• Globkult Archiv 2004-10
Oberreiter: Literatur in unseren Köpfen PDF Drucken E-Mail
08.02.2008


2. Ein kurzer Abriss als Beispiel: Taiwan. Wie man sich die Fremsprachensituation in Bezug auf das Literaturinteresse vorzustellen hat

Für die Leser in Deutschland muss man zunächst einige grundsätzliche Bemerkungen zur hier vorfindlichen Leselandschaft, wenigstens des Deutschen, machen, denn auf diesen Gegebenheiten hat man schließlich aufzubauen, wenn man sich Gedanken darüber machen will, wie sich die Situation von hier weiter entwickeln könnte. Während der Reisende auf der Insel zunächst einmal feststellt, dass sich in den Großstädten eine bedeutende Anzahl von Buchhandlungen findet, wird er bald danach gewahr, dass es sich dabei – was die aus dem Ausland importierten Bücher anbetrifft – um fast ausschließlich englischsprachige oder eben auch übersetzte Literatur handelt. Man kann an dieser Stelle flüchtig darauf hinweisen, dass die außenpolitischen Gegebenheiten und Prioritäten in der Fremdsprachensituation vor Ort ihre recht deutlich artikulierte Entsprechung finden. Doch will ich diesen Aspekt nicht unnötig betonen, da ich ja wissen muss, dass man hierzulande auf das ›Praktische‹ Wert legt, und dazu gehört ohne Zweifel das amerikanische Englisch. Die deutsche Literatur taucht nirgendwo auf, es sei denn in einigen Spezialbuchhandlungen, die sich auf so genannte Nischenexistenzen des Fremdsprachenunterrichts (Japanisch, Spanisch, Deutsch, Französisch, Russisch) stützen. Statistiken für den Verkauf von deutschsprachigen Büchern mag es wohl geben, allerdings sind sie nie auf das Fach Deutsch als solches angewendet oder bezogen worden, und die Daten könnten mit Sicherheit als eine quantité négligeable bezeichnet werden, solange man den englischsprachigen Überhang im Auge behält. Man hat sich die vorfindliche Situation als eine Art Pyramidendiagramm vorzustellen, dessen Höhe dem jeweiligen Grad der sprachlichen Ausbildung und Fähigkeiten, die Breite aber der Masse der Lernenden entspricht. Selbstverständlich finden sich zahlenmäßig die meisten unter den Anfängern. Das sind auch diejenigen, die den Hauptanteil der Lehrbücher und dazugehörigen Glossare sowie der kleinen, meist veralteten und ungenügenden Wörterbücher verbrauchen, welche also die Hauptbezugsquelle zur deutschen Sprache darstellen. (Von Literatur kann da noch lange keine Rede sein.) Nach oben hin verjüngt sich die Zahl unverhältnismäßig rasch, da man bedenken muss, dass es in vielen Institutionen nicht zu viel mehr als zum Unterricht im ersten, ja höchstens im zweiten Jahr Deutsch reicht, während doch erst ab dem dritten Jahr eine etwas ›anspruchsvollere‹ Grammatik gelehrt werden kann. Ist der Begriff einer  deutschen ‚Grammatik’ unter Lernenden und offensichtlich auch manchen Unterrichtenden und Publizisten ein fragwürdiger, so erreicht jener Teil des Spracherlernens, der über die leidige Oberflächengrammatik schon hinausgeht, also die Stilistik, Pragmatik oder die Rhetorik – und nicht zuletzt die Dialektik – keinerlei Hörerschaft germanistisch orientierter Studienfächer.  Die ›Literaturfähigkeit‹ der Lernenden würde sich, so man das Diagramm in dieser Weise anschaulich fortzeichnete, nur als eine schwache Linie ausnehmen, die schon kaum sichtbar wäre. Sie würde diejenigen repräsentieren, die entweder im Ausland Deutsch- und Literaturstudien gemacht haben oder eben jene, die auf Basis einer Graduate School – oder ausnahmsweise einige Studenten in besonders fortgeschrittenen Kursen auf dem undergraduate level – schon mehr gelernt haben als die Masse der übrigen Studierenden. Wie gesagt, sind dies verschwindende Zahlen.

Das sähe ganz bestimmt ernüchternd aus – und so ist es auch, mit Einschränkungen – wenn nicht noch ein Moment hinzukäme: jenes des ›sekundären Wissens‹; eines Wissens, das man auf Umwegen bezieht; der Erfahrung sozusagen aus zweiter und dritter Hand, ja oft auch nur des durch das Hörensagen Bekannten. Wie sonst auch in Staaten mit starker wirtschaftlicher Expansion und gesellschaftlichen wie technologischen Veränderungen, welche viele Menschen in Europa, hätten sie dieselben zu überwinden, leicht ›wurzellos‹ machen würden, so sind die Einwohner Taiwans zu allererst praktisch veranlagt (oder von ihren begleitenden Lebensumständen dazu gezwungen) und kümmern sich nur in Ausnahmefällen um reine Verstandesdinge oder gar belletristische Literatur, welche unter solchen Bedingungen weder möglichst ganz noch auf einem systematischen Weg aufgenommen werden kann; und es scheint obendrein auch gar kein Interesse daran zu sein, sie anders als nach dem Gesetz des Zufalls und auf Grund einer augenblicklichen Laune (!) oder einer Gelegenheit beruhend zur Kenntnis zu nehmen und zu betreiben. An sich nicht der Poesie, den bildenden Künsten abgeneigt und oft sehr musikalisch veranlagt, nebenbei einen in hohem Maße der Sprache bzw. dem Sprachspiel verpflichteten Humor besitzend, schaffen sich die Taiwaner dennoch ihre Freiräume zwischen oft zermürbender Tätigkeit langer Arbeitstage und kaum zur Genüge genossener Nachtruhe, was einen fühlbaren Ausschlag in der Praxis nach sich zieht.  Die Kunst wird daher zumeist den Schulen anvertraut – das auffällig junge Konzertpublikum, das beinahe korporativ anmutende Fehlen der Dreißig- bis Sechzigjährigen darunter spricht eine beredte Sprache; wer älter als die Schülergeneration ist und sich dennoch mit ›brotloser‹ Kunst befasst, hat entweder genügend Zeit oder die nötigen Mittel für diese Liebhaberei, die meist unbemerkt hinter der unansehnlichen Fassade eines Hauses betrieben, die jedoch dann auch nicht selten in Geschäfte mit der Kultur oder in Kulturstiftungen investiert wird. Man sollte hier kurz anmerken, dass die Ausrichtungen der Kultur- und Erziehungspolitik der letzten Dezennien immerhin Werte an die jungen Generationen vermitteln ließen, welche –  gemessen an den geringen Mitteln, mit denen sie arbeiten konnten – eine durchaus positive, den ehemaligen als europäisch verbrieften Werten entsprechende Sicht auf die Dinge gewährten, die viele, seither zustande gekommene kulturell begrüßenswerte, ja staunenswerte Entwicklungen überhaupt erst ermöglichte. Man erwähnt auch immer wieder, dass das Interesse am Deutschen schlechthin auf den japanischen Kolonialismus in Taiwan (1895-1945) zurückginge. Teilweise findet sich dieses Interesse in den Beständen an deutschsprachigen Büchern etwa der  Universitätsbibliothek der NTU, welche sich in dieser Zeit angesammelt haben.

Im Übrigen kommen die Menschen durch mancherlei Umwege zu ihrem Wissen über das Deutsche oder eben auch über die deutsche Literatur, ganz gleich, was man jetzt darunter verstehen mag. Nicht selten geschieht dies durch Übersetzungen aus dem Englischen; durch gehörte Vorträge im Ausland, aber auch Inland; durch Informationen des deutschen Kulturzentrums; durch Wahlfächer während des Studiums in Deutschland; seit Ende der achtziger Jahre vermehrt durch direkte Übersetzungen oder Arbeiten festlandchinesischer Übersetzer. Das National Science Council beispielsweise unterstützt mittels Stipendiengeldern Neuübersetzungen deutschsprachiger Autoren durch Fachleute in Taiwan, wobei diese nicht etwa durch enge Zeitlimits zur Produktion angetrieben werden, sondern in deren Arbeit die Qualität eine vorrangige Stelle einnehmen soll. Der Nationale Kulturrat unterstützt ebenfalls die Produktion neuer relevanter Werke, wenngleich dies nicht nur auf dem Weg einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung oder Produktion sein muss.

Mit der Wirkung der auf den Plan getretenen neuen und den alten – allerdings stark veränderten – Medien haben sich die Bedingungen für die Literatur nicht nur verschoben, sondern der gesamte Komplex aller uns vermittelten Inhalte tritt sozusagen in ein neues Stadium. Das soll im Folgenden dargelegt werden.


 

© 2013 Globkult