Büsching: Exzellenzen (1) PDF Drucken E-Mail
14.10.2006

Dr. al. und Dr. el. - Die Neuausrichtung der Bildungslandschaft

von Jörg Büsching

Markenbewusstsein - Sie wissen, was das ist? Stellen wir uns zwei Schokoriegel vor. Der eine ist in knallbunte Folie gewickelt und trägt eine nichtssagende Aufschrift in völlig überladenem Design, der andere steckt in dickem, teurem Hochglanzpapier, sagen wir, mitternachtsblau oder bordeauxrot, oben drauf prangt ein bekannter Name in zierlicher, goldfarbener Renaissanceantiqua. Der erste ist für 39 Cent bei Aldi zu haben, den zweiten gibt es für EUR 2,39 im exclusiven Nobelkaufhaus. Der Clou dabei: Beide kommen aus derselben Fabrik, und obwohl König Kunde das weiß, greift er lieber zum teuren. Das ist Markenbewusstsein.

Dieses Markenbewusstsein hat jetzt endlich den Bildungsbetrieb erreicht! In der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt wird demnächst der erste Aldi-Hörsaal eingeweiht. Vorzugsweise sollen dort, wie zu vernehmen, Wirtschaftswissenschaftler ausgebildet werden. Im Wissenschaftsministerium sei man begeistert gewesen. 

Wenn sich die Mutter aller Schnäppchenjagden so für das deutsche Bildungssystem engagiert, darf Vater Staat natürlich nicht zurückstehen: Klotzen statt Kleckern! Und nachdem das Discountsegment, nach weit verbreiteter Meinung sowieso schon überrepräsentiert, nun auch namentlich angemessen vertreten ist, hat man sich folgerichtig um die Stärkung der exzellenten - oh, Verzeihung! -: excellenten Forschung bemüht. Die neue Marke heißt: »Eliteuniversität«. Von einer »hochkarätigen Kommission« wurden drei Stätten excellenter Forschung auserwählt. Hach, man sieht sie förmlich vor sich, die goldfarbenen Lettern!

Um den markenbewussten Absolventen ein für alle sichtbares Aushängeschild mitzugeben, sollte man ihnen auch passende Titel verleihen, vielleicht Dr. al. für den einen und Dr. el. für den anderen. Durch diese Vereinfachung könnte man Kosten sparen - und die Bedeutung der alten lateinischen Abkürzungen kennt sowieso niemand mehr. Auch die Aufgabenverteilung kann man sich schon lebhaft vorstellen. Aus dem Aldi-Hörsaal schwärmen die Heere der Abwickler in die - noch - blühenden deutschen Industrielandschaften aus, um nach Schnäppchen fürs globalisierte Kapital zu suchen; in den Eliteunis werden die Hightech-Produkte der Zukunft entwickelt, die dann von amerikanischen oder japanischen Konzernen in ihren chinesischen Fabriken produziert werden, und zwar jeweils in zwei Varianten: als Noname-Produkt fürs Aldiregal und als Markenartikel für den »anspruchsvollen Kunden«, der lieber ein paar Euro mehr ausgibt, um sich von der schnöden Masse abzuheben.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Rede, die unser Bundespräsident vor gut drei Wochen in einer Berliner Schule gehalten hat? »Bildung für alle« lautete ein wenig marktschreierisch der Titel. Nachdem Wirtschaft und Staat nun in einer konzertierten Aktion die Marken gesetzt haben, wissen wir endlich, wie das gemeint gewesen ist. - Der Hinweis auf Wilhelm von Humboldt erscheint in diesem Licht allerdings als glatter Stilbruch. Aber vielleicht ist der Redenschreiber des Präsidenten ja schon ein Dr. al.

 

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