Dücker: Ritualdynamik PDF Drucken E-Mail
03.04.2004

Ritualdynamik - Profil eines Forschungsprojekts (Universität Heidelberg)

von Burckhard Dücker

An der Universität Heidelberg hat der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft genehmigte interdisziplinäre Sonderforschungsbereich (SFB) 619 »Ritualdynamik — Soziokulturelle Prozesse in historischer und kulturvergleichender Perspektive« am 1. Juli 2002 seine Arbeit aufgenommen. In diesem SFB arbeiten 16 Teilprojekte aus den Fächern Ethnologie, Klassische und Moderne Indologie, Ägyptologie, Assyriologie, Alte Geschichte, Mittlere Geschichte, Religionswissenschaft, Soziologie, Allgemeine Literaturwissenschaft (Germanistik), Erziehungswissenschaft, Islamwissenschaft, Medizinische Psychologie.

Obwohl noch weitere Fächer beteiligt sein könnten, weist schon diese Fächerkonstellation darauf hin, daß Rituale als Forschungsthema weder eine besondere Affinität zu bestimmten Disziplinen haben, noch einem geographischen Raum oder einer historischen Epoche prioritär zuzuordnen sind, sondern daß mit dem Begriff Ritual ein soziokultureller Phänomen- und Handlungsbereich bezeichnet wird, der für historisch belegte Kulturen aller Zeiten und Räume als konstitutiv zu gelten scheint. Daher stellt Ritualforschung ein genuin interdisziplinäres Projekt dar, um den für die Bildung kultureller Identität produktiven Handlungstyp rituellen Handelns angemessen untersuchen zu können, was eine kulturvergleichende Orientierung und entsprechende Studien einschließt. Verglichen werden z.B. Macht- und Herrschaftsrituale, das höfische Zeremoniell, Tempel- und Festrituale in asiatischen und europäischen Kulturen. In einer mehrjährigen Vorbereitungsphase ist auf der Basis des erkenntnisleitenden Begriffs »Ritualdynamik« ein forschungstheoretisches und -praktisches Untersuchungskonzept entwickelt worden, dessen interdisziplinäre Anlage auf die umfassende Zielsetzung der Erarbeitung von Grundlagen einer allgemeinen Ritualwissenschaft ausgerichtet ist.

Praktiziert wird Interdisziplinarität in gemeinsamen Lehrveranstaltungen, Ringvorlesungen, Tagungen, Veröffentlichungen, den Heften der Reihe ›Forum Ritualdynamik‹ mit Beiträgen zum Prozeß der ritualwissenschaftlichen Diskussion, in Arbeitskreisen (z.B. zu den Themenbereichen Begrifflichkeit, Text und Ritual, Erinnerung, Ritualfehler) und regelmäßigen themengebundenen Arbeitssitzungen. Ein Newsletter informiert über Termine, Veranstaltungen und Ereignisse. Zur Information über den SFB insgesamt, seine Teilprojekte, Veröffentlichungen usw. steht die Homepage (www.ritualdynamik.uni-hd.de) zur Verfügung. Im Jahr 2001 ist der SFB ›Ritualdynamik‹ von der deutschen Sektion der UNESCO als »Offizieller Beitrag zum Internationalen Jahr der Vereinten Nationen: Dialog zwischen den Kulturen« ausgewählt worden. Ein Überblick über die Genese des SFB findet sich in dem Band Ritualdynamik (2004, s. Homepage).
 
Obwohl zahlreiche Sprachen keinen Begriff kennen, der den aus dem lateinischen Wort ›ritus‹ hervorgegangenen, in europäischen Sprachen entwickelten Formen (Ritual, Ritus, Ritualisierung usw.) hinsichtlich der Denotations- und Konnotationsfunktion entspricht, erscheint es begründet, von der Arbeitshypothese rituellen Handelns als eines besonderen (sui generis) und universellen Handlungstyps auszugehen. Indem hier von einer Hypothese gesprochen wird, wird die mit der Begrifflichkeit gegebene eigenkulturelle Forschungsperspektive reflektiert. Nicht nur können für die Kulturen, die von den am SFB beteiligten Fächern untersucht werden, Ritualkenntnis und -praxis vielfältig in schriftlichen, ikonographischen und gegenständlichen Zeugnissen dokumentiert werden, sondern darüber hinaus wird versucht, für die Frage des universellen Handlungstyps mit der kombinierten Anwendung der transkulturellen (ubiquitäre Gesetzmäßigkeit soziokulturellen Handelns unabhängig von der spezifischen kulturellen Situation) und der kulturregionalen (Transfer kulturellen Handelns durch interkulturelle Kommunikation, Migration usw.) Hypothese eine Lösung zu finden.

Mit dem auch alltagssprachlich verwendeten Kollektivbegriff Ritual wird eine besondere, von anderen Handlungstypen zu unterscheidende Form symbolischen Handelns bezeichnet. Als Ritualisierung gilt eine Handlungsform, die zwar rituelle Elemente einsetzt, aber noch nicht die Geschlossenheit des Rituals zeigt. Rituelles Handeln bezeichnet die theoretisch begründete Distinktion zwischen rituellem und anderem Handeln. Es umfaßt eine durch Tradition vorgegebene und durch eine zuständige Institution für die jeweilige Aufführung legitimierte Organisationsform.

Insofern rituelles Handeln als besondere Ausprägung sozialen Handelns gilt, unterliegt es den Gegebenheiten des jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Kontexts. So passen sich in den untersuchten Kulturen der Moderne Ritualaufführungen den Internetbedingungen an, andere, auch traditionelle Rituale, werden als Videos aufgezeichnet, wobei frühe Sequenzen des Ritualprozesses bei späteren wie dem abschließenden rituellen Mahl zur Unterhaltung auf einem Großbildschirm abgespielt werden, so daß die Aufzeichnung dieser späten Phase auch die Wiedergabe der frühen Phasen einschließt (Bild im Bild, medientechnisch bedingte Selbstreferenz).

Die Dimension der Dynamik wird auf drei Ebenen untersucht: Die Strukturdynamik bezieht sich auf Prozesse innerhalb der Ritualaus- und aufführungen, die Geschichtsdynamik betrifft Formen der Ritualerfindung, der Reritualisierung, der Einstellung und Ersetzung von Ritualen durch andere, zum Bereich der Sozialdynamik gehören die Aspekte der Geltung, Gültigkeit, Funktion und Wirksamkeit. Um Dynamik diagnostizieren zu können, sind mehrere Ritualaufführungen zu untersuchen (diachroner Aspekt); wenn die Materiallage es zuläßt, werden Aufführungen mit Anweisungen in Skripten, Partituren, Ritualhandbüchern usw. verglichen. Dynamik, die sich auch als Fehler oder Verfehlung (ritual failure, mistake) im Ritualablauf zeigen kann, betrifft das Ereignis der Ritualaufführung und kann die tradierte Ritualstruktur dauerhaft verändern.

So geht die Arbeit der Teilprojekte aus von der Deskription der beobachtbaren Prozessualität der einzelnen Ritualaufführung oder von den in Dokumenten vorliegenden Beschreibungen; das Konzept der Ritualdynamik eröffnet den Untersuchungshorizont von Erfindung, Entstehung, Gründung, De- / Stabilisierung, von Funktion und Wirkung im jeweiligen soziokulturellen Kontext, von Veränderung und Wandlung des Ritualablaufs, von Einstellung und Wiederaufnahme (Reritualisierung, Re-Invention, Rekursivität), von Übertragung (Ritualtransfer) von Ritualen aus einer Kultur, Zeit oder Region in eine andere. Erfindung geschieht nicht ohne Bezug auf überlieferte Formen oder Bausteine ritueller Prozesse. Gefragt wird, wer aus welchem Grund ein Ritual erfindet und ob damit die Agency (hier: autorfundierte Verfügungsmacht) über die Verwendung, also auch über Statik und Dynamik des Rituals, verbunden ist. Es geht um das Verhältnis von Ritualen bzw. des Rituellen zu Traditionsbeständen und zur Moderne, darum, wie Tradition und Moderne in bzw. durch rituelles Handeln interpretiert werden, welche Deutungsangebote Rituale über ihre Aufführungsgegenwart machen, welche Zukunftsentwürfe oder Visionen sie vermitteln. Sind Rituale als abhängige und unabhängige Variablen zu untersuchen? Warum braucht eine Gesellschaft Rituale und welche Rituale braucht sie? Welche Funktion haben Rituale für den Prozeß der Moderne? Wie wirkt sich die Reflexivität der Moderne auf die Geltung rituellen Handelns aus? Angesichts einer nicht zu übersehenden Aktualität des Rituellen in der Gegenwart wird nach der Bedeutung und Funktion der Kategorie des Neuen für rituelles Handeln in der Gegenwart, aber auch in der Vergangenheit gefragt. War rituelles Handeln in früheren Epochen und soziokulturellen Situationen tatsächlich so invariant wie vielfach behauptet bzw. vorausgesetzt? Auch die durch die Wissenschaft selbst ausgelöste Dynamik z.B. in bezug auf die Begrifflichkeit, die Formung von Untersuchungsgegenständen und die Theoriebildung ist zu berücksichtigen.

Im Gesamtbestand sozialer Handlungsformen kommt rituellem Handeln eine offenbar unverzichtbare und unersetzbare Funktion zu. Durchgehend wird es in den berücksichtigten Kulturen eingesetzt, um solchen sozialen Handlungsanforderungen zu genügen, die für die Erhaltung, d.h. auch für Kontinuität und Wandel der jeweiligen Institution als konstitutiv gelten und - allgemein - Unordnung in Ordnung verwandeln. Beispiele dieser Vermittlung von Normativität sind die Lösung und Vermeidung von Krisen und Konflikten, Heilungen, Begräbnis und Trauer, die Aufnahme in und der Ausschluß aus Gemeinschaften, jahreszeitliche Feste und lebenszyklische Übergänge von einer sozial definierten biographischen Phase zu einer anderen, das Treffen oder der Empfang von Herrschern und Politikern, das Ritualsystem an einem Königshof, Ehrungen und Auszeichnungen, die Wiederherstellung der Ehre (Rehabilitierung), Vertragsabschlüsse, Jubiläen, Gedenkveranstaltungen. So ermöglicht rituelles Handeln die öffentliche Selbstinszenierung und Selbstpräsentation der das Ritual aufführenden Institution; im Ritualprozeß verdichtet sich deren Normativität, die vom Ritual ausgelöste öffentliche bzw. mediale Aufmerksamkeit und seine Akzeptanz bei den Teilnehmern dienen als Gradmesser für die soziale Geltung und Anerkennung der Institution, dafür, ob es ihr gelingt, mit ihren Ritualhandlungen Gemeinschaftserfahrung, Orientierung und Sinnstiftung zu vermitteln. Dabei haben regelmäßige Wiederholungen der Ritualaufführung die Aufgabe, die Geltung der Institution zu verstetigen.

Die Möglichkeit der Selbstpräsentation einer sozialen Formation scheint auch der Grund dafür zu sein, daß Rituale im Prozeß der gesellschaftlichen Modernisierung mit ihrer Fragmentierung und Subjektivierung nicht ›wegrationalisiert‹ werden, sondern daß im Gegenteil eine ausgeprägte Bedürfnisproduktion für Formen ritueller Selbstdarstellung festzustellen ist. Dieser Befund einer Dynamik der Rituale in einer dynamisierten Lebenswelt, der einer gängigen Meinung von der Ritualfeindlichkeit der Moderne ebenso widerspricht wie der Einschätzung von Ritualen als erstarrten, überholten Mitteln von Zwang und Machterhalt, erfordert auch, die Innovationsdisposition anderer, auch historischer Kulturen hinsichtlich ihres Ritualbestands und ihrer rituellen Aufführungspraxen zu überprüfen. 

Daraus ergibt sich ein Schema aus Struktur (longue durée, tendenzielle Statik und Stabilität) und Ereignis: Die einzelne Ritualaufführung (Ereignis) wiederholt die Struktur des rituellen Handlungstyps. Weil so bei jeder Aufführung deren Ursprungsbedingungen wiedergeholt und vergegenwärtigt werden, ist von einer kommemorativen Dimension jeder Ritualaufführung auszugehen. Durch die Vergegenwärtigung des Ursprungs, durch die Präsenz der fundierenden normativen Instanz (z.B. Transzendenz, Numinoses, Gründungsakt) wird der aktuelle Ritualvollzug überhöht und seine intendierte Wirkung legitimiert.

Die Geschichte eines Ritualtyps setzt bei den einzelnen Ritualaufführungen an, die als dessen performative Stationen seine Geschichte ausmachen. Die Materialien betreffen die Vorbereitung, den Vollzug und die Wirkung einer Ritualaufführung. Aus den Geschichten mehrerer Ritualtypen kann auf kulturvergleichender Basis der Ansatz einer Geschichte des besonderen Handlungstyps Ritual gewonnen werden.

Während theatrale Bühnenhandlungen (Theatralität) mit den Zeichen ›fiktiv, bloßes Spiel, als ob‹ gerahmt sind, handelt es sich bei rituellen Handlungen (Ritualität) um symbolische Handlungsprozesse, die soziale Wirklichkeit konstituieren und nicht selten rechtswirksame Relationen eröffnen.

Um die rituelle Handlung auszuführen, ist in der Regel ein Bruch des alltäglichen Handlungskontinuums erforderlich, was der Ritualaufführung häufig den Charakter von Festlichkeit und Feierlichkeit mit Unterhaltungswert (ästhetische Dimension) verleiht. Für diese Form alltagstranszendierenden rituellen Handelns sind zumeist umfangreiche und aufwendige Vorbereitungen erforderlich, wie z.B. die Heiligung des rituellen Ortes durch Umschreiten, seine Ausstattung (Dekoration) und die Bewegung dorthin (Prozession), die Einhaltung bestimmter zeitlicher Vorgaben, die Beachtung einer Kleiderordnung, Reinigungen (z.B. Askese, Fasten, Prüfungen), bestimmte Bewegungsabläufe und -formen, die Verwendung formalisierter Sprachformen, musikalische, tänzerische, szenische Einlagen, ein rituelles Gemeinschaftsmahl usw. Damit erhalten die Aspekte von Körperlichkeit und Leibsymbolik, aber auch die Mimesis rituellen Handelns Bedeutung. Vorher und Nachher einer rituellen Handlung sind nicht nur zeitlich getrennt, sondern haben durch den in der Zwischenphase ausgeführten Ritualvollzug eine unterschiedliche programmatische Wertigkeit erhalten. Die Teilnahme an einer Ritualaufführung beruht auf der Entscheidung des einzelnen und impliziert die Akzeptanz des rituellen Geschehens. Als alltagsakzessorisch gelten rituelle Handlungen, die nicht mehr als solche bewußt sind, wie Formen der Begrüßung.

Geht es in einem Ritual um eine Ernennungs- oder Auszeichnungshandlung, die eine Statusveränderung des Betreffenden symbolisch vollzieht, so wird dieser mit dem Anspruch ausgestattet, im Nachher, beim Wiedereintritt in seinen gewöhnlichen Alltag, eine veränderte soziale Geltung und Anerkennung als Folge des erworbenen sozialen oder symbolischen Kapitals (Bourdieu) erwarten zu können, die sich in der Regel in erweiterten Möglichkeiten oder Rechten der Teilnahme an der Gestaltung der öffentlichen Dinge zeigt. Die durch die rituelle Handlung symbolisch vollzogene Statusveränderung muß als soziale Wirkung erst noch eingeholt werden (futurische Dimension).

Wenn rituelles Handeln als ein in bestimmter Weise geformtes Handeln verstanden wird, ist davon auszugehen, daß prinzipiell jede Handlung ritualisiert werden und jede soziale Formation den Handlungstyp rituelles Handeln einsetzen kann, um sich mediale Aufmerksamkeit gegenüber anderen Formationen zu verschaffen, um die Binnenintegration und die Außenabgrenzung, die In- und Exklusion voranzutreiben. In diesem Zusammenhang scheint rituelles Handeln auf eine weitere Variante der Dynamik hinzuweisen, die mit dem Begriff des Agon oder der Konurrenz verbunden ist und eine Abgrenzung zum Event erforderlich macht.

Zur Homepage des Kulturwissenschaftlichen Sonderforschungsbereiches ›Ritualdynamik‹: hier

 

 

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