrespondent, weite Kreise der Bevölkerung sänken unter die Armmutsgrenze. Alle Achtung! Der Mann muss sich etwas dabei gedacht haben, da es zum Armsein unbestreitbar großen Mutes bedarf, und es ist ein Arm(m)utszeugnis der Rechtschreibreformer, dass sie diesen Aspekt in ihren selbstständigen Überlegungen nicht gebührend berücksichtigten. Aber Arm(m)ut ist nun einmal kein Zier(r)at. Immerhin bewahrheitet sich dabei das Sprichwort: »Hoffart und Armut halten übel Haus«: Die erstere hat einen Konsonanten zu viel, die letztere einen zu wenig, als dass man sich darüber absolute Klarheit verschaffen könnte. So bleibt im Zweifelsfalle immer ein gewisser Interpretationsspielraum, der die Fantasie anregt.
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