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Der Umbau der Bildungslandschaft schreitet fort von Jörg Büsching Um eine Marke dauerhaft zu etablieren, lehrte mich vor einiger Zeit der Mitinhaber und kreative Kopf einer erfolgreichen norddeutschen Werbeagentur, übrigens Absolvent der Eliteuniversität Oxford, müsse man sie nur immer und immer wieder ins Gespräch bringen. Er verglich das öffentliche Bewusstsein sehr sinnig mit einem Regal voller hübscher, bunter Verpackungen. Da sich das Auge an die Abfolge der Farben, Formen und phantasievollen Schriftzüge gewöhnt habe, sei es sehr schwer, etwas Neues zu platzieren. Die Kunst des Werbens bestehe deshalb vor allem darin, das Neue wie etwas Altbekanntes aussehen zu lassen. Dann werde irgendwann eine der etablierten Verpackungen vorn vom Regal herunterfallen, während die von hinten nachgeschobene nun einen festen Platz im Bewusstsein der Öffentlichkeit habe.
Auch in der deutschen Universitätslandschaft scheint dieses Prinzip langsam zu fruchten. Nach dem überragenden Erfolg des zweiten Durchgangs der »Exzellenzinitiative« wird nun erwogen, diesen Wettlauf um regierungsamtliche Reputation und öffentliche Gelder zu »verstetigen« - »institutionalisieren« wäre wohl das bessere Wort. Endlich, endlich Anerkennung! Schon die bloße Aussicht auf das begehrte »Elite«-Etikett soll gestandene Professoren zu panegyrischen Ergüssen über die eigene Exzellenz veranlasst haben. Daran sieht man, wie recht doch der alte Hegel gehabt hat: Man muss aus sich herausgehen, durch Selbstentfremdung die Anerkennung der Anderen erlangen, um so zu seinem wahren Selbst zurück zu finden. Allerdings lehrt uns die Dialektik auch, dass jedwedes Ding zwei Seiten hat, und so vernehmen wir mit Schrecken den Bericht über einen Studierenden, der sich an der ersten deutschen »Elite«-Universität, nachdem der akademische Alltag wieder eingekehrt war, auf der Suche nach der Exzellenz in den düsteren Fluren seiner Alma Mater verlaufen hat. Germanist soll er gewesen sein. Aber nicht doch! Kein Grund zur Beunruhigung, lässt sich, pausbäckig strahlend, die zuständige Ministerin vernehmen, bei der erneuten »Exzellenzinitiative« seien ja auch die Geisteswissenschaften gebührend berücksichtigt worden. - Unfähig, uns von solcher Zuversicht anstecken zu lassen, beschleicht uns stattdessen eine schlimme Vorahnung: Ziehen wir, um diesem Gefühl auf den Grund zu gehen, das Bild vom Regal heran. Statt der hübsch bunten Verpackungen sehen wir jetzt eine lange Reihe gleich großer, grauer Schachteln. Kein knalliger Aufdruck prägt sich uns ein, kein Markenname verleitet uns zum voreiligen Zugreifen. Auf der Unterseite einer jeden Schachtel befindet sich lediglich ein mit winzigen Schriftzeichen bedruckter Aufkleber, der minutiös die Inhaltsstoffe auflistet. Einige Begriffe kennt man, bei der Mehrzahl handelt es sich jedoch um nichtssagende Fremdwörter, die meistens auf »-ismus« enden. Und weil niemand solche öden Listen liest, muss man sich selbst vergewissern, indem man jede einzelne Schachtel öffnet und den Inhalt prüft. Was man gebrauchen kann, nimmt man heraus und lässt den Rest unbeachtet. Der Inhalt ist so beschaffen, dass er niemals zur Neige gehen kann. Nur die Schachteln nutzen sich mit der Zeit ab. Die ein oder andere ist irgendwann so abgegriffen, dass man sie nicht mehr ins Regal zurückstellen mag. Der Inhalt wandert in ein Archiv, wo er so lange verweilt, bis ein Forscher kommt, der eine neue Schachtel gebastelt hat. Er füllt den Inhalt hinein, klebt sein Zettelchen drauf und stellt es wieder ins Regal. Seit Tausenden von Jahren funktioniert dieses System. Sein Zweck liegt darin, dass man lernt, selbst nachzuschauen, statt irgendeinem Aufkleber zu vertrauen. In diese Welt platzt nun die ›Institution‹: Man reicht dem Forscher (der vielleicht noch nicht einmal seine graue Schachtel gebastelt, nur den Zettel mit den ›Ismen‹ grob skizziert hat) eine kostbare Edelholzschatulle, auf der in goldenen Lettern das Wort »Elite« prangt. Diskret lässt er seinen Zettel verschwinden (weil den ja sowieso niemand liest) und stellt mit großer Geste die hastig befüllte Schatulle ins Regal. Wer wird jetzt noch den Mut haben, nach einer der grauen Schachteln zu greifen, wer sich eigenhändig vom Inhalt überzeugen wollen, wenn es doch genügt, die Schatulle berührt zu haben, um selbst zur »Elite« zu gehören? Dies ist, wie gesagt, nur eine Vorahnung und vielleicht allzu pessimistisch. Wie sehr allerdings das neue Verfahren bereits etabliert ist, sieht man an den Reaktionen derer, die es auch diesmal nicht geschafft haben. Man werde halt mit den eigenen Mitteln weitermachen, sich noch mehr anstrengen, so heißt es, um beim nächsten Mal vielleicht mit Glück unter den Auserwählten zu sein. Das klingt zunächst positiv, doch wer ein Ohr für Zwischentöne hat, kann die leise Verzweiflung kaum überhören, die stets in solchen Beteuerungen des Mittelstandes mitschwingt, der, sich eigentlich zur Elite gehörig fühlend, doch stets befürchten muss, demnächst ins Prekariat abzurutschen. - Was aber fangen wir mit einem akademischen Prekariat an? |