Vidal: Bocksgesang (Arnswald) PDF Drucken E-Mail
18.02.2007

Bocksgesang

Gore Vidal: Bocksgesang
Gore Vidal: Bocksgesang. Antworten auf Fragen vor und nach dem 11. September, Hamburg (Europäische Verlagsanstalt) 2003, 121 S.

von Ulrich Arnswald

Die Aktualität dieses Buches ist in Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr Amerikaner die Gründe für den Krieg im Irak hinterfragen, größer denn je. Mit der Aussicht des nahenden Endes der Ära Bush sowie mit Beginn des amerikanischen Vorwahlkampfes werden diese Fragen zudem die amerikanische Öffentlichkeit verstärkt beschäftigen. Ob die amerikanische Außenpolitik in ihrer grundlegenden Konzeption dauerhaft gescheitert ist und einer Neuausrichtung bedarf, ist auch von Bedeutung für den gesamten Westen. Die ›Neue Weltordnung‹ Amerikas scheint im Irak auf Sand gelaufen zu sein. Im Atompoker mit dem Iran wird sich voraussichtlich zeigen, in welche Richtung Amerikas außenpolitische Doktrin in Zukunft weisen wird. 

Gore Vidal, das enfant terrible unter den Intellektuellen Amerikas, hat mit dem Buch Bocksgesang eine Kampfschrift vorgelegt, deren titelgebender Essay sich auf den 11. September 2001 bezieht. Vidal zeigt sich auch in diesem Buch als einer der schärfsten Kritiker des amerikanischen Establishments und seiner Regierung, die er als »Cheney-Bush-Junta« bezeichnet. Seine Enthüllungen über den 11. September und die Vertuschungen der Bush-Regierung sind beunruhigend, seine Analyse der amerikanischen Außenpolitik illusionslos. Zugleich schlägt Vidal den historischen Bogen und sieht die aktuelle Außenpolitik in den Grundzügen der amerikanischen Außenpolitik des letzten Jahrhunderts verankert.

Der Schriftsteller Gore Vidal, Sohn eines Senators, hat mit Bocksgesang eine vehemente Kritik der amerikanischen ›Plutokratie‹ geschrieben. Sein Ansinnen ist es, den Machthabern ihre Ungereimtheiten vorzuhalten und die Stimme gegen die Dummheit und Ungerechtigkeit der amerikanischen Außenpolitik zu erheben. Die Frage, wem die Anschläge vom 11. September nutzen, kommt dabei selbstredend zur Sprache. Unabhängig davon, ob man einer Verschwörungstheorie anhängt oder nicht, ist es zweifellos nach wie vor geboten, die Vorgänge um den 11. September zu durchleuchten, insbesondere da eine Reihe von Anweisungen und das Ignorieren von Warnungen nach wie vor undurchsichtig sind.

Nachdem Amerika in Afghanistan mit der Durchsetzung einer ›Neuen Weltordnung‹ begonnen hat, sind nun zunehmend andere Länder an der Reihe. Nach dem jetzt laufenden Irak-Krieg stehen Nordkorea und Iran ganz oben auf der Liste, und diese Liste reicht wesentlich weiter als bis zur sogenannten ›Achse des Bösen‹ (Irak, Iran und Nordkorea). Es ist zu befürchten, dass die USA permanent auf dem Verteidigungsfall bestehen und somit gleichfalls dauerhaft im Krieg verharren werden. Vidal sieht in einem solchen Ausnahmezustand am besten gewährleistet, dass die Interessen der Rüstungs- und Ölindustrie zum Zuge kommen. Neben dem exorbitanten Rüstungsetat werden zudem der Bevölkerung noch weitgehende Einschränkungen der Bürgerfreiheiten durch neue Sicherheitsgesetze auferlegt, die die Angst im Sinne der kriegstreibenden Industriekonglomerate und der Bush-Administration verstärken helfen. Oberstes Ziel ist die Wahrung der Interessen der Industrien, die die »Junta« an die Macht gebracht hat.

Dabei sieht Vidal die USA als ein ›Imperium‹ an, das sich expansionistisch und kriegslüstern über den Globus ausstreckt und nur die Durchsetzung seiner eigenen Interessen kennt. Menschenrechtsdiskurse, Demokratieforderungen sind nur äußerliche Placebos für das weltweite Publikum. In Wahrheit geht es aber um die nationalen Interessen, womit natürlich nur die kleine Minderheit der Begüterten Amerikas gemeint ist. Die restlichen US-Amerikaner mögen sich tagtäglich unter miserablen Bedingungen in mehreren Jobs rumschlagen. Am Abend haben sie dann nur noch zehn Minuten Zeit für Politik. Die angestrebte Müdigkeit und Erschöpftung der arbeitenden Bevölkerung erlaubt wie gewollt deren intensive Beschäftigung mit der Politik des Establishments nicht. Dies sei keine große Überraschung, denn »[a]merikanische Politik ist im Grunde eine Familienangelegenheit, wie meist in Oligarchien« (S. 95).

Als Imperium steht Amerika dabei wie alle Imperien außerhalb des Gesetzes. Vidal wörtlich: »Wir stehen jenseits des Gesetzes, was für ein Imperium nicht ungewöhnlich ist; leider stehen wir auch jenseits des gesunden Menschenverstandes« (S. 42). Dieses jenseits des gesunden Menschenverstandes sieht er dahingehend gegeben, dass es erst der Anschläge des 11. Septembers bedurfte, damit durch eine offizielle Propagandaschlacht das amerikanische Publikum so manipuliert werden konnte, dass es den Kriegswünschen seiner Regierung – oder in Vidals Sprachduktus »Junta« – zustimmte.

Der 11. September kam daher nach Vidal der Erreichung der außenpolitischen Ziele Amerikas äußerst gelegen. Trotz Warnungen von Putin und Mubarak, vom Mossad, CIA-Direktor Tenet oder dem FBI habe man sich zum Stillhalten entschieden, ja sogar auf das routinemäßige Aufsteigen der Abfangjäger bei vom Kurs abkommenden Zivilflugzeugen verzichtet. Für Gore Vidal hat Amerika mit dem 11. September bewusst ein Opfer erbracht, um einen vorzeigbaren Grund für die lang geplanten Folgekriege zu haben.


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