Ein Museum im Netz muss genau dies sein: ein Knoten im Netz, eine Ballung, nichts, was auf äußere Raum-Orte verweist und das, was es dort zu besichtigen gibt. Es ist alles hier: unmittelbar, aufrufbar, einen Mausklick entfernt, nicht mehr, nicht weniger, nicht mehr oder weniger, sondern wirklich. Die Wirklichkeit des Virtuellen umschließt alles, was das Medium ins Ziel bringt. Weder Theorie noch Verpackung noch Derivat, sondern die Sache selbst, von der die Phänomenologen träumen. Ein Datenknäuel, Bilder, Geschriebenes, Töne, ein wenig wirr, übergängig wie alles Gedachte, wer will, findet sich durch. Ein wenig wirr ist die Oberfläche der Welt, das verdankt sich dem Labyrinth der Sinne. Entwirre es, wer kann.
Nur Flöhe haben keine
Paul Mersmann: Das Alphazet (Ausstellung UB Bochum)

Wechselwirkungen zwischen zwei Teilchen sind stets durch den Austausch eines dritten Teilchens vermittelt.
Im Fall der Diffusion der Moderne bedeutet dies, nach dem Dritten im Bunde zu fragen.
Wie meist helfen auch hier die Forschungen eines Hundes weiter.
Zu entnehmen ist ihnen der Hinweis: vom Hund zum Floh!
Kein kleiner Sprung für ersteren, und umgedreht !?
(Nebenbei: E.T.A. Hoffmanns Meistermärchen liest sich streckenweise wie Kafka.)

Das dritte Teilchen ist der Floh.

»Ein Floh kann jede Sekunde einen Sprung in eine dem Zufall überlassene Richtung vollführen. Nach Ablauf der Zeit t befindet sich das Tierchen dann im Abstand L von seinem Ausgangspunkt. Hätte der Floh sich in gerader Linie fortbewegt, wäre der Abstand L proportional zur Zeit (L= Vt), und der Proportionalitätsfaktor V wäre die Geschwindigkeit des Tieres. Doch der Floh hat einen zufallsbestimmten Zickzackkurs hinter sich gebracht. Deshalb ist das Quadrat der erreichten Entfernung vom Ausgangspunkt im Mittel proportional zur Zeit (L² = Dt). Bringt man zahlreiche Flöhe an einem Punkt zusammen und läßt sie frei, so werden sie sich über die beschriebenen Zufallssprünge tendenziell gleichförmig im Raum verteilen; sie ›diffundieren‹«.
(Soweit zitiert nach: Thesaurus der exakten Wissenschaften, Stichwort Diffusion, Seite 174).

Nun zur Moderne.

 Paul Mersmann: Das Alphazet (Ausstellung UB Bochum)
Es gibt etwa 2400 Arten von Flöhen (Siphonaptera - fast möchte man -abdera schreiben).
Es sind Parasiten.
Sie gehören zur Überordnung der Neuflügler, besitzen aber keine Flügel (aptera - gr. flügellos).
Seine kräftigen Hinterbeine befähigen den Floh zu schneller Fortbewegung und bis zu einem Meter weiten Sprüngen.
Die Sprünge des Flohs sind ungerichtet.
Wahrscheinlicher Grund dafür: er hat keine Facetten - sondern einlinsige Punktaugen. Menschen als Flöhe bzw Menschenflöhe (Pulex irritans) wurden bis Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts als Artisten beschäftigt und waren die Attraktion der Flohzirkusse.
Paul Mersmann: Das Alphazet (Ausstellung UB Bochum)

Dies alles trifft auf die Moderne zu. Ebenso wie der Umstand, daß die Ursache für die Diffusion die ungleichmäßige Verteilung der Diffusanten/des Diffusats im Raum ist. Diese Ungleichmäßigkeit äußert sich in der Existenz eines GRADIENTEN.

In E.T.A. Hoffmanns Meister Floh ist dieser Gradient der Flohbändiger Leuwenhoek. Der betreibt in Frankfurt am Main einen Flohzirkus, in dem man dressierte Flöhe, als Soldaten verkleidet, bei ihren Sprüngen betrachten kann - und genau diese sind entflohen - flohmäßig diffundiert - unter Führung von Meister Floh, dem Oberhaupt aller Flöhe.

Paul Mersmann: Das Alphazet (Ausstellung UB Bochum)

Nach dem Diffusionsgesetz verhält sich die Menge der diffundierten Flöhe proportional zum Gradienten.
Der Proportionalitätsfaktor entspricht dabei dem für Diffusant und Diffusat charakteristischen Diffusionskoeffizienten.

Ist Meister Floh der Proportionalitätsfaktor, so der Diffusionskoeffizient der Geheime Hofrat Knarrpanti.
Dieser verfährt nach der membranistischen Methode: »...ist erst der (Kunst)verbrecher oder Modernist ausgemittelt, findet sich das begangene (Kunst)verbrechen von selbst...«

Was nun auf jene Kunstrichterei passen will, der - selbst nicht modern - die Moderne gehupft wie gesprungen ist.
Solange bei ihr das Bedürfnis sich zu kratzen vor dem Juckreiz kommt.

Abbildungen:
Ausstellung Paul Mersmann: Das Alphazet in der Universitätsbibliothek Bochum v. 27.5. - 31.8.2010. Aufnahmen: Archiv

Michael Heisch: Schattenboxen

„Boxen hat grundsätzlich nichts Spielerisches, nichts Helles, nichts Gefälliges an sich. In seinen intensivsten Momenten ist es (…) das Leben selbst und kaum ein blosser Sport.“
Joyce Carol Oates: „Über Boxen“

Schattenboxen. Einladung

Schattenboxen setzt Boxen in Szene als Ausnahmezustand sozialer Interaktion. Im musikalisch-szenischen Parcours überlagern sich Boxen und Musik als je eigene Regelsysteme mit ihrem spezifischen Körperlichkeiten, Rhythmen und Potentialitäten.
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