RADFAHREN

»Eine Zeitlang sah es so aus«, sagt G. und rührt eine Nadelspitze
Zucker in seinen Tee, »als sei das Radfahren als gesellschaftliche
Metapher endgültig passé. Aber seit man diese Erlebnisparks für
Radfahrer eingerichtet hat, auf denen sie pfeilartig wie Boten
Apolls mit starrem Blick aneinander vorbei in die Zukunft rasen,
bin ich mir dessen nicht mehr so sicher.« »O ja«, sinniert Adler,
»da wäre viel zu bemerken. Was die Leute Karriere-Dschungel nennen,
ist in Wahrheit ein Gewirr aus Radwegen oder die
Kreuzungsfreiheit als Illusion.« »Wie meinen Sie das?« will G.
wissen. »Wie ich es sage. Die Idee dabei ist, die Augen so starr
geradeaus zu halten, dass alles, was von der Seite naht, gar nicht
erst in den Blick kommt. Das gibt ein angenehmes Gefühl der
Sicherheit und die Empfindung, aus der Gegenwart direkt in die
Zukunft hineinzupreschen.« »Was öfter vorkommen soll.« »Gestern hat
mich einer, der durch einen Fußgängerpulk hindurchschoss, als sei
er Luft, fast gestreift.« »Dieses ›fast‹ beschäftigt die Leute.
Einmal hörte ich, wie sich eine ältere Frau über die Polizei
beschwerte. ›Sie sieht nichts. Sie tut so, als gäbe es diese Leute
nicht. So ist es immer.‹ Mein Gerechtigkeitssinn ließ mich
einwenden, dass es eigene Polizeifallen für Radfahrer gebe -
umsonst. ›Wer da hineingerät, ist kein Radfahrer, sondern...‹ Sie
kramte nach dem richtigen Ausdruck, ich sprang ihr bei: ›einer, der
es eilig hat?‹ Da sah sie mich an und ich entdeckte die Entrüstung
in ihrem Gesicht.« »So ist das. In der Jugend haben sie es eilig
und im Alter rufen sie die Polizei.« »Nichtsnutze. Sie drängen sich
an der Schuld vorbei wie an einem umgekippten Mülleimer: Nur
weiter.« »Es sind Zeitlawinen. Ein Fuß oder ein Schrei hat sie
gelöst, jetzt rasen sie zu Tal. Wer ihren Weg kreuzt, ist schon
verschwunden. Mag sein, er erwacht in einer anderen Welt.«
RADIKALSEIN
Radikal sein, an die Wurzeln gehen, ist an einige Voraussetzungen
gebunden, zu denen, nicht zuletzt, das Sich-Bücken gehört: eine
menschliche Geste, in der sich Furcht und Aufmerksamkeit
unentwirrbar vermengen. Man nennt das gemeinhin Verehrung – für die
Ursprünge, das Unscheinbare und Kleine und doch so unendlich
Kostspielige. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Das Spiel mit
den
Kosten, in diesem
Fall zumeist Unkosten genannt, bringt das Radikalsein in Gang und
hält es in Schwung. Welch ein Aufwand, radikal zu sein! Und doch,
wie minimal dieser Aufwand. Jeder Radikalismus ist ein
Minimalismus, der sich als Maximalismus verkleidet und seine Kosten
nach außen trägt. Dort ruhen sie, träge, bis sich einer der Sache
annimmt. Dann explodieren sie.
RAPID
Dem betulichen Kino folgt das rapide auf dem Fuß, das rapidere dem
rapiden. Aber das täuscht, denn die Betulichkeit steht den Rapiden
überall auf den Hacken. Im Roman ist es dasselbe: je schneller die
Lektüre vorankommt, desto langsamer schleift das Verstehen
hinterher. Da es aber nicht zurückbleiben kann, da es immer zur
Stelle ist, egal, ob man es brauchen kann oder nicht, fordert es
seine Recht: jetzt, sofort, auf der Stelle. Das hohe Tempo erzeugt
Langeweile – versteht man nichts, ist es nichts, hat man schon
verstanden, ist es auch nichts. Es schadet auch nichts, denn wenn
man jetzt,
just in time,
alles mitbekommt, solange nur der Faden nicht abreißt, solange
nichts unterbricht, dann sagt man anschließend »schön war’s« und
geht seiner Wege. Darin klingt Dankbarkeit an, die Dankbarkeit
dessen, der schon vergessen hat, was für ihn getan wurde, was ihm
angetan wurde, was er sich selbst zugefügt hat, als er sich
auslieferte. Man ist mitgegangen, daran kann doch nichts Falsches
sein, es hat uns köstlich amüsiert und jetzt wollen wir damit in
Ruhe gelassen werden. Ein Jegliches zu seiner Zeit. Das
Unbegriffene, das einem nachgeht, ist lästig, solange keine
Denkernatur sich seiner annimmt. Und das kommt seltener vor, als
man denkt, sofern das denkbar erscheint. Deshalb ist Betulichkeit
die natürliche Gangart derer, die gerne hasten. Sie rennen vor, um
zurückzufallen, es sind die geborenen Trödler.
RAUMGREIFER

Ein Land, in dem die Automobilproduktion brummt, bringt keine Gedichte hervor, und wenn es welche hervorbringt, dann will niemand sie lesen. Nichts regelt das Denken sinnreicher ab als der seriell gebuchte Urlaub unter exotischer Sonne, ein jährlicher Zwischenstopp in einer psychiatrischen Anstalt unter dem Einfluss klug dosierter Medikamente kann nicht besser anschlagen. Wer das ganze Jahr drin ist, muss, so oft es geht, raus: das leuchtet ein und bringt an den Tag, was einer unter Leistung versteht und was draußen los ist. Der Doofe Rest sitzt vor der Glotze oder schaufelt Spanferkel in sich hinein. Das Land mit den fettesten Etats schickt seine Professoren zu den begehrtesten Symposien, das ist doch klar, den Rest darf jeder sich ausmalen. Soweit die Grundlagen, allein die Regel reicht weiter, bis jenseits des Horizonts, das ist wichtig zu wissen, weil Horizontweitung zu den Pflichtübungen gehört, die jeder absolvieren muss, der etwas werden oder bleiben will, also jeder. Auch der geweitete Horizont bleibt Horizont. Ein bisschen ausgeleiert vielleicht, aber im Kern ungefährdet. Man schickt sich in die Welt, man schickt sich um die Welt. Man schickt sich.
REDENS-ARTEN
Man kann von Bildern nur metaphorisch reden, das heißt in Bildern.
Man kann diesen Sachverhalt nach Belieben verschleiern, aber am
Ende wird man auf ihn zurückkommen. Man redet über Bilder, man
spricht über Bilder, man redet, weil einem dieses oder jenes Bild
zum Reden Anlass bietet: das sind drei unterschiedliche Weisen,
sich redend auf Bilder zu beziehen. Im ersten Fall geben Machart,
Motiv, Preis, Geltung, Herkunft des Bildes den Ton an, im dritten
die Befindlichkeit des Betrachters, seine Ziele, Interessen (auch
theoretische), Gefühle, sein Desinteresse, seine
Verschleierungsabsichten, sein Ausweichen vor Gesprächen, die
stattdessen geführt werden müssten, das flüchtige
Stop and Go der Wahrnehmung, seine
Eitelkeit, seine Prahlsucht, sein Redebedürfnis – all das wandert
in die verbale Gestalt des Bildes hinein und macht es genieß- oder
ungenießbar. Und all das hat mit dem Bild, streng genommen, nichts
zu tun oder nur insoweit, als es die geduldige, unendlich
gleichgültige Folie darstellt, auf der es sich vollzieht und die
vielleicht bereits vergessen ist, wenn die Rede ihr Zentrum
erreicht, falls sie so etwas überhaupt besitzt. Der zweite,
mittlere Fall meint das Im-Gespräch-Sein, den erreichten
gesellschaftliche Status eines Bildes: es ist, wenn es soweit
kommt, eine Art Person geworden, jemand, der mit am Tisch sitzt –
im Modus der Abwesenheit, versteht sich, damit man über ihn
sprechen kann, so wie ein Jubilar anwesend-abwesend ist, wenn die
Worte feierlich werden, oder wie ein Mörder realiter abwesend sein
muss, damit das Gespräch über ihn so recht in Gang kommt. Ein
solches Bild kann noch immer ein Nichts sein, eine Null, aber es
hat etwas bewirkt – es hat erreicht, dass man über es spricht, es
hat, in der Narrensprache, Karriere gemacht. Vielleicht ist es
jemand, über den man zu Recht spricht, eine richtige
Persönlichkeit, jemand, den man nicht kennen kann, ohne sich auf
die eine oder andere Weise zu ihm zu verhalten. Diese Art des
Sprechens ist unerschöpflich und unbegrenzbar, sie hat ihre Zeit
und sie hat ihre Phrasen. Sie verfährt nach Mustern, die jedem
vertraut sind, aber in jedem Zirkel anders interpretiert werden –
wer den Ton nicht trifft, wer die augenblickliche Valenz der Wörter
nicht richtig taxiert, wer nicht in diesem Augenblick dazugehört,
woher er auch kommen mag, erntet das Schweigen, das er fürchtet wie
der Düvel das Weihwasser. Reden wir also vom Bilde.
REIGEN
Nach der Versicherung des Herrn
Nietzsche, er sei ein
Verhängnis, sind andere gekommen, die ähnliches versichern zu müssen glaubten, und wieder andere, denen man es abnahm, ohne dass sie es eigens versichern mussten. Dieser Reigen fasziniert die Menschen noch immer. Er ist sogar zu einer Art Perpetuum mobile des Lehrbetriebs geworden und die jungen Damen und Herren, die offen sind für das Abenteuer, glauben ihm unbesehen. Geht man zu den Ökonomen, so findet man keine Spur von jenen verhängnisvollen Herren. Es ist, als habe es sie nie gegeben. Glaubt man den Moderneforschern, so ist ›die Moderne‹ in toto
verhängt, eine von oben sich in das Leben und Denken der Menschen drängende Macht, der Widerstand zu leisten zwecklos ist und allenfalls mit blutigen Massakern geahndet wird. Es gilt als inhuman, dem Verhängnis die Stirn zu bieten und es auf seine Denkfehler aufmerksam zu machen: sie haben ›nichts zu bedeuten‹. Dagegen gilt es als human, das angeblich Verhängte als Verhängnis zu deuten, als etwas Unentrinnbares, dem man sich so wenig entziehen kann wie dem Straßenverkehr und dem Zahnarzt. Aber der Straßenverkehr und der Zahnarzt wissen nichts von dieser Moderne. Dem begegnet die Rede von den zwei oder drei Kulturen, die gleichsam über den Kulturen schwebt und aus der Arbeitsteiligkeit der Gesellschaft auf ihre Unverbundenheit schließt. Dieses Unverbundensein ist ein großes Geheimnis. Sie macht die Menschen nachgiebig gegenüber Erfolgen der anderen Seite und multipliziert diese damit: erst die Beistimmung von Leuten, die ohne Urteil beistimmen, lässt Theorien gültig erscheinen und setzt Trends in Gang, die Tausende von Kilometern entfernt Menschen verhungern oder Megavermögen anhäufen oder zur Kalaschnikow greifen lassen. Es bleibt aber Arbeitsteilung. ›Kulturen‹ entstehen, wenn Theorien frenetisch werden und auf die Gefühlswelt der Leute übergreifen, die mit ihnen in Berührung kommen und ihrerseits Gefühle ›vermitteln‹.
REIZWÖRTER
So schreiben, dass es den Leser kitzelt: er lacht, er wehrt sich,
er schlägt nach etwas, das er nicht sieht, er wird wild, er springt
aus dem Bett, das er erst später zu verlassen gedachte, er rennt im
Kreis, er weiß sich nicht anders zu helfen als... Als? Gute Güte!
Er wird doch nicht? Ja, er wird, er hat schon.
RELIGIONSERSATZ

Im letzten Jahrhundert war es unter Europäern üblich, Ideologien als Religionsersatz zu titulieren. Das war eine angemessene Sicht in Zeiten, die für alles Ersatz schaffen mussten und zu schaffen wussten: vom Kaffee über den Sprit bis zum Wohnraum und der Krankenkasse für zu groß gewordene Krankheitserwartungen. Die allgemeine Substitutionspraxis machte vor den Sinnfragen nicht halt, sie durchdrang sie von einem Ende bis zum anderen. Nie wurde die Welt der Welterklärung so erklärt wie in den Zeiten einer gesteigerten Erklärungsnot, nie diktierte die Ungeduld so ihren Rhythmus und ihre Inhalte. Das neunzehnte Jahrhundert betrachtete die Religion als eine zwar archaische, doch völlig intakte Ideologie, der eine neue Praxis den Garaus machen würde. Das zwanzigste sah in ihr ein verendetes Wissen, das durch eine Praxis der Praxis ersetzt werden müsse. Wann immer sich diese als verheerend erwies, versuchte man sie zu retten, indem man aus dem Kadaver Teile herausschnitt und für den allgemeinen Verzehr freigab. Man könnte daraus schließen, es sei leichter, sich eine tote Religion anzueignen als eine lebende. Das heißt: von der Hand in den Mund leben. Andererseits fällt es nicht schwer, eine ersetzende Praxis als Praxisersatz zu denunzieren und ein wenig zu loben, denn eine gesunde Ersatzpraxis fordert den Menschen weniger als eine Praxis, aus der es kein Entrinnen gibt. Wie ist das möglich? Wie kann das Schicksal des Menschen unentrinnbar sein, wenn es so leicht fällt, den nächsten Flieger zu besteigen und
abzuhauen? Die Geretteten blicken auf die Menschheitsentwicklung als eine lange Kette von Verfehlungen und Verirrungen zurück, die an der eigenen Haustür endet. Die abgewandte Seite des Hauses ist fensterlos, einige schwadronieren davon, die Aussicht auf den menschenfreien Planeten sei möglich, aber nur für starke Nerven geeignet. Zum Glück sagen es die Statistiken anders. Für die heutige Menschheit sind alle Europäer Schweizer. Sie sollten es lassen, mit Raketen um sich zu werfen, um irgendetwas ›durchzusetzen‹.
RENDEZVOUS
Man fühlt sich nicht schuldig, man sucht nach der Schuld. – Falsch, ganz falsch. Die Schuld sucht nach dir. Aber erkennt sie dich? Sie sieht dich an, sieht durch dich hindurch: Du bist ein Kandidat. Bist du ein geeigneter Kandidat? Bist du ein guter Kandidat? Diese Fragen passieren dich, ohne dass du sie abwehren könntest. Unwillkürlich straffst du dich, es fehlte nicht viel und du kämmtest dein Haar: Du willst ein guter Kandidat sein. Du bist bereit, aber nicht ganz, denn du fühlst, etwas stimmt nicht. Auch die Schuld zögert. Ja, sie zögert. Dieses Zögern der Schuld wird selten beschrieben. Es hat nichts Entlastendes. Es zählt also nicht in den moralischen Geschichten, die erzählt werden wollen. Mag sein, sie kennt dich bereits. Im Grunde seid ihr alte Bekannte. Nein, du machst ihr nichts vor. Und sie geht vorbei, ein Tiger im Busch, der seine Beute verschmäht – aber nur dieses Mal. Morgen fällt sie dich an. Oder irgendwann.
RENNSTALL
Wo die Biederen sich des Rennstalls bemächtigen, gehen die Pferde
stiften.
RESPONSIONSARENA

Ist man, wie die Kenntnis des Universums es nahelegt, vom
Übergewicht der toten Materie überzeugt, dann begreift man sie
bereits als gewaltige Responsionsarena, die Überzeugungen eingibt –
was wurde vom Geist jemals mehr erwartet? Dann bekommt durch sie
die Initiative, jene zweite oder vielleicht dritte Wirklichkeit
auszubilden, die man die menschliche nennt und die sich nicht in
sozialer Ordnung erschöpft, sondern darin allenfalls abzuzeichnen
beginnt, den größten Schub. In ihr erscheint jede biologische
Ordnung bloß als Intermezzo, durch ein paar lumpige Milliarden
Jahre in der Zeit und durch diese extrem unwahrscheinlichen
physikalischen Bedingungen begrenzt, die mittlerweile in jedes
Schülerhirn Eingang finden. Was wir Bewusstsein nennen, tritt
ganz allein der anorganischen Kulisse der Welt gegenüber und findet
in ihr sein angemessenes Gegenspiel. Wer dann die Materie als
Intermezzo der Leere begreift, ist dem Mystizismus bereits
verfallen wie irgendein religiöser Geist vor ihm. Der als Löser der
Welträtsel auftretende Soziologismus wirkt so unbegreiflich, dass
man sich fragt, wie Generationen von Wissenschaftlern ihm erliegen
konnten. Währenddessen überziehen andere Disziplinen ihr Konto,
insofern erübrigt sich die Antwort.
RESTWÄRME

Generationen von Überzeugungstätern haben den Glauben im Namen des Wissens überwunden. Deshalb glauben ›wir‹ zu wissen. Dieses ›wir‹ ist verräterisch. Es ist die Stelle, an welcher der Glaube einsickert oder besser: das Glauben. Zu wissen glaubt man im Plural, es ist eine Beschäftigung, die man in Gemeinschaft mit anderen ausübt, die das Wissen mit einem teilen, so wie man den Glauben des anderen teilt. So wie? Nicht ganz, denn wenn ich sage, niemand weiß, was ich wirklich weiß, dann liegt darin ein anderer Vorbehalt als der, den ich meine, wenn ich feststelle, dass niemand weiß, wie es in mir aussieht. Der Wissensvorbehalt funktioniert nur unter der Prämisse, dass ich etwas weiß, was ich nicht preisgebe – etwas, angesichts dessen nichts von dem, was ›wir‹ zu wissen glauben, als Wissen durchgehen kann. Es kann, als falsches Wissen, zwar geglaubt werden, aber nicht im ausgeklügelten Modus meines Zu-Wissen-Glaubens. Glauben wir also, was das Wissen zu glauben uns nötigt. Ohne diese Nötigung ist nichts zu glauben. Glauben ist nicht wissen, Wissen ohne zu glauben bleibt Wissen, glauben ohne zu wissen bleibt Glauben. Ist das, was einer glaubt, ohne dass er es zu wissen glaubt, Wissen, wenn es anderswo als Wissen geglaubt oder ›angenommen‹ erscheint? Die Frage erscheint müßig, ein Spiel mit Worten, gespielt um das, was Leute, die weiter sind, etwas wegwerfend den ›subjektiven Rest‹ nennen, wo es doch darauf ankomme, mehr allgemein zu sprechen und zu denken, vor allem letzteres. »Ich meine das jetzt mehr allgemein«: darin steckt mehr Unglaube, als einer zuzugeben bereit ist, ein innerliches Beiseitetreten, das dem Allgemeinen den Raum gibt, den es benötigt oder zu benötigen scheint, um sich auszubreiten, um wirklich allgemein zu sein mit allen Konsequenzen, die so etwas hat. Welche hat es denn? Es sind die üblichen:
Schließ dich an, sei du selbst. Sei es ganz. Wirf über Bord, was in Wirklichkeit nicht du bist, sondern der Vorbehalt, den andere in dir aufgerichtet haben. Vergiss ihn. Vergiss die Reserve. Das hier ist die Wirklichkeit. Na, wird doch schon... Wer innerlich beiseitetritt, um das allgemeine Spiel zu spielen, um die Erwartungen zu erfüllen, die an ihn gestellt werden, hört nicht auf zu glauben, er glaubt nur anders. Er glaubt an die Schwäche, an die Unbestimmtheit, die ihn ›innen‹ erfüllt. Er will aber nicht schwach sein, er will in seiner Schwäche stark sein und behauptet deshalb, ›da drinnen‹ sei nichts, das Drinnen selbst sei eine Fiktion, ein Spiel der Sprache, die den Spieler narrt und um die Pointe bringt, falls er sich ihr überlässt. Er behauptet das, wie man etwas behauptet, und es ist eine Be-Hauptung: ein neues Haupt für Jedermann, der sonst erkennbar kopflos herumliefe, weil er nicht wüsste, was er nun glauben sollte.
RETTUNGSWESEN

Dass, wo die Not am größten, auch die Rettung am nächsten ist,
beteuern die Geretteten gern, die nicht Geretteten schweigen sich
über diesen Punkt auffällig aus. Was aus dem Mund des Einzelnen
zaghaft klingt, das klingt anders im Chor. Wir werden den Ausweg
schon finden; dass wir es bisher nicht konnten, ist schon so etwas
wie ein Zeichen, außerdem haben wir bereits viel herausgefunden,
und wenn es den Kern der Sache nicht trifft, trifft es doch den
Nerv und verbreitet Hoffnung. So reden viele und die meisten denken
so, vor allem wenn es um Menschheitsprobleme geht, die schleichend
oder in weiter Ferne sich ankündigen. Dass die Politik so gern
Programme aufstellt und Ziele beschließt, hat mehr mit der Hoffnung
auf den findigen Bastler zu tun als sie zuzugeben bereit ist. Wenn
keiner sich findet, räumt man das Feld schweigend. Die Kürze des
Menschenlebens – von der des Gedächtnisses zu schweigen – deckt
vieles, vielleicht das Meiste von dem, was schiefgeht. Der starre
Blick nach vorn fordert früher oder später seinen Tribut. Wer mit
untauglichen Mitteln das Unmögliche versucht, wird leicht für einen
tragischen Narren gehalten, dessen Tragik niemand sieht, also für
eine Travestie. Währenddessen geschieht alles, was er verhindern
wollte, aber es entgleitet ihm und am Ende findet er eine gewisse
Zufriedenheit darin, an etwas zu zerschellen, dessen Natur ihm sein
hektisches Bemühen zur Hälfte verborgen gehalten hat.
REUE, Kultgefährte des Eros
Die Reue ist überall zuhause. Aber besonders in Häusern, denn jedes
Haus bietet der Reue Unterschlupf. An Türen und Fenstern, Wänden
und Mobiliar stiftet sie Stätten des dunklen Gedächtnisses und
verfinstert die schönsten Gegenstände des Handwerks. Sie verschont
nicht einmal den Schmuck oder altes Porzellan. Nur die Tapeten, von
der Reue gebleicht und begehrt, vermögen die reuigen Menschen für
eine Weile zu schützen. Das Labyrinth der Ranken und Muster zieht
sie an und beschwichtigt ein wenig den Gram der Bewohner durch ein
Sausen und Schweifen, das ablenkt und tröstet. »Die Reue hat ihre
Musik«, pflegte der Jacobiner Tirralieur, ein Meisterhenker am
Place Grave, über dieses Geräusch zu sagen, wenn er nach seiner
Arbeit bei Mutter Tulip seinen Wein trank (nur Weißwein). Dann
lauschte er der bunten Gascogner Tischdecke, in der die Reue so
sausend pfiff, dass er glauben mochte, es reue selbst die Reue,
Reue erweckt zu haben.
Doch leider bleibt jede Reue nicht lange in den Tapeten.
Zurückgekehrt fällt sie wie Schnee über ihre alten Nester und die
Bewohner ziehen erneut ihre Taschentücher. - PM
REVIER
»Zermürbend« nennt G. eine Gesellschaft, in der die Vielen um die
Wenigen kreisen, die es rechtzeitig geschafft haben, sich neben den
Geldtöpfen zu postieren, zermürbend und wenig stimulierend, es sei
denn, man nimmt die Anstrengung dafür, ebenfalls in die Nähe der
Töpfe zu gelangen – ein lebenslanger Prozess, in dem die Fliegen
erschöpft von den Wänden fallen und die Brote Schimmel ansetzen,
bevor es gelingt, sie zu Munde zu führen. »Zu Munde! Eine herrliche
Phrase, die Sie da im Munde führen.« Nun, es mundet nicht und das
ist der Kern der Sache. Der Mund bleibt zu. Man mag es das Rad des
Ixion nennen oder nur ein Hamsterrad, was den Vorteil hat, dass es
einem täglich vor Augen steht und man seinen Bewohner kennt, der
einen nichts angeht und der das auch ausstrahlt.
Ausstrahlung – darum geht es in diesem
zermürbenden Spiel, es ist ein Kampf um Ausstrahlung, eine täglich
verlegte und am Ende verlorene Arbeit, die sämtliche Energien
schluckt, als hätten sie nie existiert. Wer nichts ausstrahlt, den
strahlt auch nichts an – eine der Grundregeln der
gesellschaftlichen Physik, die von den Anfängen her in den
Kinderschuhen steckt, während die Sache ungerührt in ihr nächstes
Stadium tritt.
›Wenn ich einmal alt bin –‹ geheimes Lustwort, in dem die
Selbstretter sich ein Bettchen bereiten, das keiner sehen darf und
das bereits muffig wirkt, während es unangerührt die Stunde des
hohen Besuches erwartet. Die Segnungen der Altersmedizin treffen
auf die unerhörten – und ungehörten – Hoffnungen einer bereits
zurückgefallenen Jugend, die weiterhin meint, sich erhalten zu
müssen und dafür die Quittung empfängt: Arztrechnungen ohne Zahl,
mit der Hoffnung auf reichere Ernten. Die Forschung weiß, was sie
der Klientel schuldet. Jedes Hinausschieben der Grenze sorgt
vorneherum für Entlastung und erregt den perversen Wunsch,
irgendwann, in ferner Zukunft, endlich dort anzukommen, wo es nur
noch weitergehen kann, in kleinen Schritten, von Tag zu Tag, so
dass sich das ganze aufgestaute Pensum eines versäumten Daseins
gemächlich abarbeiten und also erfüllen lässt. Hinein in die
Erfüllung! Das ist ein bequemes Zimmer für Schwerstversehrte, von
dem die Gesunden träumen. Sie träumen nicht umsonst, sie werden
dafür bezahlt und es geht ihnen gut. Die Erde ist ihr Revier, sie
umkreisen es ohne Unterlass.
REVOLUTIONSÄRA

Viel ist über sie geschrieben worden, die menschenverzehrende, und
viele haben sich nach ihr verzehrt. Was aber auf Dauer mehr
interessieren dürfte: Wie konnte die etwas hausbackene Vorstellung,
dass die Welt zwölf Stunden am Tag Kopf steht, aus dem Gefängnis
der populären Verdrehungen des Kopernikanismus mit einer solchen
Vehemenz ausbrechen, dass man zweihundert Jahre lang unter
ungeheuren Opfern der Versuchung nachgab, sie vom Kopf auf die Füße
zu stellen? Die heutige Astrologie lässt dergleichen Leidenschaft
nicht mehr zu; wer beim nächsten Trip an die Grenzen seines
Universums gehen möchte, der revoltiert nicht, er ›zeigt, dass es
geht‹. Die Revolutionsära war zu Ende, als die ersten Popsongs
auftauchten, in denen ein fröhliches Gedudel
Bewusstseinserweiterung verhieß. Dass man unter Wasserwerfern noch
einmal Revolution spielte, mehr noch, dass man ihr Erbe zwei
Jahrzehnte später hinwegfegen konnte, indem man sie parodierte,
zeigt, dass die astrologische Binsenweisheit endlich die Köpfe
erobert hatte. Die Zeit ist reif, das Wasser vom Mars zu holen, es
ist der nächste Weg und man lernt immer dazu. Die Verschwendung an
den Grenzen der Welt ist gewaltig, die Menschen verstehen nicht die
Macht des Gesangs, nur als Josephine sie einstmals verließ,
durchfuhr sie ein Seufzer. Seither ist man weiter.
RIESENSCHULTERN

Eine Moderne, die auf sich hält, kommt immer nach der Moderne, sie
ist ›irgendwie weiter‹. Das verbindet die ersten mit den letzten
Modernen, denen die allerletzten folgen, die mit Sicherheit
wissen, dass sie ›bereits anders‹ sind, nicht so befangen irgendwie
– anders als alle anderen, aber auch ein wenig anders als man
selbst. Deshalb liegt allen so viel daran, festzuschreiben, was es
mit der Moderne und den Modernen so auf sich hat. Jede Beschreibung
ist ein Stück Abgrenzung, als Reflexion getarnt, ein Stück
Selbstbehauptung gegen alle, die bereits so grandios modern waren,
dass man selbst dagegen ein wenig alt aussieht oder aussähe, hätte
man nicht Gründe, so zu sein, wie man aussieht, obwohl dieses
Aussehen, wie jedes Aussehen, täuscht. ›Wie langweilig, diese
Moderne, welche Trottelei, ihr zu folgen!‹ Ein Aufruhr
ohnegleichen. Die ungeheure Erregung, die das Gähnen begleitet,
muss erst einmal gemeistert werden können, am besten durch
Lebensarbeit, in deren Verlauf sich eine neue Generation von
Gegenwartsspezialisten formt, die genau weiß, was noch oder wieder
erlaubt und nicht erlaubt ist, was sich hier und heute ziemt und
was als unziemlich verschwinden muss, ›Zwerge auf den Schultern von
Riesen‹, wie ihr Lieblingsbild lautet. Das ist eine durch Alter nur
mühsam geadelte Heuchelei, die überdies eine handfeste Drohung an
die Nachrückenden enthält:
Was
wäret ihr, falls ihr euch einfallen ließet, von diesen Schultern
herabzuklettern und eigene sein zu wollen? »Nach uns wird
kommen / Nichts Nennenswertes.« Aber die Riesen, liebe Kinderlein,
sind es doch nur aus einer gewissen Perspektive, es sind Gipsbüsten
oder einfache Steckenpferde, gegen einen eingebildeten
Sonnenuntergang gehalten. Auf ihnen lässt sich, bei einiger
Rücksicht auf den Zwirn und um den wohlbekannten Preis der
Lächerlichkeit, trefflich reiten, wie auch immer. Wer den
Weber deutet, wie soll der je aus dem Schneider kommen?
RINGPARABEL
Lessings Ringparabel endet, wie jeder weiß, der lesen kann und
gelegentlich wirklich liest, mit einem Patt. Wenn keiner weiß,
welcher der ererbten Ringe der echte ist, bleibt nur, dass sich
alle benehmen, mit der Aussicht, dass sich der wahre am Ende
erweise. Schon Wagners
Ring räumt mit diesem Gesäusel auf und
was später als Ideologie auf den Plan trat, fackelte nicht lange,
als es galt, in finale Kämpfe einzutreten, ehe die Bombe dem
Treiben notdürftig Einhalt gebot. Man kann darin einen Fortschritt
sehen und in den Augen der meisten ›macht‹ diese Perspektive
›Sinn‹. Gnadenlos ist der Gnadenlose, das leuchtet objektiv wie
subjektiv ein und wirft, wie immer, ein seltsames Licht auf die
Ergebnisse der natürlichen Auslese. Was aber übrigbleibt, was
vor Menschen und Göttern
angenehm macht, das ist ohne Zweifel das Geld. Es haben oder
nicht haben macht den Unterschied. Die Menschen fühlen sich wohl,
wo das Geld sich wohlfühlt, vorausgesetzt, man erlaubt ihnen, es zu
erwerben. Insofern war die Zeit über die Religionsparabel
hinausgeschritten und hatte sie absorbiert. Das galt, bevor der
eliminatorische Zug erneut ans Licht trat – nicht gegen
irgendeinen, sondern just einen der Gegner, von deren
Unüberwindlichkeit die Parabel einst ausging. Die Quellen der
Religion erschöpfen sich nicht in Ressourcen, die der Wüstensand
birgt oder das Polareis. Die ganze sorgfältig beachtete Trennung
von Religion und Politik fällt dahin, sobald sich das religiöse
Gemüt beleidigt oder herausgefordert oder entehrt fühlt – von was
auch immer. Plötzlich entsteht an ihrer Stelle eine Grenze, über
die viele, legal und illegal, hierhin und dahin wechseln, ein
täglicher Strom, der sich vom nächtlichen in mancherlei Hinsichten
unterscheidet. Wer glaubt, das ließe sich, einmal in Gang gekommen,
auf eine religiöse Richtung oder das, was man, biologisch versiert
wie eh und je, ›Auswüchse‹ nennt, beschränken – was glaubt denn
der? Das liberale System geht, stolpert, ringt sich neuen
historischen Kompromissen entgegen. Wie sie aussehen werden und wer
sie, nach welchen Kämpfen, aushandeln wird? Das weiß keiner.
RISIKO EUROPA

Wer die Vereinigten Staaten von Europa wünscht, wer sie gern herbeihandeln möchte und, wer weiß, durch sein Handeln tatsächlich hier und da befördert, der muss sich auch fragen, wie dieses Europa, sollte es einmal die Welt bereichern, in ihr zu handeln gedächte. Wenn die Ratio seiner bisherigen Existenz das Nichthandeln ist, das Auseinanderbrechen der Interessen und Strategien an bestimmten neuralgischen Punkten, und wenn dieses Nichthandeln den ewigen Stein des Anstoßes bildet, dann muss sich das neue Handeln gerade um diese Punkte herum bilden. Besitzt Europa dann neue Interessen, von denen das heutige nichts weiß? Wird es vorsätzlich die Quellen der historischen Erfahrung verstopfen, aus denen seine nationalen Strategien sich speisen? Oder wird sich das jeweils stärkste strategische Moment durchsetzen, machtvoll gesteigert durch die Möglichkeiten, die der neue Staat dann bereitstellt? Wäre dieses Europa also nur das Vergrößerungsglas der heute im ›Ernstfall‹ entscheidenden nationalen Laster, zum Schrecken seiner Bewohner und vielleicht seiner ›Partner‹? Es bliebe ja nicht beim Anblick. Alles wäre wirklich und kein zu erwartendes Desaster hielte sich in den Grenzen der Zweitklassigkeit. Andererseits ließe sich manche Schwäche durch Stärke decken und schlüge daher nicht so durch, was immer das heißen mag.
Eine Ordnungsmacht zuviel – diese Formel für neues Unglück und neue Weltkatastrophen möchte man gar nicht anfassen. Man bekommt sie auch nicht weg. Die heutige Welt ist zu sehr auf die strategische Schwäche Europas gebaut, als dass jener künftige Zustand verlässlich oder nur ›vernünftig‹ zu kalkulieren wäre. Ihn anzustreben enthält also ein Risiko, das eingegangen werden muss, wenn man weiter kommen will. Und weiter kommen – darum geht es doch, oder?
RISIKOGESELLSCHAFT
Wenn das Risiko zu groß geworden ist, geht es petzen. Es weiß, was
es damit in Gang setzt, aber es kann nicht anders: darin liegt
seine Größe. Sollen die Helfer doch anrücken! Schließlich liegt der
Sinn des Risikos darin, sich die Reserven der anderen zuzuführen –
wo liegt das Risiko? Seine Größe liegt in der Kleinheit, im
Rhythmus, nach dem es sich aufbläht und zusammenzieht. Um das
riskante Leben zieht sich das andere zusammen wie eine Gummihaut,
weil alle die Streuwirkung fürchten, die eintritt, sobald es
platzt. So ruht es sicher wie in Abrahams Schoß, während es
voranstürmt. Mögen die Spießer noch in Jahrzehnten bezahlen, was
hier geschieht: Dieser Rausch war echt.
ROLLENPOOL
Die Rollengesellschaft hat es, immerhin, fertig gebracht, das
Theater zu musealisieren. Dasselbe gilt in verschärfter Form für
die Oper; dass der Mensch vor dem Schicksal singt, macht ihn
unvermittelt zum Scheusal und
nervt – die Athleten des Wohlklangs
besitzen, frei nach Hölderlin, ein Organ zuviel vielleicht. Das
Proben der Alltagsrollen ist schwer genug und die meisten kommen
kaum darüber hinaus. Das Stück ist aus, wenn das Leben beginnt. Es
sagt ihnen aber keiner und sie schauspielern weiter. »Was sucht
ihr?« könnte man fragen, doch man weiß die Antworten bereits. Sie
klauben Brocken herumfliegender Rollen vom Boden und bewerfen jeden
damit, der ihnen ›blöd kommt‹. Es könnten auch Nüsse sein, das wäre
verständlicher. Das kleine Fernsehspiel hilft da weiter, Abend für
Abend, Genre für Genre. An dieser Krücke gehen sie alle. Nehmt das
gute Stück aus der Gesellschaft der Freien und der Bewussten heraus
und sie kriecht euch auf allen Vieren. Das wissen alle und alle
verstecken es. – Dass einmal die Lichter ausgehen könnten, diese
Obsession des Industriezeitalters schürt die panische Revolte gegen
das Selbst, von dem, gebieterisch oder nicht, die Aufforderung
ausgeht,
es zu tun statt
darauf zu warten, was immer es sein mag. Nein, meine Damen und
Herren, Dasein heißt
keine
Rolle spielen, die Rolle ist ein einfaches Reflexionsmedium, man
zerstört es, wenn man die Distanz zum Leben beseitigt, wenn man die
Distanz im Leben beseitigt, weil man beiderseits des Vorhangs oder
der Mattscheibe ›nur‹ leben will. ›Zeigen, wie man Konflikte löst
oder an ihnen zu Grunde geht‹, diese stereotype Beschreibung einer
Praxis, die den Konflikt schürt, ohne an ihm zugrunde zu gehen,
setzt Deutungshoheit – man will auch den Letzten erreichen, um ihm
zu zeigen, wo’s langgeht. Der kleine Zusatz fehlt in den
Selbstbeschreibungen der Macher. Er ist aber wesentlich. So rennen
sie alle, innerlich oder äußerlich oder innen wie außen, nur der
kleine Traber läuft Gefahr, unter die Räder zu kommen.
Dieser Mensch also, einer unter vielen, die
ich ebenso wenig kenne wie ihn, will mir zeigen, wo es langgeht:
Ich nehme die Drohung ernst.
ROTE HITZE

Alles was recht ist – warum stockt die Rede? Warum schon hier? Von den Intellektuellen ist geblieben, was immer ihr fragwürdigster Teil war: die Nähe zur Macht und die Nähe zum Verbrechen, vorausgesetzt, die Gesinnung stimmt. Unter allen Verbrechensmotiven ist ›aus Gesinnung‹ das rätselhafteste geblieben: kriecht es denn aus ihr hervor, um sich wie eine Krake auf das Opfer zu stürzen, das nicht weiß, wie ihm geschieht? Oder ist Gesinnung nichts weiter als eine Handfeuerwaffe, auf den Nächsten gerichtet, weil er der Nächste ist, also näher dran als andere? Aber dieser Nächste ist selbst ein Konzept und nicht einfach der Nächstbeste, der dir über den Weg läuft, es sei denn, du läufst gerade Amok oder leidest unter zeitweiliger Amnesie oder Begriffsverwirrung oder bist überhaupt verwirrt. Doch selbst Verwirrte sieben ihre Opfer umsichtig aus der Menge, bevor sie draufhalten. Gemordet wird immer. Auch regiert wird immer. Was liegt näher als die Verbindung von Macht und Blut? Es sind dumpfe Phantasien, die sich hier ausleben, ein System, das zwischen Macht und Verbrechen eine halbwegs reinliche Scheidung versucht, bringt sie alle gegen sich auf. »Man kann nichts machen, Tod den Schweinen.« Das ist, als Filmparole, die ewige Rache der Erhitzten an Dostojewski, dem sie nicht verzeihen, dass er hartnäckig die ermordete Pfandleiherin zeigt: weiß er nicht, dass der Minister gemeint war? Zumindest der Polizeiminister oder der Vernehmungsbeamte oder der Zellenaufseher oder, wer weiß, der Schriftsteller,
der das alles weiß. Sie morden Dostojewski, sie kennen ihn längst nicht mehr, aber sie morden weiter, in sämtlichen Videoformaten, mit denen Gehirne sich fluten lassen.
RÜCKSENDUNGSZAUBER

Nicht die Ankunft aller abgesandten Gegenstände, ob mit Gnade oder
Güte oder Blindheit des barbarischen Wissens erfüllt, bleibt im
Sinne des Gottes glücklich im Geiste ihrer Empfänger bestehen.
Andere Durchkreuzungen, die objektiv unbekannt sind, fahren
unentwegt in das gewünschte Glück jener Ankunft und stricken darin
wie die Spinnen ihre Abwandlungen, so als verwandle sich eine
Landkarte in eine Irrkarte und die Flüsse, Gebirgszüge, Straßen und
Städte glichen darin Naturerinnerungen von Gedanken und
Behauptungen, ja wechselten nach der Macht einer anderen Kunst,
einer unentwegt neueren Kunst als der augenblicklichen, ihre
Plätze. Daher Erstaunen, Streit, Hass und Kriege, aber auch lange
Wanderungen des Denkens in grüner Finsternis der Urmutter der
Wälder. Die Verwirrung des Wandels der Wirklichkeit ist der Grund
der Gewaltsamkeit unter den wilden Tieren, denn unter ihnen wird
zeitlich versetzter geblickt als bei uns, und wer etwas Fettes am
Morgen im Waldland erspäht hat, weiß nicht, was gestern bereits
wider die Mahlzeit gestiftet wurde.
Augenblicklichkeit ist die luftig leichte Grundierung eines ewigen
Wechsels auf allen Dingen. Schillernd wie Gift glänzt die
Gewissheit auf allen Blättern. Übrigens erzeugt ein Urverhalten aus
dem Geist grundsätzlicher Unkenntnis des fremden Ursprungs alles
Seyenden außerhalb unserer selbst die großen und kleinen
Verirrungen, die Gesetze und Konstitutionen des Staates als
Ackerboden vermeintlicher Wirklichkeit. Man zähle die Sklaven, ruft
der Gnostiker Homomaris, sie bestimmen die Erstarrung der Barbarei
nach den ausgestreuten Samen der Hoffnung. Selig das Vertrauen,
fährt er fort, auf den Zerfall eines
Augenblicks. Oh, wer den Augenblick
kennt und den Stoff seiner Siege, der findet in Höhlen am Waldrand
das Zauberlicht der unterirdischen Sonne der freigeborenen Bären
und Eremiten. Ein immerwährender Wandel des Weltgeistes spottet dem
Stoff der Dinge, verletzt und beackert den Geist des Betrachters
mit der Pflugschar gemalter Stiere und stiftet die Ehrenschöpfung
der Landschaftsmalerei und der Stillebenkunst an jedem beliebigen
Ort.
In der Geschichte der Blicke, der
historia coruscationum, haben die
Dinge so häufig gewechselt, wie Blicke sie getroffen haben oder wie
die in Einzelne zerfallende Menge aller gelebten und lebenden
Menschen, die je, der Verpflichtung der Blicke folgend,
Gewissheiten verfallen sind, die nichts als Erbschaften anderer
Blicke waren. Und so ergibt sich vielleicht, dass der Mensch als
Einzelner selbst eine Rücksendung ist. - PM
RÜHRT EUCH!

Man schlägt die Frauen ans Kreuz der Quote und ruft: »Rührt euch!« Und siehe, sie rühren sich, jede auf ihre Weise, und es ist rührend anzuschauen. Manche wird mit ihren Problemen vor der Zeit fertig und blickt wie aus einem Heiligenbildchen auf den Alltag herunter, als wollte sie sagen: »Da, seht ihr?« Nein, sie lächelt nicht, vielleicht fröstelt sie, aber sie ist gut gebettet und hütet sich vor Geständnissen. Wie die Quotenfrau sich vor Geständnissen hütet, so hütet sich die im Bann der Quote stehende Frau davor, Geständnisse überzubewerten. Wer etwas zu gestehen hat, dem geht es gut. Was gibt es da zu gestehen? Die im Bann der Quote stehende Frau blickt auf die Quotenfrau mit einer Mischung aus Mitleid, Verachtung und Verständnis: Wer wäre nicht schwach geworden an ihrer Stelle? Warum jetzt so hart? Muss Schwäche geahndet werden? Vielleicht, ja, es wird schon so sein, aber: die geahndete, in Härte verwandelte Schwäche bleibt eine, hinter der man die Schwäche ahnt. Die Unerbittlichkeiten der Sprache sind niemals grundlos.
Cherchez la femme! So nimmt sich die Komödie der Quotenfrau an wie früher der Heiligen oder derer, sie sich zu früh dahin auf den Weg gemacht haben. Sie ist die Beste, die wir bekommen konnten, nun muss sie unsere Beste werden, damit alle etwas von ihr haben. Vor allem sie selbst, denn, Hand aufs Herz: Was hat sie davon? Was, zum Teufel, hat sie davon? Nun, sie ist auf und davon, denn sie hat diese Möglichkeiten, von denen andere träumen, und Träume kann sie sich nicht leisten. Das ist eine seltsame Phrase für eine Frau, die alles erreicht hat, im Leben und anderswo: sie kann sich Träume nicht leisten. Will sie es denn? Wenn die Träume abgeräumt sind, steht der Kitsch in der Tür und schwenkt sein
Willkommen!
RUHM
Ausgebreitet als zweifarbiger Pfannkuchen, vorne in Wellen und
rosig vom Backofen, hinten so blau wie das ewige Meer, legt sich
der Ruhm zum Genuß der Eitelkeit über den Magen des Herzens. Hat es
denn nicht schon die Knie des Herzens gegeben? Der Hintergrund
prangt in der Röte des Abends. Zweibeinige Rosen decken den Tisch
und gebärden sich in gefälliger Rührung vor den Furchen und Falten
all derer, die ihren Ruhm durch Frechheit und dreiste Reden erlangt
haben. Die greisen Berühmtheiten stehen vor den verstaubten,
noch einmal ans Licht gezerrten Tischen der Folterwerkzeuge und
betrachten mit Tränen in den Augen all die Gummizangen ihrer
politisch gefärbten Leiden, die weichen Streckbretter mit
künstlichen Foltergewichten, deren Polster sie einstmals selber
entworfen haben.
Unablässig schleppen sie ihre Kränze an zeitgenössische Denkmäler
und ordnen besorgt die Schleifen. Sie haben gehört, die Moderne
gehe zu Ende.
Mit dauerentrüsteten Mienen, hier und da noch Spuren von
Geifer an den geübten Lippen, geben sie zu erkennen, dass sie
unruhig geworden sind im Spiel ihres ruhmvollen Sykophantentums.
Sie wissen augenzwinkernd, dass sie zwischen den Gummibändern
ihrer Gemeinsamkeit niemals wirklich verlassen, niemals
wirklich verjagt und niemals wirklich einsam gewesen sind. Zur
Einsamkeit fehlte ihnen das wahre Talent und die ehrlichen Werke.
Alle haben sie unter dem dauernden Sturm durch die offenen Türen
der Zeit, wie betrunkene Lanzknechte, das Gleiche gesungen, bis
alle das Gleiche erlebt, gehört und gesehen hatten.
Nun blickt man erstaunt auf eine boshafte Jugend, die frech
widerspricht, deren Väter aber zugleich ein ganzes Regime
gewaltsamer Schwachköpfe beiseite geschafft haben. Von der
Nicolaikirche niemals ein ernsthaftes Wort. Für die klugen
Verzögerer sind das ›drüben‹ bloß schlechte Jagdhunde, die schon
einmal die Beute gefressen haben. Für höfliches Apportieren und
Herrschaftstreue auf immer verloren. Das macht die Schlauberger so
empfindlich. Wieviele mögen es sein, fragen sie sich bei Tag und
bei Nacht, und das, obwohl kaum jemand, der halbwegs bei Verstand
ist, die Fenster aufmacht, wenn da draußen trotzig die alten Lieder
geflüstert werden. Aber wohin will die abgelaufene Zeit? Nach
Europa natürlich, in die Erlösung aller, was immer das sein mag,
und zuletzt in den Klimaschutz, denn wer als abgestorbener Demiurg
die Welt nicht verlassen kann, will sie wenigstens
halbwissenschaftlich kaputt gemacht haben. Das ist das tiefste
Motiv der Gegenschöpfung, denn bei uns ist alles von Gestern,
besonders die Zukunft.
Die Asservatenkammern sind täglich geöffnet, der alte Krieg wird
täglich beschworen, der alte Frieden täglich gestiftet. Aber die
Ruhmbegierigkeit ahnt, dass, wenn sie nicht gleich dem Hautgout
eines Hasenrückens den Totenduft hat und immerwährende Reue
verbreitet, die Gegenwart von ihr nicht mehr bewegt werden kann.
Für immer läßt sich der Dämon der Zeit, der Zeit mit Zukunft, nicht
verdrängen, er kann aus ruhmreichen Kränzen Fallstricke
machen.
Dann werden die ersten Propheten wie zu den Zeiten Konstantins
auftreten und sie brauchten diesmal bloß Guten Morgen zu
sagen, das wäre bereits im Lande des alten Ruhms ein so neues
Signal, dass es wildes Erstaunen erwecken könnte. - PM
RUMOR
Es rumort in der
Kunst,
die Seismographen sagen Beben voraus, gegen die gehalten die
Vergangenheit nur Idyllen enthält, aber das tun sie immer. Dieser
Rumor, mit Verlaub sei es gesagt, ist nichts als... nichts als...
natürlich, nichts als dieses
nichts als, an dem sich jede Kohorte
die Zähne ausbricht, ein Auf-ein-Neues, das, äußerst selten
eingelöst, alsbald zum
Alles
andere als übergeht, vom Frühstück zur Vesper, man sitzt
schließlich nicht immer so beisammen und noch ist Sommerzeit, auch
wenn die Abende kühler werden. Jeder Klamauk ist genehm, sofern es
darum geht, den Abschied hinauszuzögern, da habt ihr euren Rumor.
Aber warum Abschied? Das wüsste einer zu sagen, den ihr mit
Aufträgen dahin und dorthin geschickt habt, damit er nicht an euren
Tischen Platz nehmen konnte. Diese Aufträge, an sich unbedeutend
und nicht der Rede wert, haben ihn an Orte gebracht, die ihr kaum
vom Hörensagen kennt, und nun weiß er manches. Aber ihr hört ja, es
hat nichts zu bedeuten, und ihr habt euren Rumor – feiert also
ruhig weiter in die Nacht hinein, jemand wird den Müll schon
beseitigen.
SAKOSSI

Wir haben diesen Fall nicht übersehen, es fällt uns nur noch nichts dazu ein. Der geneigte Leser, die geneigte Leserin wappne sich daher mit Geduld. Der Artikel wird kommen und Sie werden staunen über soviel Eleganz, soviel Beredsamkeit, soviel Aufrichtigkeit und Leidenschaft auf Feldern, wo man dergleichen vor der Hand nicht vermutet. Ein Glück, dass man auch hinter der Hand leben kann – und gar nicht schlecht. Manche leben besser hinter der Hand als davor und dies nicht nur, weil sich ein Gähnen dort leicht unterdrücken lässt. Die leichte Unterdrückung ist vielleicht eine Spezialität des Hinter-der-Hand-Lebens und ‑Regierens. Vor allem das Denken bleibt abgeschattet, während die Geste in herrischer Pracht nach vorn tritt. Die gute! Wir sahen sie gestern, wir sehen sie heute, wir sehen sie schon im Futur und würden gern selbst hinter die Hand flüchten, wäre, ach wäre der Artikel bereits geschrieben, der dies alles möglich machte. Und wäre es ein Artikel zuviel, der eine, der das Artikelfass zum Überlaufen brächte, aber daran will keiner denken. Warum auch? Zum Denken braucht es Philosophen, wohl dem, der sie im Überfluss hat, so dass er im Ernstfall davon abgeben kann.
SAKOSSI-LINIE
Südlich der Sakossi-Linie ist alles erlaubt. So flüstert man im
Yagir hinter vorgehaltener Hand, der große
Sakossi selbst habe einmal angeordnet, die dort vermuteten Reichtümer... – es flüstert sich gut in einem freien Land. Im Yagir lässt sich gut in allen Lautstärken flüstern, da niemand zuhört, der das Gehörte weiterträgt. Jedenfalls nach offizieller Lesart, die nicht verhindert, dass Aufzeichnungen jeglicher Art sich in den Medien wiederfinden, ohne dass geklärt werden könnte, wie so etwas möglich ist. Den Informanten, sollten sie jemals vor Gericht erscheinen, drohen furchtbare Strafen. Sollten sie? Das ist die Frage und sie harrt der Beantwortung. Was die erwähnte Sakossi-Linie angeht, so existieren keine Karten, aus denen man ihren Verlauf entnehmen könnte, selbstverständlich nicht, da es sie offiziell nicht gibt. Nachweisen lässt sie sich nur anhand gefühlter Überschreitungen, z.B. wenn die Landespresse einen mit Pomp empfangenen Staatsgast als Potentaten oder Schurken bezeichnet und müde Witze über ihn reißt. Insofern läuft die Linie mitten durch den Regierungspalast hindurch. Altgediente Yagir-Experten nähme es nicht wunder, beiderseits auf unterschiedliches Personal zu stoßen, schöbe der allzeit heikle Rechnungshof dem keinen Riegel vor. Das breitere Publikum nimmt die Linie erst in der Ferne wahr, dort, wo Jagdgeschwader die Schallmauer zu durchbrechen pflegen und immer wieder Mörtel und größere Brocken Gesteins auf die Häupter durchbruchwilliger Möchtegern-Einwanderer herunterstürzen. Das hat, wie manches andere, nichts zu bedeuten. Generell könnte das Gros der Kommentatoren gut damit leben, ließe sich die Sakossi-Linie als Grenzlinie zwischen Bedeutung und Nichtbedeutung vermitteln. Ungereimt wäre das nicht, da alles, was südlich von ihr geschieht, nicht die Bedeutung besitzt, die ihm im Norden zweifellos zukäme. Dem Süden Bedeutung absprechen, darin besteht weitgehend seine Bedeutung, jedenfalls im Norden. Die Sakossi-Linie drückt aus, was die Menschen denken, wenn sie etwas für undenkbar erklären. Jedem seine kleine Sakossi-Linie, das war Teil eines Sozialprogramms, das dann wegen größerer Verpflichtungen zurückgestellt wurde. Mancher Yagirit betrachtet nachdenklich seinen Bauchumfang und fragt sich, was wohl wäre, wenn die progressiven Kräfte sich durchgesetzt hätten.
SAKRALITÄT
Es ist nicht nötig, den Begriff des Heiligen in die
Kunst hineinzutragen: bemerkenswert
sind eher die Versuche, ihn aus ihrer Beschreibung zu entfernen.
Sie sind es nicht, weil sie so überaus gelungen wirken oder ein
Hauch von Unabdinglichkeit sie umwittert, eher aufgrund ihrer
nachhaltigen Unbedarftheit in Verbindung mit einer gewissen
Persistenz und – sagen wir es ruhig – Penetranz. Der Kultus soll
nicht das letzte Wort in Fragen der Kultur besitzen, so nicht und
jetzt nicht. Vor allem so nicht: die rituelle Reinigung einer
Fläche, die Herstellung eines Bezirks, der anders ist und in dem
andere Gesetze, vielleicht überhaupt Gesetze und nicht bloß
Notwendigkeiten den Verkehr regeln, die Verlangsamung und
Ausdünnung des Verkehrs selbst an solchen Orten, die Reduktion des
Umgangs an solchen Orten auf ein paar Gesten und Worte, die damit
einhergehende Kanonisierung von Worten und Blickrichtungen, ihre
sachte, durch Einführungsriten verstärkte und normierte Verwandlung
in seelische Intensitäten, in Gefühlsqualitäten und schließlich in
Gesehenes, das heißt in
etwas, das gleichermaßen am Anfangs- und am Endpunkt einer Bewegung
steht, die doch als unaufhörlich gedacht ist und also wiederkehren
muss wie die Speiche eines Rades: immer und immer wieder, in einer
Zeit, die eigens zur Wiederholung genötigt wird, kalendarisch, mit
Hilfe der Schrift und des Zeichens, das jemand setzt und das jetzt
auf immerdar korrespondiert – das ist zwar anlässlich eines jeden
Museumsbesuches zu besichtigen, aber es soll nicht sein, es soll
nicht sein. Warum? Weil in der Negation die Kraft des Bewahrens
steckt, die durch keinen Glauben an die künstlerische Sendung
gedeckt wird. Destruieren wir ein bisschen, weil es so schön ist
und den Zauber erneuert, der ohnehin die Sprache verschlägt. Ein
Dummkopf, wer sich dabei etwas denkt. Soll er doch wegbleiben,
solange der Weizen blüht.
SANKT LUHMANN

Man hat aus dem Ahnherrn der Systemtheorie einen Heiligen gemacht,
zu Recht, denn die Anzeichen einer nichtalltäglichen Gestörtheit
geistern durch die Seiten seines, wie alles Große, unabschließbaren
Projekts. Man sieht, wie der von der Verwaltung eingesetzte
Sparkommissar seinen Plan ausarbeitet, wie er durch die Abteilungen
eilt, um ihn umzusetzen, wie er hier Erfahrungen sammelt, die er
dort anwenden kann, wie er sich kurz über die Eigenheiten des
jeweiligen Gebiets belehren lässt, um alsbald den Stift in die Hand
zu nehmen und das neue System mit ein paar Strichen den
Gegebenheiten anzupassen, man verfolgt die Schulungen des
Personals, sieht die notwendigen Freisetzungen und die gewonnene
Freizeit der Fachkräfte, die von sich aus nie geglaubt hätten, dass
man beim Einkauf der Problemlösungen so zusammenlegen und die
Preise drücken könnte. Schließlich entdeckt man die jungen Leute,
die mit dem System groß werden und es für ›ganz normal‹ halten,
denen die hier und da sich hartnäckig haltenden Widerstände schier
unbegreiflich vorkommen. Ihre sommerlichen Flüge sind früh gebucht
und im Herbst legen sie Ergebnisse vor, die sich sehen lassen
können. Man könnte sie in der Handysparte einsetzen, die nach wie
vor Ärger bereitet.
SATURNISCHE BIBLIOTHEK
»Ach,
Homomaris«,
seufzt die kleine stille Frau mit dem um die Schultern gelegten
Kätzchen, und es klingt wie eine Erinnerung. Das Gegenteil ist der
Fall, sie ist Wahrsagerin und weissagt die Zukunft. Neben ihr hängt
ein Bild mit einem kleinen gelben Fleck darauf, man kann nicht
unterscheiden, ob er zum Bild oder zur Unterlage gehört oder zu
beidem, das Bild ist blau, fast monochrom, mit einem
Schuss
Lila, das die Wange
des stillen Gottes färbt. Über seine Stirn wächst ein Gezweig, es
könnte fast Lorbeer sein, doch das hier ist Saturn, der Gott der
Bücher, und die Blätter sind einzeln auf der Stirn befestigt, wie
Pailletten oder Paillons, das wäre nur so ein Vergleich. Direkt
neben seinen mächtigen Brüsten und Flügeln ohne Zahl wird es
wirklich, da wachsen die Homunculi in Reih und Glied aus den
Regalen. Ein Mann, der zu ihnen emporblickte, verwandelte sich
augenblicklich in eine Statue des heiligen Christophorus, bestimmt,
sie über die Alpen zu tragen, doch ein loses Gewirr von
Körperteilen, von Armen und Beinen und Krügen bremst seinen
Schritt. Es hätte auch keinen Zweck, armlos, wie er sich darstellt,
trüge er nichts außer sich selbst. Auch das wäre unter Umständen
des Guten zuviel.
SAUM, SÄUME

Die Säume, liebe Kinder, die Säume, wer säumt denn da? An Rändern
gehen, an Rändern stehen, in Abgründe glotzen, den Kitzel erfahren,
das Kind mit dem Bade ausschütten, rasche, scharfe Entscheidungen
treffen, am laufenden Band, sich abnabeln und an die Speichen des
großen Rades fesseln lassen, das ist doch was. Herrgott, dagegen
kann man nicht an, das liegt, wie es liegt und kommt heraus, wie es
will. Das Durchfahren ist eine Sache, das Aus-der-Haut-Fahren eine
andere, doch am Horizont, da verschmelzen sie, da kommt zusammen,
was immer zusammen gemeint war. »Fahr nicht durch«, hörte man in
seiner Jugend öfters, eine bittende, leicht genervte Stimme mischt
sich ins Erinnern, ein Zagen, eine Ängstlichkeit, die den Kitzel
steigert, je nach Belieben. Ja warum denn nicht! Diese Öffnung,
gerade diese, die sich hier auftut, da musst du durch, alles andere
gilt nicht, es kostet nur Zeit und ließe dich säumig werden, wer
wollte das schon. Säumig sein, trödeln, die Stelle verpassen – ach
du Schreck. Dass man den Schrecken duzt, hat viel damit zu tun,
dass er so vertraut ist, weil man ihn nie versäumt, weil er
subkutan mitreist und die Druckstellen bestimmt, die Orte
gesteigerter Unruhe, an denen – auf der Stelle – gehandelt werden
muss. Der Schreck geht immer an Säume, in ihm erneuern sie sich
inständig, man könnte fast sagen, dass sie ihm erblühten, empfände
man dieses Bild an dieser Stelle nicht als ausgesprochen
lächerlich, obwohl es sich, beim zweiten Hinsehen, beinahe
rechtfertigt: Säume sind der Blütenbesatz des Daseins, seine
schnelle Abbreviatur, in der es sich zur Anschauung bequemt – für
wen? Für den Zeitsinn, wen denn sonst.
SCHATTENFORSCHUNG
Den Gedanken oder bessser die alle Sammler verfolgende Ahnung, es
gebe tatsächlich eine theosophische Schrift mit dem Titel
Schattenforschungen, darf
man nicht mit der viel bekannteren Vermutung verwechseln, man könne
das kostbare Original als Nachdruck ganz billig in der zweiten
Ausgabe der
Meteorologischen
Hefte von 1911 im Hamburger Wetter-Verlag finden, denn hier
stehen tatsächlich nur einige dürftige Auskünfte über den
Zauberregen auf tropischen Inseln. Sie sollten nach Maßgabe
erfahrener Missionare gestrandeten Seeleuten beider Weltkriege als
Trinkwasser fördernde Selbsthilfe dienen. Man bekam Anweisungen,
wie man in Trockenzeiten mit Hilfe von Taschenlampen oder
Revolverschüssen wilde Völkerschaften beeindrucken konnte, den
echten Regenzauber zu üben, an den übrigens kaum jemand ernsthaft
geglaubt haben wird. Eher sollten wohl die oft feindseligen
Eingeborenen beeindruckt und die durstigen Matrosen abgelenkt
werden.
Anders dagegen das Original von 1870, das seltsamerweise während
der wüsten Zeiten sprachlicher Verwilderung in Arabien unter der
französischen Kolonialherrschaft als Streitschrift in deutschen
Landen unter der Hand verbreitet wurde. Ein stark protestantisch
gefärbter preußischer Kleinverlag in Cottbus gab unter dem Titel
Das deutsche Zimmer
»Forschungsergebnisse« über »Bedrohungen des Himmels
als
Antworten auf die
Sprachnotstände in aller Welt« heraus, eine Schrift, deren
Verfasser sich auf die Untersuchungen zweier Wiener Forscher
stützte, Max von Englschall und Peter Haliman. Die beiden hatten
erklärt, unnatürliche Schatten entgegen allen Gesetzen des
Sonnenlichtes zunächst in Bibliotheken und später auch an anderen
Orten entdeckt zu haben. Trotz mancherlei Schwierigkeiten auf Grund
unterschiedlicher Auffassungen darüber, was Sonnenlicht außer in
der Landwirtschaft zu bedeuten habe, war man sich rasch darin
einig, dass eine Heimsuchung ganz besonderer Art bevorstünde, eine
Art Geisteskrankheit, die eines Tages weltweit durch sprachliches
Versagen babylonisches Unheil anrichten könnte. Dies sollte nach
Englschalls Enkel Joseph zwar anfänglich nur für den vorderen
Orient und dessen französische Besatzung gelten, doch wurde es
irgendwann als rein deutsches Phänomen betrachtet.
Die immer häufiger ausschließlich in Österreich und Preußen
auftauchende und schließlich mit den soeben entdeckten
Lichtmesssprüngen der Firma Siemens versuchsweise vermessene
Schattenschlange lenkte den Blick sehr bald auf die antideutschen
Stimmungen in Europa und den allgemeinen militärischen
Patriotismus. Man begann sich mit Dostojewskis sozialem Christentum
zu beschäftigen, um dem erwarteten heiligen Russland rechtzeitig
und gut protestantisch den Rang abzulaufen. Nach dem Vorbild des
Idioten tauchte in diesem
Zusammenhang der Name »Das törichte Reich« für Deutschland das
erste Mal auf. Man konnte unmöglich übersehen, dass sich das
seltsame Phänomen unmittelbar nach der Kaiserkrönung im Spiegelsaal
von Versailles – es ging da um wenige Stunden – zuerst am Rhein bei
Strassburg einem evangelischen Pfarrer geoffenbart hatte. Dieser
einst als Student mit Max von Englschall befreundete Mann namens
Eberhard Anton Tänzler begab sich sofort zu seinem alten Freund und
Geologen nach Wien und die Sache nahm ihren Lauf. In
Österreich und Preußen konnte eine kleine Anzahl somnambuler
Ästheten die Schlange in mehreren Fällen über kurze Strecken von
maximal hundert Metern verfolgen. Dergleichen ereignete sich in
Graukauding bei Wien ebenso wie in Berstenrode bei Cottbus. Durch
Vorgärten und Parkanlagen, übrigens alle Symbole des Christentums,
Wegekreuze, kleine Kapellen, Friedhöfe sorgfältig vermeidend,
schlich sich der wolkige Körper bis nach Berlin und das mit
bedeutenden Folgen.
Sein letzter Aufenthalt im Berliner Schloss führte alsdann sehr
rasch, am 9. November 1871, zu der bis heute geheimnisvoll
gebliebenen Aufnahme Jesu Christi, unter dem Namen Michael
Menschensohn, in das »Törichte Reich«. Es waren die Anhänger der
nun ebenfalls als Spracherlösungsgesellschaft auftretenden Dichter
des Deutschen Zimmers und dessen überaus vornehmes Direktorium, die
sich zu diesem Akt des Geistes entschlossen hatten. Neben den
Dichtern bestand es aus einigen Prinzen und Fürsten des deutschen
Hochadels beider Konfessionen. Kein Name ist überliefert. Der Ort
der Aufnahme war Frankfurt. Erst neuerdings ist ein
»National-surreales Reichsschutzblatt« mit handschriftlichen
Hinweisen auf dieses Ereignis auf einer englischen Auktion in
Lahore aufgetaucht und als Kuriosität von einem Holländer
ersteigert worden. - PM
SCHEINBEDINGUNG

»Ich habe mehr gesehen als Sie«, sagt die Frau des ermordeten Bankiers zu den Polizisten, die sie daran hindern wollen, an den Unglücksort vorzudringen, »lassen Sie mich durch!« Ein bemerkenswerter Satz aus dem Mund einer bemerkenswerten Frau. Da meldet sich die Kriegsgeneration zu Wort, der nichts Unmenschliches und daher nichts Menschliches fremd ist. Erfahrungen, die der Folge-Generation radikal fremd sind, während sie eifrig die dazugehörigen Bilder konsumiert, verwandeln sich in uneinholbare Vorsprünge, die niemand gelten lässt, auch nicht den Sicherheitsbeamten vor Ort, der sich an seine Anweisungen hält. Vom Nicht-Gelten-Lassen zum Nicht-Haben-Wollen ist nur ein Katzensprung – und ebenso vom Nicht-Haben-Wollen der Erfahrungen zu dem ihrer Träger. Auch diese Katze ist gesprungen, nachdem sie lange geschnurrt hat. Schlimme Erfahrungen werden beiseite gebracht oder einbetoniert wie der Unglücks-Reaktor von Tschernobyl, der strahlt und strahlt. Das Trauma – oder was man so nennt – ist die Gesellschaft und der von ihr ausgehende Druck, sich an nichts zu erinnern, es sei denn, man bekommt den bezahlten Helfer gestellt. Wird das Erinnern erst zum Geschäft, dann erinnern sich diejenigen, die nichts zu erinnern haben, am besten. Ihr Vorsprung heißt: Professionalität. Die anderen, von Zeitgenossen zu Zeitzeugen degradiert,
versuchen sich zu erinnern. In diesem ›versuchen‹ steckt ihr Dilemma und, genau gesehen, ihr ganzes Elend. Die Versuchung ist groß und der Versucher nah. Dennoch: es kommt immer etwas heraus.
SCHEINFRASS

Unter dem Scheinfraß leiden die Marder am meisten. Scheinbar kommt
er ihnen entgegen, aber sie verstehen nicht immer, ihm rechtzeitig
auszuweichen und stürzen sich mit einer kindischen Vehemenz auf
das, wofür sie ihn halten, die ihnen auch sonst eigen ist. Er taugt
aber nicht, weder für sie noch für andere. Läge es in der Natur des
Scheinfraßes, für das zu gelten, als was er taugt, dann wäre
bereits die Hälfte des Problems für immer gelöst. So jedoch, unter
hundert Varianten verborgen, die ihn alle nicht hergeben, lockt er
mit einer Süße, die einer alten Bonbonschachtel entnommen zu sein
scheint, aber durch Beimengungen giftiger Suada Schaden genommen
hat und nun jeglichen Biss vereitelt. Der junge Marder, der das
Phänomen noch nicht kennt, kann sich die plötzliche Hemmung nicht
erklären und weicht nicht mehr von der Stelle, sei es, dass er
irgendwann vor Entkräftung stirbt, sei es, dass ihn die Hunde der
Nachbarschaft aufstöbern und vertreiben, sei es, dass ihn die
Kinder kreischend entdecken und für den Rest seines kurzen Lebens
zum Gespött machen. Ältere Marder, die um die Gefahr wissen, können
gleichwohl nicht widerstehen. Sie begeben sich in das Debakel wie
andere ins Hochgebirge, ausgerüstet mit allen erdenklichen
Gerätschaften, mit Spezialnahrung versehen und zu Ausflüchten
aufgelegt, wenn sie jemand bei ihrem Tun überrascht und sie
spöttisch fragt, was sie da treiben. Weise Leute schütteln den Kopf
und bitten sie, sich zu bedenken, bekommen aber nur eine
Hochmutsgeste als Antwort; wer einmal dem Scheinfraß obliegt, ist
keiner Begütigung aufgeschlossen, er will es wissen. Oder auch
nicht. Denn, wie ein Sprichwort sagt: Wer den Schein roh frisst,
kann sich nichts dafür kaufen (cf.
Geldfresser).
SCHEINLEXIKON

Scheinlexika sind Scheinkanonen, die auf Scheingesinnungen zielen. Bei soviel Schein erwartet der Laie viel und wird selten enttäuscht. In der Regel übertreffen Scheinlexika Reallexika bei weitem an Süffisanz, Redlichkeit und Präzision. So wie der Mensch die Welt des Scheins der realen vorzieht, so würde er keinen Augenblick zögern, seine Informationen aus Scheinlexika zu beziehen, könnte er nur lesen. Daran hapert es. Der Mensch ist das Tier, das nicht lesen kann: erst diese Scheindefinition eröffnet einen zweifelsfreien Zugang zur Welt der Realia, in denen die Dummköpfe von Enttäuschung zu Enttäuschung stolpern, bevor sie im Suff enden oder im Altenheim. Der lesende Mensch isst zwar Tiere, aber er misst sich nicht an ihnen, insbesondere nicht in Fragen des Einkommens, des Sozialstatus und des Fressvolumens. Er freut sich ihrer, das ist wahr. Er würde sich auch der Menschen erfreuen, nagte in ihm nicht der Verdacht, sie könnten lesen, wenn sie es nur wollten. Sie wollen nicht lesen: soviel Unverstand raubt ihm den seinigen. Was soll man mit einem solchen Gesindel nur anfangen? Nun, der Ausweg steht bereit – man sperre sie in Lexika, die sie nie besuchen werden, jedenfalls nicht lesenderweise, so dass sie das Bild nicht verunklaren können, das kundige Artikelschreiber von ihnen entwerfen. So erfährt der wirkliche Leser aus Scheinlexika (und nirgendwo sonst), wie es in der Welt wirklich zugeht. Hat jemand weitere Fragen?
SCHEINVATER

Das Deutsche verzeichnet bekanntlich zwei Arten von Schein: (a) das
Papier, das amtliche Dokument, den Berechtigungsnachweis, (b) das
Unwesenhafte, Täuschende, Darübergebreitete, den Sinnentrug. Ein
Scheinvater ist daher entweder ein Vater auf dem Papier oder
jemand, der anderen oder sich selbst vorgaukelt, Vater zu sein. Man
sieht, beide Bedeutungen gehen zwar nicht auseinander hervor,
konvergieren jedoch auf eine dem Betroffenen selten konvenierende
Weise. Mit dem Vorgaukeln ist das so eine Sache, wer die Menschen
kennt, nähme in diesem Fall eher an, der Scheinvater selbst sei
hier jemand, dem etwas vorgegaukelt wird oder wurde. Entsprechend
wäre ein Scheinzahler jemand, der für eine Sache bezahlt, die es so
nicht gibt, ein Scheinbetrüger jemand, der betrogen wird und ein
Scheinschläger einer, der sich zusammenschlagen lässt. Allerdings
fehlt in diesen Fällen wohl meist der Feuereifer, der den
Scheinvater alles in allem auszeichnet, jedenfalls dann, wenn alles
nach Plan läuft. Ein Scheinvater gibt der Scheinmutter, die der
juristische Sprachgebrauch so nicht kennt, eine Fülle von
Möglichkeiten in die Hand, die alle dem Umstand entspringen, dass
in diesem Fall eine gewisse natürliche Befangenheit wegfällt und
das ganze Verhältnis ungeniert auf Druck und Zug, auf
Ausbeutung gestellt ist, auch wenn
dieses Wort nicht gebraucht wird. Der ausgebeutete Vater wird in
der Regel ein guter Vater sein, da er den Gedanken, ausgebeutet zu
werden, in sich selbst bekämpft. Er darf ihn nicht zulassen, obwohl
er einen Dauerplatz auf der Schwelle einnimmt und fröhlich winkt.
Man könnte, aufs Volkswohl gesehen, den Nachwuchsbetrieb komplett
auf Scheinväter umstellen. Leider lassen die Menschen sich zwar
gern betrügen, aber nur, wenn sie ›den Eindruck haben‹ – herrliche
Phrase! –, sie seien ein ganz besonderer Fall und es gebe kein auf
ihresgleichen gestütztes System. Arme Irre – sie wollen nicht
wahrhaben, dass sie in dieser Hinsicht immer zu spät kommen. In der
Männerwildnis gedeihen die Kinder mehr schlecht als recht, aber sie
gedeihen. So lässt man sie ruhig in ihrem Glauben. Mehr wollen sie
nicht, mehr können sie nicht. Ungekonnte Leben gibt es genug.
SCHERENSCHNEIDER
Manches ist im Eimer, was nur im Eimer erscheint. Irgendeinen Sex-Award wird jeder erringen, das wäre ja noch deprimierender, wenn hier nichts von der Anstrengung bliebe. Emma zum Beispiel... Wer ist Emma? Eine Sex-Postille der durchgestrichenen Art könnte zum Beispiel folgern, die Palme gebühre dem gegengeschlechtlichen Partner, der alles verweigert, also dem Nicht-Partner, dem berührungsfreien Paralleluniversum der freischwebenden Intelligenz. Letztere ist eine alte Phantasie von Leuten, die schwer unter ihrer Sexualität leiden und deshalb finden, sie gehörten nirgendwo hin. Die Postille zeigt ihnen den Weg, denn sie kennt ihn und ist ihn viele Male gegangen. Sie weiß, wie man Intelligenz bindet: mit der Schere. Mancher hat sie im Kopf, doch zwingend gehört sie zwischen die Beine, wo sie ihr blutiges Recht mit Verve vertritt.
SCHLAFBEDÜRFNIS

Das enorme Schlafbedürfnis des Stagiriten erklärten manche seiner Schüler sich so: als Gott über die Erde ging – er war damals sehr beschäftigt und deshalb nicht sonderlich aufmerksam –, entfielen ihm neben den Buchstaben und Wörtern auch ganze Sätze, an die sich seither keiner erinnert, es sei denn im Schlaf. Andere sagten, nicht der Schlaf sei daran das Entscheidende, sondern das Erwachen. Nur wer viel und tief schlafe, könne so kräftig erwachen, dass das eine oder andere aus jenem verlorenen Fundus dabei austrete und sich ins Tagbewusstsein verstreue. Diese beiden Schulen haben die Welt mit dem Netz ihrer Sprüche überzogen, so dass keiner entscheiden kann, wo das eine endet oder beginnt. Es sind eben Schulen, in denen Gedanken sich um die Vorherrschaft über die Wörter streiten. Leute, die wünschen, keiner Schule hörig zu sein, denken, dass sich das Tagbewusstsein, oder was unsereins dafür hält, in den Sätzen sammelt. Man darf diese Sammlung nicht unterbrechen oder auf andere Weise willkürlich verkürzen, zum Beispiel durch das Einschalten falscher Lichtquellen oder anderer Informationsträger. Man muss ihr die Zeit lassen, die sie braucht, um sich zu runden. Wer gelernt hat oder durch Zufall dahin gekommen ist, ein Schreibwerkzeug einzuschieben und sich seiner geschickt, das heißt fast unmerklich zu bedienen, behält etwas zurück, was entfernt an jene göttlichen Sätze erinnern könnte, aber da der Zusammenhang sich nicht herstellen will und die Zeit der Sprüche vorbei ist, behält er diese Beobachtung am besten für sich und gibt nichts davon aus, es sei denn, ihm träumte, er sei über Nacht reich geworden und müsse sich nun verändern.
SCHLAFKRANKHEIT
Lasst sie schlafen, die Schläfer. Wer schläft, entleibt sich nicht, sein Leib wiegt ihn und hüllt ihn ein. Das ist gut. Wer die Welt für einen Traum hält, muss ein guter Träumer sein, ein rüstiger Träumer, ein redlicher Träumer, keiner, für den der Schlaf nur Vorwand ist, sich als Ungeheuer zu konzipieren. Als Ungeheuer? Das geht einfacher, als du denkst. Wem der Schlaf zum Wunsch mutiert, endlich zu erwachen, und das Wachen zum Entsetzen oder zum Ekel davor, wieder einzuschlafen, dem erscheint zwischen Wachen und Schlaf das Ich als Schreckgespenst und er wünscht sich nichts sehnlicher, als es auszulöschen, um endlich wach zu sein oder zu bleiben. Das große Erwachen, von dem alle träumen und vor dem sich alle fürchten, für ihn wartet es jenseits des Ich, ganz nah, täglich rückt es ein wenig näher, eine spiegelnde Ferne, die soziale Dimension des Wortes ›Schluss machen‹ festschreibend und überbietend.
Das Ende des Gemaches oder
Der gemachte Schluss oder
Das sich Fallenlassen ins gemachte Bett der Entschlusslosigkeit, dem die Matratze fehlt und unter dem das Bodenlose sich auftut – all das sind Figuren des Schlafs inmitten des Wachens, das den Schlaf fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Es umschleicht ihn gleich einem Feind, der nicht geweckt werden darf, und es wünscht sich nichts sehnlicher, als in ihn einzufallen, ihn zu verwüsten und das fatale Zauberwerk stillzustellen, auch um den Preis, dass die Welt zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Soll sie doch! Einmal sehen, wie es zerfällt, das stählerne Gehäuse der Zeit, die nicht vergeht, weil ihr ein Vergehen zu Grunde liegt, das nicht genannt werden darf!
SCHLAFWAHL
Eine Politik, die auf Bilder reagiert statt auf Fakten, gehört, aus Gründen der Selbsterhaltung, abgewählt – sofort, für immer. Was also gehört Politik im Medien-Zeitalter? Abgewählt! Kein Zweifel, dieser Schluss ist logisch korrekt und entspricht dem Gefühl der Massen, die sich von ihren Vorturnern ›verarscht‹ vorkommen. Nur sind die Massen des Abwählens müde, wenn sie, die nächste und übernächste fällige Abwahl vor Augen, die Wahlkabinen betreten. Die besten Wahlergebnisse erzielen sie daher im Schlaf. Der Schlaf der Reflexe erzeugt die Ungeheuer, die abzuwählen dann reflexhaft gelingt. Das sind Sternstunden, in denen eine Borniertheit die andere aus dem Sattel hebt, unter dem Jauchzen der Medien, wie denn sonst?
SCHLAGESEL

Aus der Tiefe der Zeit, da, hinter der Hecke, stammt der Schlagesel: ein krummer Hund, ein Fisch von einem Hund, und fies will er sein, dass es die anderen juckt. Darum macht er Fisimatenten wie andere Umstände oder Umstände wie andere Ärger, zu dem es bei ihm nicht reicht, weil alle anderen es ärger treiben als er selbst. Er selbst, ja das ist er: ein seltenes Exemplar seiner selbst. Er hätte sich gern häufiger, aber dazu reicht es nicht und im Grunde ist es ihm recht. Wenn er schlägt, so trifft es Verräter, wenn er verrät, so sind es Geheimnisse, von denen niemand etwas wissen will, so gemein sind sie und so bedeutend. Die Vergangenheit, tönt er, strömt durch mich hindurch in die Zukunft, ich bin ein tönendes Rohr, das sich im Winde biegt und Sturm verspricht. Habe ich mich versprochen? Nein, denn außerdem bin ich Gegenwart, reine Gegenwart, seht her meine Kreuzigungsmale, sie duften nach Honig und dürfen auch angefasst werden. Ich bin ein Volk, ich ganz allein, es umfasst alle Mitgeborenen, die mir zuarbeiten, in ihren oder meinen Gedanken, Worten oder Werken, wo ist da der Unterschied? Übrigens soll, wer mich anfasst, büßen, ein kleines Andenken schadet nicht und hält den Kreislauf in Schwung. Seine Bewunderer nennen ihn einen Kyniker, einen Hundling, aber nein, er ist Schlagesel und wünscht, dem möge Rechnung getragen werden.
SCHMERZEINFLÖSSERIN
Wer holt dich aus der Versteinerung heraus, aus diesem Wechsel von
Raserei und Erstarrung, der deine Züge formt und entformt und den
Betrachter ratlos entlässt? Medea nennen sie dich. Da ist was dran.
Zwar tötest du deine Kinder nicht. Dafür entwendest du ihnen das
Leben und bereitest ihnen ein anderes. Wie das geht? Das fällt
unter deine Geheimnisse, die nicht so geheimnisvoll sind, sieht man
dir erst auf die Finger. Daran ist keinem gelegen und deshalb
lassen sie dich in Ruhe. In Ruhe? Da liegt eines der Rätsel, die
von der Gesellschaft gestellt, aber nicht gelöst werden.
SCHNITT
Man konnte sich das lange Zeit
nicht erklären – besser lässt der Schnitt sich nicht
ausdrücken, der alle Heutigen von allen Früheren trennt. Denn
gewöhnlich denkt die frühere Zeit nicht daran, sich etwas nicht
erklären zu können, es ist ein untergeschobener Balg, eine
Distanzierungsformel, die wenig mehr besagt, als dass ›wir‹ weiter
sind, Fortgeschrittene. ›Wir‹ haben ein Rätsel gelöst, heißt das,
eines, das uns die Welt hingeschoben hat, diese ewig frische
Sphinx. ›Wir‹ haben die richtige Antwort gegeben, ›der Mensch‹, und
gehen jetzt und legen uns zu Mutter ins Bett. Dass wir jemanden aus
dem Weg räumen mussten, um der Sphinx überhaupt ansichtig zu
werden, geht uns vorerst nichts an, damit beschäftigen wir uns
später. Wie war doch der Name? Seltsam, wie unfertig eine
Erinnerung ist, so lange der Name fehlt. Ah, da kommen die
Arbeiter, sie schleppen ihn schon herbei, ich werde einmal hingehen
und nachsehen, was sie haben.
SCHÖNHEITEN IM FUTUR
Städte, gleich schwimmenden Inseln aus Nebeln tauchend, in denen
niemand sie zu vermuten gewagt hätte, noch vorenthaltend, worauf es
bei ihnen hinauswill. So läuft man an Orten herum, die einem ihr
Bild verweigern, das alte, das man nicht mehr gekannt hat, das
neue, sich erst langsam formende, zu langsam für den, der in ihnen
lebt und sich durch Neugier blind macht. Die Leute holen sich ihre
Bilder ›von außerhalb‹, wie sie sagen, das ist verständlich, aber
auch komisch, es ist ein Stück Entgeisterung dabei, das bereits
wieder gespenstisch wirkt. Sie sagen: Nach den Zerstörungen ist vor
den Zerstörungen, sie behaupten es tapfer, aber sie meinen es nicht
so. Im Zentrum der Zerstörungen, dort, wo ein kürzlich
freigesprengter Platz auf die Ankunft einer nobleren Vergangenheit
wartet, schrieb einer den Satz: Im Zentrum der Zerstörungen steht
der Mensch.
SCHÖNHEITSPFLÄSTERCHEN
Die Ästhetik des Hässlichen (ver)endet an der – endlich –
losgelassenen weiblichen Brust, nachdem sie lange durch heftige
Schreie bekundet hat, woran es ihr fehlt. Der unerschütterliche
Wunsch dieses Geschlechts, schön zu erscheinen, auch wenn
Hässlichkeit angesagt ist, weist den Weg in die Boutiquen und
Auslagen noch der ungeselligsten
Kunst, die je als solche wird
auftreten wollen, so wie sie es immer mit eherner Stirn dem
Flaschenpostwesen vorgezogen hat, zu erscheinen. Die Kunst,
abgeführt zwischen zwei Polizisten, im Negligé, flüchtig die Haare
ordnend und zerstreut der Menge zuwinkend: so hat sie sich gern
gesehen, so würde sie sich, in Teilen, immer noch gern sehen, doch
jede Kokserin aus dem Glamourmilieu ist ihr darin über. Das
Hässliche so gestalten, dass es auch eine Art Schönheit darstellt,
überall die Ränder der Schönheit streifen, an ihnen entlangstreifen
wie eine Katze, die Aufmerksamkeit erregt, das heißt doch, das
Hässliche
nicht gestalten,
nicht hässlich zu sein,
nicht hässlich sein zu
wollen, es sei denn gegen die Konkurrenz und auf dem geduldigen
Papier der Interpreten und der Ausstellungsmacher. Aber auch Papier
ist nicht immer geduldig, manchmal kräuselt es sich vor Ungeduld an
den Rändern und manchmal gerät es in lodernden Zorn und verschlingt
sich selbst. Die
unkonventionelle
Schönheit, überall Konvention geworden, läuft als Raubtier
durch die Wüste der Intuition, die an jedem hingehaltenen Gitter
endet: kein Durchschlupf, kein Unterschlupf, kein Unterlass,
kein
Untergang, nur
ein Beben, das die Gemüter verwirrt und dem Haarausfall
applaudiert.
SCHÖNSEIN/NICHTSEIN

Zum Nichtsein verdammt – entschiedenes Los aller schönen Seelen,
deren Produktivität die öffentlichen Vertriebswege belagert, auf
denen sich Hybridwesen aus Geld und Geist tummeln, vor denen jedem
rechtschaffenen Gemüt graust. Angesichts des Übergewichts des
Geldes ist es mit dem Geist dort ohnehin nicht weit her. Aber das
ist nur ein und vielleicht nicht einmal der interessanteste Aspekt
der Sache. Der andere betrifft die Selektion selbst, die da
vorgeht, und die Veränderung aller produktiven Verhältnisse durch
die Verschiebung der Zahlenrelationen. Wenn der Inhaber eines
mittleren Verlages angibt, von dreitausend jährlich unerbeten
einlaufenden Manuskripten ›im Schnitt‹ zwei, verteilt auf drei
Jahre, zu drucken, dann klingt das nach Beliebigkeit. Kein ›Stab‹
kann unter solchen Umständen nach vernünftigen Kriterien arbeiten.
Gerade die kleine Produktion erscheint demnach ›gegriffen‹ – ein
Eindruck, den übergangene wie notorisch enttäuschte Leser gern
bestätigen. Die Frage ›Woher die Fülle?‹ ist so noch gar nicht
gestellt, geschweige denn beantwortet. Es ist die Fülle dessen, was
nicht in Betracht kommt und am Ende, mangels anderem, doch ›rein
mechanisch‹ in Betracht gezogen wird: denn es ist unser. Die Kultur
kocht in allen Menschen, die lesen, mehr oder weniger, und allzu
oft kocht sie über – in Manuskripten, für die man niemanden tadeln
sollte, die nur keiner drucken will, weil es dafür keine Gründe
gibt. Sie sorgen aber dafür, dass Hervorbringungen, die in Betracht
kämen, die, unter Gesichtspunkten einer Kultur, die auf sich hält,
unbedingt in Betracht gezogen werden müssten, ginge es mit rechten
Dingen zu, gar nicht sichtbar werden im Wust des durch all die
schönen Seelen geschaffenen Alltags. So setzt sich schließlich
neben den durch Protektion und ›Beziehungen‹ Begünstigten durch,
wer die Kunst – oder das Denken oder das Wissen – kurz hält, um
sich hauptsächlich dem Verkaufen – der Person und der Sachen – zu
widmen. Eine solche Wendung vollzieht keiner ungestraft, vor allem
nicht, wenn er einmal von anderen Prämissen ausgegangen ist: der
Aufstieg setzt den Genickbruch voraus, in eigener Sache, im
Morgengrauen. Eine Literatur von Gehenkten, die scheinbewegt im
Frührot baumeln, hat wenig Erbauliches, sie lässt frösteln und
schnürt das Denken ein. So stürzt der Wille zum Schönsein gerade
die ins Nichtsein, die sich vor ihm fürchten, weil Schönsein
Glänzen heißt – vor anderen, wem denn sonst.
SCHRECKENSKAMMERN
siehe Stapelwohnungen.
SCHREIBFLUSS

Schreiben: die unterdrückten Sätze einer Epoche in Behälter
sammeln, in denen sie überleben. Der schöne Satz ›Das geht Sie
einen Dreck an‹ weist, wenigstens in Ansätzen, den Weg. Allerdings
hat Dreck eine Art zu überleben, die den Leuten manchmal den Atem
und öfter die Besinnung raubt. Auf seine Art ist er ein
Überlebenskünstler, er fackelt nicht lange, er ist, wie die
Wissenschaft, immer schon weiter. Diese seltsame Verwandtschaft mit
den Wissenschaften ist kaum jemandem aufgefallen, doch es gibt
Ansätze. Man findet Zeiten, in denen beide eine regelrechte Allianz
eingehen, aus der die Wissenschaft wie aus einem schweren Rausch
erwacht; sie versteht nicht, wie das passieren konnte und fühlt
sich fremd. Aber was heißt schon Wissenschaft? Auch in ihr stößt
man auf Drogen- und Hexenmeister, nüchtern bleiben immer die
Nüchternen. Woher also die unterdrückten Sätze nehmen, das nicht
Gesagte, das Gemurmelte, das schweigend hinzu- oder hinterher
Gedachte, das im Ansatz oder im Kopfkissen Erstickte, das vorzeitig
Abgetriebene, das zutiefst Unbewusste, das Vergessene und
Verdrängte, das Schmutzige und Verschmutzte, den verborgenen und
verbogenen Diskurs, da dies alles seine professionellen Liebhaber
hat, nebst den närrischen und den bösartigen? Woher
nehmen? Das ist eine Dreigroschenfrage, die den Schreibfluss
abrupt unterbricht und in ein Rinnsal verwandelt – genug für die
hohle Hand, in die es sich schmiegt wie ein Kätzchen, während es in
alle denkbaren Richtungen davonläuft.
SCHREIBLYCHTEN
Immer wieder bedarf es der Erläuterung alter Begriffe, die nicht so
handgreiflich zu verstehen sind wie Hausfibel, Schlohbart oder
Labelunz, die ja noch alle, jedenfalls im alten Schlesien, gut
bekannt und bis heute deutbar geblieben sind, mögen sie inzwischen
auch eine polnische Wiedergeburt erfahren haben.
Nun wird aber das ›Schreiblychten‹ oder ›Schreiberwyschen‹ Gerhard
Hauptmanns, aus dem einstmals tiefreligiösen, kleinritualen
Küchenwesen katholischer Kreise Schlesiens stammend, aufs Gröbste
missverstanden, ja angefeindet. Es gilt als kleinliches Treiben
oder gar Unfug der ehemals deutschen Behörden.
Weit gefehlt, denn es handelt sich keineswegs um Begriffe der
preußischen Bürokratie zur sparsamen Beleuchtung von Schreibtischen
oder zur Reinigung staubiger Akten, sondern um seltsame Heiltümer
frommer Gemeinschaften, die nach Jakob Böhme entstanden waren. Es
geht hier um tiefe Eingriffe in Tischsitten und Speisen und in
beiden Fällen um religiös gestaltete Butterwecken, die lange dem
frommen Adel als ›Aurorische Speysen‹ vorbehalten waren. Ihre
Zubereitung zur Weihnachtszeit ähnlich den ›Frumben Klunzen‹ oder
dem ›Heylisalz‹ sind leider weitgehend verloren gegangen.
Selbst Luther besaß als guter Kenner reliöser Sitten außerhalb der
Kirche einmal im Jahr deren zwölf, die er unverblümt seine getreuen
Apostel nannte und eigenhändig von seiner Frau in verborgener
Klostermanier aus dem grünlichen Mehl der Schüttlermühle zu Weimar
vorbereiten ließ. Feinste schwimmende Wachsscheiben wurden mit
einer im Wasser bewegten Kerze aus Glühstroh, das nicht erlosch,
mit allerlei Zeichen des Heils beträufelt, dann senkrecht durch ein
Seidengeflecht gepresst und auf die ungebackenen Wecken von je etwa
drei bis vier Unzen aufgetragen. Pulverisierte Haftstreifen aus den
Fäden junger Zuckerschwäne – das waren die damals handelsübliche
Honigschleifen der Neu- oder Frühbienen in Schwanenform – wurden
auf je zwei Kilogramm Lurleholzmehl (d.i. noch grün gebliebener
Weizen) umgewälzt oder untergeschlagen und so entstand das klare
und süße Netz aus heilbringenden Zeichen. Lesen konnte man sie
nicht.
Alles weitere besorgte irgendein abergläubischer Pfarrer, der sie
im Ofen des nächsten Bäckers, sofern er ein halber Ketzer war,
backen und glühend wie Glas zerfließen ließ. Viel blieb von ihnen
nicht übrig, aber die dünnen Scheiben aus Zucker und Fett waren
durchleuchtet von Heil, das immerhin, wie Luther anmerkte, soviel
Licht gab wie eine »Dreikreuzerkerze bescheidenen Umfangs«. In
ihrer Nähe vergoss man unweigerlich Tränen und erfreute sich in
vollkommener Aufrichtigkeit seiner eigenen guten Taten.
Niemand nahm Anstoß an diesem genießbaren Selbstlicht, selbst wenn
es später der Jesuit Philibert Gutenreiter in seiner
Backstube des Hermas als
tiefdämonische Speise verdammte, »älter als Rom und das Christentum
und als Speise der Selbstergötzung zutiefst verwerflich«. Dennoch
haben sich Päpste und Bischöfe, Heilsgestalten und Mystiker, aber
auch zahlreiche gekrönte Häupter wenig darum gekümmert. Zu süß war
die lichtvolle Speise, zu selig die vergossenen Tränen im Selbstlob
barocker Freuden, als dass man darauf verzichtet hätte. Erst die
aufkommende Reuevernunft puritanischer Zeitalter hob nach und nach
diese Form der Seligkeit auf und man näherte sich aufs neue dem
Alkohol. - PM
SCHREIBSEELE

Sich etwas von der Seele schreiben, wer wollte das schon. Oder
vielmehr: wer wollte das nicht? Die Seele ist doch kein Tischtuch,
von dem man die letzten Krümel wischt, indem man den Handballen so
oder so darüber hinführt. Was soll also werden? Was eine rechte
Schreibseele ist, gibt die Knechtseligkeit nicht so schnell auf.
Das Schreiben animiert nicht die Seelenkräfte, es animiert sich
selbst, es führt in eine Art Scheinbeseelung der Wörter, die zu
blinken beginnen, als begönne bei ihnen der Wörthersee. Das ist
eine alte Metapher, abgenutzt, wie man sagt, durch Gebrauch, er
liegt aber ganz still da, wenn man von diesem Glänzen absieht, das
sich vornehmlich bei Nacht zur Geltung bringt, doch man merkt’s
auch bei Tag. Vielleicht hätte ich schreiben sollen, manche merken
es auch bei Tag, aber ich mag nicht. Hingeschrieben besitzen die
Wörter eine Kraft, die sie im Mund nicht bekommen, wo einer sie
eher zerkaut als beseelt, vielleicht liegt es auch an der
Bekräftigung, die ihnen dort oft widerfährt und die vielleicht der
kleinen Meerjungfrau gilt oder einer Schaumpfeife, die sich einer
zu zerbeißen scheut. Zu Unrecht, wie wir wissen, zu Unrecht! Was
eine rechte Schreibseele ist, weiß sich auf dem Papier eher zu
helfen als auf dem Parkett. Das versteht auch die alte Genossin,
die es doch besser wusste, als sie noch jung war.
SCHRIFTSTELLER
Buchstabenfüßchen des
Homomaris. Lettern, die wie Brezeln oder entgeisterte Jungfrauen in allegorischen oder bloß unfertigen Landschaften herumstehen, kennt man seit der Antike. Homomaris gibt ihnen die Würde der freiragenden Existenz: nicht umsonst stehen sie auf eigenen Füßen, sie machen etwas daraus, für ihr eigenes Leben und darüber hinaus. Was genau sie daraus machen? Einmal das eine, einmal das andere. Es kommt ganz darauf an. Angewiesen bleiben sie auf die wie angeklebt wirkenden Füßchen, die sich selten bewegen, und wenn, dann nicht zum Guten. – Wie können Sie so etwas sagen? – Sagen wir, sie deuten diese Grundbewegung zum Guten, in selteneren Fällen auch zum Bösen an, aber sobald eines versucht, sie auszuführen, zeigt es sich gleich gehemmt und gefährdet den Buchstaben, den zu tragen doch seine Aufgabe ist. – Tragen sie immer denselben oder wechseln sie auch? – Manchmal glaubt man, sie bei Betrachtung eines anderen Buchstaben wiederzuerkennen, aber die Wahrnehmung bleibt verwaschen und der Eindruck kann täuschen. – Also eher wie Möbelfüße? – Schriftsteller, Möbelfüße, wo ist da der Unterschied.
SCHROTTPRESSE
Die
Kunst schiebt sich weiter, sie springt, stürzt, torkelt auf
jede erdenkliche Weise in ihre Zukünfte hinein. Nur große
Kunstwerke rufen ein Nachdenken hervor, das über Dekaden geht, sie
verlangen eine überlegtere Antwort. Deshalb ist bedeutende Kunst
konservativ. Sie bewahrt die Fragen und reflektiert die Komplexität
der Antworten ihrer Vorgänger. Oberflächliche Gehirne konstruieren
daraus einen Rückstand gegenüber dem, was an der Zeit ist. Wer
Erstklassiges nicht zu sehen vermag, erkennt in ihm nur
Drittklassiges; es ist für ihn ›überholt‹. Das Dahinbrettern auf
der Überholspur, am besten im Pulk, gilt meist als
›professionell‹. Das mag sein, es stimmt fürs Profil wie für den
Profit. Wer einen schnellen Wagen besitzt, möchte ihn ausfahren. Da
wollen die fixen Jungs und Mädels nicht zurückbleiben. Eine Kunst,
die den Vorwärtsdrang küsst, ist Kunst zum Tode. Die
Schrottpresse ist ihre ›Destination‹.
SCHULDPOLITIK
Nichts einfacher als die Politik der Schuld. »Das soll ich gewesen
sein? Nie und nimmer! – Ich war es aber, und damit beginnt die
unendliche Suche. Wenn ich es war, wenn ich es wäre, wenn ich es
gewesen wäre, was hätte mich dazu gebracht? Zweifellos der wahre
Schuldige,
das wahre
Schuldige, das Monstrum in oder außer mir, der Andere, das
Ungeheuer, das mich fortgezogen hat. Aber dieses Ungeheuer bin ich,
also bin ich ungeheuer. Seht her, ein Mensch! Wer wirft den ersten
Stein? Gern ließe ich mich steinigen, wenn damit der Gerechtigkeit
Genüge getan werden könnte. Gerade das möchte ich bezweifeln. Ich
opfere mich, seht her: Nehmt es ruhig an, mein Opfer, es wird euch
nichts nützen, denn ihr seid wie ich. Ihr glaubt, ihr hättet es,
anders als ich, nicht getan, aber ihr irrt euch. Euer Leben ist ein
Irrtum. Ich sehe klar, dafür nehme ich meine Schuld – die nicht
meine ist – auf mich, nur dafür, ich bin ein Erleuchteter, ihr
hingegen seid Erloschene, vor aller Zeit. Aber was habe ich getan? Etwas
wurde getan, lange vor meiner Zeit, vielleicht auch zu meiner Zeit,
in einer anderen Welt, einer parallelen Welt meinethalben, die
Verbindungen mögen hierhin und dahin gehen, aber es ist und bleibt
eine andere Welt und ich war und bin nicht beteiligt. Das bin ich:
des Unbeteiligtseins schuldig. Diese Augen hätten sehen können und
sie haben nichts gesehen. Und umgekehrt: Diese Augen sehen, sie
sehen hier und jetzt und es ist alles geschehen. Brennen wir sie
aus! Eine kleine Operation, eine Erlöschung, eine winzige Abtötung,
mit großen Folgen. Als Geblendeter stehe ich zur Verfügung, ich bin
bereit. Selbstblender, das bin ich, das ist mein Erfolg. Mir nach!
Die Wunde hat mich gesalbt, ich bin ein Krösus der Schuld, ich gebe
sie aus, in großer und kleiner Münze. Und wie ich sie ausgebe.
Keiner folge mir nach. Einzig stehe ich da in der düsteren Glorie,
unter einem schwarzen Himmel, der an den Rändern zu brennen
beginnt, auf festem Land, von dem ich weiß, dass die steigende Flut
es ertränkt, in einem Haus, das hinweggebombt ist und keiner sieht
es, in einem Körper, in dem die Furien der Vernichtung toben und
den ich pflegen werde bis ans Ende meiner Tage, das auch das Ende
meiner Welt sein wird, die eure ist, die nur eure ist, denn, unter
uns: Ich komme nicht in Betracht. Vergesst mich! Ich habe keine
Stimme, ich nicht, ich plappere nach, was man mir vorplappert und
plädiere auf
Nicht
schuldig. Die Schuld hat keine Schuld. Möge die Welt in
Schuld versinken, meine Hände sind rein. Mein Kopf auch, ich muss
nur ein wenig nachdenken. Lasst mich nachdenken. Lasst mich... Aber
wo geht ihr hin? Lasst mich mit euch sein, bis ans Ende eurer Tage.
Ich will euch an etwas erinnern, was ihr nicht wisst. Ich will,
dass ihr es wisst. Ich will, dass mein Wissen in euren Köpfen Platz
nimmt, unverrückbar. Ich weiß, dass ihr wisst, aber zum Vergessen
neigt, gegen diese Neigung setze ich meinen Willen. Auch ich neige
zum Vergessen. Besäße ich nicht diesen granitenen Willen, wer weiß,
ich wäre wie ihr. Das ist nicht der Fall. Was ist schon der Fall?
Was fällt, muss man stoßen, hat einer gesagt, ein Wahnsinn,
anstößig, gewiss. Und doch ist es etwas, sagen wir... in der Ebene
der Wahrheit, nicht die Wahrheit selbst, aber sie ließe sich, von
einem solchen Satz ausgehend, vielleicht ertasten.«
SCHULDSCHEIN
Dem Ausdruck ›Schuldschein‹ eignet etwas Archaisches. Das liegt am Wort ›Schuld‹, das gegenüber den Schulden ein Mehr bedeutet, das niemals abbezahlt werden kann. Schuld büßt, sie zahlt nicht. Wer in eines anderen Schuld steht, kann zahlen, bis er blass wird – retten wird ihn erst der Entschluss, die Rechnung für beglichen zu halten. Es sei denn, der andere entlässt ihn aus seiner Schuld, was selten vorkommt, da ein zivilisierter Mensch den Gedanken, ein anderer könne ihm etwas schuldig sein, gar nicht erst aufkommen lässt. »Der schuldet mir etwas«: das ist keine Aussage, sondern eine Drohung, die selten ihre Wirkung verfehlt. Diese Art Scheinschuld vergiftet die Beziehungen zwischen den Menschen, sie schafft Ungeheuer an Taten und Naturell. Vor allem schafft sie Opfer – Menschen, denen langsam die Luft zum Atmen ausgeht, während ringsherum alle behaupten, sie seien das blühende Leben selbst.
SCHULTERRIESEN

Unter denen, die vorgeben, auf den Schultern von Riesen zu stehen
(man merkt es ihnen nicht an, aber es ist so, wie sie sagen), gibt
es wirkliche Schulterriesen, die den Eindruck erwecken, eine Rotte
geübter Athleten könne spielend auf ihnen Gebäude errichten, ohne
dass es sie weiter inkommodierte. Der Eindruck trügt, wie einmal in
aller Festigkeit ausgesagt werden muss. Der moderne Schulterriese
verträgt es nicht, dass man sich seiner Schultern bemächtigt. Schon
eine Mücke bringt ihn zur Raserei. Ein kleines Äffchen, ihm zu
einem seiner vielen Geburtstage geschenkt, resigniert nach dem
ersten Tag; trüb und verwahrlost dämmert es in einem Winkel seiner
Studierstube dem Ende entgegen. Man hat es mit Kindern versucht,
umsonst. Der Schulterriese zuckt und zagt, dass Gott erbarm’ – was
in diesem Fall eine bloße Redensart ist, denn von einem Gott der
Schulterriesen war nie die Rede. Vielleicht brächten Mikadostäbchen
den gewünschten Erfolg, doch der Versuch wurde wohl nie
unternommen.
Es ist nicht gut, auf den Schultern von Schulterriesen Platz nehmen
zu wollen. Sie verstehen vermutlich den Impuls nicht, man könnte
meinen, sie seien so mit der Pflege ihres enormen Oberkörpers
beschäftigt, dass sie bereits der Gedanke in Panik versetzt.
Vielleicht sind die vielen Spiegel schuld, von denen sie umstellt
sind und aus denen sie abwechselnd ihren Morgen-, Mittags- und
Abendanblick entnehmen, als werde er ihnen auf seidenen Tüchern
gereicht. Ein Schulterriese will frei sein, unbedingt frei sein, er
will nicht gebraucht werden, obwohl er das Gegenteil beteuert, er
verabscheut Verschleiß, lieber spricht er dem Alkohol zu.
Vielleicht glaubt er nicht, der zu sein, der er ist, oder die
Schultern sind bloßer Schein. Was aber wäre in diesem Fall ein
bloßer Schein? Ein nackter? Oder ein ausgestopfter? Auf jeden Fall
erhebt sich hier ein Problem, würdig des nächsten Symposiums, zu
dem er entschwebt, als gelte es, unbedingt als Giraffe zu enden.
SCHUTZANZUG

So ein Anzug bietet einen gewissen Schutz, das weiß jeder, gerade
an Orten, an denen er leicht deplaziert wirkt. Das etwas Förmliche,
etwas Konventionelle, etwas Unverbindliche und etwas Eitle, das von
ihm ausgeht – lauter Kennzeichen des ›guten Stils‹, dieses
deplazierten (keinesfalls ›deplatzierten‹) Sprechens, das es
verdient, festgehalten zu werden. Der gute Stil verlangt nach der
Aufnahme, er setzt sie voraus, folglich die Geräte, deren es
bedarf, also des Apparats, der sie bedient, also der Kontrolleure.
Das ist der Schutz, den so ein Stil gewährt: er gewährt Sicherheit
im Schatten der Kontrolleure, die ein waches Auge darauf haben,
dass ihm nichts geschieht, und die alles festhalten, falls etwas
geschieht. Der gute Stil gefällt durch den Ärger, den der Ausdruck
des Misstrauens nach sich zieht. Er besitzt viele Feinde, der Gute,
die unschlüssig sind, ob die Drohung auch ernst ist, und einen
Haufen Schmarotzer, die durch Stänkern und billige Vorstöße auf
sich aufmerksam machen wollen – so, im Pulk, bewegt er sich
vorwärts wie der Herr Direktor über das Firmengelände, ein ferner,
fast unpassender Anblick für Arbeiter, die ihre Tätigkeit nicht
verlassen dürfen, weil sonst ein Unglück passiert.
SCHWANZ-AB-ZONE
›No fuck area‹: ursprünglich ›Eingreifarena‹, entwickelt für ölreiche Diktatoren mit akutem Machtstau südlich der sog.
Sakossi-Linie. Als probates Instrument der Nachbarschaftshilfe von der Weltgemeinschaft weitgehend akzeptiert. Beantragen lässt sich dergleichen beim zuständigen Amt für Wirtschaftsförderung gegen Vorlage einer sog. mehrwöchigen Unruhebescheinigung, ausgestellt durch stempelberechtigte Vor-Ort-Spezialisten oder
Facebook-Interpreten mit doppelter Approbation. Inhaltlich verwandt der sog.
Fluchverbotszone (»Du sollst keine eigenen Götter neben mir...«), zeichnet sie sich durch tiefergehende Vollmachten für beteiligte Organe bei der Penetration fremden Territoriums aus, die nicht von allen Befürwortern gebilligt werden (müssen). PoZ(›Penetration ohne Ziel‹)-Blitz-Aktionen gelten einer bestimmten westlichen Denkschule als probates Mittel gegen den moralisch-finanziellen GAU der Betreiberstaaten, zumindest hübschen sie das Regieren vorübergehend an. Wohlgemerkt
vorübergehend, den Haushaltsexperten der Parlamente entlocken sie ein leichtes Zucken der linken Gesichtshälfte. Ansonsten gehen die Ansichten über die Wirkungen zielbedingt weit auseinander. Manche betrachten die NFAs als klassische Bodenbereiter für Bürgerkriege ohne Ausstiegsszenario zur Herstellung sogenannter
failed states oder – im lukrativeren Fall – fügsamer Klientenstaaten. Andere erkennen in ihnen das Antlitz des über alle Widrigkeiten triumphierenden Rechts der Völker auf die Anwendung des jeweils neuesten Völkerrechts, auszuführen in
blood & oil, und recken in voreilender Achtung das Kinn. Wieder andere erkennen nichts und fragen sich erschüttert... Das sind Langweiler, verglichen mit denen, die ihr eigenes kleines
business in das Geschehen einbringen und finden, endlich sei es an der Zeit, dass Philosophen Despoten stürzen und Rechtsassessoren alle Großverbrechens-Begriffe, die sie gelernt haben, auf einmal zur Anwendung bringen, in der begreiflichen Annahme, dass sie beim nächsten Mal nicht mehr zu Wort kommen werden. Es ist ja nicht so, dass niemand ahnt, wie es laufen wird, aber die Weltgeschichte besteht nun einmal aus Glücksmomenten und einer davon ist jetzt.
In tyrannos! So darf jeder denken, was er will, vorausgesetzt... der Eingriff wird gebilligt.
Es geht nicht darum, was jeder denkt. Denken kann jeder.
SCHWEBEBALKEN
Schneeweiß und voller Grazie schwebt die kleine Meerjungfrau auf
Messers Schneide vorbei. Den Balken im Auge des Prinzen übersieht
sie dabei geflissentlich. Schließlich trainiert sie olympisch und
die Erringung einer Goldmedaille ist dem illegalen Erwerb eines
Traurings nicht nur vorzuziehen, sondern in Zeiten globaler
Engelmacherei das Gebot der Stunde. Gegen diese Art der Bewegung,
die in ihrer mädchenhaften Grazilität alle Kröten zum Schweigen
bringt und ihnen die Geldstücke im Maul verschimmeln lässt, ist die
Akrobatik auf dem gemeinen Barren als rabiates Stuckwerk anzusehen,
das nicht zur Betrachtung kommt. Alle Laufstege dieser Welt jedoch,
die die Ausübung maximaler Grazie mit minimaler Unterfütterung
erlauben, sollten sich hüten vor der
Kasuistik rabulierender
Wanderprediger, die ihre Mission so interpretieren, dass sie zu
berechnen versuchen, an welcher Stelle genau sich der Übergang von
High Heels zu
High Noon vollzieht. Dass es sich
dabei um einen Übergang handelt, der sich selten ergibt, wenn die
Sonne am höchsten steht, da die Schwebepartikel in den Augen der
Menschen durch das grelle Licht vervielfacht werden, ist nicht
weiter zu erwähnen und liegt in der Natur nicht nur der Sache. -
AC
SCHWEIGERÄTSEL
»Lass die Toten die Toten begraben.« Der Sinn dieses Satzes erschließt sich spät. Ihm voraus liegt das Opfer. Welches Opfer? Darüber lässt sich nur mutmaßen. Wen es betrifft, der schweigt. Unverbrüchlich? Wer sein Schweigen nicht bricht, der wird zerbrochen. Besser, eins bricht mit dem anderen.
SCHWEIGETEXTE

Niemand fasst diese Texte an und das ist gut so, denn allzu viele Blicke sind schweigend auf sie gerichtet. Auch sind es keine Texte zum Anfassen. Sie würden sich wellen, krümeln, in wenigen Minuten wäre alles vorbei. »Wo ist der Text?« bellt dann der Leser, er will sich einbringen und nichts lässt ihn ein. »Bleib draußen«, bedeutet ihm die Stille nach dem Text, die Stille, die endlich frei hat. »Frei wovon?« möchte der Leser, halbwegs versöhnt, von ihr wissen, er ist gebildet und weiß, dass die entscheidende Frage noch kommt. Aber so entlockt er ihr nichts. Schweigetexte stellen ihre Fragen selbst. In einer Welt von Beschäftigten könnte man argwöhnen, sie beschäftigten sich mit sich selbst. »Wie die Kinder«, wirft ein Kritiker ein und kommt sich erwachsen vor. Doch der Einwurf misslingt und die Münze rollt auf den Boden. Auch der Argwohn vergeht und macht der Zuversicht Platz, dass alles am Ende... ja was denn? Nicht soviel bedeutet? Seine Ordnung hat? Hat es sie nicht? Woher soll sie dann kommen? Und wer, sollte sie kommen, könnte mit ihr etwas anfangen? Das könnte es sein. Schweigetexte haben den Anfang hinter sich, sie fangen überall und nirgends an. Wer mit ihnen etwas anfangen möchte, sieht sich bereits angefangen und sogar, wer weiß, zu Ende gebracht, bevor der Hahn dreimal kräht und der Morgen graut. Ist das erlaubt? Er weiß es nicht und, ehrlich gesagt, es interessiert ihn nicht sehr. Schon sitzt er in seiner Maschine und gibt Gas. »Gib Stoff!« sagt er und schaltet den Nachbrenner ein.
SCHWERSTVERDIENER/INNEN
Der Westen wird an der Wunde Gleichberechtigung verbluten, weil er kein anderes Maß kennt als die Statistik. Gerade die Statistik aber kann über Gleichberechtigung keine Aussagen treffen, es sei denn, man schiebt Zusatzaussagen ein, die nichts anderes darstellen als Zusatzannahmen, so dass am Ende die gleichmäßige Verteilung der Funktionen und Posten ohne weiteres als Ausweis der Gleichberechtigung dient. Die erste und wichtigste Zusatzannahme ist die, dass unterschiedslos alle Glieder der Gesellschaft ohne Ansehen von Person, Geschlecht, Religion, Herkommen und Überzeugung dasselbe wollen, nämlich
Karriere machen in dem lächerlichen, absurden und ärgerlichen Sinn, den Gehalts- und Prestigespiegel einander wechselweise vorhalten. Ohne diese primitive Tyrannei des Vor-Urteils vor jedem Urteil, das der Einzelne, der diese Bezeichnung verdient, sich über die Gestaltung seines Lebens abverlangen muss, ist gesellschaftlich nichts zu machen. Der lebendige Ausdruck dieser Tyrannei ist die – förmliche oder informelle, auf Denkverboten beruhende – Quote, die dafür sorgt, dass die Statistik stimmt, auch wenn an der Auswahl von Begabungen und Charakteren nichts stimmt. Aber nicht die Quote ist das Übel, sondern das Erzwingungsverhalten seitens der politischen Akteure, die darüber hinwegtäuschen wollen oder müssen, dass die gesellschaftlichen Rollen insgesamt überdacht werden müssten, wollte man die wirklichen Ungleichgewichte beseitigen oder zumindest erträglicher gestalten. Wenn siebzig oder achtzig Prozent der real angebotenen Tätigkeiten subjektiv als ›Scheiße‹ empfunden und gesellschaftspolitisch als suboptimale Ressourcen-Nutzung denunziert werden, der es um dringender Emanzipations-Bedürfnisse willen zu entrinnen gelte, dann stimmt entweder etwas an der Ökonomie nicht oder am Geisteszustand der Gesellschaftsplaner. EU-Quoten für Schwerstverdiener/innen in Vorstands-Etagen bekämpfen kein Übel, sie sind sein – vorerst – dreistester Ausdruck.
SECHZIGENDER

Wer sechzig ist und nach Ämtern giert, was ist so einer? Ein alter Sack, dem die Hose aufsteht, so dass ein gesundes Zimmermädchen schreiend davonläuft und die Polizei verständigt? Sie sind verständigt, diese Zimmermädchen, so oder so, sie wissen, was es geschlagen hat, wenn erst die Jagd auf sie beginnt. So einen ans Messer zu liefern, kann nicht schlecht sein, vielleicht ist es eine gute Tat, jedenfalls wird man sehen, was sich herausschlagen lässt. Die Trennung von Amt und Schreibtisch erscheint als die natürliche Folge einer Ausschweifung, die ihren Höhepunkt in einer vergangenen Zukunft findet. Sie erscheint und alle Bahnen ordnen sich neu. Wenn selbst die bis dato Übersehenen nicht bereitstehen, am Werk der Vollendung mitzuwirken, was soll man dann von den alten Freunden halten, die einen ermuntert haben, alles zu geben, wo man sich doch schon verausgabt hatte und erwarten durfte, dass sie den Rest dazulegen? Nicht viel, nicht zu viel, vielleicht gerade so viel, wie nötig ist, um von ihnen Abschied zu nehmen, also ein Händchen, vielleicht zwei, falls sich in einem davon noch ein Umschlag befindet, eine Extra-Gabe, mit der man nicht gerechnet hat und die einen jetzt beinahe rührt. Nicht zu sehr, der Chauffeur wartet schon und seine Augen verraten nichts.
SEGEN
Der Alltagsdeutsche, im Begriff, das bequeme Kollektiv zu verlassen, wirft
einen Blick zurück und verzichtet. Worauf? Auf die Freiheit?
Mitnichten. Auf die Schicksalsgemeinschaft? Das wäre... Aber
immerhin, es wäre... ein Kriegs-, ein Nachkriegsfall. Nein, im
Verzicht auf die Freiheit liegt kein Segen, das spürt er, und auf
den Segen kommt es doch an. Also woher sie nehmen? Besser, man
vertilgt sie im Kreis der Seinen, unter langsamem Kauen, während
die Flasche die Runde macht.
SELBSTERNANNT
Bestimmte Frauen mögen es nicht, dass in manchen Berufen nur zählt, wer sich selbst über die Schwelle getragen hat und nun dasteht als jemand, der eine gewisse Sicht auf die Dinge sein eigen nennt, ohne dass man ihn einem Rudel zurechnen könnte. Sie mögen es nicht, weil man sie, eher aus Versehen, hereingelassen hat und sie jetzt die Aufpasserinnen mimen, auf dass alle sich an die Regeln halten, an die sie selbst sich eisern halten müssen, um nicht aufzufallen, auch wenn es schwer fällt. Die Devise, nicht aufzufallen, verträgt sich nur schwer mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die um ihre Gaben weiß; umso deutlicher weiß sie die Grenze zum Auffälligwerden zu markieren.
Erlaubt ist, was sich ziemt. Den Eisernen wird alles auffällig und sie benützen dafür das Ausschlusswort ›selbsternannt‹. Wer selbsternannt ist, bestimmen sie und sie sorgen dafür, dass so jemand entfernt wird, prompt oder sachte, peu à peu. »Das ginge ja noch. Aber seit in der Kritik die Quote regiert, wimmelt es in der Literatur von selbsternannten Schriftstellern. Neulich las ich eine bewegte Litanei über einen selbsternannten Revolutionsführer und begriff, die Revolution ist ein ordentliches Berufungsverfahren, das der Betreffende seinerzeit geschwänzt hat. Vermutlich wollte er sich dem Stress nicht aussetzen und dafür bringen wir ihn jetzt vor Gericht.«
SELBSTKASTEIUNG

Der arme Sünder, zur Selbstkasteiung schreitend, wovon nährt sich
der? Nein, nicht wie die Vöglein im Walde und die Lilien auf dem
Felde, nicht von den verirrten Speisen der Reue und der Ergebung,
nicht von der Wehklage und nicht von der Sammlung, nicht von der
Gnade und nicht vom Selbst. Er sammelt alle Bosheiten, die andere
jemals gegen ihn und seinesgleichen losgelassen haben, das
gedankenlose Gewäsch von Leuten, die täglich die Grenzen ihrer Welt
abstecken müssen, um in ihr einherschreiten zu können, den
hochmütigen Humbug professioneller Verleumder und die galligen
Spitzen Nachdenklicher, die das Recht beanspruchen, sich den Rest
der Menschheit vom Leibe zu halten und ihre Anbetung dessen, was
ist, mit treffenden, leider zu tief oder zu leicht ritzenden
Bemerkungen über alles zu dekorieren, was nicht sie sind. Er
sammelt diese Bosheiten wie andere Kulturwesen Briefmarken, er
besitzt eine wohlgeordnete Kollektion davon, die er täglich befühlt
und Interessierten gern zeigt; er möchte nicht tauschen, er fühlt
sich komplett und wünscht, dass andere davon Kenntnis erhalten. In
gewisser Weise – alles ist ›in gewisser Weise‹, warum nicht auch
das? – ist er der erste komplette Mensch. Er hat sein Pensum
erfüllt, er hat es, Punkt für Punkt, abgearbeitet, und wenn ihm
jetzt gelegentlich die Maßstäbe verschwimmen, dann deshalb, weil
die Grenzen der Sammlung so weit gesteckt sind, dass er sie, nicht
erst seit heute, aus den Augen verloren hat. Schließlich will er
den Überblick und nicht irgendeine Zahnpasta-Nettigkeit, die ihn
entlastet. Seine Briefmarken, weit entfernt davon, ihm zur Last zu
fallen – er weiß, manche darunter sind von zweifelhafter
Authentizität, aber das steht auf einem anderen Blatt –, geben ihm
etwas, eine Befriedigung, die er lange vermisst, einen Schauder,
ein anderer als er selbst zu sein, ein Ziel, das hinter ihm liegt,
eine Hoffnung, die nicht auf die Zukunft gerichtet ist, sondern
darauf, nicht gemeint zu sein. Er hat
es erreicht – es ist nicht länger das
Paradies der Werktätigen oder der Frauen, es ist nicht die Psyche
und nicht das Reich der Vernunft, es ist das Erreichte. In ihm
sitzt er wie die Made im Speck. Manchmal wundert er sich über den
Brechreiz, den sein Anblick auslöst, aber er weiß: Diese da
erreichen nichts.
SELBSTSTÄNDIG

Ständig selbst sein zu müssen, das nervt, auch wenn die Bedingungen
günstig stehen. Selbst das ständig im Mund geführte Bekenntnis zur
Selbstständigkeit nimmt sich auf dem Papier weniger nachdrücklich
aus als auf Sitzungen, die das Selbst, wie man weiß, in nicht
geringem Umfang fordern – vielleicht auch erfordern, das mag die
Sprachwissenschaft hinterdenken. Das Hintertreiben hingegen sollte
man ihr nicht ohne weiteres und auf längere Zeit überlassen, seit
man weiß, dass sie ständig selbst das hintertreibt. In ihrer
natürlich-sanften Gegnerschaft zur vermuteten Sprache nimmt diese
von Hektikern der öffentlichen Rede gern ›beamtet‹ genannte
Disziplin mitunter Positionen ein, die den, der selbst ständig
agieren und selbständig entscheiden muss, an Disziplinlosigkeiten
erinnern, die ihn fast die Existenz gekostet hätten. Diese hier
kosten nichts als den faden Geschmack des Erfolgs, eine
funktionierende Rechtschreibung zugunsten des vertrauten und in der
Praxis lästigen »Alles geht« ganz ohne Not entsorgt zu haben: Geht
doch!
SELBSTVERPFLICHTUNG

Lässt sich das Selbst verpflichten, und, wenn ja, worauf? Das ist
der Kern aller im Grunde nicht lösbaren Fragen, des Pudels Kern
gleichsam. Das Selbst ist eine unhandliche Größe, unruhig und
bestimmungslos: vielleicht ist das seine Bestimmung, ohne
Bestimmung zu sein. Bestimmung durch wen, durch was? Durch die
Sprache? Die Sprache ist selbst eine anonyme Macht, vielleicht die
Macht schlechthin, das Böse, das gelegentlich Gutes bewirkt, alles
Gute, immerhin, wie man es sich wünscht, gegenseitig und immerfort.
Doch wünscht man es nicht sich selbst, so weit im Läppischen
vergreift sich keiner. Das Selbst steht außerhalb alles Guten, es
steht nicht in Rede, es ist nicht müßig, es ist nicht beschäftigt,
es zählt nicht. Nein, es zählt nicht, weder im aktiven noch im
passiven Sinn. Es löst sich ab, manchmal, schweigend, es treibt
davon und das liebe Ich rennt in putzigen Sprüngen hinterdrein,
nachdem es schnell ein paar Marken gesetzt hat. Wo Ich war, soll es
wenigstens eine Zeitlang ... nach mir riechen, das ist die kürzeste
Theorie des Unterbewusstseins und die strengste. Alle Erforscher
des Geruchs erforschen im Grunde das Schweigen, aber sie können
darüber nichts sagen. Das Ich, dem es gelänge, die Leine des Selbst
zu kappen, würde an dieser Stelle beredt. Das soll nicht sein.
»Verpestete Luft« sagen die Leute, wenn ein Ich im Raum steht, dem
das Selbst abhanden zu kommen droht. Dieses Ich ›steht in
Verwesung‹, so wie man in Verhandlungen steht. Sein Blick funkelt
strategisch, doch seine Bewegungen sind müde. Es ist ein alter ego,
es weiß von keinem zweiten. Dabei ist es schon unterwegs.
SELIGWERDER
»Es geht um den Glauben.« Was sonst? Wann immer es
um etwas geht, geht es ›in Wirklichkeit‹ um den Glauben. Um welchen Glauben? Ist er angesagt, nicht angesagt, verabschiedet er sich gerade unter Getöse oder ist er noch nicht ganz angekommen? »In der Regel geht es um praktische Dinge.« »Glauben Sie?« »Ich weiß nicht recht. Ja doch, ich glaube schon.« »Ja oder nein?« »Ja sicher.« »Ganz sicher?« »Ganz sicher. Kommen Sie, examinieren Sie, wen Sie wollen. Wer ist schon ganz sicher? Ein Verrückter vielleicht.« Ein bewegliches Figürchen, quecksilbrig, nirgendwo völlig festgelegt, es sei denn unter Martern oder unter dem Eindruck von Martern, und gäbe es nur das zermarterte Gehirn, das am Ende den Befund aussondert:
Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Ich könnte auch anders, aber warum? Es würde nichts ändern. Ein Selbstbefund, und kein erheiternder. ›Der kann nicht anders‹ heißt: jemand hat seine Form gefunden. Er ist ein Getriebener, sei es der Umstände, sei es seiner selbst. Unter der Hand ist aus dem ›Ich glaube‹ ein ›Ich bekenne‹ geworden. Wer bekennt, glaubt nicht bloß, sondern nimmt die Folgen dessen auf sich, woran zu glauben er sich entschlossen hat. Die Leute betrachten, was so einer anstellt, als Exzess. Der Entschluss zu glauben überschreitet den reinen Glauben und stellt ihn von einer anderen Seite aus her. Demgegenüber ist Glaubenwollen das Normale. In der Regel wird es für den Glauben genommen, aber auch das ist ein Irrtum. Wer glauben will, will mehr als bloß glauben. Er will, das Geglaubte möge reell sein, er will an die Wahrheit dessen glauben, woran er glaubt, und es misslingt. Glauben und Unglauben verschmelzen zur Standfigur des Gläubigen. Wer glauben will, kann vieles anstellen, um seinen Glauben unter Beweis zu stellen. Doch in dieser Angelegenheit, die nur ihn etwas angeht, versagt er immer aufs Neue. Mag sein, dass er das Hochgefühl eines Erfolgs für die Sache nimmt, aber die Sache entgleitet ihm, sie war in den Erfolg nicht eingeschlossen, sie entzieht sich. ›Wer’s glaubt, wird selig.‹ So drückt der Volksmund sich aus und mancher möchte es glauben.
SEMESTERBEGINN
Der Rechtschreibung haben wir uns entledigt und jetzt erledigen wir
den Rest. Das klingt gefährlicher, als es ist, aber man sollte uns
nicht unterschätzen. Manch einer sieht uns, in die Ecke gedrängt,
zusammengekauert, und hält uns für erledigt, nur weil wir einen
Aussetzer hatten, aber das geht vorbei und wir sind wieder fit.
Dieses ewige Fitsein haben wir den anderen voraus, dafür hassen sie
uns und wollen uns los werden, was Unsinn ist, denn wir sind
ersetzbar, überall und auch jetzt. Wir sind Hunde aus der Rotte
des
Ildefondo, den
niemand kennt, ein unerhörter Vorteil für den, der ihn zu nutzen
weiß. Andere haben Einfälle, aber wir wollen etwas erreichen, dafür
sind wir angetreten, dafür putzen wir Klinken und stopfen
Mäuler. Wir sind das ewige Jetzt, wir sind die Gefahr, der sich die
Alten und Kranken ausgesetzt sehen und vor der sie sich fürchten,
obwohl sie nicht von Gewicht sind, eher ließe sich sagen, wir
lassen den, für den wir uns interessieren, alt aussehen, wir sorgen
dafür, dass er sich krank fühlt, allein durch Nähe, soweit reicht
unsere Macht. Wer sich gesund fühlt, kennt uns nicht, er weiß
nicht, wovon die anderen reden und meint, sie sähen Gespenster. Was
nicht falsch ist, nicht falsch, aber natürlich naiv – auf beiden
Seiten. »Gehen Sie«, sagt die Dame am Häppchentisch, »meinen Sie
nicht, dass Sie übertreiben?« Da ist etwas dran. Wir werden
sichtbar durch Übertreibung. Deshalb verkehren wir gern in Kreisen,
in denen man sich durch Übertreibung
schuldig macht, zum Beispiel an
Universitäten, wo die Übertreibung als Todsünde gilt. Allerdings
fällt dort das Spiel fast zu leicht, wir geraten ins Gähnen und
machen Fehler aus Langeweile. Wenn das Semester noch frisch ist und
alle in die Arena strömen, gehen wir aus uns heraus und beißen in
die Menge.
SENDBOTEN

Die Freiheit zeigt sich in zweierlei Gestalt unter den Menschen: als Summe der Gesetze und Regelungen, die dem reibungslosen commercium omnium dienen, und als Religion mit Tempeln und Riten, Opfern und Feldzügen wider ihre Feinde. »Gut«, sagt W., »aber wenn das so ist, dann verstehe ich nicht, wie es mit ihr so weit kommen konnte.« »Wie weit?« fragt der Verteidiger der Freiheit, man merkt, dass es ihm schwer fällt, die Contenance zu wahren. »Dass es in ihrem Inneren soviel Reibereien gibt, nur der Krieg gegen die Feinde läuft wie geschmiert.« »Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Eindrücke nehmen, aber Sie sollten froh sein, dass die äußeren Feinde so schwach und die inneren so erfolglos sind.« »Vielleicht meinen wir ja dasselbe. Aber sehen Sie, womöglich sind die Verteidiger des ungehinderten Kommerzes ihr eigener Feind. Wie soll man mit ihnen Geschäfte machen, wenn sie sich immer und überall durchsetzen müssen? Es ist kein gutes Geschäft, die Hand in einen Aktenvernichter zu stecken. Haben Sie so ein Ding? In meinem Büro steht noch eines. Man gibt einen Vorgang hinein und bekommt nichtssagendes Papier heraus. An die großen Schredder da draußen kann ich nur mit Beben denken.« »Aber das ist ganz natürlich. Ein Vorgang ist abgeschlossen, ein anderer beginnt. Alle starten neu wie am ersten Tag.« »Doch die Erinnerung bleibt. Übrigens auch an das, was man selbst einmal war. Sie wird nur undeutlich.« »Wenn die Erinnerung Sie quält, gehen Sie zum Therapeuten. Nein nein, ich verstehe, was Sie meinen. Menschen und Länder sind wie Geschichten, sie gehen ungern zu Ende. Im Grunde fürchten sie den Neuanfang.« »Vielleicht haben Sie recht und es ist alles eine Frage der Furcht. Aber wovor? Wenn der Herr so streng ist, warum sind seine Sendboten so lax, sobald sie einmal am Drücker sind? Fürchten sie nichts?« »Sie fürchten sich und sie fürchten sich nicht. Ehrlich gesagt, wissen sie nicht, was sie von der Sache zu halten haben. Es ist der Erfolg, der Zweifel in ihre Herzen sät, und sie stehen für nichts. Das ist ganz natürlich.« »Welcher Erfolg?« »Sehen Sie, in Ihrem Herzen sind Sie einer von uns. Sie wissen nichts davon und das ist gut so. Mit dem Herzen stehen wir alle auf Ihrer Seite.« »Auf meiner Seite? Welche sollte das sein? Wir bewohnen dasselbe Haus, ich weiß davon nichts.«
SENSORIUM

Nein, wir sind nicht die Kommentatoren der Kommentatoren – das ist lustig (selten), das ist wichtig (manchmal), aber es kann doch nicht der Kern der Anstrengungen sein, des ganzen gestemmten Lebens, das nun wirklich nicht. Was aber ist der Kern? Ein Apfeltörtchen? Der Wahrheitssinn, stark und verwirrbar wie der Gleichgewichtssinn, trägt dich durch die Zumutungen der Alltagswelt, nicht über sie hinweg. Kein Wunder also, wenn du sie stark empfindest. Das macht dich noch längst nicht zum Sensor oder zur Wünschelrute, die man zur Seite legt, wenn sie nicht mehr ausschlägt. Zu was dann? Der du die Lügenhaftigkeit des Meinungsgewerbes so stark empfindest – immer wieder versagt deine Rede an dieser Stelle, verirrt sich in fremden Skalen, warum? Wer auf dem Meer lebt, lebt auch den Wellenschlag des Meeres, das ist ganz unausweichlich, es wäre sinnlos, darüber zu sinnieren, wie es auch anders sein könnte. Nur der Mut und die Findigkeit, die beständige Abwehr, der Wille, sich nicht zu beugen, geschweige denn, sich fortschwemmen zu lassen wie einen Rest, ein Stück Abfall, eine Beute des Elements, unterscheiden ihn sichtbar von den Ausgeburten des Meeres, die ihn nächtens bedrängen und von deren Kadavern er sich tagsüber ernährt. Im Grunde weiß er wenig über sie.
SICH-ÄUSSERN

Das öffentliche Sich-Äußern besitzt eine Kraft, die nach innen
geht: nicht als Resultante der Stimmen, die darauf antworten,
sondern als unerwarteter Effekt einer Entblößung, die sich selber
vorantreibt. Sie ist weniger harmlos als die des Körpers – die
wiederum nicht so harmlos ist, wie den Leuten suggeriert wird –,
vor allem deshalb, weil sie zu keinem natürlichen Abschluss kommt.
Es entblößt sich ja nicht das Selbst, das vielleicht nicht mehr ist
als eine gut versteckte Blöße, es entblößt nur... was? An dieser
Frage kommt es zu keinem Abschluss, es gleitet an ihr entlang in
einen Bezirk, den manche Leute das Offene nennen. Man erkennt es am
separierten Tierblick. So verwandelt sich der öffentliche Mensch
inmitten seiner Gesinnungen und Funktionen in ein jagdbares Wild,
angetan mit einem Sprach-Körper, der einem Fuchsbau ähnelt. Dieser
Sprach-Körper ist immerfort im Umbau, jede Inspektion trifft, neben
dem Vertrauten, auf neue Einsprengsel, unvermutete Inseln des
Unvertrauten, Stege und Übergänge, Durchbrüche, wo beim letzten Mal
noch Wände standen, und Wände an Stellen, an denen das arglose
Gemüt auf nichts zu stoßen gedenkt. Wände aus nichts... Sie sind
vielleicht der prägendste Part der sich öffnenden Rede.
Gebieterisch schreiben sie die Umwege vor, die gegangen werden
müssen, während der vorausbedachte Effekt ungewiss bleibt und sich
rasch ins Gegenteil kehrt.
SIEGERPODEST
Man muss mit den herrschenden Kräften rechtzeitig Mitleid haben,
denn ihr Geltungsanspruch klingt bereits hohl. Das gilt für jede
siegreiche Sache, als gute erklimmt sie das Treppchen, unter
Hohnsprüchen trollt sie sich von dannen. Leute, die länger
verweilen wollten, haben daraus den Fortschritt gezimmert, die
permanente Revolution, die auf Dauer gestellte Reform. Genützt hat
es nichts, sie mussten und müssen herunter, weil das Privileg, auf
der richtigen Seite zu stehen, nur auf Zeit verliehen wird. So
lebte die Arbeiterbewegung, ohne sich darüber verständigt zu haben,
von der Überzeugung, dass die Arbeit nicht ausgeht, so agierte der
Feminismus unter der
Annahme,
dass Kinder immer geboren werden, von wem und unter welchen
Bedingungen auch immer – Annahmen, die
prima vista nicht falsch sind, aber
irgendwann ihr vertracktes Gesicht zeigen, nachdem sie es lange
unter den Masken der patentierten Probleme verbargen. Was sich vor
wenigen Jahren Globalisierung nannte, hört heute auf andere, weit
weniger schmeichelhafte Namen, es gibt einen Manichäismus der
Geduld wie der Ungeduld, beide müssen herunter. Wie die Straße der
Sieger ins Nichts führt, so erweist sich der Siegerpodest als
Startrampe ins Abseits. – »Beiseitegeworfen«, durchfährt
es
Homomaris, den
Gnostiker von Lichtel, er denkt von Haus aus und schert sich wenig
ums Budget.
SINNVOLLSCHENKER
Sinnvollschenker (die Betonung liegt auf der zweiten Silbe) lassen
sich bereits im alten Mesopotamien nachweisen. Gut dokumentiert ist
ihre Rolle im kaiserlichen Rom, danach geraten sie ins Kreuzfeuer
der Ideologien. Der klassische Sinnvollschenker wird nicht geboren,
sondern wiedergeboren, er lebt nicht, sondern ist von
Leben erfüllt, er ergibt sich nicht,
schon gar nicht von selbst, sondern wird ausgegeben, am besten mit
vollen Händen, links, rechts, wie auch immer, er ist eine Zugabe,
mit der eine Gesellschaft viele ihrer kleineren Krisen meistert.
Viele z. T. prominente Wissenschaftler sind Sinnvollschenker. Sie
tragen das gestickte ›SV‹ an verborgenen Stellen ihrer Kleidung,
doch den Blicken aufmerksamer Zeitgenossen entgehen sie selten.
Viele Sinnvollschenker sind Künstler oder werden von
der
Gesellschaft
als solche gehalten. Man erkennt sie an ihrem gekonnten
Zeitmanagement, daran, dass sie stets zur Verfügung stehen, wenn
man ihre Dienste benötigt. Als Aktionskünstler wirken sie gern
›verstörend‹, dafür gibt’s Bares auf die Hand und man kann sie
wegräumen oder sie trollen sich selbst, ohne dass man sie darum
bitten müsste. Sie beanspruchen nicht viel Raum, aber er muss
öffentlich sein, sonst fällt ihnen wenig ein. Die Ausbildung des
Sinnvollschenkers/der Sinnvollschenkerin ähnelt in mancher Hinsicht
der des Schamanen/der Schamanin und vollzieht sich im Verborgenen;
innerlich und äußerlich verändert, erkennt man sie kaum wieder,
wenn sie die Bühne der allgemeinen Aufmerksamkeit betreten.
Es gehört zu den Eigenschaften des Sinns, stets halb voll oder halb
leer zu sein, man kann den Mangel beklagen oder sich mit der
Aussicht auf künftige Sinnerfüllung über die Gegenwart trösten,
aber Sinn bleibt Unsinn, Unsinn macht Sinn und das nicht schlecht.
Im Gegenteil, er macht seine Sache gut, gäbe es mehr Unsinn auf der
Welt, so liefen die Dinge gelegentlich besser, aber auch hier macht
sich rasch das eiserne Gesetz des Mangels bemerkbar.
Dementsprechend beschränkt sich die Arbeit des Sinnvollschenkers
darauf, den Mangel nicht länger als das erscheinen zu lassen, was
er doch ist, sondern als etwas anderes, ein abgekartetes Spiel z.
B. oder eine Voliere, in der auf Knopfdruck Vögel zu zwitschern
beginnen, die man so nicht sieht, es sei denn, man stellt sich auf
Zehenspitzen oder färbt sich per Langzeitversuch die Nase.
Besonders Geldleute sind anfällig für diese Künste und bewundern
sie dankbar. Politiker täuschen gern Bewunderung vor, doch etwas
daran stört die Leute. Recht haben sie. Aber man täusche sich
nicht: Niemand geht unangefochten durch das Tal der minderen
Aussichten und mancher, dem die Leere ins Gesicht geschrieben
steht, lebt heimlich in Fülle. Jeder Mangel wird irgendwann zum
Störfall und wer ihn an die Außengrenze verlagert, hat inwendig gut
lachen.
SLOTERDIJK, COMTE DE

Die Geste des radikalen Schwätzers besteht darin, das, was sich von selbst versteht, aus dem Zirkel, in dem es sich von selbst versteht, in andere hinüberzutragen, in denen es ihm zur Pfauenfeder taugt, aber zu nichts anderem. Dort wird jetzt verstanden, was nicht verstanden wird, das heißt, mit jenem kleinen »Aha« und einem winzigen Anflug von Ironie in der Stimme, der sagt: Ich zitiere hier, du weißt schon wen. Das notorische Zitiertwerden vervielfacht das Geschwätz, so dass es von allen Seiten auf seinen Urheber zurückprasselt. Infolgedessen befindet er sich in einer ewigen Aufbruchssituation – er muss dem entkommen, was er anrichtet. Das ist nicht so einfach bewerkstelligt. Aus diesem Grund legen manche Bücher Wert auf die Feststellung, in ihnen sei das eilige Schreiben dem Denken endlich entwischt: Triumph der Artistik, Vollendung des fast Unmöglichen, dessen, was leicht von der Hand geht und schwer zu erreichen ist. Es sind die letzten Bücher, zusammen bilden sie das Corpus der letzten Hand und des letzten Fußes. Ihr Marschbefehl lautet: »Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Du musst dein Schreiben ändern.« Das ist leicht zu erreichen, aber ganz unmöglich.
SÖHNE

Mit den Söhnen ist das so eine Sache. Je erwachsener sie werden,
desto kindhafter wird ihr Spiel. Sie werden undeutlicher in ihren
Regungen, jedenfalls in denen, die sie auf die Welt da draußen
verweisen würden, sie zeigen Ermattungserscheinungen an ihrer
kostbaren, über so viele Jahre ununterbrochen trainierten
Muskulatur – gerade dort, wo die Kraft sitzen müsste, die sie
fortbringt. Aber das wollen sie nicht, sie sitzen ruhig auf ihrem
Fett und überschlagen die Barschaft: Reicht es, reicht es nicht?
Und reichte es auch, sollte gerade jetzt der Aufwand lohnen? Sie
wollen alles richtig machen, darin liegt das Übel. Sie wollen schon
jetzt alles richtig machen, nicht erst in einer Zukunft, die
draußen wartet und Schimmel ansetzt, gleich wird sie davonrollen
auf ihren goldenen Speichen. – Der Ärmste, er fühlt sich
beschenkt, es ist ihm eine Ehre, ein wenig im Haushalt auszuhelfen,
in ihm kehrt der Großknecht vergangener Zeiten wieder, den sich
keiner mehr leisten kann. Weite des Ostens, Traum jedes
Junggesellen! Ein kleines Business in Singapur kostet nicht viel,
menschlich gesehen, dadurch löst sich niemand zu Hause ab, seid
unbesorgt, Mütter.
SOLIDARITÄT
Zweifellos hat nichts die Verhältnisse im
Yagir ähnlich drastisch verändert wie
der Beschluss der Instanzen, die Solidarität der Geschlechter
aufzuheben. Das geschieht, da man hier in der Wahl der Methoden
wenig zimperlich vorgeht, rückwirkend, so dass einer sich
vergeblich nach Beispielen für gelungene Paarung in ferner
Vergangenheit umblickt. »Alles Lüge!« Im Yagir merkt man sich
solche Sprüche und ist bestrebt, das Leben nach ihnen auszurichten.
Das geht meistens daneben. Aber wer lange hier gelebt hat, weiß:
daneben geht auch ein Weg. So existiert gleich neben dem – unter
Kennern: exzellent! – ausgebauten Straßennetz ein Geflecht aus
Trampelpfaden, dessen Gesamtstruktur keiner kennt, obwohl sich alle
in großer Geschwindigkeit und nahezu geräuschlos auf ihnen bewegen.
Man stelle sich ein Luftbild des Yagir vor, mit dichtem Verkehr auf
allen Straßen und etwas wie Nebel auf Strecken, die auf den ersten
Blick frei scheinen. In solchen Abschnitten versickert
der Verkehr; die Leute nehmen ihr Bündel und trollen sich. Es sind
glückliche Naturen darunter, die kaum ihre Geschwindigkeit
drosseln. Manche, die vom Schutz der Baumriesen träumen, ergeben
sich mit einem gewissen Aufatmen dem Trott, einige wissen schon,
dass sie krepieren werden und finden keinen Anschluss. Von Zeit zu
Zeit liegt eine vermoderte Leiche im Holz und die Instanzen tanzen
den Was-tun-Tango. Ein unbeteiligter Beobachter könnte leicht den
Eindruck gewinnen, nach derlei Exzessen sei der Andrang auf den
Pfaden besonders groß. Nur die Jugend, wie immer, tummelt sich auf
den Straßen. Sie bevorzugt die kleinen Demonstrationen –
Kabinettstückchen, die beweisen sollen, was alles in den Lücken
zwischen den daherbrausenden Fahrzeugen möglich ist. Es passiert
viel, vor allem die Zahl der Kopfverletzungen gibt zu denken.
Dennoch bleibt die Überlegung richtig, dass die Straßen auch im
dichtesten Verkehr vor allem leer sind. »Woher diese Leere?« »Das
Tempo, ihr Lieben, das Tempo.«
SONDERBONUS
Diese Theorie ist mir an Herz gewachsen, sie behagt mir. Jene
andere dort sagt mir nichts, sie mag für Leute Gültigkeit besitzen,
die ich nicht kenne. Ich stelle sie mir hässlich vor, mit einem
Schuss Spießertum durch die Brust. Ich anerkenne, dass es sie gibt.
Nie würde ich Hand anlegen, zu widerlegen, was so offenkundig
verkehrt ist, dass es mich selbst schon auf die Distanz verletzt.
Ich bin dort nicht zu Hause, das ist eine andere
Gang. Mag sie ihren Straßenabschnitt
tyrannisieren, ich gestehe ihr das Recht, so zu handeln, zu.
Eigentlich müsste für mich etwas abfallen, ein Sonderbonus für
meine Langmut. Denn, unter uns, allein das Zuschauen tut weh. Alles
daran ist widersinnig im Exzess. Ich könnte die Polizei
verständigen oder das Ordnungsamt. Ah, da kommen sie die Straße
herauf. Gute Jungs, klare Muskeln, der Gesichtsausdruck stimmt. Man
wird sich wohl anfreunden müssen. Ah, welche Aufschlüsse!
SONNENANBETER
›In unserer Kultur‹ – damit beginnen die Lügen. Dass
unsere
Kultur existiert, ist die erste, keine gewöhnliche, ein zweckvolle,
gleichwohl: eine Lüge. Man kann den Umstand mit Hilfe eines
›differenzierten Kulturbegriffs‹ wegoperieren, aber die Tatsache
bleibt. Dass man sich einigt, ist kein Zeichen von Kultur, sondern
entschiedener Abkehr von ihr. Patrioten und Schwätzer haben nur
gemeinsam Kultur, sie rechnen mit Graden solider Durchseuchung.
Alles, worauf man sich einigen kann, fällt unter den
differenzierten Kulturbegriff. Auf den Ketten unbrauchbarer
Unterscheidungen rollt er dahin, sinkenden Sonnen entgegen, die er
für ferne Welten – oder Kulturen – hält, in denen er sich
wiederzufinden begehrt.
SONNENSYSTEM

Was wir Gesellschaft nennen, lebt vom Betrug, das muss wohl so sein
und sollte niemanden aufregen. Was wir Betrug nennen, lebt von der
Gesellschaft und redet ihr ununterbrochen ein, sie möge sich nicht
an den falschen Stellen aufregen, denn die wirklich großen
Durchstechereien fänden andernorts statt. Die Gesellschaft lebt von
der Gesellschaft, der Betrug vom Betrug, die Moral von der Moral
und die Geschichte von der Geschichte. Diese
Selbstverschlingungssysteme sind es, die den Menschen quälen und
ihm die Empfindung vermitteln, er lebe in einem Käfig und draußen
lache das Leben und die Sonne sowieso. Die lachende Sonne gibt,
immerhin, zu denken – zwar nicht denen, die sie anbeten und lange
Reisen unternehmen, um ihren Audienzen beizuwohnen, aber sie gibt
zu denken. Dass, was uns ernährt und vernichtet, mit Sicherheit
abgewrackt wird, aber erst, nachdem wir von ihm alle Qualen
erdulden durften, böte den Glanz einer eleganten Lösung, bei der
man sich auf Gesichtshöhe mit dem Wesen befände, das dafür sorgt,
dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Aber dieses Wesen
wankt, es weicht zurück – eine fatale Bewegung, denn hinter ihm
steht der nächste Abgrund, in den es taumelt und in dem es vergeht.
Das alles geschieht im Denken, im unablässig vorwegnehmenden
Denken, das in der reinen Denktätigkeit auch das reine Wesen
untergehen lässt, dem einen natürlichen Untergang zu prophezeien
müßig wäre. Das System der Bedürfnisse trägt und demütigt, es ist
das System der Demütigungen, das die Unbedarften der
Gattungsbranche ›Leben‹ nennen und das sie gern ›zu sich‹ befreien
würden.
SORTENFAHNDER

Die Fahndung nach den entlegensten Sorten hat den Planeten, wenn
man so sagen will, groß gemacht: jetzt, wo es mit ihr nicht mehr so
fortgehen will, verlegt man sich auf ertragreichere Praktiken, als
da sind das Einkochen, Tiefgefrieren und Wegschließen, denn, so
sagt man, die künftige Menschheit hat ein Recht darauf, zu
erfahren, wie alles war, als es noch war. Wie immer man es dreht:
Sortenfahnder zu sein ist nicht attraktiv, die Jungen misstrauen
der Kunde und trainieren für Olympia, wo sie auflaufen werden. Die
alten Hasen sehen es wohl, sie sind wendig und schnell, sie können
um Ecken sehen, gerade damit ecken sie an. Manchmal begegnen sich
zwei und es entschlüpft ihnen ein Gruß. Das hat es in besseren
Zeiten nicht gegeben, es tut ihnen leid. Sortenfahnder sind
Einzelgänger, ihre Routen führen durchs Unterholz, Brandrodung
fürchten sie, aber sie hält sie nicht wirklich auf, es sei denn den
einen oder anderen, der dabei umkommt. Manch einer gibt eher sein
Leben für eine Sorte als einen Pfifferling auf die Zukunft: er hat
genug gesehen, und wer kann so etwas schon von sich sagen.
SPACERS
Die Spatzen sind die wahren Raumfahrer, wie schon der Name verrät –
spatium, der Raum, man beachte das Neutrum. Man sollte sie
spacers nennen in jenem Idiom, dessen erlesenste Sprecher ohnehin mehr in Raumnähe kreisen, als dass sie auf Erden wandelten, es sei denn, es handelt sich um seltene Erden, auf denen in kritischen Momenten ihr Daumen ruht. Die Spatzen, um auf sie zurückzukommen, kennen als Umwelt nur Welt, Welt ohne Theorie, Welt pur, ›Weltinnenraum‹, wie der selige R. das nannte. Sie putzen weg, was ihnen gefällt, den Rest lassen sie liegen. Doch nicht darauf kommt es in ihrem Fall an.
Sie sind schon weg: das rückt die Sache ein gutes Stück näher. Nichts macht sie zutraulich, was so erscheint, ist mehr als ein Missverständnis, es ist das Malheur der Dummen, die unfähig sind, die Spatzen-Existenz zu begreifen. Wo immer sie sich gerade aufhalten, befinden sie sich in einem neutralen Raum mit verschiebbaren Grenzen, in Fluchten aus Räumen, die ineinander über- und aufgehen. Sie siedeln nirgends und machte sie einer auf das Universum aufmerksam, sie überflögen es mit einem gleichgültigen Flügelschlag. So leben sie die Gesetze der physikalischen Welt, ohne sie zu realisieren, sie leben nicht nach ihnen, sondern ›irgendwie‹ davor. Dieses Irgendwie, unter Menschen Ausdruck mangelnder Bestimmtheit, bedeutet, auf ihre Existenz bezogen, äußerste Präzision. Nein, Menschen sind nirgendwo Spatzen – obwohl...
SPANNUNGSBOGEN

Ich habe immer die Köpfe beneidet, die Tag für Tag, halb voll oder halb leer, mit gleichem Neigungswinkel sich an ihre Verrichtungen machen, um davon abzulassen, sobald die Stunde naht, in der man sich zurückzieht, um anderen Tätigkeiten nachzugehen. Sie leisten ihr Pensum, kein Zweifel, und fast immer kann sich das Resultat sehen lassen. Spricht man zu ihnen von der Spannung, unter der man selbst steht, von der Unfähigkeit, sie nach Belieben ab- oder aufzubauen, dann lachen sie und freuen sich über das gelungene Wortspiel und es fehlt nicht viel, dass sie dich für einen Windbeutel halten, der seine Mitmenschen mit hohlen Worten an der Nase herumführt. Beneide ich sie wirklich? Das lässt sich schwer sagen. Was ist schon wirklich? Ihre Ruhe zum Beispiel, um die ich sie wirklich beneiden könnte, wirkt sie nicht ein wenig aufgesetzt? Bleibt sie nicht zu sehr ans Tagwerk gebunden und weicht des Nachts, wenn es nichts zu tun gibt, einer höllischen Unruhe, deren Nachklingen sie für Träume halten, weil sie nicht anders können als sie mit Bildern zu versetzen? Was sind schon Träume? Nein, ich beneide sie nicht. Aber nicht deswegen, weil ich mich selbst für beneidenswert hielte, sondern weil sie alle um Mitleid bitten, zu ihrer Stunde, an ihren Tagen und, was soll ich sagen, ohne alle äußere Einwirkung, ganz aus sich heraus.
SPIELDOSE

Dass das Spiel eingedost wurde, zählt zu den Tücken des industriellen Zeitalters. Das postindustrielle holt es hervor und und befreit die Klänge, die nicht im Traum daran denken, zum eigenen oder zum Wohle aller einander die Hände zu reichen. »Wir sind das Wohl«, rufen sie und schiffen sich ein nach Cythera, der Insel der Wohltuenden, auf der Panik herrscht. Man kann sie verstehen, die Klänge, sie kennen die Hände, die sie ergreifen sollen, und finden, es sei an der Zeit, sie abzuhacken. Aber sie wissen auch, dass jene schneller nachwachsen, als das Herz erlaubt. Daher empfinden sie einen natürlichen Ekel vor der Gewalt und ziehen die Elemente vor. Cythera ist ein kleines Land und das Meer, von dem es umschlossen wird, liegt fast immer glatt und glänzend vor seiner Tür. Allein in Zeiten wie dieser zeigt es die Wut, die noch immer in ihm steckt, und steigert sie zum Orkan. Im Untergang verschmelzen die Klänge und ihr Lied ergreift, wen es findet, drüben, in den Gefilden der Seligen, die sich den Schweiß von der Stirn wischen und es unerhört finden, in Momenten wie diesem einfach wegzuhören.
SPIELZEUG
Nur bestimmte Gedankengänge, mit denen sowohl die Spaziergänge selbst wie auch die
Unterführungen des Geistes gemeint sind, können den körperhaft dämmernden Gestalten
Raum gewähren, die wir hier Spielzeuge nennen. Hinzu kommt das seltsam schlendernde, fast
schlotternde Wanken der Gedankenbewegungen, die das Spielzeug erscheinen lassen.
Diese halb schlaffen halb wechselnden Zustände, die in Stimmungen und Gefühlen kleine
Bildimpulse hcrvorlockcn, sind der Erzeugung kurioser Figuren zugeneigt, wie sie etwa in
einer frühen Ausgabe Rabelais’ zu finden sind, aber auch bei Callot und besonders bei Homomaris, wenngleich hier in einer bis dahin unbekannten ornamentalen Selbständigkeit.
Besonders die neuen, soeben erst auftauchenden, ornamententsprungenen Äffchen der
Phantasie krümmen sich ganz besonders zu jenem gefälligen Spielzeug, das der logischen
Klarheit der heute abschweifenden Psyche so unähnlich sind wie die der Natur des Wassers verwandten Schlittschuhläufer auf Zeichnungen Garganellis.
Gehen wir davon aus, dass wir für diesmal auch hier der allzuklein geratenen Logik Adieu
sagen, so sind wir Zeugen eines gewaltigen Auftritts von Puppen, die, den Elephanten
Hannibals vergleichbar, die Alpen überqueren, um Täler zu bevölkern, aus denen das neue
Spielzeug, gleich Pilzen des Spieltriebs wiedergeboren, ein neues Geisteswesen zu bilden
beginnt, auf das wir uns einst jenseits verordneter Gleichheit in einsamer Freude stürzen dürfen. - PM
SPIESSGESELLE

Ich bin der Spießgeselle der Kunst, sie schreit nach mir alle Tage.
Was mir das tut? Nichts, mit Verlaub gesagt. Sie macht mich nicht
krank, nicht gesund. Ich helfe nicht, ich schade nicht. Ich wohne
ihr bei, das ist erlaubt, das geht so bis ans Ende der Tage. Eine
schöne Überraschung wäre das, wenn’s einmal nicht mehr ginge. Sie
stellt aus und ich führe ein: das ist unser Deal. Ich wäre
unauffällig, wäre ich nicht omnipräsent. Im Einführen bin ich
unersättlich. Ob ich ihr lästig bin? Das kann ich mir nicht
vorstellen. Sie sucht mich auf, müssen Sie wissen, sie hat da freie
Hand. Ich biedere mich nicht an, warum sollte ich. Und Druck –?
Diese Hand? Glauben Sie, dass so etwas Druck macht? Ich muss schon
sagen. Ich denke, die Kunst braucht mich, weil ich keinen Druck
mache. Will ich denn etwas? Was sollte das sein? Der Unersättliche,
müssen Sie wissen, will nichts. Im Grunde seines Herzens ist er
gesättigt. Es handelt sich um Ausgleich, das Herz ist angekommen,
die Haut frisst ihm aus der Hand.
SPITZENPOLITIKER

Dass Politiker aus Spitzen gefertigt werden, wird in der Debatte
viel zu wenig berücksichtigt. Nicht, dass ihre Robustheit aus
leicht verderblichem Material stammt, gibt zu denken, sondern die
Art der Herstellung selbst: hochgradig mechanisiert, hängt ihr doch
immer ein Hauch von erlesener Handarbeit an, der dafür sorgt, dass
vor allem Frauen sich nach dem Produkt drängen und es ›befühlen‹
müssen. Kein Zweifel, Politiker (Politikerinnen ohnehin) werden
befühlt, und nicht nur von Frauen. Das wäre zu verkraften, solange
es unter dem diskreten Blick der Verkäufer geschieht. Aber jeder
weiß: das Gegenteil ist der Fall. So entsteht ein Politiker noch
einmal aus all dem öffentlichen Befühltwerden, er erbaut sich
förmlich aus dieser Speise, aber es ist nicht erbaulich. Warum?
Weil, nun, weil das ›allgemeine Wesen‹, die teilnehmende
Öffentlichkeit auch die Sinne kontrolliert und normiert. Das
ausgerichtete, das kanalisierte und entlang den geltenden Linien
polarisierte Empfinden wird taub gegen die Qualitäten von Menschen,
die sie vom Gros unterscheiden, man projiziert ins Große, wovor man
sich im Kleinen am besten schüttelt. So siegt die industrielle
Fertigung auch auf der Wahrnehmungsseite. »Das ist Spitze«, sagen
die Leute und meinen:
Gott, haben
wir gelacht.
SPOTTGELD

Geld, das aller Beschreibung spottet, lässt sich nicht aufheben. Es
zirkuliert und rouliert, dass es eine Lust ist, eine Spott-Lust,
die den ganzen Körper erfasst und ihn den Gegebenheiten anpasst,
dass es eine Freude ist. Es passte auch alles, bliebe da nicht ein
winziges Häkchen, ein Wider-Häkchen, ein
Wieder-und-wieder-und-wider-Häkchen, das wispert und winselt, als
hätte es nicht an den Falten und Flusen genug, in die es verhakt
ist... – Hören Sie, können Sie nicht vernünftig mit uns reden? –
Warum nicht, man kann alles versuchen. Kein ›Nimm mich‹ erreicht
seinen Adressaten durchs Ohr, es geht nicht hinein, so als sei es
das Nadel-Öhr, und das Nimm-mich sei reich, was so nicht stimmt,
aber stets unterstellt wird. Der Reichtum des Spottgeldes kommt,
wenn er kommt, überraschend, ein flotter Segen, er flutet das Haus
und hinterlässt, wenn er geht, nur Gerümpel. Für ein Spottgeld tut
eine viel, sie lehnt sich über die Brüstung und lässt sich sehen.
»Das lässt sich doch sehen!« Sehr wohl, sehr gut. Für wieviel? Das
ist ein Geheimnis, ich verrate es Ihnen auf der Stelle. Wissen Sie,
maître, ich würde Ihnen mehr verraten, aber Sie sind zu
schnell.
Man lässt sich sehen für
einen Unterschied. Das ist unser aller kleines Geheimnis,
wohlgehütet, der springende Punkt. Folgen Sie mir, folgen Sie mir
ruhig. Fragen Sie nicht, woher das Geld kommt, ich könnte es
Ihnen erzählen, die Quelle sprudelt, ein Traum. Das Spottgeld? Ach
ja. Dem Spottgeld genügt der Unterschied pur, deshalb gelingt ihm
der wahre Reichtum nie oder nur im Vorbeigehn, als Silberstreif.
Das Spottgeld ist die Reservewährung der Theorie.
SPRACHBEHERRSCHUNG
Alle hundert Jahre erneuert sich diese Sprache, entledigt sich des
Bluts und des Grauens, unter deren Krusten sie fast erstickt wäre,
und beginnt zu flüstern, sie biegt sich, sie dehnt sich, es kommt
etwas in sie hinein, während draußen irgendein Fortschritt rasselt:
dieses Flüstern, wer schreibt es auf? Wer notiert die linden, die
lindernden Wirkungen einer Sprache, die doch kaum einer kennt, kaum
einer kennen kann, weil sie nur eben so im Entstehen... ›im
Entstehen erhascht‹, das ist ein angenehmes Wort, ein Wort von
großer Schönheit, wenn man es aus der Nähe erfährt. Aber diese
Sprache ist niemandes Sprache, die Eigentumsrechte, die geselligen
Rechte an ihr zerfallen zu Staub, sie zerfallen denen im Mund, die
lieber an ihnen ersticken als sie hergeben wollen.
Sie zieht sich heraus – vielleicht ist
es das, was die guten Leute verunsichert. »Wir beherrschen unsere
Sprache nicht mehr«: mit diesem Schreckensruf reisen Kritiker durch
die Lande und versuchen ihre Klientel wachzurütteln. Das waren noch
Zeiten, als man mit ihr tun und lassen konnte, was man wollte.
Herrschaftszeiten, kein Zweifel. Die Sprache, der Fuchtel der
Herrschaften entschlüpft, geht diesseits des Geschreis und Gestöhns
ihres Wegs.
SPRACHCHIMÄRE

den Schwanz einkneifend: ein großes Motiv. Was ist ein großes
Motiv? Eines, an dem man sich gerne abarbeitet. Eines, bei dem man
gern hinsieht, wie es ein anderer behandelt hat. Eines, bei dem man
gleich weiß, dass alles Bemühen, ihm gerecht zu werden, auf jede
erdenkliche Weise zum Scheitern verurteilt ist. Ein Motiv also, dem
niemand gerecht wird: das wäre groß. Die Sprachchimäre ist groß,
denn ihr gerecht werden hieße sie auszurotten. Ganze Heerscharen
von Analytikern haben das versucht und man kann nicht sagen, ihre
Arbeit sei vergeblich gewesen. Sie haben das Unmögliche versucht,
ihre Namen sind eingetragen ins Buch der Rekorde, die Schulkinder
kratzen ihre Namen aus dem Gedächtnis hervor wie getrocknete Tinte
oder wie geronnenes Blut. Und immer fließt ein wenig nach. Das geht
nicht ab ohne priesterliche Nachhilfe. Die Lehrer ahnen das oder
ahnen es nicht, die Anstrengung der Vermittlung überdeckt beides.
Man lehrt Lösungen, ohne von der Aufgabe etwas wissen zu wollen.
Eine seltsame Algebra. ›Von der Bildwahrnehmung zur Sprachchimäre‹:
das ist so ein Witz, zu dem sich das Gelächter nicht einstellen
möchte, vermutlich weil es fürchtet, nicht auf seine Kosten zu
kommen.
SPRENGKÖRPER

Die Welt führt uns den Stoff zu und wir erstatten ihn ihr zurück – ein wenig veredelt, wie wir uns schmeicheln, aber vielleicht liegt da der Irrtum. Vielleicht sind wir, wie die Ökologen behaupten, Verderber der Stoffe, vielleicht heften sie sich deshalb an unsere Fersen und lassen nicht locker, bis sie pulverisiert, verbrannt, in die Luft gejagt oder auf unsäglichen stinkenden Halden ihre letzte Bleibe gefunden haben, weil das Verderben nicht erst uns, sondern bereits ihnen eingesenkt ist und sie nichts anderes mit sich anfangen können. Nein, die Welt will nicht bewahrt werden, auch nicht für künftige Geschlechter, weniger, weil sie keinen eigenen Willen besitzt, vielmehr, weil diese Prozesse zwar verlangsamt, aber nicht aufgehalten werden können. Mit ein wenig Überblick über die natürlichen Katastrophen, die das Leben generell bedrohen, wirken die ihm innewohnenden Verschlimmerungspotentiale wie Beschleuniger, so als stoße es sich in immer abstoßendere, also den Prozess auf Grund der in ihnen herrschenden Bedingungen intensivierende Regionen vorwärts. Natürlich sind die Bedürfnisse, die da agieren, z.B. das Menschentier, keine Frevler an der Schöpfung oder dergleichen, es sei denn, man versteht die Schöpfung von vornherein als kosmischen Ausnahmezustand, als ›unser prekäres Jetzt‹. Das kann man machen, es ist sogar sinnvoll, die Zeiten und Räume der Geologie, von denen der Astronomie ganz zu schweigen, lassen sich den eigenen Lebensabläufen nicht vermitteln. Schon der Begriff der Gattung sprengt das menschliche Vorstellungsvermögen. Allerdings zeigt sich niemand imstande, ihn abzuschütteln, man kann ihn nur nach Bedarf verkleinern. So ein kleiner Sprengkörper, geschickt deponiert, befördert das Bravsein – immer daran denken heißt soviel wie: nicht zuviel darüber nachdenken, um der Köpfe und ihrer Bedeckungen willen nicht zu Ende denken, die vorgesehenen Formeln herunterbeten, wenn es denn sein muss, ein Menschenbild haben. Haben Sie keins? Warten Sie, ich helfe Ihnen beim Suchen, gleich hinter der Tür links, da hängt es, Sie müssen es vielleicht umdrehen, das mag sein.
SPRÜHKUNST
Der Sprayer von Köln hat zwei Ohren. Er verfügt auch über eine
Nase, aber die Ohren sind wichtiger. Sie verraten ihm alles, was er
braucht. Seine
Kunst geht
durch das Gehör, so wie eine andere durch den Magen geht. Das
bedeutet nicht, dass man sich anhören müsste, was er auf die
Fassaden sprüht. Man würde auch nichts erlauschen, so sehr man sich
anstrengte. Seine Kunst ist der Lohn einer Gefahr, die nur durch
das Gehör wahrgenommen und bestanden werden kann, da die Augen mit
dem Herstellen des Werks befasst und vollständig ausgelastet sind.
Der
Angst, erwischt oder
zumindest vorzeitig unterbrochen zu werden, lässt sich nur dadurch
begegnen, dass er ihre Ursachen – Bullen, denunziationswütige
Nachbarn, Hauswandbesitzer – dem allgegenwärtigen Verkehr
zuschlägt, sie förmlich in Verkehr verwandelt, den er als
trainierter Großstadtbewohner ständig über das Gehör kontrolliert.
Das Sprühen an fahrenden Zügen erschafft aus dieser zur Gewohnheit
gewordenen Not einen Sport. Die Konzentration auf das Werk wird
dezentriert und moduliert durch das stete Bewusstsein der Gefahr,
so als hätten die steinzeitlichen Höhlenmaler ihre Zeichnungen, auf
dem Rücken eines Bisons reitend, seinem bewegten Hintern zu
applizieren versucht.
STAATSHYGIENE
Im
Yagir hat man die Frauen von ihrer biologischen Funktion entbunden und man stellt fest, dass sie verstärkt über Kopfschmerzen klagen. In diesem ›verstärkt‹ liegt die Crux, da verlässliche Vergleichsdaten fehlen. Was immer man vom Yagir halten möchte, es ist eine Experimentierbühne. Vieles von dem, was Gesellschaften wollen und sich im Ergebnis nicht leisten können, praktiziert man hier ohne viel Federlesens. Entsprechend spöttisch reagiert man auf Kommentare von außen. Yagiriten tragen den Kopf hoch, auch der Kopfschmerz will hoch getragen werden und ist kein Argument für oder gegen die Sache. Da man den metaphysischen Schmerz nicht kennt, dient der gemeine Kopfschmerz als legitimer Ausdruck dessen, was man nicht ändern kann, weil man an den Ursachen nichts ändern will. Was dem Kopfschmerz dient, dient der Sache: so oder ähnlich könnte die einschlägige Parole lauten. Die ›Modellierung des Körpers‹ zum Beispiel, diese Daueraufgabe der Schönen, die es nach mehr verlangt – mehr Schönheit, mehr Geld, mehr Gerechtigkeit –, hat man im Yagir mit großem Aufwand zur Perfektion gebracht. Jedenfalls behaupten das die Auguren, auch wenn der einfache Augenschein, in der Straßenbahn etwa oder im Flugzeug, den Gedanken nicht zwingend nahelegt. Die Entzauberung des Naheliegenden hingegen ist keine Parole, eher ein Anliegen, mit dessen praktischer Aufbereitung sich gutes Geld verdienen lässt. Viele lassen sich darauf ein, denen es nicht liegt, faul auf der Haut zu liegen und andere für sich aufkommen zu lassen. Will man wissen, was so jemand tut, bekommt man schnell das Gefühl, er weiß es selber nicht und steckt noch in der Erkundungsphase. Was liegt schon nahe? Man muss in allen Fernen zu Hause sein, um eine Ahnung davon zu bekommen. Auch dann liegt nichts weniger nahe als der Zauber der Nähe, der sich entfernt, wenn man seiner bedarf. Im Yagir jedenfalls macht man sich darüber Gedanken und mancher Ideenwettbewerb scheitert an zuviel Nähe. Nähe zu was? Hier ist der Staat gefragt, der zuviel Nähe nicht duldet. Was dann? »Nur das Recht«, murmelt der Patriarch, dem man die Hoden entfernt hat, auf dass er seine Funktion vorurteilslos erfülle, »nur das Recht.« Was er damit meint, ist schwer zu ergründen, der Gesetzgeber und die Juristen streiten sich wie die Kesselflicker, allein bei gehobenen Anlässen schreiten sie einvernehmlich zum Altar der Worte und laben sich an ihrer unvergesslichen Gestalt. Man hat Frauen gesehen, die allein von Rechts wegen schwanger wurden, doch auch im Yagir sind sie die Ausnahme. Die meisten schlagen sich irgendwie durch und finden Wahnsinn, was sie mit Wahn schlägt.
STERBENSHILFE

Wem sterbenslangweilig ist, wer sich verdrücken möchte, der, sollte
man annehmen, findet immer Mittel und Wege, seinen Abgang zu
organisieren. Aber weit gefehlt. Auch hier sind die Braven in der
Überzahl. Ohne staatliche Beratungsstellen geht nichts und solange
die Krankenkassen sich weigern, das letzte Selbstentleibungsmittel
zu finanzieren, wird die Lobby der Selbsttöter nicht ruhen, sie
wird die Bevölkerung gegen die Regierung aufzuwiegeln versuchen und
aktiven Wahlkampf betreiben. Ihre Spots sind die besten, was nur
deswegen nicht auffällt, weil sie unter die öffentlich-rechtliche
Zensur fallen und privat wollen sie nicht sein. Schließlich geht es
um ein Menschenrecht und die privaten Medien, die so gern alles
aufs Beihilfethema abstellen, wollen zwar an der Sache verdienen,
scheuen aber das Verdienst. Skandal! Der ärgste Feind der
Selbsttöter ist ihre Rate, die eine hässliche Spur durch die
offiziellen Statistiken zieht. Im Wettkampf der fortgeschrittenen
Industrienationen gäbe es manche, die sie eher mit Schuhwichse
überstreichen als mit einem Trauerschleifchen versehen würden.
Dabei hängt auch diese Bevölkerungsgruppe wie alle anderen am
Fortschritt, sie sähe sich so gern vorn und bliese mit Freuden ins
Horn der Reform. Wer etwas für sie täte, den würde sie zwei Dekaden
lang wählen; genug, um die Republik umzukrempeln und sie
zukunftsfest zu machen.
STERNSCHNUPPEN, PASSANTEN
Dass Intellektuelle ihre Texte einander zum Lesen anbieten wie sauer Bier, bezeugt, was sie voneinander halten, nämlich nichts. Lieber sprechen sie über die Sterne am gemeinsamen Himmel und lesen aus ihnen heraus, was jeder sich ausgedacht hat, es sei denn, sie sind miteinander befreundet oder gehören zum gleichen Stall.
Verleugnest du mich, so verleugne ich dich. So läuft das Spiel, das viele Verlierer kennt und nur Gewinner, auf welche die Zunft leicht verzichten könnte. Die intellektuelle Welt ist der Kosmos, nicht der Straßenverkehr, und jede Sternschnuppe wiegt leicht einen Passanten auf, der bei einem Glas Roten mancherlei Aufschluss verschaffen könnte.
STICHWORT

Stich, Wort! Und nicht zu knapp. Nicht zwischen die Rippen,
Dummkopf, wer zum Herzen will, dem ist etwas zu Kopf gestiegen, er
hat einen Stich, er soll sich behandeln lassen. Alles, nur nicht
die Rippen. Ich kannte ein Wort, das sich nur zwischen Fußzehen
bewegte, es wollte von den Möglichkeiten nicht lassen, die sich in
dieser Region ergeben. Die Füße, verriet es mir, sind die
Marschierer des Geistes. Sie gehen keinem Gedanken nach, denn über
Gedanken wird weiter oben entschieden, darauf haben sie keinen
Einfluss, und bis sie zu ihnen herunter kommen, sind es keine
Gedanken mehr, sondern Impulse: ein wichtiger Unterschied, über den
wenig nachgedacht wird. Geist ist Impuls. »Weißt du«, verriet es
mir flüsternd, »die Gedankengeber sind alle tot, die Gedanken
Leichen, aber die Impulse, sie leben, aufgrund der Trägheit der
Masse, noch lange fort, sie sind erst zur Hälfte angekommen, sie
sind noch immer unterwegs!« »Und unterwegs sein –« versuchte ich zu
ergänzen – »ist menschlich«, flüsterte das Ungeheuer. »Sieh sie dir
an, diese Fleischgebirge, sie schleppen sich dahin, manche tänzeln
sogar, das sind die Perversen, die Mühen der Ebenen lieben sie sehr
und kommen sie einmal ins Gebirg, dann schnalzen sie mit der Zunge.
Wer da nicht zusticht, dem ist nicht zu helfen. In mir jedenfalls
zuckt es, ich kann nicht anders, ich stehe dazu.« »Willst du sie
aufhalten oder willst du, dass sie schneller laufen?« »Keins von
beiden. Ich will, dass sie zusammenzucken, am besten bei jedem
Schritt, ohne innezuhalten. Das macht sie mir weniger menschlich,
mehr... gedankenähnlich, wenn du verstehst, was ich meine.« »Nicht
wirklich.« »Sieh es einmal so: seit die Gedanken tot sind, glauben
die Menschen, dass sie sich befreit haben oder drauf und dran sind,
sich zu befreien, das geht schon geraume Zeit so, aber es ist nicht
wahr. Frei sind sie bloß in Gedanken, die Ebenen sind Gehege von
Ketten, eine länger als die andere, eine tückischer als die andere,
alle sind miteinander verhakt und schleppen sich wechselseitig
fort. Wen es ins Gebirge verschlägt, der fühlt sich ungebändigt,
aber das ist eine alte Geschichte und der Ausgang ist bekannt.«
»Frei ist nur die Tat. Aber lassen wir das. Und du meinst?«
»Natürlich meine ich. Sie gehorchen aufs Stichwort, das habe ich
mir immer gewünscht und es ist die Wahrheit. Ich bringe die
Verhältnisse zum Tanzen. Der Geist lebt in der Sohle. Hier und da
löst sie sich schon, sie ahnt den Schwindel und ist bewegt. Bald
werde ich ausschreiten, auf Schusters Rappen, ein Wort nur, aber
was will man mehr, bei dieser Herkunft.«
STILLE
Mitten im Sacrificium der Stille erhebt sich die Schuld wie der
Baum der Erkenntnis. Nur durch die Stille erscheint sie allmächtig,
denn im Lärm ginge sie unter, weil die Seele Zustände
der
Kunst, der Religion
und der Phantasie durch Lärm nicht empfangen kann. Das Getümmel der
Schlachten und die darin verübten Grausamkeiten sind in der
Geschichte der Schuld noch nie als Früchte des Lärms begriffen
worden. Hier liegt der gewünschte Grund des heute allgegenwärtigen
Lärms in schuldiger Zeit. Der zum Untergang stimulierte Teil der
Menschen überwiegt und verhindert durch seinen Lärm auf
scheinmusikalischen Veranstaltungen und Fußballplätzen die Existenz
der Empfindsamkeit.
Die Gestalt der Schuld gleicht heute dem
Thanatos okupatia vom Schlachtfeld zu
Okupanthelios; überall lagen dort einst die gehörlosen Leichen und
stummen Mörder. Anhänger Stefan Georges bestimmten im Streben nach
Griechenlands Größe und Unschuld irrtümlich diesen Gott mit seinem
weit geöffneten Mund, den allzu männlichen Schultern und lächerlich
kleinen Ohren zum hohen Symbol der angeblich in Griechenland einst
für immer erloschenen Schuld. Maillol soll allerdings über den in
Paris gezeigten Entwurf gelacht haben.
Obwohl Schuld ja bekanntlich viel älter und greifbarer ist, gilt
heute alle Aufmerksamkeit einem Gespenst der Schuld, das, ohne
Gestalt, aus beschriebenen Papieren und Photographien besteht.
Schuld steckt nur noch schriftlich im Wesen der Gegenwart, als wäre
sie eine wissenschaftlich messbare Absonderung ihrer selbst, so
dass man in Anspielung an das große Wort Albrecht Dürers sagen
könnte: »...wer sie heraus kann reißen, der hat sie.« Daran denkt
aber wohlweislich niemand, so wie in den Zeiten der magischen
Apotheken sich kaum jemand getraut hat, unter dem Galgen Alraunen
zu rupfen. - PM
STOFFWECHSEL
Goethe verstand sein Dasein als Pyramide, Proust verwandte seines
auf den Bau einer Kathedrale. Und wirklich haftet der einen Person
etwas Mumienhaftes, der anderen die Aura des Heiligen an. Aus ihren
Schriften kommt einem zweierlei Lebendigkeit entgegen. Wo immer man
die
Recherche aufschlägt,
trifft man auf diesen ruhigen, stetigen, überaus gegenwärtigen
Intellekt, es ist, als schlüge man das Buch noch einmal auf und
befinde sich in der unwandelbaren Mitte eines Denkens, das, im
Begriff, gleichzeitig nach allen Richtungen auszugreifen, sich
immer wieder für die eine, immaterielle Richtung entscheidet, die
es in eine ebenso knisternde wie flüchtige Sinnlichkeit
einzuwickeln weiß wie in Zellophan. Blickt man in den
Faust, so ist die Empfindung der
Gegenwart eher stärker. Aber es ist nicht die eines Intellekts,
sondern die eines Wesens, das Stoffe umschlägt, vergleichbar
vielleicht einem antiken Handelsplatz. Unter ebenso raschen wie
würdevollen Bewegungen, von kleinen Gesten bis zur großen
emotionsgeladenen Darbietung, wechseln die Stoffe ihren Besitzer
und man kann sicher sein, dass hier der Prozess der Veredelung, der
Verfeinerung und Sublimierung nicht nur unaufhörlich seinen Gang
nimmt, sondern eine ganz ungewöhnliche Steigerung erfährt, so dass,
nähme man diesen Platz aus dem System des Welthandels heraus, dem
Universum ein paar wesentliche Ingredienzien fehlen würden. Das
sind die beiden lebendigsten Weltpunkte, die Europa hervorgebracht
hat. Fragt sich, ob ein dritter denkbar ist und wie er aussehen
könnte. Viele haben sich an der Halle des Volkes versucht und sich
dabei verhoben: in diesem
Für
andere scheint ein irreparabler Fehler zu liegen. Niemand,
außer einem Schwachkopf, ist für sich selbst, man sollte
unauffällig für andere sein.
STRECKWUNDER
Die Menschen strecken sich nach dem Wunder und sie zerbrechen daran. Was erwarten sie? Dass ihnen alles nach Wunsch läuft? Natürlich nicht. Der Wunsch läuft vorneweg und duldet nicht, dass ihm einer folgt. Unendlichkeit? Was ist das? Ein schreckliches
undundund ohne Ende? Von der Unendlichkeit blieb: die unendliche Trauer. Nein, die Menschen erwarten nichts, sie strecken sich nur. Wer hinter jedem gestreckten Hals ein Geschäft wittert, hat sie bald im Sack.
STREET ART
ist der lohnende Versuch, eine Straße dadurch begehbar zu machen,
dass man sie fest in den Blick nimmt. Wem diese Definition zu
schwierig oder zu abartig erscheint, der möge einen Blick aus dem
Fenster werfen und eine Zeitlang die gegenüberliegende Straßenseite
ins Auge fassen: Was bitte, macht den dazwischenliegenden Raum so
schwierig? Er ist nicht wirklich, der Blick ist augenblicklich in
ihm versunken, untergegangen, und die so hart erkämpfte Fassung
rahmt schon das unerreichbare Gegenüber. Deshalb:
hübsch in den Blick nehmen, Kindchen, was ihr
begehrt, ihn nicht loslassen derweil, so ein losgelassener
Blick kehrt nie wieder zurück.
STUMPFSINN
Was einen im Traum verfolgt, macht die Wege bei Tag dunkel. So
weit, so gut, doch: Was heißt hier Verfolgung? Wir deponieren da
etwas in der Sprache, was sich nicht lösen will. Das Nachgehen hat
einen üblen Leumund, man fühlt sich rasch verfolgt, soll heißen,
man bekommt es mit der
Angst
zu tun, zumindest mit einer Beklommenheit, die weder weiß noch
wissen will, ob der andere zuschlagen oder nach der Zeit fragen
möchte. Vielleicht ist es die Zeit, die dem Nachgeher im Gesicht
steht, aber er kann sie nicht entziffern. Entziffere mich, drängt
der Nachgeher, doch wir gehen schneller und meiden den Anblick
seines Gesichts. So kann einem eine Villa nachgehen,
freskengeschmückt, aber vergebens, weil der
Geist, der ihr entströmt, den Blick
zurück nicht erlaubt. Man könnte ihn über die Schulter werfen, fast
wie eine Sommerjacke oder eine Umhängetasche. Stattdessen
beschleunigt man den Schritt. Ein Überlebensinstinkt gibt das ein,
der von fremden Erfahrungen spricht. Eigentlich spricht er nicht.
Er drängt und wir lassen uns drängen. Einmal, in einer
Seitenstraße, fasst er zu.
STURM
Nein, kein Sturm weht vom Paradies her über die Trümmerwüsten der
Vergangenheit. Kein Engel fängt diesen Sturm auf und wird von ihm
rücklings in die Zukunft geweht. Eher schon lässt ein wanderndes
Vakuum alles Ferne nah und alles Nahe fern erscheinen. Aber auch
das ist nur ein müßiges Spiel von Metaphern, die nichts zu greifen
und nichts zu beißen bekommen. Das Vergangene reißt den Handelnden
zu sich heran und sprengt ihn in Fernen, die er planend
verkennt. Es durchläuft mich eisig, wenn ich sehe, was alles
geschehen ist. Ich bin schon weg, auf einem anderen Stern. Es
durchläuft mich
anders,
wenn ich sehe, was alles hätte geschehen können. Schon bin ich
interessiert, schon bin ich bereit fortzuschreiben. Eine Geschichte
verpasster Gelegenheiten ist Sache von Leuten, die einander
vorgaukeln, die Geschichte rechtfertige ihr Tun.
SUBVERSIONSSTAU

Die Menschen fühlen so lange subversiv, bis etwas geschieht, dann
lassen sie’s. Dieses Lassen ist wie ein großes Aufbäumen, das dem
Ertrinken geschuldet ist. Es ändert nichts am Resultat. Unter den
Lehrern der Subversion finden sich wahre Unfassbarkeitsmagier, sie
arbeiten mit Versatzstücken. Leider bekommt das ewige Versetzen den
Apparaten nicht und sie versagen häufig den Dienst. Das muss einer
wissen, bevor ihn der Glauben an eine Sendung befällt, als handelte
es sich um die Mandeln oder den Blinddarm. Für Unternehmer stellt
der Subversionsstau eine reale Gefahr dar: Investitionen, auf die
man sicher gerechnet hat, können nicht abfließen und auf
öffentlichen Plätzen verfaulen die Gesinnnungen. Ein X und ein U in
einem Kreis macht unter Eingeweihten die darüber gebreiteten
Planen kenntlich. Sie sollen die Blicke der Allgemeinheit ablenken,
die so oder so Bescheid weiß und mangels Kopfbedeckung nicht einmal
den Hut zieht, geschweige denn Schlüsse. Der Subversionsstau und
das Bescheidwissen verhalten sich zueinander wie, sagen wir, der
Mond zum Mount Everest. Sie unterhalten einen vagen Kontakt.
Bezeichnenderweise bleibt sein Inhalt geheim. ›Einen Blick
hinaufwerfen‹ – das ist eines der Rätselwörter des Planeten, durch
keinen Sprachwechsel zu bannen. Werfen wir einen Blick hinauf: der
Subvertierte läuft unter einem großen Geschick, das nicht das seine
ist, man könnte meinen, er habe keines.
SYBERBERG-OPER

Glücklich das Land, in dem es genügt, »Scheiße!« zu murmeln und die Augen zu verdrehen, um als ›wichtiger Autor‹ in die Literaturgeschichte der Gegenwart einzugehen. So ein Glücksfall war die BRD der siebziger Jahre, was unter anderem dazu geführt hat, dass eine ältere Generation Tränen lacht, wenn ihr wieder einmal ein Bändchen des Schriftstellers Achternbusch in die Hände fällt, während die Jungen betreten zur Seite sehen. Eine Spezialität jener Zeit ist die Klasse der sonderbaren Genies, in denen die Vergangenheit ein bisschen lauter wütete als die Gegenwart, die sich so wütend der Vergangenheit gegenüber gebärdete. Nach und nach verwandelten sie sich in (fast) Unberührbare. So der Regisseur Syberberg, in dem das Selbstdenken sich zur nekrophilen Beschäftigung auswuchs und damit wieder preiswürdig wurde. In jeder großen Oper liegt die Tendenz zur Seifenoper, es muss nur der Künstler kommen, der sie herausreißt. Dieser vermochte viel, mehr vermag die Zeit, in der alles verkommt.
SYMBIOSE

Gesellschaft läuft in symbiotische Lebensformen aus, die
zuverlässig verhindern, dass derjenige, der sich in sie begibt
(besser: von ihnen umfangen wird), einen Weltbegriff bildet. Der
Zerfall tritt dort ein, wo man versäumt, den schlichten Gemütern,
den Harmonie- und Anlehnungsbedürftigen, den Antriebsarmen,
sexuell Abhängigen und Erfolglosen, den notorischen
Familienmenschen, den Trennungsopfern, den Zukurzgekommenen, den
beruflich Gescheiterten und Versagern ein Gesicht zu geben, durch
das sie unbehelligt und mit einer Miene, die besagt, dass sie das
und das und damit als die anerkannt sind, die sie nun einmal sind,
auf die Welt blicken und vor ihr bestehen können. Der symbiotische
Mensch hat keine Vorstellung von der Welt, er tritt ihr nicht
gegenüber, wie er nun einmal ist, weil die Gesellschaft sie ihm
verstellt – dieselbe Gesellschaft, in die er auf keine Weise
hineinkommt, es sei denn als Objekt oder als Opfer. Und dennoch
lebt er in ihr dank Mimesis und Osmose, in Nahverhältnissen, in
denen er sich mittels dosierter Aggression, mittels banaler und
zumeist unerfreulicher ›Spielchen‹ orientiert. Vielleicht kennt er
die Regeln nicht, die für ihn gelten und ihn
betreffen, vielleicht will er sie
nicht respektieren, vielleicht kämpft er gegen sie an und
reklamiert andere, die in den Teilen der Gesellschaft gelten, zu
denen er nicht zugelassen ist. Er sagt ›Gesellschaft‹ mit einem
bitteren Unterton und meint ›Welt‹: die Gesamtheit der
Verhältnisse, in denen er steht und denen er nicht ausweichen kann.
Die Verwechslung von Gesellschaft und Welt ist gefährlich, wie die
Welt der Gemobbten zeigt. Wer Welt nur noch als kollektive
Aggression zu empfinden und begreifen vermag, der ist wahrhaft
gescheitert, er hat die Person dahingegeben – für ein
Linsengericht, das man ihm jetzt vorenthält.
SYNTAX, BILDNERISCHE

Man wird auch einmal dem Gedanken näher treten, dass es eine
bildnerische Syntax ebenso wenig gibt wie die oft beschriebene und
an Akademien gelehrte Bildlogik. Und das ist nicht verwunderlich.
Die Syntax gehört zur Sprache wie die Logik zum Denken. Man denkt
nicht in Bildern, man denkt mit Hilfe von Bildern, man denkt an
ihnen entlang, man durchdenkt sie und man denkt – vielleicht – über
sie nach. Allerdings lässt sich dieser Sachverhalt beinahe nach
Belieben dadurch kaschieren, dass man mit hehrer Stirn von anderem
redet – zum Beispiel von der Gesellschaft, der Politik, der
Grausamkeit und dem Verbrechen. So geboten es ist, von diesen
Dingen zu reden, so sicher schlägt irgendwann die Erkenntnis durch,
dass es sich dabei um einen Trick handelt, der einen davon abhält,
sich mit den Bildern zu befassen. »Ich betrachte meine Kunst als
erfolgreich, wenn sie die Betrachter dazu zwingt, sich über
Grausamkeit und Folter Gedanken zu machen.« Der Standardsatz des
Betriebs stammt von Künstlern, welche einmal von Leuten geprügelt
wurden, die mit Sprüchen dieser Art der Kultur den Garaus
machen wollten, und von Nicht-Künstlern, die auf billige Weise
davon ablenken wollen, dass auf ihren Bildern nichts zu sehen ist.
Wer sich über Grausamkeit und Folter Gedanken macht, wartet nicht
darauf, dass die Museen ihre Pforten öffnen, er bedarf auch keiner
Documenta. Wer sich keine Gedanken macht, ist immerhin geübt genug,
die Stirn in Falten zu legen und vage vor sich hin zu assoziieren,
wenn die gesellschaftliche Konvention es erfordert. Man könnte ihm
Prügel androhen für den Fall, dass er dafür nach
Kunst verlangt.
SYSTEMGESTEN

Die großen Gesten der Moderne ähneln dem Wettrennen nach dem Mond: es waren Systemgesten, unabdingbar, notwendig bei großer Not, vorgetragen mit einem Elan ohnegleichen, ohne Rücksicht, ohne Vorsicht oder doch nur mit planverträglichen Dosen davon, im Ergebnis erfolgreich, aber zu teuer und zu billig, um eine Industrie daraus zu machen. Die entstandene Industrie heißt ›erdnahe Raumfahrt‹ und arbeitet mit Simulationen, daneben testet sie Stoffe und Menschen für den täglichen Einsatz. – Was bedeutet das? – Durchbrüche, mein Lieber, sind das, wofür die Menschen sie halten: sie lassen das Alte eng erscheinen und das Neue reizlos. Anders gesagt: der Reiz des Neuen ist das Neue und die Wiederholung ist schneller ausgereizt als der Zustand davor, der sich in eine Art Utopie verwandelt: Hier stand Omas Sofa und dort ihre Anrichte: süß! Nicht nur dem wirklich Neuen laufen die Kosten davon, auch die Wiederholung dessen, was schon einmal die Welt verblüffte, lässt sich praktisch nicht durchsetzen, weil die Kosten zwar kalkulierbar, aber nicht mehr verträglich erscheinen. – Du meinst -? – Ich meine nichts. Von der bemannten Mondfahrt blieben: ein zerknitterter Anzug in einem Museum, dazu seitenweise Demonstrationen im Internet, sie habe nie stattgefunden und die Bilder, die berühmten Bilder, seien in einem Hollywood-Studio entstanden. – Aber das ist Unfug. – Menschlicher Unfug. Wenn erst die Museen Platz schaffen für die Kunst des einundzwanzigsten Jahrhunderts, dann werden bleiben: eine ramponierte Brillo-Box, der ein Idiot das Geheimnis mit einem Golfschläger zu entreißen versuchte, und seitenweise Argwohn im Internet, die Kunst habe nie darin Platz gefunden. – Das hältst du für denkbar? – Selbstverständlich.
Auch du, Brutus. Du solltest dir an den Kopf fassen und dich fragen: was geht hier vor?
TABU
Auf dem Scheitelpunkt des Tabus erscheint der Fürst der Finsternis
und lässt seine Meute los. Nein nein, er hetzt sie auf nichts, mit
entsetzlicher Langmut bindet er sie los und entlässt sie: Gehet
hin, ihr seid nun erwachsen. Das ist ein schönes Wort für Gebildete
und Menschen mit einem Atem, der über Kontinente reicht: So hörbar
müsste es sein, aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist das
geflüstertste aller Worte, es zischt nur ein wenig dort, wo es
ausgesprochen wird, wie wenn jemand Wasser auf dem Herd
verschüttet, weil er einen Topf beiseite rückt.
TABUFORSCHER
Was dem einen sein Auskultationshämmerchen und dem anderen seine
Wünschelrute, das ist einem dritten sein Tabu: wo sich die Rede der
Zeitgenossen verhärtet oder verschwimmt, wo sich Lücken im
Sprechfluss auftun oder Abgründe, wo alle schnell weitergehen oder
die Absperrungen so unübersehbar sind, dass erst gar keiner hingeht, da
erwacht seine Aufmerksamkeit und die Sprache gewinnt eine Schärfe
und Klarheit, die ihn sonst eher langweilt und die er auf vielerlei
Weisen abzubiegen gelernt hat. Fragt man, was es sei, erteilt er
eher ausweichende
Antworten; er liebt es nicht, das Tabu
zu definieren, vermutlich, weil er argwöhnt, derlei behindere ihn
bei der Arbeit. Er spürt es, er holt es aus den Reden der Menschen
ebenso heraus wie aus ihren Mienen, ihren Absichten und
Institutionen, manchmal könnte man meinen, es sei das, worauf eine
abgründige Natur ihn dressiert hat; einmal entwischte ihm die
Bemerkung, es sei
das
Wirkliche. Das bestimmt ihn zum Arbeiter im Bauch der
Gesellschaft, er kommt selten heraus, und wenn, dann allenfalls, um
ein paar scheue Blicke zu werfen. Er ist nicht mehr jung und
erinnert sich voller Hohn an die Zeiten, als bärtige junge Männer
gemeinsam mit lachenden jungen Frauen sich daran machten,
reihenweise Tabus zu brechen. »Sie dachten an Regeln und merkten
den Unterschied nicht, so sehr waren sie seine Sprösslinge.«
Sprösslinge des Tabus – er
hält die Filmrechte an diesem Titel, aber er vergibt sie nicht.
TABULINIE
Im
Yagir gilt als ausgemacht,
dass, wer auf ihr balanciert, nur ein Verräter sein kann. In
Wahrheit ist die Tabulinie eine imaginäre Route, die kreuz und quer
über Land führt, hier eine Eisenbahnlinie quert und dort eine
Großstadt. Zum größten Teil verläuft sie durch karges Gelände, wo
auch einmal ein Halm sprießt und eine Katze in der Sonne erwacht.
Das macht bereits einen guten Teil ihrer Beliebtheit aus. Denn das
ist sie: beliebt. Im Sommer sieht man Scharen von Schulkindern auf
ihr ausschwärmen, in der Mitte einherschreitend, den Kompass in der
Hand, die würdigen Damen und Herren des Lehrkörpers. Allerdings
ändert die Tabulinie ihren Verlauf von Jahr zu Jahr, was die
Lehrer, ein wenig faul von Haus aus oder auch überbeschäftigt,
weitgehend ignorieren. Sie übernehmen einfach die älteren
Koordinaten und lassen sich den Weg vom Kollegen erklären, der
damals die Exkursion durchführte. So geht das Jahr für Jahr. Es
passiert, dass sich einzelne Gruppen im Gelände begegnen, sie
kommen von verschiedenen Seiten und streben in unterschiedliche
Richtungen. Höflich plaudern die Erzieher miteinander und schütteln
insgeheim über einander die Köpfe. Die Schüler, ohnehin überzeugt,
dass alles nur ein Vorwand ist, um sie ins Gelände zu locken, haben
damit keine Probleme. – Manchmal streift ein einsamer Wanderer mit
der Balancierstange durchs ebene Gelände, man kann sicher sein, das
ist nur Bluff und die Kamera fährt mit. Es soll aber Leute geben,
ausgerüstet mit einer inneren Wünschelroute, die unbeirrt auf dem
Spannungsgrat entlangwandern, zur einen Seite das verbotene, zur
anderen das verstattete Land. Einem der ihren gilt das eine wie das
andere als unbetretbar, obwohl sie im Gespräch zugeben, dass es
sich hier wie dort um Arenen des Erlaubten handelt, je nachdem,
welche Art Leben einer zu führen wünscht.
Welche Art
Leben... da lacht der Tabugänger kurz und trocken, er muss
weiter, zu einem ausgedehnten Gelächter reicht die Zeit nicht, sie
fehlt ohnedies an allen Ecken und Enden.
TABUVERZICHT

Diejenigen, die sich aufmachen, der Gesellschaft das letzte
Geheimnis zu entreißen, stoßen am Ende auf den Begriff des Tabus.
Im Tabu wird die Gesellschaft undeutlich, sie verschwimmt sich
förmlich vor Augen und entschwebt in Nebeln, deren Vorhandensein
sie mit gleicher Verve betont und bestreitet. Es ist alles eins.
Nebulös erscheint bereits der einst von der Peripherie der
Kolonialsysteme in die Mitte eingewanderte Begriff. Heute, da
Zentrum und Peripherie nahezu dasselbe bedeuten – »auf dasselbe
hinauslaufen«, wie G. eine Spur zu lässig betont –, hat er jede
Kontur eingebüßt außer der des Verschwimmens und des Meidens ohne
klare Begründung, der kollektiven Blicklosigkeit im klassischen
Irgendwie. Das Tabu ist der Märchenspiegel, in dem einer, der
hineinblickt, sich selbst nicht findet. Das beruhigt und beunruhigt
in einem, es bezeichnet einen der Anlässe für die heilsam genannte
Unruhe, in der sich Gesellschaft erhält. Das Hervortreten des
Tabus, seine mit Händen zu greifende Anwesenheit ist ein Grund für
die Entkräftung der Kritischen Theorie, die sich in der
Gesellschaft einen, wie es zeitweise schien, unhintergehbaren
Adressaten gegeben hat, der sich indessen unentwegt selbst
hintergeht.
Das Tabu fällt, je nach Betrachtungsart, vollständig in das Gebiet
der Gesellschaft wie aus ihm heraus. Man sollte nicht vorschnell
das Wort ›Kultur‹ an dieser Stelle gebrauchen. Eher könnte man
sagen, die Gesellschaft
entspringt dem Tabu wie... –
davon sei hier nicht die Rede. Das Undeutliche der menschlichen
Verhältnisse legt es nahe, sie nach klaren Regeln zu organisieren,
an die sich alle zu halten haben. Es wird aber durch diese Regeln
nicht beseitigt, sondern nur zurückgedrängt. So kann es eine
Zeitlang den Anschein haben, als sei es im Rückzug begriffen und
werde irgendwann von selbst verschwinden. Doch die Türen stehen
bereits offen, durch die es zurückströmt. Insofern steht das Tabu
jeder Gesellschaft bevor, die auf diesen Namen Anspruch erheben
kann, der Gesellschaft, die sich in Bewegung befindet (was nichts
anderes heißt, als dass sie die Regeln neu oder schärfer oder
diffenzierter zu fassen strebt, nach denen sie funktioniert). Es
steht ihr bevor, es steht vor ihr, sobald sie einmal beschließt,
den Blick zu heben und das eigene Antlitz im Spiegel des Anderen
aufzusuchen, der ins Hilflose gesteigerten Unnatur.
Doch das Tabu ist mehr als nur der ungewisse Rand von Gesellschaft.
Es bezeichnet, was sich nicht schickt oder ziemt, es markiert
etwas, angesichts dessen der verträgliche Charakter des eigenen
Tuns spontan kollabiert, so wie ein mühsam im Grenzbereich
stabilisierter Patient plötzlich und unerklärlich zusammenbricht.
An dieser Stelle beginnt die Hatz, die das Werk der Zerstörung
physisch vollenden, es zum Absch(l)uss bringen will, sofern sie
überhaupt etwas will, was so nie gesagt wird. Die Hatz bricht aus
dem Tabu hervor wie aus einer Wand, die, eben noch glatt und schier
undurchdringlich, auf einmal die Poren zeigt wie andere Leute die
Zähne. Wie glatt oder porös sind die Grenzen der Gesellschaft – ein
Fragezeichen für jeden, der sich gern an den Rändern herumdrückt,
aber keine Lust verspürt, geteert und gefedert, gerädert und
gevierteilt oder ungefragt in einen der vielen herumstehenden
Müllschlucker entsorgt zu werden. Am besten, so denkt er, stünde
dieser Gesellschaft der Verzicht aufs Tabu zu Gesicht, aber gerade
das ist auf keine Weise zu haben. »So ist das also mit ihr, ich
hätte es mir gleich denken können. Nun, da ich es weiß, weiß ich
mehr als genug. Wann wäre schon genug? Und wann, frage ich, wäre
Gesellschaft sich selbst genug? Ich frage ja nicht, ich merke nur
an, aber ich merke es an den Brauen, schon braut sich etwas
zusammen. Ach du liebes bisschen.«
TAGEBUCH
Du bist nicht vorhanden: das ist ein Vorteil. Ich will jetzt nicht auf das übliche Lob der Anonymität hinaus, auch nicht darauf, dass du es nicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit geschafft hast und deshalb Entlastung brauchst. Nein – sagen zu können, niemand habe gesehen,
und dieser Niemand zu sein, was sage ich, zu wissen, dass man dieser Niemand ist, geht über jede Vorstellung hinaus, die einer zu geben imstande ist.
Schluss mit der Vorstellung, sagen die Leute und meinen damit, es sei die Pflicht jedes Einzelnen, zu begreifen, dass er schlussendlich stört. Alles Vorhandene trägt den Stempel der Unvernunft, was sage ich, des Unredlichen, das vorprescht, bevor es sich in Dunst auflöst, was alles in allem die beste Lösung verspricht. Die reichlich Vorhandenen reiben sich ihresgleichen hin, als gelte es, Buch zu führen über die Ungerechtigkeit, nicht völlig in der Wahrnehmung anderer aufzugehen. Besser wäre es, sie führten nicht Tagebücher, sondern Nachtbücher, um ihre Schlafphasen zu dokumentieren, ausgenommen den Traum, der mit allem im Bunde steht, was zur Wahrnehmung drängt, und zu jeder Lüge das Seinige beisteuert.
TALENTNÄSSER
Dieser Künstler hat ein bedeutendes Talent und ist auf die andere
Seite gegangen. Das ist nichts Besonderes, es passiert alle Tage,
schon ein »Hoppla!« wäre zuviel des Aufsehens, man sollte es sich
tunlichst verkneifen. Er ist dein Freund, jedenfalls kommt es dir
so vor, du hast dich an diese Fiktion gewöhnt, sie ist dir sogar
teuer, aber sie verstellt dir den Blick, und so, wie du dich
anstellst, könnte man meinen, du schleiftest eine Leiche durch die
nächtliche Straße: verdächtig, höchst verdächtig! Er hatte ein
Talent und sucht, getreu der protestantischen Ethik, den Erfolg. In
der
Kunst ist die
protestantische Ethik so etwas wie das Wasserballspiel unter den
Sportarten: Man muss schwimmen können, um überhaupt spielen zu
dürfen, man muss verdammt gut schwimmen, um gerade einmal so zu
spielen, dass die Dribbler zu Lande darüber nur lachen können.
Deshalb hat man die großen Arenen geflutet, auf dass kein Vergleich
möglich sei. Man hetzt die Talente ins Wasser, als trügen sie
Haifischflossen, und manchen unter ihnen wachsen in der Tat welche,
das bekommen die anderen rasch zu spüren.
Die Kunst ist kurz und kompakt, es kommt
darauf an, sie durchzusetzen. So hörten wir es in jungen
Jahren und sahen die Kompaktkünstler nacheinander auf ihren
Treppchen den Minutenruhm abkassieren, Küsschen rechts, Küsschen
links; was sich in den kurzen Paketen befand, die man ihnen unter
die Achsel schob, entzog sich der allgemeinen Kenntnis. Oder auch
nicht. Was herauskommen will, findet seinen Weg immer, manchmal
zerbricht eine Flasche und entleert ihre Flüssigkeit pur. Wer sich
benässt, erregt – im besten Fall Aufsehen. Ein Talent, ohne
Zweifel.
TARTÜFF

Der Biologismus ist die Tartüfferie der Seele, ihr Hopplada, eine
leichte Herausforderung für alle, die es schwer nehmen, wenngleich
nicht besonders. »Aber man muss doch erklären können –.« Man muss,
man muss. Eins durch das andere. Das Körper-Ich reibt sich die
Hände, während das andere barfuß Handstand übt. So kommen sie
weiter, vor ihnen liegt eine große Fläche. Verdopple mich, sagt das
Körper-Ich, ich weiß, dass ich’s bin. Das andere schweigt, es mag
sich nicht aufregen. Außerdem schweigt es nicht wirklich, denn, wie
immer man’s nimmt, im Körper-Ich weiß es sich redend. Wozu reden,
so mag es meinen, wenn doch Rede ist? Oder geht, wie man es nimmt.
Der Redefluss ist der Speichel der Seele, sie sieht sich im
Spiegel, sobald sie auf ihn herunterblickt. Das bin ich, sagt sie,
huch, wann hätte ich das gedacht! Sie hat kein Zahlengedächtnis,
die gute, daher gilt ihr alles gleich. Wenn das Körper-Ich morgens
die Waage besteigt, schlägt Seelchen die Hände über dem Kopf
zusammen: wie kann man nur so viel wiegen? Es selbst wiegt nichts,
behauptet es fest und wartet darauf, dass die Waage es besteigt.
TASTE THE WASTE

Der Westen endet, bei untergehender Sonne, zwischen den Hügeln, die, näher kommend, sich als ausgewachsene Berge erweisen, als Massiv, das nur bombardiert werden muss, damit es weiter gehen kann, zügig, wie denn sonst. Ein Massiv kann nicht bombardiert werden. Militärs wissen das, doch gehorsam, wie man sie will, wissen sie Mittel und Wege, ihr Wissen zu verschleiern. Sie bomben gehorsamst und richten sich darin ein. So genießen Zivilisten als untergehende Sonne, was für den, der Bescheid weiß, lodernde Brände sind, ausgelöst durch gezielte, klein erscheinende Ausrottungen, deren Zweck darin besteht, die Bösen zu vernichten, was nie falsch sein kann. Die Zivilisten behandeln den Rest der Welt, den sie nicht sehen, als Müll und glauben, manches könne man wieder verwenden, wenn die Zeit dafür reif und der böse Rest verschwunden sei. Sie sehen den Abfall nicht, der sich in den Blicken der anderen malt. Der Kampf der gefallenen Engel auf dem Müllhaufen der Geschichte hätte etwas Erheiterndes, wenn er nicht ununterbrochen Menschenleben forderte, eines Theseus harrend, um der Geschichte ein Ende zu machen. Ariadne spielt mit dem Faden, sie würde den Gang ins Labyrinth auch allein antreten, aber sie macht sich nichts aus Geschichte und bleibt deshalb draußen. Man kann nicht sagen, sie warte auf Theseus, sie ist geschäftig und zweifelt an ihren Kräften.
TASTENSCHLÄGER

Man muss ein paar Wörter in die Tasten schlagen beim Übertritt in das Jahrzehnt, das die Entscheidung bringt, ob einen das Schicksal alt oder sehr alt konzipiert hat. Die Leute legen Wert darauf, sich dabei nicht alt zu fühlen – eine einfache Übung, für die es genügt, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Anflüge von Resignation und, geben wirs zu, Erlöschensphantasien für diesmal beiseite zu setzen, sie weichen ja freiwillig. Körpergefühle der gröberen Art zeigen sich unbeeindruckt, man kann ihnen den Krieg erklären, nun, da man die Hände frei hat und eine gewisse Erwartung sich legt. Letzteres scheint das Entscheidende zu sein, das vom Himmel fallende Manna, die Speise, die sich selber nährt. Erwarte nichts von dem, was kommen wird, erwarte von dir, was noch kommen soll. Es gibt eine Altersmunterkeit, die die Jungen verblüfft und ein Stück weit täuscht. Von ihr fühlt man sich meilenweit entfernt und plötzlich, übergangsweise, seltsam angezogen, als läge in ihr die Lösung des Lebensproblems, das bleibt, dabei misstraut man ihr heftig und würde sie gern in die Rumpelkammer verbannen, in der die alten Rollen liegen, die heute nicht mehr gebraucht werden, obwohl sie einst auf den Bühnen die Welt erheiterten. Diese Welt hier will nicht erheitert werden, sie findet sich ›komisch‹ und weiß nicht, wie ihr geschieht. Es ist, als würde alle Welt plötzlich sechzig und fragte sich, was das nun wieder bedeute. So vieles hat man durchlaufen, dessen Bedeutung nicht wirklich klar wurde, dass der Satz, es habe nichts zu bedeuten, einem gründlich verleidet ist, er gehört zu den Unsätzen, die auf Unfug deuten und Unsicherheit. An diesem Tag erscheint sie gebannt, die alte Unsicherheit, an diesem Morgen zumindest, das Dasein jedenfalls erweist sich als fester Bestandteil des Sinns, bloß als Erreichtes.
TAUBENEIER

Auf ihre alten Tage wird die Theologie noch einmal kämpferisch und verspricht, alles anders zu machen, vorausgesetzt, sie bekommt den Kredit, den man ihr zäh und langsam entzogen hat. Sie hat eine eigene Vorstellung vom Menschen und seinen Rechten und verspricht, sie rigoros durchzusetzen. »Vergesst, was ihr habt, denn ihr habt es nicht wirklich. Man bewirft euch mit falschen Werten, als seien es Taubeneier. Das Gegenteil ist der Fall.« Manche, die sich frei wähnen, vernehmen die Botschaft und sind bestürzt. Wie, wenn sie recht hätte? Wäre dann alles anders? Wohin gehen die Errungenschaften, wenn sie errungen wurden? Gehen sie in die ewigen Jagdgründe ein? Oder stehen sie im Keller, mit Planen bedeckt und sorgfältig ausgezeichnet? Fragen, Fragen, nur die Antworten stehen dahin. Es ist alles so ungewiss und diese da sind so sicher. Was macht sie so sicher? Sie haben sich der gerechten Sache verschrieben und lieben den Kampf gegen das Heute, in dem ihr nicht Genüge geschieht. Aber: wenn die Uhren zurückgedreht werden, wo stehen sie dann? Im Futur? Vor allem: was zeigen sie dann? Zeigen sie noch die Zeit oder bloß, wo sie stehen? Wo stehen sie denn? Im Keller? Bei den Planen? Dort stehen sie längst. Was also wollen jene, die nicht länger nach Gerechtigkeit dürsten wollen? Den ersten Stein aufheben? Oder den zweiten? Ist der zweite nicht so schlecht wie der erste? Der erste beste oder der bessere erste? Nein, die Straße ist vielleicht nicht der Ort, das zu entscheiden. Wollen sie überhaupt etwas oder ballern sie nur in die Luft? Vielleicht erschrecken sie eine Taube und ein Ei fällt in ihren Schoß.
TAUSENDKRÜCKLER
Wenn die Herren des Wirklichen gescheitert sind, bezichtigen sie
die Literatur. Sinnigerweise finden sie in ihr starke Verbündete,
die erleichtert reagieren, sobald sich ein neuer Spielraum für
Einfälle auftut. Darauf haben sie lange gewartet, nichts können sie
weniger brauchen als eine stabile Lage. Spannt sich die Situation,
beginnen sie zu funkeln, die Bosheit bricht aus den Poren, das
Wortemachen, es lohnt sich wieder und verspricht den zu nähren, der
sich geschickt genug anstellt. ›Reicht doch!‹ steht über den
Krückendepots, aus denen sich jeder bedienen darf, der sich
öffentlich auszeichnen möchte. ›Reicht doch!‹ steht über den
Gabentischen, mit denen die Buchhändler das Auge ihrer Kundschaft
beglücken, ›Reicht doch!‹ über den Herbstprogrammen der Verlage,
›Reicht doch!‹ über den amüsanten Albernheiten, die den erwarten,
der den Lockrufen folgt. Einmal verflogen und nicht so weit her:
satis est.
TENBORCH

Die Krähen ziehen und machen einer Reihe anderer Vögel Platz. Warum
so unfreundlich? Auch hier sind Schwingen, sich zu erheben, und wo
sie fliegen, muss wohl die Luft sein, das ist doch klar. Ein paar
Zettel, wie immer sinnreich organisiert, vermitteln die Welt – aus
Punkt, Komma, Strich lugt sie hervor wie ein Stück Haut aus dem
Reißverschluss. Was heißt ›lugt‹? Triumphierend, mit Sang und Klang
und Trompetenschall, zieht sie ein, meinethalben auch mit Kind und
Kegel, wir wollen nicht rechten. Das flüsterte mir eine
Betschwester zu ihrer Zeit und es stimmt immer. Wer nicht sieht,
was nicht da ist, der sieht gar nichts und scheidet aus. Was er
ausscheidet, bleibt ihm überlassen, eine klebrige Sache das, alles
in allem, mit der eine Allgemeinheit, die auf sich hält, nicht
befasst werden sollte. Dieser hier wollte zeigen, was es nicht
gibt, er wollte es einmal in der vollen Pracht seines
Nichtvorhandenseins vorführen, aber auch ihm ist es nicht gelungen.
»Schau mal«, sagt ein Klugscheißer zum andern, und der repliziert:
»Was es nicht gibt!« Er könnte hinzusetzen: »Ulkig, was?«, aber das
käme ihm, alles in allem, albern vor und er kann es auch lassen,
schließlich ist er auf solche Phänomene trainiert.
TEXTPROBE

Eines der Wunderwörter der Sprache. Man muss es nicht erklären, es
zergeht auf der Zunge und eröffnet größeren Wundern die Bahn. Man
probiert einen Text wie einen alten Wein unter rituellen
Vorkehrungen und in allen Ehren, man kennt die Wonnen im voraus,
aber man will sie genießen, um zu erkennen, dass man von ihnen
nichts wusste. Textgenießer erkennt man an der Bereitschaft zur
Panik, mit der sie im Universum der Texte ihren Weg suchen, dessen
innerer Geradheit der äußere Anblick extrem widerspricht. Ein Satz
von Habermas z. B. kann sie in die Verzweiflung treiben. Die
Abwesenheit von Rhythmos und Melos lässt sie weniger am Sinn als am
Unsinn der Sätze zweifeln, den zu verwerfen ihnen um soviel
schwerer fällt wie er schwerer wiegt. Doch trösten sie sich mit der
Galileischen Einsicht in die Gesetze des freien Falls und erweisen
dem Aufprall, dem sie kurz nachhorchen, die Ehre eines säuerlich
verzogenen Mundwinkels. Wer alle Texte probiert, wer auf allen
Hochzeiten getanzt, wer jeden Wahn mitgegangen ist und jede Wanze
besprochen hat, gilt in diesen Kreisen als Aussätziger. Es sind
Reinheitsfanatiker, die lieber das Hemd wechseln als den Geschmack,
der sich ihnen in jedem Erschmecken aufs Neue erschließt: Wie kann
man Wunder auswechseln, die so vielgestaltig sind wie der Tag und
so undurchdringlich wie die Nacht? Wunder, die sich ereignen oder
auch nicht, so wie der Regen auf verdorrte Felder niederrauscht,
die nach ihm dürsten, ohne ihn zu kennen? Wer heute diesen und
morgen jenen Geschmack sein eigen nennt, dem kann man alles
vorsetzen, da er die Differenz bereits mitbringt und heimlich
entkorkt, während er zu genießen vorgibt, was gerade den Weg über
seinen Schreibtisch nimmt. Wer Geschmack beweist, ist schon im
Minus, er beweist nur, dass ihm alles gleich schmeckt. Mehr oder
weniger, mal mehr, mal weniger, im Grunde schmeckt alles nach
nichts.
TEXTUM SANCTUM

Eine Phänomenologie der heiligen Texte (des heiligen Textes), die
ihren Namen verdiente, dürfte sich weder mit
Oberflächenbeschreibungen noch mit Rückführungen auf
psychophysiologische Zustände und kulturelle Codes zufrieden geben.
Sie dürfte sich – sozusagen – überhaupt nicht zufrieden geben. Sie
müsste sich, gleichsam bis ins Kleinste, mit den Vorgängen vertraut
machen wollen, die durch die Texte, die geschriebenen wie die
ungeschriebenen, induziert (und indiziert) werden. Das sind, nach
Lage der Dinge, Bewusstseinsvorgänge, und solange das
intellektuelle Phlegma in allen Fragen, die das Bewusstseins
angehen, anhält, solange sind hier keine Fortschritte zu erwarten.
Alle Texte sind im Bewusstsein von Texten geschrieben und
existieren nur im Bewusstsein von Texten. Dieses Bewusstsein ist
ebenso vielgestaltig wie einfach. Es macht keinen Unterschied
zwischen einem heiligen und einem profanen Text, denn dieser
Unterschied beruht auf einem Erkennen, das einer kulturellen
Wertigkeit gilt, einem Kanon. Wohl aber kennt es Intensitätsgrade
des Ergreifens und des Ergriffenwerdens, Grade der Scheu und des
Abscheus, in denen ein erster Akt innerhalb des Lesens
fast greifbar wird, ohne sich dem
tastenden Zugriff ganz zu erschließen. Ein ›erster Akt‹, was soll
das sein? Das Aufdämmern der Möglichkeit, sich auszuschreiben,
etwas ›in Text‹ zu überführen
und
darin wirklich werden zu lassen, das doch gelebt werden muss
und nur als Leben zugelassen ist (an welchen Tischen?), führt auf
allen Wegen über den Rand des profanen Lebens hinaus, das ab jetzt
Nichts-als-Leben heißt und damit gebrandmarkt ist. Sakral ist der
Text, der den einfachen Wunsch, da zu sein, aufnimmt und verwandelt
in den Wunsch, diese Strecke, diesen Parcours, den der Text
absteckt, irgendwann durchlaufen zu haben. Wie durchlaufen? Aus dem
Da-sein ist ein Da-und-dort-sein geworden, eine verschobene, eine
verrückte Existenz. Wohin verschoben, wohin verrückt? Wo liegt das
Einfache dieser Verrückung? Mit dem Text tritt die Möglichkeit in
das Leben, mehr zu leben als
dieses Leben. Welches Mehr? Ein Mehr
an Kraft, Nachdenklichkeit, Bezügen? Dies alles und mehr. Ein Mehr
an Offenheit, vielleicht. Der Text entwirft eine Traktion in die
Zukunft, er wirft, buchstäblich, Seile ins Unbekannte. Man kann
Angst vor den Texten bekommen, man kann den Drang in sich spüren,
sie zu zerstören, umsonst. Das Loch ist schon gebrannt, das
Aufgeschlagensein der Texte erlaubt kein Zurück. Wohin zurück? In
die Gegenwart? Die Gegenwart ist der Antipode der Texte, sie ist in
ihnen durchlaufen, wenngleich nicht abgetan. Sie ist das sich
Öffnende, das gerade jetzt sich Öffnende, sie ist mehr Gegenwart
als zuvor, aber sie ist einer der Pole jener Verrückung, ein Pol,
obwohl sie doch alles und jedes umschließt. Was man
das Imaginäre nennt, ist eine
ungeheuerliche Verharmlosung angesichts des Eingriffs, den
der Text im Leben des
Einzelnen vornimmt. Neben ihm bleiben nur Ergriffenheiten zweiten
Grades, lose Anmutungen früherer Existenzformen, Erkundungen
elementarer Mechanismen des Menschseins, aus denen alles entwichen
ist, was das Seelchen und seine bezahlten Betreuer in ihnen suchen.
TIEFDRUCKRINNE
Als Willy Brandt die Bürgernation ausrief, war der Jubel groß, fünf
Jahre später wurden die Schotten geschlossen und es ging wieder um
Gewinne. Die Effizienzmaschine nahm ihre nie wirklich unterbrochene
Arbeit auf, die linke Larmoyanz trottete in die ausgetretenen Wege
zurück, das öffentlich zur Schau getragene ›Bewusstsein‹ verfiel
jener ostentativen Form der Quartalssäuferei, die es als
Lernprozess deklariert. 1990 wiederholte sich das Schauspiel im
Osten. Was der Ausdruck ›deutscher Herbst‹ nun eigentlich bedeutet,
wurde nie geklärt, stattdessen erzählt man die immer gleichen
Geschichten mit dem immer gleichen falschen
Zungenschlag, als hätten sich
die Kinder nun einmal daran gewöhnt und dürften nicht beunruhigt
werden. Wer wen regiert, ist keine Frage, sondern eine Antwort. Man
bekennt sich und hält sich bedeckt. Unter Graupelschauern beteuert
man, großen Spaß zu haben, und unter Palmen ist der Spaß riesig.
TOCHTERVATER
Im Tochtersein liegen zweierlei Gnaden, eine von Geburts und eine
von Geschlechts wegen, die erste wollen wir aussparen und die
andere geschickt umschiffen, damit nichts passiert. Was soll schon
passieren? Das töchterliche Verlangen nach väterlicher Zuneigung
kann frenetische Züge annehmen. Es kann sich in diesen Zügen aber
auch einnisten und in Selbstadoration aufgehen. Wer wäre der Vater,
der ihr genügte? Das ist übrigens eine gute Frage, der man besser
nicht nachgeht, da sie ins Dickicht führt. Echte Väter wissen das
und sind immer bereit, ein bisschen Unkraut platt zu treten.
Übrigens lebt die Tochter auf einer Insel, wo keiner sie besucht. O
diese Tochter-Insel! Für den Vater ist jede Tochter Andromeda. Er
wäre gern Perseus, aber er fürchtet den Drachen und auch, dass er
nicht gemeint ist.
TOD
Zu den vergeblichsten aller vergeblichen Unterfangen
des
Lebens, als heimliche
Wurzel aller Bemühungen, gehört es wohl, dem Tod zu entkommen.
Sogar im Begriff der Zeit steckt ein solcher Versuch. Man will Zeit
gewinnen, obwohl man sie doch verliert. Kein Gesetz auf der Welt,
das nicht auf die eine oder die andere Weise dem Tod entgegentritt,
selbst der Krieg. Insofern ist jeder ein Illusionist im Bezug auf
die mannigfaltigen Felder und grauen Zonen des Todes. Man nähert
sich dann im Alter möglichst langsam den Kittelträgern der
Zoologie, den grammatikalischen Brücken der Philosophie, der
zweiten Natur der Kunst und dem Sophismus der Liebe Gottes, und
selbst über die letzte Befreiung vom Illusionismus der Götter
gelangt man, von Neugier und Schuldgefühlen getragen, vielleicht in
die letzte und größte aller Verzögerungen, in den Halbtod von
Himmel und Hölle. Manche bleiben an dieser oder an anderer Stelle
stehen. Bei Dante und Manganelli ist Zeitlosigkeit das letzte
Stilmittel der Ausdehnung über das Leben hinaus. Jahrhunderte lesen
hier gleichsam mit und verschweigen die Uhrzeit.
Laotse, auf seinem langsamen Wasserbüffel, auch hier spielt die
Langsamkeit eine Rolle, sieht in der Ferne »der Berge Gipfelriesen«
und einem einsamen Straßenwächter an einer der mächtigen
Mauerschleifen, die auch dazu da sind, den Weg zu verlängern,
gesteht er, »Tue nichts, und alles ist getan.« Goethes Faust, wie
man sich denken kann, bis zum Schluß noch gerne in anmutiger
Gegend, hofft hingegen auf »kleiner Elfen Geistergröße«, die den
Jammer des Heiligen oder des Bösen wenigstens mitempfinden. So
tritt man dem Tod durch schöne Tapeten oder in eisiger Luft in
chinesischer und deutscher Denkart entgegen. - PM
TODESENGEL

Dies ist der Todesengel der zeitgenössischen Literatur, niemand
macht es so schön wie er und keiner verweigert sich, wenn er ihn
zum Gespräch bittet, um ihm das Zeichen auf die Stirn zu drücken.
Seine Bewegungen sind voller Sanftmut, auch seine Stimme, soweit
sie sich der Öffentlichkeit bekannt gemacht hat. Viele halten ihn
für eine eher unscheinbare Gestalt und sie täuschen sich nicht,
denn einer, der den Schein zum Erlöschen bringt, den andere werfen,
ist nicht darauf angewiesen zu scheinen, es behindert ihn eher.
Über diesen Sachverhalt täuschen sich viele, vor allem solche, die
auf die brave Einfalt von Vokabeln wie ›Multiplikator‹ setzen.
Nein, dieser alternde Jüngling ist kein Multiplikator. Eher ein
Divisor: er teilt die Menge und nimmt das Meiste von dem hinweg,
was sich ihm darbietet, auf dass er es austeile. Wehe dem, der auf
ihn setzt; das Ergebnis könnte enttäuschen. Warum er das tut? Muss
es immer Gründe geben? Es geht auch ohne. Mancher hat eine Mission,
von der seine Umgebung nichts ahnt. Da genügte ein kränkendes Wort
in der Kindheit, man kennt das. Aber sie hinübergeleiten, einen
nach dem anderen, ihren Fuß mit Lethe netzen, das Boot losbinden
und langsam, langsam zum Gleiten zu bringen, ihm zusehen, wie es im
Nebel verschwindet – wer den Reiz dieser Aufgabe nicht empfindet,
der ist für die Welt der Kultur verloren. Er wird auch nie wissen,
worum es geht, obwohl gerade das seine dringlichste Frage ist.
TODESKANDIDAT
Wer begriffen hat, dass über dem Tor zum Inferno des zwanzigsten
Jahrhunderts die Gleichung Gott = Gesellschaft steht und ›Gott ist
tot‹ nur als hingekritzelte Latrinenparole mitläuft, der hat auch
begriffen, warum die verantwortlichen Denker dieses Jahrhunderts
den Begriff der Wahrheit zerstören mussten – nicht um der Wahrheit
willen, bewahre, sondern der Gesellschaft zu Gefallen, die mit ihr
›nichts anfangen‹ kann, und das von Anbeginn. Nun hat es mit der
Begriffszerstörung seine Bewandtnis: was hinten verabschiedet wird,
spaziert vorne zur Tür herein
et
vice versa. Nicht ob die Gesellschaft ›tot‹ sei, ist also
die Frage, sondern ob Gott sich aus ihr verabschiedet hat und
weitergezogen ist.
Die Wahrheit
ist, dass ›die Gesellschaft‹ ihre motivierende Kraft
eingebüßt hat. In ihr besaß man einen Gott, wie man ihn noch nicht
kannte: einen Selbstverstümmler, gewaltsam im Exzess, dabei nicht
frei von sentimentalen Anwandlungen. Eine Zeitlang glaubte man in
ihm Saturn zu erkennen, den seine Kinder aufessenden Götzen, später
Medea – lauter Sentimentalitäten, verglichen mit der Figur des
Über-Ödipus, der sich nach vollbrachtem Gemetzel, äußerlich
zwangsberuhigt, erst ein Auge, dann das zweite ausreißt und
genüsslich verspeist: ein Todeskandidat ohne Überlebenshoffnung,
aber voll intimer Überraschungen.
TODESWUNSCH
Dieser Wunsch zu entschweben, von einem tauben Element davongetragen zu werden, sich von ihm ermorden zu lassen, als gelte es ein besseres Leben, sich die Luft zum Atmen, die von irgendwoher bereits knapp wurde, mit Hilfe einer kleinen selbstgebastelten Vorrichtung selbst zu verweigern, was ist das?
Sein Leben in die Hand nehmen – ist es das? Um es fortzuschleudern? Wohin? Wer schleudert, wer wird geschleudert? Wohin geht ein Leben, das fortgeht? Das ist keine Jenseitsfrage. Es geht ja wirklich, und gleichgültig darum, ob der Weg lang oder kurz ist, muss er gegangen werden und wird gegangen. Dieser wirkliche Weg ins Aus, vielleicht ohne Panik gegangen, aber im inneren Aufruhr als Ende einer langen Kette von Gedanken und Handlungen, ihn kennt niemand, der ihn nicht zu Ende gegangen ist. Auch dieses Geheimnis geht in den Tod ein und ist sein Besitz.
TOD DURCH ERREGUNG

Sir Jonathan Husband jr. wird zum Tode verurteilt, weil er gut findet, was auf diesem Planeten geschieht. »Ich finde die Welt gut, wie sie ist« – ein Wahnsinniger, der so etwas schreibt, leider nicht im rechtlichen Sinn, sonst könnte er vielleicht überleben. Was schreibe ich da: er wird überleben, so oder so, kein Gericht dieser Welt wird sich bereit finden, die Vollstreckung des Urteils anzuordnen. Jedenfalls wiegt er sich in dieser Hoffnung, eitel, wie er ist, hofft er auf künftige Anhänger. In der Zwischenzeit schreibt er Briefe an seine Angehörigen, in denen er beteuert, sie da nicht mit hineinziehen zu wollen, auch bestätigt er bereitwillig allen, die nichts damit anfangen können, sie hätten mit seinen Auffassungen nichts zu schaffen. Man weiß nicht, ist es naiv oder durchtrieben, leicht zu durchschauen ist das Spiel allemal. Die Menschen haben mehr mit den Gesinnungen ihrer Nachbarn zu tun als man denkt, und Fernwirkungen gehören zum gesicherten Inventar. Wer Gesinnungen erregt, weiß sich zumindest ihrer zu bedienen, er gehört auf den Scheiterhaufen, den sie zusammen auftürmen.
TONFALL
Sie werden den Ton aus allem heraushören, den Ton des
Alphazets, daran werden Sie nicht
vorbeikommen, das ist schon geschehen, auch wenn es noch in der
Zukunft liegt. So ein Ton liegt stets in der Zukunft, er fließt
ein, sanft oder ungestüm, je nach Musikerlaune, aber es bedarf
keines Musikers, nicht in diesem Fall, denn es ist, den Logophilen
sei es gesteckt, der Ernstfall. Sie haben richtig gelesen, der
Ernst kommt irgendwann zu Fall, er hat seine Kadenz wie alles
andere auch. Den Ernst
abhören, während er fällt, diesen
ganzen langen, unendlich verwickelten und doch verblüffend
geradlinigen Fall, ihm
zuhören, so wie man jemandem etwas
zukommen lässt, den man schon lange kennt und schätzt, dessen
Lebensweg aber Fragen aufwirft, mit denen man sich nicht abzugeben
wünscht, das ist der Ernstfall, jedenfalls an den Stätten des
Denkens, dort, wo gedacht wird. Wo die liegen? Im Ernstfall dort,
wo Menschen das Denken meistens vermuten, im Gehirn. Doch hat es,
wie man hört, seine Absencen. Das Gehirn registriert den Ton, es
registriert ihn schon lange, wie den Nachhall einer Tür, die ins
Schloss fiel, vor langer, sehr langer Zeit. Gestern also oder vor
drei Sekunden, wer soll das wissen.
TOTE AUGEN
Da ruhen sie, wie Fische der Tiefsee, und sehen niemanden an. Niemand, wer sonst, kann diesen Blick aushalten, er spielt nebenbei mit dem Schuppengeflecht und fordert Aufschluss. Schließt euch auf, Augen, in beiderlei Richtung läuft der Verkehr, ein toter Blick fesselt keine Seele, und wenn schon, dann erst nach Mitternacht, wenn die Schau vorbei ist. Unten herum ist es bekanntlich dunkel, da fällt weniger ins Gewicht, was andernorts Furore zu machen bestimmt wäre. Also benehmt euch. Keinem wird etwas genommen, weil man euch ignoriert. Niemand hat gut reden, er kennt die Verhältnisse wie keiner sonst und freut sich, wenn er Gesprächspartner findet, deren Wissen nirgendwo stockt.
TOTENINSEL

Der Tod ein ›fait social‹ und sonst nichts –? Das möchte man sehen.
Billig ist es zu sagen, man erlebe den Tod nur an anderen,
bestenfalls mit anderen, wenn man bereit und fähig ist, einen
anderen auf dem Weg in den Abgrund zu begleiten, oder wenn man eine
kollektive Katastrophe wider Erwarten überlebt. Nachdenklich macht
vor allem das letzte Beispiel, denn es demonstriert, dass das, was
man gemeinsam erlebt, jedenfalls nicht der Tod ist, der auf all
diesen Wegen überhaupt nicht erfahren werden kann. Auch daraus
lässt sich ein Argument zugunsten der Behauptung stricken, der Tod
sei eine soziale Größe: Was ich nicht aus mir selbst weiß, das weiß
ich nur als Mitwesen, sei es, dass ich jemandem den Schädel
einschlage, sei, es, dass ich einen hier und jetzt Toten im Leben
gekannt habe und den Unterschied wahrnehme oder sogar empfinde, als
Trauer vielleicht, das soll vorkommen. Ein schönes Argument, ein
prachtvolles Argument und so lebenswahr. Nicht wahr? Nur der Tod,
die Idee der Auslöschung meiner Existenz, sei sie hiesig oder
überhaupt, bleibt daraus... sagen wir: ausgeschlossen. Und das soll
er wohl auch, damit das Gehäuse der gesellschaftlichen Fakten, in
dem es aus jedem Winkel zieht, seinen Charakter als geschlossene
Anstalt behält, an der so vielen so viel liegt. Macht die Tatsache,
dass ich das Wort ›Milchstraße‹ von meinen Mitmenschen lerne, die
Milchstraße zu einem gesellschaftlichen Faktum? Und wenn, in
welcher Weise? Ist ›die Gesellschaft‹ selbst... vielleicht eine Art
Matrjoschka und nimmt sich auf jeder Stufe wieder in sich hinein?
Wer die Idee des Erlöschens nicht in sich hineinnimmt, und sei es
nur in der mildesten Form, als einen Sonderfall des Überlebens, den
sich nur niemand recht vorzustellen vermag, an den ist sie
überhaupt nicht herangekommen: Ein reizendes Subjekt wäre das, in
das nichts hineinkommt, ganz reizend, wirklich, ohne Zweifel, ganz
ohne Zweifel.
Die Toteninsel liegt auf dem Land, auf dem flachen Land, man kommt
trockenen Fußes hinein, aber man muss nicht nur loslassen, wie es
in den Handbüchern heißt, man muss sich auch abstoßen können,
plötzlich, aus eigenem Entschluss, etwas gilt es da zu bestehen,
von langer Hand, das sich nicht von allein versteht, das mit
Abwarten nicht zu erreichen ist, allenfalls in einer
schreckkomischen Verzweiflung, die mit sich selbst hadert und sich
nicht zulassen will, weil die Kränkung, die in ihr liegt,
zweifellos ein ›fait social‹, nach Kompensation verlangt, nach dem
größtmöglichen gesellschaftlichen Aufwand.
Rettet mich! Ihr seid Schweine –!
TRÄUME

Im verwickelten Strom der inneren und der äußeren Literatur, in der
nächtlichen Bibliothek des Schlafs, erheben sich Schattenfiguren
und Stimmen bekannter und unbekannter Freunde. Sie werden begleitet
von Ansichten bedeutender Archiktektur auf ansteigenden Straßen und
Plätzen. Man entdeckt Antiquitätengeschäfte und Galerien, die eine
Kunst vertreten, die ebenso unbekannt wie wahrscheinlich anmutet.
Sie wird vorgestellt von neu zusammengesetzten oder ergänzten
Freunden oder flüchtig bekannten Menschen der Öffentlichkeit, die
sich ebenfalls mit ihnen vermischen. Diese Literatur der Träume
zeigt ein künftiges, zartes, fast fliegendes Leben, man fühlt keine
Anstrengung, wenn man die mächtigen Treppen der Kathedralen
ersteigt oder durch halb zerstörte, aber durchaus belebte Straßen
eine bestimmte Rückkehr verfolgt, ohne zu wissen, in welche
Richtung man laufen soll. Die in Ungewißheit schwebende Dämmerung
weit geöffneter Kathedralen führt an hölzerne Schreine, an uralte
Nischen und Grotten, in denen die Weisheit einer christlichen
Religion in Gestalt von Büchern oder Gebeinen waltet. Epitaphien,
bedeckt mit gemeißelten Spuren jener
Angst, die uns neuerdings immer vor den
schleppenden, üppigen Rankenwerken befällt, deren Schwung in
anderen Zeiten die Sinne ergötzt hat. Wir fühlen uns schuldig in
der Armut oder im Missverständnis unserer Tage, in denen wir solche
Gewürze verdrängt und vergessen haben.
So aber, wie die fremd gewordenen Freunde, drängen sich mir die
verlorenen Zeiten auf und wirken ernüchternd. Die geschwächte
Gegenwart, die jetzt bereits in den Schlaf gedrungen ist, erzeugt
eine trübe Vergangenheit und darüber hinaus eine unbedeutende
Zukunft, und selbst die schmerzhafte Vergesslichkeit ist
vorsorglich darin eingewoben. Als Prophezeiung verwirrt sie kaum
noch den Schlaf, der doch einst die Vernunft erlöst hat, und die
alte, berühmte Ferne der Aussicht wird allzu rasch vom Schleier der
Maja verhüllt, da wird nichts mehr geglaubt, nicht einmal im
Schlaf.
Der gute Schlaf gelingt nur noch selten. Selbst die mächtige
Architektur dieses Tempels zerfällt, wie draußen die Straßen, in
verwilderte Höhen und Tiefen, die belebt sind von wirren Umzügen
mit Baldachinen, Monstranzen, Kelchen und kopflosen Mitren, die,
auf abgerissene Äste gesteckt, einst von Päpsten getragen wurden.
Nur selten schweben ihre erlauchten Köpfe, die Augen nach oben
gewandt, von Schutzpatronen begleitet an Säulen dahin. Anwesende
Besucher vor Wandgemälden, Altären und Taufsteinen sind in der
Stimmung der schwarzen Vögel, die sich im Herbst an Turmspitzen und
Dächern versammeln, um von hier aus in ferne Gebiete aufzubrechen.
Niemand will bleiben.
Diese Menschen leben wie Vögel auf Bildern, die andere Zeiten gut
aufbewahrt haben und die jetzt erneut zu wirken beginnen. »Wir
versammelten uns doch schon einmal vor deinen Augen, an einem
anderen ferneren Ort, den du sträflich vergessen hast«, sagt
sorgenvoll eine Stimme. Wieder spürt man den traurigen Vorwurf über
die sündhafte Vergesslichkeit. Man hat hier alles wirklich schon
einmal gesehen, entweder gemalt oder so im Aufbruch begriffen, wie
man vorhin, noch im besseren Zustand des Traumes, die blaue Vase
und die zwei alten Tassen mit schönen Flügeln aus Porzellan, kurz
vor ihrem Ausbruch aus dem staubigen Schaufenster, gesehen hat. -
PM
TRANSPERFORMANZ
Wer in der Welt der Kultur eine Zeitlang nicht das Wörtchen
›Performanz‹ einzusetzen wusste, der beherrschte das Geschäft
nicht, er war definitiv ›draußen‹. Der Körper hatte die Bühne des
gesitteten Denkens betreten, es verlangte ihn nach Spielen,
nach mehr Spielen, nach der Welt als Spiel, zum Entzücken aller
Liebhaber und zum Entsetzen der Antiquare, die dem wenig entgegen
zu setzen wussten. Seit die Performanz regiert, gibt es sie wieder,
die düsteren Hallen des Geistes, in denen die Menschheitsgedanken
unbewegt, in Kisten und Kasten verpackt, registriert und geordnet,
dem Schlummer der Ewigkeit obliegen. Manchmal reibt sich der eine
oder andere die Augen, erstaunt, dass es um ihn so ruhig geworden
ist, und entschlummert erneut.
Was aber tun, wenn die Performanz selbst sich mit Sehnsucht nach
dem Gedanken zu tragen beginnt, wenn sie ein Bedürfnis entwickelt,
ein schweifendes Begehren mit ungewissem Ausgang, aber festen
Absichten? All diese prachtvollen Verkörperungen des Sagbaren
müssen schließlich erfahren, dass das zu Sagende sich leise
verdrückt, sobald es begreift, dass es nur den Rohstoff der
Inszenierung liefert und nicht weiter in Betracht kommt. Selbst
Drehbuchschreiber werden schlechter, sobald man es nicht mehr der
Mühe wert findet, sie zu erwähnen.
Das nächste Zauberwort an den Fördertöpfen heißt daher
Transperformanz: eine ›wie verwandelt‹
wirkende Performanz, ganz auf ihre neue Aufgabe eingestellt, aufs
Gebären und Austragen und schließlich die Aufzucht klitzekleiner
Gedankenkinder, die auch einmal groß werden sollen – hinreichend
groß, um im Zirkus den wilden Mann zu geben und mit bloßen Zähnen
einen Elefanten unter der Kuppel zu präsentieren. Denn Präsenz ist
alles. Die Geisteraugen, aus denen uns das Vergangene anblickt,
sollen sich vor Entzücken verdrehen. In der Gegenwart strömt alles
zusammen, sie ist Ware und Handelsplatz, Verkäufer und Betrogene,
Bühne und Paukboden, warum nicht Gedanke; einmal
ganz Gedanke sein, das gibt ein
liebliches Bild.
TRANSZENDENZ

Die unendliche Zärtlichkeit, mit der frühere Generationen von der
Poesie redeten; die unendliche Geschlagenheit, die einen selbst von
ihr reden lässt. Selbst bei Figuren wie Rimbaud oder Trakl ist
Poesie Lust. Erst im Zeitalter der Lust, dessen Statthalter sie
vielleicht immer war, wird sie zu Krümel und Falte. Leben wir auf
dem Olymp? Mitnichten. Fragen Sie einen beliebigen Zeitgenossen –
er hält das Leben der olympischen Götter für eine Lüge, mehr: für
einen Fehler. Was Götter bewegt, lässt ihn kalt. Der Zwang, jeden
Augenblick in die Zukunft zu stürzen, von Naiven wie Sartre einst
als Nötigung zur Transzendenz angepriesen, lässt Gegenwart gar
nicht aufkommen. Sie ist in Erwartung des kommenden Urlaubs
konsumiert. Die Zukunft ist der freie Fall: das bedeutet nicht, ›in
Zukunft sind alle frei‹, es bedeutet, die Zukunft hat nichts
Entgegenkommendes mehr und die Zahl derer, denen sie gestohlen
bleiben kann, wächst. Bleibt die Frage, wer sie gestohlen haben
könnte. An dieser Stelle entstehen Mythen wie eh und je, aber
düstere. – Nun, Herr Sartre, wie fühlt man sich nach dem Sieg, als
toter Commandante einer toten Truppe, unbeerdigt neben einem
offenen Grab, nahe einem Fluss, dessen Namen vergessen wurde, in
einem Deltagebiet, über das ein Frösteln hingeht? Sagen Sie nicht,
das sei lange her und sie hätten, wie jeder gute Zeitgenosse,
dazugelernt; diese Dinge fallen in eine Generation, die nun
verfällt.
TRASH
»Von den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird in
Erinnerung bleiben, dass man damals die Trash-Form des
Schreibens tradierbar gemacht hat.« »Zumindest unter
denen, die es angeht«, sagt G. »Ein paar Literaten und Kritiker,
unbedeutendes Volk. Aber weiter.« »Diese raschelnden Papiere, die
sich zu neuen Papieren zusammenschieben, von flüchtigen Notizen
durchzogen und hier und da mit Frage- oder Ausrufezeichen
aufgewertet, nicht zu reden vom ›Marker‹ und den an die Ränder
gestrichelten Pfeilen, korrespondieren auf seltsame Weise den
Klamotten der Damen, die damals massenhaft in den Seminaren und
Hörsälen saßen.« »Was willst du damit sagen?« »Nun, es waren
Töchter, die da herumsaßen, größtenteils mit Gedanken ans Aus- und
Einziehen beschäftigt, Bewohnerinnen eines geldgeschützten
Innenraums, den außer ihnen überhaupt niemand als real betrachtete,
abgesehen von den Dozenten, denen es eine diebische Freude bereitet
haben muss, ihn flüchtig zu dekorieren – von Vorlesung zu
Vorlesung, von Publikation zu Publikation.« »Und damit...« »In
einer solchen Atmosphäre baut man keine Trutzburgen und keine
Angriffsmaschinen. Man begnügt sich damit, den Leuten eine Handvoll
›Materialien‹ zukommen zu lassen, ausreichend, um ein Date zu
vereinbaren oder eine Prüfungsvorbereitung zu strukturieren – ganze
Haufen Gekritzel, verrutschende und im geeigneten Augenblick über
den Boden verstreute Blätter, auf denen der neugierig huschende
Blick alles findet, was er zu finden hofft, oder auch nicht...«
»Oder auch nicht. Ich erinnere mich gut an die Gebärde, mit der
eine Kommilitonin die Stapel, die ihre Bude zeitweise in ein
Mausoleum für modernes Denken verwandelt hatten, nach dem Examen im
Container verschwinden ließ – ein bisschen Wehmut lag darin und
große Gleichgültigkeit. Man sah, dass sie schon weg war.« »Ich
kenne die Wehmut der Dozenten, die wussten, dass ihnen früher oder
später das süße Gift ausgehen würde, wegtrocknen wie die Tinte in
den anachronistischen Füllfederhaltern, auf deren Gebrauch sie eine
Zeitlang beharrten.« »Die Kultform der Beiläufigkeit... Man ist der
Junge, der gerade zufällig um die Ecke biegt.« »Und das
ex cathedra. Eine hohe
Kunst. Heute, da der Barthes ab ist, fällt sie in sich zusammen.
Die Hüterinnen des Zusammengehens sind ausgezogen. Hier und da
findet man noch ein Leseexemplar und blättert verstohlen in ihm
herum. Aber im Großen und Ganzen...« »... wiederholt sich das Halbe
und Kleine. Es holt sich wieder, was es braucht, und fragt nicht
nach dem Purismus vergangener Tage.« »Der so puristisch nicht war,
eher verwertend.« »So viel unnützes Papier. Das Waldsterben, was
haben wir gebangt.«
TRAUERFALL
Dass die Gesellschaft längst tot sei, sollte für jemanden, der an
Denkfiguren der Alten geschult ist, nichts Überraschendes haben.
Ein gebildeter Nietzscheaner zum Beispiel wäre imstande, die
Stationen ihres Verblassens, seit sie als
societas civilis das Licht der
gebildeten Öffentlichkeit erblickte, mit Leichtigkeit nachzeichnen,
auch wenn er die Regung aus einem eingeborenen Aristokratismus
heraus unterdrückt, der ihn an diesen Fels des Seins schmiedet. Die
Epoche der Gesellschaft wäre in seiner Darstellung wenig mehr als
das papierene Säkulum, dem man keine weiteren Wälder nachwerfen
sollte. Heute, da sie niemand mehr braucht, da ihr weitgehend
entleerter Begriff den klaren Blick auf die Sachverhalte vernebelt,
bleibt, die verzweifelte Hoffnung Schiffbrüchiger auf eine
Wiedergeburt einmal beiseite gelassen, die Frage zu erörtern, was
denn an ihre Stelle zu treten vermöchte. Im Liberalismus, der
Kirche der Gläubigen der gesellschaftlichen Dinge, und seinen
sozialistischen Ablegern ist mehr Glaubensbereitschaft versammelt,
als die Botschaft vom Ableben der Betagten verträgt. Man müsste
diesen Leuten ein verblüffendes, auf genauer Kenntnis ihrer Nöte
beruhendes Angebot unterbreiten und ihnen Zeit lassen, es sich zu
eigen zu machen, nach dem Motto: Was noch im Namen von Gesellschaft
geschieht, geht fehl – mit jener Unfehlbarkeit, mit der ein toter
Gedanke sich selbst denunziert. Was also wäre zu gründen? Eine
Auffanggesellschaft? – So dächte ein gebildeter Nietzscheaner, so
könnte er zu denken versucht sein, wenn es ihn gäbe. Aber wäre er
dann Nietzscheaner?
TRAUMSATTEL
Wer den Traum reiten will, muss ihn satteln. Aber kann er es auch? Den Traum reiten, das geht nur im Traum. Manche Träume erscheinen fertig gesattelt, fehlt nur der Reiter. Andere wollen geritten werden und verweigern den Sattel. Sie suchen den wilden Träumer, aber er ist selten geworden. Träume interessieren ihn nicht. Sein großer Traum ist die Traumlosigkeit ohne Vergessen, der Traum aller Träume. Der wilde Träumer ist Platoniker, er will, dass die Welt vergeht und er will dabei zusehen. Aber will er dabeisein? Wenn ja: warum? Wenn nicht: warum nicht?
TROJA
Diese Retrospektive hat uns gefallen und wir empfehlen jedem
hineinzugehen. Man sieht, dass der Künstler sich etwas bei seinen
Bildern gedacht hat. Ein Bilderbogen der Punischen Kriege zum
Beispiel, in Kohle gearbeitet, deutet den Endschlag an –
Armageddon. Die Mitte Europas, ausradiert auf künftigen Landkarten,
atomar verwüstet und unbegehbar gemacht auf menschliche Zeit. Ein
weißer Fleck in der Zukunft, der man selbst ist, mitsamt den
Menschen und Traditionen, den Bauwerken, Landschaften, Traumbildern
und Ideen, den in endlosen Alltagen erdachten Gebilden und
Phantasmen, den mit ihnen verwachsenen Wünschen und Ansprüchen. Das
wäre, das war, das
ist
Karthago – ein unüberbietbares Vorher-Nachher, eine Fata Morgana
des Grauens, genährt durch den in Wahrheit unausrottbaren
Fortschrittsgedanken.
Halb plastisch, auf Holztafeln montiert, Motive aus einem fernen,
rauchenden Troja: Priamos, sterbend auf die Schulter Heydrichs
gestützt, von verkleideten SS-Leuten außer Landes geschafft,
Heydrich selbst, vom Attentat genesen und unerkannt unterwegs zu
neuen Ufern. Brennende, schon halb zerfallene Paläste, Damen der
besseren Gesellschaft stürzen sich hastig in die bereitwillig
hingehaltenen Schwerter ihrer Liebhaber, Gemetzel in den Straßen
und Gassen, Raub und Kasteiung, Bilder über Bilder, alles vorbei
und allgegenwärtig, ein unlöschbarer Brand, eine Schande, die
niemals erlischt. Niemals? Niemals.
Solange Menschen, begabt mit Gedächtnis, die
Erde... Wie gesagt: Gehen Sie hin!
Die pragmatische Geschichtsschreibung überhängt ihre Löcher mit
Bildern, die immer auch einen Teil des Gewebes überdecken, dafür
aber Handlungssignale in alle Richtungen senden. Manche sind fest
montiert, wer sie abnehmen möchte, läuft Gefahr, einen Teil der
Konstruktion einzureißen, andere lehnen nur leicht an der Wand, als
warteten sie darauf, aufgehängt zu werden, was selten geschieht.
Letztlich stehen sie gut. Wieder andere fungieren als Stellwände,
sie lassen Durchblicke und -gänge frei, doch nicht in alle
Richtungen. Diese beiden öffnen den Weg in den Hintergrund, aber
nur halb, man zwängt sich eilig zwischen ihnen hindurch, der
flüchtige Blick rafft, was er mitnehmen kann, es ist nicht viel,
aber mehr als genug. So wie sie einander gegenüber stehen, nimmt
eines am anderen Maß. Karthago endet, Troja nie. Schande oder
Untergang... wer sich da nicht entscheidet, den wird man wohl einen
Bilderfeind heißen. »Weitergehen... einfach weitergehen...« sagen
die Wärter im Vatikan, die den Trubel schon länger kennen. Die
Macht der Bilder führt leicht zu Verspätungen, währenddessen warten
das Essen und die kleine Lektüre am Abend. Was ich heute wohl
auslesen werde? Eine Frage auch das, an Zeit und Raum.
TROMMELWIRBEL

Die Militärsprache im Zustand der Politik der anderen Mittel kennt
die höllische Komposition der Gleichheit aller im Tode durch
Trommelwirbel und Pfeifen, aber die Pauke darf da nicht fehlen.
Zwar ist die Trommel mit größerer Sicherheit als die Pauke ein vor
undenklichen Zeiten von Geistern gesandtes und bis heute von ihnen
beherrschtes Instrument. Im Vergleich zu ihr scheint die Pauke bloß
größer und dümmer und scheinbar im Ton von harmloserer Wirkung auf
das Gemüt der Soldaten, aber man hüte sich vor solchen
Einblasungen, die uns glauben machen wollen, die Pauken kämen vom
Himmel. Zwar stünde die Pauke, so könnte man meinen, den Göttern
wegen ihrer naiven Großzügigkeit und Donnerverwandtschaft gut an,
aber man täusche sich nicht. Die rasselnde Intelligenz der Trommel
in Gemeinschaft mit der Dummheit der Pauke erzeugt die Zerrüttung
der Nerven als Vorbereitung der Hölle. Beide vereint und zusätzlich
noch von Pfeifen gehetzt, wirken schlimmer auf das Gemüt als der
gemeine Donner der wirklich viel einfältigeren Kanonen, die ja
betäuben und töten statt anzustacheln. Auch fahren ihre Kugeln oder
Granaten niedriger heran und gleichen mitsamt ihrem rasenden
Windzug zugeschlagenen Türen, so dass stets ein seltsames
Nachhinein ihr Wesen bestimmt. Man kann sie unablässig vergessen
und wieder vergessen.
Ganz anders die Trommeln, Pauken und Pfeifen. Die Trommel rasselt
und hetzt, die Pauke zeigt bum bum bum die Grotten der offenen
Todespforten und spielt die Dunkelheit grenzenlos über die unsicher
still gewordene Landschaft an den Rändern der Schlacht. Man sagt,
die Kriegsmusik kehre über moderne Lautsprecher wieder zurück, aber
das bloße Gequäke von oben oder rückwärts ist gar nicht zu
vergleichen mit der Allgegenwart der Trommelwirbel, vereint mit
ihren schauerlichen Genossen. - PM
TROSTLOS
Nachdem das große Los von einem Unbekannten gezogen wurde, ist das
Trost-los ein übrig gebliebenes Stück des Traumes, der zum Wetten
verführt hat. So erklärt sich das Trost-los als Ausdruck der
getrösteten Vergeblichkeit im Traum vom Zufall des Glücks. Von hier
aus kann es erneut im klassischen Dienst der Vergeblichkeit weiter
gehen. Es kann wieder eingesetzt werden. Alle Welt setzt heimlich
darauf, denn im Trost-los steckt der unauslöschliche Sieg des
Großen und Ganzen, als das unzerstörbare Los aller Menschen, es ist
gleichsam unendlich.
Was soll, wenn das Große und Ganze auf diese Weise gespalten wird,
schon das richtige große Los? Wer möchte denn Papst oder Königin
von England sein oder Bundeskanzler, man wäre nicht ganz bei Trost,
hielte man dieses Elend unter den Augen derer, die das
wohlerworbene Trost-los unüberlegt zu Gunsten eines täuschenden
Dauerschauspiels verworfen haben, für den Gewinn durch ein großes
Los?
Das große Los ist in seinen Wurzeln so trostlos wie Gott, dessen
trostloses Schicksal wir alle kennen und der mit uns lebt in der
Einheit der Trostlosigkeit, aber ohne den Bindestrich. Auf Gott
wird dennoch gesetzt, weil in der Kapsel, die sich so nennt, alles
unsichtbare verborgen sein muss, auch das echte Trost-los.
»Der liebe Gott würfelt nicht« hat Einstein gesagt, aber das sagt
ein von Gott seit alters Getäuschter, denn in dieser Kapsel spielen
unsere Illusionen seit langen Zeiten mit dem Zweifel durch unsere
Leidenserfahrung einen wüsten theologischen Poker. Hinter uns in
der Kapsel steht das Leiden persönlich, hinter Gott aber steht ja
bekanntlich niemand, außer wir wagten es, uns nach der List des
Odysseus so zu nennen und dort zu vermuten. Auch den Teufel hat man
im Hintergrund Gottes vermutet. Die Kunst der gespaltenen
Trostlosigkeit besteht aber, ebenso listig wie abstrakt, in einem
einfachen Bindestrich. Dieser winzige Strich, dieser kleine Stab
ist unser Zepter im neuen Theater der Schicksalsmetaphysik. Auf
dieser Bühne müsste aber der Gott aus der Kapsel gelockt und viel
höher hinauf befördert werden. Wobei wir uns allerdings nicht
höflich tiefer zu stellen haben. Wir am Boden brauchen den
Bindestrich als Zepter zur Rechten und die Kapsel da oben bedarf
der wild gewordenen Engel zur Linken.Was sagen die Künstler? Bloß
abwarten und Tee trinken? - PM
TSUNAMI

Bei jedem großen Naturereignis – Tsunami, Erdbeben, Überschwemmungen –, bei dem innerhalb von Minuten Tausende von Menschen fortgerissen, ertränkt, erschlagen, verbrannt, erstickt, auf jede erdenkliche Weise ausgelöscht werden, explodiert das Mitgefühl mit den armen, unschuldigen Wesen, die auf so grausame Weise dem nachbarlichen Miteinander entrissen werden. Kein Wort davon, wieviele Morde, Intrigen, Misshandlungen, Betrügereien, Diebstähle, private und institutionelle Übergriffe in einem solchen Moment unterbrochen werden, wie viele nicht mehr zur Ausführung gelangen, weil die Natur Täter oder Opfer vorher außer Gefecht setzt. Darüber zu schreiben oder auch nur daran zu denken erschiene den meisten Menschen ungehörig, es wäre zynisch. Gegen den äußeren Feind, in diesem Fall die Natur, rücken alle zusammen – in Gedanken, nur in Gedanken, und das auch nicht allzu sehr, wie der statistische Verbrechensanstieg unmittelbar nach dem Einbruch des Entsetzlichen mitteilt: wer immer einen kühlen Kopf bewahrt und sich nicht damit begnügt, nicht betroffen zu sein, kann ihn ebenso gut einsetzen zu helfen, wie die Situation ›gnadenlos‹ für sich selbst auszunützen. Die Übermacht der ›Gewalten‹ macht die Menschen nicht gut, sie macht sie schlau, selbst vor dem sicheren Untergang. Der amerikanische General, der in diesem Sinn Natur spielte, als er die kampfbereit in ihren Schützengräben liegenden Einheiten einer Armee ›schlicht‹ mit Bulldozern zuschaufeln ließ, erreichte damit, dass die nächste Kämpfergeneration wusste, was ihr blühte, wenn sie sich einem solchen Feind zu erkennen gab. Die Natur hat keine Gegner, man rechnet mit ihr, man weicht ihr aus, man studiert und benützt sie, man erwägt die Vorteile und Gefahren, die sie bietet, man lernt vielleicht im Umgang mit ihr, was es heißt, Mensch zu sein, mit allen Vor‑ und Nachteilen, aber man liefert sich ihr, außer in Anfällen törichter Arglosigkeit, nicht aus. In diesem Sinn hat die islamische Welt dem Westen widerstanden, mag kommen, was will.
TÜCHTIGKEIT
Ein Land, dessen erprobt große Durchsetzungskraft durch einen Faktor gebremst wird, sagen wir, eine Schuld, ein Schuldbewusstsein, eine Schande, ein überwältigendes
Nie wieder, stringent und unklar verbunden mit dem verdrängten, wiewohl unauslöschlichen Gedanken, den großen Wurf, i.e. die Verfehlung, verfehlt zu haben, es, soll heißen: seine Geschichte,
versiebt zu haben, genehmigt sich ein neues Betätigungsfeld, frei und unbelastet von Reminiszenzen, und lässt seiner gewohnten Tüchtigkeit seinen Lauf. Das kann nicht gut gehen, das wird nicht gut gehen, also muss irgendein Faktor hinein, der den neuen Glanz, sagen wir, ein bisschen verdunkelt, sagen wir, ein bisschen versteckt. Also wird dieses Land unaufhaltsam zum Träger einer neuen Idee, einer neuen Macht-Idee, der gemäß der alte Machtwille gebrochen, gebannt, endgültig zu Grabe getragen und durch etwas Gemeinschaftliches, dem Machtstreben Entsagendes, prinzipiell und auf Dauer Friedfertiges ersetzt wird. Wie denn sonst? In dem Maße, in dem diese Idee Realität gewinnt, das heißt Macht erzeugt, wächst die Verpflichtung, Seit an Seit mit den friedlich Verbündeten Druck zu üben, Macht zu demonstrieren, die man verdammt, Kriege zu führen, die keine sein dürfen, die gemeinsame Sicht der Dinge gemeinsam durchzusetzen, bis die prinzipielle Friedfertigkeit durchlöchert erscheint wie ein Schweizer Käse: so wird man verlässlich, so wird man respektabel, so wird man irgendwann wieder wer. Ein Akteur meldet sich auf der Bühne zurück. Wo steht das Stück? Ist es ein Wunder, wenn die prinzipiell friedfertig Verbündeten plötzlich Unruhe zeigen, sich die Augen reiben und einen Haufen Fragen stellen, die keiner beantworten kann, z.B. ob da nicht unter der Hand ein neuer Koloss heranwächst oder etwa vielleicht bereits herangewachsen ist? Wenn sie dann, dem Gesetz der Unruhe folgend, sich weiter fragen, wer in diesem neuen Machtfeld, dessen Teil sie nun sind, wohl jetzt und künftig das Sagen hat? Wenn sie unter der Hand Maßnahmen ergreifen, die, misstrauisch betrachtet, geeignet erscheinen könnten, die gemeinsame Sache am Laufen zu halten und zugleich zu bremsen, obwohl die Sache, als Idee betrachtet, kein Bremsen verträgt? Und wäre es da wohl ein Wunder, wenn der große Tüchtige, der doppelten Last der Geschichte ledig, plötzlich anfinge, hier und da ungemütlich zu werden, versteckt und offen Macht auszuüben, um die beworbene Sache voranzutreiben? Nun, kein Wunder, aber der Beginn einer anderen Geschichte, vielleicht ein sich in der Ferne abzeichnendes Desaster. Wer will das wissen? So, wie das Land dasteht, wird es immer auch Verbündete finden, die aus der Logik der Konstellation heraus denken und dabei auf ihre Kosten kommen. Was soll er tun, der große Tüchtige? Sich seiner Tüchtigkeit entschlagen? Aber das wollte er ja, auf einem begrenzten Feld, wo denn sonst?
TUWASSER
Die Tuwasse aller Länder, groß oder klein, haben sich vereinigt und feiern den Durchbruch. Im
Yagir zeigt man ihnen die Hebel und Knöpfe der Macht und mahnt lächelnd zur Vorsicht, ehe man sie mit ihrem Schicksal allein lässt. Natürlich sind alle Schalter programmiert und wer einen Hebel betätigt, der betätigt sie alle. »Geht doch«, rufen die Tuwasse und freuen sich, dass sich etwas bewegt. Dass es so leicht geht, hätten sie nicht gedacht, und im Grunde ihrer Herzen wundern sie sich. So werden sie mutiger vor der Zeit und lassen geschehen, was längst schon hätte geschehen können, hätten nicht andere Kräfte es immer zu verhindern gewusst. Nun sind sie weg, die anderen Kräfte, einfach verschwunden, und es geht vorwärts. Wie in jeder guten Parabel kommt am Ende der Umschlag. Sagen Sie, wer kennt die Enden einer Parabel? Niemand. Eine Tuwasserfahrt zieht rasch ihre Kreise, aber das Glücksgefühl, dabei zu sein, wiegt die Unbill der Fische auf. Schließlich merken auch sie, dass sich etwas bewegt, und sollten dankbar sein. Der Umschlag kommt schneller als gedacht, er kommt selten allein, auch verschwindet er rascher in den dafür vorgesehenen Schlitzen und Spalten, als ein Lächeln das andere wegwischt. Was zählt, ist der Augenblick. Er ist Zählmeister aller Klassen und wirklich unersetzlich.