 | Das
erste Mal, als Tina und Dorte durch den Glückswald gehen, hat
es gerade geregnet, von den Zweigen fallen dicke Tropfen direkt auf das
Moos unter ihren Füßen, das bei jedem Schritt nachgibt und
einen Wasserrand um die Schuhe gießt. Der Wald geht in zwei Richtungen
und sie laufen dorthin, wo es ihnen heller vorkommt, obwohl sie wissen,
dass es auf der dunkleren Seite tiefer hinein geht. Sie sind aber
unschlüssig, ob sie das überhaupt wollen, es ist ihr erstes
Mal und sie müssten schon singen oder pfeifen,
während dort, wo sie laufen, der Wald selbst zu singen anfängt -
nicht wirklich, aber doch ein bisschen, so dass sie es hören
können, es kitzelt sie in den Ohren und sie lachen und reden viel,
damit die andere nichts davon merkt. Leopold ist etwas
schläfrig und huscht nur hinter ihnen her; wenn sie sich
umdrehen, ist er im Unterholz verschwunden oder liegt steif
zusammengeringelt auf dem Weg. Kein einziges Mal überholt er sie,
um sich einen Baum hinaufzuschlängeln und ihnen von einem
überhängenden Ast aus mit der herabhängenden Zunge ins
Gesicht zu fahren. Vielleicht hat er auch schlechte Laune. Tina und
Dorte stolpern mehr als sie gehen. Das ist schlecht, denn so bekommen
sie nicht so viel von ihrer Umgebung mit, wie es sich gehört; es
ist aber auch gut, denn sie sind beide aufgeregt und haben
Wichtigeres zu tun, als auf ihre Füße zu achten. Sie haben
keine Ahnung, wieviel Uhr es ist und ob die Sonne da draußen bald
untergehen wird. Natürlich könnten sie Leopold fragen, aber
auf dessen Antworten ist auch nicht immer Verlass und
heute schweigt er sowieso. Als sie auf einen umgestürzten Baum
treffen, der quer über ihrem Weg liegt, klettern sie hinauf und
ruhen sich aus. Dieser Baum ist selbst schon fast überwachsen und
innen ganz hohl: es hört sich dumpf an, wenn sie mit den Fersen
gegen den morschen Stamm stoßen, und von Zeit zu Zeit
hören sie tief in ihm einen Tropfen fallen. Es wäre ein
schöner Platz für ein Picknick, hätten sie etwas
zu essen dabei; so sitzen sie nur still und sehen sich um
und manchmal stoßen sie sich an und kichern laut. »Der Torsten wird sich ärgern, wenn er herausbekommt, wo wir waren.« »Gut, wir erzählen es ihm.« »Gleich wenn wir nach Hause kommen.« Leopold hebt müde den Kopf. Seine Augen blicken traurig und seine Zunge spielt nur ein klein wenig zwischen den Kiefern. »Armer Leopold. Ihm gehts heute nicht gut.« »Nur weil er gestern zuviel getrunken hat.« »Aber was?« »Keine Ahnung. Vielleicht ein Fass Mineralwasser.« Wenn
jetzt ein Pferd vorbei käme, am besten ein Schimmel, sie stiegen ohne weiteres auf und ließen sich von ihm
davontragen. Es kommt aber keines. Stattdessen raschelt es im
Gebüsch. »Hör mal. Das ist vielleicht ein Iltis.« »Oder eine Fledermaus.« »Eine Fledermaus! Höchstens eine Schnapsmaus.« »Eine Schnapsmaus! Ich wette, du weißt gar nicht, wie die aussieht.« »Weiß ich doch.« »Weißt du nicht.« »Und du? »Wieso ich? Habe ich vielleicht gesagt, dass da eine Schnapsmaus raschelt?« »Wo ist denn Leopold?« Leopold ist davongeglitten, mitten hinein in das Gebüsch. An dem
abgebrochenen Quieken erkennen sie, dass er Beute gefunden hat. »Arme Schnapsmaus.« »Leopold hats gut. Und was sollen wir essen?« »Hast du etwa Hunger? Nicht schon wieder!« »Schau mal, eine Waldbeere.« »Wo?« »Na da!« Und
beide stürzen sich vom Baum auf die kleine schwarze Beere, die
unter einem länglichen Blatt hervorschaut, als wollte sie sagen:
Nimm mich. Unter den Blätter hängen noch mehr, zwei, fünf,
ein ganzes Dutzend. Wo immer sie mit den Händen die
länglichen hellgrünen Blätter zur Seite biegen, blicken
ihnen kleine schwarze Beeren entgegen und sagen: Nimm mich. Dorte richtet sich auf und sagt mit dunklen Augen: »Dürfen wir das?« »Na klar.« »Aber wenn sie giftig sind, bekommen wir vielleicht Durchfall.« »Quatsch. Wenn sie giftig sind, sind wir tot.« »Ich will aber nicht tot sein.« »Meinst du ich?« »Aber du hast schon ziemlich viel davon gegessen, mehr als ich.« Wieder rauscht es und Leopold segelt über den Waldboden, mitten zwischen den Beeren hindurch. »Weißt du, was ich glaube?« »Die Beeren sind gar nicht giftig, sie sind nur ein bisschen angeschmiert.« »Wie meinst du das?« »Ach egal.« Sie
nehmen sich an den Händen und singen eins ihrer Lieblingslieder,
sie singen ziemlich laut und schwenken ihre Arme dabei vor und
zurück, fast hätten sie sie sich ausgerissen. Als sie
außer Atem sind, hören sie auf. Hinter den Bäumen
sehen sie die Häuser. Manche wirken richtig verweint, aber die
Sonne hat das Meiste schon getrocknet. |
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