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Ein Zeitfenster als Notausstieg von Peter Heisch Eine seltsame Zeiterscheinung greift um sich und macht Schule. Reihum wird gestressten Zeitgenossen in den Medien empfohlen, sich genügend Zeit für die Einrichtung von Zeitfenstern zu nehmen, um damit ein vernünftiges Zeitmanagement zu betreiben. Es ist erstaunlich, dass man in unserer von Zeitdruck und Zeitraffern bestimmten Zeit überhaupt noch auf Leute baut, die willens sind, die Zeit zum Fenster hereinzulassen, anstatt sie leichtfertig aus demselben hinauszuwerfen. Gewiss ein schönes Bild: Sich die Zeit zu nehmen für einen Blick aus dem Fenster auf die Welt – oder, weniger prätentiös gesagt, zumindest auf die nächste Nachbarschaft zu richten, was zweifellos neue Perspektiven vermittelt. Doch bei Lichte betrachtet entpuppt sich das angekündigte Zeitfenster als schaler Ersatz für den beherrschenden Terminkalender. Eigentlich schade, aber das ist nun einmal die Prosa des Alltags. Und so gerät das Zeitfenster unvermittelt zur zeitraubenden Episode, während am Zeithorizont bereits dringende Termine in Echtzeit näherrücken.Die Zeit hat ihren Namen von den Gezeiten zufolge von Ebbe und Flut und wurde vormals nach dem Stand der Sonne bemessen. Sie ist unser kostbarstes Gut. Doch als immaterieller Wert benötigt sie keine Fenster, denn sie durchdringt selbst geschlossene Räume, und am Ende unseres Daseins bleibt immer mehr Zeit als Leben. Den Einbau von Fenstern als Licht- und Luftöffnungen im festen Mauerwerk, anfänglich sinnigerweise Lichtluke, Augatora (Augentor) oder Windauge genannt, von dem schließlich das britische window stammt, verdankten unsere Vorfahren den Römern. Das ermöglicht uns den ungetrübten Blick aufs Ganze. Ein Fensterplatz ist daher eine bevorzugte Position, die uns immer auf dem Laufenden hält. Andernfalls wäre man rasch weg vom Fenster. Wie es Leute gibt, die zuweilen dreist mit der Tür ins Haus fallen, so fehlt es andererseits auch nicht an Zeitgenossen, die sich mit ihrer Meinung oftmals weit aus dem Fenster lehnen, obwohl sie dabei risikieren, aus dem Rahmen zu fallen. Als sprechendes Beispiel dafür mögen jene Kaderangehörige des Managements dienen, die das Kind dadurch öffentlich beim Namen nennen, dass sie gemäß ihres von cadre (franz.: Rahmen) hergeleiteten Gattungsbegriffs glauben, immer wieder nachdücklich optimale Rahmenbedingungen für die Entfaltung ihres Tätigkeitsdrangs fordern zu dürfen. Keine Frage daher, dass sie größtenteils zugleich über mehrere Zeitfenster verfügen, um verschiedene Tätigkeitsbereiche wie Nebenämter, Freizeitaktivitäten, Politik und Familie einigermaßen koordiniert in Einklang zu bringen. Doch die Zeit besiegt letzten Endes alle Versuche, ihrer habhaft zu werden. Sie macht sich auf leisen Sohlen heimlich davon. Also Vorsicht: Wer immer die Illusion hegen sollte, mit vielen Zeitfenstern habe er die Zeit fest im Griff, hat nicht unbedingt auch mehr Zeit. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. |