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Vom Zweig als Zweck zum Ziel
von Peter Heisch*
Die Reihung der drei Substantive, die zufällig mit dem letzten Buchstaben des Alphabets beginnen, steht bei näherer Betrachtung in einem engeren Zusammenhang zueinander, als man gemeinhin vermuten möchte. Der Zweck ist ein sprachlicher Ableger des Zweigs, denn er verdankt seinen Namen der Tatsache, dass man zwecks Schiessübungen mit Pfeil und Bogen die Zielscheibe einst an den Zweigen von Bäumen befestigte.
Das war schließlich der Zweck der Übung, von der uns nur noch das profane Überbleibsel von Reisszwecken zur zweckdienlichen Befestigung wichtiger Mitteilungen auf Wandtafeln kündet. Unternehmungen, die von vornherein am Ziel vorbeizuschiessen drohten, erklärte man daher zu Recht als zwecklos, wenn nicht sogar inkriminierend für zweckentfremdet.
Daran führt kein Weg vorbei: Zweckmäßigkeit ist stets zielgerichtet, oder wie immer man das mehr oder weniger hochtrabend benennen mag, und führt nicht selten zu einer Zweckgemeinschaft von Kehrichtverbrennungsöfen, Energieversorgungseinrichtungen, Sammelkläranlagen und zum Verbund multinationaler Konzerne. Es ist daher zwecklos, über die Zweckdienlichkeit fragwürdigen Tuns zu lamentieren; letzten Endes dient vieles einem guten Zweck. Manchmal sogar unbeabsichtigt, wie das Beispiel der Erfindung von Schiesspulver und Dynamit lehrt. Sofern eine Sache glücklich beendet wird, hat sie ihren Zweck erfüllt. Friedrich Schiller definierte die Zweckmässigkeit als die Quelle jedes Vergnügens, »um den Strom der Gedanken zum Kopf zu leiten«, wie Schopenhauer ergänzend »den Zweck alles Schreibens« bezeichnete. Dass ausgerechnet Alfred Krupp der Ansicht war, der Zweck der Arbeit solle das Gemeinwohl sein, überrascht doch einigermassen. Vielleicht erinnerte er sich dabei des unzimperlichen Prinzips jener Jesuiten, die bereits im 17. Jahrhundert die Meinung vertraten, der Zweck heilige die Mittel, als er seine dicken Kanonen baute, die zweckbestimmt auf die vernichtende Befriedung des Gegners gerichtet waren (Stichwort: Zielgruppe!). Auf heutige Verhältnisse übertragen, hiesse das mit anderen Worten: Erlaubt ist, was der Verfolgung höherer Interessen dient, die mit rechtsstaatlichen Mitteln kaum zu erreichen wären. So werden anrüchige Machenschaften als bewährtes Mittel zum sakrosankten Selbstzweck erklärt. Dahinter steht die feste Überzeugung: Wer sein Ziel verfehlt, kommt schwerlich jemals auf einen grünen Zweig. Damit schliesst sich der Kreis von Zweig, Zweck und Ziel. Wobei noch erwähnt zu werden verdient, dass der Vergleich mit dem »grünen Zweig« einstmals den Wunsch auf gutes Gelingen zum Ausdruck brachte und nicht, wie man vielleicht glauben könnte, auf jene Zeiten anspielt, da unsere Vorfahren noch auf den Bäumen lebten. Er beruft sich auf einen alten Rechtsbrauch, bei welchem man nach der Handänderung (apropos einer schweizerischen Wortschöpfung!) eines Grundstücks dem neuen Besitzer symbolisch einen Zweig überreichte, der Bezug nahm auf das erworbene Territorium, also bei Wald einen Tannenzweig, bei Weinbergen einen Rebschössling, bei Obstbäumen einen Blütenzweig. In der Tat ein höchst effektives, zweckvolles Unterfangen. *Peter Heisch, geb. am 10.11.1935, lebt in Schaffhausen. Ehemaliger Chefkorrektor der »Schaffhauser Nachrichten«. Veröffentlichungen: Zollfibel. Trostbüchlein beim Grenzübergang, Rosgarten 1964; Stille Ufer - Herbstliche Skizzen zu Hochrhein und Bodensee, Schaffhausen 1965; Schelme, Schmuggler, Sünder, Rosgarten 1969; Rundum positiv, Reinbek bei Hamburg 1988; Beim Wort genommen – Sprachglossen, Schaffhausen 1997; Oh, ist das komisch, Reinbek bei Hamburg 1985; Wage es, den Frosch zu küssen, Köln 1987. - GlobKult veröffentlicht in loser Folge einige der ›Sprachglossen‹ von Peter Heisch. |