• Globkult Archiv 2004-10
Oberreiter: Literatur in unseren Köpfen PDF Drucken E-Mail
08.02.2008


5. Etwas über die Qualität des im Internet transportierten Datenmaterials, bezogen auf die Literatur und ihr Studium. Ein kurzer Abriss

Es kann hier selbstverständlich nicht um Vollständigkeit im Sinne eines nahezu lückenlosen Überblicks über die Einhaltung der Qualitätskriterien von Textprodukten gehen, die man in den elektronischen Medien vorfindet, sondern es soll eher ein Einblick unternommen werden, den ich an Hand von etlichen Beispielen vorstelle, wobei aber die Gründe für die Existenz von Zweifeln an diesen im Unterrricht einzusetzenden Mitteln sowie des Vorhandenseins von negativen, wenn nicht sogar destruktiven Wirkungen auf den Gegenstand der Literatur in unseren Köpfen tiefer als gedacht in der Sache selbst angelegt sind – was zu zeigen sein wird. Es kann aber auch nicht Sinn dieses Kapitels sein, neue Medien und ihre entstandenen Anwendungsparameter pauschal zu diskreditieren, um damit polemisch werden zu wollen. Ich muss dabei selbstverständlich auch der Frage nachgehen, inwiefern sich diese von mir besprochenen Hilfsmittel für den Literaturbetrieb in Taiwan eignen mögen, da ja dies ein repräsentatives Beispiel für die globale Verbreitung bestimmter Arten von Informationen (hier also der Literatur und literaturspezifischen Texten) und ihr Potential einer Rezeption zu sein verspricht.

Worüber man sich heute im akademischen Betrieb gern und mit einiger Leichtigkeit im Denken hinwegsetzt, ist die an Universitäten noch lange gelehrte diachrone Sicht auf den Gegenstand der Forschung – ich denke dabei besonders an die Sprachwissenschaft; dies gilt aber auch für andere Bereiche – deren Bedeutung für das Denken man als Student allerdings meist nicht in vollem Umfang wahrnimmt (wenn überhaupt zur Genüge). Das soll nicht heißen, dass Geschichte oder ein geschichtlicher Blick über Forschungsgegenstände auf akademischem Boden heute schon völlig unbekannt wäre, aber ihr (= der Geschichte) kommt im Bewusstsein weiter Kreise nicht die ihr gebührende Stellung zu. Bei vielen Studenten habe ich mit Schrecken festgestellt, dass der Bezug zu einer Historie glattweg fehlt und dass ein historischer Entwicklungsgedanke auch nur schwer – wenn überhaupt – zu unterrichten ist, wobei in mir oft der Verdacht geweckt wurde, dass die Ursachen dafür einerseits in der relativen Jugendlichkeit und diesbezüglichen Unbekümmertheit meiner Studenten liegen mussten, in der sie in einem gewissen Lebensabschnitt noch keinen spürbaren Abstand zu sich selbst gewonnen hatten; anderseits aber drängte sich mir der Gedanke auf, dass das Erleben von täglichen Fakten und deren zeitlich geordnete Registrierung in der Retrospektive dieser Studenten mehr oder minder ›formlos‹ und unbeobachtet vor sich gehen müsse, wodurch die Herausbildung einer wünschbaren historischen Perspektive hintangehalten würde. Dazu kommt, dass seit langem eine Veränderung unserer rezeptiven Gewohnheiten in eine andere Richtung hin festzustellen ist, die nicht ohne Auswirkungen auf unser so Wahrgenommenes bleiben kann: Wir finden uns oft und beinahe allein angezogen und fasziniert von der performativen Augenblickswirkung und scheinen heute angesichts der für den Einzelnen unübersehbaren Masse an Informationsmaterial, die uns oft schon wenig Spielraum für Reflexion übrig lässt, beinahe nur ein Verständnis für die unterhaltsamen, effektvollen und in ihrem Stil als meist nur auf journalistischem – oder gleich werbemäßigem! – Weg zu verarbeitenden Erfolgsmeldungen zu haben. Dem spielt die Tatsache in die Hand, dass im Bewusstsein der Gegenwart dem öffentlich verbreiteten Erfolg eine möglichst rasche Aufeinanderfolge von (augenscheinlichen) Innovationen entsprechen müsse, und da man jetzt erst recht – ständig – Neues finden zu müssen glaubt und von diesem Neuen so sehr beherrscht, ja besessen ist, so dass man das Vorher fast überhaupt nicht und auch kaum das Nebenher unserer Lebenswelt zu sehen oder zu würdigen versteht, nehmen wir geschichtliche Entwicklungsgedanken nur mittelbar, wenn nicht gar bereits schlecht wahr. Das ist einer der Ausgangspunkte der Kritik an dem, was auf elektronischem Wege nun auf uns zukommt und von dem wir zu glauben verführt werden, dass es das Wissen beflügelt. Die augenscheinlichste Wirkung des Internets, beispielsweise, ist die der Prätention der Ubiquität und der Ausschaltung der Zeit. Wenn alles an möglichst vielen Orten sofort verfügbar ist, dann wird nicht nur die (existentiell festzustellende!) Mühe bei der Auffindung von Antworten und Lösungen einer (nach enzyklopädischem Verfahren) gestellten Frage  und die Überwindung der Distanz ausgeblendet, sondern es wird der Blick in die historische Tiefe zumindest stumpf gemacht, wenn nicht gar verstellt. Dies wiederum verhindert die Notwendigkeit zu erkennen, dass eine Entwicklung – gleich welche: eine Textentstehung, eine Rezeptionsentwicklung, eine gewachsene Epochenperspektive – bisher überhaupt stattgefunden hat und dass diese von nachdrücklicher Bedeutung für unser Verständnis eines Werks ist. Was man zu finden gewohnt ist, erschöpft sich zumeist im statischen Gebilde einer einzigen Buchfassung, welche ich rasch aus dem Netz herunterlade und die – dazu oft noch mit Fehlern behaftet – keinerlei Gedanken fördert, wie denn der Text auf uns gekommen sein mag und was wir von ihm zu halten hätten. (Dass diese eben nicht geförderten Gedanken ›sekundärer‹ Art sind, ist mir durchaus bewusst, und es soll uns etwas später noch interessieren.) Wenn man dem entgegenhalten möchte, dass dieser Zustand lange vor der Erfindung des Internets auch schon existiert habe; dass also früher ein Buch angeschafft worden wäre, ohne dass man sofort auf eine kritische Ausgabe gestoßen wäre; dass das Lesen eines Werks, ja oft eines im Text verstümmelten, überarbeiteten und in seinem Sinn entstellten Werks gar der Normalfall gewesen wäre; so dass kritische Ausgaben erst durch solche einer breiteren Leserschaft oft unbewussten Irrtümer erforderlich geworden wären; dann sieht es freilich im ersten Moment so aus, als müssten wir dies (in der Geschwindigkeit der Diskussion etwa) einfach zugeben, und wir wären auch dazu leicht bereit einzuräumen, dass sich dagegen nicht einmal etwas Handfestes vorbringen ließe. Was der Andere aber nicht sieht oder nicht sehen will, ist die gern willkürlich im Diskurs ausgeklammerte Tatsache, dass es sich hierbei um einen Zustand der gegenwärtig herrschenden Reduktion (nämlich des literarischen Angebots bzw. unserer Anforderungen an den Buchhandel oder seinen digitalen Nachfolger) handelt, einen freilich durch aufbereitungs- und markttechnische Zwänge verursachten – hoffentlich nur vorübergehenden –  Zustand oder eben einen augenblicklich verfügbaren Standard der Textdarstellung, der uns in einem neuen (auf digitalem Weg erreichten) Kommunikationszusammenhang sozusagen aufgezwungen oder zugemutet wird. Man vergisst ferner (oder lässt es in der Diskussion unerwähnt), dass wir meistens noch auf Grund von wenigstens zweierlei Überlieferungssystemen forschen – des ›alten‹ und des ›neuen‹ – wobei das ›alte‹, oder ›buchmäßige‹ (also auf Papier) nicht nur noch vollständig intakt ist, sondern weitgehend, wenigstens im Hintergrund, auch in der Forschung präsent ist und noch weiterhin so gehalten wird. Und zwar ist dieser Hintergrund ein durchaus aktiver und schon eher einem Fangnetz im Zirkuszelt unter Akrobaten vergleichbar. Denn wo es um eine inhaltlich tatsächlich abzusichernde Forschungsarbeit geht, da muss ich auf jene Texte zurückgreifen können, die ein etabliertes Maß an Genauigkeit aufweisen, und diese finde ich zumeist nicht im Internet. Das Internet mit seinen Angeboten bietet derzeit noch keinerlei umfassende Garantie für entweder authentische oder fehlerlose Texte. Das erscheint hart, man muss jedoch bedenken, dass die Nachprüfbarkeit sich in der Praxis weitaus schlechter anbietet als bei gedruckten Büchern, die – wenn wissenschaftlich verbürgt – etwas ganz anderes darstellen als (verhältnismäßig) rasch auswechselbare Seiten oder Einheiten eines Textcorpus im Internet. Egal, wer dahinter steht oder für die Integrität firmiert. Ich sehe mich infolge dessen als Literaturlehrer in Sachen Textherkunft einem Qualitätsspektrum gegenüber, das verschiedenen Anspruchskriterien entgegenkommt oder diesen eben nur ungefähr entspricht: von sehr niedrigen Ansprüchen der Texttreue bis zu mittleren Standards, wobei die Möglichkeit der Qualitätsmessung nicht immer sofort offensichtlich ist, sondern ad hoc stichprobenartig und gern sogar ein wenig gefühlsmäßig vorentschieden werden muss. Nicht mehr so selten findet man eine Art der kritischen Textaufbereitung vor: eine solche, die auf Grund von digitaler, fotogetreuer Bildübertragung als einem Original ebenbürtig gelten darf, und diese Textdarstellungen sind überhaupt die Hoffnung des Literaturwissenschaftlers auf das Internet. Für mich selbst oder meine Arbeitsweise darf ich sagen, dass mich dieser Zustand einigermaßen entlastet – was das Vorhandensein und die rasche Beschaffung der Texte etwa für einen Unterricht anbelangt – aber auch, dass mich die Situation irritiert, wenn es darum geht, Studenten, die kein derartiges Vorwissen haben, zu erklären, welche Art von Text sie eigentlich verwenden ›dürfen‹. Wenn ich diesbezüglich Einschränkungen machen muss, so werden diese heutzutage größtenteils mit Unlustgefühlen quittiert. Denn über Fr. Nietzsches Voraussage hinaus, dass der Mensch lerne, um dann journalistisch zu arbeiten, ist es doch wohl so geworden, dass die Schule – eingeschlossen die Universität – schon selbst journalistisch arbeitet, also von ihrer Methode her schon nur mehr eine Spielart des Journalismus ist. Infolge dessen arbeiten Studenten heutzutage gern nach einem Ansatz, der im Sinn einer seriösen Wissenschaft keiner mehr ist, sondern welcher einer vulgär gemachten »Erlaubt ist, was gefällt«-Maxime nachgerät und sich um den Gehalt des Wortes nicht einen Deut schert. Um das hier Gemeinte kurz zu umreißen, sollte ich gleich anmerken, dass ich in der näheren Vergangenheit so genannte schriftliche Arbeiten von meinen Studenten erhalten habe, die ich nicht mehr als persönlich abgefasste Referate gelten lassen konnte, da sie sich lediglich aus mehr oder minder auf das gestellte Thema zutreffenden Kopien und Ausrissen von Webseiten aus dem Internet – unter Zuhilfenahme bilderreichen Anschauungsmaterials, das anscheinend ›allemal passen musste‹ – zusammmensetzten. Die Ideologie des ›copy and paste‹  hat sich verhängnisvoll in die Arbeitsweise der jungen Leute eingeschlichen, die offensichtlich nicht mehr wissen und es auch kaum zur Kenntnis nehmen wollen, dass man Inhalte, gleich welcher Art, zunächst verinnerlichen muss, um sie später in sublimierter Form wiedergeben zu können. Diese Vorgangsweise wird von ihnen auch noch fälschlicherweise als ›Wissen‹ aufgefasst, rekrutiert sich aber größtenteils aus nichts anderem als so genannten (schlechten) Zufallstreffern, die jemand in Richtung eines Ziels abgibt, das er irgendwo vermutet, weil er/sie das Terrain nicht kennt. Damit spreche ich aber schon das nächste Problem an, das sich aus diesem ergibt: die (im Grunde) überspielte und bei näherem Hinsehen leicht feststellbare qualitative Ratlosigkeit angesichts der Masse des Angebots. Denn man beobachtet immer wieder, dass das literaturspezifische Wissen, traditionellerweise in jahrelanger Arbeit schwer erworben, jetzt entweder als ›zu hoch‹ oder ›zu abstrakt‹, ›zu unpraktisch‹ oder gar ›unnütz‹ abqualifiziert wird, oder aber dass es bei vielen überhaupt nicht mehr als Wissen gilt und in Erscheinung tritt, sondern eher als etwas, das man ›leicht selbst bewältigen‹ kann, wie man etwa seinen Haushalt selbst besorgt oder Einkäufe in bestimmten Straßen einer Stadt macht; jedenfalls als etwas, das man selbst und ohne viel Erfahrung erledigen kann. Womit man sich paradoxerweise und ohne viele Mühe den Anstrich der Selbständigkeit im Arbeiten zu verschaffen meint. Die Folge ist in Missgriffen nach Quellen und ›begleitender‹ Literatur zu suchen; ich will nicht einmal von Sekundärliteratur sprechen, denn was Studenten im Internet oft zum Vorschein bringen, verdient diese Bezeichnung nicht. Da hier (= auf den Webseiten) die ärgsten Unwerte gleichrangig neben das Wertvollere und (– warum nicht auch? –) das tatsächlich Gute und zum Ziel Führende zu liegen kommen und die Hierarchie der Qualität nur zum geringeren Teil sofort erfasst wird, so wird der beim Studium eines literarischen Werks nötige geistige Durchdringungsprozess auf einige oberflächliche und meist nebensächliche Gesten reduziert. Da auch das Denken auf abstrakten Ebenen für Zwecke der Literatur gegenwärtig nicht gern angestrengt wird, so fällt man wie von selbst einfach auf die stark in popularisierender Absicht und ebensolcher Rhetorik sowie Bilder hergestellten Webseiten herein, die eigentlich keinerlei oder nur sehr wenig brauchbaren Informationswert besitzen. Wenn ein mittelalterlicher Dichter wie Wolfram von Eschenbach so eingeführt wird, dass sich der Verfasser der allgemeinen Unbildung anbiedern zu müssen glaubt, indem er – nach Gebrauch von etlichen Fachwörtern, die er seinem Text unterstreut – den Dichter ganz einfach als einen ›Liedermacher‹ hinstellt, um in Klammer das zutreffende Wort (Minnesänger) hintanzusetzen, dann wird die Sache für mich bedenklich. Mir ist selbstverständlich bewusst, dass das Bildungsgut, wenigstens jenes des 19. Jahrhunderts, welches ein höchst umfangreiches sowie ausgesprochen nachhaltiges war, in den letzten Jahrzehnten beinahe künstlich – mit sonderbarem gegenmissionarischem Eifer sogar – abgebaut und ausgejätet wurde, denn sonst wüsste man wohl den Unterschied zwischen beiden Begriffen zu treffen. Doch so weit darf man sich in jedweder didaktischen Indulgenz, der man sich heute verpflichtet zu fühlen glaubt, nicht herablassen. Und dennoch scheint ein Gedankengang wie der meine seiner Gültigkeit in diesem Augenblick beraubt zu sein – jedenfalls vor dem Hintergrund des Internets sowie der übrigen einzusetzenden Medien, denen es weniger um die Exaktheit eines gebrauchten Terminus aus der Literatur oder einer genauen Analyse geht, sondern deren Sendung es zu sein scheint, unter allen Umständen auch auf den untersten Stufen der sprachlichen Vorstellungsfähigkeit noch ›verständlich‹ zu bleiben, um eine bestimmte Signalwirkung bei den Adressaten auszulösen – denn die Literatur steht bekanntlich auch im Sold (zum Beispiel) der Tourismuswirtschaft, welche die Schaffung einer Website finanziert und diese Investition als Umwegrentabilität, jedoch nicht als Wert für sich genommen, anzusehen geruht. Auch diese – völlig ›legitime‹ – Indienstnahme eines mittelalterlichen Dichters für die Zwecke eines höheren Einkommens einer bestimmten Region des Landes ist eine jener zahllosen Zweckentfremdungen, mit denen man sich wird abfinden müssen, denn das Internet – entgegen seinen ursprünglichen Intentionen – ist kommerziell geworden und will uns daher jene Seiten zuvörderst sehen lassen, welche allein seine Betreiber für zweckmäßig ansehen. Wie wir schon sehen, ist das Resultat einer solchen Vermarktung eine einzigartige Leere, weil die Vermarktung dazu noch ein anderes Medium anstrengt, um ein im Grund sachfremdes Ziel zu verfolgen: einen Menschenauflauf an einem bestimmten Ort zu verursachen, der Devisen bringt – aber mitnichten eine Erkenntnis über den Dichter. Es ist die Werbung, die bereits in die Rhetorik dieser Webseiten eingebracht ist, welche solche Umleitungen des Interesses schafft. Wenn ich die Situation mit jener zu einem früheren Zeitpunkt vergleiche, zu dem diese Art der restlosen Veräußerung noch nicht stattfand, so stelle ich für den Jetzt-Zustand nur die Tatsache einer eklatanten Unechtheit fest, einer Gemachtheit, einer Hohlheit, die das kulturelle Ziel zwar umgibt, aber die ja nur mehr sekundären Unterhaltungswert besitzen kann. Hatte man sich vor 150 und mehr Jahren damit begnügt zu wissen, dass Wolfram von Eschenbach irgendwo in Franken beheimatet war, dass es Dichtungen in berühmten Handschriften gibt, die einige Fachleute der noch nicht so lange zuvor gegründeten Germanistik zu Gesicht bekommen und lesen – und hätte man vielleicht auch selbst den Dichter in einer (damals) neuen Buchausgabe gelesen –, so begann schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Art Wettlauf darum, des Dichters ›habhaft‹ zu werden; zunächst wohl aus ideologischen, später aus kommerziellen Gründen. Heute allerdings unterwirft man vieles, was ein oft nur zufälliges Accessoire sein kann, einer Rolle, die den Hauptteil des nur als schlechtes Schauspiel zu bezeichnenden kulturellen Events bestreiten soll, während der Urgrund unseres Interesses eigentlich ungewichtig ist (oder eben sich so dargestellt findet). Es ist ähnlich wie in Salzburg, wo ich eine geradezu erschreckende Abwesenheit Mozarts und jeglichen Gedankens an Mozart beim Durchschreiten der belebten Getreidegasse und beim Eintreten in das Geburtshaus in der Getreidegasse feststellen musste. Nicht etwa, dass ich gegen die Darstellung einer schönen mittelalterlichen oder barocken oder einer Renaissance-Stadt wäre oder gar gegen gutgemeinte kulturelle Veranstaltungen polemisieren wollte. Davon kann nicht die Rede sein, denn diese sehen angesichts der heutigen Situation ohnehin schon geschwächt aus. Und ich lasse dabei auch nicht unerwähnt, dass die gegenwärtig erlebte Verflachung der kulturellen Substanz durch die massenhaft erlebte Anschwemmung von fragwürdigen, jedoch heutzutage als gesellschaftlich durchaus ›gleichberechtigten‹ und finanziell auch dementsprechend hochdotierten Konkurrenzformen unserer Lebensgestaltung wenigstens mitverschuldet ist. Das Relevanzproblem unserer Erinnerungsstätten sehe ich viel eher darin, dass zum Beispiel von Wolfram (in Wolframs-Eschenbach) sowie von Mozart (in Salzburg) oder Brahms (in Mürzzuschlag, wo dieser an zweien seiner Symphonien arbeitete und ausgedehnte Spaziergänge unternahm) kaum ein authentisches Stück mehr vorhanden ist, wo man die Gedenkstätte unterhält – mit Ausnahme des Hauses vielleicht. Jedoch der Mensch von heute ist durch seinen vulgären Materialismus, der ihm auch überall noch gepredigt wird, sein haptisches Verhalten mehr denn je auf Gegenständliches, mit den Händen Greifbares angewiesen. Es genügt daher das Wort eines Dichters nicht allein, um sein Anschauungsbedürfnis zu befriedigen. Daher sucht man Zuflucht zu Pseudo-Reliquien, die man im gefälligen Museumsshop wie an Wallfahrerläden, doch ohne die Segnungen eines Geistlichen (was wohl einen Unterschied macht!) ersteht und mit nach Hause nimmt. Man geht im Städtchen umher, das zu Wolframs Zeiten niemals so ausgesehen haben mag; man sieht sich ein Haus von allen Seiten an, das Wolfram einmal zugeschrieben worden ist, obwohl man für die Echtheit oder Sinnigkeit einer solchen Zuschreibung keinerlei Beweis zu erbringen vermag; man sieht sich die zweifellos sehenswerten Fachwerkhäuser der Stadt an, die erst Jahrhunderte nach dem Tod des Dichters gebaut und oftmals renoviert und verändert wurden; man besucht die Deutschordenskirche, in der jemand noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts Wolframs Grabmal gesehen haben will, von dem jedoch heute keine Spur mehr zu sehen ist. Es ist eine perfekte reality show – von welcher der wichtigste Teil allerdings fehlt. Und das Internet überträgt wie selbstverständlich diesen Zustand der tatsächlichen Leere, der Absenz letztlich von Sinn sowie eines Klaffens der Stereotypie alles so (= auf diese Weise) Wahrgenommenen nur allzu perfekt. Allein, das wird von den Betroffenen nicht so pessimistisch aufgefasst, sondern als jenes hingenommen, was man ihm fälschlich zuschreibt: als die Präsenz des Dichters, Komponisten etc. Man hat somit versucht, diese bloßen Erinnerungsorte als Quasi-Pilgerorte hochzustilisieren, hat dabei aber übersehen, dass ein häufig besuchter Wallfahrtsort von einer weitaus höheren Dichte an emotionalen Bezügen seiner Pilger ›lebt‹, die das rational Fassbare übersteigen. Deshalb ist ein solcher Ort in einer weitaus besseren und stabileren Situation als ein lediglich auf Werbung und Medienpräsenz angewiesener Bildungs-Ort. Wenigstens für die Jetztzeit gilt aber, dass der Aura eines Dichters, Künstlers keine reale Entsprechung in der Gemütsverfassung unserer Zeitgenossen mehr zukommt und dass das Schwärmen für Außerordentliches und die Ekstase sowie der noch nicht so weit zurückliegende ›natürliche‹, beinahe selbstverständliche Enthusiasmus in Gegenwart einer Kunstleistung – zumindest auf dem Gebiet der Literatur – nur mehr der Vergangenheit angehört und sein Ersatz deshalb lediglich eine schwache Wirkung auf die Leser hat. Daher setzt sich auch nur eine verhältnismäßig langweilig zu quittierende Grammatik der künstlerischen Ausdrucksformen des Dichterischen im Internet durch, wenn überhaupt etwas, das nicht ohnehin schon der gewohnten Seichtheit oder auch der augenfälligen Infantilität landläufiger Website-Designer zum Opfer gefallen ist, die uns die Technisierung unserer Welt mitbeschert hat und die wir vermutlich nicht so leicht wieder abschütteln werden können.

Ich muss in diesem Zusammenhang nicht erst jene Erzeugnisse und Innovationen auf dem Gebiet der Datenverarbeitung und –präsentation besprechen, die auf den ersten Blick bereits unzweifelhaft ihren Wert für ein wissenschaftliches Arbeiten verraten. Denn auf diesem Gebiet könnte ich dann nur affirmativ antworten, und das soll nicht der Sinn dieses Beitrags sein. Wenn seit Jahren große und kleinere Bibliotheken ihre Kataloge neu fassen und im Internet zugänglich machen, so kann man das – wenigstens zum gegebenen Zeitpunkt und auf dem Niveau dieser Forschung – nur als einen ›Schritt nach vorn‹ bezeichnen. Wenn man das alleinige Faktum des Erscheinens von elektronischen Datenträgern, wie CD-ROMs oder speziellen Chips besieht, mit Hilfe derer man das Wissen der sonst aus dem allgemeinen Bewusstsein schon verschwundenen Bücher einsehen kann – ich denke dabei an die alten Lexika des 19. und frühen 20. Jahrhunderts –, dann sehe ich darin eine echte Bereicherung unserer Lesekultur. Wenn ich bessere Möglichkeiten des Nachschlagens von Einzelheiten in einem umfangreichen Werk zur Verfügung habe, so bedeutet das für mich einen Aufschwung; schon allein aus dem Grund, da man damit das leidige und langwierige Suchen leicht umgehen kann, eigentlich ein Muss für jeden Forschenden, der bekanntlich gegen die rasch verstreichende Zeit kämpft. Die Suchfunktion ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Errungenschaften dieser Technologien, die wir auch nicht anzuzweifeln vermögen. Durch sie zeichnet sich ja auch das Internet als ›unverzichtbar‹ aus, da wir damit anscheinend in jede Sparte des von uns vorgestellten sowie uns unbekannten Wissens hineingelangen. Erst auf einer ›sekundären‹ Schicht der Betrachtung entsteht ein Problem: jenes des Wissens an sich, welches sich auf Grund eines Missverständnisses rasch ausgebreitet hat. Der Mensch weiß nicht mehr, was er im Gedächtnis behalten kann, oder er versteht nicht mehr zu unterscheiden zwischen dem, was durch elektronische Medien an ihn oberflächlich herangetragen wird und den Inhalten, die er ›assimiliert‹ und im Gedächtnis verarbeitet. Spezialisierung, Expertentum und letzlich ›Ausdörrung‹ der Muttersprache Deutsch in Wissenschaftsdomänen verweisen viele potentielle Interessenten und vielleicht auch Möchtegern-Kenner auf einen Wissensstand der Oberflächlichkeit, für den wir in einem ganz anderen Gebiet, nämlich dem – ebenfalls höchst oberflächlichen Sight seeing unserer Tage – eine aufschlussreiche Entsprechung finden: Wir kennen anscheinend alles und doch nichts. Von nichts haben wir mehr als nur eine Ahnung, die rasch wieder verblasst, sobald wir sie zur Seite gestellt haben. Und wir können uns dieser Entwicklung auch nur sehr schwer entziehen.
Mit dem Thema Wissen oder Bildung haben sich in der nächsten Vergangenheit mehrere, darunter auch namhafte Autoren aus dem Bereich der Philosophie, der Geisteswissenschaften und der Künste zum Teil eingehend und in sehr kritischer Weise befasst, besonders mit dem, was durch die Neuorganisation der Universitäten in Forschung und Lehre im Zug der Zerschlagung unserer traditionellen, Humboldtschen Universitäten bereits angerichtet wurde. Dass dabei besonders die Koordinationsbestrebungen auf gesamteuropäischem Niveau schlecht wegkommen, desgleichen – und das ist für uns hier von Belang – die bereits weit gediehene ›Industrialisierung‹ unseres (vermeintlichen) Wissens nicht mehr nur als Wissensvernichtungs-Potential, sondern als zugefügter und, wenigstens für die nahe Zukunft geltend, als irreparabler Schaden am menschlichen Wissen gesehen wird, darf nicht verwundern, wenn man sich dazu den Lebensstil unserer Zeit genau besieht. Der Vergleich mit den globalen Umweltkatastrophen und Szenarien aus der Science fiction-Literatur ist hierbei einleuchtend, wenn er sich uns nicht schon gar wie von selbst aufdrängt.

Die elektronischen Medien mit den durch sie eingeschleusten Lernmethoden und Techniken aller Art unterstützen diese ›Industrialisierung‹ des Wissens. Doch dieser Komplex an Fragen müsste in einer eigenen Forschungsarbeit erst richtig herausgearbeitet werden.

 

*  Originaltitel: The Jane Austen Book Club  
    Deutscher Titel: Der Jane Austen Club  
    Filmlänge: 106min  
    Land (Jahr): USA (2007)
    Regie: Robin Swicord  
    Drehbuch: Robin Swicord, Karen Joy Fowler

 



 

© 2013 Globkult