Heisch: Sprachglossen (15) PDF Drucken E-Mail
22.09.2007

Hallo, Ciao und Tschüss

von Peter Heisch

Die ebenso kurze wie prägnante Interjektion ›Hallo‹ hat in der modernen Welt einen Grad an Popularität erreicht wie wohl kaum eine andere Vokabel. Sie dient in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens zugleich als Ausruf des Erstaunens, unverhofften Zusammentreffens, anerkennender Bewunderung und Aufmerksamkeit sowie zur Warnung vor plötzlich auftauchenden Gefahren und ist vor allem mit der Verbreitung der Telekommunikationstechnik geradezu zum supranationalen Allerweltswort geworden.

Seinen sprachspezifischen Abwandlungen ›Hello‹ (engl.), ›Allo‹ (franz.) oder ›Hola‹ (span.) liegt der aus dem Althochdeutschen stammende Lockruf ›Holla‹ zu Grunde, mit dem einst die Pferde zum Einspannen angehalten wurden. In dieser Hinsicht gleicht es als introduzierendes Gesprächspartikel sinngemäß dem chinesischen ›wei‹, das auf der anderen Seite unseres Planeten früher dazu diente, die Hühner zur Futterstelle zu rufen, während Küstenbewohner im germanischen Sprachbereich, von landwirtschaftlichen Gepflogenheiten unbeeinflusst, den alten Seemannsgruss ›ahoi‹ bevorzugten. In manchen Gegenden begegnet man sich, unter Seinesgleichen, mit familiärem ›Hoppla‹, was keineswegs böse gemeint ist, sondern das Erstaunen über eine unerwartete Begegnung ausdrückt.

Das kumpelhaft-unkonventionelle ›Hallo‹ trifft man heutzutage vor allem in Deutschland auf Schritt und Tritt an, sei es bei zufälligen zwischenmenschlichen Begegnungen, an einer Ladenkasse oder in diversen Dienstleistungsbetrieben. Es hat sich im Gefolge moderner, lockerer Lebensart und Umgangsformen von Norden her bis zur Südgrenze ausgebreitet, ohne dabei auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, zumal es sich als vorteilhaft erwies, den Bezug zur jeweiligen Tageszeit (›Guten Morgen‹, ›Guten Tag‹ usw.) nicht berücksichtigen zu müssen. Das leicht hingesagte ›Hallo‹ hat sich flächendeckend durchgesetzt und alle regionalen Besonderheiten wie beispielsweise ›Pfiäti/Pfiäteane‹ (›Behüt dich/euch Gott!‹) in Bayern oder das süddeutsche ›Grüß Gott‹ eingeebnet, ohne damit grosses Hallo auszulösen oder von den wenigen entschiedenen Hallogegnern als Schandtat leichtfertiger ›Hallodris‹ gebrandmarkt zu werden. Als Pendant dazu kursiert im helvetischen Jugendjargon vielfach das Ideolekt ›Hoi zämme‹, das sich notfalls auf ein lapidares ›Hoi‹ beschränkt und in gebotener Kürze über das traditionelle ›Grüezi‹ hinwegsetzt, was willkommene Gelegenheit gibt, eine gewisse Lässigkeit zu bekunden.

Obwohl es der aus dem Italienischen übernommenen Grußformel ›Ciao‹ nicht gerade an mundfauler Knappheit mangelt. Sie hat im Übrigen, dessen sich viele Anwender wohl kaum bewusst sein dürften, einen ernsthaften soziolinguistischen Hintergrund, indem sie aus dem venezianischen ›`s ciavo‹ entstand, einem Imperativ, mit dem man den ›sclavus‹ (also Slawe), die Vorläufer von Zwangs- und Fremdarbeitern, herbeizitierte und befehligte. Dasselbe gilt für das so verlockend charmant artikulierte ›Servus‹, mit dem sich Freunde in Österreich überschwänglich zu begrüßen pflegen, was einst zum üblichen Ritual unter Offizieren der Monarchie gehörte, wobei kaum jemand vermuten würde, dass es praktisch das verbale Anerbieten enthält, des Angetroffenen Diener (Servus) zu werden. So weit ging die Freundschaft allerdings nicht unter Bürgern, die deshalb Wert darauf legten, sich gegenseitig ein gespreiztes ›Habe die Ehre‹ zu entbieten. ›Servire Superis Beata est Servitus‹ lautete das Motto der Benediktiner im Kloster Lambach, wobei mit der ›Superis Beata‹ gleichermassen die Jungfrau Maria wie die amtierende Kaiserin Maria Theresia gemeint sein konnte...

Einen etwas differenzierteren Umgang gebietet allerdings das hauptsächlich in Italien und gelegentlich auch über den Alpenhauptkamm hinausreichende ›Salve‹, zumal es an die einst glorreichen Zeiten der alten Römer erinnert, an die anzuknüpfen sich in jüngster Vergangenheit die Faschisten vermaßen. Deshalb hat ein strammes ›Salve‹, obwohl in puncto Gesundheitswünsche mit unserem harmlos-burschikosen ›Salü‹ verwandt, einen latent faschistoiden Beigeschmack, der anstelle vorgeblichen Wohlbefindens zumeist fröstelndes Unbehagen verbreitet. Da ist ein ehrliches ›Ciao‹ bei Weitem unverfänglicher und bietet, darüber hinaus, den Vorteil, bilateraler Verwendbarkeit, indem es sowohl als Willkommens- wie auch als Abschiedsgruß gebraucht werden kann und dabei völlig offen lässt, wie man es verstanden wissen möchte.

Denn mit dem Aussprechen von Wünschen auf ein baldiges Wiedersehen tun wir uns zuweilen etwas schwer, weshalb wir es gerne bei einem etwas infantilen ›Tschüss‹ bewenden lassen. Es ist ja inzwischen allenthalben üblich geworden, sich beim Abschiednehmen betont flapsig ›tschüss‹ zuzurufen – und wenn ich sage ›üblich‹, so will ich damit sanft andeuten, dass ich das für ein durchaus vermeidbares Übel halte, von dem man sich tunlichst bald verabschieden sollte. Ein Wunder, dass wir uns bei der offenbar angeborenen Anglophilie nicht gleich ›Goodbye‹ wünschen. Entstanden ist das ominöse ›Tschüss‹ immerhin aus dem ins Norddeutsche verballhornten ›Adieu‹, mit dem man den Scheidenden quasi gesamteuropäisch der Obhut Gottes empfahl. Daher die schöne altdeutsche Lokution ›Gott befohlen‹. Allein schon aus diesem Grunde dürfte vermutlich das Grußkürzel ›Bog‹ (Gott) neuerdings gewissermassen als Symbol kroatischer Identitätsfindung zu werten sein. Bei den Spaniern gilt ›adios‹ gleichermassen als Begrüßungs- wie als Abschiedsfloskel, während sich für Lateinamerikaner ›adios‹ mit der Vorstellung von einem Abschied für immer verbindet, als stünde ihnen bevor, bald das Zeitliche segnen zu müssen, weshalb sie darauf zumeist schreckhaft reagieren. Das geschmeidige ›Adieu‹ hat sich indessen sogar bei den Griechen eingebürgert und in ›addiosis‹ verwandelt, obwohl sie doch über den aus der klassischen Antike überlieferten schönen Gruß ›Chaire‹ (freue dich) verfügen – eine beherzigenswerte Empfehlung, die übrigens mit unserem wohlklingenden rätoromanischen Gruss ›Allegra‹ korrespondiert. Auf seine Art originell hört sich, zumindest für unsere Ohren, die türkische Version ›gülle, gülle‹ an, die weder Anrüchiges verbreitet noch auf einen bevorstehenden gewissen Kitzel (›killekille‹) hinweist, sondern den ernst gemeinten Ratschlag enthält, ›lachend, lachend‹ durchs Leben zu gehen.

Darauf können wir nur zustimmend erwidern: ›So long‹ (›Bis bald‹) und ›Sayonara‹, was auf Japanisch nichts weniger bedeutet als: ›Wenn es denn sein muss‹, nämlich uns diskret zurückzuziehen.

 

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