Seiffert: Selbstbestimmt (Brandt) PDF Drucken E-Mail
12.01.2008

Der Primat der nationalen Selbstbestimmung. Wolfgang Seifferts Memoiren

Seiffert: Selbstbestimmt
Wolfgang Seiffert: Selbstbestimmt. Ein Leben im Spannungsfeld von geteiltem Deutschland und russischer Politik, Graz (Ares Verlag) 2006, 216 S. 

von Peter Brandt

Was für ein Leben! Schon die grobe Skizzierung seines Ablaufs lässt die Dramatik erahnen: 1926 in eine Breslauer katholische Familie kleinbürgerlichen Zuschnitts hineingeboren, wächst Wolfgang Seiffert im Dritten Reich auf. Trotz Klosterschule, Ministrantendienst, konfessionellen Gymnasiums und der großen Distanz des Elternhauses zum Nationalsozialismus zieht ihn das ›Deutsche Jungvolk‹ an; er wird ›Pimpf‹, meldet sich 1943 freiwillig zur Kriegsmarine und kommt in der Endphase des Krieges an der Ostfront als Infanterist zum Einsatz, wo er erlebt, wie seine gleichalterigen Kameraden zu Hauf verbluten.

Die Kriegsgräuel machen den jungen Mann in der sowjetischen Gefangenschaft empfänglich für die Propaganda des ›Nationalkomitees Freies Deutschland‹ und dann für die ›Antifa‹-Schulungen, die ihn 1949 auf die politische Aktivität in Deutschland vorbereiten. Als Kommunist engagiert er sich in der Führung der westdeutschen FDJ, die mit ihrem gegen die Remilitarisierung und die separatistische Politik des Adenauer-Regimes gerichteten Kurs schon 1951 (fünf Jahre vor der KPD) verboten wird. Im März 1953 verhaftet und, nach überlanger Untersuchungshaft, zusammen mit Jupp Angenfort 1955 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, gelingt Seiffert Anfang 1956 seine spektakuläre, abenteuerliche Flucht in die DDR, wo er als »Held des deutschen Freiheitskampfes« gefeiert wird.

In dieser dritten, der Berliner Station kann sich Wolfgang Seiffert endlich einer akademischen Ausbildung und Karriere widmen und so etwas wie ein geregeltes Familienleben entwickeln; in den Jahren bis 1970 werden insgesamt fünf Kinder geboren. Dem Jura-Studium folgen die Promotion, die Habilitation und die erste Professur. 1970 wird Seiffert Direktor des Instituts für Ausländisches Recht und Rechtsvergleichung in Potsdam-Babelsberg. Daneben unterhält er enge, auch persönliche Beziehungen zu etlichen der führenden Politiker der SED bzw. DDR, denen er als Gesprächspartner und Ratgeber dient.

Eine längerfristige schleichende Desillusionierung über das System des ›real existierenden Sozialismus‹ und die Aversion gegen die Zwei-Nationen-Konzeption der Honeckerführung in der deutschen Frage, zusammen mit der politischen und wissenschaftspolitischen Öffnung der Bundesrepublik seit den späten 60er Jahren (einschließlich der Amnestie der eigenen Reststrafe von 1955), veranlassen Seiffert, 1978 eine Einladung zu Gastvorlesungen in Kiel zur Übersiedlung in den größeren deutschen Staat zu nutzen. Dabei beruft er sich erfolgreich auf seinen Status als politischer Flüchtling, der die 1967 geschaffene DDR-Staatsbürgerschaft niemals angenommen bzw. verliehen bekommen hat. Letztlich ist wohl sein persönlicher Draht zum Ehepaar Honecker entscheidend für die legale Ausreise.

Im Westen setzt Wolfgang Seiffert – neben der weiteren fachwissenschaftlichen Aktivität als Leiter des Kieler Instituts für Osteuropäisches Recht – seine beachtliche Energie vor allem für die Propagierung des Gedankens der deutschen Einheit ein, als er sich mit dem ›anationalen‹ Denken eines Großteils der westdeutschen Eliten konfrontiert sieht. In großer Unbefangenheit äußert er sich dort, wo man ihm ein Forum bietet, sei es im Spiegel, sei es in der Frankfurter Allgemeinen, sucht das Gespräch mit Spitzenleuten aller Parteien, wenn sie ihn anhören möchten, und scheut auch unkonventionelle publizistische Projekte und private Initiativen nicht. 1985 erscheint unter dem Titel Das ganze Deutschland – Perspektiven der Wiedervereinigung sein Plädoyer für eine operative Einigungspolitik mittels direkter Verständigung mit Moskau. – Dort lehrt Seiffert seit seiner Emeritierung im Herbst 1994, leitet ein Zentrum für deutsches Recht und verfügt wiederum über ausgezeichnete Kontakte zu Persönlichkeiten der Wissenschaft und Politik, nicht zuletzt zu Wladimir Putin.

Das Erinnerungsbuch ist lebendig und mit dem typischen schalkhaften Humor des Autors geschrieben, deshalb nicht nur lehrreicher, sondern auch unterhaltsamer als manche langatmigen, die Kontroversen eher zudeckenden Memoirenbände professioneller Politiker. Man muss sich aber wohl schon recht gut auskennen, um die, häufig brisanten, Schilderungen und die erfrischenden Reflexionen einordnen zu können. Bei aller, in letzter Zeit schärfer analysierten, Problematik von Gedächtnisquellen (vgl. Johannes Fried, Der Schleier der Erinnerung, München 2004) ist das Bemühen des Autors erkennbar, seinen Lebenslauf nicht aus der Perspektive heutiger Erkenntnisse zu glätten oder seine früheren vermeintlichen Irrtümer zu zensieren. Wo es möglich ist, konfrontiert er seine Erinnerung mit schriftlichen Quellen und Forschungsliteratur. Der Wert des Buches liegt somit gerade auch in denjenigen Passagen, die nicht in die diversen geschichtspolitischen Korrektheiten passen: von der Betonung der relativ eingenständigen Bedeutung der westdeutschen FDJ um 1950, die eben nicht nur eine ›Fünfte Kolonne‹ der SED gewesen sei, sondern auch Ausdruck eines aus der westdeutschen Gesellschaft hervorgegangenen, radikalen Arbeiterjugendprotests, und der unmittelbaren Zeugenschaft der »Ermordung« (S. 55) Philipp Müllers durch Polizeischüsse von hinten bei der Essener »Jugendkarawane« am 11. Mai 1952 über die von menschlicher Wärme und Sympathie getragene Beschreibung auch solcher Personen, von denen Seiffert sich später politisch weit entfernt – wie die des im Jahr 2000 verstorbenen, hochbegabten Mathematikers und Rechtswissenschaftlers Michael Benjamin, des Sohns von Hilde Benjamin –, bis zur Kritik an der »insensiblen und undifferenzierten« (S. 140) Evaluations- und Abwicklungspraxis in den ostdeutschen Ländern nach 1990. Dabei behält Wolfgang Seiffert stets ein Gefühl für das Dasein und die Bedürfnisse der einfachen, normalen Menschen, ob in Deutschland oder Russland, und eine unerschöpfliche Neugier gegenüber dem realen Leben in seiner ganzen Vielfältigkeit. Manche Anekdoten, die er uns überliefert, sind einfach urkomisch, so die Klage Gerald Göttings, des Vorsitzenden der DDR-CDU, auch er würde lieber als SED-Genosse an den relevanten Diskussion teilnehmen und Politik machen, worauf Götting von Margot Feist, der späteren Frau Honecker, getröstet worden sei: Jeder müsse an dem ihm zugewiesenen Platz wirken (S. 55). – Genau so hat man sich das immer vorgestellt.

Obwohl nicht zu übersehen ist, dass sich Seiffert im Lauf der 80er Jahre bei seinem deutschlandpolitischen Engagement zunehmend im konservativen Spektrum bewegt – genauer gesagt: in die Nähe bestimmter, nonkonformer Konservativer und Nationalliberaler rückt, denen die deutsche Einheit noch wirklich ein Anliegen ist –, ist er ein eigenständiger Denker geblieben, der das Dogma von der Alternativlosigkeit in der Politik ablehnt, namentlich den entfesselten Marktkapitalismus nicht für das letzte Wort der Geschichte hält; für Russland hat er die destruktive Wirkung der ›westlich‹-liberalistischen Rezepte selbst beobachten können. Auch gehört Seiffert bemerkenswerterweise nicht zu denjenigen, für die die DDR ein tot geborenes Kind gewesen ist. Nach wie vor schließt er nicht aus, dass es möglich gewesen wäre, mit dem ›Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft‹ (NÖSPL), das Walter Ulbricht – »ein deutscher Stalinist von Format« (S. 77) – nach dem Mauerbau einführt, günstigenfalls durch demokratisierende Reformen im Staatswesen ergänzt und erweitert, und bei gleichzeitiger Fortsetzung der Ulbrichtschen »nationalen Grundkonzeption« der 60er Jahre mit ihrer langfristig gesamtdeutschen Orientierung die DDR zum konkurrenzfähigen Gegenmodell zur Bundesrepublik im gesamtdeutschen Einigungsprozess auszubauen. Noch entschiedener ist Seiffert in seiner Einschätzung, bei einem früheren Übergang zu einer offensiven Wiedervereinigungspolitik der Bundesrepublik hätte die staatliche Einheit Deutschlands Jahre und sogar Jahrzehnte früher erreicht werden können.

Einige kleine Beckmessereien für die Zweitauflage: bei aller Genauigkeit des Verfassers sind vereinzelt faktische Unstimmigkeiten stehen geblieben, so auf S. 139 bezüglich des Rücktritts von Honecker, der nicht nach, sondern drei Wochen vor dem Öffnen der Mauer erfolgt, und auf S. 157 bezüglich des Moskauer Umsturzversuchs von 1993, der sich gegen Jelzin und nicht mehr gegen Gorbatschow richtet. – Insbesondere im Kapitel Hamburg über die Jahre 1978-1994 sollte die Chronologie im Text deutlicher hervortreten, weil es im Hinblick auf die geschilderten Aktivitäten einen erheblichen Unterschied ausmachen kann, ob, sagen wir, von 1981 oder von 1984 die Rede ist. – Die instruktiven Kurzbiographien der in dem Buch vorkommenden Personen könnten in ihrer Ausführlichkeit etwas stärker angeglichen werden. – Schließlich wäre der Leser dankbar für ein Personenregister, das ihm z. B. ermöglichen würde, sogleich das Zusammentreffen Wolfgang Seifferts mit Heinz Rühmann aufzuspüren, der 1951 als Präsident des Festivalkomitees der Weltfestspiele der Jugend in Ostberlin gewonnen werden soll; statt seiner wird es dann auf Betreiben Seifferts der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch (S. 49f.).

[Eine frühere Fassung der Besprechung erschien in: Frankfurter Hefte, Nr. 12, 2006.]

 

 

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