Das A drängt, so weit wir erfahren konnten, allein durch den strikten Ordnungseifer Thomas von Aquins auf die erste Stelle im Alphabet, denn niemand vermag sich bis heute auf die Regeln seiner wirklichen Reihenfolge zu besinnen. Man kann Gestirne der Sprache nicht regeln. Man bedenke, das Alphabet war einmal auf mehreren mondhaften Schlitten über den Milchbart eines höheren Gottes hinabgefahren. In süßen Strömen flossen die Buchstaben zur Namensstiftung von Sternschnuppen und anderen Hustenanfällen des Himmels nieder in die frühesten Fangnetze aller wahrhaft großen Stiftungen bis zu den Zeiten Grabbeaus.
Unsere Fangnetze, eingeölt vom Malfett der Gnome, sind den Abdrücken des Himmels zugeneigt und bilden die ersten Landkarten menschlicher Abkunft, blau wie der Himmel, rot wie die Hölle und gelb wie die asiatischen Wiesen bei Lhasa. Gestern erst lasen wir zweimal ›Taipeh‹ und ›Karma‹ und empfanden den Widerspruch aller Schuld auf Erden. Davon später, wenn die Verwirrung genügend Worte erzeugt hat.
So nahm die frühe Magie das gespreizte A als passende Staffelei zu Hilfe, auf dass man die ersten Leinwände astrologischer Darstellungen, vor tellurischen Stürmen gesichert – auch sie durchpflügen ja schließlich den breiten Himmel –, aufrichten konnte. Noch lange hat es öffentlich unter Malern Wolken von oben und unten gegeben, die als himmlische Kissen, in Wahrheit als Polster der Inspiration, auf dem edlen Gerüst dieses Buchstaben ihren Platz finden konnten. Joseph Donner von Richter galt das gespreizte Gestell sogar als Criterium primum der Würde eines jeden Malers und er verlästerte in seinem Hauptwerk gegen die Muse von Cortona die späte französische Staffelei, deren Abdrücke er im Wachs dieses Bildes gefunden haben wollte. Sie galt ihm als infantiler Besenstiel mit verschiebbarem Unterkiefer. -
Paul Mersmann

Das denkbare Maß dieser Fingerübungen sind die Möglichkeiten des Alphabets und die sind beträchtlich. Die Fülle dessen, was nachdrängt, überflügelt den Stand des Erreichten und lässt ihn größer erscheinen. Das Alphazet oder das allen Zugriffen entrückte Buch: so ließe sich eine Schreibabsicht umreißen, die von Umriss zu Umriss fortläuft, als liefe sie vor sich selbst davon. Was nicht so falsch ist. - Ulrich Schödlbauer


A

A AA
→Förderwille.

ABENTEUER
»Lust auf...?« »Aber nur ein kleines, für das man den Klee nicht verlassen muss.« »Das soll etwas Kleines sein? Ist das nicht groß? Etwas ganz Großes, für das man sich recken und strecken und schlagen muss?« »Sie reden irre.« »Und wenn schon. Ist das kein Abenteuer? Da haben Sie Ihren Klee, er geht nicht mehr heraus. Und ginge er einmal heraus, wer wüsste schon, welcher Anwandlung er dabei folgte. Nein, warten Sie. Ich habe Klee gesehen, der seine Farbe wechselte, so fiebrig war ihm zumute. ›Kein Klee, niemals mehr Klee‹, hörte ich ihn murmeln. Er wirkte so blass, so nervös, als wollte er sagen: ›Man kann nichts machen.‹ Seither beschränke ich mich darauf, den Reinigungskräften die Fünfziger zuzuschieben. Solange sie keine Siebziger wollen, bin ich zufrieden. Nützt es nichts, so schadet es nichts. Auch so kommt man voran.« - US

ABGRUND
Es ist nicht wahr, dass, wer auf dem Kopf geht, den Himmel als Abgrund unter sich hat. Allein die Anstrengung, auf dem Kopf zu gehen, verhindert den freien Blick in die Abgründe. Den Rest erledigt die leichte Umstellung, die im Wissen darum liegt, auf dem Kopf zu gehen: Der Himmel bleibt oben, man selbst ist tiefer gerutscht, man ist abgerutscht – that's all. Vielleicht nicht ganz, denn wer den Himmel aus den Augen verliert, dem wird die Welt fadenscheinig oder ›halbdurchsichtig‹, um ein neutraleres Wort in einer Sache zu wählen, die keine Neutralität verstattet. Die halbdurchsichtige, in einem Nebel von Befindlichkeiten schwimmende Welt trägt den Himmel in sich, aber als Bedrängnis. Man will hinaus, wohl wissend, dass dort draußen nichts ist. Man will das da hinter sich bringen, ohne es zu verlassen. Der Schmerz ist die schützende Hülle der Weltlosigkeit, die, zu sich selbst befreit, verfliegt – ein Seelchen ohne Zentrum, ohne Zusammenhalt, ohne Kontur, ohne... ja was denn? Ohne ›Fühligkeit‹, den Wetterlagen entronnen, in denen dergleichen sich herstellt. - US

ABSCHAUM
Offenbar kann eine Gesellschaft nicht auf Dauer existieren, ohne sich auf irgendeine Art z. B. des sexuellen Abschaums geeinigt zu haben. Die Bilder wechseln, ebenso die Methoden der Aussonderung und der Übertreibung, ebenso die Formen des Durcheinanderschüttelns und ‑rüttelns, ebenso die Praktiken der Benennung und des Aussparens, der aussparenden Benennung und der benennenden Aussparung. Was bleibt, ist der ewige Pranger, das Erzeugen der Meute, die Gier nach Bezichtigung, die Stunde der Leute, die sich ›genau erinnern‹, das zwielichtige ›Geradestehen‹ von Menschen, die zufällig gerade da stehen, wo sie stehen, schließlich die Arbeit für Polizei und Justiz, die dem allem nachgehen und es wieder in die nicht ganz unvertraute Proportion zurückbringen müssen. Die liberale Gesellschaft ist liberal gegen ihre Kaprizen, solange sie stürmt, geht man ihr besser aus dem Weg. Die Wogen gehen hoch, wenn ein Zeitgeist einen gewesenen hetzt oder am besten gleich aufknüpft. Der nächste steht ihm schon in den Hacken und lernt seine Lektion: er wird sie nützen, wenn die Zeit gekommen ist. - US

ADORNO
Winkelschriften sollte man lesen, solange es Winkel gibt, also immer. In einem entfernten Winkel der philosophischen Welt, fernab von den gelehrten Strömen, auf denen die denkerische Fracht des Jahrhunderts in riesigen Kähnen abwärts dem Meer der allgemeinen Verwertbarkeit zugeführt wird, ruht dieses Werk, das seinerzeit zu den aufregendsten zählte und seither Gelegenheit fand, auch die Gelassenheit kennenzulernen und in sich einzulassen. Ein dekapitiertes Corpus, wenn man so will, denn seine Hauptsache war der Zeitgeist selbst, und der Verräter, der mit ihm auf und davon ging, wusste wohl, welche Folgen seine Tat zeitigen würde. Ein paar Blumen, jahreszeitlich erneuert, schmücken das Grab des Entsorgten, und einige unsterbliche Seiten, keiner weiß sie zu deuten, wie es der Meister gewollt, zieren die Stätte zur Linken wie zur Rechten. Hier herrschen Popeia und selige Eintracht, nur lebendig soll nicht mehr werden, was da vergraben wurde. Man hat dem Meister Melancholie attestiert, als sei das ein Tadel. Was sicher stimmt, aber nur dann, wenn man hinzunimmt, dass er sich unmittelbar gegen den Tadelnden wendet und ihn richtet. Man nimmt dem Verblichenen übel, dass er die Verzweiflung kennen gelernt und herausgelassen hat; das Herauslassen des Eiters, an dem sich die anderen langsam selbst vergiftet haben und nun zugrunde gehen, könnte immerhin als die unkonventionelle Schönheit durchgehen, der dieser Ästhet anhing und von der er einen seltsam unvollständigen Begriff besaß – zum Schaden seines Werks, das just an der Stelle zur Unform anschwoll und kein Ende fand. Zum Ruhme des Autors hingegen sei es gesagt: er kam mit der Kunst nicht zu Rande und zu keinem Ende – das scheidet ihn dauerhaft von den auf Kritik abonnierten Banausen, die ihn beerbten. - US

ÄRGER
All diese Leute, sagt G., sind durch eine Phase des Verhaftetseins hindurchgegangen, die es ihnen nicht erlaubt hat, ihr Wort zu sagen. Sie waren gebannt durch ein Ich-weiß-nicht-was, das sich ihnen in immer neuer Form darbot, aber als Tendenz konsumiert wurde, als unaufhaltsamer Zug in der Zeit, ein Zug, nicht der Zeit selbst, sondern, wie soll ich es ausdrücken, eines Denkens, einer Sprech- und Machweise, hinter die man nicht zurückfallen durfte. Und das, obwohl man gegen jede einzelne Form, ja praktisch gegen jedes Detail sofort Vorbehalte hätte geltend machen können. Man tat es ja auch, und diese Vorbehalte wurden aufgenommen, sie wurden ein Bestandteil der Maschinerie, die alle vorwärtsstieß und ihnen das Gefühl gab, trotz allem aufgehoben und dabei zu sein. Nun, da sie gereift sind, ist die Verbindung gebrochen und sie gestehen sich ein, dass sie ein Leben lang gefoppt wurden und, was mehr bedeutet, sich selber foppten. Sie waren nie gemeint und sie haben ihre Aufgabe versäumt. Manchmal überfällt sie das Gefühl, auf einer Bühne zu stehen. Sie wissen nicht, welches Stück gerade gegeben wird und lungern im Grunde nur herum, weil sie schon bisher keine Rolle spielten und deshalb auch keinen geregelten Abgang bekommen. Sie breiten die Arme aus und fallen jungen Schauspielern ins Wort, die ihr Bestes geben und es schon gewöhnt sind, sich im Gedränge zu behaupten. Keiner will Ärger, das ist das Ärgste und kränkt am meisten. - US

ÄRGERNIS
Mit der Abschaffung des Greisenalters als fester sozialer Größe – keine wirkliche Abschaffung, sondern eine der üblichen Überblendungen – diffundiert auch die Figur des unwürdigen Greises, man könnte sagen, sie taucht unter in der Masse all derer, die sich ohne Sinn und Verstand die seltsamsten Blößen geben, als hätten sie es vorsätzlich darauf angelegt, mit Hilfe kleiner und großer Intrigen aus allen Verhältnissen herausgeschossen zu werden, in denen sie sich eingenistet haben, weil man sich ihrer anders nicht zu entledigen wüsste. Aber das ist nur die eine Seite der Sache. Der Wahn, mitten im Leben zu stehen, entsteht ja nicht zwingend in diesen Personen selbst, er fliegt ihnen aus der Gesellschaft zu, er ist auferlegt und sie tragen ihn um den Hals wie ein Elefantengeschirr, das blankpoliert ihr Elend verhöhnt. Für die etwas Jüngeren, die nicht so genau hinsehen wollen, mag darin eine Beruhigung stecken: Es geht doch, weiter geht’s, aber sicher, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Nur die Konkurrenz mit den Alten wünschen sie zu gewinnen, darauf bestehen sie und fühlen sich ungewöhnlich vital. Der banale Widerspruch, der darin liegt, ist den wenigsten merklich: eine sonderbare Taubheit flüstert den meisten zu, was geht und was ›wirklich‹ nicht geht. Die Alten sind, alles in allem, folgsam, wenn sie ein Ärgernis geben. Das macht den Umgang mit ihnen nicht leichter. - US

ALPHAZET
Man darf das Etceterarische der Grundbegriffe nicht willkürlich übertreiben, doch man darf es auch nicht verkleinern. Sie werden nachgeliefert, daran besteht kein Zweifel. Niemand beginnt mit ihnen, wo käme er denn da hin? Grundbegriffe führen nirgendwohin, wer auf dumme Gedanken kommt, kann ihnen nachgehen, aber nur vage, auf unbestimmte Zeit, man fängt sich leicht den Spott der Leute dabei. Eher gehen sie einem nach, in ihrer eigenen Ordnung und in ihrem eigenen Rhythmus. Doch keiner sollte darauf vertrauen, dass sie schon nachkommen, man kann sich da arg täuschen und manchem bläst es die Ausrüstung weg, ohne dass auf Ersatz zu hoffen wäre. Viele halten es mit der Ansicht, Grundbegriffe seien einfache Begriffe, aus denen sich die anderen dann zusammensetzen. Das ist keine Täuschung, das ist eine Dummheit. Grundbegriffe sind, wie ihre Bezeichnung, zusammengesetzte Begriffe, jeder von ihnen enthält das volle Alphazet, aber in der Nussschale. Man blickt auf sie wie auf die Steine auf dem Grunde des Wassers, die Gedanken fließen darüber weg und sie liegen ruhig auf ihrem Platz, aber das scheint nur so. Auch sie wandern, wie der Dichter schreibt, mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und in unterschiedliche Richtung, und nicht nur am Grunde der Moldau, das ist ganz normal. Man erkennt sie zwischen den anderen, im Verbund. Allein, auf dem Trockenen, geben sie nichts her. Sinnsucher, die barfuß auf ihnen zu laufen versuchen, empfinden sie leicht als spitz und versuchen, rasch wieder Land zu gewinnen. Was nicht so leicht ist! Aber was ist schon leicht. Ein Leichtsinn vielleicht, er ist schon weg. - Die Verfasser

ALPHAZETISMUS
Es gibt kein Alphazet, außer man schreibt es. Der Alphazetismus besteht darin, einen Gedanken, den man lange gedacht hat, zu ergreifen, sobald er sich flügge zeigt, als eine Geste der Erschließung all dessen, was Menschen mangels überzeugenderer Konzepte niemals aufhören werden, als wirklich zu bezeichnen. Ins Gehege des Alphabets findet die Wirklichkeit kaum anders hinein als eine Daphne in den Lorbeer – rasch, aus einer gewissen Atemlosigkeit heraus, im Sich-Umwenden, im Entgleiten der Bewegung, die eben noch alles beherrschte und jetzt den Körper in Wellen verlässt, die den Betrachter wie Windgekräusel anmuten. Das Alphazet will betrachtet werden. Bereits darin liegt ein Alphazetismus, ein Unwille, sich zu bedienen und bedienen zu lassen, ein Verweilen, das darüber hinausgeht und still steht, jedenfalls der Tendenz nach. Denn der wirkliche Stillstand ist auch der Stillstand des Wirklichen, seine Auflösung in etwas, das sich dem Leben entzieht, eine fürchterliche Windstille, in der ein Blumentopf auf die Straße fällt, bloß damit etwas passiert. Etwas passiert immer, im Alphazet liefert es einer anderen Gangart, einer anderen Passierweise das Geländer, an dem sie das bisschen Halt findet, dessen sie bedarf. - US

ANGST

Das ängstliche Angekettetsein der Philosophen erweist sich, aus der Nähe besehen, als leerer Schein. Er ist zweifellos ihr größter Trick. Sie werfen ihn in die Luft und fangen ihn mit dem bloßen Munde auf. Entfesselungskünstler, die sie sind, reizen sie mit ihm das Problem. Je enger er am Körper geführt wird, desto sicherer winkt der Beifall des sachkundigen Publikums. Keiner macht sich Gedanken darüber, dass so ein leerer Schein lebt – anders als das rote Tuch der Toreros. Man behandelt ihn, als sei er so gut wie tot, also schlecht. Dabei hat er Geschwister, allen voran den vollen Schein, den die Winzer lieben und die Eigenbrötler des Denkens vorsichtig umgehen, als neide er ihnen ihr Asseldasein. Man sollte wissen, dass beide, der leere Schein und der volle, miteinander in einer weitgehend unenträtselten Verbindung stehen, die niemals abreißt und vermutlich auch im Tod nicht erlischt. Das Hervorgehen der Theorie aus der Selbstverhedderung des philosophischen Gedankens ist das Leben des leeren Scheins. Solange sein Auftritt währt, vergnügt sich der volle Schein im Schatten der Versorgungsfahrzeuge, wo die Probleme auf Abruf lagern. Manchmal tritt er in die Sonne, ruft lässig ein Taxi herbei und entschwindet gen Westen. Das ist die Stunde der wirklichen Angst. Matter werden die Griffe der Denker und hektischer, das Publikum fragt sich, ob der Problemdruck, der auf den entferntesten Sitzen spürbar ist, sie alle in einer gewaltigen Explosion hinwegfegen wird. Die Veranstalter gehen im Geist die Sicherheitsvorkehrungen durch und überschlagen die Einnahmen. Entweder sind sie tot oder sie werden es binnen kurzem sein. - US

ANGST (2)
Angst gehört, auch wenn das nicht immer deutlich wird, zur Klasse der undeutlichen Gegenstände (indiscretae). Angst hat einer, sofern sie ihn hat. Die Sprache ist in diesem Fall merkwürdig, man ›hat‹ Angst, aber man ›hat‹ nicht Liebe, sondern man liebt. ›Liebe haben‹ bedeutet die Fähigkeit, lieben zu können, die analoge Aussage verbietet sich praktisch von selbst. Ängstlich sein bedeutet nicht, Angst haben zu können, sondern sie an der falschen Stelle zu haben, vorne links zum Beispiel, wo sie nicht hingehört, wo, im Gegenteil, des Lebens Pulse schlagen oder schlagen sollten. Auch hier führt die Liebes-Analogie in die Irre, denn lieblich sein bedeutet gerade nicht, an der falschen Stelle zu lieben, sondern zur Liebe zu verführen – nicht aktiv, durch ergriffene Mittel, sondern von innen heraus, durchs bloße Dasein, nichts weiter. Wer hingegen zur Angst verführt, ist ein Angstmacher, das besagt alles. »Du solltest mir besser keine Angst machen«, sagt das Märchen-Kind zum Märchen-Drachen. Darin liegt eine Drohung, die dem Drachen, in dem ein Angsthase schlummert, unmittelbar eingeht. Dabei kann, was Angst einflößt, völlig unbeteiligt dahinplätschern. Unbeteiligt am Einzelnen zum Beispiel geht das Universum seinen Gang. Das scheint bloß so, aber es ist die Wahrheit, und sie ruft Angst hervor. »Stirb nicht, liebes Universum«, murmelt das sterbliche, das allzu sterbliche Menschenwesen, »stirb nicht, jedenfalls nicht jetzt, wo alles so schön ist!« Und es richtet sich auf zu seiner vollen Größe und schwingt die Fäuste gegen die bösen Mitwesen, die das schöne, schaurige, allzu sterbliche Universum durch ihre bloße Überzahl und ihr ekelhaftes Glücksbegehren in echte Bedrängnis bringen. Wenigstens aufpassen sollten sie, dass ihm nichts passiert, dafür lohnt sich’s zu kämpfen. Die Welt so klein und das Verlangen so groß – wie passt das zusammen? Niemals und nirgends. Dieses Missverhältnis, nun, findet in der Angst seinen Ausdruck. Zur Kunst erhoben, hängt sie in den Museen, füllt die Bibliotheken, rauscht in Form elektronischer Klänge durch die Weiten der Milchstraße. Wer weise ist, bekämpft die Angst nicht, sondern verwandelt sie in Überschuss. So muss er keine Angst haben, dass sie zurückkommt, im Gegenteil, er darf sich ihrer erfreuen, sobald es ihn anwandelt. Wer die Pulks aus älteren Mitbürgerinnen sieht, wie sie mit ihren Klapphockern durch die Museen ziehen, eine erklärungswütige Plaudertasche vorneweg, der weiß Bescheid. Sie wollen die Angst sehen, aber nicht deutlich, scharf, klar, sondern blinzelnd, plaudernd, nebenher und unterwegs. Seit die Bildung die Bilder vergessen hat, gehören sie ihnen. Vielleicht gehörten sie ihnen immer und die Kenner, die sich dazwischen drängten, waren nichts als verkappte Hüter einer tyrannischen Ordnung, die den Auftrag bekommen hatten, sie abzudrängen. Heute, da die Museen, abseits der großen Ausstellungen, auf ihre anthropologische Funktion beschränkt sind, haben sie freie Bahn. Man versteht unmittelbar, dass sie hier zu Hause sind, man merkt es an Stimme und Gang. - US

ANNAHME
»Angenommen also...« – Was ist das überhaupt, eine Annahme? Doch wohl die Entgegennahme eines adressierten Gegenstandes, einer ›Sendung‹. Aber nicht irgendeine Entgegennahme, bewahre, vielmehr eine, die rechtmäßig erfolgt oder unrechtmäßig, also eine, die durch Recht und Gesetz geregelt ist... Das sind ein wenig viel Annahmen für so eine kleine Annahme, die leicht durch die Maschen schlüpft und mit unterläuft, wie man sagt. Angenommen also, es fände sich ein Briefträger und er hätte recht mit der Annahme, den rechtmäßigen Abnehmer seiner Sendung vor sich zu haben, und die Annahme erfolgte nach Recht und Gesetz: angenommen, es handle sich, alles in allem, um eine formal korrekte Annahme, so könnte man sich ja bequem über die Inhalte beugen und darüber die Kautelen des Empfangens vergessen. Aha! Man muss also vergessen, um zu begreifen, worum es in der Sendung geht. Aber angenommen, man kann nicht vergessen...? Wer kann denn glauben, er begreife im Ernst den Sinn der Sendung, wenn er bereits vergisst, woher sie kommt? Wenn er es auch nur einen Augenblick lang vergisst? Aber warum ist es denn nicht gleichgültig, woher die Sendung kommt? Wenn sie zum Beispiel eins meiner Kinder in meiner Abwesenheit erbricht, wäre sie dann nicht mehr dieselbe? Man bedenke auch den Fall, die Annahme erfolge unrechtmäßig, dafür in einem höheren Sinne rechtmäßig: alsbald steht Sinngemäßheit gegen Buchstabentreue, Begreifen gegen Begriff, der wahre Empfänger gegen den supponierten – da tauchen also neue Annahmen auf, man kann nicht einmal sagen, am Rande des Blickfelds, sondern buchstäblich dahinter, dahinter... Das muss man sich einmal vorstellen. »Was sagen Sie? Eine Annahme wäre eine Supposition? Eine Unterstellung? Moment mal. Wer unterstellt hier wem was? Ich Ihnen? Wie kommen Sie dazu, so etwas... Schauen Sie doch unter sich. Da ist doch gar kein Platz. Und überhaupt: ich kenne Sie nicht. Ein Untergestell, das könnten Sie brauchen, ich sehe jetzt Ihr Problem. Aber ist es meines? Sagen Sie mir das eine: ist es meines? Ich nehme an, was ich will, damit entferne ich mich von Ihnen beträchtlich. Lassen Sie mich ausreden. Ich nehme an, was man mir eingibt. Oder auch nicht. Nicht jede Eingabe zählt, wenn Sie verstehen... Manche sind dringlich, die lege ich beiseite, für später. Es hat keine Eile.« - US

ANÖDE
»Streck deine Füße, die Langsamkeit fliegt uns voran«: ein Jubelwort aus der Litanei der Anöde, der Zuflucht aller, die, mit Helmen und Lanzen bewaffnet, im Kampf mit den Windmühlen erlagen und nun ein sicheres Plätzchen wittern. Da sitzen sie, rundum gepolstert wie Armlehnen und hören einander zu, während sie ihre Wunden versorgen. Die alte Versorgungsmentalität beherrscht sie noch immer. Und warum alt? Wunden müssen versorgt werden, zu allen Zeiten, immer. Von daher, wie mein Vertreter sagt... Die Wunden bluten ja, sie tropfen den schönen Kirschboden voll, auf dem jedes Sandkorn knirscht, als sei es ein großer. Ein Großer? Ein großer was? Ein Brocken, sage ich Ihnen. Diese da waren Kämpfernaturen, sie haben Anstoß genommen, wie es ihrer Natur entsprach, ihrem Naturell, sozusagen. Sie hatten wohl etwas zu sagen und sagten es laut und vernehmlich, mehrfach, in einem fort. Nun ist es fort und kommt nicht zurück. Sehen Sie den Horizont? Der lange schwarze Strich, da steht es, äugt herüber und bewegt sich nicht mehr. Vielleicht äugt es auch nicht, sondern blickt unverwandt in die Zukunft. - US

ANPASSUNGSKRISE
Die Krise, ungleichzeitig wie stets, überkommt den, der sich in Sicherheit weiß, der sich in sie gerettet hat – mit einem Sprung, einer letzten verzweifelten Anstrengung, einem leichten Heben des linken Zehs, unmerklich für die Umgebung, mit was auch immer. Sie überfällt ihn hinterrücks; je größer die Anstrengung des Entrinnens, desto vehementer der Aufprall. Angekommen und nicht angekommen zugleich, weiß er weder, wie ihm geschieht, noch, was von ihm verlangt wird. Vor allem letzteres beunruhigt ihn sehr. Er möchte sich gern erkenntlich zeigen für die neu erworbene Sekurität, leider enthält sie die größte Täuschung. ›Aber ich bin doch dankbar‹, ruft, nein, intoniert er in allen Tonlagen, vergebens. Es hört ihn auch keiner, denn äußerlich bleibt er stumm. - US

ANSCHLUSSFÄHIGKEIT
Die Hasenfüßigkeit macht vor den Toren der Wissenschaft nicht Halt, sie schlüpft vielmehr mit der ihr eigenen Behendigkeit unmittelbar hinein. Ihre ersten Opfer sind die Helden des Alltags, die davon träumen, einmal im Leben einen Trend zu inaugurieren. Man muss die herrschenden Trends stark empfinden, um diesen Wunsch zu hegen, das heißt, man muss den beherrschenden Anspruch, der von den Inaugurationstexten ausgeht, in einem Maß respektieren, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert, dass der tief gehegte Wunsch in Erfüllung geht. Es sind tüchtige Arbeiter, gut konditioniert, sie wollen die Verhältnisse ändern, zumindest in ihrer Disziplin, sie wollen dazu beitragen, dass sich etwas bewegt. Sie haben ein starkes Ego, ihre Auftritte sind durchdacht, sie verlangen, dass man ihnen zuhört, aber im Entscheidenden zeigen sie sich taub und richtungslos. Es ist nicht die Zeit für das, was zu sagen bliebe – den Rest, den sie sich nur über das entschiedene Urteil aneignen könnten, das sie sich versagen. Die Urteilsabstinenz ist über sie verhängt und manche tragen ihr Los mit Grazie. Was für Leute wie sie ›ganz normal‹ ist, drückt Standorte, an denen ein solches Verhalten endemisch wird, in die Zweitklassigkeit oder in die Bedeutungslosigkeit. Das Spiel machen andere. Da hilft kein Förderwille. - US

ANSEHEN
Es ist, unter Menschen, nicht schlecht, ein gewisses Ansehen zu genießen, was nicht heißen muss: ein gutes. Das Ansehen unterscheidet Völker wie Menschen, es schert sich wenig um Staatsgrenzen und Bevölkerungsmix. Zum Beispiel haben die Deutschen stark unter ihrem Ansehensverlust gelitten und sind erleichert, etwas davon wieder ihr eigen zu nennen. Sie bauen, mit einem Augenzwinkern wird es gesagt, ›fine cars‹. Leider schmeckt das Eigenlob verdächtig nach jenem Aber die Autobahnen, mit dem einst der geistig-moralische Wiederaufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Und ein gewisser Zusammenhang ist schwer zu leugnen. Eine Industrie, von der die Hälfte der Bewohner eines Landes abhängig ist, muss etwas Ungemeines besitzen. Sie birgt den Tempel und vielleicht auch die Bundeslade, um die das geheime Leben aller zirkuliert. Aus dem Ansehensverlust der Kultur haben forschere Zeitgenossen geschlossen, dass sie nichts wert sei – ein klassischer Fehlschluss, der mühsam die Einsicht verdecken half, dass die anderen sich ein paar Jahre lang von denen da nicht über die heikelsten und bedeutsamsten Elemente des Menschseins belehren lassen wollten. Die Kultur hatte das da nicht verhindert, wozu sollte sie gut sein? Vielleicht war das da sogar aus ihr herausgekrochen, so dass man mit Fug sagen konnte, sie habe sich in ihm entpuppt? Ein Hauch von Krieg gegen das eigene Herkommen liegt über den Jahrzehnten nach ’45, ein zeit- und objektversetzter Widerstand gegen wehrlose Klassiker, von toten Lebenden gegen lebendige Tote geführt, als gelte es, eine bereits von den Vorgängern demolierte Sache gemeinsam mit den Alltagszeugnissen der Schande zu verscharren. So sind die Deutschen in dem, was sie ihren Lernprozess nennen, erneut die Barbaren Europas geworden – fleißige Lieschen ohne Alltagskultur, mit viel Kunst und Events, ohne eine nennenswerte Literatur, ohne eine nennenswerte Philosophie, ohne nennenswerte Humanwissenschaften, sogar ohne ein Bewusstsein, etwas verloren zu haben. Auch hier glauben sie sich, nach einer langen, frenetischen, blutigen und sterilen Stunde Null, endlich angekommen, endlich des Makels ledig, etwas Besonderes zu sein. Ein Irrtum? Nein, kein Irrtum, ein Grobianismus. - US

ANTICHRIST
Das ist der von einem nicht mehr personifizierbaren Gott-Teufel künstlich geschaffene Gegenbruder Christi zum Schutze all derer, die Jesus den Nazaräer verstoßen haben. Jene und ER gelten als antispirituelle Zerstörer der klassischen Feste im Kirchenjahr und überhaupt im weiteren Sinne als Verwirrer der Kathedralen der Seelen. Man findet IHN und seine Anhänger mit schwarzen, übergroß nachgeahmten Priesterkappen, Pantoffeln und Stolen auf Glasfenstern und Wandgemälden, vornehmlich der Tempi sancti, innerhalb mediterraner Orte, etwa auf jenem Bild vom Umbau Jerusalems zur Schädelstätte durch Al Chumä den Lästerer. Von hier aus fuhr dieser, als Begleiter des Antichristen, sehr häufig, wie von französischen Kreuzrittern bei ihren Prozessen bezeugt, nach Westen in gewisse Seelen phantastischer Prägung. Voller Wut behauptete Ernst Hello, dieser niedere Knecht sei jeden Tag »voller Schmutz an den Stiefeln« in die Köpfe der französischen Dichter gefahren. Lautréamont war sich jedoch der köstlichen Gestalt des Inspiration durchaus bewusst und erwähnt Al Chumä in Briefen als den humoristischen Überbringer aller Aufträge des Antichristen, deren Purifikation ihn allerdings immer viel Zeit gekostet habe. »Meine Gesänge Maldorors wären fünfmal länger geworden, hätte Al Chumä nicht soviel geschwätzt. Manchmal sprach er sogar von den unterschiedlichen Marktpreisen für Brennholz auf den verschiedenen Plätzen von Paris oder selbst von Grenoble.« Man kennt zahlreiche Rezepte einer fleischlichen Wiedererweckung des Antichrist nach 1789 bei Gegenaufklärern und Satanisten in Frankreich durch Pottasche und tierischen Leim, Weihwasser und Quecksilber. In Barcelona zeigte man bis in die Neuzeit seine Mumie, vom Speer eines Glaubensritters der ›vier Gelübde der Cavalleria andante‹ durchbohrt. Er wurde dort Don Spirito Diavolo contra Jesum genannt und auf Verlangen nach Beiwohnung einer frommen Messe gezeigt. Er war mehrere Meter lang und weiß wie Kreide, überhaupt vielleicht eine Gipsfigur aus den Händen eines frommen oder besessenen Künstlers. Er lag in einem Gefäß aus Kupfer und wurde gerollt wie eine Tonne, wenn er sich offenbaren sollte.
Dehio fand ihn aber schon 1903 nicht mehr an der bekannten Stelle und vermutete seine Abschaffung durch den frommen Erzbischof Trivolo Maria sul davantorre del Christobal di Alicante. In einem tieferen Sinne ist der Antichrist eine Hoheitsgestalt der älteren Wissenschaften, die sich bewusst oder unbewusst auf ihn berufen. Dreimal sei das Haupt, umflossen von den Primzahlen, zur Wurzel Jesse gelangt und so zur Mutter aller Zahlen geworden. Dies lehrte man noch für gebildete Berggänger unter den Goldsuchern der Solothurner Bergakademie zu den Zeiten Lavaters. Von dieser magischen Dreierreihe gingen hypnotische Kräfte aus, die Kranke heilten und Schlaflose müde machten.
Eine neuere Forschung durch die freie religiöse Phantasie gibt es leider bis heute nicht. - PM

ANTWORTEN
Wo immer einer hinkommt, wollen die Menschen wissen, wie es weitergeht. »Die Menschheit hat ein Recht auf klare Antworten.« So las man es gestern, so liest man es heute. Die Menschheit, das sind die Leute, denen das Fernsehen das kleine Einmaleins beibringt, bevor es sie mit ein paar Kindergeschichten zu Bett bringt. Dazu kommen jene Unverdrossenen, die sich aus dem öffentlichen Medium nichts machen und stattdessen zu Vorträgen laufen, wo sie hinterher mit dem Autor diskutieren oder sich ein Autogramm abholen wollen. Jeder, der sie kennt, weiß, dass nichts weniger sie befriedigt als klare Antworten. Sie lieben es, ihre Vordenker in die Klemme zu bringen. Die Menschheit weiß in einem Ausmaß Bescheid, das denen, die ihr etwas bieten möchten, mehr Stoff zum Nachdenken böte, als sie verkraften könnten. Nein, die Menschen wollen keine klaren Antworten. Sie wollen auch nicht belogen oder betrogen werden, jedenfalls nur nach dem Maß dessen, was sie sich selbst zumuten. Sie wollen... alles Mögliche, und es wäre immerhin möglich, dass sie beim Zuhören auf ihre Kosten kommen. Manche wollen sich etwas dabei denken, wenn andere reden, im Hinterstübchen, dort, wohin sie niemanden blicken lassen. Sie sind, wie man hört, in der Minderzahl, aber diese Annahme ist vielleicht ebenso töricht wie der Appell an die Menschheit. Was sie zu denken gedenken, ist unabsehbar, und selbst wenn es ein Immergleiches wäre, hätte niemand ein Recht, es ihnen zu verwehren. Dieser Niemand, das ist die unsichtbare Figur im Spiel, sie kreuzt die Bahnen der Akteure und mancher trägt eine lahme Ferse davon. - US

APHOSACK
Sagen wir, so ein Aphorismus ist eine feine Sache – fragt sich, für wen, fragt sich wozu? Ein coltello ist ebenfalls eine feine Sache, warum nur misstraut man dem, der ihn in der Tasche mit sich herumträgt? Und dann: Warum ein stumpfer? Warum einer, der so klein ist, dass er nicht einmal dazu dienen kann, ein Brot sorgfältig in zwei Hälften zu zerlegen? Geschweige denn, ihn dem Gegner zur rechten Zeit ins Herz zu bohren? So ein coltello ist, recht betrachtet, zu gar nichts nütze.
Betrachten wir die Sache von einer anderen Seite. Für viele Mitmenschen ist es eine Notwendigkeit, der sie sich nicht entziehen können, gefährlich zu erscheinen. Nur: in einer Gesellschaft wie unserer erscheint man nicht lange gefährlich, ohne auf die eine oder andere Weise aus dem Verkehr gezogen zu werden. Die Nachbarin hat es genau bemerkt und die Polizei – gehen Sie mir mit der Polizei! Das ist ein unnützer und gefährlicher Aufwand, anderen gefährlich erscheinen zu wollen. Er bleibt auch vergebens, da die Leute einen gefährlichen Menschen ungefähr so ernst nehmen wie einen ausgebrochenen Zirkuslöwen oder einen Braunbär auf Urlaub. Ein Anruf genügt und mit der Gefährlichkeit ist es aus. - US

ARMUTSFALLE
Seit Adler arm ist, beschränkt er sich beim Kaufen aufs Nötigste. »Sieh her, was ich brauche«, sagt er, »das ist nicht der Rede wert.« »Welcher Rede?« fragt G. interessiert, es freut ihn, wenn einer Ausflüchte gebraucht, sie liegen dann nicht so am Boden herum und er kann sicherer auftreten. »Dummkopf«, sagt Adler, denn er kann Sophisten nicht leiden und kehrt gern den Wisser heraus. »Armer Adler«, seufzt G., nachdem er in Würde geschwiegen hat, »er sitzt in der Falle und merkt nichts davon. Er glaubt noch, er könne fliegen, wann immer er wolle, und es liege am Auftritt. Lassen wir ihm seinem Glauben. Es ist besser, er stößt sich den Schnabel, als dass er uns abstürzt.« »Adler stürzen nicht ab, mein Lieber«, ruft Adler hinter ihm her, »sie bewachen den Mond.« »Wie er sie«, murmelt G. und rudert zurück in die Armutsfalle. - US

ASTLACHEN
Sich einen Ast lachen → soviel wie: sich krumm lachen, einen ungewöhnlichen Heiterkeitsausbruch hinlegen, auf Kosten anderer triumphieren, aber im Verborgenen (oder auch nicht), einen vom anderen übersehenen Vorteil einstreichen, unverhofft auf seine Kosten kommen, dem (den) Mitmenschen das Nachsehen geben. Dass bei solcher Gelegenheit etwas zum Vorschein kommt, gleichsam aus einem herauswächst, scheint zunächst einmal nichts Außergewöhnliches an sich zu haben, es versteht sich fast von selbst. So ein kleiner Auswuchs – wo darf es sein? Unterm Ärmel? Aus dem Kopf? Aus der...? Nana. Und doch... vielleicht. Die... hören Sie, ich kann mich vor Lachen nicht halten, worauf wollen Sie hinaus? Wo wollen Sie hin? So ein Aphorismus ist rascher entführt als die Vorstellung, die er enthält. Allein gelassen, kauert sie einsam am Wegrand. Lachen Sie ruhig, das ist die Wahrheit, nicht die ganze, aber ein Gutteil. Die Vorstellung ist die Falle, die der Astlacher seinen Mitmenschen stellt. Die Vorstellung, dass sie da draußen sitzt, erheitert ihn in der Seele. Er hat sie gut sichtbar versteckt, man könnte sie einen Fetisch nennen, einen Wegweiser vielleicht oder eine Grabrede für niemanden. ›Lust, niemandes Grab zu sein‹ unter soviel Plünderern. - US

AUFBRÜCHE
Du siehst ein Kunstwerk und bist entzückt. Du liest die Theorie, die vom Künstler ausgeheckt wurde, um seine Richtung begreiflich zu machen, und bist gelangweilt, befremdet, irritiert. Du fragt dich: Wie konnte dieser schwache, offenkundig leicht zu verwirrende Geist so ein Werk hervorbringen? Und du liest weiter. Du findest die Theorie mit anderen im Bunde, die den gleichen Geist atmen: Ansichten einer Clique, einer Schule, einer Bewegung. So geschieht, was geschieht: auch die dazugehörige Praxis kann nicht länger überzeugen. Du siehst das Gewollte, das sinnlos Erzwungene, du siehst, wo du hinsiehst: falsche Theorie. Wohin ist das Sehen entschwunden? Welche Sicht der Dinge hat es unaufhaltsam verzehrt? Geht das Gedachte dem Gesehenen so weit vor? Ah, da kommt es zurück. Beginnen wir also von vorn. Nein, du bist nicht länger entzückt, aber du lässt gelten. Du lässt gelten, weil du nicht mehr gefordert bist. Eine naive Sicht der Dinge lullt dich ein. So geht es den Künsten, so geht es der Kunst. Man muss ihr die Aufbrüche nachsehen, wie sonst käme sie zustande? Am Ende gilt, was du siehst. Es gilt nicht wirklich, nur ein wenig vermindert, du muss dich darein versehen, sonst siehst du nichts. - US

AUFREGEND
Warum die aufregenden Schriftsteller die langweiligen sind. Auffällig ist: was in seiner Zeit ankommt, vergeht mit ihr. Später, unter der Lupe kulturhistorischer Untersuchungen, mutiert es zum Exempel von Trivialkultur. Alles, was den Zeitsinn stimuliert, wirkt aufregend, es steigert das Bewusstsein der Gegenwart, die Empfindung, gerade jetzt durch offene Türen zu gehen. Da in der Regel niemand Zeit hat, um auf sein Pfingsten zu warten, lässt er es sich vermitteln. Die Agenturen, die dieses Geschäft betreiben, wissen, was an der Zeit ist, sie können sich auch täuschen, aber das lässt sich rasch reparieren, ein Hauch genügt und sie stehen auf dem Plan. Ein kleiner Ableger dieser Agenturen sitzt in den aufregenden Schriftstellern, sie vibrieren gleichsam mit ihrem Schreiben mit und verlangen von sich das Äußerste: Aktion. ›Die Aktion‹ hieß das von Pfemfert vor dem Ersten Weltkrieg herausgegebene, übrigens bis 1932 existierende Organ, in dem die Aufgeregten sich sammelten, um Aufregung zu verbreiten. ›Irgendwie links‹ geriert sich das bestehende Aufgeregtsein bis heute. Manchmal kommt kurzfristig richtige Aufregung auf, wenn ein Aufgeregter über die Stränge schlägt und alles zurücknehmen muss oder rasch von der Bühne gezerrt wird, zurück ins Dunkel, wo das Zwielichtige siedelt. Am aufregendsten ist natürlich der kühle Typ, um den herum das Publikum in Wallung gerät. Überhaupt gilt: die aufregendsten Menschen schreiben die aufregendsten Bücher. Ist das nicht aufregend? Mitnichten. Jedenfalls darf sich die Aufregung legen, wenn das Leben sich legt, teils zum Schlaf, teils zum Entschlafen. Eine verblichene Aufregung gilt zwei geschälte, mit denen sich ein paar Saurier bewerfen, zwischen denen man ein Netz gespannt hat. - US

AUFZIEHTHEORIE
Da ich ein Knabe war, ach...! Damals gab es diese Spielzeugautos mit einem Loch in der Seite, aus dem ein kräftiger Stift herauslugte: man steckte einen Schlüssel hinein und zog damit eine verborgene Feder auf, die Antriebsräder musste man währenddessen festhalten, am besten mit dem Finger, ein Tipp für später, den keiner verstand. Leider reichte die Spannung nur für kurze Sprints – genug, immerhin, um die bange Frage aufzuwerfen, ob einer auch rechtzeitig losstürzte, um das rasende Vehikel aufzufangen, sobald es über die Tischkante hinausschoss. Stärker beeindruckten die Aufziehmäuse aus grau lackiertem Blech, die mutig in Buchseiten hineinfuhren, aber an einer nicht genau vorhersehbaren Stelle umkippten und sich um sich selbst zu drehen begannen, weitergetrieben durch einen geheimnisvollen Kraftschluss zwischen dem dünnen, biegsamen Gummischwanz und der nur scheinbar glatten Papierfläche, die hinreichend Haftung für das Spektakel bot. Später habe ich Menschen hochgemut zwischen die Seiten eines Buches geraten und zum Ergötzen und endlich zum Erschrecken ihrer Umgebung nicht mehr herausfinden sehen. Ob sie allerdings um sich selbst kreisten oder um einen geheimnisvollen Punkt des Entsetzens, der nicht weiter benannt werden konnte, blieb in den meisten Fällen unerfindlich. Immerhin hatte das Buch etwas bewirkt: die Geburt eines Wesens, das einem Perpetuum mobile erstaunlich ähnlich sah und am Ende doch nur liegen blieb. Ein schlimmes Los, ein schönes? Einen, der das wüsste, könnte man auch nach anderen Dingen fragen, zum Beispiel, woher es kommt, dass die Klingel stumm bleibt, solange man auf sie hört oder warum es keinen Zweck hat, auf die Straße zu laufen, wenn man Besuch erwartet – lauter Dinge, die einen flüchtig zwischen zwei Abwesenheiten beschäftigen. - US

AUGENBLICK
Die Zeit zwischen zwei Wimpernschlägen vergeht, wie man weiß, im Nu. Das ist leicht gesagt, im Bedenken stockt nicht allein die Zeit, sondern auch der Gedanke. Im Nu ist einer bei sich, denn er ist außer sich. Mehr zu sagen hieße, den Wimpernschlag herausfordern, der den Gedanken unterbricht wie ein Glockenschlag. Zwischen zwei Glockenschlägen findet der Gedanke keine Ruhe, ihm fehlt das Widerlager, auf dem er sich strecken und in seiner natürlichen Proportion zeigen kann. Stattdessen zeigt er seine Panikfigur. Es soll Menschen geben, denen die Wucht des Glockenschlags die Besinnung raubt. Der Augenblick besitzt seinen unnachsichtigen Widersacher im Erz, das zur Besinnung ruft. - US

AUGENVERDREHEN
Das Augenverdrehen ist eine Kulturtechnik, vergleichbar dem Wettermachen oder dem Wettrüsten. Irgendwann zeigt sich ein Ergebnis, aber keiner begreift, wie es dazu kam und wie die wirklichen Bahnen zwischen Ursache und Wirkung verlaufen. Der klassische Augenverdreher weiß nicht, was er will. Er nimmt auch nicht wirklich übel, er dreht sich vielmehr heraus – aus einem Gespräch, einer Wendung, einem Gedanken, einer Stimmung oder einem Gefühl –, und zwar so, dass derjenige, der zufällig einen Blick auf ihn wirft, Bescheid weiß. Im Grunde geht es ihm um nichts weiter als diesen Zufall. Er will, dass der Blick, der auf ihn fällt, etwas zu sehen bekommt. Er weiß sich nicht anders zu helfen als dadurch, dass er den Blick, den er auf sich ziehen möchte, mit einem Schabernack im voraus belohnt. Also sucht er in einem Spiel, das zu spielen er keine Sekunde lang vorhat, den Verbündeten. Eigentlich möchte er unsichtbar sein und aus dieser sicheren Position heraus auftrumpfen. Besser, er möchte aufgetrumpft haben, um es desto sicherer leugnen zu können. Noch besser: Er möchte sich hier und heute aus seinem künftigen Grabe davonstehlen, um den anderen das Nachsehen zu geben. Oder: Er möchte sich lieber begraben lassen, als sich all das ungerührt anzuhören, was seine Mitmenschen in ihrem täglichen Wahn von sich geben. Er hat eine gute Haut, warum sollte er eine sein? - US

AUSSETZER
Man muss seine Gedanken aussetzen, wie man Fische aussetzt – nicht der obligaten Kritik, diesem Gesäusel unter dem Einfluss widriger Analgetica, sondern dem Element, in dem sie ihre natürliche Regsamkeit unter Beweis stellen, in dem sie sich paaren und irgendwann absterben, so wie man ihrer ab ovo eingedenk bleiben sollte, falls sich einige Prachtexemplare darunter finden. Ich persönlich – sagt G. – gehöre ja einer Generation an, der die Lust am Gedanken abgeht – man könnte auch sagen: fremd ist, aber das zu behaupten überschreitet dann doch jede Kompetenz. Nein, sie geht ihr ab. Darum handelt es sich: eine tragische Geschichte. Man sollte von solch einem Abgang viel mehr Aufhebens machen. Nicht, dass er von der Öffentlichkeit unbemerkt bliebe, aber das ist es ja – dieses schier unendliche Gesäusel und Geflüster, dieses Hand-vor-den-Mund und Darf-man-das, dieser Anschlusswille vor jeder Fähigkeit, dieses zäh und stur Tertiäre, in jeglichem Sinn des Wortes, wo kommt das her? Wo strebt es hin? »Auf den Friedhof, mein Freund, auf den Friedhof. Gondwana stirbt«, krächzt dunkel die Stimme Waputas. Aber – wäre das nicht zu leicht gedacht? Dieser Generation (vielleicht ist es auch nur eine Halbgeneration, und darin liegt bereits die ganze Tücke) eignet eine Behäbigkeit des Urteils, der allein mit Gedankenschwere begegnet werden kann. So wankt der Gedanke langsam, auf hohem Kamele reitend, herbei und gleitet herunter, als berge er eine Kostbarkeit, dabei ist er nur unförmig. »Nietzsche sagt –«: so beginnen viele ihrer Sätze, zu viele, an die sie sich in der Wüste gewöhnten. Auch andere bedeuten ihr manches, haben sie erst einmal volle Zitatreife erreicht. Im Land der getrockneten Feigen schmeckt das Leben süß. - US

AUSZUG
Das Bewusstsein für Kontinuitäten schärfen – so etwas sagt sich leicht und trifft schließlich die, die sich als erste dafür erwärmten. Vielleicht zu recht, schließlich haben sie den Stein ins Rollen gebracht, wohl wissend, dass immer etwas nachkommt, wo keiner etwas erwarten konnte. Was kann schon kommen? Das ist die Frage all derer, die sich aufmachen, die sich bereits aufgemacht haben, weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten konnten, weil sie es nicht länger als ihr Zuhause betrachten, schließlich, weil sie nicht länger nach einem Zuhause trachten, aus welchen Gründen auch immer. Unter der Oberfläche wächst das Verbindende nach, es wächst unaufhörlich, eine subkutane Realität, die der äußeren an Dichte und Zusammenhang in keinem Punkte weicht. Warum das so ist? Keine Ahnung. Oder doch? Betrachten wir den Vorzeichenwechsel: das Negierte schielt über den Negator hinweg und ruft sein »Hier bin ich«. Damit lässt sich vieles erklären, wenngleich nicht alles. Ein anderer Grund: wer will, findet immer umfassendere Kausalitäten, die sich per Willensentscheid nicht aushebeln lassen. Die Konstellation frisst ihre Kinder. Auch sollte nicht übersehen werden, wieviel Energie sich in Auszügen und Aufbrüchen verbraucht. Woher sie stammt, wohin sie geht, ist das eine, ihre schiere Bilanz das andere. Manch einer dünkt sich am Anfang und ist schon am Ende: soviel hat es ihn gekostet, einen neuen Anfang zu machen. Und was heißt schon neu? Mancher, der sich unvergleichlich vorkommt, müsste sich verschämt in die Ecke drücken, wüsste er um die verborgenen Motive in den Anfängen derer, die er verachtet. Der Manichäismus zwischen den Generationen, dieses verzweifelte Ringen ums Sagen-können und Sagen-haben, endet auf dem Richtplatz der Gefühle, mit dem Eingeständnis der eigenen Niederlage dort, wo er begann. Solange der Hochmut regiert, solange regiert auch die Not, der er entstammt, die Not all derer, denen alle Wege versperrt erscheinen, außer dem der Schande. Die Schande ist ein feiner Begleiter, sie durchdringt die Metamorphosen, die sie initiiert, sie ist urheberisch beteiligt an allen Urheber-Streitereien, sie ist causa sui und causa causarum, Ursache einer Ursachenkette, die über die Erde wegläuft, scheinbar glatt, aber ›dumpf in der Erde / wandert es mit‹. So kommt es zur Figur des Verlorenen Sohns, dem unerwarteten Wiederauftauchen dessen, der sich selbst enterbte, inmitten des Erbes, das ihn aufnimmt, als sei er niemals fort gewesen, obwohl... ihm dieses Fremde anhaftet, das nicht weggeht, etwas Befremdliches, spürbar genug, damit man ihm Platz macht. Und das wollte er ja: Platz. - US

B

B BÄRENHÄUTER
Dichter, sagt mein Freund TK – er sagt es nicht wirklich, aber ich sehe es ihm an –, wird man nicht durch Dichten, sondern durch diese Fähigkeit, die Zeit in Worte zu fassen. Ich weiß, die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie so, wie sie ist, zu werfen. Manche tragen das Fell des Bären über der Schulter und man erkennt sie am Hasenfuß. – »Besser am Hinkfuß. Das wäre doch ein Zeichen.« – »Man muss etwas drauf geben, von nichts kommt nichts.« – »O doch. Eine ganze Menge.« – »Das mag sein, aber unter Brüdern, da muss geteilt werden.« - US

BALTHUS
Die Entdeckung des Struwwelpeter für die Malerei lassen wir Ihnen gern durchgehen, das ist hübsch, das hat Verve, das macht Laune und besitzt sogar Farbe, mit einem Schuss Gouvernanten-Familiarität à la Hogarth, vorsichtig modernisiert, und die Mädchen in ihren Söckchen und all die Engelchen mit einem aufgemalten Geschlecht, das zu ist wie der Bankschalter am Sonntag und einer mit einer klitzekleinen Karte in der Hand darf sich Hoffnungen machen, unberechtigte hoffentlich, das ist alles hübsch und sogar recht schön und sehr schön gemalt, das muss einer sagen. Aber was Sie hier angestellt haben, ist eine Wucht, da mag sich einer heraussehen, wenn er mag, was er will. Das hat eine Klasse, die zur ewigen Malerei gehört, und warum? Ich will es Ihnen sagen. Es ist eine stille Raserei in diesem Bild, die sich dem Malakt verdankt, einem langen, vollständig ausgeführten, nirgends überdehnten oder gar überschrittenen Akt, in dem ein Pinsel Gelegenheit erhielt, alles auszudrücken, was in ihm lag und vielleicht noch liegt, vielleicht noch liegt. Ein äußerlich bescheidenes Bild mit einem ruhigen, unaufregenden, gewissermaßen banalen Motiv, das hier nicht verraten werden soll, denn irgendwo muss das Sehen beginnen, jenseits der nachvollzogenen Urteile und dem Suchen nach dem, was alle Welt kennt. - US

BEDENKEN
Irgendwann verläuft sich jedes Argument und die natürliche Bizarrerie des Bedenkens tritt hervor. Es handelt sich, ganz recht, um einen Akt der Wegelagerei. Zumindest könnte man es so sehen. Aber wer will das schon. Man kann eine Sache zudenken, bis sie verschwunden ist, und wenn man sie dann befreit, ist etwas anderes aus ihr geworden, etwas, von dem man Stein und Bein schwören würde, man habe niemals daran gedacht. All diese Schwüre sind nichts wert. Auch im Aufdenken ist das Bedenken groß, es bedarf kaum eines Schlüssels und das Bedachte geht auf, groß wie ein Sarg, und entlässt ein Blütenmeer. Schwerer geht das Entdenken, das Abziehen der Gedanken, und selten ohne Getöse, an dessen Ende ein Wimmern zu vernehmen ist, das dem eines Neugeborenen gleicht oder zu gleichen versucht. Man weiß nicht und man wird niemals wissen, was in solchen Momenten wirklich geschieht. Das Entdachte, seiner natürlichen Würde zurückgegeben, erhebt sich augenblicklich und geht. Im Fortdenken bleibt das Denken sich selbst überlassen, es ist ganz bei sich, ganz forte. Nur mit dem Ankommen hapert es; so wie die großen Seeschiffe weit draußen vor den Häfen ankern, hat das starke Denken seine Anlegepunkte, wo die meisten nichts sehen. - US

BEFREMDEN
Was soll ich sagen? Dass ich euretwegen gelitten habe, wie ein Tier meinethalben, und dass ich es nicht einmal sagen darf, weil es euch nur befremden würde? Das ist ein schönes Wort: befremden, ein Wort voller Heimtücke, voller Fußangeln, voller Blaff und Bluff, ein Radauwort auf leisen Sohlen, ein Fortgänger im Ankommen, ein Unbelangbarer. Befremdet? Das kann ich mir vorstellen. Ein Hauch fällt auf die Rede und löscht ein Gesicht aus. So etwas geschieht, es geschieht andauernd, es trotzt aller Aufklärung und allem Bedenken, es ist das Unbedachte im Bedachten, aus dem einfachen Grund, weil es die Grundform des Bedenkens darstellt. Im Befremden ersteht die Welt, wie sie ist, mit ihren Schärfen und Kanten, ihrem Sortieren und Sortiertsein und Umsortieren, ihrer Kälte und dem, was man unvorsichtigerweise ihre ›Unbewohnbarkeit‹ nennt. Das Befremden absorbiert jede Theorie, jeden Ansatz, so wie es jedes Gesicht zum Verschwinden bringt. Es absorbiert sich selbst und das Spiel geht weiter. Manche bleiben befremdet, sie gehen ein oder werden entrückt. Das Befremden annulliert jeden Fortschritt, es stellt die intimsten Beziehungen auf NN und ermöglicht den Neuanfang. Es bewirkt, dass das Entsetzliche nur auf Augenblicke sichtbar wird. »Das klingt doch positiv.« Sagte ich's nicht? Nun, was soll...? - US

BEHÄNDIGKEIT
Die Behändigkeit ist ein besonderes Gut, ein Selbstläufer unter den Gütern (und den Begüterten), entfernt der Beidhändigkeit verwandt, aber doch nicht so sehr, dass sich daraus Schlüsse ergäben. Überhaupt hält sie es weniger mit der Ergebung als mit deren Mitläufer, der Ungeschert- oder Ungescheutheit, die an der Scheu wie am Gescheitsein gleichermaßen partizipiert. Wie das? Gescheitsein ist, wie es scheint, ein hohes Gut, das wird den Kindern von früh auf eingebläut und sie wissen es auswendig. Was sie keinen Deut gescheiter macht, aber in die Lage versetzt, nicht so dumm zu sein, wie es nötig wäre, um zu dem zu stehen, was der Verstand einem eingibt. Ungescheut das Rechte sagen, das wäre was Rechtes, das könnte manchem so passen, der sich besser bedeckt hält. Ein unerquickliches Wortfeld, fürwahr. Behände ist einer über das hinaus, was ihn flugs einholt und hurtig verspeist, zur Nachtzeit, sobald der Uhu schreit. - US

BEISSRÜPEL
Der Beißrüpel ist überzeugter Europäer, nach wie vor. Warum er letzteres so betont? Er will sich nichts vormachen. »Ich entstamme dieser Kultur«, pflegt er zu sagen, »ich kann nicht anders. Wäre ich Brite, ich hätte Alternativen. Aber so – was soll ich tun?« Als Europäer ist er Atlantiker. »Der Atlantik«, sagt er und schneuzt sich, »darf kein Graben werden, er muss Brücke bleiben.« Dann sieht er sich um und forscht, ob die Mienen Widerspruch zeigen. Die Mienen freuen sich, dass er wieder in Form ist, und hüten sich, etwas zu zeigen. Der Beißrüpel ist von Haus aus Mienenforscher, das hat er nicht abgelegt, seit sein stürmischer Aufstieg begann, vermutlich blieb keine Zeit. Seine Karriere geht auf die Zeiten des Kalten Krieges zurück, an den er sich mit Freude und ein bisschen Stolz erinnert. »Das war eine gute Zeit«, seufzt er nicht selten, »wohin gehen die guten Zeiten, vielleicht in den Abgrund?« Im Grunde hat ihn das von Homomaris gezeichnete Porträt nicht schlecht getroffen, sogar zweimal, was einiges heißen will. Oder so manches. – Als Atlantiker ist der Beißrüpel Pharisäer. Er weiß, das ist kein Beruf, nur ein Wort, aber auch hier gilt: Er kann nicht anders. »Wo ich bin, muss Klarheit herrschen«, herrscht er seine der Melancholie ergebenen Untergebenen an, »völlige Klarheit, verstehen Sie? Wir können und dürfen uns keine Zweideutigkeiten leisten. Dafür stehe ich mit meinem Wort. Wieso übrigens ›stehe‹? ›Dafür sitze ich...‹? Hm. Das scheint nicht zu gehen. Scheißsprache. Muss reformiert werden.« Schon macht er sich an die Arbeit, ist tagelang nicht zu sehen. Seine Frau kennt das und geht auf Sauftour, die Mitarbeiterin beschließt definitiv, in den Bundestag einzuziehen, sobald sie ›das hier‹ hinter sich hat. Langsam, Stückchen für Stückchen, gewinnt die Sprachreform Profil. O unsere Beißrüpel! Wenn wir sie nicht hätten, welche Unkultur! Welche Friedhofsruhe! Welcher Abfall! – Als Pharisäer ist der Beißrüpel Exzentriker. Er leistet sich seine Ausfälle wie andere eine Reise nach Panama. Oder Honduras. Oder Afghanistan. Brandgefährlich, aber es zieht ihn hin und er denkt nicht daran, sich zu sträuben. Schließlich bevorzugt er Gruppenfahrten, die er Inspektionsreisen nennt. »Ich muss wissen, was da unten los ist«, bellt er auf Anfrage. Was wird schon sein? Ein paar Scherereien, das bringt einen Kerl zum Anfassen nicht aus der Fassung. Da muss er durch. Vor seinem Konterfei stehend, gefragt, wie er sich fühle, bricht es aus ihm heraus: »Alles Lüge! Alles Fratze! Ich ist ein anderer.« Auch das: geklaut. Als Exzentriker ist der Beißrüpel... Aber das steht schon auf einem anderen Blatt. - US

BENNPHASE
Eine Stimmungskanone –! Ein ZDF ganz für sich allein, für nicht Anschlusswillige, die an allem sparen, selbst an dem, wofür einer steht. Dieser hier steht für nichts, das gefällt den Adepten. Was einfällt, muss doch einmal gestanden haben. So ein Geständnis... Ein Glück, dass die Hüter des Missbrauchs kein Verhältnis zum Geschriebenen haben, längere Partien stehen sie nicht durch, das sind die glücklichen. - US

BEOBACHTERSTATUS
Eine gewisse Superiorität in kulturellen Belangen lässt sich der DDR posthum nur schwer absprechen. Es waren ihre Schriftsteller, die im Westen die größte Aufmerksamkeit genossen. Natürlich nur solche, die den Dissidenten-Nimbus mit dem Kulturbotschafterposten zu vereinen wussten, speziell ausgesuchte Leute von erlesenem Lebenswandel, die nach der Wende überwiegend in die Krise gerieten oder ins Gerede. Die Misere des ersten sozialistischen Staates auf ... Boden brachte es mit sich, dass auf der anderen Seite des Vorhangs eine kritische Öffentlichkeit auf dem Posten blieb und Beachtung produzierte – ein rares Gut, um das man im liberalen Staat kämpfen muss wie die Löwin um ihr Neugeborenes, was die einschlägigen Kreise spät, aber gründlich begriffen haben. - US

BEOBACHTUNG
›Beobachtung zweiten Grades‹ ist selten, sie ist nicht institutionalisierbar, jedenfalls nicht auf dem Weg einer auf Dauer gestellten Produktion hochgestochener Thesen. Sie tritt in der Gefahr hervor oder gar nicht. Die besten Beobachter vergangener Jahrhunderte waren ihren Zeitgenossen fast vollständig unbekannt. Warum sollte das inzwischen anders sein? Die Kaste derer, die sich heute den zweiten Grad attestieren, produziert für das Vergessen. Das sollte nicht vergessen werden, wenn sie sich öffentlich auf die Schultern klopfen, als käme gleich darunter das alte Lametta zum Vorschein. - US

BERATERTÄTIGKEIT
Zu den bedenkenswerten Vorgängen der neunziger Jahre gehört auch die nachhaltige Abdankung der Intellektuellen, die Einschmelzung dieser Spezies zu etwas, das man ›beratende Intelligenz‹ nennen könnte, wäre man nicht besser beraten, es zu lassen. Nicht dass hier Zweifel an der Beratertätigkeit im Allgemeinen oder an der Intelligenz gewisser Berater geschürt werden sollen! Aber den beratenden Typus hat es immer gegeben und das sonderbare Verhalten der neuen Freibeuter, die sich plötzlich in seine Jobs drängen, verdient vielleicht doch eine deftigere Charakterisierung. Wahrscheinlich wären schon frühere Zeiten darüber erstaunt gewesen, wie wenig die Vorgänger der heutigen Pseudoberater in concreto zu verändern gewusst hätten, hätte man ihnen die entsprechenden Rollen angedient. Aber da man die Intellektuellen stets als Statthalter des Feindes im eigenen Lande wahrnahm, an denen die Herrschenden ein – friedliches, entspanntes, offenes, liberales, deutliches, strenges – Exempel zu statuieren hatten, bestand das Spiel, in dem alle Seiten sich trefflich einrichten konnten, doch eher darin, sie von den Schalthebeln dieser Welt fernzuhalten. Das galt im Westen, das galt, mit anderer Skalierung der Werte und Mittel, östlich des Eisernen Vorhangs. Seither haben die Kassandren des Weltgeists gelernt und sind fort – ein seltsamer Zusammenhang, der jeden Gedanken daran verbieten sollte, Vögeln in großem Stil etwas beizubringen. Nein, nicht alle sind fort, ein paar Invaliden sind zurückgeblieben und vertreiben sich die Langeweile abwechselnd damit, von den alten Zeiten zu schwärmen und sich gegenseitig zu denunzieren. Auch sie juckt gelegentlich die Beraterei, aber da sie die Epochen im Flug überblicken, genügt es, ihre guten Ratschläge mit Verwunderung und einem warmen Gefühl unirdischer Beglückung zur Kenntnis zu nehmen. - US

BESCHREIBUNG
Man bekommt es in Europa schnell mit Leuten zu tun, die denken können, so weit ihre Englischkenntnisse es ihnen erlauben, das heißt, nicht sehr weit. Diese Leute sind überall zu finden, wo man auf die eine oder andere Weise über die Realitäten des Kontinents verfügt. Da sie nicht wirklich verstehen, was sie tun – oder, sofern eine Ahnung davon in ihren Köpfen spukt, diese nicht ausdrücken können und daher lieber heimlich entsorgen – geschieht, was geschieht, hinter ihrem Rücken, zwischen zwei Entscheidungsgängen. Man sollte nicht glauben, sie hätten die Verhältnisse, die sie produzieren, im Griff. Das Im-Griff-Haben ist ihre schwächste Stelle – wer immerfort neue Beschreibungen ordern muss, um den Griff nicht zu lockern, bleibt irgendwann auf ihnen sitzen. Auch das Unverkäufliche hat seinen Preis; es strapaziert die Nerven der Anbieter. Da haben sie die Realität, die sie meinen. - US

BESTIMMUNG
Das ist ein großes Wort und Grabbeau bediente sich seiner oft unter Tränen. Im Wilhelm Meister hat Goethe diesen Begriff mit tiefen Worten gedeutet. »Sie ist es«, lässt er Wilhelm am Bett des Flötenspielers gestehen, »die uns einfängt wie ein Netz, uns niederwirft und aufrichtet, sodass unser Brot, in Tränen genossen, nach den Feldern und Bergadern jenes anderen zweiten Mondes schmeckt, von dem das wahre Getreide der Kunst oft so unheilvoll auf uns niederrieselt. Wohl dem, der eine Mühle hat, es süßer zu mahlen.« Auch kennt die wahre Bestimmung keinerlei Grenzen. Jemand ward früh verworfen und später mit Hilfe Grabbeaus erhoben, ein anderer stieg mit jämmerlichen Kunststücken auf, aber Grabbeau warf ihn nieder und so ward sein Name für immer getilgt.
In Marbach zeigt man, wenn auch nur ungern, die oft sehr zahlreichen und über Nacht völlig verdörrten Zeitungsartikel der ›Frankfurter allzu kleinen‹, die niemand mehr lesen will. »Aus«, sagt der berühmte Schneider der Hölle, der Infant mit dem Ziegenbart, und zeigt seine gelben Zähne. Wir müssen ihn nicht beschreiben, wir kennen ihn alle, auch er hat seine Bestimmung im unteren Grenzenlosen. - PM

BETRACHTUNG
Siehe –: die Lilien auf dem Felde haben Anzeige erstattet und bewegen sich in großer gedanklicher Schnelligkeit auf den Betrachter zu. Ich finde sie aggressiv heute morgen, obwohl ich zugeben muss, dass etwas herausspringen sollte, so wie sie sich hergeben. Ich bin keine Lilie, ich weiß nicht, wie man sich fühlt, wenn man wie sie in der Betrachtung lebt – so versunken in sie, dass der Boden, in dem sie stehen, nicht weiter in Betracht kommt, es sei denn, sie laufen Gefahr zu vertrocknen. Da springen die Helfer herbei, hurtige Burschen, denen kein Weg zu weit und keine Bürde zu schwer ist. Ein Leben in der Betrachtung, genauer (was beinahe auf dasselbe hinausläuft): im Betrachtetwerden, fördert zweifellos den Verdacht, die andere, abgedunkelte Seite führe etwas im Schilde. Was ja auch stimmt. Wer im Blickpunkt steht, steht auf Nägeln, und man weiß nie, wohin die Spitze weist. - US

BETRIEBSAUSFLUG
Das Wirksamste am Betrieb ist die vollkommene gedankliche Leere, in der er sich vollzieht. Das heißt nicht, dass in ihm nicht gedacht würde. Im Gegenteil, nirgendwo wird vielleicht so viel gedacht wie im Gewimmel der Termine und Interessen. Das betriebliche Denken vollzieht sich im Modus des Im-Bilde-Seins, und es wäre doch erstaunlich, den Engel die Jungfrau fragen zu hören, in welchem Bild er sich jetzt eigentlich befinde und ob sie ihm aus dem Rahmen hülfe, damit er sich ein Bild machen könne. Nein, er beugt das Knie und überbringt seine Botschaft, Tag für Tag, Nacht für Nacht, er denkt nicht daran, davon abzulassen, sein Blick glitte an jedem ab, der ihn zu ein wenig Reflexion anhalten wollte. Man nennt das die Macht der Rituale, aber da täuscht man sich. Das ist kein Ritual, nichts, was sich wiederholte, das geschieht, einmal und unwiederholbar, aber – und das ist das Unfassliche – ununterbrochen, ohne Unterlass, bis in alle Ewigkeit. Es ist mit dieser Ewigkeit nicht weit her, wie man sagt, sie liegt gleich um die Ecke, man biegt einmal ab und ist schon angekommen für immer. »Das weiß doch jeder«, sagt G., »aber was das Schönste ist, sie werden unruhig, wenn sie die Ecke nicht gleich finden, sie werfen ihre Hände und Füße und finden es unerhört, so dass man nicht unterscheiden kann, ob sie nun hinein wollen oder sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben.« »Weder – noch«, meint A., dem die Pfeife nie ausgeht. »Sie glauben, sie müssten sich sträuben, aber es reißt sie dahin, sie finden die Schwelle, wenn sie zu stolpern meinen und richten sich als andere auf wie in einem Bild von Max Ernst: auf einmal tragen sie Vogelfedern im Gesicht und sprechen die Sprache ihrer Hundsnatur.« »Das ginge noch an«, sagt G., »könnten sie auch schweigen. Aber wer ihnen zuhört und die Melodie der Leere vernimmt, ist gebannt für immer. Er müsste sich freikaufen, doch da wäre eine Schwierigkeit: solche Summen kommen selten in einer Hand zusammen.« - US

BEWUSSTSEINSWELTEN
Wie wenig die öffentlichen Verteidiger der Vernunft gewillt sind, die Büchse der Pandora zu öffnen, für die sie geräuschvoll eine Lanze brechen oder auch zwei, erweist sich am Schicksal von Büchern, die nicht bloß vor Vernunft strotzen, sondern sich den Grundlagen aller Vernünftigkeit widmen, dem Denken in seinen Möglichkeiten und Gliederungen, seinen Funktionen und Wirkmechanismen, seinen Fähigkeiten und Modi der Weltverhaftung. Diese – wenigen – Werke liegen wie Blei in den Regalen, die Bibliothekarin blickt auf das Anschaffungsdatum und bläst besorgt den Staub von den Kanten. Ein schönes Buch, warum wird es nicht angenommen? Es liegt ein bisschen still da, es ist vielleicht schon ein wenig dick für sein Alter, aber sind das Gründe? Das Denken denken – vor dieser Parole laufen alle davon und halten sich noch auf sichere Distanz die Ohren zu. Was nicht schlecht ist, weil sich so manches Geschrei erübrigt. - US

BILDERHANDLUNG
Dass Bilder eine Geschichte erzählen, ist ein frommer Wunsch, der viel damit zu tun hat, dass sie so müßig herumhängen. Nicht anders der Film: die bloße Abfolge von Bildern erzeugt keine Handlung. Dennoch redet man von der Handlung eines Films, als sei gerade sie das Reale daran. Jeder ist eingeladen, sich eine zu denken und folgt spontan. Diese Folgsamkeit, die beim Kinogänger größer ist als beim Bildbetrachter, erschreckt, sie zeugt von einem Mangel an Phantasie oder ihrer willkürlichen Beschneidung. Dabei gibt es Unterschiede. Das Bild zeigt eine Handlung, der Film hat eine Handlung. Über den Unterschied lohnt es sich nachzudenken. Schließlich hat der Film seine Handlung nicht verschluckt, so dass sie jetzt in ihm steckt und herausgezogen werden kann wie ein Knochen oder ein Tennisball, er hat sie auch nicht zur Hand, eine solche Vorstellung wäre ganz widersinnig, man sagt, er besitzt sie. Das lässt aufhorchen: der Film als Handlungsbesitzer erinnert an einen Kioskbesitzer oder den Besitzer eines Juweliergeschäftes, in dem die Auslagen diskret andeuten, was es alles zu kaufen gibt. Der Film verkauft eine Handlung, dafür ist er gedacht, es ist seine Aufgabe. Zusammen mit dieser Handlung verkauft er noch andere Dinge: den Geschmack an bestimmten Landschaften oder Stadtvierteln, an teuren Autos, an ausgefallenen Klamotten, an Gesten und Blicken, am Typus der Schauspielerin oder des Schauspielers und natürlich das ›Image‹ genannte Bild dieser Person, das kein Bild ist, sondern ein Phantasma, mit dessen Hilfe die Kundschaft zur Selbstbefriedigung schreitet. Dies alles hängt an der Handlung, die er verkauft. Sie muss gut sein, damit der Film glaubwürdig wirkt und die restlichen Verkäufe nicht ins Stocken geraten. Gut ist eine Handlung dann, wenn man zu wissen glaubt, was der Regisseur sich bei seinem Streifen gedacht hat. Wem das zu schwer ist, der hält sich an die Schauspieler: wenn sie überzeugen, dann muss auch am Ganzen etwas dran sein. Dieser Schluss vom Teil aufs Ganze, von der darstellenden Person auf den Sinn eines Ablaufs, ist widersinnig. Aber das stört nicht – es hebt die Stimmung. Ein guter Film liegt leicht auf, er verfliegt. Er ist schon verflogen, nur die Schauspielerin war süß, sie würde man gern kaufen, aber man muss warten, bis ihr nächster Film kommt. - US

BIOGRAPHIE

Dass etwas von A bis Z erlogen sein könne, ist ein Philologentraum. ›Alles Lüge‹ steht über den eifrig geschriebenen Biographien der Künstler, der Autoren, der Menschen von außergewöhnlicher Kompetenz. Glaubt ihnen kein Wort, denn den bedeutenden Menschen gibt es nicht. Kennen Sie das Wort ›Litanei‹? Ein bisschen? Das reicht nicht. Die Herstellung der Lügen erfordert eine eherne Stirn und das Absingen immer derselben Strophen aus einem Buch. Und das ist wahr. Über das Wunder der inversen Wahrheit wurde viel geschrieben, überwiegend von Menschen, deren Biographien selbstredend aus lauter Lügen bestehen, weil niemand die Wahrheit kennt. Biographien sind Würfe. Ob sie ins Ziel gelangen, hängt von der Art und Beschaffenheit des Ziels ab wie von der Art des Wurfs, der bei Linkshändern anders aussieht als bei einem Neurodermitiker, der trotz eifrigen Forschens nicht weiß, was ihn reizt. So wird ein Leben emporgeschleudert und ein anderes in den Abgrund versenkt, beides sinnlos. Dazwischen bewegen sich die Schlaumeier mit der Unbefangenheit von Kröten oder Eidechsen: ein kleines Vergehen, eine kleine Entlarvung, eine kleine Verächtlichmachung, eine Andeutung, jemanden wie dich und mich vor sich zu haben, berechtigt bereits zu den unsinnigsten Zuschreibungen. Jeder, der sich im Leben halbwegs kundig gemacht hat, ist ein Kompendium seines Jahrhunderts. Darin liegt nichts Besonderes. Fragt sich, wie beschlagen der Biograph ist und woran ihm liegt. Entsprechendes gilt für die Tat, die ihre Bedeutung aus flüchtigen Konstellationen empfängt und deshalb mit der Zeit sinnlos erscheinen muss. Der Biograph, der sie aus der Sinnlosigkeit erlöst, ist immer ein Heiland. Oder ein Nussknacker. Die kleinen knackt er, die großen lässt er unter dem Vorwand liegen, sie bestünden aus lauter Missverständnissen. Wir wissen noch nicht, wie wir verstehen sollen, was damals geschah. Es ist mir eine Ehre, jedem künftigen Verständnis vorgearbeitet zu haben, das als solches wird auftreten können. Amen. - US

BLOCH
Es gibt Stunden, da holt der alte Schallmeier seinen Bloch heraus, putzt sich die Brillengläser und beginnt zu lesen. Drei Sätze nur und er ist wieder im Rhythmus, dem eckig, ruck-zuck und dabei so geschmeidig sich wälzenden Strom von Undurchdachtem, Verdautem, Unverdautem, Verschrobenem und Gestemmtem. Er liest nicht lange und er hält inne, die Erinnerungen haben ihn überwältigt, es glänzt die Backe und eine Träne läuft darüber hin, als wollte sie sagen: Was soll ich tun? – Und wirklich, was sollte sie tun? Eine Träne dem Universum, der brodelnden Materie, dem prometheischen Feuer und der Mission: Er war der letzte, der sie seinen Deutschen entlockte, der sie ihnen entrang oder entriss, ja, entriss, das wird es sein, denn eigentlich war, was da stand, komisch – es war schon immer komisch, nur heiter, das war es nie. Schrecklich dagegen der gütige Apologet des ›schon immer‹, der hinauswatete, wo dieser unterging. Dass der sozialistische Held eines Tages sogar den Tod besiegt, das Skandalon – diese Große Marotte des Denkers sagt viel, wenngleich nicht alles. Immerhin verdeckt sie den Käfig, in dem der Unsterbliche sitzt, abgewandt, bleich, mit erloschenen Augen angesichts all der Tode, die aufgewandt wurden, um ihn für eine Weltsekunde hervorzubringen – ein Untoter unter seinesgleichen, ein Toter unter Toten und Lebenden. Zwischen diesen da und das All passte nichts als eine Trompete. - US

BLUMENBERG
Wir fanden, das sei ein treffender Name, als wir daran gingen, das kopernikanische All neu zu justieren, und nach einem Ort suchten, an dem diese notwendige Operation mit Leichtigkeit vollzogen werden konnte. Der Ort selbst war rasch gefunden: ein sanfter Hügel in einem Gelände voller Bauschutt, durchzogen von gurgelnden Wasseradern. Hier aber fanden sich Krokusse und, Glück eines neuen Tags, wiegten sich Butterblumen im Wind. Auf diesem Hügel saßen und redeten wir viel mit uns selbst, wir redeten uns die Tage weg, als seien es Stunden. Jahre vergingen so wie nichts und Bücher entstanden, von denen wir vordem kaum etwas ahnten, dickleibige, wie es sich an einem solchen Ort gehört, wir aber ließen die Finger unserer Gedanken wie Elfen durchs Gras laufen und dünkten uns glücklich. Nur hier konnte es geschehen, dass einer, inmitten restrukturierter Trümmer, die Legitimität der Neuzeit fand, diesen ebenso bestechenden wie zeitlos gültigen Gedanken, in den sich alle eintragen können, die noch vor Ablauf ihrer Frist seufzen möchten: »Wir waren es auch.« Und das ist sogar legitim. Denn angenommen, es wäre anders, so bliebe doch der Verdacht, es könne alles mit rechten Dingen zugehen, die gezinkten Karten müssten so sein und es komme nach und nach auf den Tisch, was darunter verkauft wurde. Neuzeit ist immer, wie sollte gerade diese nicht legitim sein? Welche Wucht steckt hinter einem solchen Gedanken? Man denke hier an die stete Brise, das Säuseln der Gedanken im Denken selbst, aus dem sie selten, und nicht zu ihrem Vorteil, herausbrechen. Von diesem aber lernten wir viel. - US

BODENSEE
Ein Ritt über den Bodensee kommt selten allein. Schon bei paarweisem Aufritt verdoppelt sich die Annehmlichkeit des Versagens. Darin liegt ein Geheimnis, das vielen bekannt und kaum einem recht ist. So sieht man sie gekrümmt dahinjagen, auf Tuchfühlung fast, aber ohne Blick. Wie das Eis trägt! Verblüffend, ganz verblüffend. - US

BRATENWENDER
Wer den Braten riecht, der muss ihn wenden. Das ist eine alte Regel, herüberschallend aus Bereichen, in denen ›Kultur‹ weniger mit einem Theaterabend assoziiert ist als mit den Fingerzeigen einer nahen, nichtsdestoweniger schwer zu fassenden Gottheit, wie es denn geht, das Leben, oder meinethalben: wie Leben geht. Die intellektuelle Ableitung kommt demgegenüber spät, fast zu spät, aber sie bleibt deutlich, es handelt sich um eine der letzten Zuckungen der Wahrhaftigkeit, bevor sie in der Fülle des Gleichgültigen ertrinkt. Also: Wer den Braten riecht, muss ihn wenden. Oder: Es geht nicht an, in einem Gehäuse aus Überzeugungen weiter zu leben, dem bereits das Dach davonfliegt. Doch das ist ein grobes Bild – wer sich auskennt, dem sagen weit subtilere Zeichen Bescheid, er ist bereits im Bild, bevor es entsteht. Wer kennt sich da aus? Ist es der, der unruhig wird bis in die Zehenspitzen, weil ihm heiß und kalt ist, weil er es nicht mehr aushält im gesicherten Heim? Oder ist es der, der in Ruhe den ersten Streich führt? Welche Motive sind da im Spiel? Auch die Nachwelt ist kein genauer Herold, sie kann sich schwer täuschen, wie man so sagt. Und wer ist die Nachwelt? Den Braten riecht keiner und mancher, der sich als Verhängnis ausposaunt, sähe sich als Fliegenbeinzähler rasch überrundet. - US

BRINGSCHULD
Diese Frau ist eine Heuchlerin, na und? Sie ist Alleinerziehende. Der Mann an ihrer Seite, der als Vater konsumiert wird, weiß davon und schweigt. Er schweigt nicht nur, sondern ist eifrig dabei, geleitet von dem sonderbaren Gefühl, nicht hinter das Erreichte zurückfallen zu dürfen, weil es sonst aus wäre. Was wäre wohl aus, wenn er sich zurückzöge? Die Täuschung, was sonst. Die unerhörte Täuschung, Vater sein zu können unter Konditionen, die von ihm nicht gemacht wurden und die er nicht verantworten kann. Er akzeptiert sie aber und versucht, mit ihnen ›zurechtzukommen‹. Das Zurechtkommen ist eine merkwürdige soziale Tugend, die das Fußvolk nicht gern analysiert. Man verdankt sie Trümmerlandschaften, von denen manche glauben, sie existierten nicht mehr. Aus den Augen, aus dem Sinn. Und wirklich: seit draußen alles so geleckt aussieht, als stünde die große Flut gleich bevor, spielen sie Innenwelt. ›Erlaubt ist, was sich ziemt‹: der Zurechtkommer darf sich aufbrauchen. Dafür gibts Urlaub extra. Vaterschaft ist Bringschuld – ein Geschenkartikel, der sich im Geben verzehrt. Am Ende der Seifenoper erstrahlt aus den Kulissen die Fratze der Kindheit, die keine war. Erwachsene, gewillt, niemals erwachsen zu werden, reichen einander die Hände und ein auf X-Beliebigkeit heruntergedrückter Idiot murmelt bühnenreif: »Aber ich will doch...« Sein Double nervt derweil die Gäste des Stammlokals, sofern er nicht die Bedienung anmacht. Sie bringt das Zeug, das er dringend benötigt. - US

BUCHSTABENLABYRINTH
Dass man aus Buchstaben Labyrinthe bilden kann, wissen alle, das ist nichts besonderes. Dass man aus Labyrinthen auch Buchstaben verfertigt, wissen die wenigsten. Wie viele Labyrinthe gehen in einen Buchstaben? Viele, sehr viele, die meisten vielleicht. Nicht nur, dass man sie unter Buchstaben bringen kann – das geht immer, aber es bleibt ein bisschen beliebig –, sondern auch, dass die Grade ihrer Verschlingung nie zu hoch ausfallen können, um nicht irgendeiner Figur zuzuneigen, macht sie anfällig: irgendeine Figur ist bereits genug, um eine der robusten Typen hineinzulesen, welche die Welt regieren. Da geht es den Labyrinthen nicht anders als den Zeichen ohne Sinn, die sich eine sinnlose Deutung gefallen lassen müssen. Apropos: Sind Labyrinthe sinnlos? Doch nur, insoweit sie Buchstaben ähneln. Mit ihrer Hilfe lässt sich jeder Sinn erzeugen: durch Legen und Deuten. Nur die Freizeitlabyrinthe, an denen ein Schild hängt, das darauf hinweist, wie bedeutsam sie sind, bleiben stumm. Das versteht sich von selbst, der Buchstabe L, an dem ein Schild hinge mit der Aufschrift: Man kann damit lesen, böte einen ähnlich traurigen Anblick. Labyrinthe gewinnen ihren Sinn wie die Kopula für den, der nicht stehen bleibt, sondern weiter geht. Wer sie anstarrt, kann lange warten: da rührt sich nichts. Wer hineingeht, um eine Belohnung zu erhalten, dem winkt der Hirntod. - US

BUCHSTABENWISSEN
Wir wissen wenig darüber, was Buchstaben wissen, und dennoch vertrauen wir ihnen unser Liebstes an. So sind die Menschen: leichtfertig bis zum Exzess. Vor Jahren las ich eine Abhandlung mit dem Titel Können Buchstaben denken? Sie war, wie Sie sich vorstellen können, das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt war. Können Sklaven denken? Stumm schleppen sie die Buchstabenfracht über den Appenin und weiter bis nach Zeppelinheim, dort können sie verschnaufen, aber äußern dürfen sie sich nicht. Zur Qual verurteilt, dass sich andere bei ihrem Anblick etwas denken, leiden sie erstaunlich wenig. Ihr Anblick, ließe sich raten, straft das Denken Hohn. Wäre es nicht so selbstbezüglich, flösse etwas davon in es ein. Nein, mit dem Wissen der Buchstaben ist es nicht weit her, es lebt von der Hand in den Mund und freut sich, wenn der Fernseher geht. Dann haben sie frei. Schriftzeichen nennt man sie, das ist ungerecht, es unterschlägt ihren Eigenanteil an dem, was recht ist. An ihren Zeichen erkennt man die Schrift, an seinen Buchstaben hat man das Wort. Man kann es hochheben und wegtragen, man kann es auf den Markt tragen und verbrennen oder es tief vergraben, nur nicht in der Brust, die sich physiologisch nicht dafür eignet. Zeichen lassen sich übermitteln, ein Buchstabe erscheint, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Das erscheint wenig plausibel, doch es ist die Wahrheit, mit der keiner rechnet. - US

C

CCAHIERS
Abschreckendes Beispiel der Cahiers Valérys: Gymnastik des Geistes, jeden Morgen die gleichen Griffe, die gleichen Sparten, das Bedienen derselben Fasergruppen. Brillant sein, ohne vom Fleck zu kommen, weil das die Regel des Spiels ist. Das Umschlichenwerden durch die Diplomaten des Intellekts, die untrüglich wittern, woher heute der Geist weht, während sie artig ihren Tee nehmen. Die Zumutung, zu erarbeiten, was hier geschieht, der ganze aufgesetzte Unfug des hermeneutischen Dünkels. Geistverstopfung, es sei denn, einer hat gute Kanäle  und kann das Wasser nicht halten. - US

CASTRATIO DEI
Das Geheimnis der Endstation Gottes unter seinesgleichen, Demiurgenallee ohne Hausnummer. Wir fahren auf, erschrecken und gedenken der üblen Schöpfung, der creatio mala. Er aber schweigt, sitzt im Schatten seines Gartens nicht weit entfernt vom einstigen Paradies und bewundert in vergangener Feierlichkeit seine Irrtümer. Vor den zahllosen Hunden mit Federn oder wilden Hühnern mit schwarzem Fell, die sich einmal angemaßt hatten, die Nachfolge göttlicher Adler anzutreten und jetzt durch die Büsche streichen, liest er Brehms Tierleben.
Die Straße, von Staub bedeckt, geht an dieser Stelle zu Ende. Die Sonne ist untergegangen. Die Villa, fast schon im Dunkeln, scheint auch deswegen unvollständig, weil der Baum der Erkenntnis Teile der Mauern verschluckt hat. Ein rötlicher Schein wohnt in seinen Zweigen. Vielleicht stammt er von den Äpfeln der Erkenntnis oder vom Rücken des wahren Herrn dieser Welt in Nähe seines Bruders, denn von hier aus, in den ewigen Zweigen des ersten Rätsels spendet er Päpsten und Künstler die neuesten Moden, so wie er zugleich die Uhr jedes Langschläfers oder Demagogen heimlich zu korrigieren versteht, damit das Ende der Zeiten näher komme. Dann nämlich gäbe es Neuwahlen in seinem Sinne.
Das Bild des Gottes im Schatten seiner Villa erscheint wie gemalt von Hans von Marées. Solche Schatten kennt nur Italien. Unbedingt ist es ein Abend vor Rom in den Albanerbergen, der alte Mantel des Greises verschmölze wohl kaum an einer anderen Stelle der Welt so tief mit den schwärzlichen Blättern der Stechpalme und des Hollunders. Auch flüssige Sarkopharge aus den Auszügen des wilden Lorbeers erstarren niemals an anderen Orten so gründlich zu Malerei und verlassen das Auge mit solchen elegischen Sprüngen und Rissen der Leinwand wie hier. Kaum spürt man ja noch das alte Neapelgelb des Gemäuers, das bloß dahingewischt im verderblichen Asphalt zum römischen Kubus geworden ist. Vielleicht hat es Gott hier ganz gut. Die meiste Zeit über schweigen die mißlungenen Tiere und die brüllenden Löwen hat Gott in sich selber zurückgeholt. Sie hatten ihm trotz der eindrucksvollen Gemälde friedlicher Gärten im Stile Rubens, an Regenbögen befestigt, die kostbaren lieben Protogeschöpfe, Männlein wie Fräulein, niedergerissen und schwer beschädigt. Er vermochte auch nicht mehr, sie neu zu bilden. - PM

CHIRICO

Wir machen aus Chirico ein Idol. Wir fragen nicht: War Chirico ein Renegat (einen Künstler, der das Antlitz seines Jahrhunderts gemalt hat, einen Abtrünnigen zu nennen, ist schon ein ziemlicher Schwachsinn), hat er diesem oder jenem Maler der ›klassischen‹ Moderne in seinen späteren Aufsätzen, in denen er die Rückkehr zur Malerei fordert, Unrecht getan, einen Cezanne beleidigt, einen Picasso gekränkt? Solche Fragen sind von Haus aus kindisch, unter uns: genauso kindisch wie die Sprache der Dekadenz, deren er sich in seinen Tiraden bedient – mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Nietzsche übrigens, dem sie nicht geschadet hat. Ein Klassiker beleidigt niemanden, er taxiert durch Erwähnung. Nennen wir den späten, nahezu unsichtbaren Chirico einen Klassiker und entklassifizieren wir ihn im gleichen Zug. Dann wird sichtbar, dass dieser Ikonoklast im Namen der Bilder um – beinahe – jeden Preis verhindern wollte, dass die Malerei aufgegeben wird, wie es irgendwann wirklich geschah. Er hat den nächsten Schritt gesehen, als ihn noch – fast – keiner sehen wollte, und er wollte nicht, dass er gegangen wird. Er ist einer aus der Ordnung derer, die nicht wegsehen, wenn noch Zeit ist. Das gibt seinen Texten das Konvulsivische, das nicht zu ihren Inhalten zu passen scheint – den Ausdruck einer gewissen Beklommenheit aus Sorge, zu spät zu kommen. Eine hypertrophe Sorge, wie uns scheint, denn niemand, es sei denn der Engel der Malerei, erscheint rechtzeitig, um das Äußerste zu verhüten, wenn es sich doch darum handelt, es zu realisieren. Gesetzt, in ihm wäre der Engel der Malerei erschienen, in der einen Hand den Pinsel, in der anderen die über die Köpfe der Menge gehaltene Schreckschusspistole – was ist so wichtig an der Malerei, dass sie um – fast – jeden Preis bewahrt werden muss? Das ist die Frage, die er selbst nicht beantworten konnte, sein stummes Geheimnis. Hüten wir uns, es als ›erledigt‹ zu betrachten. - US

CHOMSKY
Der Preis des Etabliertseins besteht darin, dass man Noam Chomsky niemals erwähnt, es sei denn als netten Vorgartenzwerg, der grüßen lässt und schnell einmal selber grüßt, wenn man es eilig hat mit den Auftritten. Das gilt nicht überall und es gilt nicht immer, aber es gilt unter den ›obwaltenden‹ Umständen – man vergebe ihrem Walten das Ob. Es wird nicht immer so bleiben, man wird sich aus gebührendem Abstand wieder mit dem ›großen Linguisten‹ befassen und sein ehrenvolles Engagement für die gepeinigte Menschheit herausstreichen. Man wird diese eigentümliche Wirkung, die darin besteht, dass alle wissen, wovon er redet und schreibt, und so tun, als seien es Gemeinplätze, die das Problem hoffnungslos unterbieten, in ihr Gegenteil verkehren. ›Wir alle haben damals von ihm gelernt‹ – so wird es heißen und es wird die blanke Unwahrheit sein, es sei denn, man lernt so, wie ein Staubsauger Krümel vom Boden saugt: gleichgültig, lärmend, die leisen Geräusche, gleichsam die Abschiedsgeschenke des Weggesaugten, mit links übertönend, den Grund freimachend für anderes. Das ist die ›am häufigsten zitierte lebende Person der Welt‹. – Der geschluckte Chomsky oder: Der Heuchelei eine Gasse – ein solcher Titel könnte über vielen hochtrabenden Beiträgen zur Analyse der Gegenwartskultur stehen, also etwa zu dem, was bei Jaspers die ›geistige Situation der Zeit‹ hieß und mittlerweile zusammengeschnurrt ist zu einem Hände-weg-Appell an Leute, die in keine der von Amts wegen gesponsorten Kulturveranstaltung gehen, es sei denn, um Käsehäppchen zu klauen und aufkommenden Ärger mit Sekt wegzuspülen. - US

CIORAN
Ein Held, dem es nicht genügte, gegen Windmühlen zu kämpfen, der unentwegt neue erfand, für den Hausgebrauch und für den Versand in alle Welt. »Aber man muss Windmühlen nicht erfinden, sie sind ja längst erfunden und funktionieren immer nach den gleichen Prinzip!« Das sagte ihm vor langer Zeit ein Besucher, als sie zusammen den Boulevard Saint-Germain entlangschlenderten. Es war ein Tag, an dem die Sonne den Regen wegblinzelte und die Straße im Nu mit Müßiggängern bevölkerte, deren zerknitterten Gesichtern man noch das Warten ansah. Der Weise blieb gelassen, blinzelnd auch er. »Man erfindet sie nur, solange man noch nicht weiß, wie sie funktionieren. Ich stehe nicht für den Erfolg, sondern für den Misserfolg. Sobald die Leute sich etwas Gutes tun wollen, verweise ich sie an die Konkurrenz. Ich spreche ihnen Mut zu und verspreche, mit ihnen zu weinen, wenn der Mut sie verlässt. Der erste Brief, in dem steht, es hat funktioniert, verwandelt mich unwiderruflich in einen von denen da.« Der Besucher sah die Inschrift über der Tür des Leidverwöhnten, sah, wie der Eingang zu diesem neuen Inferno sich öffnete und verschwand unter gemurmelten Worten, die heißen mochten »Ich komme gleich wieder« oder »Der Trommler kommt nieder«, Lautfolgen ohne Verstand, einzig der Not geschuldet, sich verständlich zu machen und keine Geste zu provozieren, die es ihm schwer machen würde zu gehen. - US

CORRECTNESS
Das Leiden an der normierten, gleichsam hartpolierten Oberfläche der politischen Sprache wird von den Akteuren selten geteilt. Es gehört zu den Berufsrisiken von Vordenkern, die Konzepte jenseits der Realisierbarkeit testen – im Schlagabtausch unter ihresgleichen, aber in steter Fühlung mit der Macht und den Prozessen, in denen sie sich zerstückelt und wiederherstellt, auf der ewigen Suche nach der verloren gegangenen Legitimität. Diese Legitimität ist es, die von den Akteuren wütend verteidigt wird und ihnen von der Zwischenschicht der ›Meinungsmacher‹ – ein Ausdruck, der nur noch achselzuckend Verwendung findet, weil die Sache zu groß für den Einzelnen zu sein scheint – nicht anders zugeteilt wird als den in Nationalparks zur Gesittung verdammten Raubtieren ihr täglicher Fraß durch die allgegenwärtigen Wildhüter. Wären wir nur politisch korrekt, so wäre die Sache damit abgetan, vor allem, wenn man bedenkt, dass die politischen Ideen seit langem als bekannt gelten und vermutlich wenig kreative Spielräume enthalten. Wir sind es aber nicht, wir sind wütend, weil wir die unsichtbaren Gitterstäbe in der Luft zu sehen glauben, gegen die wir weniger verzweifelt als zweifelnd anrennen, um dann doch lieber zum rechten Zeitpunkt das werte Haupt in Sicherheit zu bringen. Die Politik ist das Spielfeld – dieser Afterglaube eines unglücklichen Jahrhunderts mobilisiert zwar die Massen, aber er demoralisiert ihre Denker. Es macht sie nervös, wenn sie sehen, wie mindere Intelligenzen das Spiel machen. Nichts hindert sie einzugreifen, nur das Wissen um das Befremden, das sie unweigerlich auslösen, hält sie zurück. Sagen wir ruhig: es schlägt auf sie zurück, so dass sie wechselweise die herrschende Politik oder sich selbst als monströs empfinden. Der vollständig politisierte Mensch kann nur an der Politik leiden, es sei denn, er sitzt an den Hebeln der Macht oder unter seinesgleichen. - US

D

DDÄMONENSCHEU
Die Dämonenscheu wächst, unter dem Vorwand der Ratio, ins Ungeheure. Vernünftig sein heißt, den Dämonen nicht Raum geben – das ist eine Definition und nicht die schlechteste. Man versteht plötzlich die zarten Gemüter, die eine Malerei als düster empfinden, in der die Dämonen... nein nein, nicht wüten, vielmehr herumspazieren, als handle es sich um Lustgärten, die eigens für sie angelegt wurden. Eine lichte Malerei – was ist das? Ein Versäumnis. »Schweig, Kind, so etwas sagt man nicht.« Aber was sagt man dann? Am besten gar nichts. Man verlagert die Rede, man redet von etwas anderem. Bei Platon etwa oder bei Goethe ist das Dämonische eine unpersönliche Instanz. Sich vor ihr verneigen heißt, den dämonischen Fratzen, den halb- und dreiviertelpersönlichen Angstmachern die glatte Stirn bieten, die Fassade der Arglosigkeit. Was hinter ihr vorgeht, geht niemanden etwas an. Oder doch? Sollte nicht eine verschwiegene Kommunikation, ein kleiner Grenzverkehr, über den man besser schweigt, die Drahtverhaue und Selbstschussanlagen einer rat- und rastlos der unbekannten Vernunft opfernden Scheu überwinden? Man kann nicht über Engel reden, ohne über Dämonen zu schweigen. Das ist der Punkt. - US

DÄMONENSCHNACK
Ichschwäche ist eine schöne Vokabel, die viel Unsinn gebiert. Zur Ichschwäche gehört der Dämonenglaube. Er personalisiert, wo das starke Ich glaubt überwunden zu haben oder wo es überhaupt überwunden glaubt. Seit die Philosophie als eine letzte Form des Dämonenglaubens aus dem in schöner Idiotie ›gesellschaftliches Bewusstsein‹ genannten Vorurteil getilgt wurde, grassiert der theorieentkleidete Dämon und erschreckt seine Kundschaft diesseits und jenseits des Lethestroms, in dem das schöne Überhaupt versank. Das ist verständlich, denn überall dort, wo sich Menschen einer großen Leistung verschreiben – den Aufgaben der Kultur, der Gesellschaft, speziell der Zukunftsvorsorge –, überall dort also, wo Unpersönlichkeit gefordert wird, wo sie bis zum Äußersten geht, dort geht sie fort bis zum – nun, bis zum Abwinken, das weder Sieg noch Niederlage eines Konzepts bedeutet, sondern seine Erschöpfung. Es gibt Momente, in denen das ›Ich denke‹ nicht das Ich stabilisiert, sondern die Gegenseite. Dann personalisiert sich die unter dem Diktat des vernünftigen Ich zur Impersonalität verurteilte Affektseite und erfreut oder ängstigt das offene Ich mit ihren Heimsuchungen. Das Passionswesen trägt seinen Namen mit vollem Recht. Der Dämonen sind viele. Das erschreckt wenig, wenn auch die Vernunft sich diversifiziert. Im Schatten des ›Alles geht‹ schließlich tritt der Dämon in voller Kraft hervor: stark, einig, all-einig, bereit, zu züchtigen und widerrufen zu lassen, was sich an verzweifelter Freiheit auftut, bringt er die Frommen auf den Plan, die seine Ankunft lange erwartet haben. Auch der Antichrist ist eine der Kultur inhärente Figur. Die Reflexion selbst treibt ihn hervor, wenn sie, wie einst der Hexenwahn, die Massen ergreift. - US

DAMPFPLAUDERER
Wir entfernen uns schnell von den Katarakten und Stromschnellen vergangener Debatten - allzu schnell, wie manche meinen, doch es hat auch etwas Tröstliches. Wer eben noch, eher träumerisch aus dem Nähkästchen einer unausgegorenen Zukunft plaudernd, den Grimm der Auguren heraufbeschwor, tritt einem heute, feist geworden, als etwas entgegen, das man in weniger geschlechtergerechten Zeiten einen Dampfplauderer nannte und nicht unbedingt mit philosophischen Qualitäten verband. ›Eher weniger‹ – das Motto könnte man über viele Erregungen setzen, in denen sich Gesellschaft intellektuell wird. Zuverlässig informiert die Wortverbindung ›intellektuelle Erregung‹ darüber, wie Denken in der Gesellschaft ankommt, falls ihm das jemals gelingt: als eine Art Schüttelfrost, der die Ärzte aufspringen und die altbewährten Mittelchen verordnen lässt, während sie bereits wieder hinter die Kulisse eilen, wo der nächste Privatpatient auf sie wartet. Diese Ärzte... Man könnte den Kopf über sie schütteln und Nachforschungen anstellen, wie und wo sie sich ihre Meriten erwarben, aber das wäre unfein und das Meiste ist auch bekannt. Doch scheint es Kollegen zu geben, die einst weniger zum Zuge kamen und ihren Groll mit ins Grab nahmen; nur die nächsten Angehörigen wissen davon und verteilen ihre Kenntnis in feinen Dosen. - US

DANEBEN
Ein Holzkopf, der einen großen Maler bezichtigt, nicht malen zu können, sieht vielleicht mehr als der Maler, denn er sieht das Daneben. Das Daneben als die Folie aller Malerei, vielleicht aller Kunst, ist das, was sie in der Zeit hält. Das Daneben lässt sich nicht wegdenken, ohne dass man die Kunst wegdächte. Es bleibt aber daneben, es bleibt eine falsche Sicht, erträglich nur dann, wenn es wechselt. Kriegsheimkehrer, dem immer gleichen Daneben verhaftet, haben der Kunst mehr geschadet als ihre Verächter. Man muss die Kunst ein wenig verachten, um sie zu verstehen, und man muss sie verstehen, um sie zu sehen. Nun, man muss sie nicht sehen, vielleicht will sie nicht wirklich gesehen werden, jedenfalls nicht, solange es dem Geschäft schadet. Aber ein wenig sollte man schon. Wozu gäbe es sie sonst? Sagt die Verachtung. - US

DARÜBERREDEN
Das Verstummen vor großen Kunstwerken ist barbarisch und reell, selbst das elaborierteste Darüberreden quatscht sie herunter, nichts anderes ist ihm inhärent. Aber vielleicht liegt auch darin eine Kunst, entfernt verwandt der Lebenskunst, die nicht teilt, weil sie nichts besitzt außer dem Reichtum, der aus den Poren quillt und an der Luft verdunstet. Die Kunst des Verstummens, im Leben so glorreich wie vernichtend im Kunsthandwerk, tritt spontan vor die großen Kunstwerke hin, sie gesellt sich zu ihnen von gleich zu gleich, es wäre lächerlich, zu behaupten, sie werde geübt. Das Herunterquatschen dagegen ist reine Übung, zu nichts nütze, außer am Folgetag fortgesetzt zu werden. Wie jemand morgens aufsteht, duscht, sich ankleidet, frühstückt und das Haus verlässt, um abends ermattet in die Kissen zu kriechen, so erhebt sich das Herunterquatschen vor den Arbeiten der Künstler, um niederzusinken: Brückenwerke für einen Tag, über die ein Ochsengespann zieht, einsam, einem fernen Horizont zu. »Lass uns darüber reden«, sagt der Agent, er meint das Geld, das die Sache einbringt, aber sein Angebot bringt den Horizont zum Leuchten. Ein Sonnenuntergang mehr, da ist nichts zu machen. Jedes Kunstwerk ist das letzte. Was nach ihm kommt, liegt im Ungewissen. Man hat noch nichts gesehen, man will es wissen, hat aber nichts in der Hand. Ein Prospekt wäre viel, manche gäben den Anblick dafür hin. - US

DAVONLAUFEN
Wenn Sie immer davonlaufen wollen, wird es bald eng, das wissen Sie, aber es hält Sie nicht auf. Also? Wo gehen wir hin? Treiben Sie das Spiel, wie Sie wollen, aber nicht bis zum Äußersten. Das Äußerste, da haben Sie recht, ist ein großes Ziel, wert aller Anstrengung, wert auch, dass man alles andere wegwirft, dass man sich wegwirft... sehen Sie, da beginnt es. Sie können sich wegwerfen, das ist wahr. Sie können sich auch aufheben, das ebenso wahr und überdies falsch, denn, wie Sie wissen, nichts ist auf Dauer aufgehoben. Auf die Dauer ist jede Aufhebung passé. Sie haben also die Wahl, sich gleich wegzuwerfen oder Stückchen für Stückchen, peu à peu. Das hat Konsequenzen, die nicht jeder gleich überschaut. Und wenn schon. Zum Beispiel könnte es vorkommen, dass Sie hier und da ein größeres Stück von sich unterwegs verlieren, einfach so, weil Sie schon daran gewöhnt sind, dass alles in Auflösung – wie sagt man? – begriffen ist. Sie wollen auch kein Aufsehen, das ganz sicher nicht, daher schauen Sie sich gar nicht erst um. So verliert man den Überblick, irgendwann weiß man nicht mehr, was an einem dran ist und was schon fort, so gerät man ins Feuer der Zweifel. Oder Sie sind plötzlich in Geberlaune, das soll vorkommen, im Grunde ehrt es Sie, und Sie spenden mit Freuden, wovon Sie nichts, nicht das kleinste Fitzelchen hergeben dürften, wäre es Ihnen ernst mit Ihrer Person oder Identität oder wie Sie sich sonst nennen, dort, wo die Namen von einem abfallen und anstelle der Nacktheit die innere Kleiderstange zum Vorschein kommt, die allem den Halt gibt, den eine Form nun einmal benötigt. Aber das ist ja... Ja? Was wollten Sie sagen? Nein? Zum Davonlaufen, nicht wahr? Das wollten Sie sagen, stellen Sie sich nicht so an, ich seh es an Ihrem Gesicht und an der Art, wie Sie die Wange verbergen. Davon rede ich doch... Im Davonlaufen steckt eine Kraft, die dem abgeht, der immer standhält. Irgendwann wird sie böse, aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht auch nicht, vielleicht sollte man sich stärker damit befassen. Das Davonlaufen, als schöne Pflicht betrachtet, halten die Leute gern für die Kür und klatschen Beifall, was sonst? So kann man sich täuschen. Erst wenn der Davonläufer um sich schlägt und darauf beharrt, dass er einer Pflicht obliegt, werden sie ärgerlich und finden es nach und nach unerhört. Wer den ersten Preis im Davonlaufen errungen hat, sollte sich daher zufrieden geben und nach Hause gehen. Nach Hause? Leicht gesagt, da liegt das Problem. - US

D-DAY
Das Gros der Weltkrieg-II-Soldaten liegt unter der Erde. Die wenigen, die noch leben, werden so sichtbarer, wenngleich nur auf kurze Zeit. Sie haben ihr Leben gelebt – die meisten von ihnen in der gusseisernen Überzeugung, wenn nicht das Rechte, so das Gebotene getan zu haben – und fanden daran keinen Makel. Sie waren Überlebende. Die Zartbesaiteten taten sich damit schwerer, sie gingen zuerst. Kriegsversehrt waren sie alle. Der Krieg steckte ihnen in den Knochen und begehrte im Sterben noch einmal Ausgang. Sie haben, mit Berechtigungspapieren und Stempeln an den vorgeschriebenen Stellen, auf Geheiß der Sieger und aus unterschiedlichen Antrieben den einen oder anderen Staat errichtet. Doch das kam danach. Sie blieben Davongekommene, daraus entsprangen ihr Hochmut und ihre Verblendung. ›Nach uns wird kommen / Nichts Nennenswertes.‹ Brechts Diktum könnte über jedem einzelnen dieser Leben stehen, auch wenn das eine oder andere wütend Protest erhöbe. Diese mit Trauer grundierte Herablassung, dieses Glauben-zu-Wissen war fürchterlich für die folgende Generation, zu spät und zu selten als Zeichen der Ausweglosigkeit erkannt. Vielleicht werden so Staaten gegründet, vielleicht entsteht daraus die strukturelle Gewalt, die sich nicht mehr aus ihnen entfernen lässt. Glauben-zu-Wissen, das ist als Formel der Konversion schlagender als jenes ›Schwerter zu Pflugscharen‹, an dem sich die Ostgewaltigen ritzten. Was daran Glauben, was Wissen sein mag, wissen die Götter, unscheinbare, in den Tempeln des Nachkriegs nicht zugelassene Leute, die ihr Zeugnis für sich behalten. - US

DEFINITIONSMACHT
Solange die Definitionsmacht über die Kunst, sagen wir: bei einigen New Yorker Galeristen und Museumsleuten liegt, solange liegt sie gut, so gut wie fest. Was will man mehr? Ich frage: Was will man mehr? Jedoch sollte sie einst, aus Gründen, die keiner überblickt, ins Rollen geraten, sollte sie, denn ausgeschlossen ist nichts hinieden, auf dich zurollen, dann... dann... Ja, was dann? Was denn dann? Freude, Frohlocken über ein sichtbar gewordenes Stück Freiheit, ein wenig – wie sagt man? – Eigenwelt? Nein? Was dann? Betretenes Schweigen? Wegsehen, Wiederhinsehen, Panik? Springst du dann auf und läufst vor ihr davon, aus lauter ungesicherter Angst, sie könnte über dich wegrollen? Wohin könnte sie wohl rollen wollen, wenn sie erst einmal den Weg über dich genommen hat! Riefest du dann, noch platt vor Entsetzen, hinter ihr her: »Habe ichs nicht gesagt? Habe ich es nicht vorher... schon gut... gesagt?« Sei gewarnt: es könnte doch sein, dass sie zurückkommt und noch einmal den Weg über dich nimmt, immer wieder, bis nur noch ein wimmerndes Bündel zurückbleibt, unfähig, die zerschlagenen Arme zu heben und »Halt! Halt!« zu rufen, wie es sich nun einmal gehört. So ein Urteil wiegt schwer. Arme Schildkröte, kein Panzer hält das aus. Jedenfalls nicht auf Dauer. - US

DELTA
Die intellektuellen Bewegungen der letzten 40, vielleicht 50 Jahre wurden von drei, vier, vielleicht sechs Verlagen gemacht – mit Blick für das Machbare, internationaler Erfahrung, aufeinander eingespielten Autoren mit dem richtigen Sinn für Bezüge, guten Kontakten und einem eisernen Willen, links und rechts des Weges nichts Nennenswertes aufkommen zu lassen. Die Wissenschaften haben es ihnen auf ihre Weise gedankt. Man könnte die Gelehrten jener Jahre ›Reihengelehrte‹ nennen, wären damit nicht auch andere, selbstverständlich unstatthafte Assoziationen verbunden. Der Erfolg hat diese Verlage in das große Delta des amerikanischen Marktes hinausgetrieben, in dem sie nach und nach Richtung und Antrieb verloren. Seither ›covern‹ sie die gähnende Langeweile ihrer europäischen Home markets mit Bestsellern aus den Schreibstuben elitärer Wissensfabriken, in denen vor allem eines herrscht: Hochdruck – eine ausgefallene ›Bedingung‹ für das, was idealiter alle Zeit der Welt bräuchte, um zu werden. Doch man täuscht sich leicht. Europa ist anders. Nicht viel, aber... anders. Zwar übt es sich in den Verrenkungen des Juniorpartners, zur Belustigung seiner asiatischen Freunde und unter dem lässigen Hochmutsblick derer, die der übrigen Welt so weit enteilt sind, aber allen ist klar, dass dabei nur die Einfältigen und die Schlaumeier auf ihre Kosten kommen. Eine Lage, in der die Intelligenz eines Landes oder eines Kontinents in Fragen des Denkens und Wissens nicht mehr zum Zuge kommt, ist noch gar nicht analysiert worden. Es gibt nur eine Vokabel dafür und die ist historisch besetzt: Zivilisationsbruch. Fragt sich, wer eine solche Untersuchung beginnen könnte – die Gelangweilten? Die Frustrierten? Die um die Mitte des Lebens herum Abgewrackten? Die panischen Selbstretter mit dem sardonischen Lächeln und dem Willen zur absoluten Lüge? Die absolute Lüge... nun, das wäre etwas. Darauf ließe sich vielleicht bauen. Ein Schiff, eine Arche... ein Ararat-Modell für den heillosen Verstand, dem es an nichts fehlt außer an Stoff. Der Stoff, das sind die anderen. - US

DENKEN
Das Denken erreicht sein Extrem dort, wo es das Denken des Denkens denkt oder zu denken vorgibt, denn der Schwindel, der es an dieser Stelle erfasst, ist nicht hintergehbar. Dabei wäre das Denken des Denkens leicht aufs Notwendige zu beschränken, hielte man sich nur an einige Grundregeln, ohne die auch hier nichts geht. Gerade das scheint unmöglich. »Es gibt keinen Grund«, sagen die Philosophen, »Sie müssen schon ins Freie herauskommen, wenn wir es Ihnen sagen.« Darin liegt eine ziemlich unfeine Anspielung auf Platons Höhlengleichnis, uns stört ebenso sehr das Müssen daran wie das Herauskommen, es ist schon mancher erschossen worden, der einer solchen Aufforderung Folge leistete – in Folge, wenn man so will und den Kalauer nicht fürchtet. Wer will schon in Folge erschossen werden? Das Denken des Denkens erfordert, für sich genommen, bereits den ganzen Menschen. Nicht wahr? Wahrlich, ich sage euch: den Menschen darüber hinaus, der das Denken des Denkens denkt, haben Dilettanten erfunden, um unseren Geist zu beschäftigen, der sonst frei hätte. Komm heraus ins Freie, ruft er, seit es so warm geworden ist, dass im Frühjahr die Birken blühen. Er ist ein Spötter. Wäre es denkbar, im Schatten des Gedachten zu ruhen wie Ionas unter dem Blatt? Undenkbar, wo geriete man hin! Der geschäftige Geist setzt seine Klammer um alles, es ist seine Art, sich herauszuziehen. Da sitzt er nun, gleichsam mit dem Klammerbeutel gepudert, und schert sich um nichts. Es sei denn, man sähe darin ein Zeichen und die letzte gedachte Klammer wäre die wirkliche. - US

DENKSCHULDEN
Stellt man die Leistungen der Nachkriegsdeutschen ›auf intellektuellem Gebiet‹ in einen weiteren Rahmen, so ergibt sich ein erstaunliches Potpourri aus Einseitigkeiten, leicht durchschaubaren Übertreibungen, fleißigen Adaptionen und einem gewissen Rezeptionsmarathon, das ebenso sehr von schlechtem Gewissen wie von der Angst herrühren dürfte, den Anschluss zu verlieren. Man hat wenig zu sagen außer dem gebetsmühlenhaft wiederholten Anderen zu einem unsäglichen Erbe. Darin steckt der kaum bemerkte, aber merkliche Verzicht auf primäre Weltsicht. Dieses zwanghafte Nach-Denken treibt langsam seinem biologischen Abgang entgegen und man weiß nicht, was an seine Stelle treten wird. Vorerst nichts, könnte man meinen, aber das scheint nur so. Immer bereitet sich etwas vor, wenn eine Disposition im Schwinden begriffen ist. Von Tüchtigkeit ist hier nicht die Rede. Tüchtig ist auch der Faule, ohne ein gewisses Maß an Denkfaulheit ist Tüchtigkeit nur schwer vorstellbar. Tüchtigkeit türmt Schulden, könnte man mit einem Blick auf die gegenwärtigen fiskalischen Verhältnisse sagen. Denkschulden sind giftiger als Staats- oder Unternehmensschulden. Das muss so sein, da allen Unternehmungen Denkmuster vorausliegen. In diesen Regionen darf man großzügig sein. Was dem einen Denken heißt, heißt dem anderen Strampeln. Zu bedeuten hat beides nichts. Wer glaubt, man könne die Sache mit Auftragsarbeit für Vordenker abdecken, steht rasch im Freien. - US

DEUTUNGEN
Deutungen sind die Substanz der Freiheit, besonders wenn es um Wahrheiten geht. Neben der Brücke der Lüge – das Wort enthält auch Spuren wie Liebe –, die vor dem Weltmeer der Unwissenheit ihre abgebrochenen Bögen schwingt, schwirren Millionen deutende Zeigefinger als Vögel verkleidet zur Insel Utopia.
Als Grabbeau, er nannte sich damals noch Philip und trug sein rötliches Haar versteckt unter einem Dreispitz, an einem Frühlingstage von der Place de la Concorde aus eine Anzahl solcher befiederten Zeigefinger nach Süden fliegen sah, wusste er, was die Stunde geschlagen hatte. Wir wissen es leider nicht.
Deutungen könnten Lücken wie diese, die in der Geistesgeschichte des Alphabets nur von minderer Bedeutung sind, leichtfertig zur Ehre der Altäre erheben, auf dass gefällige Brüder sie anbeten mögen. Auch hier sieht man Anfänge jener Religion der aufgebrochenen Sprache, die Grabbeau vorsorglich für bessere Zeiten in Museumsbehältern gefangen hält. - PM

DIAGNOSE
Wir sind doch keine Ärzte, die täglich dem Patienten, Gesellschaft genannt, die Diagnose stellen müssen. Erwachsen, wie er ist, kommt er ganz gut selber zurecht und misst auch brav seine Werte. Den Rest kann er nachschlagen, damit ist er beschäftigt. In dieser Hinsicht also wären wir frei. Was hindert einen, der frei ist, sich das Gesicht zu bemalen, die Finger zu spreizen und Faxen zu machen? Wenig, vielleicht Reste eines verborgenen Schamgefühls, man sollte ihn lassen. Nicht die Diagnose, sondern das Durcheinanderreden, dem immer neue Hiobsbotschaften einen Anflug von Irrsinn verleihen, lässt dich zusammenzucken. Die Diagnose zieht sich zurück, sie ist der stecknadelkopfgroße Punkt am Horizont, der nicht weggeht, aber auch nicht näherkommt. Alles was recht ist! Eine rechte Warnung ist ihr Geld wert oder man schlägt sie in den Wind. Alles, was näherkommt, trägt diesen Zug von Schlaumeierei im Gesicht, den du nur zu gut kennst. – »Du! Was weißt denn du? Selbstüberhebung, was?« – Eine Diagnose, aber presto. - US

DIALEKTIK
Nicht wenige arbeiten still daran, die Dialektik von dem schlechten Ruf zu befreien, in den sie durch Gedankenlosigkeit und staatlich sanktionierten Missbrauch geraten ist. Ob man eines Tages Erfolg haben wird, hängt nicht zuletzt daran, ob es gelingt, sie vom Gestrüpp sogenannter Klassikertexte zu befreien. Ob man aus ihr nicht mehr über den Witz, seine Funktionsweise und seine Verbindungen zum wirklichen Denken erfährt als aus den trüben Spiegeln des Freudianismus, das ist die Frage, offen wie eh und je, doch im Prinzip nicht offener als die andere, ob nicht der dialektische Materialismus am Ende nur ein Witz war, ein blutiger, zugegeben, nichtsdestoweniger einer, der es in sich hat; ein Stück Menschheitsentwicklung als Parabel über die Menschheitsentwicklung zu entwerfen und durchzuführen, das wirkt im Nachhinein nicht viel anders, als gehe jemand hin und gestalte die Straße nach Maßgabe der Kehrbesen, die auf ihr Samba tanzen. Die Dialektik ist als der grosso modo vergebliche Versuch zu betrachten, den menschlichen Witz, der aus Laune entspringt und der Bereitschaft, sich nicht blindlings zu unterwerfen, das Meiste verdankt, arbeiten zu lassen – für die Geschichte, ihre vermeintlichen Lenker und wirklichen Henker. - US

DIENST NACH VORSCHRIFT
Jeder weiß, dass Dekonstruktion nur ein Taschenspielertrick ist. Er weiß es als denkendes Wesen oder er ahnt es zumindest in Zonen, zu denen die halbgare Verwirrung nur schwer Zutritt findet, er weiß auch, was dieser Trick bezweckt: den Sturz alter und die Vorbereitung auf neue Götter. Woher also der seltsame, nicht enden wollende Eifer von Hermeneuten, die darin eine Methode, zumindest ein probates Verfahren der Zurichtung der von ihnen verwalteten Texte gefunden haben wollen? Etwas kommt ihnen entgegen, man muss es nur sehen. Sie glauben, etwas Festes auf Zeit zu finden, etwas, das dem Beziehungsleben gleicht, dem sie den größten Teil ihres Lebens opfern. Ein kommodes Opfer – das wird es sein. Der Dienst am Text im Modus des ungläubigen Taktierens ist alles andere als geruhsam, aber er bleibt lebbar. - US

DISTANZ
Was als ›Kultur‹ in die Distanz verlegt wird, rächt sich im Nahverhältnis als Repression. So oder so ähnlich lautet das Konzept der Kulturfalle, in die, wie es heißt, vor allem Menschen geraten, die an einem Übermaß an Verständnis leiden, an Verständnisbereitschaft, leicht abrufbar und nach Belieben zu applizieren. Das muss nicht sein, aber es passiert, es passiert sogar in der Regel angesichts der einschlägig bekannten Arbeitsteilung zwischen Normverstehern und Normdurchsetzern. Das eintönige Pingpong zwischen Kulturbewahrern und Kulturverächtern, das notorische ›Ich meine nicht, dass...‹ wird angeregt durch diese fundamentale Fernstellung, die Horizontalisierung des Denkens, mit der die philosophische Hermeneutik zu ihrer Zeit hausieren ging und die heute das paarweise Zusammenrücken angeblicher Kontrahenten gewissermaßen flächendeckend ermöglicht. Wenn alles in der Kultur liegt, dann ist sie selbstverständlich beides, Zwangsjacke und Ermöglichungsgrund, beides in einem (und in einem fort), und jeder, der sich angeblich nach draußen begibt, sieht sich auf der Stelle von neuen Horizonten umzingelt und steht in einfachem Gegensatz zu dem, was neben ihm dazusein gleiches Recht beansprucht. Dieser geteilte Blick, der zwischen innen und außen irrt und hier wie dort ›Kultur‹ zu sehen glaubt, ist die hauptsächliche Ursache des Kulturschwindels, der mit gleichem Ernst ›Gänseleberpastete‹ und ›Kopftuch‹ zu sagen ermöglicht, weil es der Kopfschmerz ist, der den Ernst zeitigt. Die Distanz denken – das ist nicht so einfach, das überfordert den gesellschaftlichen Disput bei weitem. Das öffentliche Kopfzerbrechen, das die ›Kultur‹ bereitet, hält die sogenannten Kulturwissenschaften bei Kasse und bringt sie davon ab, ihren Job zu tun: wer nicht Ping sagt, wird von jedem Pong überrascht und muss nachsitzen, bis er seine Lektion gelernt hat. Sprichst du in Rätseln, so sprichst ach! du von Rätseln nicht mehr. - US

DISZIPLIN
Wer den Menschen keine Disziplin anbieten kann, der unterhält sie vielleicht eine Weile, aber er imponiert ihnen nicht, er bleibt ein Pausenclown. Es ist müßig, geistige Disziplin nur im Gotteskriegertum und in sexueller Verneinung zu finden. Das Gewebe aus schlauen Andeutungen, gezielten Indiskretionen und Pseudoindiskretionen erledigt sich früher oder später von selbst wie jede Wichtigtuerei. Disziplin ist immer geistig. Auch die rüde körperliche Variante besitzt etwas, das man Geist nennen könnte. Wieviel G-Stoff darf es wohl sein? Darüber rätseln die nachdenklichen Geister und schielen nach den halbvollen Flaschen in ihren Regalen. Was davon ließe sich noch verwenden, um jenes Nichts an Lebensspannung zu erzeugen, unter der einer mit der Unbill des Existierens zurechtkommen könnte? Während sie brüten, hilft der Geist der Fitness-Studios und Yogakurse mit physisch induziertem Wohlgefühl über die Runden. Über welche Runden? Welche Kampfart ist hier gefragt? Der auftrainierte menschliche Terrier, ein abrufbares Stück Erde, auch er ein Betrogener, wie man weiß, fällt irgendwann die Umgebung an. Seine Rache durchsetzt die abgedunkelte Kultur der Alten, die keiner Werbeetats bedarf, um Nachwuchs zu binden. Die fleißigen Amokläufe beginnen jenseits des fünfundvierzigsten Lebensjahres, bei abflauender Bereitschaft mitzutun. - US

DODERER
oder das schöpferisch Schöpferische. In der unscheinbaren Doppelung lauert der Nachkrieg, das Sich-Entziehen, nachdem man genug belangt worden ist und ein paar Jahre zur freien Gestaltung wünscht. Diese Freiheit kann nur in der Freiheit zur Obsession bestehen, zum Besetzt-Sein, gleichgültig, wer noch klingelt. Alles, was ab jetzt Forderungen erhebt, tendiert zum Pseudos, es ist ein Pseudos, verdrehte Welt, verdrehter Geist, verdrehte Menschheit. Sieh dich nicht um! Das sitzt und ist als Parole unnütz, weil es die Bewegung nach rückwärts bereits ausführt, aber es reduziert die Nötigung, vorwärts zu gehen und erlaubt den geschärften Blick auf die sinistren Mittel, die eingesetzt werden, um sich im Dasein zu halten. Die Poesie des Sich, des Sich-Erhaltens, Entfaltens, des Sich Aus- und Einrollens, scheinbar fast nach Belieben, doch in Wahrheit nach Druck, einer angedeuteten Äquilibristik gemäß, die sich zeigt und im Sichzeigen verbirgt, eine solche Poesie findet ihren Weg wie Wasser durchs Geröll – zäh, zuckelnd, allerwege auf Vertiefung hoffend, also auf den Effekt von Jahrhunderten. Doch, leider, soviel Zeit bekommt niemand. - US

DÖRFER
Wer von der Kunst redet, muss über die Dörfer gehen. Das sagt sich leicht, aber in den Dörfern ist keine Rede davon. Künstler lieben das Dorf, es kommt ihrer Neigung entgegen, im Beisichsein aufzugehen, beinahe wie ein Teig, der woanders bereitet wurde und nun, bei mäßiger Hitze, im Besinnlichen wächst. Das größte Dorf dieser Art ist Manhattan – hier sitzt der Gickelhahn neben jedem Bett und schreit jeden Morgen und Abend Verrat. Ein schöner Ort, das Künstlervolk liebt ihn und schwört Stein und Bein, ihn nie zu verlassen. Ist das fair? Nicht dass die Dörfer da draußen ein Recht darauf hätten, die Kunst zu besitzen, kein Dorf besitzt so ein Recht, die Kunst kommt und geht und nimmt sich der Armen an, wie sie mag. Aber so ganz von allen guten Geistern verlassen sollte das Land nicht sein, das schließlich alle trägt. So kommt es, dass in den Dörfern das Licht nicht ausgeht, dass in ihnen allabendlich die große Parade der Erwartung stattfindet, zu der sich kein Großfürst des Gewerbes blicken lässt. Nur kleinere Geister tummeln sich auffällig, sie schäkern mit den Töchtern der Dorfoberen und zeigen dem Gärtchen hinter dem Haus, das sie sich hier leisten können, was eine Harke ist. Dafür überlässt man ihnen dann die örtliche Druckerei, in der die kleineren Wahlplakate hergestellt werden, die einzufliegen sich aus ökologischen Gründen verbietet. Manchmal allerdings kommt ein großer, den keiner kennt, man merkt es gleich, denn er weiß nicht, was eine Harke ist, jedenfalls zeigt er es keinem. Man braucht eine Weile, um mit ihm warm zu werden, aber dann ist es gut. Was er hier zu finden gedenkt, will man von ihm wissen. »Nichts«, sagt er und lacht, »es ist doch alles da.« Er meint es nicht ernst, der Schalk blitzt ihm aus den Augen, aber die Antwort freut alle. Daheim spuckt er in die Suppe und schlägt das dreifache Kreuz derer, die vom Unglück gut bedacht wurden. - US

DONNERWOHNUNGEN
Die Großen wohnen in Donnerwohnungen, die Kleinen in Wisperkammern. Beide Stätten zusammengelegt ergeben den Ort der Demokratie. Nicht dass die Großen mehr Platz besäßen, um rascher Drachengespanne der Wortwahl auffahren zu lassen, sondern sie gleichen staubigen Photographien auf bürgerlichen Dachböden und haben insofern keinen anderen Vorteil als den, in trockenen Höhlen bei schlechtem Wetter seufzen und klagen zu dürfen, denn niemand lässt Regen in Dachböden dringen.
So ging es bereits den Steinzeitmenschen, die nackt hinter Dornengestrüppen den Säbelzahntigern heulend vor Angst die Milchzähnchen zeigten. Der Großvater aber, kaum 30 Jahre alt, malte sie beide, die Großen wie Kleinen, mit Rötel und Hasenfett. Wie köstlich ward da noch die Furcht gebannt, der Schrecken gelähmt. Kein Mensch wagt heute, die Kunst im Arm, auf Brautschau nach solchen Motiven zu gehen. - PM

DRACHENSTURM
Ein paar Hexen, mit Unguentum somniferum beträufelt, halten den Bann aufrecht, der auf diesem Bilde liegt wie am ersten Tag. Sein Jahrhundertschlaf unter bröckelndem Putz hinter verschmutzten, halbblind dem angebrochenen Tag wehrenden Scheiben darf nicht unterbrochen werden, denn das gestreifte Einhorn, das ein Auge zuviel hat vielleicht, ist nicht zu halten, es hält sich, so wie es steht, kaum selbst. Die Uhr mit Libellenflügeln weist dem »Gib acht« den Trompetenton und den Ohrenbläsern des Unheils fliegt das Liktorenbündel voran: Aus dem Weg! Den fahlen Rappen, auf dessen letztes verbliebenes Auge der Dolch des Einhorns zielt, kennen wir gut. Er ist die Stelle im Bild, die nicht weggeht, das Auge der Welt, das nicht sieht, sondern glotzt, weil es weiß und nicht weiß, es ist alles eins. Statt des Tamburins kreist ein Patronengurt, das versteht sich von selbst und bedarf keiner näheren Weise. Der Friede von Münster gebar dieses Bild und bewahrte es auf, manchmal kommt jemand herein, der es wissen will, und der Sturm klagt im Gebälk. - US

DRACHENZAUBER
Es gibt keine Zufälle, es gibt nur Zusammenhänge. In Folge dieser Erkenntnis ist die Verfolgung in Linien bis ins Zentrum eines neuen Zeichens denkbar, und gäbe es dann auch nur für einen Augenblick die Erleuchtung. Alles andere wird ohnehin zur Arbeit der Philosophie. Sind erst die in den Alpen getanzten Nester schwungvoll genug gebildet, verfängt sich alsdann auch der Stoff der Gedanken und der Meister hebt beide Hände, um das Papier und den Tisch für die kurze Zeit des Empfangs von allen Mächten materieller Vernunft zu erlösen. Nur so kann der wartende Geist dem kommenden Geist geöffnet entgegentreten, damit die eingefangenen Zeichen, wie Tiefseefische im Netz, herbeigeschleppt und offenbart werden können. Dann senkt der empfangende Philosoph die Hände und der Drachenzauber beginnt.
Etwas Feuer der Sprache, dem oberen Bogen des Mundes in Höhe der vierzehnten Linie bergaufwärts entnommen, wird rasch aufs Papier gemalt (man vergesse die Malbutter nicht), sodann eine Spur des alten und steif gewordenen Wassers hinzugefügt – dieses Wasser ist fast getrocknet und Teil der unendlichen Dunkelheit –, und schließlich folgt jenes Magnesium oder Manna philosophorum (gewöhnliches Brausepulver der Kinder), um damit das knisternde, niemals kochende Wassser in weitem Bogen zu öffnen und dann mit einem Ruck förmlich aufzureißen.
Nun erscheinen die Eltern des Drachen, manierlich gekleidet nach den Moden getaufter Sünder des Jahres Tausend nach Christi. Sie führen den aufgerufenen Drachen als Knäblein bis an den Tisch. Sie bitten um Hilfe und Lehre. Das Drachenkind soll Schüler, Magister und endlich ein Drachenprofessor werden. Der Philosoph, der den Ritus beherrscht, lehnt anfänglich einige Male höflich ab, um schließlich durch mehrmaliges Öffnen und Schließen der Augen, gleichsam in Nähe des Schlafs, zuzustimmen. So entgeht er der Sünde wider sein Amt. Der junge Drache wird jetzt zusehends größer, fordert Becher und Schwamm, Malbutter und Zuber, um die Verkündigung zu vollziehen. Unverzüglich, auf herbeischwebenden Luftkissen, beginnt er die Zeichen der Zauberei zu entwerfen. Feierlich tunkt er die eine Pfoten in die Malbutter, entnimmt mit der anderen bunte Teilen seines gepanzerten Leibes, um entsprechende Farben zu finden, und so entstehen der Reihe nach luftgeschwängerte Teppiche von unendlicher Größe. Sie legen sich, kaum gemalt, über Häuser und Landschaften oder neu entstehende Orte, in denen künftig große Meister der Zauberei und der hohen Künste zur Welt kommen werden. Ein solches Prophetentum ist wahrer als alle Vernunft, getreuer als jeder Wachhund und vor allen Dingen so beständig wie jene Alpen, unter denen zuvor getanzt worden ist. Daher tragen sie oft deren Namen, wie Kaiser-Glücklich-Wand-Prophetie, Poltergauklamm-Gesänge, hohes Gesyndel-Wort und Spitzkofler-Unheil. Die Professur ist dem Knäblein jetzt sicher. Die glücklichen Eltern entschwinden, und das gute Kind, das inzwischen kaum noch in ein gewöhnliches Arbeitszimmer passt und dessen Flügel mit Gletscherspuren und Bergkristallen die Dünste der einsamen Höhenluft in akademische Räume tragen, legt befriedigt die ersten frischen Orakelblätter als Tafeln aus Gummigutti, aus Gneis und Glimmer wie Spielkarten auf den Tisch und ist zunächst noch, unter der Hand, Drachenprofessor geworden. Er hütet für die Dauer schwarzer Semester die Liste aller künftigen großen Persönlichkeiten, ob dämonengeschlechtlicher Abkunft, ob als Saatgut von Weiber- und Männerkernen oder als freie Gestalten des schwer überprüfbaren Poetenstandes. Er wählt sie geruhsam aus, um ihre Seelen zur Vorbereitung in die einsamen Hochschulen der großen Verwirrung zu senden, in denen die Zukunft ebenso wütet und mordet, wie sie auch Kunstwerke entstehen lässt. - PM

DREHBUCH
Das drehbare Buch, kaum erfunden, ein Welterfolg, sage ich Ihnen! Ein Einfall, im Grunde ein einfacher Einfall, sagen wir ruhig, schlicht, jawohl, schlicht das Ganze, aber: genial. Sie drücken auf einen Knopf und die Sache rollt ab. Linksherum, rechtsherum, je nach Bedarf oder Laune, das hält einer sowieso kaum auseinander. Technik eben, für alle Seiten nützlich. Auch Missbrauch, sicher, kommt vor, kommt vor. Wir können das nicht verhindern, wie sollen wir. Ja, wir legen Kundenkarteien an, das müssen wir, obwohl es... ja ja, verboten, ganz recht, auch das ist verboten, insofern... vergessen Sie's! Vergessen Sie's einfach! Ein wenig Technikbegeisterung, wenn ich bitten darf, sonst kommen wir nicht weiter. Und sagen Sie nicht, die alte Leier. Hier leiert nichts, wir garantieren... Keine Garantie? Sie wollen keine Garantie? Lesen ohne Garantie? Und was kommt dabei...? Bitte, hier ist der Ausgang, ich sag's Ihnen. Eana. So ein Stoffel. Wer mir heute ein Drehbuch zeigt, ist für mich gestorben. Abgang, aus, durch die Küche. Diese Laffen meinen, sie haben den Erfolg gepachtet. Welchen Erfolg? - US

DREIECK
Nein, meine Liebe, dieses Spiel ist nicht vorbei, es hat gerade erst begonnen, und es ist kein Witz. (Ein Witz, der eine Beziehung eingeht, ist keiner.) Jedes Dreieck, das in Betracht kommt, verfügt über einen stumpfen Winkel, eine Asymmetrie, die das Spiel in Gang bringt und verwirrt. An diesem Ort der größeren Spreizung entstehen die Spannungen, er nimmt den Bogen auf und damit die Rundung des Ganzen. Unter dreien schlägt einer den Bogen, nicht weil er Cäsar wäre oder Titan oder ein großer Kommunikator, sondern weil er dem Zentrum am nächsten steht. Wo alles nach außen drängt, bleibt ihm keine Wahl, nur Zerrissensein und Zerrissenwerden. Der Herausforderer hat es leicht, seine Kraft ist am stärksten, solange er sie nur wenig einsetzt. Mimetische Verähnlichung nennt die Theorie das, was zwischen den Kontrahenten geschieht, sobald der Kampf eingesetzt hat, ob es die Parteien schöner macht, bleibt dabei ausgespart. Allgemein nimmt man an, dass der Kampf die Züge verzerrt, manch einer gewinnt so erst welche, ein anderer verliert seine Zug um Zug. Das Kenntlichwerden ist eine zu ernste Sache, um sie Schiedsrichtern zu überlassen, die selbst nach dem Ort der Begierde schielen, sei es, um ihn einzunehmen, sei es, um mit dem Objekt davonzuziehen. Ein Dreieck ohne Zuschauer gilt nicht, er bildet den vierten, gewöhnlich ungenannt bleibenden Winkel. - US

DRUCKFEHLER
Man muss Druckfehler annehmen können. Diese in den Text eingefügten Unbestimmtheitsmomente erinnern daran, dass das Geschriebene sich an jeder Stelle einer Wahl verdankt, die auch anders hätte ausfallen können. Wer das bestreitet, ist weniger Dogmatiker als Vermittler. Erst in der Vermittlung wird das Aufzuschreibende sakrosankt. Deshalb liegt es den Zeitgenossen, denen das große Glas das Denken versiegelt, als Vermittler tätig zu sein: sie können den Eifer produzieren, den die Konzentration auf die sich entziehende Sache unmittelbar hervorbrächte und rechtfertigte, und sie können ihn auf der Stelle nach außen wenden – als Gewusst-wie. Das große Glas, die Scheibe, die das Denken vom Nach-Denken trennt, die Unberührbaren von den Vertretern des Gewusst-wie, es ist eine Einrichtung, die man bewundern und die man verachten, aber nicht vernachlässigen darf. Ich will nicht verwechselt werden, hat Nietzsche einst bekundet, darin liegt eine Verwechslung, da die Ideenklempner sich im Anderen erkennen, in was denn sonst. Gerade ein solches Zitat gibt ihnen ein gutes Gewissen, sie haben es am Schnürchen und wissen, dass sie auf dem rechten Wege sind – in jedem Sinn. Dennoch muss vermutlich so reden, wer eine Religion zu gründen gedenkt. Er kann gar nicht anders, weil anders die Spiele des guten Gewissens nicht in Gang kommen. Und Gewissheit, gute Gewissheit, die Gewissheit, auf gutem Wege zu sein, die will man doch, wenn man sich aufs Abenteuer einlässt, auch wenn es nur den Weg zum nächsten Symposium einschließt. Abenteuerlich ist schließlich alles, was sich behaupten lässt, ganz schön abenteuerlich, daran besteht nicht der mindeste Zweifel. - US

DUE SAVINII, PER FAVORE
Als die Kunstkritik der Einsamkeit des großen Chirico überdrüssig ward, erfand sie ihm einen Bruder: Alberto Savinio. Sie machte ihn, wie es sich gehört, drei Jahre jünger und verlieh ihm, da es sinnlos ist, eine Gabe in schlichteren Dimensionen zu wiederholen, ein Multitalent, so dass Chirico eines Tages den Satz schreiben konnte: Mein Bruder war ein großer Schriftsteller und Komponist. Er hätte auch schreiben können: Mein Bruder war ein großer Hallodri, aber das hätte den Tatsachen noch weniger entsprochen und wäre als Beleidigung auf die Nachwelt gekommen. Die Dioskuren verdankt die Nachwelt dem Brauch, bis zwei zu zählen und dann ins Grübeln zu geraten: Was kommt danach? Vielmehr: Was wird schon kommen! – Der Bruder also? Der Bruder existiert eigentlich nicht. Er ist eine große, eine maßlose Hypothese. Durch einen Irrtum im Begrifflichen wie im Ausdruck, dessen Ursprung sich in der Nacht der gesprochenen Sprache verliert, wird der Bruder verwechselt mit dem brüderlichen Freund, dem Weggefährten, der interpretiert und erklärt – in Worten und Werken –, was der andere macht. Der es so erklärt, wie es sich selbst erklärte, könnte es sich erklären. Der es überdies nach- und vormacht – in einem anderen Medium, versteht sich –, so dass es weiter keine Umstände bereitet, auf dem einmal eingeschlagenen Kurs fortzufahren. Was wäre ein Leuchtturm, der nicht anderen den Weg wiese? Was wäre der Zeiger, der zitternd diesen Dienst leistet, anderes als der Bruder im Geiste? Und was wäre schließlich der letztere, wenn nicht der erste noch einmal? Aber weit gefehlt, dieser Zeiger zeigt nur, insofern er sich zeigt: Due Savinii, per favore. - US

DUMPFBACKE
Nehmen Sie ein bisschen von diesem Verbrechen, nehmen Sie ein bisschen von jenem, verrühren Sie das Ganze – Rührung tut gut – und reichern Sie es mit Stundensex an, wo immer sich Ihnen ein Sendeplatz bietet: bleiben Sie am Ball, allabendlich, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, erzeugen Sie das größte kriminalistische Durcheinander des Jahrhunderts in den Köpfen von Kindern, alten Leuten, Schwachsinnigen, Perversen, Kassenpatienten, Eltern, Nichteltern, Durchblickern, Bescheidwissern und Abstaubern, und Sie werden sehen, es wirkt. Sie können jedes Thema lancieren, jeden Verdacht unter die Leute bringen, jedes Misstrauen gegen ganze Bevölkerungsgruppen schüren und Heilige en gros fabrizieren. Es kostet Sie nur ein bisschen Geduld und braucht eine Maschinerie, die läuft und läuft... kurz, ein Medium. Aber was heißt schon, es kostet? Sie lassen diejenigen bezahlen, denen Sie das alles zwischen zwei Freifahrten antun, auch wenn sie nichts mit Ihnen zu tun haben wollen, und es läuft rund. - US

DURABILE
Es war ein kräftiges Stück Arbeit, das Schaf zu melken, ordentlich mitgenommen sehen die Hände danach aus. Mitgenommen wohin? Ein Bauer, der nicht mit seiner Ansicht sparte, und aus diesem bekommt ihr nichts heraus. Sich inwendig ausgeben hat Vorteile, die dem Herzinfarkt ähneln, der sich – vielleicht – auf diesem Wege Bahn bricht. Poco poco, lente lente, man kann seine Einbrüche schließlich nicht stapeln. Das Schaf steht nebenbei, es hat sein Bestes gegeben, vielleicht das Zweitbeste, das wird sich weisen. An einem Baum schaukelt der böse Rest, der nie in Betracht kommt oder erst spät, es reicht, wenn er einen überkommt, dem muss man nicht vorgreifen. »Durabile«, sagen die Landwirte des Südens, sie klopfen das lederne Gemüt in der Hoffnung, einmal etwas anderes herausfallen zu sehen als die Erwartung. Aber Leder bleibt Leder, man trägt es außen, kein Mensch beißt freiwillig hinein. - US

DURCHBRUCH
Unterkomplex denken, unterkomplex handeln, das war von jeher die bevorzugte Methode, sich beliebt zu machen bei Menschen und Göttern. Wer eine Kleinigkeit vergaß, dem gelingt der Durchbruch spontan. ›Verzeihung, ich vergaß‹: das könnte über dem Leben so manchen Hoffnungsträgers stehen, am besten vor seinem Abgang, oder, noch besser, vor seinem Auftritt. Es sind nicht die terribles simplificateurs, die das Leben würzen, sondern all diejenigen, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, aber im Modus der Ungeduld, denn sie wollen vorankommen. Nun preschen sie dahin, auf ebener Strecke, wo doch jeder, der Augen im Kopf hat, den Hügel sieht, in den sie sich bohren werden. Vielleicht wollen sie tiefer hinein als andere, das wäre denkbar und nicht einmal unplausibel. Ob es auch gut ist? - US
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Startseite: Das Alphazet
Und noch vor zehn (!) Minuten, nach ein paar Schlucken warmen Wassers, das ich nach dem Aufstehen in der Früh brauche, dachte ich an nichts anderes, als dass ich Ihnen schreibe, wie ich gestern [...] das Mersmann-Schödlbauersche Alphazet, heruntergeladen und geöffnet habe [...]. Und da habe ich nicht umhin können, mir vorzustellen, wie diese doch brodelnde Gedankenküche ihre Existenz behaupten muss – gegenüber der geradezu scheußlichen Weltrealität, die wir da täglich einatmen. Es sind ja unheimliche Wortbildungen da drin – und Vorstellungen, die richtiggehend einer anderen »Gegen«-Sphäre entspringen und in diesem tellurischen Geistes-Entwurf fortan kreisen müssen. Kompliziert wie eine der berühmten astronomischen Uhren, die nicht mehr repariert werden können, weil uns das Zeug dazu fehlt. Eine Notwendigkeit, also. Eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Was bleibt mir noch gegen die ubiquitäre Wallstreet und die Thatcherische Ausdünnung aller Meistersingerischen Substanz unserer Berufe und noch erhalten gebliebenen Lebensweisen? Das Alphazet – ich kenne es noch zuwenig, verspreche mir jedoch viel davon – könnte wohl, wenn nicht etwas von unserer verlorenen »Ursprünglichkeit« zurückgeben, so uns doch zeigen, wohin einmal der Weg ging, der nun verwüstet ist.
Suitbert Oberreiter