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Ohne Ohr Mittelmäßiges Heimweh – das ist wahrlich kein Titel, der zum Lesen verführt. Gut, Heimweh wird immer gern genommen, das schon, aber wenn es keinen Grad an Wallung aufweist, der das Mittelmaß übersteigt, muss allein die ästhetische Umsetzung vor Langeweile bewahren. Der Autor muss einiges zu bieten haben. Hat er, Wilhelm Genazinos Schultern sind in dieser Hinsicht gut gepolstert. Er ist bekannt als Autor mit einem Hang zu eher glanzlosen, grüblerischen, larmoyanten Helden, die mit gewisser Wonne das eigene Scheitern betreiben. Zudem überlässt er die Geschichten gern einem süffisanten Erzähler – in der Ästhetik des bürgerlichen Scheiterns ist er also zu Hause. Dennoch: Mittelmäßiges Heimweh, er- und durchlebt von einem Mann im mittleren Alter, der eine mittlere Ehe- und Schaffenskrise durchmacht, der nicht weiß, ob die Last des Lebens sich nicht doch im Schwarzwald besser tragen ließe als in der Großstadt, und überhaupt: Was heißt die Last des Lebens, ist es nicht doch eher die Last mit den Frauen generell? Ach, wie er mit sich hadert und sich zugleich an sich selbst labt, das wäre – bei aller Leichtfüßigkeit in der Darbietung – doch ein bisschen viel Mittelmäßigkeit, wenn es nicht die eine Szene gäbe. Die Szene, von der einige sagen, sie sei eher ein Gag, vielleicht gar verzichtbar (ich denke eher, es verhält sich umgekehrt, der Roman ohne diese Szene…). Diese Szene, die mich gegen die Zyklen des Literaturmarktes, der bereits mit dem neuen Wurf befasst ist, zum zweiten Lesen gebracht hat, die der Schlüssel zum Roman ist, obwohl der Schlüssel nicht ins Schloss passt, jedenfalls nicht so, wie man fürs Erste annehmen könnte. Aber der Reihe nach. Momentan sitzt der Held in einer Kneipe, aus dem Fernseher brüllt der Kommentator des Fußballspiels, das übertragen wird, im Lokal brüllen die Leute, da passiert’s: Plötzlich sehe ich unter einem der vorderen Tische ein Ohr vor mir liegen. Es muß mir im Gebrüll unbemerkt abgefallen sein. <…> Ich sehe mein Ohr am Boden liegen wie ein kleines helles Gebäck, das einem Kind in den Schmutz gefallen ist. Ich überlege kurz, ob ich das Ohr aufheben und mitnehmen soll. Er lässt es liegen, und das ist auch gut so, denn nur auf diese Weise geht die ästhetische Rechnung auf. Der erste Impuls legt nahe, die Szene als Comic-Clip einzuordnen, der zweite folgt der wohlfeil ausgelegten psychologischen Fährte des lärmsensiblen, hoch empfindsamen Protagonisten, nachdem einem nun mal sprichwörtlich die Ohren abfallen können bei dem Krach, der in der Welt herrscht. Der dritte Impuls geht einer symbolischen Spur nach und sieht im Ohrverlust einen Verweis auf die Verluste, die Herr Rotmund (so heißt der Held, ich vergaß es zu erwähnen) derzeit zu tragen hat: aber nein, nichts ist stimmig. Diese Art des Verlustes eines Sinnesorgans (hören kann Herr Rotmund übrigens auch später noch, was anatomisch gesehen konsequent ist, schließlich verliert er ja nur die Ohrmuschel), dieses unspektakuläre Abfallen des Hörorgans ist ein surrealer Akt, besser noch: ein unblutiger, sauberer Cut, der kein zerfetztes, zerrissenes Körperteil hinterlässt, sondern ein Ding, das die Form dessen hat, was wir gemeinhin Ohr nennen. Tatsächlich besteht zwischen dem Ohr und mir jetzt schon eine riesige Distanz. Herr Rotmund, so muss es sein, es geht nicht um Sie und Ihr Verhältnis zum Ohr, sondern um das Bild, das Sie selbst evozieren: Wieder und wieder fällt mir das Bild meines im Bodenschmutz eines elenden Lokals liegenden Ohres ein. <…> Jemand wird das Ohr mit Besen und Schaufel aufgekehrt haben, danach wird es in einem Ascheimer verschwunden sein. Das ist es: keine Erschütterung, sondern eher ein leises Erstaunen angesichts des Objekts, eine gewisse Gelassenheit, die auch die Dame im Andalusischen Hund des Duos Buñuel/Dalí ausstrahlt, wenn sie versonnen mit einem Stock die abgetrennte Hand auf der Straße umherstößt. Das sind die Korrespondenzszenen: die Bilder der Surrealisten, die ihr Spiel mit den abgetrennten Körperteilen treiben, deren Symbolik sich nicht aus den gängigen Deutungsmustern ableiten lässt, sondern ihren originären Part innerhalb der je eigenen Bildsprache spielt. Es ist die sauber abgetrennte Gipshand Alberto Giacomettis, die sich ausgesprochen dekorativ auf dem Table macht, es ist die bunte Ohrmuschel, die Joan Miró in seinem Bild Carnaval d’Arlequin an eine Leiter heftet. Auf der Romanebene gibt es zwei weitere korrespondierende Szenen: Zunächst fällt Herrn Rotmund noch ein Zeh ab (im Schwimmbad, über den Verbleib des Zehs wird nichts gesagt) und gegen Ende des Romans beobachtet er, wie ein Kind ein Körperteil verliert: Im Sandkasten hat ein Kind plötzlich einen Daumen verloren. Die Mutter wird von Entsetzen geschüttelt, das Kind bleibt gelassen, der Kinderdaumen liegt im Sandkasten, bis ihn die Sanitäter auflesen. Wahrscheinlich war der Lärm des Baggers für das Kind zuviel. Herr Rotmund, das ist unlogisch, das Kind verliert einen Daumen (!), außerdem hatten wir das schon, es handelt sich nicht um ein Seltsamkeitszeichen, das sie und das Kind eint, es ist überhaupt kein Zeichen in diesem Sinn: Das ist doch alles zu banal. Vielmehr wird das surreale Bild um ein weiteres Körperteil angereichert. Stellen Sie sich einmal vor: der Kinderdaumen neben dem Zeh neben dem Ohr neben der Schaufel neben dem Eimer neben dem Kehrblech neben den blauen Fliesen des Schwimmbads. Achten Sie auf Ihre Lippen, Herr Rotmund. [Gabi Rüth] Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh Carl Hanser Verlag, München 2007 ISBN 3-446-20818-6 |