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Oberreiter: Literatur in unseren Köpfen PDF Drucken E-Mail
08.02.2008

Literatur in unseren Köpfen – oder doch nicht?
Vom Einfluss digitaler Medien auf unser Verständnis des Literarischen und wie wir mit solchen Inhalten fernerhin umgehen könnten

von Suitbert Oberreiter

I. Einstieg: Auf der Ebene der Alltäglichkeit

In dem im November 2007 veröffentlichten Film The Jane Austen Book Club* treffen sich sechs Personen – fünf Frauen und ein Mann – allmonatlich, um ein Werk dieser Autorin zu lesen und sich gemeinsam darüber zu unterhalten. Das Wort ›Diskussion‹ wäre hierfür zu sachlich, so mein Empfinden. Wie die Lektüre bei ganz normalen Lesern unserer Tage Aufnahme findet, so geschieht dies auch hier: ein sofortiges Wirksamwerden der (an-)gelesenen Ereignisse in der Phantasie der Adressaten.  Als sich die Gruppe nach und nach durch die einzelnen Werke von Austen hindurchliest, entwickelt sich das Liebesleben eines jeden Teilnehmers parallel zu den Geschichten Austens: Unbewusst sucht sich jeder die Handlungsfolgen und Charaktere aus, die dem eigenen Leben ähneln und projiziert demnach seine Wünsche, aber auch Sorgen und Hoffnungen in die Bücher hinein.

Es wird freilich auf den folgenden Seiten noch ausgiebig dargetan werden, dass es hier um die deutsche Literatur geht und um nichts anderes. Und es nimmt wahrscheinlich auch wunder, wenn ich ausgerechnet mit einem US-amerikanischen Film beginne, der noch dazu eine englische Autorin abhandelt. Aber wir sind in der heutigen Situation weitgehend diesem Modell der simplen, naiven, wenn auch dem Leben ganz und gar nicht gefühllos gegenüberstehenden Literaturaneignung, die übrigens auch in dem Film nicht ohne gebührenden Charme abläuft, verpflichtet – schon aus unserer modernen Lebenshaltung heraus, die wie in keiner früheren Epoche durch geistige Erzeugnisse einer überseeischen Kultur, wie eben den amerikanischen Film seit über achtzig Jahren, beeinflusst und geprägt wurde, da sich ja auch der Lebensstil nach dem überseeischen Weg über weite Strecken orientierte. Dies zumindest in Deutschland, aber auch nicht viel anders in den  angrenzenden Ländern. Wenn ein solches Modell, das selbstverständlich keinerlei akademischen Anspruch erheben darf – weil es eben laienhaft und ›methodisch‹ willkürlich ist – wegen seiner Natürlichkeit dieser Annäherung an das Medium der Literatur doch so verbreitet ist, so kann seine Repräsentation für unsere Zeit (der allgemeinen Konsumorientiertheit sowie sich dem Narzissmus nähernden Lebensgefühls) schon als eine triviale Tatsache vorausgesetzt werden. Es entsteht aber zweifellos ein nicht von vornherein und sofort einsichtiges Interesse an dieser Haltung, sobald man sie mit den Realitäten der gegenwärtigen Medien in Zusammenhang bringt.

In dieser Arbeit beansprucht diese anscheinend ›zwanglose‹ und ebenfalls konsumfreudige Haltung (der Literatur gegenüber) allerdings auch wiederum eine fühlbare Autonomie, die sich aus der unübersehbaren Masse und der Qualität des jemals als schöne Literatur Produzierten und ebenso des darüber Verfassten sowie der in der Tradition geübten Lesehaltungen und Meinungen über Literatur und selbstverständlich über kulturelle Phänomene ergibt. Und sie wird sich auch bisweilen von lern- und erst recht von programmier-technischen Aspekten dieser Medien distanzieren. Dies ist notwendig, da sich Forschung, die sich an vielschichtigen Inhalten geschriebener Texte versucht, nicht nur auf die technische und eventuell didaktische Bewältigung von Textmaterial beschränken kann, sondern auch den Inhalt berücksichtigen muss. Man muss vielmehr versuchen, die Tradition des Literaturbetriebs nach Möglichkeit einzubeziehen, um auf diese Weise die literarischen Texte ›wertvoll‹ zu machen, d.h. im Lesen und Erklären neu erstehen zu lassen. Um dieses Anliegen geht es hier im engeren Sinn.

Nun gibt es in den neuen elektronischen Medien – und insbesondere im Internet –  gewisse Anstöße zu neuer Arbeit; oder eben auch bislang nur Vorteile, Hilfsmittel – und zwar gerade interessante Möglichkeiten im Bereich einer Philologie(!); Vorteile, die wir zu nützen uns zwar in den letzten Jahren angewöhnt haben, die uns allerdings nicht immer befriedigen konnten, vielmehr einige ernst zu meinende Fragen aufwerfen, und dies wird wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben, weil ich mir schwer vorstellen kann, dass Probleme ausgesprochen nicht-technischer Natur auf Computern mehr oder minder allein gelöst werden können; noch kann ich mir jenen Primat der Rechner, welchen man diesen heute gern überall einräumt, auf längere Sicht vorstellen. Denn man merkt sofort beim Öffnen der verschiedenen Dateien und Internetseiten – und das wird auch jeder Philologe sofort bestätigen wollen – dass die Einträge im Internet von sehr unterschiedlichem Niveau und Wert für den Forschenden sind, das muss ich gar nicht erst betonen. Ich habe es mir deshalb zur Aufgabe gemacht, hier über die Brauchbarkeit der elektronischen Medien und besonders des im Internet transportierten Informationsmaterials Überlegungen anzustellen, die besonders die akademische Forschung betreffen sollen. Im 20. Jahrhundert konnten wir eine Migration der Literaturstudien von den Gymnasien, Salons, Kaffeehäusern und Privatbibliotheken an die Universitäten feststellen. Damit einher geht die Ausbildung – allerdings schon in etwas früherer Zeit – von Forschungsparadigmen, die uns bis heute mehr oder minder geläufig sind, uns sozusagen ›begleiten‹, ja unser Arbeiten mit Literatur bedingen. In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten sind allerdings in Europa deutliche Auflösungserscheinungen zu verzeichnen gewesen: sowohl in der Lesekultur, die für Deutschland seit langem konstitutiv war, als auch im gesellschaftlichen Stellenwert, den die Literatur seither erhalten hat. Dazu kommt, dass eine rege literarische Produktion in deutschsprachigen Ländern in den achtziger Jahren einfach abgebrochen ist und seither keinerlei Nachfolgerin gefunden hat, die man ihr etwa als ›ebenbürtig‹ (ich verwende hier absichtlich diese altmodische Vokabel) zur Seite stellen könnte. Es ist wiederholt festgestellt worden (und es hat seine volle Berechtigung, an dieser Stelle erwähnt zu werden), dass die Lese- und Schreibfähigkeit der jungen Leute (die man zum Lesen erziehen möchte) drastisch gesunken ist. Etwa der Einbruch des Englischen in die deutsche Sprache – mit den englischen Wörtern, die ins Deutsche eingedrungen sind, könnte man mittlerweile ›Bände füllen‹ – wird zwar von den Benutzern der Muttersprache Deutsch gar nicht sonderlich bemerkt(!), geschweige denn gefürchtet; bei manchen Verantwortlichen im Erziehungswesen oder schlicht bei jenen, die der Sprache ein Verantwortungsbewusstsein entgegenbringen, sind Zweifel und Angst vor schweren Schäden an der Sprache aufgekommen. Eine ungeschickt eingeführte Rechtschreibreform in den neunziger Jahren hat ein verhängnisvolles Tohuwabohu an Normen entstehen lassen, das trotz verschiedener Rücknahmen und Anpassungen bis heute nicht gelöst worden ist. Die geradezu als neurotisch zu bezeichnende Umorganisierung und business-Orientierung fast aller Lebensbereiche und die Transformierung des Wissens in eine industriemäßige Wissensverwertungsanlage hat eine beispiellose Umwertung der Geisteswissenschaften in quasi-sekundäre Wissenschaften oder Wissensbereiche mit sich gebracht und an Universitäten einen Sprachnotstand entstehen lassen, da es einem durch fachfremde Organisatoren und ihren Apparat durch so genannte Sprachvorgaben verwehrt wird, sich (wissenschaftlich) ›in seiner eigenen Sprache auszudrücken‹, wie es eine Dozentin der Philosophie vor kurzem in einem Zeitungsartikel ausgedrückt hat.

Vor diesem – hier nur schwach skizzierten – Hintergrund muss man die vorliegende Arbeit sehen. Was können die neuen Medien und technischen Hilfsmittel dazu beitragen, ein in dieser Zeit verständliches und attraktives Bild von unserem Gegenstand, der Literatur und den kulturellen Phänomenen, sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart vermitteln? Eine kritische Sichtung des mir zur Verfügung stehenden Materials und die darauf folgende Auswertung des so gewonnenen Informationscorpus; seine Befragung und Untersuchung auf Sinnhaftigkeit mit Hilfe jener Parameter, welche die traditionelle Forschung als unabdingbar ansieht; ein In-Beziehung-Setzen und Aufrechnen der so gewonnenen Positionen mit jenen, die unsere allgemeine Interessentenwelt fordern möchte und die auch mit den neuen technischen Möglichkeiten vertraut ist; dies ist der beabsichtigte Gehalt, den diese Überlegungen mit sich bringen sollen.

Was ich im Folgenden vorzubringen habe, steht teilweise unter dem Vorzeichen des Wünschens und des Hoffens; es geht um Möglichkeiten von etwas, das heute ganz gewiss sehr unterschiedlich in den Köpfen der davon – vielleicht auch (zu diesem Zeitpunkt) noch gar nicht – betroffenen Menschen aufscheint und das ›von Rechts wegen‹ gar keiner Erörterung in einer ernst zu nehmenden Publikation verdiente, wäre es nicht um des Spieles, etwa eines entelecheischen Gedankens willen, der sich an den Gegenstand der deutschen Literatur und deren Kenntnis abseits des Entstehungsgebiets heftet. Die Angelegenheit ist aber ernst, und der Begriff ›Spiel‹ wird hier auch in dem entsprechenden, ernsten Sinn gebraucht werden müssen. Wir befassen uns mit nichts weniger als mit dem wahrscheinlichen Ansehen und dem Verständnis der deutschen Literatur – und um das an einem lebendigen Beispiel vor Augen zu führen - unter den Gebildeten in Taiwan, genauer gesagt: mit dem potentiellen Ansehen und Verständnis, das man gesonnen ist, ihr entgegenzubringen. Indem wir den gegenwärtigen Stand der literaturbezogenen Praxis zusammen mit Phänomenen technischer Neuerungen der Gegenwart beobachten und verarbeiten, erhalten wir jene Sicht der Möglichkeit in der Wirklichkeit, die uns in den Beurteilungsverfahren künftiger Situationen weiterhelfen soll. Diagnosen werden zumeist von Ärzten gestellt, denen eine solche Denkweise und ein scharfer Blick für Zustände und deren Veränderungen fast natürlich innewohnt.


 

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