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Leo Baeck Year Book 2006 (Dietzsch) PDF Drucken E-Mail
12.03.2007

Gedenken an Gabriel Riesser

Leo Baeck Institute: Year Book 2006

Year Book des Leo Baeck Institute, Band LI (2006), hg. v. J. A. S. Grenville u. Raphael Gross, Berghahn Books Oxford, London, Jerusalem, N.Y., 481 S.



 
von Steffen Dietzsch

Dieser Band wendet sich kulturellen und gesellschaftlichen Verbindungsformen in der neueren jüdisch-deutschen Geschichte zwischen frühem 19. Jahrhundert und der Schoah zu. – Aus Anlass des 200. Geburtstages des Hamburger Juristen Gabriel Riesser (1806-1863), der 1859 erster jüdischer Richter in Deutschland wurde, werden hier neue Forschungsergebnisse zu untrennbar mit der deutschen Geschichte verbundenen Leistungen jüdischer Intellektueller, Geschäftsleute und Industrieller vorgestellt.

Im Beitrag von Uta Lohmann – Sustenance for the Learned Soul (11-40) – wird auf die intensive Verlagstätigkeit der jüdischen Freischule (1778 – 1825) in Berlin, die von David Friedländer gegründet und lange zusammen mit seinem Schwager Isaak Daniel Itzig geleitet wurde, aufmerksam gemacht. Der Leiter der Buchdruckerei der Freischule, Isaak Euchel (1756-1804), einer der Begründer der jüdischen Aufklärung (Haskalah) und Schüler Immanuel Kants – auch sein 250. Geburtstag motivierte die Thematik des Year Book 2006 –, prägte diese Publikationsarbeit und inspirierte entscheidend das Emanzipations- und Selbstbewusstsein der jüdischen Bürgerschaft in Preußen.

Den asymptotischen Dimensionen dieses Prozesses von sozialer Eingliederung und religiöser Selbsterhaltung widmen sich die Beiträge von Reinhard Rürup Jewish Emancipation and the Vision of Civil Society in Germany (43-50), Steven M. Lowenstein über German Jewish Familys (51-59) und Niels Roemer zu German-Jewish Memories (61-77). – Von einer außerordentlichen jüdischen Erfolgsgeschichte berichtet Gerhard Wolf in seiner biographischen Studie zu Mac Goldsmith: A Jewish Career in the German Automobile Industry 1925-1936 (153-189).

Neues Forschungsmaterial bieten auch die Beiträge zu zwei innerhalb des jüdischen Selbstverständnisses gegenläufigen geistigen Bewegungen: sowohl zu der von Nathan Birnbaum (1864-1937) seit 1900 begrifflich neu – und positiv – bestimmten Kultur des Jiddischen bzw. des ›Ostjudentums‹ als auch zum Herzl-Nordauschen Zionismus. So erschließt der Beitrag von Jon G. M. Simonsen Antisemitism and Eastern Jews in Leipzig 1919-1923 (79-101) neue Dimensionen des bürgerlichen Alltags jüdischen großstädtischen Lebens, das – im Falle Leipzigs – durch das Nebeneinander von etablierter jüdischer akademischer Präsenz (hier waren u.a. Karl Joël, Max Brahn, Felix Hausdorff (›Paul Mongré‹) oder Raoul Richter namhafte Privatdozenten der Philosophischen Fakultät) und den jüdischen Händlern (am Pelzhandelszentrum Brühl) geprägt war. Leipzig war aber in jenen Jahren auch ein Zentrum religiös-devianter Bewegungen (vom Mazdanan bis zum Monistenbund), deren antisemitischer ›Unterstrom‹ viele äußerlich politisch-theologische Ressentiments gegen ›das Jüdische‹ verband.

Im Beitrag von Christian Wiese – The Janus Face of Nationalism: The Ambivalence of Zionist Identity in Robert Weltsch and Hans Kohn (103-130) – wird der Zwiespalt von kultureller Emanzipation und gouvernementaler Dominanz thematisiert, der den Zionismus prägt.

Vom Einbruch der Schoah und ihrer Folgen für das Schicksal jüdischer Existenz berichten – einmal als glückliches Entrinnen – Charmian Brinson über Science in Exil: Imperial College and the Refugees from Nazism (133-151), und zum anderen – inmitten der Hölle – Miriam Intrator mit ihren Forschungsergebnissen zu Storytelling and Lecturing during the Holocaust: The Nature and Role of Oral Exchanges in Theresienstadt 1941-1945 (209-233). – Als eine Ergänzung zu ihrem Beitrag sei hier noch auf die philosophische Vortragstätigkeit des Leipziger jüdischen Wundt-Schülers Max Brahn während seiner Internierung im Jahre 1944 in Terezin1 aufmerksam gemacht (die Quellen dazu befinden sich im Max-Brahn-Nachlass des Weimarer Goethe-Schiller-Archivs); Brahn entkam zunächst Anfang 1934 ins holländische Exil, wurde aber 1940 nach dem deutschen Einmarsch in Westerbork interniert und war zwischen Ende 1943 und Ende 1944 in Terezin, ehe er dann im November 1944 (mit dem letzten Transport) nach Auschwitz deportiert wurde.

Auch dieser 51. Band aus dem Leo Baeck Institute ist schon durch seinen bibliographischen Teil (der ein Drittel das Gesamtbandes ausmacht!) ein unentbehrlicher Beitrag zur Grundlagenforschung der jüdisch-deutschen Geschichte.

 

1 Diese Vortragsthemen sind faksimiliert bei Steffen Dietzsch: Max Brahn und die Leipziger Philosophische Fakultät, in: Theodor-Litt-Jahrbuch [Leipzig], 2003, S. 119.

 

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