MACHENSCHAFTEN
Die aufeinandergestapelten Akten übler Verwaltungsprozesse gelten
als staatsarchivarisch fruchtbare Sammlungen von Machenschaften.
Tatsache ist auch, dass die berühmten Muster des
stucco
lustro an Wänden und Säulen barocker Kirchen
bezeichnenderweise dem Schnittmuster der einst symbolisch von
Henkersknechten auf Aktenböcken mit Äxten durchschlagenen
Sammlungen auf überraschende Weise gleichen.
Jede einzelne Machenschaft selbst war fast immer von Tinten gebläut
und schwimmend gerötet, sodass die staatlich geforderte
Transzendenz in Dingen der Verwaltung oft in omamentalen
Linienspielen vollkommen unterging. Hier sammelte sich der Neid in
gelblichen, dort der Hass in grünlichen Farben, denn dazumal
bestimmten durchaus noch Leidenschaften die Wahl der Tinten.
Hieraus folgerte Wölfflin, dass die Malerfarben bedeutender
Hofkünstler, ja selbst der Konditoren und Hofschneider vom Studium
gerichtlich gespaltener Machenschaften bestimmt sein könnten.
Besonders Spanien mit seinen Verwaltungsschulen bis hin zur
Inquisition besaß eine ungeregelte, wenn auch formal- ästhetisch
höchst verfeinerte Farbgebung aus dem Geist der dämonischen
Machenschaften. Von Velázquez bis Goya ist deren Einfluß durch
Wölfflin bezeugt.
Goya schreibt an den Oberrichter von Salamanka, Stolpedaro de
Marquavedi Espoda, dem Schwager seines Bruders: »Werter Herr,
teurer Freund, noch einmal bitte ich Sie um ein oder zwei
groseteros (das sind ortsübliche Aktenfässer von etwa
sechzehn Mavedis) da mir das
Farbamusement zu dem
Altarbild der Jungfrau von Oviedo auszugehen beginnt, ehe der Abt
und der Herr Gouverneur die Kirche besichtigen werden.« (Aus
Homomaris:
Gespaltene Briefe)
Das deutsche Grundgesetz verbietet die ästhetische Nutzung von
Machenschaften außerhalb der Redezeiten im Parlament. - PM
MACHT
Man findet Menschen, die den finsteren Zauber der Macht so stark
empfinden, dass sie ihn in allen Verhältnissen als das aufspüren,
was letztlich zählt. Diese Tendenz hat eine theoretisch-praktische
Disziplin der Weltseufzer
hervorgebracht, deren Vertreter man abwechselnd beneiden und zur
Raison rufen möchte. Aber es erweist sich als unmöglich, sie kennen
die Uneinnehmbarkeit ihrer Position wie die Argumente, die man
gegen sie auffährt. Der blinde Fleck in ihrer Kalkulation ist die
nächste Generation, das heißt alle diejenigen, die von ihnen
lernen, wie leicht man immer und in allen Belangen die Machtfrage
stellen und folglich gewinnen kann. Wer die Macht zur Anzeige
bringt, arbeitet dem Machttypus vor. Ein trauriger Befund, dem um
Gesellschaft nicht bange ist.
MAGMA
Da liegt die Gegend, wo, zwischen Eisriesen, flüssiges Magma das
Meer zum Kochen brachte und die getöteten Fische tonnenweise
bauchoben schwammen – soviel zur Orientierung. Man fühlt sich
seltsam wohl an solchen Plätzen, die Luft geht frei und der kühle
Kopf bemerkt so mancherlei, was ihm sonst weniger auffällt. Die
Natur bewegt sich aufgeräumter als anderswo, mehr obenhin, sie
rührt, könnte man meinen, weniger an, was schmerzlich sein könnte,
und bekämpft energisch die Runzeln in ihrem Gesicht. Glatt sein,
schön glatt sein, spiegeln, was es schon gibt, was es tausendmal
gibt, hier wie an anderen Ufern. Das Leben der Fischottern ist
nicht zu verachten, es sei denn, die Verächter kommen in langen
Booten und das Gemetzel beginnt.
MAGRITTE
»Hier, ein Magritte«, ruft die Frau des Direktors entzückt, sie
leistet sich diese Passion, denn sie muss hart arbeiten und genießt
das Schöne an seinen freien Tagen. »Es ist ein Magritte«, ertönt
die Stimme des Gatten, der nachgesehen hat und sich insgeheim
fragt, welche Diät der Meister vertreten mag, der so hoch in der
Gunst der Frauen schwebt. »Wie ein Flöckchen, ein Wölkchen am
lichten Azur, so ein liebes, leichtes Bild.« Der Gatte stutzt,
solche Töne sind neu, streckt hier der Erwerbstrieb die Fühler aus?
Doch die Frau ist schon weiter, sie bewundert, was kommt. Der
Meister trägt einen strengen Scheitel, bemerkt der insgeheim
zögernde Gatte, er spürt die Schwelle. Wieviel mag der Vogel
gekostet haben? Einen Pappenstiel gegen das Bild, gegen Vogel und
Ei, vom Meister betrachtet, gemalt, betrachtet,
in natura und
in effigie, und nun ich. Nur das Blau
ist stumpf. Es ist wirklich stumpf. Den Azur hat sie geträumt, das
Bild trägt sie hinweg. Schnell, fang sie ein. Oder halt, nein, es
hat Zeit. Das Museum verliert nichts, es enthält sich doch selbst,
was will man mehr.
MALBUTTER
Das Verständnis für die
Pittura grassi hat auf puritanische
Weise stark abgenommen. Die heute gemalten Ideen, trocken und ohne
Fülle, bedürfen schon lange nicht mehr der köstlichen Salben der
Malerei, um Bilder im höheren Sinne fett und gleichsam ›katholisch‹
zu machen. Dazu gehört, dass inzwischen auch eine der einstmals
bekanntesten Ölpflanzen der Venezianischen Malergärten am Canale
lardo verschwunden ist. Es war ein Kräutlein, das selbst noch in
den mageren Zeiten der Nazarener eine große Rolle gespielt hat, von
den Deutschen ›das triefende Pfaffenäuglein‹ genannt. Eine
unscheinbare Blattpflanze, aber Trägerin eines kostbaren öligen
Seims, der nach Texten der Malerbücher kaum in einer der älteren
Werkstätten gefehlt haben wird. Aus ihr gewannen die Künstler bis
weit ins neunzehnte Jahrhundert im Handumdrehen das wasserlösliche
Tränenfett,
Laertina
grassi, das in den Farbgeschäften zu Rom noch lange sehr
rein, ohne Beimischungen von Stearin, in grüner Farbe zu haben war.
Es war wohl in allen Sorten der Malbutter zu finden, die, von
Tizian über Hans von
Marées bis Giorgio de
Chirico, den Meistern der letzten großen
Peinture à l’uile, benutzt
worden sind. Natürlich ist jede Malbutter anders. Das gotische
Eierfett der Deutschen zum Beispiel, das, mit Elfenbeinstaub und
›hilligem Schmeersaft‹ zu Brei geschlagen, als Mus gekocht worden
ist, wurde von den Meistern wohl eher bei der Arbeit verkostet als
unter die Farben gemischt. Ein wunderliches Beispiel des echten
leiblichen Malertums. Man fand das vertrocknete Mus in den Spalten
frommer Altarblätter zur Unterfütterung schwindenden Holzes auf
steinharten Brotfugen sowohl bei Jänsken van Soest wie bei Meister
Emeram Martyr.
»Was hilft aller Glanz auf bemaltem Holz! Wieder habe ich heute,
unter einem begehrlichen Schluckauf, die gute Malbutter anrühren
müssen, die dann nie auf das Bild gelangt ist, weil kein Ränftlein
Speck mehr im Hause war. Magarethe, mein Weib, und ich,
verschlangen sie noch in der Früh unter Tränen.« So lautet ein
Geständnis des einarmigen Malers Jacob Ohnbrass aus Ulm.
Auch von Chirico wissen wir manche Besonderheit. Er
vergötterte beispielsweise eine halb flüssige Salbe von saftgrüner
Farbe in einer Karaffe und ließ sie durch einen Adepten der
Mailänder Malerküche, einer geheimen Spontaneinrichtung fliegender
Künstler und Alchimisten, zweimal im Jahr überprüfen. Als dieser
Vorgang durch gezielte Indiskretion in Rom bekannt wurde, nannte
man ihn wegen seiner bis heute noch nicht begriffenen, in
übernatürlichen Glanzfetten leuchtenden Stilleben der späten Zeit
hinter vorgehaltener Hand nicht mehr einen metaphysischen Maler,
sondern einen malenden Ölhändler. - PM
MALERGLÜCK & -PEIN

Zwanzig Jahre vor der Tür des Zeichners herumgelungert, auf ein
Wort hin, er sei dein Freund – welche Verschwendung an Lebenskraft
und -anmut! Aber was für ein Maler: erst ist alles flüssige Kraft,
Sog in die Ferne, die zugleich Innen ist, Innenferne, oft
beschrieben, mit kristallenen Griffeln hervorgekratzt, alle Venen
angestochen, alles vom Herzen her gesehen, gedacht, gepunktet,
schraffiert, übereinander geschichtet, verdichtet und verdreht,
damit es passt. Dann, im zweiten Durchgang, die matte Reprise, das
Bunte, das sich breitmacht wie die falschen Blümchen auf einer
Bergwiese, auf der plötzlich Ziegen weiden, herabgestiegen von den
fernen Bergen, von den Zacken und Graten und Schrunden, auf denen
sie schroffe Konturen gegen den Himmel zeichneten, Sternbilder für
den einsamen Zeichner, der auch ein Wanderer war. Nun, da er denkt,
es sei Mittag, bleibt die Tür zu, der Herr weilt wie weiland ein
anderer im Seinigen. Aber, pardon, es ist nicht Mittag, es ist
schon Abend, die Sternlein blinken, das Haus, das feste Haus, hat
die Mütze gezogen und salutiert, eine archaische Geste, die man
hier nicht vermutete. Bei diesem Anblick fröstelt den Wanderer, der
Eintritt, denkt er, hat sich erübrigt und schließlich, wer tritt
schon die Tür des Nächsten ein, nur um ihm näher zu sein.
MALGRUND
Der Grund,
auf den ich
male, der Grund,
aus dem
ich male – seltsamer Doppelsinn, seltsames Doppelwesen, das vor die
Wand tritt, als habe es soeben noch in ihr residiert, doch die Wand
kann sich an nichts erinnern. Ohne Wand kein Grund, doch Wände, die
keine Gründe hergeben, gibt es zuhauf. Es ist sogar, näher
betrachtet, die Regel, denn unverwandt sind sie immer. Was sich
erhebt, grundlos erhebt, bedarf des Grundes, um ohne Grund da zu
sein, es bedarf der Grundlosigkeit, um sich zu erheben, andernfalls
erhöbe es nur... Aber was rede ich! Das Abrakadabra der Kunst ist
eine Gemengerede, der keine Gemeinde zu folgen vermag. Man übermalt
den Grund, der einen bewog, man übermalt das Überwiegende, um seine
Übermacht zu erfahren, man übermalt den Grund, den es ohne diesen
Akt gar nicht gäbe, der im Übermalen aufscheint und verschwindet,
ohne zu vergehen. Er geht in eine Art Untergrund über, von dem man,
ginge es mit Recht zu, sagen müsste, dass er die Operationen
der Oberfläche erklärt. Aber da erklärt sich nichts. Die Oberfläche
erklärt sich selbst, sie trägt den Malgrund in sich wie... wie...
das unartikulierte Bild. Und das ist wenig gesagt, blutwenig,
sozusagen. Erhöbe sie sich, eine Aurora des Hierseins, nicht
wirklich über ihren Gründen, so bliebe sie, immerhin, eine der
Gänse des Kapitols. Aber sie weckte niemanden und die Gefahr ginge
ganz unbemerkt an allen vorüber.
MANGANELLI

Die wirklichen Stellvertreter Gottes auf Erden hält sich die
Gesellschaft als Spaßvögel. Es ist ihnen nicht unlieb, denn so
haben sie ein Auskommen, während ihnen andererseits der Ausgang
verwehrt ist. Eingesperrt in die Zelle ihrer Vertretung, können sie
Zeitung lesen, Wasser kochen oder Bücher schreiben, es ist alles
gleich und es ist alles vergebens. Der, den sie vertreten, lässt
sich nicht blicken, er schickt auch keine Boten vorbei, er vertraut
absolut. Dieses absolute Vertrauen erregt den Stellvertreter in
jungen Jahren, eine Zeitlang lässt es ihn kalt, dann wieder wird es
ihm lästig, aber er begreift – oder weiß es unter der Oberfläche
der Zweifel –, dass es immer da ist und immer da sein wird bis zum
letzten Atemzug. Was danach sein wird? »Keine Ahnung«, sagt die
junge Frau mit dem zwischen jugendlichem Hochmut und Entgeisterung
changierenden Gesicht, »muss ich das wissen?« »In der Prüfung
schon«, versucht es der Dozent, »aber vermeiden Sie unbedingt
dieses ›keine Ahnung‹, man könnte Sie beim Wort nehmen.« »Wobei
sonst?« fragt die junge Frau und zuckt mit den Achseln, »keine
Ahnung.« Der Stellvertreter Gottes denkt viel, aber er denkt zum
Zeitvertreib. ›Keine Ahnung‹ könnte er jedem Satz anfügen, den er
niederschreibt, doch das wäre schlechter Stil und widerspräche dem
Amt.
MARÉES

Wer das Meer im Namen trägt, braucht für den Ankerplatz nicht zu
sorgen. Er bewegt sich zwischen den Schichten, zwischen Himmel und
Erde, ein alter Dachdecker, der auf dem First davonreitet und den
Hunden ein Schauspiel bietet, auf das ihr Geheul lange gewartet
hat. Nun entlädt es sich in die Nacht hinaus, die Lampen geben
einen ungenauen Eindruck von dem, was vorgeht, sie strahlen hell
und sind sauber justiert, aber sie bleiben dahinter. Dieses
Dahinterbleiben des Lichts ist etwas Geheimnisvolles, es gibt dem,
der mit dem Licht arbeitet, einen Vorsprung, den er dringend
benötigt, um ihn sofort zu missbrauchen, weil er mit ihm – in
Wahrheit – nichts anfangen kann. Nein, er bewegt sich nicht in der
Wahrheit, sondern außerhalb, das Meer der Lügen liegt ihm glatt an,
schwer, kühl und ölig, wäre nicht die Positionslampe, die er fürs
Fortkommen angesteckt hat und nun brennen lässt, weil sie bereits
brennt, er würde vom Druck des nachdrängenden Lichts
davongetrieben, so vermag er zu navigieren und kreuzt dort auf, wo
ihn niemand erwartet, zur Unzeit, die niemals endet. Unter Ruderern
gilt der Satz: besser einen Marées im Nacken als einen tätowierten
Stier im Geviert.
MASCHINENTEXTE
Angenommen, es passiert – es passiert immer, aber angenommen, es
passiert wirklich –, so darf man sich nicht wundern, wenn die
Reaktion darauf überraschend ausfällt – so, als habe etwas in uns
nur auf diesen Moment gewartet, um sich zu entfalten oder, bleiben
wir vorsichtig, eine Art Semi-Sichtbarkeit zu beanspruchen, an die
vorher gar nicht zu denken war. Wie das geht? Ein Beispiel. Jeder,
der sich im automatischen Schreiben versucht, macht die Erfahrung,
dass es nicht geht. Die Instanz, die unsereins
manchmal
Geist, manchmal
Bewusstsein und manchmal einfach Verstand nennt, weil das Wort
Vernunft immer gleich mehr Fragen aufwirft, als zu beantworten
sind, ist unhintergehbar. Man könnte das eine theoretische
Erfahrung nennen, wohl wissend, welche Kröte man sich damit ins
Haus holt. Was aber geht, was wirklich geht und gelegentlich, ohne
dass man es will oder weiß, wie man hineingeraten konnte, ist eine
Explosion an sprachlicher Kraft, die sich selbst steuert und ihre
Wege geht, als seien sie ihr vorgezeichnet, mit jener seit alters
›divinatorisch‹ genannten Sicherheit, die besser eine Unsicherheit
genannt werden sollte, weil ihr Begleiter, die ausdenkende und
-malende Phantasie, dabei immer wieder ins Hintertreffen gerät und
im Grunde von der Bewegung überrollt wird. Diese Kraft ist
vielleicht die unruhig gewordene Vernunft, die sich aus den
Beschränkungen losrüttelt, die ihr im Alltag auferlegt sind, weil
Gefahr im Verzug ist. Und, seltsam auch das, diese Kraft ist
eigentlich zeichnerisch – überflüssig, darüber nachzudenken, in
welchem Medium sie sich bekundet.
MASSENMENSCHEN
Anders als der von einzelnen Machthabern gelenkte Mitläufer in
einer Zeitherde ist der wirkliche Massenmensch aufs tiefste
befähigt, die Zeitherde in all ihren Zuständen zu begreifen. Er
versteht die Masse als seinesgleichen, verfällt ihr aber nicht. Er
trennt sich nicht wissend von ihr ab, sondern bleibt wissend in
ihr. Zweifellos ist dies die genaueste Definition des
Menschensohnes und damit der
imitatio Jesu. So entgeht er zugleich
der Öffentlichkeit als versteckter Prophet und verlässt sich auf
die Tatsache, dass kein Gedanke vergebens ist, ob er aufgeschrieben
wird oder nicht, denn er denkt
in der Zeitherde und seine Gedanken
wirken darin als ein Amalgam zur Legierung des Denkbaren. Sie
steigen auf wie das Wasser in Goethes Gleichnis, erfüllen das
Jenseits mit Dampf, und neue Generationen kehren davon erfüllt
zurück.
Wieviele solcher Massenmenschen es gibt, ist wegen ihrer fehlenden
Werke schwer zu erkennen. Manche Seher meinen, es seien höchsten
tausend in einer Generation, andere sprechen von fünfzehn Millionen
in allen Erdteilen. Wieder andere, wie Polonius Silabus, nennen für
das römische Weltreich um hundert nach Christus präzise
Achthunderttausendneunhundertfünfundsechzig, einschließlich
Germanien, Gallien, Britannien und die Nilprovinzen.
Die Kenntnis vom Taomenschen bei Lao- tse mag nach Jan van den
Klockenbusch (
Homo sensibilitatis
Christi, Münster 1650) auf einer ganz ähnlichen Einsicht in
das Wesen des wahren Massenmenschen beruhen. Er bereiste mit Moritz
von Meersemann die Südprovinzen Chinas im Auftrag seines
venezianischen Verlegers Manutius und hielt in seinem Gefolge zwei
zierliche Taomenschen. Nach Münster zurückgekehrt starben sie aber
angeblich an dem, was sie ›verlogenes Wasser‹ nannten. Man
vermutet, sie hätten den unbekannten Branntwein für klares Wasser
gehalten, anderseits war einer von ihnen nachweislich Bibliothekar
des Bischofs Franz von Galen. Ihre Spuren verlieren sich eher im
tiefsten Gebirge Westfalens, den Baumbergen. In Nottuln soll es
nach einer alten Überlieferung »zwee gineske Dautensteene«
(chinesische Totensteine) mitten in einem Waldstück gegeben haben.
- PM
MATERIALIST

Wer sagt, er sei Materialist, riskiert viel, nicht zuletzt,
von seinesgleichen für einen Idioten gehalten zu werden. Ein
Materialist, der sich auf der Höhe seiner Anschauungen bewegt, gibt
sich nicht zu erkennen. Wer vorgibt, Materialist zu sein, wird
durch zwei, drei Gesprächszüge überführt, die jeder beherrscht. Man
braucht dafür nicht ›gebildet‹ zu sein, man muss nur den
Anforderungen des Geredes nachzukommen wissen. Der Materialismus
führt eine Großväter-Existenz, er weiß sich unter den Seinen und
hat sich damit abgefunden, dass ihn alle auf eine lustige Weise
›von gestern‹ finden. Gab es in seiner Jugend schon Autos? Es ist
nicht wichtig, schließlich ist er noch immer rüstig und lehnt einen
tüchtigen Fußmarsch keineswegs ab. Doch sieht man ihn von vielen
Besorgten umringt, die es am liebsten haben, wenn er ruhig im
Sessel sitzen bleibt und die alten Geschichten noch einmal zum
Besten gibt. Zugleich stört sie jedes laute Wort, das in seiner
Nähe gesprochen wird. Sie finden es unerhört und bitten um
Diskretion. Da er schwerhörig ist, zumindest auf einem Ohr,
versteht man nicht recht, was sie damit bezwecken, bis man sieht,
dass sie das noch leidlich intakte besetzt halten und kräftig gegen
äußere Einflüsse abschirmen. »Lass dich nicht beirren«, flüstern
sie ihm ins Ohr, »du bist auf einem guten Weg. Wer den Schotter
herankarrt, muss schließlich wissen, wie es weiter geht. Wir
vertrauen dir.« Nun, sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
»Schotter! Ich verlange Schotter! Sofort!« brüllt der Alte und
schnellt nach vorn. Da rufen sie rasch nach dem Arzt und betten den
Hinfälligen tiefer in seine Kissen.
MAUSKNACKER
Jene Handvoll Theoretiker aus den siebziger Jahren, die heute noch
en vogue sind, weil aus
ihren Phrasen eine Art populärer Musik gewonnen wurde, die einem
überall da entgegenschallt, wo Menschen, die angenehm leben wollen,
sich in professioneller Denktätigkeit üben, könnte man vielleicht
Mausknacker nennen, dazu bestimmt, den Mäusen Angst
einzujagen: sie zeigen ihnen ein großes Maul und drohen damit, sie
auszuquetschen, bis das Innerste sichtbar wurde und nichts mehr
übrig bleibt, das sich zu schützen lohnte. Wo die vertrauten
Konterfeis herumstehen, hocken die Verhuschten in ihren Löchern:
grau, bibbernd und verschämt die einen, stolz und geschwätzig
wispernd die anderen, die gern mitknacken würden, aber
stellvertretend und im kleinen Kreise.
MENSCH FISCHER
Als Opa das Kreischen erfand, dachte er mehr an Oma und ihre Bedürfnisse als an Ex-Minister und ihre Ausbrüche von Nachfolgerhass. Ganz frei davon war er nicht, wenn man die Musik-Alben der letzten 60 Jahre Revue passieren lässt. Doch wer spricht vom Kreischen.
Mensch Fischer! – so redet man in der Regel nicht einen Menschen an, der einst die Geschicke eines Landes mitregierte, in dem so viele Menschen täglich ihr Glück und ihr Auskommen finden. Ehrlich gesagt, man zögert bereits bei dem Wort ›Mensch‹, weil es sich doch von selbst versteht und eigentlich nichts zur Sache tut, es sei denn, die Menschenfischerei
wäre die Sache, was sie doch außerhalb der alleinseligmachenden Kirche niemals sein sollte. Alleinseligmachend: das wäre so ein Konzept. Man braucht dazu grobe Knechte und einen robusten, über ein, zwei Jahrhunderte stabilen Entschluss, es müssen ja nicht gleich Jahrtausende sein. Oder doch? Wer begriffen hat, wo Bartel den Most holt, möchte auch gern dabei sein, solang es geschieht. Er möchte auch sonst gern dabei sein. Das Wissen, wohin man gehört, gehört sich für ihn ganz von selbst. In einer Welt, in der keiner gerettet werden will und die Schlaueren bereits den Rettungswagen für ihren Nachbarn bestellt haben, versteht es sich praktisch von selbst, wenn einer einsam, doch weithin sichtbar auf seinem Balkon mit dem Blaulicht hantiert.
Es muss gestritten werden – aber worüber? Wer die Stärkeren sind? Unstrittig ist das nie. Stärke kann schnell zum Impediment werden. Das Stärkste an der Politik des Heils ist die prinzipienlose Prinzipienreiterei, die sich anderen Interessen als Biomasse zur Verfügung stellt, in der irgendein
Menschenrecht brodelt.
MENSCHENOPFER
Der international bekannte Gelehrte Christian von Grüsen-Schmerbach
eröffnete die diesjährige Tagung der Grabbegesellschaft in Lichtel
mit einem Vortrag, der nicht nur bei Fachleuten Aufsehen erregte.
Er wies auf zunehmende Gefahren in den modernen Gesellschaften hin,
unter denen die demographische Entwicklung eine der größten bisher
zu wenig erforschten sei. Er argwöhnte, dass der Gegenstand zu
einem Fall für die prospektive Archäologie werde, nehme man sich
des Problems nicht augenblicklich und unter Einsatz aller
gesellschaftlicher Mittel an. Noch niemals in der Entwicklung der
Menschheit habe ein Forschungsgegenstand sich aufgrund schwindender
Substanz vor den Augen der versammelten Wissenschaft mit so
ungeheurer Geschwindigkeit verflüchtigt.
In diesem Zusammenhang sei es eine der Herausforderungen für unsere
Gesellschaft, die Theorie des Menschenopfers, wie sie in Folge des
großen Mordens im vergangenen Jahrhundert erweitert worden sei,
nicht nur zu überdenken, sondern für hochdynamische, in permanentem
Wandel begriffene Gesellschaften neu zu formulieren, sozusagen als
unblutige, aber höchst effektive Variante.
Im Kontext der verschiedenen Abtreibungsdebatten sei zwar die Frage
gestellt worden, ob es sich um Mord handle oder nicht, das Problem
des Menschenopfers jedoch sei gar nicht erst ins Blickfeld der
Diskussionsparteien gekommen. Unter welches Rubrum aber sonst sei
es zu fassen, wenn ganze Gesellschaften aufgrund ideologischer
Verfasstheit, ökonomischer Mobilmachung und unter ostentativer
Ausrufung der Befreiung der Frau den zukünftigen Menschen opferten,
indem sie ihn gar nicht erst zeugten. Es handele sich, wie bereits
erwähnt, um hochdynamische Gesellschaften, die den neuen Menschen
an hervorragender Stelle für ihre Zwecke propagierten. Ziel der
Untersuchungen sei es, so von Grüsen-Schmerbach, herauszufinden, ob
es sich um immanente, nicht benannte Ziele der ideologischen Front
oder um eine gesellschaftliche Widerstandsbewegung handle, die den
kollektiven Selbstmord der mentalen Versklavung vorziehe. Jan
Ritterling, Korrespondent vor Ort, berichtet von tumultartigen
Reaktionen. Er vermutet, die ganze Tagung werde unter dieses
Thema zu stehen kommen, da die Frauen es bereits aufgenommen und
ihrem Sinne gemäß erweitert hätten. Dabei rückte die Frage in den
Vordergrund, inwieweit die verschiedenen für die Frauen als
neuerliche Unterdrückung durch das nach wie vor aktive
paternalistische Schema zu wertenden Folgen der Emanzipation nicht
auch als Menschenopfer zu betrachten seien. Die Frauen, soweit
anwesend, beschlossen einhellig, sich mit der Randgruppe der
ungeborenen Kinder zusammenzuschließen und kündigten für den
Nachmittag ein neues Grundsatzprogramm an. Im Gegenzug appellierte
ein harter Kern von Feministinnen an die Frauen, sich nicht durch
theoretische Konzepte von ihrem gesellschaftlichen Kampf entfremden
zu lassen und rief einen Gebärstreik aus, um auf die Probleme
aufmerksam zu machen. - AC
MENSCHENPÜPPCHEN

Man stellt, wenn es um die neue Intensität des Glaubens geht, die Erweckungsreligiosität und den politisch motivierten Fundamentalismus zu sehr in den Vordergrund. Man vernachlässigt darüber die Religion, die unauffällig von Frauen an die nächste Generation weiter gegeben wird. Sie haben diese Aufgabe selbst in den Jahren des progressivistischen Wahns niemals versäumt, gleichsam als Rückversicherung für andere Zeiten. Die Wurzeln der Frömmigkeit liegen in der Kindheit und es ist nie ganz müßig zu rätseln, ob sie dort eingepflanzt oder nur gegossen werden. Angenommen, sie gehörten, wie die Disposition zur Sprache, zur genetischen Ausstattung und ließen sich durch geduldige Anleitung aktivieren, so wären Individuen, an denen dies versäumt wurde, einfach nur religiöse Idioten. Die Unruhe der Mütter wäre also gerechtfertigt, weil sie die kommende Generation vor einer Verstümmelung bewahrt. Dennoch kann man sich fragen, warum sie so unbeirrbar in dieser Angelegenheit Kurs halten. Irgendein Vorteil ist dabei, über den man reden kann, über den man reden können muss, ein Vorteil, der durch die sogenannte Frauenbefreiung nicht ausgehebelt wurde. Er muss schlagend sein, wenn keine Umgestaltung der Verhältnisse ihn zum Verschwinden bringt. Die Fähigkeit, religiöse Dispositionen zu hegen und weiter zu geben, ohne selbst religiös sein zu müssen, jedenfalls im Sinn intensiver Bekenntnisse und Gemütserregungen, setzt eine Art von Intimverhältnis voraus, das nicht viele Worte braucht, um sich zu entfalten. Man denkt an die Schutz‑ und Machtfunktion, die der Religion im sozialen Alltag zukommt, an die traditionelle Erhöhung der Frau durch allerlei pseudo-religiöse Praktiken, die sakrale Ummäntelung des Geschlechterverhältnisses und denkt sich: nein, das ist es nicht. All das wäre durch profane Mechanismen ersetzbar, die seit langem benützt werden, um diese alten Modelle zu entkräften und, wo möglich, unter dem Vorwand der Frauenfeindlichkeit zum Verschwinden zu bringen. Im Grunde bleibt, wenn alle möglichen Vorteile ausgehebelt sind, nur die Figur des Vorteils selbst, das Auslösen einer Funktion, weil man die Macht dazu besitzt – eine Macht, die sonst ungenutzt bliebe, während die gesellschaftlichen Instanzen jede Macht ausspielen, deren sie habhaft werden. Macht also, das alte Motiv, und gleichzeitig eine Art Kennerwissen, das alle verborgenen Hebel ertastet, die sich an einem Menschenpüppchen finden und darauf warten, umgelegt zu werden, damit es sich in Bewegung setzt. Die Lust, in Gang zu setzen, was zu gehen bestimmt ist, auch wenn man um seine ambivalenten Züge weiß, und dabei jede Art Abwehrzauber herunterzubeten, kommt vor der Erziehung und durchkreuzt sie, wann immer sie die Erziehenden anwandelt. Manchen zeigt sich hier die dämonische Seite der Alleinerziehenden, die niemandem Rechenschaft ablegen als sich selbst, und auch das nur lückenhaft. Zäune, um durchzuschlüpfen, finden sich überall.
MENSCHENRECHT
Es ist ein Menschenrecht, unbehelligt von notorisch
überinterpretierten Erkenntnissen, deren Lebensbelang sich darin
erschöpft, es, das Leben,
vielleicht zu verlängern, vielleicht auch
nicht, Grundsätzen zu folgen, die einer langen Evolution der Person
geschuldet sind, ohne dafür aufs Streckbett einer gedankenlosen
Moral gelegt zu werden und zum Hohn den Verlust seiner Umwelt zu
tragen. Ein schwieriges, schwer durchzusetzendes Recht. Auch
Menschenrechte bedürfen des Menschen. Wer hätte das gedacht?
MENSCHHEITSZOO
Man muss sich aus der sogenannten Moderne herausdrehen, langsam,
vorsichtig, behutsam, immer darauf bedacht, die Fassung nicht zu
verletzen oder zu verlieren: das ergibt einen guten, einen
menschlichen Sinn, der sich schwer aussprechen lässt. Viel eher
setzt er auf das Empfinden, das ein Einzelner mitbringt. Wer will
das kalte Kunstlicht in sich selbst zum Erlöschen bringen, das sich
dem Kontakt verdankt? Wird es nicht finster, sobald der Kontakt
unterbrochen wurde? Wer sagt mir, dass jenes immerfort überstrahlte
Licht wirklich leuchtet, ausreichend leuchtet, um all die
Funktionen zu erlauben, aus denen das Leben besteht? Dass es mir zu
sehen erlaubt? Warum aber, wenn das so ist, der Eindruck des
Überstrahltseins, der Überblendung, der Bewegung in einem
künstlichen Raum, während der andere immer mitgeht, schattenhaft,
substanzlos vielleicht, aber als Substanzverlockung? Natürlich,
sagt der Analytiker, der Traum vom einfachen
Leben deckt zu, wie schwierig, seltsam
und wenig verlockend es dort zugeht. Aber, unter uns, wer hat
diesen Traum je geträumt? Er ist ein Trick – ein Analytikertrick,
der bei der Stange hält und halten soll, darin liegt eine Aufgabe,
die erfüllt er gut. Niemand hat es gesehen, jenes einfache Leben,
niemand hat es geführt, allenfalls gefühlt hat man es, mit
dem Zauberspiegel des Fremden aus Verhältnissen herausgelesen, die
zu ergründen vielleicht Spaß macht, vielleicht nicht, sich
jedenfalls in Abbreviaturen ergeht, die man Hypothesen nennt – eine
nach der anderen, darauf kommt es an. Alle Verhältnisse, in denen
ein Mensch lebt, in den Menschheitszoo gestellt und zur Begaffung
freigegeben, wirken auf wundersame Weise einfach und merkwürdig,
merkwürdig muffig vor allem, als zerbröckelten sie unter der Hand,
nicht lebbar, das ist das Wort.
MERKER

Ehrlich gesagt, wir misstrauen der Wissenschaft vom Menschen, soll heißen seiner theoretischen und praktischen Aufbereitung unter gentheoretischen, gehirnphysiologischen, erinnerungspsychologischen, religionstherapeutischen etc. Gesichtspunkten. All diese Forschungen sind nur in ihrer Anfangsphase ›heiß‹, danach werden sie rasch kalt und beschäftigen noch eine Zeitlang die Fachleute und Geschäftemacher, während die Neugier der Menschen über sie hinwegschweift. Die Medizin, ja, die Medizin. Auch werden sicher neue Forschungen kommen und neue Anfangsphasen, daran kann es nicht liegen. Vielleicht daran, dass keine Wissenschaft ›vom Menschen‹ handelt und sich das in Wellen herumspricht. Aber es spricht sich ja nicht herum. Ehrlich gesagt, es spricht sich niemals herum. Es kann sich auch gar nicht herumsprechen, weil die Kriterien fehlen und keine Wissenschaft weit und breit sich imstande sieht, sie zu liefern. Es lungert auch niemand in den Eingangshallen der Wissenschaft und verlangt Aufschluss. Die ungeheuren Heerscharen adrett gekleideter Studienanfänger, die stracks hineingehen, verlangen nichts dergleichen, sie wären zu Recht verwundert und schon ein wenig misstrauisch, wenn man sie fragte, ob sie nun, nach der ersten oder zweiten Vorlesung, mehr über den Menschen wüssten, nach dem Examen empfinden sie die Frage als Zumutung. ›Geht doch!‹ steht über der großen Eingangshalle des Volkes und kein Hexenmeister hat seine Freude daran. Dieses ›Geht doch!‹ ist dem delphischen ›Erkenne dich selbst!‹ funktional äquivalent, aber nur funktional und nur äquivalent. Fragt man aber nach der Valenz dessen, was da valiert, tappt man im Dunkeln.
Geht doch! »Wenn ich einen Krebs operieren kann und der Mann lebt noch fünf Jahre, dann sind das womöglich entscheidende Jahre – sagen wir, die Tochter macht Abitur, der Sohn kann promovieren, die Frau darf sich ohne Gewissensbisse scheiden lassen und muss nicht anschließend als Witwe herumlaufen.« So spricht der Medizinprofessor zu seinen Studenten, denen das einleuchtet. Schließlich
wollen sie operieren. Warum? Suchen sie ihr Wissen vom Menschen beim Medizinmann? Oder der Medizinfrau? Keineswegs. Sie schlendern schließlich auch nicht durch die Kirchen, um das Knie zu beugen, sondern um die Kunstwerke zu betrachten, die darin hängen, oder weil es so angenehm kühl ist oder man ihnen gesagt hat, es lohne sich. Nun, es lohnt sich. Wenn die religiöse Konkurrenz die Inbrunst ein wenig aufdreht, steigt das Interesse ›an Glaubensdingen‹ marginal, aber merklich, und die Funktionäre bekommen glänzende Gesichter. Nichts ändert sich, nur der Wahn zieht seine Bahnen. Ist das Nihilismus? Gefehlt. Der Nihilismus ist eine der Überzeugungen, die keiner teilt – schon gar nicht mit sich selbst.
Geht doch! Hundert Jahre Nihilismus und allen reicht es zu überleben. Hundert Jahre Überleben und allen reicht es. Allen? Wie steht es um die Nimmersatten, die Sauger, die Nuckler, die Perversen, die keine Ruhe geben, die Scheinperversen, die keine Ruhe finden, die pervers Scheinheiligen, die innerlich weiter sind und weiter drängen, hinaus über die
Säulein des Herkules, der ein kräftiger Mann gewesen sein muss? Schade um ihn, aber sowas wächst nach und ist immer zur Hand. Wer alt wird, muss sich viel merken. Diese Gesellschaft wird alt: so sagt man. Nun, an der Merkerei stirbt das Wissen vom Menschen zum zweiten, dritten und vielleicht vierten Mal. Auch deshalb wirken die Ältesten leer. Vielleicht merken sie nicht mehr so viel, aber innerlich stecken sie voll Merkerei. Voilà, die Epoche der Merker ist gekommen. Wohl dem, der’s merkt.
MESSERWITZ
Der Mord ist der Missbrauch des Messers. Das stand in ehernen
Lettern über der Tür zum Gerichtssaal, die einer durchschritt, dem
es ans Leben ging. Und es ging weiter, viel weiter noch, nur die
Geschichte endet hier.
MIENENSPIEL

Da den Tieren gewissermaßen die Bärte bis über die Augen wachsen,
so dass, außer in aggressiver Weise, kaum ein anderes Mienenspiel
als der Wutausbruch möglich ist, kann man die hochentwickelte
Urkunst menschlichen Ausdrucksvermögens auf diesem Gebiet ebenso
für den Anfang der Schauspielerei wie der entsprechenden Bühne
betrachten. Gedanken und Gefühle treten hier auf, teils vom
Direktorium unzähliger Absichten nach außen gesandt, teils von
unendlichen Begegnungen herausgefordert. Überhaupt sind die
Mischungen erzwungener Mienenspiele und berechneter Entsendungen
nicht auseinander zu halten. Jedoch haben weder Casanova noch Freud
sich an Deutung und Ursache des wechselnden Mienenspiels ernsthaft
herangewagt, obwohl beide, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen,
Interesse daran gehabt haben müssen. Auch Lavater weist irrtümlich
mehr auf Schädelerhebungen unter der Haardecke als auf die viel
subtileren Bewegungen der Gesichtsfalten hin. Überhaupt wird nie
auf das Spiegelhafte eines kaum noch benutzten Begriffs wie Antlitz
verwiesen, bei welchem man rasch auf die große Bedeutung der
leuchtenden Hautfarbe weißer Menschen für ihr Mienenspiel hätte
kommen können. Die sogenannte ›weiße Farbe‹ hätte hier vieles im
Sinne eines Spiegels zu sagen, besonders im Hinblick auf
Porträtmalerei und Maskenkunst. Wann trennte man sich von den
Masken und ihrem Dämonenbezug? Wann sah man sich leuchtend und
schutzlos ins Gesicht? In der bekannten Operette heißt es japanisch
gepudert: »Wie es drinnen aussieht, geht niemand was an.«
Zweifellos hat die römische Porträtkunst sich als erste endgültig
von Götterbezügen getrennt und so viel als möglich vom gleichsam
stille gelegten Ausdruck eines Gesichtes darzustellen versucht.
Aber die plastische Kunst als belehrendes Beispiel und Vorbild
steht heute verlassen hinter dem schonungslosen Schnappschuss mit
seinen unbewacht fixierten Überraschungen und dem Lauf des
immerwährenden freien Mienenspiels, das von der Geburt bis zum Tode
kein Ende nimmt und als Teil des unmessbaren Menschentums hier
keine Rolle spielt. Vielleicht spielen die neuen Maskeraden von
Lüge und Täuschung auch keine Rolle mehr, weil kein Vorbild von
alten Mauern und Bildern herab uns warnt oder ermuntert. Kein
Idealbild der Kunst reizt zur Nachahmung. Wer möchte die zerteilten
Gesichter Picassos, selbst als boshafter Scharlatan, nur in
Andeutungen übernehmen, oder wagte es, Schlüsse daraus zu
ziehen?
Je größer die Kopflosigkeit der Kunst, um so näher die unabhängige,
die kollektive, die unablesbare Grimasse, bis zur schönen Grimasse
in Illustrierten. Der nackte Mensch ohne Züge ist heimliches Ziel
einer neuen Gesundheit ganz ohne Falten.
Einst war die zunehmende Herablassung in den Mienen des Adels eine
würdige Alterserscheinung, die dem Leben wichtiger Blicke über der
gepanzerten Brust mit himmelblauer Schärpe zu folgen hatte. Das
verändert sich nun zur bloßen Herablassung alt gewordener Falten
bei Schönheitsoperationen: sie werden abgelegt. Es kann gelogen
werden, was das Zeug hält, man sieht es keinem mehr an, man ist gar
nicht mehr richtig da. - PM
MINISTERSCHWINDEL

Der Minister wacht eines Morgens auf und begreift: alles Schwindel. Die Papiere gefälscht, die Ernennungsurkunde getürkt, die Sekretärin, eine alte Spionin, im Bilde, die Journalisten schon vor der Tür. Er muss nur die Gardine verrücken, um den ganzen Umfang des Unheils zu überblicken: er ist verloren. Was tun? Die Kanzlerin anrufen? Wie kommt das an? Was löst das aus? Eine Lawine vermutlich, die ihn verschüttet. Nein, mit dieser Sache muss er allein fertig werden, Hilfe steht nicht zu erwarten. Selbstmord? Schön für die, die darüber berichten, aber keine Option für einen, den der Trieb, die Welt zu verändern, geradewegs so beherrscht wie ihn. Warum muss es ihn treffen? Trifft es ihn denn? Die Krawatte (der Spiegel sorgt für Erkenntnis) zeigt sich nicht weiter beeindruckt. Diesseits der Panik wartet das Leben auf den, der es neu beginnt. Oder es ihn – wer möchte da fehlen? »Du bist mein Leben, ich beginne dich neu«: so könnte er säuseln, die Stirn in pastorale Falten gelegt. Nein, es ist nicht sein Leben, jeder Versuch, es zurechtzurücken, lässt es in eine andere Richtung entrollen. Was ist das für ein Leben? Bald schon wird er ausziehen müssen, dieses Haus wird ihm zu eng. Derweil johlt das Volk auf den Gassen und die Twittergemeinde empfängt ihren Helden über Gebühr. So empfänglich müsste man sein.
MINUTENRUHM

Der Minutenruhm hat, wie jeder andere, das Beruhigende, dass er vorbeigeht. Was langsamer vorbeigeht, das Ritual, trägt zu dieser Beruhigung nicht unwesentlich bei. Es ist ein Ruhestifter, der dem Unruhestifter entgegentritt, ihn aufnimmt und seitwärts geleitet, dorthin, wo schon seine Vorgänger entsorgt wurden. Der Unruhestifter blinzelt, er kann wenig sehen, er will Vertrauen fassen und darf es nicht. Sähe er genauer hin, so käme ihm die Betriebsamkeit verdächtig vor, gerade in dieser dichten Folge von Augenblicken könnte man ihn sehgeschädigt nennen. Jedenfalls nimmt er wenig wahr. Und es stimmt ja, wenig ist wahr an dem, was über ihn gesprochen wird, es sind Formeln, aus denen das Weihwasser tropft, er kann, wenn ihm der Sinn danach steht, es mit eigenen Tränen vermischen, damit es rascher abläuft und nach mehr aussieht. Aus Tränen werden schnell Hieroglyphen, aber die echten, vor ihrer Entzifferung: da steht ICH und da steht ALLE und da, ein wenig abseits, LIEBE, folgt man dem Bogen abwärts, so entdeckt man ein kleineres EUCH und ein noch kleineres DOCH. Doch, sagt er sich, so könnte es sein, aber muss man es auch so ausdrücken? Diese Schriftzeichen bedeuten vielleicht etwas ganz anderes. Ganz sicher bedeuten sie etwas anderes, jemand wird drauf kommen, aber hier und heute bedeuten sie nichts. Bedeuteten sie etwas, so wäre das ganze Verfahren nur abgefeimt, es ist aber etwas dabei, das sich dem Zugriff der Protagonisten entzieht. Bei dem Wort ›Protagonisten‹ muss er automatisch lächeln, er blinzelt schon wieder, der Anfall ist praktisch vorbei und das Leben geht weiter.
MISSBRAUCH
Da stehen die großen Griffel und keiner rührt sie an. Keiner? Wenn einer käme, um die Probe darauf zu machen, sähe man ihn? Und wenn man ihn sähe, jagte man ihn nicht davon? Und wenn man ihn nicht davonjagte, würde man nicht über ihn lachen? Und wenn man nicht über ihn lachte, würde man ihn denn ernst nehmen? Und wenn man ihn schon ernst nähme, würde man denn ernst nehmen, was er schriebe? Und nähme man es ernst, würde man etwas anderes darin erkennen wollen als einen Missbrauch der Schrift? Allein die Schrift ist rein wie am ersten Tag, wem seine Gedanken von ihr befleckt erscheinen, der möge schweigen, als sei es sein letzter.
MISSSTAND

»Wollt ihr die totale Gesellschaft?« Diesen Lockruf hörten, die uns
– nicht erst seit heute – regieren, in ihrer Jugend, und fast alle
riefen Ja! Das waren eine andere Zeit und ein anderes Bewusstsein,
aber das Bekenntnis hallt nach in der Gouvernantengesellschaft, der
Gesellschaft, die nicht loslässt, die den letzten Trinker mit
Programmen umgarnt und nicht zulässt, dass etwas anderes sei als
sie selbst, die es in Worten und Begriffen ebenso ausgrenzt wie in
Taten, so dass es sich endlich in die Arme von Weltverschlechterern
wirft, nur damit etwas sei. Denn die totale Gesellschaft, mit
Verlaub sei es gesagt, ist nicht, sie existiert nur, solange sie
aus Ressourcen leben kann, die außerhalb ihrer selbst liegen, und
sei es im Wüstensand. Deshalb ist es gefährlich und bitter, mit ihr
zu rechten. Nach rechter Kolonialherrenart lässt sie nur eine
Antwort zu: das nächste Programm. Auch wäre es falsch zu sagen,
hinter jedem abgestellten Missstand lauere ein neuer. Es sind die
alten Missstände, die in den Programmen fröhliche Urständ feiern,
die sich ihrer inwendig längst bemächtigt haben und auf Kapertour
gehen. Ausgerüstet mit Mitteln, die stets etwas Märchenhaftes
behalten, sehen sie ganz neue Möglichkeiten. Wer glaubt, dies seien
Probleme höherer Ordnung, mag recht haben, sofern er für sich
spricht, jedenfalls sollte man ihn, solange er auf dem Dachfirst
wandelt, nicht wecken.
MISSTRAUEN

Wer den religiösen Formeln misstraut, wer sie verachtet, wer den
Missbrauch fürchtet und den Wahn, der in ihnen lauert, wer nicht
vergessen kann, was in ihrem Namen und unter ihrem Bann verübt
wurde, der muss auch bedenken, dass ihm all dies einmal gesagt
wurde, dass auch er eine Art Frömmigkeit exerziert, wenn er so
denkt, wie er denkt und vielleicht denken muss, weil es ihm sonst
an Selbstachtung mangelte, vielleicht auch nur, weil er einem
Korpsgeist verpflichtet ist oder gewohnheitsmäßig zu einer
bestimmten Stunde den Fernseher einschaltet. All dies bedacht,
sollte er sich fragen, ob seine Frömmigkeit nicht jener anderen,
vor der er sich fürchtet, bereits auf den Leim ging. Warum, so
könnte er sich fragen, geht es mir überhaupt um jene Formeln? Warum
verkleinere ich willkürlich, was dort gedacht worden ist, auf seine
einfachste Form, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner für eine
Masse, an der mir nichts liegt, wenn es mir nicht um Formeln ginge?
Ist eine Durchstreichung nicht so gut wie die andere? Sind die
Spiele der Negation nicht Gemeingut aller Religionen, die diesen
Namen verdienen? Ist nicht diese Religion, die zu verachten ich
vorgebe, gerade darin Meister aller Klassen? Ist meine Frömmigkeit
also sehr unterschieden von der, die ich ablehne? Ist sie nicht auf
gleichem Kurs wie all die differenten Auslegungen, die sie
hervorgebracht hat? Woher also mein Misstrauen? Oder vielmehr:
Wohin drängt es mich? Über welchen Rand stößt es mich, wenn ich ihm
nachgebe? Ich blicke ihm ins Gesicht und es schiebt mich weiter,
rückwärts, dorthin, wo ich nichts sehe.
MISSWAHL
Nach den Töchtern kommen die Söhne. Vielleicht, ja vielleicht, kommen sie einmal gemeinsam, Söhne und Töchter: erhobenen Hauptes, gemeinsam ihr Leben einfordernd von den Ungeheuern. Welchen Ungeheuern? Das ist eine lange Geschichte, die einmal erzählt werden muss, nur nicht vor der Zeit. Wenn aber die Zeit gekommen ist und die Archive sich öffnen, dann zählt jedes Opfer. Jedes einzelne ist dann das Opfer zuviel, das erbracht werden musste, um jene zu Fall zu bringen. Jedes einzelne ist dann das Opfer zuviel, das nie hätte erbracht werden dürfen: hier beginnt das Verbrechen, das keines sein durfte, als es geschah.
MITTE
Anders als in der Politik und im
Leben besitzt die Mitte in
der
Kunst keinen Wert.
Nichts bezeugt das besser als der Goldene Schnitt, der eine Reihe
von Möglichkeiten eröffnet, sie elegant zu umgehen. Mit seinem
Wegfall wird alles recht, aber sonderbarerweise wird die Mitte
dadurch sichtbarer, wieder sichtbarer, könnte man sagen, sie kehrt
als leere Mitte ins Bild zurück und lässt sich anstarren. Man
erfährt daraus, dass auch die Kunst vom Tabu gelenkt wird. Das
Anstarren, diese unzüchtige Tätigkeit, ruiniert den Bildraum und
erzeugt die Textflut, in der das Gesehene untergeht, weil es
sich nicht anstarren
lässt. Es bedeckt sich, sozusagen mit Wörtern. Das erinnert
an Frauen, die das Kopftuch ablegen, um frei zu sein, und sich vom
Friseur eine künstliche Haarpracht arrangieren lassen, bevor sie
sich unter die Leute trauen. Mit einem zugetexteten Bild muss man
keine engere Beziehung eingehen, es lohnt nicht, denn es kommt auf
dasselbe heraus, es ist rundherum dasselbe. Aber auch das ist
vielleicht nur Schein.
MKH
Müller kommt herum, sagte sich der Kulturschaffende M., das ist ein
Vorteil dieses Berufs. Und er kam herum. Man kommt herum, sagen
sich viele und tragen das Zeichen, MKH, dort, wo andere ihre
Sehnsüchte aufbewahren.
MODERN

Träume machen eine reine Haut, vor allem die tiefen, aus denen niemand ohne Zeitsprung aufwacht, leicht erschöpft, voller Unruhe, ob er auch wirklich entronnen sei. Die Tendenz des Bewusstseins, sich zu verflüssigen, seine Fähigkeit, zu zerlaufen und an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit sich im Nu zu konsolidieren, ist keine vernachlässigbare Größe. Das Bewusstsein kennt viele Raumzeiten, zwischen denen es beständig wechselt. Ein Strich, eine Wolke, ein Taschentuch, eine Fliege, eine Tasse Tee, ein Duft, eine Kinoszene, ein Wort reichen völlig aus, um die Verflüssigung zu bewirken. Viele dieser Wörter sind kaum mehr als dürftige Sehnsuchtsmaschinen für Durchschnittsverschwinder. Wider Erwarten erweisen sich andere als bewohnbar und rufen nach Kultur. ›Moderne‹ ist so ein Wort, hoch expansiv, ein Fraßwort, eigentlich ein Witz, der sich nicht abschütteln lässt, es sei denn im Tiefschlaf. Was modern ist, bestimme ich, aber nicht ganz, nicht ganz wirklich, nicht ganz souverän, ich muss mich strecken, Moderne ist einer fordernde Instanz, warum?
Was modern ist, bestimmen die anderen, aber nicht ganz, denn ich kann sie nicht verstehen, es sei denn, ich lege mich dazu: bin ich modern? Aber sicher. Jede Beschreibung passt auf mich, ja genau, aber sicher, aber nicht ganz: etwas fehlt an den Beschreibungen, etwas fehlt an mir, ich passe nicht ganz hinein und fülle sie nicht ganz aus. Ich denke an sie, also lebe ich in ihr, ich lebe in ihr und falle aus ihr heraus. Modern sind immer die anderen. Nicht ganz, ihre Gesten wirken auf mich ganz und gar archaisch, und ihre Gedanken... An ihnen erkenne ich, was ich abschütteln möchte. Ich bin der erste moderne Mensch. Wenn alle modern sind, bin ich der erste, der nach ihnen kommt. Wenn alle postmodern sind, bin ich die Differenz. Gehen Sie ruhig voran, ich komme nach. Ja, ich kenne den Weg, machen Sie sich da keine Sorgen. Ich falle tief.
Im Haus der Moderne sind viele Wohnungen: einst werde ich eine davon bewohnen. Wann wird das sein? Zu einer anderen Zeit, in einer anderen Welt, mit anderen Mitteln, mit meinen Mitteln, denn Herr der Moderne bin ich. Warum Herr?
Dies ist das Haus vieler Herren: Haben Sie das nicht gewusst? Nein, das Haus ist herrenlos, es gehört niemandem außer denen, die es bewohnen wollen, und diese wissen davon nur vom Hörensagen.
MOMENT
Die toten Diskussionen sind nicht im Keller zu besichtigen, wie
immer behauptet wird, zwischen allerlei Lifestyle-Gerümpel und
löchrigen Stiefeln, verfaulten Kartoffeln und verrotteten
Spiegel-Nummern. Sie
treiben auch nicht an der fauligen Oberfläche entlegener Buchten
und Meeresableger und niemand hat sie vergraben, niemand hat sie
verbrannt. Schon gar nicht ruhen sie auf dem Grunde des Ozeans,
zwischen den Wracks der großen Schifffahrtsrouten, stillen
Überbleibseln des menschlichen Bewegungsdrangs. Sie ruhen auch
nicht in der Tiefe des Gemüts, das wäre zwar schöner, es wäre aber
auch zu einfach und wir lehnen es einfach ab. Manchmal, wenn die
Suche schon allzu sehr ins Leere geht, könnte man meinen, es habe
sie nie gegeben. Dann allerdings, sobald dieser Punkt fast erreicht
ist, brechen sie los mit einer verzweifelten Virulenz, als steckten
sie allen, die es angeht, seit altersher in den Knochen und
warteten nur darauf... – ja worauf denn? Auf den Moment. Der Moment
verhält sich zur Diskussion wie die Pflaume zum Kuchen, er wartet
darauf, geschlitzt, entkernt, verzuckert und in den großen Teig
gesteckt zu werden, wo ihn niemand sieht, es sei denn, einer kommt
auf den Geschmack und liebkost ihn gedankenverloren zwischen den
Zähnen, den weißen Vorboten der Verdauung, die keine Farbe hat und
mit einem Geschmack nichts weiter anfangen kann. Einerseits, könnte
man sagen, besteht eine Diskussion aus vielen solcher Momente im
Moment ihres Verschwindens, der sie nichts kostet, weil sie ohnehin
dazu bereit und schon auf dem Weg sind, andererseits zückt sie sie
wie eine Tüte Süßigkeiten vor jemandem, der schon halb süchtig nach
ihnen ist und es kaum abwarten kann, dass sie sich öffnet. Die
toten Diskussionen sind nicht tot, auch nicht scheintot, sie sind
Straßenhändler, deren Existenz man verschweigt, während man sich
bei ihnen eindeckt. Die Fesselung der Diskussion an den Moment, an
all die Momente, in denen sie sich entfaltet, ist tragisch wie alle
Lust an der Lust:
Das wollen wir
festhalten, sagt der Stenograph und setzt seine Schnörkel,
die keiner liest, während alle auf die Reinschrift warten, damit
sie das nächste Mal präpariert sind.
MON BATAILLE

Die Ökonomie der Verschwendung liebt ihre Landsknechtssprache. Sie ist ihr nicht ganz gewachsen, aber sie wächst an ihr wie das Glied, an dem sie sich aufrichtet. Sie hat ein Glied zuviel vielleicht, diese Ökonomie jenseits der Ökonomie, der zuliebe die Vornehmen bluten, nachdem die erste Ökonomie sie lange gesäugt und auf ihre lichten Höhen gestellt hat. – Und eine Gelegenheit zuwenig, zirpt die Waise, sie muss es wissen, denn sie gehört zu dem gefährdeten Personenkreis, der vor den Bataillisten geschützt werden muss, solange die Regel ›rechts vor links‹ gilt. Was nicht überall der Fall ist! Radfahrer zum Beispiel wissen nichts von ihr, manche behaupten auch, sie ignorierten die Gefahr bewusst, um vorwärts zu kommen, und böten sich darum als Opfer an. Das ist vielleicht ein Wink. So ein Opfer kann niemand brauchen und darum unterbleibt es, solange die Regel gilt. Ja, es bleibt, solange es unterbleibt. So könnte man es sagen. Erst wenn die Regel den Dienst quittiert, explodiert die Gefahr und ihre ersten Opfer sind die, die sie brachen. Der Bataille eine Bleibe! Nichts wünschen sich ihre Liebhaber sehnlicher, solange sie innen tobt, wie das Gesetz es befiehlt. Aber sie tobt nicht. Sie wird ganz still angesichts der Gefahr, am liebsten hört sie die Grillen zirpen.
MORAL

Metzger, Brauereibesitzer, Würstchenverkäufer,
Elektroinstallateure, Handelsvertreter, Ballonfahrer,
Bordelleigner, Boxchampions, Leisetreter, Kommunionkinder,
Heckenschützen, Freidemokraten, Mengenrabatteure, Kleingärtner,
Großaktionäre, Grüne, Stammtischler jeder Sorte und jeder
Trinkfestigkeit: alle sind schon immer beim Thema. Intellektuelle,
soweit als Spezies noch vorhanden, fürchten, dass ihnen der Stoff
entglitten ist, sie raffen die kritische Toga und behandeln ihn von
der Warte dessen, der diese Dinge hinter sich hat. Seit jeher tun die beredtesten unter ihnen so, als
empfänden sie das Thema als Zumutung, als unterböte es bei weitem
die Differenziertheit ihrer Gedankenführung. Manche nähern sich ihm
nur knurrend. Wie man’s nimmt. Sich zu benehmen wissen, keine Klagen
laut werden lassen, auf die Stimmen der anderen hören und seinen Weg
gehen, keine Verstörungen wollen, keinen klitzekleinen Mord
begehen, den Planeten retten: Moral ist einfach. Schwierig wird es, rechnet man
die üblichen Unterstellungen, die perfiden Argumente ohne Prämissen,
die Handgreiflichkeiten und Verantwortungseuphorien, die Entrüstungen, die
Verleumdungen sowie, nicht zu vergessen, die salbungsvoll
einherwandelnde und zu jeder Desinformation bereite ›Sorge um sich‹ hinzu: Ja, wir Lieben: woher die
Moral? Und wohin?
MORALISCHE WELT
Die moralische Welt – schade, dass wir einen solchen Ausdruck nicht mehr besitzen. Bekanntlich ist die moralische Welt die unmoralische, soll heißen, die Ansammlung aller moralischen Gebrechen, an denen eine Gesellschaft weniger leidet als sich erkennt. Man kann diese Gebrechen so beschreiben, dass sie als Signatur eines Zeitalters durchgehen: als ihr
So wird’s gemacht. Wer sich nicht dran hält, ist selbst schuld. Warum gelten sie dann als Gebrechen? Weil die Geschichte der Moral von den Opfern geschrieben wird? Von diesem nietzscheanischen Schwachsinn sollte man sich schleunigst verabschieden. Das Ressentiment fällt in den Bereich der Moral, sie lässt sich nicht aushebeln, indem man die Vorurteile der anderen studiert. Übrigens auch nicht die eigenen. Die ständigen Begleiter haben es nicht gern, wenn man sie dauernd an eine nebelhafte Herkunft erinnert. Sie ziehen sich nicht zurück, sie werden aggressiv. Zu Recht übrigens, denn ihre eigenen Erinnerungen sind stabil und unschlagbar. Die Moral ist die Moral und man verlangt zuviel von ihr, wenn man will, dass sie dem guten Gewissen weicht, das nicht so gut sein kann, wenn die Moral dabei stört. - US
MORGENGRAUEN
Das morgendliche Entsetzen der Soldaten vor Anbruch einer Schlacht,
aber auch das Trianon-Grau auf den Möbeln des achtzehnten
Jahrhunderts, soweit das Mobiliar und die Wände der Salons nach
Osten ausgerichtet waren. Das Morgengrauen erlitt auch Phasen der
Rötung, weniger durch himmlisches Blutvergießen als von Amts wegen,
da Wetterberichte auf weiten Ebenen mit roter Wetterfarbe gleichsam
gestempelt wurden. Die amerikanische Flugzeugindustrie schuf im
letzten Krieg für weitfliegende Bomber die
painting aeroplanes, die
amtlich-militärisch bestätigte Wetterzeichen versprühen konnten.
Sie wurden spöttisch ›morning devotion‹ genannt. Überhaupt hängt
das Morgengrauen keineswegs immer mit dem Aufstieg der Sonne
zusammen. Man kennt weit über zweihunderttausend unterschiedliche
Farben und manches Abendlicht, das des Vollmondes wegen nicht
gänzlich und rasch genug zergehen kann, steigt am Morgen noch
einmal auf und täuscht das ungeschützte Auge, was sich zugleich als
Sonnentäuschung bezeichnen ließe, und zwar im Sinne von Plotin und
Goethes berühmter Bemerkung: »Wär’ nicht das Auge sonnenhaft...«
Also kann niemand, der am frühen Morgen erwacht, auch sicher sein,
einem optisch wahren Morgen entgegen zu sehen. Bei gerichtlichen
Zeugenaussagen hat dies früher zu Fehlurteilen geführt, ehe Sir
Middelton-Fog die unumstößliche Wahrheit des Morgengrauens in
Greenwich erfolgreich in Zweifel zog. - PM
MOTIV

Haben Sie denn kein Motiv, empört sich die Ratte; sie empört sich
nicht richtig, eher zum Schein, im Grunde ist sie zufrieden. Kein
Motiv haben ist in ihren Augen das Beste, was einer Ratte passieren
kann, es passiert ihr nicht oft. Seit sie sich als ›Wesen im
Umkreis des Menschen‹ definiert, findet sie Motive satt, aber es
sind nicht die richtigen. Hinter den Motiven lauert der Abgrund.
Seit sie diesen Satz zum ersten Mal, sich bedächtig über die
Schnauze streichend, ihrem Supervisor vortrug und dieser vor Lachen
fast vom Stuhl gefallen wäre, ist sie grundbeleidigt und ihre Seele
trägt Schwarz. Natürlich weiß sie nicht, was hinter den Motiven
lauert, gerade deshalb fühlte sie sich zu ihrer Rede berechtigt.
Nun, es soll nicht sein, unter Ratten nicht und überhaupt nicht.
Unter den Motiven liegt der Strand, an dem keiner liegt, das ist
zwar unbestritten, aber erinnern Sie einen daran: gleich winkt er
ab. Die alte Ratte giert nach Motiven, ihre Fresslust ist ein
Fanal. Wäre der Planet erst von Motiven gesäubert, er hörte auf zu
kreisen, legte sich auf die Seite und wäre in jedem erdenklichen
Sinn ausgeschieden. Das Motiv kenne ich, meldet sich eine junge,
ich habe davon gehört, als ich wirklich jung war, und jetzt sehe
ich, was passiert. Es ist ein Elend.
MUSIL

Der Tod ist das Register des Lebens, als Ratgeber scheidet er aus. Es bleibt eine seltsame Idee, den Mörder zu benützen, um die neue Ethik zu konstruieren, in der Gut und Böse nur als Kumpane aus alter Zeit mitreisen, ohne die Grundlinien zu behelligen. Die neue Ethik, wo immer sie auftaucht... läuft sie auf Anerkennung dessen hinaus, was gestern noch als verwerflich galt und morgen den Verworfenen zeichnet. Nur hier und heute, unter Lebenden, die sich und ihre monströsen Projekte salvieren wollen, greift die neue Ethik ein und rechtfertigt den Mord um der Sache willen, den gerade begangenen wie den noch zu begehenden, und alle fortschrittlichen Geister klatschen Beifall. Alle? Es gehört zu dieser Art Fortschritt, dass er die Anderen braucht, an denen er exekutiert werden kann und deren Votum daher nicht in Betracht kommt, höchstens als willkommener Anlass, den Praxistest zu beginnen. – Dass dieser Kluge mitdestruierte, ist nur zu verstehen, solange man das Schlachthaus Gegenwart nicht zum Kummerkasten der Vergangenheit degradiert.
MUTANTEN
Die letzte Frage wäre also die nach den 0,2 Prozent, die durch das
Bildungssystem nicht bedient werden, was nicht weiter schlimm ist,
weil sie gerade in diesem Punkt ihr Fortkommen allein finden.
Weniger gut wissen sie sich zu helfen angesichts der aufs Genügen
abgestellten Kreisläufe, da doch ihre ganze Existenz auf das
Ungenügen abgestellt ist. Sie können daher nicht anders, als es
ganz oben oder ganz unten anzusiedeln, abwechselnd meist, je nach
Lage und Verfassung. Ahnungslose halten sie aus diesem Grund für
Leute, die vergangenen Wertordnungen anhängen. Das ist so nicht
richtig. Es sind unauffällige Mutanten, zu intelligent, um
mitzuwabern, und deshalb immer gerade ›in anderen Ordnungen‹
anzutreffen. Was sie dort machen? Aber sie machen doch nichts.
MYTHOSTASE
Irgendwann dient, was als verlängerter Arm der Gesellschaftstheorie
begann, als ihr Reparaturbetrieb. Das ist das Schicksal der
Kulturwissenschaft, die im Seichten stochern darf, damit das Schiff
nicht leck läuft. Dabei sitzt es doch auf Grund. Hat das niemand
bemerkt? Aber sicher. ›Auslaufende Gelehrsamkeit‹ heißt das Spiel,
den Tatbestand zu vernebeln, durchschaut auch das. Der Nebel
erinnert verdächtig an Weihrauch, kräftig geschwenkt, um das
Denkvermögen des Nachbarn und, wo es angeht, das eigene ein wenig
herabzusetzen. Man gibt sich dynamisch, wie es der
Wissensgesellschaft ziemt. Was nach Dynamik aussieht, verdankt sich
dem Wechsel der Geräte und Moden. Die Gesellschaft, die sich gern
die dynamische nennt, befindet sich im Zustand der
Mythostase.
NACHBEZIEHUNG
Gäbe es eine weltgeschichtliche Probe auf das, was die Menschen
heute ›Beziehung‹ nennen, man könnte geneigt sein, sie in der
Verbindung zwischen dem Christentum und Europa zu sehen. Sie haben
sich früh gefunden und sie hatten, was immer man sagen will, eine
gute Zeit miteinander, alles Gezänk und alle Streitereien
inbegriffen, die in einer Beziehung anfallen, in der jeder sein
eigener Herr bleiben und den anderen nicht aus den Fingern lassen
möchte. Es war ein kluger Zug seitens der Religion, sich in eine
ältere und eine jüngere Linie zu spalten und so den
Entfremdungsprozess um ein paar Jahrhunderte hinauszuschieben. Auch
diese Beziehung hat durch Trennung an Intensität gewonnen; erst
allmählich erkennen beide Seiten, wie sehr sie jeweils ein Teil des
anderen waren, und versuchen mit allen Mitteln, diesen Tatbestand
zu verdunkeln
und die
fälligen Konsequenzen aus ihm zu ziehen. Manchem kommt es in Zeiten
gemeinsamer Interessenswahrnehmung so vor, als seien sie wieder
vereint. Aber das wirkt bloß so: es ist die Trennungsarbeit, die
den Schein wirklicher Gemeinsamkeit erzeugt und dabei doch nur
einen aufgebrochenen Gegensatz fortschreitend entfaltet. Niemand
weiß so viel vom Christentum wie das nachchristliche Europa,
niemanden bezichtigt es so rückhaltlos, nichts zu begreifen.
Endlich schließt sich für Europa diese Erscheinung; es hat das
Gefühl, um sie herumgehen zu können und dabei doch niemals zu
wissen, ob es aus sich herausgeht.
NACHKRIEG

Ein Riss, so der Museumsfreund G., geht – bald wird man auch hier sagen müssen: ging – durch die deutsche Gesellschaft, der selten bedacht wurde: er teilt die Jahrgänge, die noch im Weltkrieg geboren wurden, von denen, die nachher kamen und von Bombennächten, Flucht, Vertreibung, Heimkehr der Väter, Besatzungs‑ und Beschaffungsalltag, von der Trümmerlandschaft der Städte und ihrem ersten Wiederaufbau ebenso wenig ›Anschauung‹ besaßen und besitzen wie ihre heute erwachsenen Kinder. Sie hatten nichts erfahren und mussten daher alles durch die erfahren, die ›erlebt‹ hatten, die sich erinnerten oder qua Säuglingsstatus Teil jenes Szenarios gewesen waren und es auch habituell blieben. Eine Realität jenseits, hinter, unter der Realität, unfassbar, unbeschreibbar außer in Worten, von anderen geprägt und dauerhaft im Munde geführt, eine Wut, deren Motive unterhalb von Scham und Schuldbekenntnis – kollektiv, wie denn sonst – sich nur weiter verrätselten, je stärker man sich über sie beugte, überhaupt die Scham über etwas, das ›Unterrichtsstoff‹ war und bei aller explosiven Wirkung auch blieb, während es doch in den Äußerungen der ein wenig Älteren so höhnisch und aufreizend erschien, als wollten sie gerade jetzt die andere Seite der kindlich erlebten Realität herausfordern – jetzt, da sie doch bis auf jene letzten Spuren beseitigt war, die geradewegs in den Gedächtniskammern der Zeugen und Protokolle und damit – jedenfalls im Westen – in die Realität der Auschwitz‑ und Eichmann-Prozesse mitsamt ihrer publizistischen Aufbereitung führten: solche Prägungen haben eine Generation aufkommen lassen, der, strikt gesprochen, nichts zu sagen blieb, da doch alles, worum es gehen konnte, bereits vor ihrer Ankunft geschehen und besprochen war und von den Anderen fortfahrend weiter besprochen wurde. Sie hatte sich einzusprechen und ›Engagement‹ zu zeigen – im Grunde eine Kohorte von Vollstreckern, von Buchhaltern des Gelernthabens und Weiterlernens, deren Eifer sich nicht wirklich mit seinen Gegenständen vertrug, wie die lederne Sprache so vieler Abhandlungen und das entrückte Hantieren mit Theorien belegen, die niemanden überzeugen, aber
unhintergehbar den Stand der erreichten Differenzierung repräsentieren. Und wirklich möchte niemand dahinter zurück, in dieses ›Nachkrieg‹ genannte Purgatorium, zu dem die Seelen der Verdammten hartnäckig schwiegen, während ihre Körper satte Zukunftsgewinne einfuhren und Urlaub auf Ibiza oder am Plattensee machten.
NACHSEHEN

Das Nachsehen haben – eine Auszeichnung, selten gewürdigt, die
Leute laufen eher davon, als dass sie sich hier etwas nachsähen.
Dabei verfügt, wer nachsieht, über den Vorteil der Nähe, die im
Nachkommen begründet liegt und mit Nachkommen einherzugehen pflegt.
Das Nachsehen haben: hieße das nicht, notorisch aufs Nachsehen
verpflichtet zu sein, sich verpflichtet zu haben? »Sieh doch mal
nach, ob noch Kaffee da ist.« Wenn ja, ist es nicht so schlimm.
»Lass es gut sein!« Oder noch knapper: »Lass gut sein!« Es gibt ein
Zuviel der Nachsicht: Welche Vorstellung von Güte liegt hier
zugrunde? Man kann die Güte auch übertreiben – das und nichts
anderes meint die Phrase, jedenfalls beinahe. Etwas über den
Übertreibungspunkt treiben, wie man ein träges, trottendes Vieh
treibt, sagt viel über den Antreiber, seine Mittel und seine
Zielvorstellungen aus. Oder gar nichts – für den Fall, dass er
selbst ein Getriebener ist. In einer Gesellschaft, in der alles,
was in die öffentliche Aufmerksamkeit gelangt, auf Übertreibung
gestellt ist, hat die Wahrheit das Nachsehen. Es ist ihr ältestes
Amt. Gleich hinter der heißen Luft kommt – die Absicht. Wer mag da
schon hinsehen.
NASCHEN
Das Wort stammt aus Taschkent. Zur Überraschung fast aller Forscher
dieser Einöden war das Gastgeschenk aller Jurten der Tragöder
Gebiete südlich des Lub-shuk eine Brezel. Sie war von der Größe der
üblichen Satteltaschen aus Kushmar, einem Strohgeflecht. Die
zögernden Besucher aus dem Westen forderte man durch den Zuruf
»Naschen, Naschen« auf , davon zu kosten. Brach dann der Gast ein
Stück ab, war die Freude groß.
Grabbeau, der die Gegend in
seinem
Geiste mehrfach
befahren hat, erkannte das trunkene Glück dieses zauberhaften
Gebäcks und schrieb darüber in den Vorstudien zum
Alphazet: »Schon im ersten Traum war der
Abstand zu der geheimnisvollen Brezel zwar sehr gering, aber ich
wagte es nicht, davon abzubrechen. Erst Wochen später, im zweiten
Traum, griff ich mit vergoldeten Fingerspitzen danach, brach ein
Stück ab und aß.
Nie zuvor, und auch später nicht, ward ich vom Urgefühl endloser
Steppen und seiner Bewohner, im Sinne der fernsten Vergangenheit
aller Menschen, so erfüllt und einfältig berauscht wie nach diesem
Traum. ›Weite...Weite‹ rief ich, als ich erwachte, und noch lange
danach sah ich vor mir Lucy mit ihrem Hund über eine sandige Anhöhe
wandern, und das selbst in Norderney und einmal bei
Gütersloh.« - PM
NASSRASUR

Man kann aus jeder Form der Rasur ein Ritual machen, jedenfalls ein
kleines, wie aus all diesen alltäglichen Verrichtungen, deren
Aufwände man niemals addiert, weil einem beim bloßen Gedanken daran
schwindlig wird. Mit der Nassrasur hat es eine eigene Bewandtnis.
Sie ist ein Ritual, kein Zweifel, sie überdauert ausschließlich als
dieses Ritual, das heißt, sie verwandelt den Zweck der Übung, die
tägliche Herstellung der sozialen Maske, in einen Nebeneffekt. Es
darf einen nicht wundern, dass Nassrasierer ihre eigenen
Internetseiten betreiben, auf denen sie sich gegenseitig ebenso
über die neuesten Accessoires informieren wie über die Literatur,
aus der sie sich Aufschlüsse über ein Tun erhoffen, die sie in
ihrer eigenen Psyche nicht finden. Die Nassrasur fordert zu
Deutungen heraus und ist auf sie angewiesen, weil sie über einen
Status verfügt, den es zu verteidigen gilt. Sie teilt dieses
Schicksal mit der Literatur, die zwar Deutungen vorschlägt, aber
sie mit derselben Vehemenz zurücknimmt, sobald sie ihrer ansichtig
wird. Die Ethik der Nassrasur, einmal in die Literatur eingeführt,
verlangt nichts weiter als das allmorgendliche Beiseitebringen der
Gedanken und Wörter. Dass es zu letzterem nichts weiter braucht als
ein gut gebautes ABC, ist das Glück der Wörter. Aber auch die
Gedanken könnten sich damit anfreunden, auf diese Weise entsorgt zu
werden.
NATION EUROPA

Sie bieten schon einen seltsamen Anblick, all diese Europäer in
ihren nebeneinander liegenden Waben, in ihrem unbändigen, dabei ein
wenig zaghaft gewordenen Stolz auf ihre Institutionen im Werden
und ihr Weiter-Sein, mit den gleichen Fragen und Phrasen befasst,
unter denen die wichtigsten nicht einmal dazu taugen, auf eigene
Faust traktiert zu werden, abgesehen davon, dass es gerade die
Faust ist, die nach Größerem strebt. Was in Europa Nation hieß, ist
mit dem Machtanspruch der Staaten dahingegangen. Was zurückblieb,
ist die Sehnsucht nach einem größeren Machtgebilde, Europa, in dem
man noch einmal an den Drücker gelangen könnte. Der größte Stolz
auf die eigene ›Kultur‹ erhofft sich den größten Einfluss. Soviel
Sprachen, soviel dahingegangene Nationen, soviel Nationanwärter.
Einstweilen bedient man sich der Lingua franca so, wie man sich
eines Kotzbeutels bedienen würde, sollte das Bad sich im Umbau
befinden. Wenn die letzte Fliese verlegt ist, dann ist auch die
Zeit gekommen... Aber welche? Welche Zeit erhoffen die europäischen
Eliten sich außer der des Provisoriums? Die Arbeit an einem Staat,
wie ihn die Erde noch nicht sah, dauert erfahrungsgemäß lang, sie
hat etwas Unerschöpfliches. Aber: Ist sie auch wichtig? Und wenn
schon: In welchem Sinn? Und zu welchem Ende? Die Nation Europa
jedenfalls, sie scheint dahingegangen zu sein, bevor sie da sein
konnte, ein imaginärer Geburtshelfer des Gedankens, dass da keine
Nation mehr kommen wird, keine Nation aus Nationen und keine Nation
nach den Nationen. Demgemäß haben die Europäer gelernt, über ihre
Staatlichkeit zu raunen oder zu lachen, aber nicht als Franzosen,
Belgier, Italiener oder Deutsche, sondern als Europäer, als
Nutznießer des freien Verkehrs. Das ist noch nichts Besonderes,
schließlich ist Europa ein Lernprozess. Er saugt die historischen
Überschüsse ab, die sich in den Staaten gebildet haben und ihnen
den Gedanken verbieten, sie seien genau das, was sie heute jeder
für sich sind, nicht mehr, nicht weniger. Sie übertreiben die
Gefahr, die noch von ihnen ausgeht, um ihr Modell zu preisen, von
Ewigkeit zu Ewigkeit – und ein wenig dazwischen.
NATURLOS

Man hat an der Negativen Dialektik einseitig den Negativismus
hervorgehoben und in ihm den Ausdruck einer speziellen Idiosykrasie
sehen wollen. Dabei ist er das beinahe anonyme Kennzeichen eines
Modernismus, den sie nur nirgends in Frage stellt. Das besondere
›Anliegen‹ dieser Theorie winkt aus ihrem angeblich schwächsten
Punkt: dem Bedenken des vielgestaltigen ›Umschlags‹ von Vernunft in
Natur. Was hier Vernunft, was Natur heißt, bleibt nicht schillernd,
sondern aus Gründen unterbestimmt, weil es die ganze Tradition des
aufklärerischen Denkens aufnehmen soll. Aber der Absturz der
›reinen‹ Konstruktion ins Unvernünftige, ins Weg- und Bodenlose
einer zerstörerischen Gegenwart war gesehen, er ist das Faktum des
langen zwanzigsten Jahrhunderts, das manche ›kurz‹ nennen, weil sie
es los sein wollen. Das sollten auch die ›radikalen‹, die
gemäßigten und die naiven Konstruktivisten nicht vergessen – eine
etwas altväterliche Ermahnung, die insofern unnötig ist, als
Gedächtnislosigkeit, wie bekannt, zu ihren besonderen Tugenden
zählt.
NEBENEINANDER

Deshalb lieben wir das Netz, das sichtbar macht: es erinnert an die
Beipackzettel gewisser Medikamente, die einen Krankheit samt
Therapie vergessen machen, weil... nun, weil man vergisst, sobald
man ins Lesen gerät. Man vergisst den Anlass, den Grund, den
verfolgten Zweck, man hört auf, ein Verfolger zu sein, man hört
sogar auf, sich verfolgt zu fühlen... Das Nebeneinander
unterschiedlichster Adressen und Mitteilungen erzeugt im Lesenden
eine Ordnung, die nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint,
obwohl sie so selbstverständlich aus ihr hervorwächst. Diese
Ordnung ist nicht gestellt, aber sie stellt sich ein. Warum? Weil
der Mensch ein intelligentes Wesen...? Das ist etwas allgemein
gesprochen, aber es trifft den Sachverhalt. Man gebe den Menschen
alles zu lesen und sie finden sich schon zurecht. Es gibt kein
Nebeneinander. Das kommt ihnen paradox vor und sie tun alles, um
diese einfache Weisheit vor sich und den anderen abzudunkeln, aber
es ist die Wahrheit und sie setzt sich durch, so wie sie sich immer
durchsetzt: hinterrücks, ruckelnd, seitenverkehrt, überhaupt
verkehrt, damit den Zurechtrückern die Arbeit nicht ausgeht und die
Didaxe blüht. – Du hast gut reden, sagt die Kröte zum Walfisch, und
wenn sich nichts einstellt? Dann war es ein Test und alle guten
Leute gehen nach Hause.
NEULING

Das Prinzip heißt: maximaler Widerstand bei maximaler Anpassung. Man will dabeisein, man besteht auf kleinen Änderungen, die sich zu nichts summieren, aber in der Praxis alles verderben. Nur so kann der unsichtbaren Instanz Genüge getan wird, in deren Namen man sich auf das Spiel der anderen einlässt. Welcher Instanz? Wer sagt mir, dass nicht die anderen das Spiel spielen, so wie es gespielt werden muss? Dass ich also das Spiel unterbreche, wenn ich sie unterbreche? Genau besehen niemand, doch das ficht die Instanz nicht an. Wenn ich die anderen unterbreche, indem ich mich weigere, ihr Spiel zu spielen, dann beginnt ein neues Spiel. Gleichgültig, ob die anderen es bereits kennen oder nicht: jetzt bin ich Spielführer und die anderen haben sich nach mir zu richten. Wollte ich das? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Im Grunde ist es mir gleichgültig. Diesmal bin ich im Spiel. Wenn aber auch dieses Spiel unterbrochen wird, wenn es unterbrochen werden muss, weil ein neuer Teilnehmer aufkreuzt, dann stört das meine Bahnen beträchtlich. Vielleicht gewinne ich einen Verbündeten. Ausgeschlossen wäre es nicht, aber das Risiko ist hoch, vermutlich gewinne ich keinen Verbündeten, vielleicht sogar einen Gegner, in der Regel gewinne ich nichts. Was ich verliere, haben die anderen, wie ich annehme, bereits vergessen: dass, was gerade gespielt wird, mein Spiel ist und es soeben gestört und durch ein anderes ersetzt wird. Ich besitze also Verbündete, zumindest dem Grundsatz nach, weil mein Spiel gerade ihr Spiel ist und sie genauso verlieren wie ich. Einige unter ihnen mögen ein langes Gedächtnis haben und zufrieden sein, dass jetzt mein Spiel zerstört wird wie früher ihres. Aber das ist gleichgültig, weil es den einen wie den anderen und mir selbst ergeht: unfähig, die neue Situation zu verhindern – sie besteht ja bereits und ist durch kein Aufbäumen mehr zu beseitigen –, müssen sie über sich ergehen lassen, was jetzt geschieht. So werden sie tückischer und kraftloser, je häufiger ein Spieler eingewechselt wird oder den Kreis der Spieler vergrößert. Bleibt die unsichtbare Instanz. Der Neue ist nicht er selbst. Er ist es nicht mehr und noch nicht. Die unsichtbare Instanz tritt für ihn ein, sie lässt ihn Dinge tun, die ihm vorher und nachher völlig fremd sind. Auf der Schwelle und nur auf ihr erscheint er sich und den anderen als Fremdling. Seltsamerweise prägt sich diese Erscheinung ein. Sie bleibt erhalten, man kann bei Gelegenheit auf sie zurückgreifen, auch wenn längst nach anderen Regeln gespielt wird und der Betreffende höchstens merkwürdig findet, dass seine Erinnerung streikt, sobald sie sich der Person nähert, die er zum Zeitpunkt seines Eintritts war oder doch gewesen sein muss, denn: einer muss schließlich auch er gewesen sein. Etwas hat ihn so und nicht anders gestellt. Es ist verschwunden, nicht spurlos, aber auch nicht auffindbar.
NEKROPHILISTER
Der Nekrophilister ist der Feind des klassischen Nekrophilen, der sich in die Vergangenheit eingräbt, um der Gegenwart habhaft zu werden. Der Nekrophilister verlässt die Gegenwart nie, er will sie ›gestalten‹. Wer immer ihn dabei stört, den stürzt er ins Gestern. Die Vergangenheit gilt ihm nicht mehr als eine Jauchegrube. Wer hineinfällt, hat traditionsgemäß wenig Chancen, mit dem Leben davonzukommen.
NEOLIBS

Gut möglich, dass der Sieg des Neoliberalismus das Ende des
Liberalismus bedeutet: nicht, wie fleißige Kritiker vermuten,
aus Gründen der Markttyrannei, sondern auf Grund der Notwendigkeit,
ihm Halt und Struktur zu geben, ihm Grenzen einzuziehen, die keine
Grenzen im herkömmlichen Sinn sind, hinter denen andere Kräfte
herrschen, sondern Stellwände, auf denen die augenblicklich
geltenden Regeln des Spiels in Reklameschrift angeschrieben stehen.
Da das Spiel nicht unterbrochen werden darf, müssen kurze Aufblicke
genügen, um sich zu orientieren. Wenn Neoliberalismus bedeutet, die
eigene Haut zu Markte zu tragen, jederzeit und in vollem Umfang,
das heißt von vornherein sowie nach und nach, dann bedarf es eines
gut geschmierten Erziehungsstaates, der die Spieler daran hindert,
sich gleich auf den ersten Metern durch Übereifer aus dem Spiel zu
nehmen. Die liberale Trennung öffentlicher und privater
Zuständigkeiten wird durch die Verstaatlichung privater Belange
ebenso ausgehebelt wie durch die Privatisierung der öffentlichen
Aufgaben. Seltsamerweise geschieht das unter voller Zustimmung der
›Betroffenen‹. Die staatliche Bewirtschaftung der Gesundheit, was
immer mit ihr erreicht werden soll, ist dort, wo sie die
Bereitstellung passiver Instrumente überschreitet, Entmündigung:
das in aller Schärfe festzustellen wäre Aufgabe einer liberalen
Öffentlichkeit, die es nicht gibt. Wer, aus Gründen der
persönlichen Freiheit, die Institution der Ehe verweigert, läuft
rascher Gefahr, sich mit dem Staat zu verheiraten, als zu einer
befriedigenden Beziehung zu finden. Auch Homosexualität, lange ein
Ausweg, hilft da nicht weiter, allenfalls die gute alte Entsagung,
die keiner durchhält. An den auf Diät gesetzten Universitäten
besitzt ein Gedanke, der sich nicht verkaufen lässt, kein
Existenzrecht: so etwas durchzusetzen bedarf brachialer Mittel,
also des Staates. Die mediale Meute erzwingt die Regeln, der Staat
setzt sie durch und der Markt floriert, sofern die Hoffnung nicht
trügt – auf Kosten der Gesellschaft, des schütteren Absolutums, das
keine Mächte außer sich duldet und daher, Zuschauerin immer und
überall, zulassen muss, was in ihr geschieht.
NETZFORSCHER
Wir haben das Netz erfunden und es erfindet uns. Da gehen die
Besorger der Gegenwart hin und rütteln an den Stühlen der Zukunft,
um sich ihrer Stabilität zu versichern. Sie geben viel Geld aus, um
zu erfahren, wie es sich darauf sitzt und worauf man wird achten
müssen. Sie haben ein Auge geworfen und wünschen pünktlich
Erstattung. Das alles geschieht und es hat wenig Wert. Sie werden
Praxen erforscht haben, die obsolet sein werden.
NETZGEFLÜSTER

Apropos Webforen und ‑blogs und ein gewisser darin herrschender
unsauberer Ton: Warum kann man den Eindruck nicht abschütteln, dass
man sich in einem anderen Milieu befindet, sobald man von, sagen
wir, englischsprachigen auf deutsch(sprachig)e Seiten wechselt?
Kein Scherz, keine generöse Geste lichtet diese Nebel, weit und
breit kein Geltenlassen, das nicht bemüht daherkäme und gleich
gelobt werden wollte, kaum einmal ein freundliches, ein
anerkennendes Wort, stattdessen dieses verbiesterte, ahnungs- und
syntaxlose Idiom, dieser Mix aus Denk- und Rechtschreibfehlern,
nicht zuletzt die unterschwellig allzu oft anwesende, sämtliche
Weltverhältnisse einbeziehende Nazi-Verdächtigerei und ihr
national-narzisstischer Widerpart, das meiste davon ohne
Sinn, ohne Verstand oder auch nur Anstand, dieser – sagen wir’s
ruhig – Geifer: das scheint alles ziemlich verbreitet zu sein und
erweckt einen Eindruck von Zeitgenossenschaft, den man sich als
Leser gerne erspart hätte. Aber warum? Man gäbe etwas darum, wenn
man sich täuschte.
NETZSPANNUNG

Hier, im Netzraum, ist die Spannung beträchtlich. Woran das liegt?
Schwer zu sagen, selbst das Fragen ist schwierig, denn man bekommt
keine Antwort oder viel zu viele. Man weiß nicht, wer zusieht und
hinter welcher Brille, aus welcher Richtung und mit welchem Ziel.
Auch gibt es Grade der Intensität, die sich auf die Entfernung
nicht taxieren lassen. Man kennt die Mittel der Beeinflussung
nicht, aber man lässt sie sich gefallen. Man kann Umfragen
veranstalten, man kann den Leuten ins Haus kommen, gleichsam um den
schwarzen Kasten herum, und ihnen auf den Hintern starren, als sei
dies der Ort der Offenbarung, aber wenn sie sich endlich umdrehen
und geduldig den Katalog der einfältigen Fragen beantworten, den
ihnen die Wissensindustrie vorlegt, dann sind sie andere, mit
anderen Nerven, mit anderen Leidenschaften, mit anderen Gedanken,
mit anderen Einflusskanälen, und man erfährt nichts von dem, was
man wissen wollte. Das Netz ist autonom, solange es unter Strom
steht, vorher und nachher sieht man nur Sandkastenspiele. Das
Gesicht des Netzbenutzers ist verdeckt, selbst Sehschlitze sucht
man vergebens, gerade sie, denn dort fände man das Geheimnis, das
sich nicht preisgibt. Diese in Sauggeräte verwandelten Augen, die
nicht das Offene suchen oder ein Gegenüber, besitzen entfernte
Pendants auf den Autobahnen, Augen, die am Horizont kleben, doch
sie sind anders gerichtet, direkter, beweglicher,
informationsoffener, intelligenter, falls sich so etwas sagen
lässt. Der Blick ins Netz schaltet, anders als der Verkehr, die
Intelligenz nicht aus, sondern lässt sie pulsieren. Was da auf Zeit
entsteht, ist nicht die konvulsivische Schönheit, von der die
Surrealisten träumten, aber eine Art Schönheit ist es schon, eine,
die von den autoritativen Gewalten des Fernsehens oder des Kinos
niemals erzeugt wurde. Die Schönheit des Netzes liegt in der
Aktion, im Spiel zwischen Hand, Bildschirm und jener Lust auf
Neues, die unablässig treibt, sucht, fordert, und den flüchtigen
Elementen der puren Intelligenz auf andere Weise, aber ähnlich nahe
zu kommen vermag wie die – fast – vollständige Versenkung in einen
der Schlüsseltexte der Menschheit, von deren Existenz viele nichts
wissen und niemals wissen werden. Was ist das für eine Autonomie,
fragen sich viele, sie könnten auch fragen, welcher Teufel diese
Leute reitet, sie werden auf ihre Frage keine Antwort erhalten,
weil, wer so fragt, außerhalb steht – ähnlich einem Ästhetiker, der
sich vergeblich fragt, was denn das Schöne sei, das er nicht
empfindet. Als Werkzeug versieht das Netz seinen Dienst ohne
weiteres, wer nicht mehr darin sieht, wird auch nicht mehr
erfahren. Es ist nötig, dass Schönheit sei, aber es ist nicht
nötig, dass alle sie sehen. Wem ein Löschblatt genügt, was soll der
mit dem Original? Er würde nur versuchen, die anderen zu löschen.
NEWCOMER

Wenn zwei um die Vorherrschaft rangeln, führt das ins K.o. oder sie
legen ihre Interessen zusammen und finden zu einem Ausgleich.
Gemeinsam besitzen sie ein natürliches Übergewicht gegen jeden, der
zu ihnen aufzuschließen versucht. So reicht es stets zur
Vernichtung des Dritten. Das ist, unter Machtgesichtspunkten, die
Geschichte. Von einem bestimmten Zeitpunkt an wächst die
Vernichtungskapazität unaufhörlich. Sie wechselt, besser:
verschiebt die Länderbasis, sie wird autark gegenüber Machtfaktoren
älteren Stils. Zur gegebenen Zeit ersteht ihr ein neuer Feind. Die
Auguren sind unschlüssig, ob er eine Projektion ist oder eine
Realität. Vermutlich ist er beides und mehr. Er ist innen und
außen, er ist ›auf dem Schirm‹ und gut verborgen. Es ist der
Gedanke der Herausforderung selbst. Er ist unangreifbar in dem
Maße, in dem er bloßer Gedanke ist. Dabei ist er mit Händen zu
greifen. Wo man ihn aus den Gedanken verbannt, wird er zum
Hintergedanken. Wo man den Hintergedanken verbannt, provoziert man
Gewalt. Man nennt sie schmutzig an Stelle der reinen Gewalt und
zeigt damit, wie ratlos man ist. Sie ist die Gestalt der
Ratlosigkeit, aufgerichtet gegen den Zustand der Welt.
NIETZSCHE

Diesen Philosophen haben wir geliebt wie keinen anderen und jetzt
gehen wir und schließen die Bücher. Warum? Woher dieser plötzliche
Überdruss? Hat er auf einmal nicht mehr recht, nach so vielen
Exerzitien und Exuberanzen der nachfreudianischen Seele? Denn dass
dieser hier nach Freud kam, nachdem er lange da war, das ist mit
Händen zu greifen und nicht bezweifelbar. Sind wir also weiter?
Wir? Welch komische Instanz drängt sich da zwischen den Einzelnen
und seine Lektüre? Aber nein, so ist es nicht. Eher ließe sich
sagen, diese Instanz entstand zwischen den Zeilen dieser Lektüren,
sie drängt auch nicht, sie hat keine Eile, sie lässt dem, der noch
nicht so weit ist, der noch lesen muss, Zeit. Vielleicht ist es
das, was sie ausmacht: sie nimmt keine Zeit, sie lässt sie. Das
konnte dieser da nicht, er war ein Gedrängter und Dränger, was aus
ihm hervorkam, hervorquoll, hervortrieb, war der Geist eines
Jahrhunderts, das jetzt vorbei ist, aus und vorbei. In den
Sechzigern schrieb einer: »Nietzsche steht uns noch bevor« – der
eine oder andere hatte es befürchtet. Er war der Geist aus der
Flasche, mächtig und ungreifbar, dabei folgsam aufs Wort. Und
wortgläubig musste einer sein, wollte er ihm folgen, auch
wortklauberisch, wenngleich in immer neu sich entrollenden Grenzen:
ein Natterngezücht, diese Nietzscheaner, seine Lehre ein
Hütchenspiel, seine Heiligsprechung ein lustvoll erneuertes
Sakrileg. Wer heute ›Spaß hat‹, ist schon Nietzscheaner. Das muss
nicht sein. Man schlägt ihn auf und sagt sich: Alles falsch!
Nietzscheanismus ist jetzt die Kunst, selbst das Richtige
falsch zu sagen.
NOT, NOTGERTEN
(Der Ursprung des germanischen Namens Notger ist hier zu suchen.)
Notgerten verteilten die Vorfahren der Sozialbesitzer, graublütige
Zwerge aus dem Rautengau, etwa zur gleichen Zeit, als im römischen
Castrop-Rauxel Papiergeld ausgepeitscht wurde. Die Szene
ist bei
Homomaris auf einer silbernen
Münze festgehalten. Sie war der keltischen Göttin Sirona geweiht.
Man kennt heute indessen nur noch die gleiche Münze ohne die Gerte.
Auf Befragen im Auftrage der ›
Alphazet-Vereinigung gläubiger Kenner
denkender Buchstaben‹ sagte der Künstler: »Die Gerte war mir damals
nur einmal ganz kurz bekannt geworden, später vergaß ich sie
mitsamt dem Heer graublütiger Zwerge als Sozialbesitzer. Hätte ich
sie noch weiter gekannt, so wäre ich wohl auch auf die Idee
gekommen, mich in Zeiten der Not der Gerte zu bedienen und
schließlich sogar aus einer zweiten Münze Nutzen zu ziehen. So aber
habe ich nie wieder eine Münze gemacht, bin aber auch nie wieder in
Träumen von Geldbesitz und Wohlstand von ihr heimgesucht worden
(siehe Homomaris:
Geständnisse
eines verarmten Adlers). - PM
NOTBEHELF
Dass die Schmierigen, Gierigen den Planeten beherrschen, ist weniger bemerkenswert als der Umstand, dass niemand es ihnen verwehrt: wo immer ein Einspruch sich bildet, schimmert alsbald die traurige Wahrheit durch, dass man sie überall braucht. Aber warum traurig? Die Wahrheit ist lustig wie die Tiroler, sie steigt morgens ins Unwegsame auf und bettet sich abends unter Schalmeienklang, doch das ist vielleicht nur ein Vorurteil. Die Wahrheit über die Wahrheit will keiner wissen, bloß die Schlaumeier behaupten keck, es gebe sie nicht und das sei die Wahrheit. Die Wahrheit ist, wie der Lappen, auf dem sie gedruckt steht, ein Notbehelf, der verdeckt, dass den Menschen nicht zu trauen ist. Deshalb gewinnt, wer sich traut, als trauten ihm alle, jedenfalls meistens.
NOTENSPIEGEL

Wir wollen die Welt nicht benoten. Wir wollen auch nicht benotet werden und da entsteht das Dilemma. Denn die da benoten und nicht benotet werden wollen, weil sie in allem die Bestnoten verdienen, wissen genau, was sie von denen zu halten haben, die sich der Benotung verweigern. Also erfinden sie immer neue Benotungssysteme, nicht zu reden von neuen Benotungs-Anlässen, um denen, die da nicht benotet werden wollen, weil sie schon wissen, was sie von denen, die da benoten, zu halten haben, das Leben schwer zu machen. Denn das wollen sie ja: leben. Die anderen wollen das auch und so erklärt sich das Durcheinander. So ist es gut, wenn alle, die da benoten, keine Vergangenheit haben, und alle, die da nicht benotet werden wollen, eine haben. Die da benoten, können sagen, sie hätten nichts zu verbergen, die anderen müssen es. Wer nichts zu verbergen hat, kann nichts dagegen haben, benotet zu werden, er sehnt es förmlich herbei, denn er ist neu auf der Welt und wüscht sein Lebensgefühl befestigt zu wissen. Also sind alle glühende Anhänger eines Notensystems, das sie insgeheim ablehnen. Was heißt schon ablehnen: sie scheuen sich nicht, es für gezinkt, unwürdig, ungerecht und überdies veraltet zu erklären, sofern es nicht das gewünschte Resultat zeigt. Da ist es am besten, wenn alle sich auf eine Vergangenheit einigen. Man weiß, was man an ihr hat und pfeift auf die Noten.
NOVUM MEDIAEVUM
Wir sind in ein neues
mediaevum eingetreten, ein mittleres Zeitalter zwischen zwei Modernen. Die alte ist noch zu lebendig in uns, als dass wir anders als mit den vertrauten Aufschneidereien darauf reagieren könnten. Noch sind wir zu sehr mit ihrer Abschaffung beschäftigt, um anzuerkennen, dass dort, wohin es uns zieht, uns nur Heteronomie erwartet. Es wäre auch ungerecht, da sie exakt nach den Vorgaben dessen hervortritt, was verschwindet und schon verschwunden ist. Der Westen verliert rapide an Kraft, die Verhältnisse auf dem Globus zu gestalten, und nicht nur sie. Seine asymmetrischen Kriege nach dem Ende des großen Schismas kosten mehr, als sie einbringen, und er kann sie nicht beenden, auf Knopfdruck nicht und nicht auf dem Weg von Verhandlungen, wenn man weiß, dass er immer mit der falschen Partei am Tisch sitzt, weil die richtige sich nicht blicken lässt. Da wächst der Wunsch, hier und da reinen Tisch zu machen, fatal wie eh und je, mit Folgen, die man aus den Geschichtsbüchern kennt. Kümmern sie uns, diese Folgen? »Respice finem«: aber darum geht es doch! Man kann Enden gestalten, man kann sie aufhalten, aber nicht verhindern. Diese Enden haben etwas unbestreitbar Komisches, sie treten ein, wenn die Vorhersagen hundertmal widerlegt sind und die Diagnosen ihre Seriosität endgültig eingebüßt haben. Und wirklich gibt es nichts, kein Ereignis, kein Desaster, das man beim Wort nehmen könnte, um zu sagen: Das ist das Ende. Nein, es ist einfach eingetreten und dauert an, es läuft über alle Zeitgrenzen und nützt diesen Umstand gründlich aus. Keine Angst, es tut nicht weh, nicht mehr jedenfalls als andere Zustände, und mancher seufzt vor Erleichterung und sagt sein »Na endlich.« »Diese Moderne samt ihren Postmodernen, sie war wirklich nicht mehr zum Aushalten. War sie es je? Lastete sie nicht auf der Erde wie ein letzter Traum vor dem Erwachen?« Wer das sagt? Leider kennen wir nicht sein Gesicht, man wird ihn ausgraben müssen, ihn oder seine Reden, in ein paar Jahrhunderten, die sich vielleicht verkürzen, sollte der Planet sich entschließen, schneller zu kreisen, was er im Bereich der Mikrosekunden auch tut.
NTS
NICHT TOT SEIN – ein Imperativ, wie es wenige gibt. Überall Großbuchstaben, wohin man sieht, und die Anmerkungen spotten jeder Erfahrung. Besser, du wärest tot: ist es das, was man damit sagen will? Berührt man den anderen deswegen leicht, wie im Schlummer, und rüttelt ihn, weil es doch nichts nützt, um zu sagen: du bist so gut wie tot, aber ich lasse dich nicht? In diesem ›so gut wie‹ lauert eine Pointe, doch sie kommt nicht heraus. Sie hat eine Höhle gefunden, in der es ihr gut geht, warum sollte sie, da sie das Tageslicht scheut, sich ihm aussetzen?
NULLDIÄT
Die klassischen Texte der Moderne wollen gelesen werden, als seien
sie neu, doch nicht so, wie sie in jedem Semester neu gelesen
werden, im heißen Bemühen, sie diesmal richtiger, vollständiger,
strategischer, zukunftsweisender zu verstehen als je zuvor, als
Ankündigungstexte von Modernen, die noch immer bevorstehen, kurz
als ebenso uneingelöst wie die Worte der Bergpredigt oder das Dogma
der Auferstehung des Fleisches. Solange man diese sehr irdischen
Texte als Heilstexte missversteht, ist nichts gewonnen, aber eines
verloren: die freie Bewegung des Denkens. Ein solches Denken
erträgt kein Lastenheft, das ihm vorschreibt, was ›am Ende
herauskommen‹ muss. Ebensowenig erträgt es die zwanghafte
Deutungsattitüde. Nur durch substanzielle Abwehr, durch eine alle
wider den Augenschein noch immer erhobenen Ansprüche auf Geduld,
auf Nachsicht, auf
Rücksicht abweisende und, wo es sein
muss, höhnische Lektüre werden diese Texte ein letztes Mal
lebendig, bevor sie zusammen mit anderen, älteren durch ihre noch
immer nicht wegzuleugnende Glut den Horizont aufhellen, vor dem die
Auseinandersetzungen der Heutigen ihren Gang gehen. Und wären es
Heilstexte, so müssten auch diese zerstört werden, damit sich
andere, noch nicht in Erscheinung getretene Generationen aus ihnen
das Richtige zusammensuchen können. Die Hoffnung, weiter zu kommen,
indem man sich unter die Diktate Verstorbener duckt, ist nicht
besonders gegenwartsfreudig, darin liegt der unauflösbare
Selbstwiderspruch all derer, die ›nach wie vor meinen, modern zu
sein‹ – ein schönes Bild, das man so stehen lassen sollte, am
besten im freien Fall.
O’BAMA

Das Bedürfnis der Menschen nach Erlösung ist ungeheuer. Im
Deutschen klingt Obama nach ›Erbarmer‹, als solcher wurde bereits
der Kandidat vom Nichtwahlvolk empfangen, erbarmen sollte er sich
des ganzen verfahrenen Weltwesens und eine hemmungslose Propaganda
goss immer nach, bis die papierenen Tüten durchweicht waren und
eine nach der anderen aufplatzte. Dass auch ein Nobelpreiskommittee
sein Tütchen mitgebracht hatte, wurde bereits hier und da mit
Gelächter quittiert, wenngleich das Wohlwollen nicht so schnell
wich. Warum die Hoffnung? Warum die Enttäuschung? Die Erwartung
vernünftiger Beschlüsse ist ja nicht unvernünftig, jedenfalls nicht
von Haus aus, allenfalls durch ihr Übermaß. Wenn sie enttäuscht
wird, regieren wieder die Zwänge. Aber was vernünftig sein soll,
fügt sich den Erwartungen ebenso wenig wie sein Gegenteil. Die
Interessen der Menschheit divergieren, und nicht nur im Detail. Wer
sie kapert, um mit ihnen davonzusegeln, wird schneller zur Geisel
als er sich vorstellen kann. Überhaupt spielt die Vorstellung in
diesen Dingen eine bedeutende Rolle. Wer ein wenig mehr Phantasie
als seine Mitmenschen aufbringt, gerade so viel, um die brennenden
Probleme des Planeten zu bedenken, leidet sub specie dieser Themen
unter einem eklatanten Mangel an Einbildungskraft: er kann sich
nicht vorstellen, dass andere darüber ganz anders denken und selbst
dann, wenn sie zufällig gleich denken, von Motiven bestimmt werden,
die er weder teilen noch ausloten kann. Warum das so ist? Weil es
die eine Menschheit ebensowenig gibt wie den Menschen. Im Interesse
der Menschheit spielen die Fiktionen miteinander Katz und Maus. Den
Satz gilt es zu bedenken.
ÖKODIKTATUR

Die Deutschen haben im Lauf der Zeit alle Staatsformen ausprobiert, nur die Ökodiktatur fehlt noch. Der Gedanke reizt sie, kein Zweifel, aber sie haben gelernt, unauffällig mit solchen Fragen umzugehen, und wollen die Sache nicht ausreizen. Manchmal, wenn am anderen Ende der Welt ein Unglück geschieht, macht ihr Gemüt einen Sprung und sie sind bereit, ein klein wenig weiter zu gehen als andere. Natürlich wäre es ihnen am liebsten, die ganze Sache würde in Brüssel geregelt und sie müssten den Anordnungen der dortigen Behörden nur Folge leisten. Mittelfristig, so hoffen sie, bewegen sich die Dinge in diese Richtung. Bis dahin spielen sie Vorreiter. So dient auch die leise gewordene Klage über das Demokratiedefizit der Union nur als Klingelbeutel für Stimmen, die sonst verloren gingen. Weiß Gott, wohin sie gerieten! Unter die Bänke? Kaum. Eher auf die Stimmzettel Andersgläubiger, die keine Diktatur fürchten, weil sie den Etikettenschwindel von Haus aus beherrschen. Also doch auf Abwege? Wer so fragt, hat nichts verstanden und bekommt bei Gelegenheit einen Geschichtsunterricht extra.
ÖL-SPUR
Seit der Umwandlung des Golfs von Mexiko in eine Ölkloake im
Frühsommer 2010 geht die Behauptung in Ordnung, die Welt habe sich
Be-Pisst.
OPFER, versöhnendes
Warum hat sich Girards Opfertheorie der Kultur nicht durchsetzen
können? War sie zu wenig durchdacht, zu unreflektiert, zu sehr auf
die Durchsetzung einer Figur erpicht, um auf die Dauer das Heer der
Auguren befriedigen zu können? Wer das Spektrum der Theorien
durchmustert, die zur selben Zeit und seither in den Zirkeln der
Fachleute und der Öffentlichkeit ihren Weg machten und zu
patterns des modernen
Weltverständnisses wurden, mag das kaum glauben. Wenig mehr als
eine dumpfe Verstärkung des Unbehagens an der Kultur hat sie nicht
geleistet, auch hat sich niemand der Mühe unterzogen, sie
sorgfältig und mit Argumenten, die nicht bereits bei der
Niederschrift hinkten, zu widerlegen. Dass die Herstellung von
Gemeinschaft zwischen rivalisierenden Gruppen und Personen die
zentrale Leistung aller Kultur, dass im Sündenbockmechanismus das
Herzstück dieser Veranstaltung namhaft gemacht werden kann, lässt
sich nur gegen den täglichen Augenschein bestreiten. Näher wäre es
also gelegen, hier differenzierend in der Analyse fortzufahren, als
achselzuckend zum nächsten Thema überzugehen. Doch Girard hatte die
Aufdeckung der Verfolgungsmuster zu weit oder nicht weit genug
getrieben, er hatte rücksichtslose Aufklärung verlangt und den
Schematismus weiter bedient, da er, im Gegensatz zu den anderen,
Bescheid wusste, er hatte nicht begriffen, dass die literarischen
Texte, die sein Begreifen genährt hatten, zwar Grundtexte der
Kultur darstellen, aber ihre Praxis in eine Ferne rücken, aus der
sie gefahrlos genossen werden können – er hatte die ästhetische
Katharsis mit dem Opfermechanismus selbst verwechselt und damit ein
Allerweltswissen in ein Geheimwissen verwandelt. Aus seinen
Schriften spricht der typische Interpret des vergangenen
Jahrhunderts, der alles neu zu stellen verspricht – durch einen
begrifflichen Hokuspokus, ein Hexen-Einmaleins, das jede Situation
anschärft und von Grund auf wendet. Vor Theorien wie der Girards
verstummen die Menschen, sie können nicht widersprechen und können
die Praxis nicht fahren lassen, von der in ihnen die Rede ist.
Überdies konnte sie, wenngleich gegen den Willen ihres Urhebers,
den Anschein verstärken, als habe die mythisch verhaftete Kultur in
der liberalen Gesellschaft bereits ihr Heilmittel gefunden – im
Feldzug gegen ›fundamentalistische Kulturen‹ zählt sie daher
vermutlich zu den wirkungsvolleren, weil versteckten, mehr
›gewussten‹ als zum Einsatz gebrachten Waffen. Schließlich hat es
der Interpret der Kultur versäumt, den Heilssuchern, die ihm zu
folgen bereit waren, ein Corpus an heiligen Texten anzubieten, das
der Schule selbst den nötigen Zusammenhalt beschert hätte. Sein
größter Fehlgriff war es, allein die Evangelientexte mit der
welthistorischen Autorität auszustatten, den Mythos zu entkräften –
außer den eigenen natürlich, die in sicherer interpretierender
Distanz verweilen. Das Beharren auf dem protestantischen
Schriftprinzip, als habe man seine Bedeutung erst heute begriffen,
besitzt ohne Zweifel eine originelle Seite, die andere ist – dumm.
OPPORTUNITÄT

Was, bitte, ist ein Exzess? Ein durchgeführter Glaube geht über das hinaus, was man vom bloßen Glauben erwartet. Vom Glauben Taten erwarten heißt ihn auf die Probe stellen. Warum? Ist das noch Glaube? Ist es wirklich noch Glaube? »Ich glaube schon«, beteuert der Gläubige. »Ich glaube nicht«, nickt der Ungläubige, er fühlt sich durch den Tenor der Frage angesprochen und besetzt die Lücke. die sich hier auftut. Eine Glaubensprobe muss hart und entschieden sein, sonst gilt sie nicht und macht den Verdächtigen nur verdächtiger. Wer entscheidet darüber, wie hart und entschieden sie ausfallen muss? Der Gläubige? Der Ungläubige? Beide sind verdächtig, beide sind befangen, beide wollen im Grunde dasselbe – Bestätigung für das, was sich nicht bestätigen lässt. Mit seinem Glaubensproblem ist jeder allein. Er kann seinen Glauben teilen, er kann sich über ›Probleme des Glaubens‹ verständigen, aber mit seinem Glaubensproblem ist er allein. »Ich teile deinen Glauben«: ein Angebot, kaum auszuschlagen, und dennoch vollkommen unnütz. »Was glaubst du denn, was ich glaube? Glaube du nur, ich glaubte, was du dir unter meinem Glauben vorstellst. Ich weiß genau, was du glaubst, doch glaube nicht, du wüsstest deswegen, wie es in mir aussieht.« Glauben, das wäre also: wie es in mir aussieht. Wie es aussieht, darüber kann ich reden, ich kann es auch lassen, es läuft auf dasselbe hinaus. Die Lösung des Problems liegt im Exzess. Der Glaube muss aus sich herausgehen, um vor sich zu bestehen, er muss ausschweifend werden, um bestimmt zu werden, er muss Theorie werden oder Liebe oder Bekehrungswut oder Mord und Totschlag, dies alles, um Ursache von etwas zu werden und als Ursache: reell. Ein erprobter Glaube ist einer, auf den der Gläubige zurückweisen kann als Ursache dessen, was hier geschieht oder geschah. Er ist schuld, also ist er reell. Er existiert und verfügt über einen Wirklichkeitskern, einen wirklichen Inhalt, einen Inhalt, dem eine Wirklichkeit entspricht, geglaubte Wirklichkeit, an der zu zweifeln, die zu leugnen zwecklos ist. Wer zweifelt, wer leugnet, nimmt die Außenperspektive ein und kommt anders in Betracht als ich, der Gläubige: er ist Teil meiner Aufgabe. Natürlich kann das Modell unter Druck kollabieren, aber fürs erste ist es stabil und druckresistent. Es eröffnet Handlungsoptionen, wo vorher nur Wüste war – Opportunität.
OPS
»Ops«, sagte die Maus, die den Faden nicht abbiss, sondern
weiterspann, »O-P-S.« Sie wollte sich nicht weiter auslassen,
vielleicht, weil sie fürchtete, darüber zahnlos zu werden, doch
auch so war sie deutlich genug. Und sie fügte, scheinbar
unvermittelt, hinzu: »Opera sunt servanda.« Kein Lachen formte sich
im Gesicht der Hydra, in diesem nicht und in dem dort auch nicht.
ORCHIDEENBLÜTE
Ginge es nach den Vorstellungen einer bekannten und von interessierter Seite gerühmten Frauenzeitschrift im
Yagir, so wäre die Hälfte der männlichen Bevölkerung dauerhaft damit beschäftigt, die andere Hälfte wegen vergangener oder künftiger Sexualdelikte hinter Gitter zu bringen, während die Frauen, soweit sie nicht ihren verantwortungsvollen Berufen nachgehen, energisch darauf bestünden, dass endlich mehr zu ihrer Sicherheit geschehe. Eine solche Außendarstellung ist natürlich verheerend, es ist, um es in der Sprache des Pöbels zu sagen, eine miserable Performance, verständlich nur, wenn man weiß, wen man vor sich hat und woher sie kommen, an welcher Mutterbrust sie genährt wurden und mit wem ihre Väter schliefen, wenn sie gerade aushäusig waren. Vielleicht auch nicht, vielleicht genügt ja eine Andeutung, wohin es führt, wenn man für sich und seinesgleichen Narrenfreiheit nicht nur fordert, sondern auch erhält. Aber gleichgültig, was einer andeuten oder recherchieren oder mutmaßen mag, es ändert nichts daran, dass sie sind, wer sie sind, und just die Denktätigkeit vorschützen, der sie nachgehen. In früheren Jahren kämpften sie gegen die sexistische Werbung, die jetzt ihre Frau ernährt, so wie sie heute fröhlich die Schecks einstreichen, die ihnen der ewiggestrige Männlichkeitswahn für ein paar Infamien über einen weibstollen Halbprominenten ausstellt, der gerade vor Gericht sein Fett abbekommt. Das Schönste dabei ist, dass sie dort angekommen sind, wo sich mit den Jahren ganz von allein die dicksten Polster bilden, in der Mitte. Dort ruhen sie in sanften Fauteuils, lassen ihre ergraute Mähne spielen und erteilen dem Volk, das draußen seine Beziehungsprobleme im Suff ertränkt, Nachhilfeunterricht in den Disziplinen, in denen es seit jeher den übelsten Neigungen frönt, als da sind Denunzieren, Verdächtigen, Verunglimpfen, Vorverurteilen, Nachtreten, Heucheln und Dummschwätzen. Warum hörst du auf diese Vettel, erkundigt Irene sich spitz, gefällt sie dir etwa? Sie liebt die drastischen Ausdrücke und hält sie für Seelennahrung, ohne die das Leben verkümmert. Aber Ariel ist ganz Ohr, er hört den Sound alter, längst vergessener Familienabende und überlegt, wie lange Tante Gertrud jetzt tot ist. Sie hatte ja recht, denkt er, Männer sind Schweine, warum habe ich mich so lange gegen diese Einsicht gesträubt. Frauen hingegen sind Orchideen, sie leben in Gewächshäusern und nur Gärtnerinnen dürfen sie berühren. Jedenfalls sagt das die Kamera, deren Schwenks sie bedingungslos Folge leisten. Natürlich steckt noch etwas anderes dahinter, aber das ist mir zu hoch und ich gehe jetzt schlafen.
ORDINÄR
Ordinär: die Klage, einer Generation anzugehören, die nichts erlebt
hat, soll heißen, nicht in Kesselschlachten und KZ-Krematorien
verheizt, nicht von Bomben zerrissen und von Geheimdienst-Schergen
gefoltert wurde. Das müssen zarte Erlebnisseelen sein, die nach
derlei dürsten, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie jederzeit die
Wahl hatten, eine der zu ihren Lebzeiten angeheizten Höllen
freiwillig zu entern. Da es eine literarische Klage ist, kommt die
Frage nach dem brutalen Sinnstifter hinzu, den so jemand braucht, um etwas
zu sagen zu haben. Bleibt er aus, sagt man eben nichts, man sagt es
ununterbrochen, der Ausstoß
per
annum stimmt und man hat sogar eine Aufgabe. Das Evangelium
des Nihilismus kann nur von Leuten gepredigt werden, die nicht
wissen, was es bedeutet. Denn es bedeutet ihnen nichts.
ORNAMENTUM
Mit jeder Fläche, ob als Bild, Tisch oder Hintergrund eines
gedachten Objektes, verbindet sich immer das ausgewalzte Gehirn.
Neben den Augen flüchtet es in die Breite und bildet die Tafel der
im Innern geschauten Objekte. Wenn aber, je nach den Zeiten der
allgemeinen Denkart in Weltanschauungen oder Religionen diese
Flächen, auch hier ganz gleich welcher Art, aus Papier oder Geist,
es gibt zehntausende, mit jenem vermeintlich Bösen sich angefüllt
haben, so muss der Betrachter oder Besitzer es ebenso fürchten wie
das zum Schutz bestellte Polizeiwesen und würde er einmal aus
Unbedachtheit, oder wohl auch aus geheimer Absicht, von diesem
Bösen in seinem Innern reden, so müsste er sich am Ende vielleicht
vor einem Gericht offenbaren.
Sähe ein Richter auf einer dieser Flächen religiöse oder
halbreligiöse oder politisch unkorrekte Ansichten, die er nach
gängigen Paragraphen verurteilen müsste, so hinge alles davon ab,
wie weit der Begriff der
Kunst das Böse entschuldigen könnte.
Hier tritt nach Paolo Veronese das
Ornamentum in Erscheinung. Es gehört,
jenseits der Psychologie, zur Produktion der unabhängig vom Thema
ordnenden, höchst eigenwilligen Zwangsästhetik, die keine Rücksicht
auf das Passende nimmt. Es sind ungereimte Erscheinungen, die
dringend eingesetzt werden müssen, um jene Art der Vollständigkeit
zu erreichen, die weder aus der Vernunft noch der Phantasie zu
erschließen ist.
Das Ornamentum ist sogar kostbarer als die reine Phantasie, weil es
deren Mängel und Lücken unvorhersehbar, ja zwanghaft
vervollständigen kann. Sich ihm zu entziehen wäre ein größeres
Verbrechen, als einem Tabu zu gehorchen.
In Veroneses
Gastmahl im Hause
Levi sind es die deutschen
lanzichenecchi und ein offenbar als
unrein gedachtes Hündchen, die dem Künstler zum Vorwurf gemacht
worden sind. Hier wurde gegenüber der Inquisition das erste Mal ein
Ornamentum beschworen, das den Richtern nur dann begreiflich sein
konnte, wenn zuvor eine große Kultur die Selbständigkeit der
Ästhetik und die Pflicht, ihren Launen als Mittel der Form Genüge
zu tun, lange genug verbreitet hatte. - PM
OSTRAKISMUS

Hitler, der Deutscheste: ein Austriakismus, der, wie mancher
andere, auf intensiver Selbstbeobachtung fußt und so manche
literarische Höhenlage bis hin zum Nobelpreis erklärt. In
Deutschland, wo man weiß, dass Deutschsein nicht gesteigert,
sondern allenfalls gemindert werden kann, wozu man aus Gründen
allgemeiner Verträglichkeit in der Regel bereit ist, sieht man mit
einer Mischung aus Unbehagen und Faszination auf diesen Vulkan;
hätte man nicht seine eigene ›Szene‹, so würde man sich
wahrscheinlich stärker daran bedienen, als beiden Seiten bekömmlich
wäre. Im Österreichischen ist Deutschsein eine abgetrennte Option,
in den alten Nervenbahnen zuckt’s und ruckt’s, und hätten sie
einmal mehr einen solchen zur Hand, sie gäben ihn nimmermehr her,
sondern vergrüben ihn, wo der Berg am finstersten starrt. So tanzen
die feschen Madeln und Buam den Jetset-Tango und schlucken die
Kröten, die eine entgeisterte Kultur ihnen hinwirft, während die
Deutschen mit bleichen Gesichtern daneben stehen und unaufhörlich
die schwärzeste Stunde verfluchen, in der sie ihre Selbstachtung
mit dem da verbanden, warum auch immer, denn – EU hin, Euro her –
innen tobt
er.
PANIKENDE
Nach dem Ende der Panik stehen die Leute Schlange. Warum das so
ist, weiß man nicht, es steckt in ihnen drin. Es ist nicht so, dass
sie es dringend wollten, sie könnten es auch aus dem Katalog
bestellen und zu Hause bequem abwarten, dass es geliefert wird.
Eher gewinnt man den Eindruck, dass sie es keineswegs brauchen,
dass sie den Erhalt auf jede erdenkliche Weise hinauszögern und
dass sie sich in die Schlange stellen, um zu warten, nicht, um
einmal dran zu kommen. Wer näher hinsieht, bemerkt wohl, dass sie
es nicht bis zum Ende aushalten und sich vorher so unauffällig aus
der Schlange entfernen, wie sie sich in sie eingereiht haben. Man
könnte sogar sagen: weit unauffälliger, denn die Selbstgefälligkeit
gibt ihnen doch ein, sich anzustellen, jedenfalls wäre dies die
einleuchtendste Hypothese. Doch warum sich grämen? Am Ende der
Panik erwartet sie gar nichts, so können sie vorher beruhigt nach
Hause gehen, als sei nichts gewesen. Haben sie nicht recht?
PANTOMIME

Pantomime, die Stückeverlängerin, tritt zwischen die handelnden
Personen des Stücks, aber diese sehen sie nicht, denn sie sind
beschäftigt. Pantomime hingegen ist müßig, sie hat nichts zu tun,
also hat sie sich darauf verlegt, den freien Raum zwischen den
Handelnden zu begrenzen. Geübt hat sie diese Rolle schon früher,
sie ist ihr nicht neu und sie kann sofort anfangen. Den Leuten
gefällt das, sie hat einen Kirschenmund und ein Hemdchen an, mit
dem sie Sterntaler fängt. Man kann nicht sagen, dass sie die
Aufmerksamkeit ablenkt, denn die Zuschauer haben das Stück oft
gesehen und können nur mühsam ein Gähnen unterdrücken. Ach diese
Sprüche! Pantomime sammelt sie in ihr Hemdchen, sie kommt von
Hölzchen auf Stöckchen, manchmal legt sie sich hin, aber die
eingeübte Bewegung läuft weiter, sie ist ein Werkzeug der Regie,
das sich nicht abstellen lässt. Pantomime ist schlau und spielt ihr
eigenes Spiel. »Wenn wir nur wüssten, worauf sie hinauswill«,
denken die Zuschauer und haben das Stück schon vergessen.
PAPAS
»Zwei Papas«, ruft die Frau über den kleinen Weiher, auf dem zwei Erpel, eine Ente und ein entzückendes Entlein ihre Kreise drehen. – »Ach«, kommt es von der Freundin, die ruhig ihren Kinderwagen bewegt. – »Da waren sicher mehr in der Mache und eins ist nur dabei rausgekommen. Ilona hat auch wieder eins von zwei Kerlen.« – »Nein – !« Wer ist Ilona? Ein Hündchen? Die Tochter? Eine gemeinsame Freundin? Das ist nicht zu ermitteln. Erinnerungen werden wach, gelebte und ungelebte.
PAPIERRÄTSEL
»Links hatte noch
alles sich zu enträtseln.« Als das geschrieben wurde, lagen die
Optionen auf dem Tisch und keiner wollte sie lesen. Seit der Satz
ruchbar wurde, wurde die Linke sich selbst zum Rätsel. So steigert
Buchkunst den Preis der irdischen Dinge.
PARADIESSTOFF
Auf dem Planeten herrscht Krieg und du kannst sagen, du seist nicht dabei gewesen. Dieses Nebeneinander von maßloser Sicherheit und Tod, Leid und grimmiger Aggression ist etwas Ungeheures, es ist nicht wirklich, es trennt die Wirklichkeiten, aber es stellt sich in ihnen nicht dar. Im
Yagir sagt man dazu: »Es kann doch nicht angehen, dass...« Natürlich kann es angehen, es geht doch, es geht gerade auf und davon. Auch im Yagir wissen das alle, deshalb sagen sie es ohne Erstaunen, mit diesem harten Blick und einem Stück Kreide zwischen den Zähnen. Zugleich wollen sie etwas tun und
Tuwasser-Fahrten, kleinere Strudel inbegriffen, stehen als Freizeitvergnügen hoch im Kurs. Dass sie, unten angekommen, in Bussen wieder an den Anfang des wilden Unternehmens zurückgebracht werden, verwundert sie nicht und weckt wenig Ärger. »Was soll’s, wir werden ja doch verarscht«, heißt es dann und manch einer sammelt Anstecknadeln, um die Gefahren zu bekunden, denen er sich ausgesetzt hat. Im Ganzen der gefährdeten Welt verlieren sie sich, als habe der sprichwörtliche Heuhaufen sie verschluckt, aber im Yagir nimmt man sie ernst. Und nicht nur dort, solche Nadeln sind beliebt, die kleine Gefahr, gefahrlos bestanden, gilt viel an Orten, wo die Gefahr groß ist.
PARADIESZEICHNUNG
Solange das Paradies existiert, existiert keine Hölle. Hört das Paradies auf zu existieren, so entsteht aus seinen Elementen die Hölle. Das behaupten im
Yagir die Theologen. Was sagen die Staatsrechtler dazu? Bei ihnen, hört man, geht die Hölle dem Paradies voraus. Ihr Paradies ist kein Garten der Seligen, sondern ein Refugium der Gezeichneten. »Kein Zeichner möchte ins Paradies, er möchte nur andere dazu bringen, ihn für seinen Schöpfer zu halten. Folge der Zeichnung, lautet der Befehl, und die Gezeichneten fühlen, wie eine Last von ihren Schultern gleitet. Diese Last... woher sie nur stammt?« »Solange sie anderen die tägliche Hölle bereiten konnten, waren sie freie Menschen, jetzt, da sie aus der Hölle ins Paradies blicken, dämmert es ihnen, dass diese Freiheit nur Täuschung war. Wie war es möglich, sie so zu betrügen?« »Damit ist es vorbei. Warum sollte man sie diesmal belügen, nach soviel Leid, angesichts goldener Berge, auf denen schon das Abendrot liegt?«
PARALLELUNIVERSUM
Im Paralleluniversum des
Witzes stehen die Uhren kopf, und das
ist wenig gesagt. Eine schöne Lügenwelt, die da aufgebaut wurde.
Das heißt, auf einen Deckengeher wirkt alles normal, aber suspekt.
Das allein, normal
und
suspekt, ist eine Mischung, die man sich auf der Zunge zergehen
lassen sollte – langsam, sehr langsam und – überlegt. Wozu nie Zeit
bleibt, jedenfalls nicht in diesem
Leben. Ob anderwärts? Das wäre zu
überlegen. So wie die Frage, ob jenes Paralleluniversum bewohnbar,
was sage ich, ob es betretbar sei oder nur durch Glasscheiben
betrachtbar wie das Tiefseebassin im Meeresmuseum. Die meisten
kennen es jedenfalls nur durchs Bullauge und halten es, alles in
allem, für eine ebenso runde wie gefährliche Sache. Dabei wimmelt
es in ihm nicht nur von Fischen, bewahre, man sieht auch Menschen,
ins Gespräch vertieft oder einsam wandelnd, man sieht
Lesehirsche und anderes Getier,
auf das man auf der Straße nicht stößt, Seziertische voller
Gerümpel, das Posthorn von Säckingen und die Lanze des Bonaventura,
ein heimliches Schlangenwesen, das sich das Schlängeln abgewöhnt
hat und für etwas geradesteht, das nie gemeint war. Aber das sind
nur Effekte eines noch ungeübten Wiedererkennens, dem die
wirklichen Schocks erst bevorstehen. Denn die Zeit, die
Verlaufszeit, die jeder kennt, verläuft sich dort anders, gerade
sie. Man hat ihr die Spitze abgebrochen und den Preis
heruntergesetzt, doch geht sie nicht weg. Wie das? Gleich Dürers
Melancholie träumt sie sich aus der Welt hinaus und weiß nicht
wohin. Schon das Wort ist für sie ein Pappkarton, bei dem das
Knistern für einen Inhalt durchgeht, den keiner sieht. Weltzeit,
ein Wesen für Einäugige. Die Uhren, von denen sie sich ablesen
lässt, haben eines gemeinsam: sie drehen das Rad weiter. Mancher
erwacht gerädert, der sich auf ein Frühstück bei Theo’s freute. Das
ist nicht anders als im Leben einer
Kulturnation, die den Haken ins
Alphabet nahm und das Henken als Dreingabe abstaubte. Wo der Staub
meterdick liegt, findet sich auch ein Schild. ›Mach keine Witze!‹
steht darauf und: ›Nicht abstauben‹. Auch der Staub liegt verkehrt,
eigentlich liegt er
unter
den Gegenständen und bettet sie weich. Er füllt das, was ›Luftraum‹
zu nennen einer nicht übel Lust hätte, wenn nicht selbst die
Lust... egal, sie weiß den Spaß nicht zu finden und vergnügt sich,
ungewollt heiter, mit Schwester Allotria, der saum- und
kramseligen.
PARTNERANGST

Die Deutschen haben, nicht erst seit Sarajewo, eine merkwürdige Art, sich für die Interessen anderer Staaten zu erwärmen, ohne dass man erkennen kann, ob sie ihnen überhaupt ›bewusst‹ sind. Das gilt vor allem für die Presse. Vor Sarajewo nannten sie es ihre kosmopolitische Sendung, danach eine Zeitlang Nibelungentreue und heute ›transatlantische‹ oder nur ›Westbindung‹. Das ist die berühmte Mittellage, die jeder neue Riss, der die Nato durchzieht, wieder ein Stück weit aktualisiert. Sie neurotisiert jede außenpolitische Bindung und macht das Land für seine Verbündeten wenn schon nicht unkalkulierbar, so doch undurchschaubar. Man will sich binden auf immerdar und findet nur Partner auf Zeit, in wechselnden Konstellationen. So bleibt es nicht aus, dass die Politik sich von Zeit zu Zeit mit den falschen Partnern im Bett wälzt, vor allem dann, wenn sie nicht auf ihre Medien hört, weil selbst der Staat der Lüfte Interessen besitzt, die er nicht per Leitartikel in Luft auflösen kann. Man hat gesehen, wie die Angst aufstand im deutschen Parlament, als die Einheit beschlossene Sache war, und mit bebender Stimme das Vermächtnis des Nachkriegs beschwor: »Nie wieder allein.« Und es ist was dran. Nach demselben Muster hat sich der deutsche Familiensinn, wie in jedem Serienkrimi der staatstragenden Sender zu besichtigen, in die Zeiten des marktgängigen
partnership building und des Sex-Tourismus gerettet. Die Europäische Union als Patchwork-Familie käme da gerade recht, die nationalen Egoismen werden durch sie gebremst und zurechtgebogen. Nur manchmal schlagen sie hemmungslos durch und verlangen, wie gekränkte Liebhaberinnen, Entscheidung und Satisfaktion. Nirgendwo sonst als in Deutschland herrscht diese tiefe Sehnsucht nach einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik. Die reißerischen Alleingänge der anderen demolieren sie ein ums andere Mal und die Deutschen fragen sich bebend, ob sie nun ›schuld‹ sind. Das Beste an Europa sind seine Familienfotos, aufgenommen unter den Gipfeln der Alpen, an den Stränden von Biarritz oder in Sichtweite norddeutscher Offshore-Windparks: man kennt sich, man liebt sich, man ist miteinander durch und kontrolliert seine Gefühle. Dafür genießt man die logistischen Vorteile eines gemeinsamen Urlaubs und überschlägt in Gedanken, wofür man spart: für Europa natürlich und seine nächste Auszeit.
PAS
Parental Alienation Syndrom – ein kleiner Schritt für die
Töchter und Söhne der Emanzipierten, ein großer Schritt für die
Menschheit. Welcher der vielen Schritte auf dem Weg zur Entfremdung
mag der entscheidende sein? Niemand weiß es, niemand wird es je
wissen. Unübersehbar sind nur die Folgen: der Mensch ist ein
anderer, er ist ›ganz verwandelt‹, er isst ab jetzt das Brot der
Armen und wäre er auf Rosen gebettet. Vieles bleibt Mutmaßung,
gestützt auf Wahrnehmung. Das verarmte Leben gibt sich ja nicht zu
erkennen, im Gegenteil, es verhüllt sich, wo es nur kann. Hochmut
ist das Erste, das Zweite, das Dritte. Nicht der Hochmut, der vor
dem Fall kommt, bewahre, nein, der langsame, schleichende Hochmut,
der Hochmut der Schleicher, der so leicht in Kläglichkeit übergeht,
in wirkliche, kommentarlose Ausdruckslosigkeit, auf der die Klage
schwimmt wie das Brotstück in der Wassersuppe. Ein Schleier des
Geheimnisses liegt über dieser Krankheit, ausgeworfen von Müttern,
gelegentlich Vätern, die sie ausgelöst haben und sorgsam darauf
achten, nicht ins Kreuzverhör zu geraten. Und wenn schon. Dieselbe
Attitüde, die das Entfremdungssyndrom schürt, lässt sie aus allen
Befragungen ungeschoren davonkommen, ach was, als Ankläger, Richter
und Gefangenenwärter zugleich, als wahre Ungeheuer der
Repräsentation, als ganz ganz wichtiges Personal.
PATHÉTIQUE
Zur Entspannung der Netze zwischen gesprochenen und gesendeten
Worten überwindet das
Alphazet, von unbewussten Ideen
gestiftet, die Linien der bisher nur wenig betretenen Zukunft
sowohl des Wassers wie der Erde, wie wir am Regen bemerken, der ja
gelegentlich auch unser Werk ist, oder der Feuersbrünste unter den
Bratpfannen großer Köche der Alchimie und anderer
Gesinnunungsmeister der
bonne
nourriture.
Uns bleiben die Speisen, bis tief in Gedanken der Jagd und des
Krieges unter den Worten, eine gute Nahrung für ferne umwölkte
Völker, die uns einmal durch hohe Verwirrung gleichen. Unübersehbar
liegen die Ursachen aller Dinge in Wut oder Gnade ihres eigenen
Willens. Man vergesse das nie. Kein Ding ohne seinen Dämon.
Wir, vom kaleidoskopischen Wortregiment
Grabbeau, als übernatürliche Leser
wie außernatürliche Schreiber, sämtlich auf allen Feldern der Ehre
im Handwerk der Verwandlungen wohl geübt, zaubern den neuen
Weitblick durch Tinte, Farbe und Pfeile bis in die Herzkammern der
Gegenstände, die wir im Dunst der Künste erfassen, um sie alsdann
erleuchtet und blind, ohne der Wirklichkeit je eine Chance zu
geben, in uns selber zurückgeleiten, um sie dort zerplatzen zu
lassen. Daraus besteht das Wesen der alchimistischen
Kaleidoskopie.
So fliegen wir ebenso durch das künstliche Lufteis niederer Flüsse
im Zustand der ersten Vergoldung, manche nennen das Nebel, wie auch
höher hinauf in die Berge der fetten Farben, die uns die
griechische Malbutter
Chiricos, aber auch die Grottenbutter
durch zaubernde Zwerge im Tiegel der ewigen Kunstzeiten aufbewahrt
haben.
Wir gestehen, dass wir damit die immer zu jungen Papiere und die
ebenso immer zu jungen und weißen Gedanken besudeln, auf dass eine
fette Tiefe die Unterlagen der
Kunst zu Offenbarungen zwingt, die sie
kaum selber ästhetisch begreifen kann. Auch erspart dies später die
Vernissage, denn Fett schwimmt oben.
Was die Zwerge betrifft, so wissen wir auch, welche Rolle das
zerrissene Rumpelstilzchen, ihr deutscher König, für uns gespielt
hat, nachdem wir es wieder zusammengeleimt haben. Ohne erneut ein
erstes Kind versprechen zu müssen – die Natur ist uns, was dieses
Übel betrifft, verhasst – schenkte uns dieses wärmste aller Herzen
der deutschen Gnome sein Gold, dass wir es im Zeichen des großen
Grabbeau erneut zu Stroh spinnen möchten. Das nennen wir unser
Zurück zur Natur. -
PM
PATRIA SANA

Ein gesunder Patriotismus regelt sich über den Sport. Das hat den
Vorteil, dass man sich anderswo nicht über ihn wundern muss; er ist
auf ein Feld abgelenkt, auf dem außer ein paar Rippen und hier und
da einem Schädel wenig zu Bruch gehen kann. Das Modell könnte
bestechen, doch hat es, wie alles Bestechende, seine bedenklichen
Seiten. Zum Beispiel scheint es nicht ratsam, die Nation über den
Fußball zu fördern oder gar abzufackeln, wie manche zu denken
scheinen, denen das Nationalgefühl unheimlich bleibt. Man sperrt
dabei diejenigen aus, die bei dem Gegröle nicht auf ihre Kosten
kommen, also die Intelligenz, man erklärt die Nation zum Vaterland
aller Hirnlosen. Die Jungen ficht es nicht an, deshalb hat man sie
eine Weile auf seiner Seite. Aber niemand bleibt ewig jung,
irgendwann fliegt die Sache auf. Was dann? Die einen wollen sich
mit der Nation nicht erwischen lassen und die anderen hätten gern
eine. Niemand begibt sich ohne Selbstzweifel unter die
Deutungshoheit von Rüpeln, es sei denn, er wäre einer. Etwas
besitzen wollen, von dem man ein Teil ist, ohne gefragt zu sein,
etwas vermissen, was einem peinlich ist, wenn es in der Realität
begegnet, ist ein seltsamer Zug, der nirgendwohin führt außer aufs
Abstellgleis. So wandeln Aufklärung und Schmähsucht Arm in Arm den
Weg der Gewalt, voller Abscheu, doch guten Mutes.
PATT
»Patt«, ruft die Maus, es klingt, als haue sie auf den Putz, dabei kommt sie nicht weiter. Wo sie nur hin will? Sie will etwas erreichen, soviel ist sicher. Sie will die Verhältnisse klären, solange sie hier das Sagen hat, also vor langer Zeit. Wo steht die Welt heute? Sie will das wissen, sie ist eine Maus und zählt sich naturgemäß zu den Großen.
PECHMARIE
Dass einer, der auf dem Rücken liegt, zugleich
ungeheuer oben sein kann, ist
allgemein bekannt und wird gemeinhin geschlechtlich
interpretiert. Nicht so im vorliegenden Fall einer exhumierten
Leiche, an der das Gedächtnis zuschanden wird, weil es nichts
hergibt. In der Regel ein reicher und sorgloser Spender, zeigt es
sich hier erstaunlich zugeknöpft, als sei es insgeheim verschnupft
und sogar verstimmt, und lässt nur ›gewisse‹ Inhalte durchgehen.
Das Bedauern darüber ist ebenso groß wie unbedarft und mit
Sicherheit heuchlerisch. »Sie war eine dusselige Kuh«, soll das
Gedächtnis, in Bedrängnis gebracht, gemurmelt haben, ohne sich
aufzurichten. Andere wussten es besser und alle Wege standen offen.
›Zurück zu Marie!‹ hörte der Bauer einst und ging von der Scholle.
Wie kann ein Bauer das wagen? Nur auf ein wenig Pechblende hin? So
ein Fund gelingt doch fast jedem im Leben. Im Leben bleiben, im
Leben leben, das, meint Marie, ist die
Kunst. Oder wäre es, wenn... Nun, wenn
der Himmel halkyonisch und die Wäsche getrocknet ist, scheint
vielen vieles möglich. Was ein paar Unentwegte ›Zukunftsmusik‹
nennen, ist ein Nachklang alter Geschichten. Die Armenbibel, mit
viel Geld restauriert, aufgehängt im Vorzimmer der Macht. O Marie!
Sei ehrlich, zeig dein Gesicht.
PEER REVIEW
Wenn in der hunderttausendsten Aufführung eines konventionellen Stücks der A-Klasse, sagen wir zum Beispiel des
Peer Gynt, der Hauptdarsteller am Ende aufsteht und versucht, mittels einer Folge grotesker Verrenkungen den Einlass in den Mutterschoß seiner Geliebten zu erzwingen, offenkundig nicht, um darin zu vergehen, sondern um sich schlussendlich als Embryo zu verwirklichen, nachdem die Seifenträume geplatzt sind, dann wird das Publikum plötzlich still und neugierig, um zu sehen, was passiert, obwohl sonnenklar ist, dass weder etwas geschehen wird noch geschehen kann. Diese ins Nichts gespannte Erwartung entlädt sich aber nicht im Gelächter, wie man erwarten könnte, sondern in höflichem Applaus. Warum? Welches Voyeurs-Bedürfnis erfüllt der Bohrer? Das Stück ist bereits zu Ende gegangen, es ist aus, wie es so schön heißt, es handelt sich also um eine Zugabe, um ein schauspielerisches Husarenstück, als könnten sie auf der Bühne nicht genug kriegen und wollten den Abgang, koste es, was es wolle, noch etwas hinausschieben. Das entspricht gewiss der Mentalität der Zuschauer, aber vermutlich auch der politischen Geldgeber, die nicht zugeben wollen, dass zwar der Wahlkampf gewonnen, aber der Kampf zu Ende ist und nur der Krampf fortdauert. Die Theatersprüche donnern über die Bühne, als verbrenne in ihnen noch immer der alte Sinn-Saft, und das im Rundum-Einsatz verschlissene Präservativ simuliert die Verhinderung, dass etwas dabei herauskommt und das macht sicher auch einen Sinn.
Wer Sinn macht, weiß: der Nächste, der kommt, setzt seinen daneben.
PENDLERBLOCK

Pendeln zerstört die Person. – Welche Person? – Gute Frage. Nehmen wir eine Gesellschaft X, die von Pendlern regiert wird, lebenslangen Wohnortpendlern, mit einem Häuschen bei Pforzheim und einer Stadtwohnung in Mönchengladbach oder in Stuttgart oder in, nun ja, Berlin oder Frankfurt/Oder, manche verschlägt es weiter hinauf oder hinunter, kartenmäßig gesehen. Das ist keine kleine Sache, obwohl wenig darüber geredet wird. Das Pendeln... – Darf ich unterbrechen? – Ja. Nein, zum Teufel, nein. Ein unterbrochenes Pendeln kommt hier nicht in Betracht, mit dem Körper regeneriert die Seele, bleibt die Anstrengung, der Verschleiß, subkutan, aber, nun ja, nun ja... – Ja? – die Margen werden breiter, die Gefahr scheinbar geringer, aber lebenslang... – sagen wir zwanzig Jahre... – Sagen wir: nach zwanzig Jahren ist der Mann tot. – Wie Mann? – Weil der Mann pendelt. Das ist die Regel. Die Frau ist berufstätig, der Mann ist Berufspendler. Anfangs, bevor ›Kinder da sind‹, ist das noch anders, man besucht einander wechselseitig, schließlich lebt man zusammen. Mit dem Kind ändert sich das. Aber es geht auch ohne Kinder. – Was geht? – Die Nullifizierung des Partners. – Klingt wie ein Programm. – Fragt sich wessen. – Das habe ich mich lange gefragt und keine Antwort bekommen. – Andererseits liegt sie nahe. – Aber sie empört unsere sittliche Natur. – Haben wir das? – Dann nicht mehr. – Und die Kinder? – Gibt es sie, gibt es sie nicht. Das ist die Antwort auf eine Frage, die selten gestellt wird, aber in Frageform. – Wer fragt? – Die Antwort. – Wer kennt sie? – Nur wer Grund hat zu fragen. – Also alle. – Als Frage schon, selten als Antwort. – Wer bist du. – Hu-a-wi. – Huawi? – Das ist die Frage.
PERP WALK

Die Spießrute, ein Instrument zum Streicheln von Göttern und Menschen, hat die Aufgabe, sie zu trennen: ein Gott, wer sich dort zu helfen weiß, wo dem Menschen auf die Sprünge geholfen wird. Vielleicht auch nicht, kein Gott ist sterblicher als ein Mensch und dennoch harrt der Mensch aus, wo der Gott stirbt. Er harrt aus, sage ich, wohl wissend, was ihn empfängt. Die Meute verurteilt nicht, vor allem nicht vor, sie weiß einfach, wovon sie redet, Tatbestände sind gerade das, was sie kennt. Die Tatbestände suchen ihre Verkörperungen und schätzen sich glücklich, sie gefunden zu haben, ein schöner Körper ist gerade das, was sie glücklich macht. Ja, auch sie wollen glücklich sein, es geht ihnen da nicht anders als dem letzten aller Propheten, dem Glücksleser, der aus dem Kaffeesatz denkt. Was sonst sollte man auch von gestandenen Interpreten des öffentlichen Geschehens halten, die nicht anstehen, aus einem Fall das Letzte an Dreck herauszuholen, ohne dass dazu mehr vorhanden sein müsste als ein Verdächtiger? Der Dreck, normalerweise unter den Nägeln der Finger verborgen, die sich jetzt heben, ist das eigentliche Opfer dabei, denn so, abrupt ans Licht der Studio-Scheinwerfer geholt, weiß er sich bloß damit zu helfen, dass er zerfällt. Wo war ich, als das hier begann, könnte er sich verzweifelnd fragen, warum entgehen mir nur die Anfänge? Sie haben immer gewusst, wo sie mich finden konnten, sie haben mich in all ihren Lebenslagen mit sich herumgetragen und angestarrt, und jetzt holen sie mich heraus. Gibt es Schlimmeres? Ich müsste mich für sie schämen und kann es nicht, ich bin ihr peinlicher Teil und wer sie erlebt, starrt mich an und versteht gar nichts. Er könnte sie für Idioten halten, aber selbst dazu müsste er sie kennen, und das zu verhindern benützen sie mich. Schöne Gesichter übrigens, schön verschlagen und mit Dreistigkeit gekrönt, das ist das Schönste.
PERSON

Im Zentrum des Erweckungserlebnisses steht die Person. Man hat
sich, verführt durch eine altrömische Bedeutung und ein modernes
Bedürfnis, ein wenig zu sehr angewöhnt, sie als Maske zu deuten,
man ist an dieser Stelle nachlässig gegen die Erfahrung geworden
und hat sie dem Geschwätz preisgegeben. Wer auf dem
Persönlichkeitskern als einer erfahrbaren Größe beharrt, wird
schnell zu den Frommen gezählt und neutralisiert. Erfahrbar und
unhintergehbar darf nur die Wissenschaft sein – und mit ihr,
selbstredend, die Macht und ihre Gesellschaft. Jedesmal handelt es
sich um hergestellte Größen. Man nehme den denkenden, redenden,
planenden, agierenden Menschen aus dem Spiel und es verschwindet
spurlos. Also ist dieser denkende, redende, planende, agierende
Mensch das Faktum. So kann man es sehen. Der denkende, redende,
planende, agierende Mensch stellt sich her – er schafft seine
Institutionen, die ebensosehr Figuren der Selbstauslegung sind wie
reales Leben, Sein, Selbstbewusstsein. Es gibt kein
Selbstbewusstsein diesseits der Institutionen, es sei denn als
Schein, als Selbsttäuschung, als Maskerade und damit als Teil der
Formen, in denen der unvermeidliche anarchische Rest jeder Ordnung
seine Organisationsform findet und die recht betrachtet, allesamt
Teile des großen Karnevals sind, in dem sich das biologische Sein
verspritzt (oder verschwitzt oder verblutet). So denkt die
Wissenschaft – oder wenigstens der Teil von ihr, der diesen Dingen
überhaupt Aufmerksamkeit schenkt und dem dergleichen Überlegungen
nicht sofort ›metaphysisch‹ und damit suspekt vorkommen. Unnötig zu
sagen, dass diese starken Überzeugungen Herrschaft begründen, dass
sie auf eine Art Fächerherrschaft hinauslaufen, die sich über
Ausbildung, Öffentlichkeit und Beratertätigkeit vermittelt. Ihr
Überzeugungsfundament ist die Religion der Gesellschaft, die
Spießerideologie ohne Konkurrenz, in die am Ende auch die
christliche Gläubigkeit einmündet – nicht überall, aber in den
Ländern des historisch vermittelten Unglaubens an sich selbst. Für
die Trauernden, die Resignierten, die Hinterbliebenen des alten
Persönlichkeitsglaubens, die schaudernd vor den ›starken
Persönlichkeiten‹ der Psychologie und der Wirtschaftsmagazine das
Haupt verbergen, ist jener Rest zum Gegenstand einer fortwährenden
pfingstlichen Erwartung geworden – als werde das eherne Haupt sich
eines Tages spalten und das freie Selbst aus ihm heraushüpfen,
gereinigt von den Schlacken des alten Aberglaubens und strahlend in
der Glorie seiner unhintergehbaren Transsubstanzialität. Dieses
Selbst... es ist doch nur die Schwundform der Person, des Menschen,
der hervortritt, um seine Dinge in die Hand zu nehmen – nicht des
metaphorischen Urhebers aller jener ›selbstgeschaffenen‹
Institutionen, hinter denen er flüchtig auftaucht, um gleich wieder
zu verschwinden, weil er sich keinem konkreten Gedanken gewachsen
zeigt, sondern des Menschen, wie er zwar in großer Zahl, aber nur
als Einzelner auftaucht und sein Leben lebt. Er lebt es übrigens
auch als Wissenschaftler, gelegentlich in schroffem Gegensatz zu
dem, was er lehrt. Das verbiegt vielleicht den Menschen, aber es
verbiegt mit Sicherheit auch die Wissenschaft. O Wunder: darin sind
alle sich wieder einig. Aber wie kann sich ein Wesen verbiegen
lassen, das doch unendlich biegsam gedacht wird und dazu bestimmt,
sich in Institutionen jeder Art und Güte auszudrücken und und unter
den übelsten Bewandtnissen ›voranzukommen‹, selbst wenn
gelegentlich Blut aus der Tube quillt?
PERSONENFARBE
Zur Politik gehört die Unterscheidung farbiger von farblosen Personen. Jedenfalls dient sie dort zur Identifikation der Haufen, die, wie es heißt, ›Politik machen‹ und größtenteils aus farblosen Parteisoldaten bestehen. Eine gewisse Farbigkeit in der Erscheinung ist also vonnöten, um die Haufen auseinander zu halten, schon weil sie in der Regel zu groß sind, um Personen als solche erkennen zu lassen oder selbst zu erkennen. Ein Widerspruch? Keineswegs. Die Grundeinfärbung ist praktisch immer gegeben. Notfalls lässt sich mit diskreten Kleidungsstücken wie Krawatten, Halstüchern, Westen etc. nachhelfen. Frauen, da farbenfroh, sollten es in der Regel leichter haben. Doch kommen auch bei ihnen üble Fehlgriffe vor. Farbe ist also, wie es in der Entscheidersprache heißt,
nicht das Problem. Falls doch, gilt die Loyalitätsregel: Wer zu farblos ist, um seine Parteizugehörigkeit zu verraten, darf ausscheiden und von vorn anfangen, z. B. als Wirtschaftsberater. Haufen- resp. Parteiführer
müssen Farbe bekennen. Das gehört zur Natur der Sache und ist anders nicht vorstellbar. Als einfache Variante bietet sich das Erröten bzw. Erblassen bei passender Gelegenheit an, etwa nach einem Radsturz oder einem Skiunfall mit Todesfolge, der weggedrückt werden muss. Erreichbares Maximum ist der Parteiführer, der bei seinen Ansprachen puterrot anläuft: ein Knopfdruck-Effekt, der auf Leidenschaft und Tatendurst deutet, auch wenn die Medizin da anderer Ansicht wäre. Ungefährlich ist eine solche Gabe nicht. Die Dosierung obliegt dem von der Natur Beschenkten. Was nicht immer gut geht: dann wird aus dem Parteiführer im Handumdrehen ein Spalter. Aber welche Brunst! Einem bleichen Kantianer gehen da leicht die Augen über. Andere steigen mit einer Farbe ins Bett und stehen mit einer anderen wieder auf. Das sind die Wendehälse, die bei jedem Wechsel gefragt sind und in der Zwischenzeit den Makel der Unzuverlässigkeit mit sich herumtragen. Überhaupt betrachtet man eine bunte Persönlichkeit in der Politik als Übel. Sie gilt als wenig berechenbar und das als Fehler, denn Politik ist berechenbar. Auch die Politik der Unberechenbaren lässt sich berechnen, weshalb allen, die ›zwei und zwei‹ nicht für ein Gesellschaftsspiel halten, oft genug die Haare zu Berge stehen. Das Publikum hingegen liebt seine Farben, andernfalls wird ihm langweilig. Außerdem ist das Durcheinanderwerfen ein klassischer Bestandteil der Politik. Es verhindert, dass sie zu rasch voranschreitet und das Volk aus den Augen verliert. Es sorgt auch dafür, dass die gerühmten Konzepte alle Naslang auf den Prüfstand kommen, weil sonst vergessen würde, wofür sie gut sein sollen und was sie in Wirklichkeit anrichten.
Ansonsten ist das Metaphernfeld für Politiker, die mit gebrauchten Masken hantieren, wenig empfehlenswert. ›Personen unterschiedlicher Färbung‹: das reicht für Ansprüche auf gute Führung oder einen Rassismus-Verweis, im Alltag gelten Maßstäbe, die hier nicht verraten werden.
PIETÀ
Der zwölfjährige Chirico zeichnet das Detail eines
römischen Rahmens anlässlich eines Papstbesuches seiner Mutter zur
Gewinnung eines vollkommenen Ablasses. – Il Gesù, zwei
Treppen hoch, da: eine Pietà, so süß, so über die Maßen süß dieser
Schmerz in den Augen der Mutter, leicht verdreht und das Unglück
betrachtend, aber von innen, in den Schultern, die ein heimliches
Schluchzen verdreht, in der Haltung der Hände, dieser ergreifenden
Haltung, vielleicht auch Halterung, derer der aber auch wirklich
übel zugerichtete Leichnam bedarf, um nicht herunterzugleiten. Und
doch lächelt dieser Leichnam, nicht mit den Augen, die geschlossen
sind oder vielmehr wurden, nicht mit dem Gesicht, das ernst und
männlich abwesend ist, es lächelt der Körper, dieser so ernsthaft
aufgebahrte Körper eines vor kurzem noch Gefolterten, vom Schmerz
der Mutter liebkost. Giorgio holt den Malstift heraus, Mutter wird
entzückt sein und mit einem heimlichen Beben seine innerste Absicht
erraten. »Das ist schön«, wird sie sagen, »das ist wirklich schön.«
PIRANDELLO
Die Frau, stille Schreiberin, Schriftstellerin sogar, das Entzücken
der gebildeten Welt, dabei, wie immer, so still, so hingegeben, so
sehr bei den eingeborenen Gedanken, Empfindungen, Episoden, die ihr
stark wie am ersten Tag der Schöpfung in die Feder fließen, daneben
der Mann, ein geborener Agent, der den eigenen Beruf an den Nagel
hängt, um nur für ihren Erfolg zu leben, der dann natürlich
sein Erfolg ist, da
er ihn betreibt, mit
tausend Anstrengungen, mit Tricks, mit Werbeaktionen ohne Maß, mit
einem sich überschlagenden Verhandlungsgeschick, mit vollem Einsatz
eben, ein Nichts, eine Niete, eine Lächerlichkeit, ein
Fußabstreifer, ein Mörder seiner Frau, vor dem dieses reichhaltige,
so überaus menschliche Innenleben bebend flieht, gleichsam in die
Arme des jungen Schreibers hinein, der diese Geschichte, ihr
entgegeneilend, niederschreibt um des eigenen Erfolges willen,
vibrierend angesichts der Nichtswürdigkeit des geschäftstüchtigen
Gatten, bis zum Kragen angefüllt mit kalter Verachtung für einen
wie diesen da – wer mit einer solchen niederträchtigen Geschichte
beginnt, wie kann der enden? Nein, nicht unterm Schafott der
Kritik, eher schon unter der Bewunderung eines zum Kenner
hochfrisierten Philosophiedozenten, der hier allenthalben das
grandios überlegene Spiel von tiefer Abstraktion und gesättigt
konkreter Individualisierung in unvergleichlicher Lebendigkeit und
Gültigkeit ›erbracht‹ sieht. Dieses Erbringen – wie verrät es sich
selbst. »Es ist erbracht«: eine schöne Demaskerade für jemanden,
der das Geltenlassen nicht erlernen wollte, um keinen Preis.
POÉSIE PURE
Um reine Poesie zu backen, braucht man eine genaue Kenntnis der
Ingredienzien. Dann muss man wissen, wie sie zusammengerührt und
abgeschmeckt werden. Schließlich liegt alles daran, ob und wie sich
die
unio mystica aus Dauer
und Hitze vollzieht, ohne die nichts geht. Ein schlechter Kopf kann
in geschickten Händen einen guten Ofen abgeben, man hat manches
ambitionierte Gerät gesehen, das bei dem Versuch, es recht zu
machen, den Geist aufgab – eine unziemliche Metapher, die das
Unziemliche des Vorgangs in ein grelles Licht rückt. Doch sollte
man solche Vorgänge besser im Dunkel lassen, das von
Kirchenmusikern gnädig genannt wird. Auch das Rühren und
Abschmecken bedarf eines unalltäglichen Rapports. Am besten bewährt
hat sich die Hand, die aus einem gerührten Gemüt hervorkommt wie
der Wasserstrahl aus der Wand. Dann wäre der Geschmackssinn der
Hahn, der jede Bewegung kontrolliert und am Ende die Zufuhr stoppt
– ein bestechender Gedanke, wohl wahr, doch was wird aus ihm, wenn
die Dichtung alt und brüchig ist, vielleicht vom Vorgänger
installiert wurde, von seinem Händedruck drangsaliert, dem sie sich
jetzt langsam und unkontrolliert entzieht? Auf die Dichtung kommt
alles an. Schließlich weiß keiner, woher die Ingredienzien stammen
und welche Hand schon auf ihnen lag. Am Ende sind es die Hände, die
über die Reinheit entscheiden, die Frage, ob man sie vorher oder
nachher wäscht, hat schon manchen Kleinganoven den großen Reibach
gekostet.
POTZBLITZ
Die Literatur ist so erpicht auf Momente, dass sie eines regelmäßig
übersieht: das Moment der Scham ob all der bedeutsamen Augenblicke,
in denen sich ›etwas vollzieht‹. Die Vollzugsmeldung fällt dem Homo
sapiens schwer, er muss sein Herz über die Hürde werfen, um sie
herauszutrompeten, und wer die Reaktionen der anderen sieht, die
von Begütigung bis zu offenem Hohn reichen, der begreift mit
Leichtigkeit, wie es um diese inneren Momente steht. Erschiene der
Gott außer Zweifel, so erschiene er allen, doch dass er dem einen,
diesem da, erschienen sein soll, einem Wesen, das entweder keines
Zweifels fähig oder seiner ewigen Zweifel müde ist, das glauben nur
Leute, die sich an Leute hängen, um ihnen zu glauben, was sie an
sich zu glauben nicht fähig sind. So geht es einem mit den Momenten
der Kunst, wie es mit vielem geht.
Zu schön, um wahr zu sein sind sie
nicht deswegen, weil sie zu viel, sondern weil sie zu wenig Kunst
enthalten. Aber auch das ist mehr oder weniger gleichgültig
angesichts des Umstandes, dass sie gewollt sind. Wären sie es
nicht, so blieben sie in den Gittern des Gedächtnisses hängen, das
sagt: Ich habe sie gerettet. Aus einer übergänglichen Folge von
Empfindungen habe ich diesen Goldfaden herausgezogen, an dem das
Jähe ebenso gewirkt hat wie die Erschlaffung. Die Empfindung, durch
Fülle überwältigt zu sein, verdankt sich dem Nachlassen der
Spannung in einer sich aufgipfelnden, durch welche Jagd auch immer
ausgelösten Erregung.
Es ist
genug wird da leicht zu:
Es ist geschehen. Und das ist es dann
auch.
PLAUDERTASCHE
Werkzeug der Gottesempfängnis nach Mitternacht. Der Gott erscheint
seit alters in Tiergestalt, als Ameise vielleicht oder als
Kreuzspinnritter, auch Hasen gelten als Zahlungsmittel und sind
akzeptiert. Die Plaudertasche umfasst sie alle mit einem runden
»O«, mehr gehaucht als gepfeffert, und legt sie lahm. In ihr ist
gut reden, sie hält die Gabeln warm und auf Abruf, da können die
Zahnärzte kommen. Wurzelbehandlung fördert das einsame Denken, das
hier wie in allen Kulturen zum Tragen kommt, wenn die Plaudertasche
die Röcke hebt und das Licht löscht. »Der letzte«, wispert die
Ameise, »der letzte, ein Fauxpas ohnegleichen.« Was immer sie damit
meint, es geht im Geschehenen unter.
PÖBEL

»Einen feinen Pöbel habt ihr da beieinander.« Im Bild des Pöbels
beweist sich das Volk vor sich selbst und behauptet das Gegenteil:
die reine Differenz. Pöbel unten, Pöbel oben, Geldpöbel und
Gesinnungspöbel, Pöbel durch Herkunft und Pöbel durch Verlangen,
sie stehen einander in nichts nach außer in der Frage der
Definitionsmacht. Pöbel wird von oben nach unten dekliniert, er
setzt, neben der schieren Einbildung, einen klaren Blick für die
Verhältnisse voraus, wie er nur dem souveränen Teil der Bevölkerung
zukommt. Jedes andere Urteil in Sachen Pöbel erscheint geborgt,
reine Kolportage und daher lächerlich, unziemlich und umkehrbar. In
der Konsummoderne erzeugt die Weise des Konsumierens die
Hierarchien und wird durch Hierarchien gelenkt. Auf- und
absteigende Konsumeliten begegnen sich gern ›auf gleicher
Augenhöhe‹. Sie lieben diese Phrase bis zum Abwinken, derweil die
Fahrstühle weiterlaufen und dem Spuk ein Ende bereiten. Am Ende
heißt es Aussteigen, man ist da und genießt die Aussicht mit
poliertem Gebiss.
Doch was heißt schon Konsum. Das ist eine Phrase wie andere auch
und das Bild behauptet, was es verschließt, die reine Wahrheit. Die
Wahrheit über den Pöbel ist, dass es ihn gibt. Das unkontrollierte
Unterschied-Machen geht wie von selbst in den Zwang über, ihn
hervorzuwühlen, zu ›pöbeln‹, wie die Sprache das unnachahmlich
bezeichnet. Auch sie pöbelt herum, ist keineswegs unschuldig an der
Sache, bei Licht besehen trägt sie die Hauptschuld an der
Misere.
Alles, was unten durchrutscht, passiert die Etagen des schlechten
Geschmacks, der lauten Rede, der sich ereifernden Differenz. »Aber
das wissen wir doch.« »Ach, was wisst ihr schon. Dass jemand vom
Regen in die Traufe kommt, will nichts bedeuten. Seht die Politiker
an: einer pöbelt und bekommt einen Denkzettel an den Urnen. Der
Pöbel fühlt sich ertappt und keilt zurück, lautlos, wie es sich
ziemt. Kein Pöbel ist ›von gestern‹, das lehnt er ab.« »Gestern war
Eiszeit, heute schwimmen die Eisbären auf Schollen vorbei und
wärmen ihr Gebiss in der Sonne.« »Zu welchem Ende?« »Das ist eine
Kaninchenfrage, sie sollte nicht gestellt werden. Was geht sie
an, was unter Wasser geschieht?« »Nun, wer sich vermehrt, macht
sich so seine Gedanken.« »Ach –«
POLLS
Man muss es der Harmlosigkeit der Künstler zugute halten, dass sie
sich so bereitwillig politisiert haben und politisieren haben
lassen. Es verstand sich – beinahe – von selbst. Was hätten sie
verlieren sollen? Alles, doch das war, wie sie es verstanden,
wenig, da sie eine Welt zu gewinnen glaubten. Die Welt zu
gewinnen... zumindest eine, die zweite, um genau zu sein, die
nach
Nietzsche keine Hinterwelt mehr
sein konnte, sondern eine, die bevorstand, die sich herausreißen
ließ aus den Verhältnissen, wie sie waren, gab man erst die Bildung
dran, die Vorbehalte, den Weltschmerz, die Autonomie, die Leinwand,
die Billigkeit, den Verstand: alles, was einen im Grunde harmlosen
Menschen davon abhalten kann, sich für eine Lotterie zu ruinieren.
Der
homo novus hat
die
Kunst ruiniert und er
ruiniert sie weiter. Er hat sich eingerichtet zwischen seinen
Einkaufskartons, die er Gesellschaft und neuerdings Umwelt nennt,
und verlangt, unterhalten zu werden. Die Leichengebirge, auf denen
er sich flezt, kümmern ihn wenig. Wenn die Kunst in die Kissen
schluchzt, fragt er, ob sie nicht alle hat und kauft ihr einen
Lolli. Sie schluchzt auch schon weniger, nur hin und wieder,
vermutlich, wenn der letzte Lolli aufgebraucht ist. Sie produziert
sie selber derweil, doch Verwöhntwerden ist schöner.
POSITIONSANGST

Man zieht es vor, die Dinge so zu sehen, als sei die Moderne
irgendwie in Europa entstanden und habe sich von dort über die Welt
verbreitet, aus deren Zentren sie heute auf Europa zurückwirkt. Das
mag in einem sehr allgemeinen Sinn zutreffen, aber es bezeichnet
nur einen Faktor in dem, was man gemeinhin ›Wirklichkeit‹ nennt,
die technologisch-ökonomische Entwicklung. Schon der Gebrauch, den
es von ihr gemacht hat, erinnert daran, dass eine abgewickelte
Spule leer ist. Auf dem intellektuellen Sektor bezeichnet ›Moderne‹
sehr genau den Prozess der Selbstzerstörung Europas – ein Vorgang
mit Folgen, aber in historischen Grenzen. Eine Gesellschaft, die
ökonomisch gut im Rennen liegt und keinen Grund sieht, Kriege zu
führen, weil es vereinbarten Prinzipien widerspricht, aus denen sie
neuerdings Vorteile zieht, mag, äußerlich betrachtet, Zeit und
Ressourcen besitzen, über das Wunder der Wiedergeburt nachzudenken
und ›konkrete Schritte einzuleiten‹, damit es in naher oder
fernerer Zukunft eintreten kann. Aber das scheint nur so, weil das
Rennen nicht aufhört und die Ressourcen verschlingt, die ein
anderes Miteinander versprechen. Am Ende siegt die
Positions
angst und mit ihr die
Überzeugung, alles geben zu müssen, um seinen Platz zu halten. So
zerstieben hochintegrative Modelle zu nichts, sobald sich
Währungsfragen nach vorne schieben oder die Tankanzeige flackert.
Aber vielleicht waren sie bereits nichts im
Augenblick der Entstehung. Die
Überzeugung des Klempners, eine Familie glücklich zu machen, wenn
er ihre Leitungen repariert, ist, unter uns, schon ein bisschen
komisch. Auch sie folgt der Logik des Boxenstopps, ungeachtet der
Tatsache, dass der biedere Handwerker Rennen nur aus dem
Fernsehen kennt.
POSTHISTOIRE

Die Geschichte ist die Abtreibung der Geschichte. Das kann kaum
anders sein, da die unzähligen Schlachten, die im Namen der
Geschichte geschlagen werden, sich im historischen Gewebe
ineinander verschlingen und in der Ungewissheit des Künftigen
zerlaufen. Mit jedem vergeblichen Sieg, mit jeder vergeblichen
Niederlage rückt das Ziel näher: Die Befreiung von der Geschichte
ist immer im Gang. Dort gehört sie auch hin, solange ein Augenpaar
da ist, das die Dokumente entziffert und ein Mund, der sich rundet
– vor Entzücken oder Entsetzen, wo bleibt da der Unterschied? Ja wo
bleibt er denn? Geschichte fördert man nicht durch Schürfrechte,
sondern durch Abschreiben. Das wird von Leuten gern übersehen, die
mit ihr auf vertrautem Fuß stehen und wissen, wo’s langgeht. Der
erste in dieser Reihe kennt die Geschichte noch nicht: er schreibt
auf. Er hat etwas erlebt, er hat den Wunsch zu berichten. Die
Muster, denen seine Niederschrift folgt, sieht er nicht oder sie
sind ihm gleichgültig. Das hat, da jede Geschichte eine ist, eine
bestimmte Konsequenz: die Geschichte aus Geschichten, die man die
Geschichte nennt, ruft nicht nur unterschiedliche Erzählmuster auf,
sondern fügt ihnen eines hinzu, das dem Hersteller der Geschichte
entgeht. Die Theoretiker, die das Ende der Geschichte verkünden,
erzählen nichts weiter (es sei denn das Blaue vom Himmel herunter).
Aber sie erweitern das Spektrum der zu erzählenden Geschichten,
insofern sie erzählen, wie es ihnen mit der Geschichte ergangen ist
und wie es geschehen konnte, dass sie den Glauben an ihren Fortgang
verloren. Im Kern der Posthistoire steckt, wie das Körnchen
Wahrheit, die Unvernunft des Erzählers, den das Erleben seiner Zeit
überwältigt:
Eine Geschichte, wie
ich sie erlebt habe, hat mir noch keiner erzählt. Eine
schöne Geschichte ist das.
POSTMODERNE

Man hat die Postmoderne noch nicht wirklich verstanden, solange man
sie als etwas betrachtet, das nach der Moderne kommt oder sie so
verwandelt, dass sich in ihr etwas Neues, ein neues Verhältnis zur
Wirklichkeit, am Ende eine neue Wirklichkeit darstellt. Alle Kritik
am Konzept der Postmoderne ging dahin, in ihm die willentliche
Fehldeutung eines Weltzustandes zu sehen, der so schnell nicht
vergeht. Wer darauf beharrt, nach wie vor im Zeitalter der Moderne
zu leben, ist gegenüber dem, der anderes andeutet, immer im Recht.
Keine Erfindung der Neuzeit wurde seither vergessen, kein Rad hat
sich zurückgedreht, keine Unterscheidung scheidet heute weniger als
vor hundert oder dreihundert Jahren. Man hat nicht verstanden, dass
die Postmoderne in der Moderne aufkommt, dass sie nichts anderes
ist als die Langeweile in der Moderne, als dieses diffuse
Bewusstsein, dass das, was einmal von wenigen Gehirnen erdacht
wurde und sich seither unwiderstehlich vollzieht, keine
grundsätzlichen Fragen offen lässt. Die Postmoderne ist eine Art
Augsburger Religionsfriede zwischen den Fraktionen der Moderne,
eine Konsequenz daraus, dass es sich nicht lohnt, die alten
Streitereien weiter zu führen. Insofern waren die Gegner der
Postmoderne die entschiedeneren Postmodernen: Bitte keine neue
Scheinfront, keine neuen Schein-Positionen, wo doch bereits alles
gesagt ist. Postmoderne ist bloß die Moderne in den Händen – und
Köpfen – der wirklichen Menschen, das heißt all derer, die nur das
angewandte Denken kennen und praktizieren und keinen Überdruss
dabei empfinden, als Ganze apart zu sein. Das anstrengungsfreie
Anderssein gibt das Lebensgefühl hemmungsloser Überlegenheit, das
sich seit hundert Jahren in jeder Generation erfolgreich einredet,
neu zu sein – im Grunde eine lächerliche Angelegenheit, wie alles,
was zur Jahrgangsfrage deeskaliert.
PRÄSENZ
»Die Museen werden durchforscht werden.« – »Von ihnen wird bleiben,
der durch sie hindurchging, der Wind.« – Solche Sätze bilden nicht
länger das Säuseln einer fernen oder nahen Gefahr, als Sturmboten
des Klassenkampfes haben sie ausgedient. Sie sind poetische
Umschreibungen eines Ist-Zustandes, der von vielen gewollt wird.
Die Kontrolleure mit dem fordernden Blick, die bereits die
Inneneinrichtung künftiger Ramschtempel planen, die stillen
Enttäuschten, die sich fragen, wann und wie diese lautlose
Katastrophe eintreten konnte, die Schulklassen, die längst gemerkt
haben, dass im Lärm, den sie machen, der letzte Sinn der
Veranstaltung liegt, die munteren Greise, denen die
Verdauungs
disziplin vorschreibt,
vor Kaffee und Kuchen noch eine Runde zu drehen, die
umherwandelnden, von Hölzchen auf Stöckchen kommenden
Plaudertaschen, die Volkshochschulpulks mit ihren Klapphockerchen
und der durchdringenden Stimme der Führerin, sie alle wissen... ja
was denn? Sie wissen es nicht, aber sie stellen es dar. Sie sind
Figuren in einem Stück, das es an machtvoller Präsenz mühelos mit
der attischen Tragödie aufnimmt. Nein, es heißt nicht, wie man
leicht annehmen könnte, ›Die Tragödie der Kultur‹. Es heißt
überhaupt nicht und es ist keine Tragödie. Es ist auch kein Ritual
in einer stehenden, bis an den Horizont der Wünsche vernagelten
Zeit. Es ist... Warum fällt es so schwer, es auszusprechen? Warum
fällt es so schwer, den Gedanken zu Ende zu denken? Welche seltsame
Macht hindert einen daran, ihn überhaupt zu denken? Vielleicht die
Parole, die unsichtbar, aber wirksam über den Ausstellungsstätten
klebt: »Es darf gequatscht werden.«
PRÄZISIONSMASCHINE
»Ich erinnere mich noch genau.« Mit diesem Satz beginnt die Lügenmaschinerie zu arbeiten und nichts Menschliches bleibt ihr fremd.
PROGRAMM
Kunst heute um ein Programm
herum zu entwerfen, das wäre ja, als wollte man Zäune errichten, um
die globale Erwärmung in Kontrollzonen abzulenken, in denen sie
zwanglos verbrannt werden kann. Das Wissen, dass es so nicht geht,
ist weit verbreitet. Doch bleibt es, leider, kein Wissen und drängt
zum Programm. Arglos mischt sich das ewig Neue in die Gespräche,
ihr Dies und Das, und fordert Tribut. Mit fettigen Haaren und in
schmutzigen Stiefeln schlurft es daher und hält jedem den
Plastikbecher unter die Nase: »Haste mal nen Euro?« Aber ja, könnte
man ihm entgegnen, wir wissen, wie billig du bist und lassen dich
nicht verhungern. Doch das Gespräch, in dem man steckt,
ist
aufregend genug und
will nicht unterbrochen werden, da gleitet der Blick vorbei. Nur
einen Moment lang zieht er sich zusammen und wird eisig. Diese
Blickverengung, durch die eine heruntergekommene Szene jeden
hindurchtreibt, der es vorzieht, ›bei den Sachen‹ zu bleiben, ist
der Tribut der Verständigen. Es ist ihr schamhafter Anteil an der
Gesellschaft, in der Kunst zur Lebensart gehört und rückwärtige
Loyalitäten über Positionen bestimmen, aus denen heraus manches
möglich erscheint, das dann nicht geschieht. Das alte Neue ist das
neue Alte. Man zahlt den Preis und alle kennen sich aus. Die
vielgepriesene ›Beobachtung der Kunst‹, die so tut, als laufe in
ihr ein autonomer Prozess ab, in dem nacheinander alles ans Licht
kommt, was seine Brauchbarkeit in einer Theorie der Moderne unter
Beweis stellt, parodiert das Modell der Anerkennung, das zweifellos
in ihr angelegt ist, durch Nichtanerkennung all dessen, was auch zu
sagen wäre, aber als Urteil verantwortet werden müsste: ein trübes
Thema, das ausgespart bleibt, bis der Alkohol abends die Zungen
lockert. Schließlich weiß man, worüber man schweigt, und ist in
eigener Sache schon weiter.
PROTOTYPIE
Die Leute lieben das, was sie ›klassische Moderne‹ nennen, so sehr, dass sie nicht genug davon bekommen und sich heimlich Stücke abbrechen: Souvenirs für den Wintergarten, neben anderem Schnickschnack. Klassisch ist daran, dass sich niemand mehr an ihr versucht. Was bedeutet, dass ihre Gesten und Taten unter dem Verdacht der Lächerlichkeit stehen. Einmal lässt man sie durchgehen, das nächste Mal wird geahndet. Zwar hängen alle von dem ab, was ›damals erreicht wurde‹, aber die Ansichten darüber, was damit erreicht wurde, gehen naturgemäß weit auseinander.
Gemäß der Natur oder: soweit das Geschwätz trägt. Wie weit es trägt, darüber gibt es täglich Kunde. Klassisch ist die Moderne, soweit sie das Geschwätz in der Nussschale präsentiert – handlich und zu und zu jedem Schabernack zu gebrauchen, wie die Designer seit langem wissen. Die designten Gemüter ziehen ins Museum wie in den Zoo, um ihre Prototypen zu besichtigen: »Hier, ein Delvaux! Ganz dein Makeup.« Im Designmuseum lassen sich die Imitate als Originale bestaunen. Nur die Besucher schleichen herum, als stünden sie vor dem Examen und müssten sich Wachsmodelle aus Gehirnmasse kneten. Erst im Besuchermuseum leben sie auf: Wie echt, wie lebenswahr! Ganz neunzehntes Jahrhundert, man müsste sich ausziehen und ganz neu darin anfangen, nur das industrielle Elend lassen wir außen vor. Und doch... Das Abgehärmte hat eine Kraft, die es mit dem Design verbindet. Was wäre die Welt ohne ihr abgelichtetes Elend! Ein Nichts, ganz recht, diese Pointe will keiner dem anderen überlassen, sie ist zu eigen, ein Schatz.
PSYCHOMACHIE
Die Psychomachie ist dem Genie zum Opfer gefallen, das Genie der Psychoanalyse, die Psychoanalyse der Informationstheorie. Die Frage, wer schlägt wen, bleibt immer spannend.
PUDEL

Die Klaviatur der Leiden ist so ungeheuerlich, dass man es nicht
wagt, nur ein paar Takte darauf zu klimpern. Man hält sich
vorsichtig von den kleineren Leiden fern und stürzt sich in die
größeren, als gelte es das Leben – was es auch tut, selbstredend,
was denn sonst? Was denn sonst! Man weiß ja, dass es am Ende darauf
ankommt, sich von ihm zu trennen, in Würde oder mit Heulen und
Zähneknirschen oder einfach nur stumm. Das Trennen will also geübt
sein. In den kleineren Dingen geschieht das täglich, fast ohne
hinzusehen. Im Wegwerfen liegt die Kraft der Routine. In den
größeren Dingen bedarf es einer gewissen Elastizität der Seele, es
wird ihr abverlangt, zugleich vor und hinter der Trennung, zu
beiden Seiten des Schnitts tätig zu sein und das, wovon sie sich
trennt, gleichsam zur Tür hinaus zu begleiten. Wie soll das gehen?
Natürlich geht es nicht, es geschieht aber und sähe man in die
Köpfe und Herzen der Mitmenschen hinein, so sähe man sie
allenthalben und ununterbrochen damit beschäftigt. Da kommt ein
Pudel, der einen lachen macht, gerade recht. Keine Sorge! Auch aus
ihm wird zur gegebenen Zeit ein Ungeheuer, das seine Rechte
verlangt, was nichts weiter bedeutet, als dass er Dinge tut, die
eine gütliche Trennung nahelegen. Die gütlichen Trennungen – wer
über sie berichten wollte, der käme ins Uferlose. Sprach die Ratte
und suchte sich einen Anwalt, einen guten, wie sie beteuert.
PUNKT, springender
Im allgemeinen genügt die gewohnte mediale Durchseuchung, um sicherzustellen, dass ankommt, was ankommen will. Was will nicht alles ankommen in einer Welt, in der jedermann unterwegs ist, um etwas zu erreichen? Wer etwas erreichen will, muss die Menschen erreichen, das heißt, er muss ihnen unbemerkt die Verletzungen zufügen, die sie gefügig machen, äußerlich unsichtbar, doch leise die Punkte markierend, an die man nur zu rühren braucht, um sie springen zu machen, wenn es soweit ist. Wann es soweit ist, hängt natürlich davon ab, wofür sie gebraucht werden, was nicht leicht zu entscheiden ist, weil zu viele Spieler im Spiel sind und die Resultate ebenso streuen wie die Markierungen. Auf diese Weise verrätselt sich die Gesellschaft, ohne ein Rätsel zu werden, durch Überdeterminiertheit.
Und sie bewegt sich doch – ein großer Satz, von einem Trotzkopf gemurmelt, öffnet den Blick auf Hinterzimmer, aus denen einhellig herausschallt: Keine Verschwörungstheorie! Und wirklich, da diese Art von Verschwörung niemals aufgedeckt wird, bedürfte es schon einer gediegenen Theorie der Verschwörung, um aufzudecken, was aufgedeckt werden müsste: die durchlaufende Manipulation der Manipulateure mitsamt ihren Übertragungswegen und ‑mustern, die dafür sorgen, dass ein Wille geschieht, wo das Chaos herrscht – nicht
ein Wille, aber immerhin, ein
Wille, auf Zeit, auf lange, kurze, was weiß man schon. Das Verlangen nach Aufdeckung verhindert die Aufdeckung, weil es sie natural fokussiert: auf Schweinereien natürlich, auf was denn sonst. In der Regel sind es arme Schweine, die da ans Licht gezerrt werden, wenn es denn einmal gelingt, man kann sie schlachten und hat doch nicht viel verstanden.
PYRAMIDE
Die Alten stellen die Fallen auf und die Jungen rennen hinein. Die
Arbeit an den Netzen geschieht mit Gleichmut. Viel Gleichmut ist
hier gefragt. Wen die Gleichmut verlässt, der erntet Befremden, er
nervt. Niemand will jung sein außer den Jungen und die unbedingt.
Ein paar Alte finden den Schein des Jungseins nützlich und ziehen
dem Gleichmut die Suche vor. Welche Suche? Wohin? Man sollte sie
umdrehen, diese Suchenden. ›Seht doch‹, sollte man ihnen sagen,
›seht doch‹. Aber wer hier die Lippen spitzt, hat schon verloren.
Sie sehen ja, so ist es nicht. Es passt ihnen nur nicht, was sie
sehen. Sie sehen die Spitze der Pyramide und darüber Luft.