Wenn die Toten erwachen Martin Amis klagt an
Martin Amis: Koba der Schreckliche. Die
20 Millionen und das Gelächter. Aus dem Englischen von Werner Schmitz, München (Hanser Verlag), 288 S.
von Achim Engelberg Stalin (zu Hitler): Verbrennst Du meine Dörfer. Das ist gut. Weil sie
dich hassen, werden sie mich lieben. Deine
Blutspur wäscht meinen Namen rein. Heiner Müller, Germania 3 –
Gespenster am toten Mann
Mehr als im übrigen Westeuropa verdecken in Deutschland die Naziverbrechen
immer noch die Stalinschen Massenmorde und Deportationen. Fünf Jahre musste
deshalb der erfolgverwöhnte Romancier Martin Amis warten, bis sein Stalin-Buch
Koba der Schreckliche hierzulande
erschien. Nun aber diskutierten es prominente Autoren – von Daniel Kehlmann bis
Karl Schlögel.
Das Werk ist ein wortgewandter, zuweilen auch geschwätziger Großessay
mit offensichtlichen Stärken und eklatanten Schwächen. Es ist die Geschichte
einer Vater-Sohn-Beziehung, eine Abhandlung über die Massenmorde in der
Sowjetunion und eine Auseinandersetzung mit der westlichen Linken. Auf letztere
ist der Untertitel gemünzt: Die zwanzig
Millionen und das Gelächter. Einerseits die Millionen Ermordeter und
Verhungerter, Vertriebener und Verstörter, und andererseits ist es im Gegensatz
zur Shoah erlaubt, mit Witzen und Geistreicheleien aufzuwarten. Wenn – um hierzulande
zu bleiben - der späte Peter Hacks Stalin als Humanisten bezeichnete, tut man
dies in linken Kreisen gern lächelnd ab oder lobt die Ironie, die sich auch in
seinen Stalingedichten zeige.
Martin Amis ist der Sohn des renommierten Romanciers und Poeten Kingsley
Amis, der sich – von Zweifeln schon ergriffen – durch die Niederschlagung der
ungarischen Revolution 1956 vom Kommunisten zum glühenden Antikommunisten
wandelte. Beim Vietnamkrieg engagierte er sich dann sogar für das amerikanische
Vorgehen. Noch 1975, so der Sohn, wollte niemand als »›Kommunistenfresser‹ angesehen werden –
das heißt: niemand außer meinem Vater.«
Hier erhielt der 1949 geborene Sohn seine geistige Prägung, die ihn in
die Fußstapfen des Vaters treten ließ – beide erwiesen sich als Erzähler von
internationalem Format. Fremd sind Martin Amis die Briefe des vom Kommunismus
inspirierten Kingsley Amis und die Geschichte des Kommunismus sieht er nur als
eine der Verbrechen. Die Weltwirkung des Roten Oktobers von 1917 wird von ihm nur
als Täuschung wahrgenommen. Immer mehr nähert er sich der hassgetrübten Äußerung
von Bunin, dass Lenin »ein von Geburt an moralisch Schwachsinniger« gewesen
sei. Was von 1917 bis 1991 in Russland geschah, ist für ihn »vollstreckter Wahn«.
Wer seinen ideologisch verbrämten Moralismus nicht teilt, gerät ins
Kopfschütteln über soviel Unverständnis.
Andererseits scheinen psychologisch interessante Fragen auf: Blieb der
Renegat Kingsley Amis, der einen radikalen Glauben durch einen anderen
ersetzte, politisch blind? Übertrug er das erlittene Trauma des
politisch-moralischen Irrtums auf den Sohn? Es bleibt das seltene Phänomen,
dass Vater und Sohn als Schriftsteller gleichrangig sind.
Seine Qualitäten als Erzähler zeigt Martin Amis, wenn er über die »epische
Höllenqual des Gulag« schreibt. Das ist kraftvoll und anschaulich – mit
sicherem literarischen Gespür erkennt er wichtige Autoren, die die Sowjetunion
hervorgebracht hat, und zitiert prägnante Passagen von Wassili Grossman und
Warlam Schalamow, Jewgenia Ginsburg und Alexander Solschenizyn. Zu den dramatisch
einprägsamen Szenen über Stalin gehört etwa, wenn dieser »Meister der
Eskalation« beim Staatsbegräbnis für den wahrscheinlich in seinem Auftrag
ermordeten Kirow in schauriger Weise dessen Leichnam küsst.
Martin Amis führt den großen Terror und die Lagerwelt, die
Schauprozesse und Deportationen, die sich tief in das Gedächtnis der
sowjetischen Völker und ganz Osteuropas einprägten, einem breiteren Publikum
vor Augen und zu Herzen, mehr als es Historiker vermochten. Dabei stößt man
immer wieder auf psychologisch-anthropologisch Bedenkenswertes: »Erhält ein
Mensch die totale Macht über andere, wird er zum Folterer.«
Mit Emphase klagt Martin Amis an: Jeder kennt Auschwitz, keiner
Workuta. »Jeder weiß von den 6 Millionen des Holocaust. Niemand weiß von den 6
Millionen der Terror-Hungersnot.« Im Westen, muss man hinzufügen. Sicher aber
ist, dass – wenn ein europäisches Bewusstsein entstehen soll – der westliche
Blick nicht bei den Vernichtungslagern der Nazis enden darf und der östliche
nicht beim Gulag. Martin Amis tritt ein für die vergessenen Opfer, für die in
der Steppe und in der Taiga Verscharrten; allerdings übersieht seine moralische
Rhetorik ähnliche Konstellationen in der Gegenwart. Die Stoßrichtung des eben
zum Professor in Manchester berufenen Erfolgsromanciers geht einseitig gegen
die politische Linke. Der blinde Fleck der Linken war oft, aber nicht immer,
das Verschweigen der im Namen des Kommunismus begangenen Verbrechen oder eben
auch das Weglachen; der blinde Fleck von Martin Amis und seinen intellektuellen
Freunden aber, die oftmals den Irakkrieg unterstütz(t)en, ist ihr Vertrauen in
den liberalen Kapitalismus.
Solange es weder in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion noch in
Westeuropa ein angemessenes Erinnern der Gulag- und Terrortoten gibt, bleibt
Martin Amis mahnendes Buch aktuell. Zeigen doch auch die gegenwärtigen Diskussionen
nach dem ›Erinnerungsgesetz‹ in Spanien – fast
siebzig Jahre nach dem Bürgerkrieg –, man kann die Vergangenheit lange, oft
zulange, verdrängen, verleugnen, umschreiben, allerdings nicht für immer. Ein
ästhetisch-moralisches Bewusstsein, das durch die Kulturen und Zivilisationen
variationsreich konstant ist, verlangt Sühne nach der Schuld, Strafe nach dem
Verbrechen und sei es auch spät und nur symbolisch. Der Tag, an dem die in der
Sowjetunion Ermordeten erwachen, wird kommen. Es bleibt die drängende Frage, ob
ihn die letzten Zeugen noch erleben. Verlagsinformationen finden Sie hier. |