Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität Berlin. Er ist Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.


Bannkreis: Neulich im Einstein...

Das Einstein in der Kurfürstenstraße - mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße - ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint.

Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt - in loser Folge - die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.



Bannkreis (32): Hypokrisis PDF Drucken E-Mail
20.06.2010
...neulich im Einstein

 – Nachrichten von Anschlägen und Gefallenen häufen sich. Unsere Soldaten am Hindukusch verteidigen sich, … wir sie auch? – Befehligt wird die Truppe (erstmals in Deutschland) von einem Parlament. Die Soldaten sollen, so der parlamentarische Konsens, dort in der Ferne unsere Freiheit hier verteidigen. Und just dafür schicken wir wagemutig ein halbes Dutzend Regimenter! Die stehen im Kampf mit global agierenden Terroristen, werden aber mit nichtmilitärischen Zielsetzungen befasst und dafür nur leicht bewaffnet, nur Bodentruppen, keine Artillerie. Sie finden ihren Gegner nicht in der Armee des Landes; und natürlich auch nicht in deren Bewohnern...

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Bannkreis (31): Prager Frühling redivivus PDF Drucken E-Mail
05.06.2010
...neulich im Einstein

… überraschte mich das jüngste Wahlergebnis in Tschechien: die Nachricht war, dass es offensichtlich in einer ausgeprägten parlamentarischen Demokratie nicht alternativlos zugehen muss. Dass die parlamentierenden Parteien sich nicht einbilden dürfen, naturrechtlich eingehegt – und existenzgesichert – zu wirken. Der Souverän in Tschechien hat das (nachtotalitäre) wohlstandsgenerierte Parteienspektrum – links-grün-ultralinks-linksliberal – in den Orkus geschickt. Fast schien es, dass das Beispiel des großen Bruders (der diesmal die saturierte Bundesrepublik ist) mit seinem inzwischen unentwegt linksdrehenden Malstrom das spöttische Völkchen in Böhmen & Mähren – wie einst vom Osten her – gelähmt hätte. Aber das jüngste Wahlergebnis zeigt, dass eine übergreifend linke (numerische) Wählermehrheit mitnichten das entropische Schicksal saturierter, hysterisch verängstigter, linksegalitärer Wohlfühlgesellschaften sein muss...

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Dietzsch: Pflicht PDF Drucken E-Mail
01.06.2010
Königsberger Kommentar zum Präsidentenrücktritt

von Steffen Dietzsch


»Pflicht! Du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüthe erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern blos ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüthe Eingang findet und doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich ingeheim ihm entgegen wirken: welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen, die unnachlaßliche Bedingung desjenigen Werths ist, den sich Menschen allein selbst geben können?«
Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, AA, V, 86.

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Bannkreis (30): Zu spät PDF Drucken E-Mail
11.04.2010
...neulich im Einstein

…  las ich verschiedene Berichte über das Gedenken an der Schinderstätte im Wald von Katyn. Der polnische und der russische Premier übten sich – erstmals seit sechzig Jahren! – glaubhaft in versöhnlichen Gesten. Es blieb aber ein Misston – einer nämlich fehlte: Polens Präsident. Als er dann drei Tage verspätet anreisen wollte, passierte das Malheur beim Anflug auf den Militärflughafen Smolensk...

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