Heisch: Sprachglossen (18) PDF Drucken E-Mail
26.11.2007

Buddha in der Auslage

von Peter Heisch

Es ist schon sehr merkwürdig: Alle Welt spricht vom »Kampf der Kulturen« im Sinne einer sittlich-moralischen Auseinandersetzung der Wertvorstellungen zwischen Islam und Christentum, derweil, vom aufgeregten Schlachtgetümmel unbekümmert, uns immer häufiger Buddhafiguren in Bronce, Terrakotta, tibetischem Kalkstein, Kunstharz oder in Form von niedlichen Rindertalgkerzen aus den Vitrinen seriöser, d.h. sündhaft teurer Geschäfte vielsagend entgegenlächeln. Auf Schritt und Tritt begegnen wir der Allgegenwart des Erleuchteten, der als Schutzheiliger von Schaufensterdekorationen verklärt in unergründliche Tiefen blickt. Mit demütig gesenkten Augenlidern und geheimnisvollem Mienenspiel um die Mundwinkel, offen lassend, ob man es als Ausdruck nachsichtiger Toleranz oder sanften Spotts verstehen darf.

Doch wer weiß: Vielleicht wurden die Buddha-Statuetten auch mit Bedacht als Blickfang inmitten verführerischer Dessous, Süßwasserperlen und glitzerndem Similischmuck gesetzt als aparter Gegensatz zur menschlichen Begehrlichkeit nach Dingen, die man nicht unbedingt zur Erlangung des Seelenheils benötigt, was über die Erregung von Aufmerksamkeit hinaus die Kauflust der Passanten allerdings empfindlich dämpfen könnte. Demzufolge bestünde ihre ebenso simple wie erhellende Botschaft ganz einfach darin, an Hand des Überflusses an Kaufangeboten auf das erlösende Nirwana nichtigen Vergessens hinzuweisen.

Oder hat die plötzlich angediehene Beliebtheit von Buddhafiguren am Ende etwas mit der zeitgleich verlaufenden Beleibtheit der Leute zu tun, die im Zeitalter zunehmender Leibesfülle beileibe keine Ausnahmeerscheinung mehr darstellt, da man sich an den Anblick adipöser Rundungen mittlerweile längst gewöhnt hat? Zugegeben: Buddhas Bauchpartien bieten zwar eine ausladende Projektionsfläche (oder sollte man vielleicht besser sagen: ein breites Spe(c)ktrum) im Dienste der Kontemplation wie zweckdienlicher Werbung. Sie stehen allerdings in scharfem Kontrast zu Alberto Giacomettis schemenhaft dahinhuschenden Figurinen, welche uns die moderne Kunst bislang als exemplarisch für die Verlorenheit des Menschen der Moderne erklärt.

Was die meditative Nabelschau anbelangt, sind wir durch die Anwesenheit bauchfreier junger Hupfdohlen, die im Zeichen überbordender Spaßgesellschaft längst zum vertrauten Anblick im Straßenbild zählen, inzwischen bestens auf kulturelle Umbrüche vorbereitet. Wenn mir auch ziemlich schleierhaft ist, wie man durch beharrliche Nabelschau Erleuchtung für die komplizierten Weltzusammenhänge erlangen soll.

Aber sei's drum: Wir wollen uns nicht länger die eigenen Köpfe darüber zerbrechen, welche Bewandtnis es mit der wundersamen Vermehrung von Buddhaköpfen als neuer Gottheit des Handels hat, sondern uns vielmehr schlichten Gemüts an den arglosen Skulpturen erfreuen. Von unschlagbar inspirierender Wirkungsmacht sind jedoch speziell jene gusseisernen Darstellungen, bei welchen dem im Lotussitz verharrenden Meister ein allerliebst illuminiertes Brünnlein als sichtbarer Quell der Weisheit aus der Mitte des Leibes entspringt. Da möchte man bei seinem Anblick am liebsten andächtig niederknien, eine Wunderkerze entzünden und dieselbe kräftig hin und her schwenkend in den Jubelruf »Sierra, Sierra Mar del Sud« ausbrechen.

Ob das allerdings die Steigerung des Umsatzes wesentlich zu beeinflussen vermag, bleibe dahingestellt. Das zu ergründen, bedarf es hienieden vorerst der milden Nachsicht und Gelassenheit eines Gauthama Buddha.

 

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