Grabbeau
Paul Mersmann
Kunst und Raub
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Der folgenschwere Anschluß der Kunst an die abstrakte Geometrie stiftete keineswegs eine große Anzahl neuer Motive, sondern begann sogleich mit Einschränkungen und Dogmen. Es ist nicht übertrieben, in dieser Entwicklung die puritanische Kapitulation eines Kreises aufgeklärter Künstler zu sehen, die sich anschickten, auf ihre Weise den Anschluß an die positiv gestimmte, allumfassende Verwissenschaftlichung des Daseins zu suchen. Man könnte sogar hinzufügen, daß sie möglicherweise ein drohendes Schicksal van Goghs gefürchtet haben, von allen Bindungen an den Zeitgeist verlassen, einsam mit der Palette der alten Natur gegenüberzustehen. Der alten Natur, von der jeder ahnt, daß er sie endgültig verlassen hat, und deren Göttlichkeit uns mit schlechtem Gewissen verfolgt und ergreift. Die Versprechungen der Wissenschaft reichten den Künstlern aus, die neue Flucht aus der zweiten Natur zu begründen. Man wich aus vor den Leiden der Intuition, man suchte die Ordnung der Fläche ohne Belastung durch die phantastischen Kämpfe mit erfundenen Paradiesen, Dämonen, Schatten und Licht. Daß nur aus dieser Auseinandersetzung die Neugestaltung des Sichtbaren, das menschliche Land des Lebens und Überlebens, die WIRKLICHKEIT, immer aufs neue entstehen muß, wurde verdrängt. Die Wissenschaft stiftet Tatsachen am laufenden Band. Aus welcher Wirklichkeit, wird nicht gefragt. Es ist die Historie der Stoffe, in Teile zerlegt und neu zusammengesetzt. Es sind immer Collagen, von Zukunft kann nicht die Rede sein. Kultur ist nicht Sache der Forschung, man muß sie erfinden.

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Was in dieser Hinsicht in Murnau geschehen ist, wurde bisher weder gesucht noch vermutet. Gewisse Kreise der Kunst mögen das rembrandtisierende Elend leid gewesen sein. Die Flucht aus dem großen Handwerk hatte dies mit sich gebracht. Gott als Vater der Intuition war seit Nietzsches Verkündigung tot. Auch das muß man ernst nehmen. Man suchte die »absolute« Malerei als Entlastung von allem Prophetentum und gab sich bei ungeheuren Verlusten sachlich. Chiricos »ritorno al mestiere« ist nur so, als vergeblicher Ausruf der Verzweiflung, zu begreifen. Man wollte im weißen Kittel des Fortschritts Analyse, Experiment und Zirkel. Daß mit Hilfe des Bauhauses zugleich die sinnlose Ästhetisierung wissenschaftlicher Formeln versucht worden ist, ließ die Wissenschaft ihrerseits notgedrungen kalt. Die für sie zwar ehrenvolle Steigerung ihres Ansehens konnte ihr selbst keinen neuen Blick für die Kunst eröffnen. Die Zeiten der Alchimie waren lange zu Ende. So geriet die Kunst in den Sog der technischen Dekoration. Die nackte Gestalt der geistlosen Ratio wurde ein »Stil« und das einst beschwörende Ornament verjagt, die Brücken zu den Gärten der spirituellen Hoffnung beschädigt und für baufällig erklärt und der herrliche Park der Kunst ein bloßes Museum mit der Tendenz, die Meisterwerke in Kellern verschwinden zu lassen. Offiziell gibt es hier nichts mehr zu lernen. So geriet die am Ende gestrandete Kunst als noch immer vergoldete Leiche, gewohnheitsgemäß mit Ehrfurcht betrachtet, in die Hände der Macher, die sich zwar des alten Rufes der Kunst bedienten, aber offen jede Beziehung zu ihr verleugneten. Die neue Kunst, gesellschaftlich immer noch professoral im Stil des verachteten neunzehnten Jahrhunderts, eröffnete die Collagenfabrik der ganz naiv für natürlich gehaltenen Wirklichkeit. Sie wurde ein scheinwissenschaftliches Begleitprogramm zur Förderung einer reduzierten Dienstleistungsästhetik. Mit der Fläche, die nun als bloße Unterlage für Formeln keine Bedeutung besitzt, wurde der Bildraum verschlossen, damit kein sinnlicher Gegenstand in der Tiefe des künstlichen Raumes Wurzeln schlage. Einmaligkeit könnte den Betrachter in der Rolle des Aktivisten aufhalten, die Welt zu besetzen. Vor der Serie bleibt der Mensch in der Eile der Kollektive. Bloß nicht stehenbleiben. So starten und landen auf imaginären Flächen Bruchstücke und Trümmer des ikonographisch ertasteten Intellekts gleichsam in Gestikulation und Zungenreden des Pinsels.

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Einer der wichtigsten und sensibelsten Antriebe der Kunst seit den Zeiten der Höhlenmalerei besteht darin, die herzlose Wegelagerei an der Natur durch eine menschliche Gegendarstellung zu beschwichtigen. Den Leichen des Nutzens, die ästhetische Formel der menschlichen Schöpferfreiheit entschuldigend aufzusiegeln, war Sache des Ornamentes. Es wurde dem barbarischen Dogma des Bauhauses geopfert, nach welchem sich die Ästhetik, gleich einer Haut der Vernunft, aus der vollendeten Nützlichkeit eines Gegenstandes von selber bildet. Der göttliche Naturalismus der Schöpfung geriet in die Hände von Spießern und ihre Formen der Sinngebung. Jeder Apfel unterscheidet sich von allen Äpfeln der Welt. Der praktische Apfel ist der göttlichen Schöpfung unbekannt. Es ist rührend, wie der Feind der Natur die Schönheit in ihrer nützlichsten Erniedrigung sucht. So gerät Kunst auf dem Fließband des vorauseilenden Nutzens zu einem nagelneuen Ersatz und Abfall der Technik. Sie paßt vorzüglich in jedes moderne Gebäude. Sie geht förmlich in aller Unschuld darin unter.

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Es wird stillschweigend angenommen, die Währung der Vernunft sei durch Wissenschaften gedeckt. Wo aber ist der Vertrag mit der Philosophie? Wo und wann ist man sich einig geworden, ohne daß wir es je offiziell erfahren durften? Wo ist die ordnende Institution, das Gericht dieses seltsamen Zustandes? Kann man es anrufen, wenn Wissen zur schieren Dummheit, zur Willkür geworden ist? Worauf stützt sich der Anspruch auf Wahrheit, wenn man entgeistigte Fakten als Tatsachen tauft? Ist unsere Wahrheit ein Los auf den programmierten Affen der Zukunft? Den freilich könnte man auf seinen Wirklichkeitszustand einstellen und endlich auch einschätzen. In welcher Richtung läge wohl seine Zukunft? Etwa nach rückwärts, in die Geschichte der Stoffe? Was erwartet uns in den Vorratskammern der Erde, den Urzellen des Fleisches, des Feuers, der Luft, des Kosmos? Die Atombombe stammt nicht grundlos aus gnädig versteckten Winkeln einer Natur, die nie die menschliche war. Kurz gesagt, es dämmert einem, was Buddha gemeint haben könnte, als er Maja, die allmächtige Illusion, als ewiges Übel der Welt bezeichnet hat. Eines wissen wir doch bereits bis zum Grauen – der gesellschaftliche Versuch, den Menschen realistisch zu fassen, ist blutig genug an seiner Objektivierung gescheitert. Und die Kunst, von der hier die Rede ist, verrenkt sich vor lauter Sinngebung schon den Kopf. Die Einfalt unseres Zustandes ist beängstigend. Man kann nicht als Mensch die Erde besitzen, weil man ihr nicht vollständig entspricht. Wir wissen genau genommen nicht einmal, was wir essen sollen. Die Kochkunst und das Reformhaus sind die besten Beweise für diesen Umstand.

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Betrachten wir doch die Liste der falschen Gewißheiten, das ungeschriebene Gesetzbuch der kleinen Vernunft. Es gibt eine klärende und trennende Macht der Begriffe. Einige erscheinen uns heute nicht notwendig, weil sie sich über das Beweisbare erheben, andere unterliegen langen Prozessen der Entwicklung, die nur durch die Einheit einer Kultur zu erkennen sind. Sie werden ohne Kultur zu Phrasen und Mitteln der Täuschung. Jeder versteht sie anders. Der traditionslose Mensch ohne Achtung vor Wissen und Schicksal der Alten, neunmalklug aufgeblasen vom Zeitgeist, wird sichtbar lebensgefährlich. Er versteht alles falsch und will alles verbessern. Die lange Geschichte der Sprache, ihre prägenden Formen und Bilder, die jeden Gedanken klären, säubern und filtern, ist ihm unbekannt. Denn alles vor ihm war schlecht. Er, der Barbar, kann sich weder das nächste Haus, ein Profil an der Tür, noch den Schmuck eines Torbogens erklären. Er kann nicht ein einziges Wort, nichts selber Gedachtes auch nur im Vergleich bis Goethe verfolgen, sein Gehirn ist voll von Protest und aufgeblasenem Anspruch. Er chaotisiert in einem vermeintlich internationalen Bedürfnis des Fleisches, verblasen und jenseits vom Boden, auf dem er steht. Davila hat gesagt, der Verlust jeder Tradition muß mit Strömen von Blut bezahlt werden. Wir haben schon jetzt Chaoten genug, mit denen kein Auskommen sein wird.

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Wirklichkeit! Was ist schon von selber da? In dem großen Gebiet zwischen mir und der nächsten Fliege, diesem Niemandsland, von dem ich nur soviel weiß, als Künstler gemalt, Kultur gedeutet, und Dichter beschrieben haben, bleibt alles zu Erkennende mir überlassen. Es gibt keine kollektive, gemeine, photographische Wirklichkeit aus der Linse. Das aber sollten wir wissen, bevor wir uns unterwerfen. Dabei gibt es nichts Menschliches, das die Philosophie nicht in ihrer Zelle enträtseln könnte. Aber die Wissenschaft hat die Philosophie verdrängt, um mit der Technik zusammen die Auswechslung des Lebens in ein Uhrwerk aus Gummi und Rindfleisch zu betreiben. Die Toten lehren die Lebenden. Der Golem ist eine wissenschaftliche Hoffnung.

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Es ist verständlich, daß jeder tiefere Zweifel an der glücklichen Fahrt oder immerwährenden Ankunft des Fortschritts in den ersetzten Tod, den ersetzten Gott und vor allen Dingen in das ersetzte Leben als schwärzester Traditionalismus verstanden wird. Zwar verschweigt der wissenschaftliche Pragmatismus diese Ziele schon wegen seines ganz selbstverständlichen Anspruchs, seine Wirklichkeit hätte Symbole und Glauben nicht nötig, aber er vergiftet den Wert derselben, indem er sie durch Unterabteilungen seiner Forschung erniedrigend deutet. Dadurch ist aber auch die Wissenschaft selber erniedrigend deutbar. Sie muß die unendliche Freiheit des Denkbaren und der Hoffnung allzu beschränkt ersetzen, denn diese ist das Fundament des Bewußtseins. Hier nun verläßt die Wissenschaft in tausend trüben Quellen die strenge Klausur des Abstrakten und nährt in zahlreichen Halbwissenschaften den platt-realistischen Weltaberglauben. Alle, die zum Rechnen zu dumm und zum Glauben zu klein sind, werden auf diese Weise von ihr bedient. Die Konventikel-Wissenschaften beherrschen Zeitungen und Fernsehmagazine. Heerscharen graduierter Missionare verbreiten ungestraft die neuesten Wunder unkontrollierbarer Institute. Dies vorausgesetzt, begreift man den still vollzogenen Abschied von jeder Kontrolle des reinen Denkens. Der hochkomplizierte Materialismus, er mag auf den Mars oder in die vielzitierten Bausteine des Lebens führen, ist in geistiger Hinsicht von rührender Naivität.

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Ob man den zweifellos ganz enormen Aufwand mechanischer Intelligenz, die bohrende Arbeit des Fachverstandes, die jeden Grund und Umriß der Unendlichkeit als Stoff der Träume und jeder Kultur mißachtet, noch länger kritiklos sich selber überlassen darf, wird zu einer Frage des beseelten Überlebens. Kein Ritual in irgendeiner Kultur war je so geistlos, so ohne Luft und Flügel, wie dieser tolldreiste Glaube an die Großartigkeit des bloß in sich selber gekrümmten Verstandes. Der Wurm und das Bett des Prokrustes sind die Wappenzeichen des Zeitalters dieser petite raison.

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Es dämmert jedem Beobachter, der sich die Schranken der Zeit offen gehalten hat, daß die Kulturen von einst mit Göttern und Tempeln den endlichen Ausgang und Untergang der Menschen viel welterfahrener, viel realistischer aufzuhalten gewußt haben als die neuen, hochentwickelten Sammler und Jäger des wissenschaftlichen Naturalismus. Sie bedanken sich für nichts, sie entschuldigen sich für nichts, sie fühlen sich in verblüffender Naivität von allen Zweifeln, ja viel schlimmer, von jedem tieferen Denken frei. Mit einem Wort, der wissenschaftliche Zeitgeist ist unfähig, über das Spezielle seiner Wahrheit und Wirklichkeit auch nur die einfältigste Auskunft zu geben. Sie wäre allerdings vernichtend.

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Es ist leicht zu erklären, welche chronographische und antiökonomische Rolle Kunst und Religion schon immer gespielt haben. Sie halten den Menschen auf. Sie beschäftigen ihn im Ablauf der Zeit, in dem er sonst mehr oder weniger gezwungen wäre, sich selbst, seinesgleichen oder die Natur zu berauben. Es geht in jeder Kultur auch um außertierischen Zeitgewinn. Dies zusammengenommen erklärt die Kultur als große Verhinderin eines all zu raschen menschlichen Endes in und mit der Natur. Kunst und Religion ziehen die Dinge hinaus, die uns unweigerlich bevorstehen. Eine Kunst im Dienste der Technik bewirkt ohne Zweifel das Gegenteil. Schon die Serie bedeutet Geschwindigkeit.

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Man kann angesichts der erschreckenden Erkenntnis der Einfalt der Aufklärung fortfahren, mit den einfachsten Mitteln der Logik die Rolle von Kunst und Kultur begreiflich zu machen, übrigens ohne sich auch nur für einen Augenblick in Streitigkeiten über ihren Inhalt zu verwickeln. Die Kunst ist... ja sie ist selbst unter den Aspekten der Landwirtschaft, des Einmaleins oder des A. B. C. der immer gleiche sinnlose Standpunkt gegenüber der Axt im Hause. Soviel steht fest.

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Ich bezweifle nicht, daß es entsprechend der europäischen Entwicklung tausend gute Gründe gegeben hat, der Aufklärung mehr zu vertrauen als dem Papst, aber entsprechend dem Aufstieg, dem Glanz und Verfall aller gemeinnützigen Werte des Tagesbedarfs, sehen wir heute klarer als 1789. Die Zeit ist gekommen, wo Denken ( nicht Kombinieren) der Wissenschaft Auflagen zu machen hat. Alles in einzelne Stücke teilen und neu zusammensetzen: Einlegearbeit, Pietradura und griechisches Feuer, alles das hat die Kunst in Bildern vorbereitet und die Wissenschaft mit den Ferngläsern nach rückwärts verfolgt. Zukunft haben wir durch sie nie erfahren, nur eine »Wirklichkeit« nach der andern, stets gefesselt an die Geschichte der Stoffe. Heute wahr, morgen überholt und einen Tag weiter schon falsch. Vorwärts? Sie weiß keinen Totozettel richtig auszufüllen.

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Entweder begreifen wir uns als Freunde von Göttern, und geschähe dies bloß in der Rolle verrückter Bettler, oder auf dem Weg zurück zur Natur. Soviel aber sollte inzwischen klar sein, die Natur bietet uns ohne die Verzögerung durch Taten und Werke des Geistes nur den raschen Selbstmord im Abgrund der Stoffe. Übrigens wäre das von seiner Menschlichkeit abgefallene Wesen, das da geisteskrank mit Rousseau seine »Rückkehr« sucht, das erste kriminelle Tier der Naturgeschichte. Wir sind auf dem besten Wege. Hierbei will die moderne Kunst niemanden aufhalten, ihre Serien rufen: Lauft nur, so rasch ihr könnt, in die Wirklichkeit eures vernünftigen Unglücks.

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Wo ist die Schule von Athen, wo sie auftreten können, die verborgenen Herren der platten Schöpfung? In ihren gut geschützten, abwaschbaren Klosettanlagen grübeln sie über künstliche Menschen und offenbaren sich als naive Witzbolde des Optimismus. Ihr ganzes Elend wird jedesmal sichtbar, wenn sie sich außerhalb ihrer Formeln äußern.

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Was ist dem Halbtier, mitten im Zustand verlorener Instinkte, noch Zukunft in der Natur? Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, es ist jene Natur gemeint, die wir uns einbilden, ohne den Umweg über die Schöpfertat Gottes vor uns zu sehen. Es ist die Natur der modernen Barbaren, der technischen Jäger, Bauern und Räuber, mit einem Wort, die Natur der Wissenschaften gemeint. In diese Natur als vermeintliche Herren zu bohren, zu teilen, zu stechen und nötigenfalls auch zu brennen, heißt nicht, in sie zurückzukehren. Es bedeutet, sie über die Mittel des Verstandes als fremde Eroberer zu besitzen. Die Wissenschaft ist zur Phalanx einer Weltbesatzung geworden, deren Mordtaten nicht an Völkern, sondern »Stoffen« vollzogen werden. Aber kein Motor, der nicht kreischt, kein Produkt, das nicht stinkt und vergiftet. Im Hintergrund steht das Fußvolk der Technokraten: wie Sklaven in unsichtbaren Schranken kollektiver Denkverbote, durch ein Heer von Fürsprechern entmündigt, empfängt es Speise, Trank und vor allen Dingen Gesundheit und Tagesschau aus den Händen seiner forschenden Geistesriesen. Aber bis die Wissenschaft über den wohlgeordneten Tod aller Dinge »alles weiß«, ist die Welt schon lange zugrunde gerichtet. Wissenschaft kann nichts erlösen, aber alles zerstören. Darin liegt ihre Eitelkeit und ihr kindischer Anspruch.

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Es gibt außer dem künstlichen Wissen von gestern auch die Kunst des Zukünftigen: Die Aufklärung des ewigen Nebels durch das Kunstwerk. Wir und die Natur werden gemeinsam erlöst oder wir bringen uns gegenseitig um. Nie werden wir zu einer technischen Deckungsgleichheit gelangen. Viel begieriger, als wir ahnen, meint die Natur uns, den künstlich gewordenen Bruder. Sie tanzt unter dem Blick des Künstlers und stinkt unter den Händen der Intelligenzija. Ein wenig Logik, eine schlichte Wandtafel und etwas Kreide könnten verhängnisvolle Wirkungen tun, vorausgesetzt, man ließe die Herren vom Fach nicht vom Selbstwahn ihrer Formeln, sondern von ihrer Hoffnung, ihrer Zukunft, ihrem Menschenbild reden. Ich versichere jetzt schon jedem, der es ehrfürchtig bezweifelt, wir wären entsetzt über soviel Dummheit.

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Ohne den künstlichen Willensakt einer hochstilisierten Vernunft, die im Nichts eines Gottes ihr vermeintliches Echo belauscht, gibt es weder »Wahrheit« noch »Wirklichkeit« oder den Realismus, der den ganzen Menschen umfaßt und der Schöpferfreiheit ihr Recht gibt. Wir sind und bleiben vom Chaos umgeben. Jetzt leben wir im Zustand des zum Verstand erniedrigten, verwilderten Geistes. Unser Ackerbau an den neuen Details von Erde, Feuer und Wasser wird erpreßt durch Schlimmeres als Kunstdünger. Es hat nie harmlose Früchte als Geschenke der Natur an ihren Flüchtling gegeben. Wenn die Erde aber viele Millionen Jahre gebraucht hat, den Menschen aufzunehmen, so bringt uns die Wissenschaft unendlich rasch an die Quellen der Leblosigkeit zurück.

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Wir müssen begreifen, daß wir in jeder Hinsicht, mit oder ohne Wissen, zwischen den Fronten der immer zerfallenden Dinge und des unendlichen Chaos stehen. Jeder, der uns den Weg einer irdischen Sicherheit ohne den Hinweis auf den immerwährenden Triumph des Chaos verspricht, ist ein unwissender Eiferer. Die fortwährend leere Zukunft deckt uns kein einziges Faktum. Jedes Faktum ist Anfang seines eigenen Endes. Nur die Stiftung menschenkünstlicher Wirklichkeit, im vollen Begreifen des Nichts als Morgen, und sei dieser Morgen mit Göttern bevölkert, entspricht jener Schöpferpflicht, die der schützenden Dimension des menschlichen Lebens gerecht wird. Man kann es auch gröber sagen, nur das für unerreichbar erkannte Paradies ist zugleich die erreichbare Hoffnung. Der fruchtbarste Gott des Menschen ist noch der gestorbene.

© 2007 Paul Mersmann