Jünke: Viktor Agartz (1897-1964) Drucken E-Mail
28.02.2010
Viktor Agartz und die alternative Elitenbildung

von Christoph Jünke

I.

Warum sollten sich Historiker, Sozialwissenschaftler und, vor allem, gewerkschaftlich Interessierte mit Leben und Werk von Viktor Agartz (1897-1964) auseinandersetzen? Nicht nur, aber vor allem weil Agartz einer der herausragendsten und umstrittensten Gestalten der deutschen Nachkriegszeit gewesen ist. Der bereits in den 1920ern aktive linke Sozialdemokrat gehört zu den wenigen Deutschen, die während des Nazi-Faschismus eine unbefleckte Weste ihr eigen nennen konnten. Er hat sich, soweit ihm dies möglich war, im antifaschistischen Widerstand innerhalb des Deutschen Reiches engagiert. Unmittelbar nach Krieg und Faschismus war er der neben Kurt Schuhmacher und Hans Böckler wohl wichtigste Funktionär und Vordenker von SPD, Gewerkschaften und Konsumgenossenschaftsbewegung, führend mitbeteiligt am ökonomischen und politischen Wiederaufbau des zerstörten Landes. Als Politiker und Gewerkschafter der ersten Stunde war er wesentlich mitverantwortlich für die von der SPD und den Gewerkschaften nach dem Zusammenbruch des Nazi-Faschismus propagierte und betriebene Wirtschaftspolitik, die sich auch nach der Gründung des westdeutschen Staates im Münchner DGB-Programm von 1949 praktisch niederschlug. Als langjähriger Leiter des gewerkschaftseigenen Wirtschaftswissenschaftlichen Institutes (WWI) hat er diese Politik auch öffentlichkeitswirksam maßgeblich mitgestaltet...

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Oberreiter: Kasus Käßmann Drucken E-Mail
28.02.2010
Kasus Käßmann

von Suitbert Oberreiter

Es ist schon ein wenig schauderhaft, meine ich, was man da mit der schillernden Bischöfin Käßmann aufführte, bis sie sich durch ihren Rücktritt der allgemeinen Hatz entzog. Die Argumente zu ihrer Entfernung, die dabei vorgebracht worden sind, können nichts weniger als scheinheilig gelten; stichhaltig oder überzeugend sind sie für mich jedenfalls nicht. Der Aufruhr war ja gerade so stark, als wäre die Frau mit der Kirchenkasse unterm Arm davongegangen. Und man hat sich dabei der Kleinbürgerlichkeit der Massen aufs Schamloseste bedient und die Dorfmentalität aus Wilhelm Buschs Max und Moritz für ein paar Tage wieder aufleben lassen...


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Ammon: Weiße Rose Drucken E-Mail
18.02.2010
Die geschichtliche Tragik der »Weißen Rose« und die politische Moral der Nachgeborenen

von Herbert Ammon

Es lebe die Freiheit!
(Hans Scholl vor seinem Tod am 22. Februar 1943)

Freut Euch mit mir! Ich darf für mein Vaterland, für ein gerechtes und schöneres Vaterland, das bestimmt aus diesem Krieg hervorgehen wird, sterben.
(Kurt Huber an seine Familie vor seinem Tod am 13. Juli 1943).

I

Der ideelle Zustand einer Nation – wenn es denn den historisch-politischen Bezugsrahmen in der globalisierten, universalethisch-ideologisch überhöhten Gegenwart noch gibt (oder noch geben soll) – manifestiert sich in ihrer ›kollektiven Erinnerung‹, in lieux de mémoire, in Namen und Symbolen. Eines der schönsten und bewegendsten Zeichen der jüngeren deutschen Geschichte ist die »Weiße Rose«. Dass im Auseinanderfallen von Mythos und Wirklichkeit, im Hinblick auf deutsche Einzelschicksale wie auf die vom Nazismus herbeigeführte deutsche Katastrophe, der Mythos die historische Wahrheit birgt, wäre an der Tragik der »Weißen Rose« beispielhaft zu zeigen.

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Pflug: Afghanistan Drucken E-Mail
14.02.2010
Durchdachter Rückzug

von Johannes Pflug

Am 1. Dezember letzten Jahres verkündete der amerikanische Präsident Barack Obama, dass er im Jahr 2010 die US-Truppen in Afghanistan um weitere 30.000 Soldaten aufstocken und dann 2011 mit dem Abzug beginnen werde. Im Jahr 2012 finden die Präsidentschaftswahlen in den USA statt. Niemand kann ernsthaft glauben, dass Obama seinen Wahlkampf erfolgreich führen kann, während seine Truppen in Afghanistan in schwere Kämpfe verwickelt sind. Die amerikanischen Truppen werden bis Ende 2011 die meisten Provinzen in Afghanistan von den Taliban befreit haben - auf jeden Fall aber den Eindruck erwecken, die Taliban in Afghanistan seien besiegt. 
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Biermann: Melancholie Drucken E-Mail
10.02.2010
Melancholie

von Wolf Biermann

Das Lied Melancholie widmete ich vor gut 20 Jahren dem Philosophen Emile Cioran, den ich durch Manés Sperber in Paris kennen lernte. Wir stritten uns rum über den Begriff Hoffnung. Er hasste die Hoffnung. Ich verteidigte tapfer als deutscher Linker und Blochverehrer die Theorie meines verehrten Freundes in Tübingen, das ›Prinzip Hoffnung‹. Kam aber nicht gegen diesen Cioran an. Der hielt das Geschwafel über Hoffnung für einen intellektuellen Selbstbetrug, für eine Illusion, mit der sich die ›Tellektuelinns‹ selber in die Tasche lügen. Ich meine die systemimmanenten Intellektuellen, die gekauften Zuarbeiter der Mächtigen, die affirmativen ›TUIs‹, wie der TUI Brecht sie in seinem Buch der Wendungen schimpfte. Dieser zynische Skeptiker Cioran hielt die ›Hoffnung‹ für eine Tranquilizer-Tablette, frei nach Heine: » ... womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel.«

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Brandt: Folkelighed Drucken E-Mail
10.02.2010
Folkelighed – ein Übersetzungsproblem?

von Peter Brandt

Myrdal hat in den 80er Jahren zu recht auf die doppelte Traditionslinie der nordeuropäischen Linksintellektuellen in Gestalt des urban–kosmopolitischen (dabei übrigens durchaus dänisch–nationalen) Geistes von Georg Brandes und der des Grundtvigianismus verwiesen. Ihm selbst sei in der Zusammenarbeit mit der dortigen Linken erst in West–Berlin die eigene Prägung durch Grundtvig bewusst geworden, als einer seiner Artikel übersetzt werden sollte. »Allmählich wurde aus ›folk‹ ... ›die Volksmassen‹, ›folklig‹ verschwand in Umschreibungen und aus ›folkets kultur‹ wurde etwas, was mit den Kulturbestrebungen der Volksmassen zu tun hatte« (Myrdal 1988, S. 53 f.).

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Bruns: Demokratie und Kapitalismus Drucken E-Mail
08.02.2010
Was ist dem Kapitalismus die Demokratie wert?*

von Tissy Bruns

1. Parallelkommunikation

Wer zu neuen Ufern aufbrechen will, muss sich mit dem Zustand der Demokratie nach der Finanzkrise beschäftigen. Dazu ein Tageseindruck: Im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes argumentiert die Arbeitgeberseite, also der Staat, mit der Lage der Staatskassen. Die Forderungen seien nicht bezahlbar. Irgendwie einleuchtend, nach dem Kriseneinbruch mit der hohen Staatsverschuldung.
Das kleine Problem: Der Staat sagt das Menschen, die genau wissen - nein, ich rede jetzt nicht von den 5 Milliarden Gewinnen der deutschen Bank oder irgendwelchen Boni oder von der Hotelmehrwertsteuer - der Staat sagt das Menschen, die genau wissen, dass jemand wie ich Ende Januar 20 Euro mehr Kindergeld auf dem Konto hatte, und als Besserverdienende sogar über den Steuerfreibetrag mehr als die 20 Euro monatlich profitieren werde. Warum kann der Staat für mich Geld ausgeben, das angeblich Wachstum bringt, nicht aber für die schlecht bezahlten Krankenschwestern, die das doch viel eher in Konsum ummünzen würden?

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