• Globkult Archiv 2004-10
PDF Drucken E-Mail
23.10.2007

 

Über den Daumen gepeilt

von Peter Heisch

Der Daumen gilt zu Recht als markantester Finger der menschlichen Hand. Seine lateinische Bezeichnung ›pollex‹ (›der Starke‹) weist darauf hin, dass er beim Greifen funktionell den nötigen Gegendruck zu seinen Geschwisterfingern ausübt. Außer den Menschen besitzen nur unsere nächsten Verwandten, die Primaten, einen Daumen, der ihnen kühne Kletterkunststücke in den Bäumen des Urwalds erlaubt und daher für sie überlebenswichtig ist.

Obwohl klein und gedrungen gestaltet, vermittelt uns der Daumen manuell große Wendigkeit, wie wir ihr in der quirligen Märchenfigur vom kleinen Däumling begegnen, der so gar nichts von einem unbedarften Dümmling an sich hat, zumal sein Name auf den mittelhochdeutschen ›dûme‹ (›Daumen‹) zurückreicht und damit zum Stammverb ›tumere‹ (›geschwollen sein, aufgeblasen sein‹) gehört. Daher rührt auch die Bezeichnung ›Tumor‹ für eine Geschwulst, die wir aus dem medizinischen Bereich als eher unangenehme Erscheinung kennen.

Dass wir vor deren bösen Folgen bewahrt oder sogar geheilt werden mögen, dazu kann man uns schließlich nur den Daumen drücken. Denn nicht von ungefähr wird zusammengepressten Daumen nach altem Volksglauben eine schmerzstillende Wirkung zugeschrieben, was sich in der Redensart ›den Daumen halten‹ oder ›drücken‹ artikuliert, mit der man sich bis in unsere Tage gegenseitig Mut zuspricht und Glück wünscht. Psychologen deuten die Ursache dieser Wendung dahin, dass man seine Hände unwillkürlich zusammenballt, wenn man angespannt den Ausgang einer Situation verfolgt. Andererseits hätte das jenen armen Teufeln wenig geholfen, denen im Mittelalter die Folterknechte Daumenschrauben anlegten, um ihnen ein Geständnis zu entlocken, auch wenn sie völlig unschuldig waren. 

Die Stärke des Daumens wurde ihm insofern zum Verhängnis, als man ihn vergleichsweise größtenteils zu repressiven Zwecken missbrauchte. Jemandem ›den Daumen aufs Auge zu drücken‹ wird deshalb exemplarisch so verstanden, dass man ihn unter Druck zu setzen versucht. Wer nicht leichtfertig mit dem Geld um sich wirft, wird gerne als Geizkragen diffamiert, der seinen Daumen auf dem Vermögen hält. Vor Zeiten wurde Übeltätern kurzerhand der Daumen abgeschnitten; heute spielt er immerhin eine gewisse Rolle in der Daktyloskopie beim kriminalistischen Erkennungsdienst. Ganz abgesehen von der Antike, in der bei Gladiatorenkämpfen im alten Rom die Zuschauer durch Daumenhaltung nach oben oder unten über Tod oder Leben eines Kämpfers entschieden.

Doch es gibt zum Glück auch erfreuliche Ausnahmen. Immerhin sollten altem Aberglauben zufolge über Nacht eingeklemmte Daumen vor Alpträumen schützen. Und wem man nachsagt, er besitze einen grünen Daumen, hat zumindest ein glückliches Händchen im Umgang mit Pflanzen, selbst wenn er gelegentlich feststellen muss, dass ihm die Bäume auch nicht gerade in den Himmel wachsen. Aber ohne die kaum vorhersehbaren Wechselfälle des Lebens nähme manches einen etwas eintönigen Verlauf, sodass wir uns genötigt sähen, vor Langeweile Däumchen zu drehen.

Mit dem Aufkommen moderner Kommunikationstechniken ist der Daumen überraschend wieder zu neuen Einsatzmöglichkeiten gelangt, indem Handys und Taschenrechner aus praktischen Gründen vorwiegend per Daumen bedient werden. So brach eine neue, über die Beweglichkeit des Daumens bestimmte Ära an, nachdem die Menschheit lange Zeit vom ebenso imperativ wie warnend erhobenen Zeigefinger beherrscht wurde. Und wenn nicht alles täuscht, werden wir in naher Zukunft erleben, dass uns ein unter die Haut des Daumens verpflanzter, mit allen wichtigen Daten versehener Chip die Beschwernisse des Alltags wesentlich erleichtert. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass es danach wieder vermehrt abgeschnittene Daumen geben könnte, die dazu verwendet werden, sich an fremdem Eigentum zu bereichern.

Das wären also, über den Daumen gepeilt, mit anderen Worten: grob geschätzt oder gewählter ausgedrückt: approximativ, die Vor- und Nachteile des sprichwörtlich bekannten Daumens. Nehmen wir also getrost den Daumen zum Anhaltspunkt für ein gesundes Augenmaß.

 

© 2013 Globkult