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Granatenmäßig von Peter Heisch Es lässt sich schwer leugnen: Über unserer schönen, ausdrucksstarken deutschen Muttersprache schwebt in Bezug auf ihre Begrifflichkeit bisweilen der ätzende Pulverdampf einer unglückseligen Geschichte. Zahlreiche Wortprägungen, Wendungen und Metaphern sind kriegerischen Ursprungs und vom Jargon des Kasernenhofs infiziert. Sie fahren allenthalben mit grobem Geschütz auf, sodass wir uns gelegentlich wünschen, die Sprache müsste im Rahmen einer Entrümpelungsaktion endlich einmal gründlich entmartialisiert werden. Alleine schon das Synonym ›kriegen‹ für ›bekommen‹ hat einen fatalen Beiklang, der an raufen, plündern, stehlen, anschaffen um Schinders Gewalt erinnert und einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt, mag die Entstehung des Verbs in Kriegszeiten etymologisch auch noch so begründet sein.
Da liefert man sich im Parteienstreit häufig einen Kampf bis aufs Messer und verpasst den Kontrahenten eine Breitseite an Argumenten, die sie als geballte Ladung trifft. Plötzlich durchsickernde Gerüchte schlagen wie eine Bombe ein und werden mit Pauken und Trompeten verkündet. Aus der Mitte von Versammlungen tauchen plötzlich Sprengkandidaten auf, was den geordneten Verlauf stört. Und dabei wird in der Argumentation übers Ziel hinaus, das heißt: mit Kanonen nach Spatzen geschossen. Im unterhaltenden Teil herrscht anschließend eine Bombenstimmung, da sich der Lachsalven auf das Zwerchfell seines Publikums abfeuernde Conférencier als wahre Stimmungskanone erweist, während der eine oder andere bereits voll wie eine Strandhaubitze ist, sprich: granatenmäßig sturzbesoffen. Diesen Zustand mögen Aussenstehende wiederum zum Schießen finden.Immerhin darf jemand, der als Kanone bezeichnet wird, sich etwas darauf einbilden, dass man ihn für eine Kapazität auf seinem Fachgebiet hält. Das mag manch stillem Beobachter zwar als unter aller Kanone erscheinen, hat allerdings ausnahmsweise nicht im Entferntesten etwas mit einem Artilleriegeschütz zu tun, sondern bezieht sich auf die falsch interpretierte Übersetzung des lateinischen Zitats »sub omni canone«. Der Kanon war einstmals das Richtmaß, nach dem die Leistungen von Schülern beurteilt wurden. Abgesehen davon, dass ein Kanon einen Rundgesang darstellt, bei dem zumeist vier Stimmen nacheinander in dieselbe Melodie einstimmern. Darüber hinaus ist der Kanon ein wichtiger Bestandteil der katholischen Messe, die von der Präfation bis zum Paternoster reicht, und die Kanonisation demzufolge kein Privileg jener, die mit Kanonen nach Spatzen schießen, sondern sie bezieht sich auf den seriösen Vorgang einer Heiligsprechung gemäß den Kanonikern als Kirchenrechtlern. Dazu kann man mit einer gewissen Erleichterung nur sagen: Heiliges Kanonenrohr! |