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Seite 4 von 5 4. Wie beeinflusst das Erscheinen der elektronischen Medien und die fortschreitende Verbreitung und Verwendung des Internet unseren Umgang mit Literatur?
Um Literatur zu studieren, muss man erst einmal an sie herankommen. Haben wir vorhin die Knappheit an Leseexemplaren erwähnt, so geschah dies, um auf die Beschränkungen noch der jüngst vergangenen Zeit aufmerksam zu machen; und dies trotz der Tatsache, dass damals (und besonders noch weiter zurückliegend) weitaus mehr an Belletristik gelesen wurde, als dies heute der Fall ist, obgleich wir mit Recht annehmen können, dass wir heute besser mit Lesestoff versorgt sind als je zuvor.
Nicht nur oberflächlich besehen hat die neue Situation eine Ähnlichkeit mit der Wohlstandsgesellschaft, in der wir uns befinden. Sie entspricht ihr sogar in ganz entscheidenden Punkten und ist deshalb als zeittypisch zu sehen. Wie die Wohlstandsgesellschaft bestrebt ist, ihre Ressourcen an Waren und Dienstleistungen ständig zu vergrößern und auch ständig einem größeren Kreis von Konsumenten zur Verfügung bereitzuhalten, so geschieht dies in der Literatur-Präsenz auf dem Weg eines sich allerdings rasch verändernden Verteilungsapparats, der einerseits strikte Marktfunktionen erfüllt, aber auch – und das ist die wichtige Komponente dabei – auf einem anderen Feld nahezu entgeltlose Benefizien und Vorteile dem Interessenten verschafft, also gleichsam eine ›soziale Rolle‹ annimmt, indem er Literatur und andere Geistesprodukte in vielen Fällen ›zum Nulltarif‹ anbietet. Da Wortkunst und geisteswissenschaftlich erbrachte Leistungen – im Gegensatz etwa zur bildenden Kunst, in der es nur ein Original gibt und für die schon von allem Anfang an ein Markt ›tätig‹ wird – in Geldwerten nur schwer zu messen sind, setzt man zunächst ihren Preis gleich null und verkauft Rechte (Vertriebsrechte, Aufführungsrechte, Honorare, Tantiemen etc.) und materielle Arbeitsleistungen (Herstellungskosten von Büchern, Verlegerhonorare), schützt in bestimmten Ausnahmefällen den Bezug von Autorenhonoraren für siebzig Jahre und erklärt alles vor dieser Zeitspanne liegende Gedruckte für ›vogelfrei‹. Und Jahr für Jahr gehören mehr Buchtitel zu dieser Masse, von der nun in immer steigendem Maße Werke eingescannt werden, damit man ihren Inhalt ins Internet stellen oder auf elektronische Datenträger pressen kann. Das ist für deutschsprachige Länder sowie für das Ausland die treibende Kraft dieses riesenhaften Unternehmens: den Zugriff auf nahezu unbeschränkte Ressourcen von Büchern ausnützen zu können – sofern in ihnen von irgendjemandem ein Nutzen erkannt wird. Der Vorgang entspricht einem riesigen Recycling der Informationsträger zunächst, später aber auch der Inhalte, wie sich denken lässt. Dazu wollen wir uns später äußern. Eine andere Affinität zu heute allgemein gültigen Gesellschaftsformen müssen wir in Bezug auf die Verfahrensweise sehen, die gegenwärtig unter dem Stichwort der globalen Gesellschaft bekannt ist. Die technologiebedingte weltweite Ausbreitung von Informationskanälen bringt für die Literatur einige entscheidende Veränderungen und zieht Auswirkungen nach sich, die der Einzelne vielleicht im Augenblick gar nicht bedenkt, sondern von denen er – unbewusst in hohem Maße – einfach erfasst wird, mit denen er mitgeht und mit denen er sich wird abfinden müssen, und nicht nur im angenehmen Sinn.
Er genießt allerdings einige unleugbare Vorteile durch diese Technik der Aufbereitung und Organisation von Inhalten. So ist die augenblickliche Verfügbarkeit vieler Texte (etwa im Unterricht) für Taiwan der Kardinalunterschied zu früher, da man lange warten musste, bis man etwa ein in Deutschland erworbenes Buch hier aufschlagen und endlich darin lesen konnte. Auch das Vervielfältigungspotential – dass ich also denselben Text bei Bedarf rasch mehreren oder gleich wievielen Hörern in der Vorlesung oder zur Vorbereitung übertragen kann – gehört zu den unbestreitbaren Freuden dieser Entwicklung. Ferner das Ordnungspotential und erkanntermaßen die ›Sauberkeit‹ der elektronischen Dateien, die mir nicht nur einen aufgeräumten Schreibtisch, sondern auch einen meinem Wissen förderlichen Überblick über ein oder mehrere Wissensgebiete versprechen. Dann sind die ›lateralen Informationen‹ unbedingt zu nennen; das sind solche, die ich mir nebenbei durch Nachschauen auf Webseiten beschaffe und die mir neben dem angenehmen Effekt des Sofort-im-Bilde-Seins eine Art Hypertext erstellen helfen, mit Hilfe dessen ich in eine bestimmte Richtung des Wissens vorstoßen kann, wenn mir das erstrebenswert erscheint. Die besondere wissenschaftliche Recherchefunktion der verschiedenen Suchmaschinen ist eine zwar noch in der Entwicklung begriffene, allerdings sich ständig ausweitende Stärke der neuen Technik, mit der die Geschwindigkeit der Verfolgung einer Forschungsidee in ihrer Realisierung selbstverständlich um ein Bedeutendes erhöht wird und sicher in Zukunft noch weiter erhöht werden wird. Ihr Anwendungsbereich auf die Literatur- und Kulturforschung ist aber als ein Nebenprodukt zu sehen, da es sich darin nicht um von hoher Geschwindigkeit abhängige Resultate der Forschung handeln kann, sondern eher um eine möglichst reife Tätigkeit der Überlegung, die Zeit benötigt und lieber nicht den Charakter einer Terminarbeit annehmen sollte. Für die Studientätigkeit in Taiwan wird dies noch zu einer bedeutenden Quelle des für die Forschung unabdingbaren Informationsmaterials werden; zur Zeit zwar eher noch als eine Hoffnung existierend, wenn ich von der Literaturrecherche spreche, aber in Zukunft könnte da wohl ein ganz anderes Bild von der Wissenschaft entstehen, wenn Recherchetitel in großem Umfang einmal verfügbar sind. Denn um allein die augenblickliche Forschungslage in einem Fachgebiet einigermaßen in den Griff zu bekommen, benötigt man schon eine Menge Quellen mit unterschiedlichen (wissenschaftlich) vorgetragenen Meinungen, Ansichten und Autoritätspositionen, einmal ganz abgesehen von den baren Fakten, die die Forschung hervorgebracht hat. Der fehlende Zugang zu geeigneten Quellen hat, wie oben schon erwähnt, gern zu etwas seltsamen, wenngleich wissenschaftlich intendierten Ansätzen geführt, auf die man als Begutachter immer mit gewissem Staunen, wenn nicht Befremden reagiert hat, so meine Erfahrung. Die E-Mail-Funktion, vor über dreißig Jahren ins Leben gerufen, um die Kommunikation beispielsweise unter Wissenschaftlern zu erleichtern, hat sich durch ihre Popularität und ihre überwältigende Nutzung allerdings bis zur Unkennlichkeit von ihrer einstigen Bestimmung weg entfernt. Ihr Zweck wird jedem Professor und jedem Studenten klar sein, so dass man darüber kein Wort verlieren muss. Jedoch bringt dieses Medium weltweit veränderte, verzerrte, um nicht zu sagen: problematische Einstellungen zum Geschriebenen oder besser: zu dem zu schreibenden Text mit sich, da ja das in dieser Weise Abgefasste nachweislich einen Hang zum sorglosen Umgang mit dem Stil und den Gebrauchsregeln der Grammatik entstehen ließ, den Schreibstil also auf das Niveau der ebenfalls schlampig gesprochenen Alltagssprache herabdrückte, so dass eine Anhebung des Stils bei Bedarf oft schon schwierig ist. Nicht von ungefähr kommt auch der immer wieder begegnete Hinweis darauf, dass derjenige, der so intensiv kommuniziert – wie es ja das Internet gewissermaßen fordern würde – wohl selbst nicht mehr ›schaffen‹ könne, weil ihm die Zeit und die nötige Konzentration und Sammlung dazu abgehen müssen. Wenn diese Beobachtung sich als schlüssig herausstellen sollte, dann steht jedenfalls eine qualitative Veränderung des ›zu Papier gebrachten‹ Forschungsstils (als unterem Eckwert), wenn nicht sogar ein Absinken des Niveaus der breiten Forschungsprioritäten (als möglichem oberen Eckwert) bevor. Dies ist vorerst ein Verdacht, der sich mir aufdrängt und der durch eine Reihe von Fakten in seiner Substanz erhärtet wird.
Die neue Situation ist nun einmal die, dass man zuviel und noch dazu ständig wachsendes Material an sprachlichen Äußerungen, Erörterungen, ›Originaltexten‹, Interpretationen und alle Arten von Sekundärliteratur, Journalen, Verzeichnissen u.ä. vorfindet, was für den Sprachkundigen freilich eine Fundgrube des Wissens sein kann, das aber von der Mehrzahl der Studierenden in seiner dargebrachten Form nicht ausgeschöpft, ja oft nicht einmal richtig in seinem doch immer vorhandenen inneren Aufbau und in der Bedeutung seiner äußeren Darstellung wahrgenommen und richtig erkannt werden kann. Selbst Muttersprachler (also etwa Lehrpersonen) werden sich manchmal überfordert fühlen beim Durchsehen dieses augenscheinlichen Überangebots von – allerdings sehr unterschiedlichem – intellektuellem und auch praktischem Wert, mit dem man sich da belastet und dem man ausgesetzt ist. Da sich bekanntlich das Internet täglich neu aufbaut, kommt auch leicht das völlig Wertlose und Banale, anscheinend Zufällige gleich neben das Brauchbare zu stehen. Während in den Beständen einer Bibliothek bereits eine Vorauswahl von Büchern und Zeitschriften eines doch mehr oder minder garantierten Niveaus vorausgesetzt werden kann, ist es mir im Internet trotz verschiedener Suchkriterien nicht ohneweiters möglich, ›die Spreu vom Weizen‹ zu sondern. Auch das ist schon soviel wie ein Gemeinplatz, aber das erfahren und erkannt zu haben, ist trotzdem eine Art Wohltat für den Suchenden. Um dies nur an einem Beispiel zu illustrieren: Die bloße Eingabe des Namens von Friedrich Heer, dem österreichischen Historiker und Publizisten, zeitigte im Frühjahr 2005 in der Google-Suchmaschine auf Anhieb zwischen 130 000 – 140 000 Treffer, von denen geschätzte 1% irgendetwas für mich Brauchbares in sich führten, was immer noch sehr viel ist. Davon muss man selbstverständlich die vielen Parallelen und Wiederholungen von Inhalten abrechnen. Schon im Dezember 2006 aber erzielte ich auf das Eingeben desselben Namens etwa 678 000 Treffer. Ob der Informationsgehalt in derselben Proportion gestiegen war, wage ich nicht zu behaupten; ich würde es eher in Abrede stellen. Jemand, der mit Suchkriterien nicht sonderlich gut umgehen kann, wird daher nichts oder fast nichts finden, das ihn in seiner Suche wesentlich weiterbringt. Also: Bei dieser Einfachheit der Informationshandhabung oder Suche kann es nicht sein Bewenden haben. Sie dürfte aber typisch für viele ältere Forscher sein, die nicht mit einem Computer in ihrer Nähe aufgewachsen sind, auch wenn sie später (wie ich selbst zum Beispiel) unproportional viel Zeit an solchen Geräten verbracht haben.
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