Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität Berlin. Er ist Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.


Bannkreis: Neulich im Einstein...

Das Einstein in der Kurfürstenstraße - mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße - ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint.

Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt - in loser Folge - die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.



Bannkreis (29) Verrat als öffentlicher Dienst PDF Drucken E-Mail
02.02.2010
...neulich im Einstein

... – die Gazetten berichteten, die Regierung wolle es einem Denunzianten millionenschwer entgelten, dass er ihr Steuerflüchtlinge namhaft mache. Ich war erinnert an eine mich seinerzeit irritierende Sentenz von Nicolás Gómez Dávila, der Mitte der Achtziger Jahre notierte »Die Kunst des Denunzianten wird in all ihrer Perfektion nur in Zeiten reiner Demokratie praktiziert.« War der alte Reaktionär wieder einmal – wie immer! – grundeinsichtig? Lernen wir nur von ihm und Seinesgleichen etwas über wirkliche Lebenslagen unserer sozialen Welt? – Etwa: Wie parlamentarische Demokratien mit den sie konstituierenden spirituellen Grundlagen umgehen, allen voran mit Geist und Idee des Rechts. Ist das Recht geschmeidig angesichts fiskalischer Boni [so wie früher angesichts politischer Opportunität]? Was ist mit fiat iustitia et pereat mundus? Folgte sogar ein Dschingis Khan eher jener kantianischen Maxime, als er Denunzianten, die ihm einen lange gesuchten Feind in die Hände spielten, zuerst aufknüpfen ließ?

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Bannkreis (28) Eleven/Nine PDF Drucken E-Mail
11.11.2009

...neulich im Einstein

Eleven/Nine - ich hatte mich hierher sozusagen gerettet! Die Innenstadt war eine überdimensionierte Arena für Polit-Clownerien. Durchs Zentrum führte eine kilometerlange Pappmaché-Mauer, deren Segmente wie Dominosteine aufgestellt waren, um dann den bekannten Jericho-Effekt auszulösen … Aber es gab auch andere Imitationen politischer Theologie: Passionswege durch die Leidenslandschaft der ehemals eingemauerten Stadt, mit Märtyrerstationen, sozusagen Berliner Springprozessionen, symbolische Einkerkerungen (Johannes-der-Täufer-light) und allerorts Heiligenlegenden (vulgo: Zeitzeugen), die allerdings keine strenge kanonische, glaubenskongregative Verifizierung zu gewärtigen haben. Über allem, auf dem Dach des ›Adlon‹, wedelte ein Model, als Engel, marmorweiß wie eine Friedhofsplastik, mit ihren Flügeln. Ein bildungsferner Kommentator wollte darin die Verkörperung des ›Engels der Geschichte‹ Walter Benjamins...

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Bannkreis (27) Adorno ist tot? PDF Drucken E-Mail
09.08.2009

...neulich im Einstein

...es war zufällig der Tag, an dem vor vierzig Jahren [!] Adorno das Zeitliche segnete, kam wie selbstverständlich ein Bilanzbegehren über mich, denn auch ein ungläubiger Christenmensch kann sich dem biblischen Bann der Vierzig Jahre kaum entziehen. Was für Jahre waren das? Vierzig fette oder vierzig magere? Natürlich bezogen auf das, wofür dieser Wiesengrund eigentlich einstand: Denkfreiheit, Diversifikation, Diskursivität. – Ein Freund kramte dessen letzten Text – Resignation – hervor. Da will er sozusagen testamentarisch als der kompromisslos kritisch Denkende in Erinnerung bleiben. Als einer, in dem das utopische Moment desto stärker (ist), je weniger es zur Utopie sich vergegenständlicht und dadurch deren Verwirklichung sabotiert....

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Bannkreis (26) Termitologie PDF Drucken E-Mail
02.06.2009

...neulich im Einstein

... – als ich es einem Kommilitonen aus Padua zeigte –, mussten wir über eine herrliche (deutsch)sprachliche Fehlleistung von ihm lachen. … Er führte mir gerade übersprudelnd Beispiele massenmedialer berlusconischer Niederungen in der intellektuellen Italianitá vor und prägte dann das aufschlussreiche Wort von der verhängnisvollen politischen Termitologie, die schier unaufhaltsam den italienischen Geist dominiere. – Augenblicklich war mir klar: Dieser neue Beitrag zur aufklärerischen Lexik der Gegenwart sollte unverzüglich ins iablis-geführte Alphazet aufgenommen werden!...

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