Heisch: Engel in Mönchskutte PDF Drucken E-Mail
10.09.2006

Schwarzer Engel in Mönchskutte

von Michael Heisch

Gottes Wege sind unergründlich. Im Falle von Pater Bruno (Harry Greis) sind sie von einer Hardrock-Vergangenheit geprägt.

»Heisst es denn nicht schon in der Bibel ›Lobet Gott mit Pauken und Trompeten?‹«. Ein lammfrommer Blick durchstreift die kleine Zelle, in der sich modernste Technik stapelt. Das grosse Keyboard ist mit dem Computer verkabelt, im Bildschirm leuchten farbige Tonspuren. Seit 1990 lebt Pater Bruno im Kloster Einsiedeln und hält sich strikt an die Benediktinerregeln »bete und arbeite«. Wie sich herausstellt, ist ein frei bestimmtes Leben hinter Klostermauern nicht zwangsläufig leise oder eintönig. »Hier drin haben alle Kenntnis von meiner wilden Rocker-Vergangenheit.« Sanft wischt Pater Bruno diese Bemerkung zwar über das Equipment hinweg, doch zwei funkelnde Augen fragen keck: »So what?«
Dass er ein ganz besonderer ›Engel‹ sei, daran haben sich seine 85 Mitbrüder eigentlich nie gestört. Nicht nur Musikfans mag der verzweigte Lebensweg des studierten Theologen verwundern. Pater Bruno war in seinem weltlichen Leben unter dem Künstlernamen ›Harry Stone‹ bekannt. In einer der erfolgreichsten Schweizer Bands der 80er-Jahre, den Hardrockern Black Angels, bediente er die Keyboards. Zeichen und Wunder geschahen: Die sechsköpfige Band schaffte es gar, als Vorgruppe der berühmten Rocklegende Uriah Heep aufzutreten. Eine ausgedehnte England- und Schottland-Tour brachte sie dann mit den Headlinern Nazareth zusammen. Insgesamt 26 Konzerte waren es. Die ›Schwarzen Engel‹ wurden stürmisch gefeiert, und das renommierte, amerikanische Metalmagazin Kerang! lobpreiste sie als eine neue Lichterscheinung.

Rest-Rocker ohne Groupies

Nun hängen die Devotionalien des Harry Stone an den Wänden von Pater Brunos Studio. An den Rändern leicht vergilbte Schallplattenhüllen, sorgfältig aneinander gereihte Erinnerungen aus einer aktionsgeladenen Zeit. Eine schwarze, wilde Lockenpracht baumelte ihm einst bis über die Schultern. Ein düsterer Blick schaut direkt ins Objektiv, forsch herausfordernd. »Manchmal haben wir schon zugeschlagen«, gesteht der Mönch. »Sturzbetrunken haben wir ganze Hotelzimmer demoliert. Drogen habe ich allerdings nie genommen. Wenn die anderen Hasch rauchten, verliess ich immer das Zimmer«. Und willige Groupies, gab es die auch? »Es hingen immer irgendwelche Girls herum. Aber wüste Orgien kamen nie vor.« Pater Bruno geniesst dieses Frage-und-Antwort-Spiel. Fast befürchtet man, als Befrager mehr zu erfahren, als einem eigentlich lieb ist; seine Antworten kommen schnell und bergen einen trotzigen Unterton. Mag der sportliche Körper eines älteren Mannes tagsüber in einer Kutte stecken und die Kapuze das bare Haupt bedecken, im lebhaften Gespräch blitzt ein Stück Rest-Rocker auf.

Vom Saulus zum Paulus

Seine Band heizte die Basler St. Jakobshalle ein, ehe Whitesnake mit David Coverdale (Ex-Deep Purple) als rockender Säulenheiliger und himmlische Frontfigur aufdonnerte. »Wir haben fest an den Profistatus geglaubt. Uns fehlte jedoch der Quantensprung, um ernsthaft vorwärts zu kommen«. Pater Brunos Erinnerungen werden mit jeder Frage lebendiger, sein inneres Feuer für den etwas lauteren Musikstil ist nicht gänzlich erlöscht. »Wir haben dann die Band aufgelöst. In jener Zeit habe ich viel meditiert und mich mit der Bibel beschäftigt«. Sucht man Pater Brunos Zelle auf, führt der lange Gang zuerst an der Praxis einer Podologin vorbei. Dort, wo der lange Linoleumboden endet, erblickt man grosse Holzkoffer, die unter einem schrägen Dachvorsprung lagern und Staub ansetzen. Es sind die ehemaligen Tourkisten. Der Schablonen-Schriftzug ›Black Angels‹ steht immer noch drauf, aber die weisse Farbe ist längst bröcklig. Gegenüber befindet sich Pater Brunos Refugium, Arbeits- und Erinnerungsstätte zugleich.

Auf der langen Reise nach Damaskus verwandelte sich Saulus zu Paulus, so steht’s geschrieben. Erlebte Harry Stone eine Epiphanie, hatte eine Erscheinung ihm den richtigen Weg ins Kloster gewiesen? Pater Bruno lacht. »Nein! Auch gibt es in meinem Leben keine vermutbare Bruchstelle.« In Winterthur geboren und in Langwiesen aufgewachsen, wollte er seit seiner Kindheit Priester werden, ein für die damalige Zeit üblicher Berufswunsch. Das Theologiestudium führte ihn zunächst nach Fribourg, wo er Jugendarbeit leistete.

Rom  sagt Nein

In Fribourg lernte er auch seine damalige Frau kennen. Danach musste er seinen Berufswunsch Priester zu werden, definitiv begraben. Rom sagte Nein. »Als geschiedener Mann unmöglich! Immerhin habe ich zu meiner Ex-Frau ein wunderbares Verhältnis. Sie ist übrigens ebenfalls Religionslehrerin.« Heute wirkt Pater Bruno als Diakon und assistiert bei den Messen und hält Jugendgottesdienste. Eine leise Enttäuschung, dass er kein vollwertiges Priesteramt ausüben kann, macht sich dennoch bemerkbar. Kommt der extrovertierte Ex-Rocker auf das Thema zurück, erlahmt seine lebhafte Gestik und die sonst wachen Augen eines nimmermüden Suchenden werden leer. Dann verlässt sein Blick die angehäufte Studiotechnik samt Verkabelungen und schweift in die Weite der Klosteranlage. Dort gehen seine Mitbrüder unterschiedlichen Tätigkeiten nach. Jemand versorgt die Pferde, im Garten wartet Arbeit, und die Klosteranlage benötigt Pflege. Die Benediktiner bringen Bildung und Erziehung in die umliegenden Schulen. Meldet sich der Besucher an der prächtigen Eingangspforte, vernimmt er einen höllischen Lärm aus der Weinkellerei. Es herrscht Hochbetrieb, auch in einer noch so paradiesischen Abgeschirmtheit, irgendwo in der Innerschweiz.

Nach dem Studium in Fribourg leitete er, noch unter seinem bürgerlichen Namen Harry Greis, in Schaffhausen einen Kirchenchor und war Organist in den Kirchgemeinden Paradies und Eschenz. Das Orgelspielen übe er auch heute noch aus, das verschaffe ihm Ausgleich. Er erinnert sich: »Ich ging jeweils in den Lederklamotten zum sonntäglichen Orgelspiel. Die Kirchgänger akzeptierten dies nicht gleich auf Anhieb, doch ich blieb mir stets treu.« In der Kirchgemeinde Eschenz lernte er einen Benediktinermönch kennen, vielleicht eine entscheidende Begegnung, um irgendwann mal doch noch die Lederkluft gegen die Kutte einzutauschen. Bestimmt aber entstanden die Black Angels anlässlich der kirchenmusikalischen Auftritte. Die Jugendlichen musizierten bei diesen Gelegenheiten und formierten sich später zur legendären Rockband.

Professionelle Spielfilme

In nächster Zeit werde er etwas kürzer treten, er nähere sich ja bereits dem Pensionsalter. Pater Bruno gibt Religionsunterricht in 25 Schulklassen. Bekannt geworden sind in Einsiedeln die abendfüllenden Spielfilme, die er jeweils mit der Abschlussklasse (3. Oberstufe) dreht. Acht Spielfilme, inzwischen mit sehr aufwändigen Drehtechniken, teilweise mittels Helikoptereinsatz, sind entstanden. Die neueste Produktion, in der üblich professionellen Aufmachung, bearbeitet Pater Bruno am Computer nach: »Das geht dann oft bis spät in die Nacht. Ich geniesse hier einen Sonderstatus. Wenn die anderen zur Morgenandacht gehen, lege ich mich erst einmal schlafen.« Der Benediktinermönch ist ein ambitionierter Mensch. »Die Klosteranlage gegen das Hollywoodgelände eintauschen möchte ich jedoch nicht. Aber zugegeben, Hollywood ist aus meinem Schaffen nicht mehr wegzudenken. Diese Filme dienen mir als Vorbild«, er zeigt dabei auf eine gut sortierte Filmothek. Weder Liebes- noch klassische Kriegsfilme fehlen. »Lernen kann man nur von den ganz Grossen, wie beispielsweise Steven Spielberg.«

Mit seinen Schülern realisierte er Filme zum Thema »Wie geht der Mensch mit seinem Mitmenschen um?« Die Schüler liefern die Vorgaben für die Dialoge, gemeinsam macht man sich an die Dreharbeiten. Lehrstücke entstehen: Ein Mädchen wird schwanger. Sie verheimlicht dies ihren katholischen Eltern. Aber auch das Dorf, unverkennbar als Einsiedeln dargestellt, darf nichts davon erfahren. Der Vater des Kindes ist selber noch ein Kind und Sänger der lokalen Rockgruppe Black Angels. Er verstösst die Freundin zuerst, steht ihr dann aber doch bei. Das Kind kommt zur Welt, der junge Vater verunfallt tödlich. Also doch kein Happy End à la Hollywood? Pater Bruno hält als Regisseur die Fäden zusammen. Er greift ein, wenn die Dialoge stocken oder die Requisiten falsch platziert sind. Er feuert aber auch an, wenn sich auf dem Drehplatz nichts bewegt und die Zeit immer knapper wird. Denn die Tagesmiete für die Spezialtechnik ist teuer. Das Kloster leistet einen kleinen Beitrag, sozusagen als Kulturförderung.

Here I go again

Auf dem schmalen Tischchen liegt ein grüner Flaschenöffner mit dem Aufdruck ›Falkenbier‹. Pater Bruno greift danach und zischt flink einen obergärigen Hopfensaft. Heimweh nach Schaffhausen? »Nein, habe ich eigentlich nie. Alles hat seine Zeit. So wie ich jetzt lebe, stimmt’s. Ich bereue nichts.«

Heute ist Konventamt in der Klosterkirche. Dichter Weihrauchduft weht den vielen Kirchgängern entgegen. Vor der Gnadenkapelle macht Pater Bruno einen tiefen Kniefall. Die schwarze Madonna mit dem Kinde sieht’s und lächelt milde. Eine Frau betet versunken den Rosenkranz, Pilger vor den Votivtafeln zünden Kerzen an. Draussen freuen sich die Souvenirhändler auf die Touristen, die gleich scharenweise mit Bussen erwartet werden. Die schwarze Madonna gibt’s in allen handlichen Formen. Auch in einem bestickten Etui als Reise-Set, grün oder rot. Wir verabschieden uns. Doch, er sei mit dem klösterlichen Leben sehr zufrieden, nickt und blickt zu seiner Zelle hinüber. Fast als wolle er sich vergewissern, ob das Studio noch steht. Was würde David Coverdale zu Pater Brunos Entscheidung sagen? »Here I go again on my own«, konsequent sind am Ende beide.


[Fotografien: Alexandra Rosetti]


Aufnahmen:
Hellvetic Rock I (2004) und Hellvetic Rock II (2006)
[CD-Compilations, u.a. mit je einem Song von den Black Angels]

Nur als Schallplatten:
Hellmachine (1981)
Kickdown (1983)
Broken Spell (1985)
 

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