Heisch: Sprachglossen (11) PDF Drucken E-Mail
09.07.2007

Speise- oder Speisenkarte?

von Peter Heisch

Karl Valentin hat uns in einem seiner berühmten, von hintergründigem Sprachwitz durchsetzten Sketche die Lektion erteilt, dass Semmelknödel, die aus mehreren Semmeln bestehen, konsequenterweise im Plural eigentlich als Semmelnknödeln bezeichnet werden müssten. So weit, so gut. Das lässt sich schließlich kausal erklären, zumal es Sprachgewohnheiten oftmals an logischer Begründung fehlt. Doch leider sieht es im Hinblick auf die Speisekarte kaum besser aus, wenn sie, wie meistens üblich, nicht nur ein einziges Gericht, sondern eine Fülle von Mahlzeiten zur Auswahl anbietet und daher folgerichtig Speisenkarte heißen sollte.

Wo sich der Gast lediglich mit dem Tagesmenü oder einer suggestiven Plat du jour begnügen muss, mag die Schreibweise Speisekarte durchaus angebracht sein. Wer jedoch à la carte zu speisen wünscht, sollte das ihm zusagende Gericht dementsprechend auf einer Speisenkarte vorfinden. Speisekarte würde nach allgemeinem Verständnis nämlich bedeuten, dass diese selbst zum Verzehr geeignet ist wie der Speisekürbis, das Speiseeis, der Speisepilz oder die Speisezwiebel, was wohl niemand im Ernst wird behaupten wollen.

Nicht weniger widersprüchlich erscheint uns der medizinische Terminus ›Speiseröhre‹ (Oesophagus) für jenes muskulöse Gleitrohr zwischen Schlund und Magen, das nachweislich eine Vielzahl an Futtermaterial und Tranksame für das leibliche Wohlbefinden des Menschen befördert und keineswegs ausschließlich ein einziges Nahrungsmittel und deshalb den korrekten Namen Speisenröhren verdiente. Im Gegensatz zur Speise(n)röhre und Speise(n)karte mit ihren darauf verzeichneten Speisenfolgen (!) von Vorspeise, Hauptspeise und Dessert beliebt man ja auch analog dazu den mechanischen Speisenaufzug zur Beförderung derselben aus den Niederungen der Küche in die Beletage der höher gelegenen Stockwerke zu benützen und verwendet das deutsche Wort Speisenwärmer für Rechaud. Bliebe im Zuge einer sprachlichen Begriffsbereinigung des Küchenideolekts, die manchem in den falschen Hals sowie in die erwähnte Speisenröhre geraten könnte, nur noch die so genannte Speisekammer als Aufbewahrungsort grösserer Mengen an Naturalien, Viktualien und Komestibilien quantenmäßig entsprechend in Speisenkammer umzubenennen, sofern sie etwas mehr enthält als einen kläglichen Vorrat an Haferflöckli.

Den auf sorgfältige Zubereitung der Speisen bedachten Wirt mögen solch spitzfindige grammatische Feinheiten zwar wenig kümmern. Hauptsache, es ist nichts versalzen oder angebrannt, was zur Essenszeit eintreffenden Essensgästen, die, sprachlich sensibilisiert, bei der Anwendung des Fugen-s einem ähnlich schwierigen Problem begegnen, vielleicht sauer aufstossen könnte. Immerhin dürfte ihnen dabei plötzlich wieder einmal bewusst werden, wie eng speisen und speien doch beieinander liegen, wobei das Verb speien diskret verhüllend die Rückerstattung ungeniessbarer Nahrung via Speisenröhre andeutet, was rundheraus gesagt kotzen und erbrechen heisst. Mit anderen Worten, ganz nüchtern betrachtet, hat man in gewissen Situationen nicht annähernd so viel im leeren Magen, wie man am liebsten speien möchte.

 

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