I
ICHSAGEN
Das Ichsagen ist keine Passion, sondern ein Vorstoß. Ob er gelingt,
hängt von Faktoren ab, die sich nicht durchgängig kontrollieren
lassen. Einmal ist es die Stärke des Widerstandes, ein anderes Mal
die Widerstandslosigkeit, das Bodenlose, das ihn scheitern lässt.
Immer aber bleibt das begleitende Bewusstsein, sich auf einem
Gelände zu bewegen, das von geheimen Drohungen der Gegenseite
durchzogen ist. Man kann die Stadien der Moderne als Schübe
betrachten, in denen die Scheu vor dem Ichsagen mit immer neuen
Mitteln und unter jeweils anderen Vorwänden überwunden werden
sollte. Das kleine Ich
großsagen, das ist eine Frechheit, auf
die keine Strafe folgen darf, wenn Moderne sein soll. Descartes’
›Ich denke‹ ist eine Weise, es großzusagen, das transzendentale
Subjekt Kants und das Ich Freuds wurden erfunden, um es gegen die
Unbill eines raffinierteren Denkens und die Anschläge seiner Feinde
abzusichern, was insofern misslang, als beide alsbald auf den
Altären der Wissenschaftslehre und der Gesellschaftstheorie
geopfert wurden. Am Ende überwiegt das Gefühl des Ungehörigen und
kassiert die Vorstöße, um die Erinnerung an sie zu bewahren, so wie
der Mythos die Schicksale der Iason und Niobe aufbewahrt.
ICHSCHWÄCHE
siehe Dämonenschnack.
IDENTITÄT
Wettlauf der
Konstrukteure. - Konstruierst du mich, so konstruiere ich
dich – so läuft das Spiel. Keiner konstruiert seine ›persönliche
Identität‹, das Ich bleibt immer zurück oder außen vor. Es
separiert sich, es ›bedeutet‹ nichts, es lebt verschattet, es lebt
von Bedeutungen. Warum das wichtig ist? Weil es zertreten werden
kann und Theorie noch immer der
Erste Zertreter ist.
IDENTITÄTSGESCHICHTE
Zum Teufel mit der
Identität – irgendeine wird sich schon finden. Identität hat eine Geschichte und speist sich aus vielerlei Quellen. Das ist insofern bemerkenswert, als viele sagen: Identität ist Identität, als wollten sie sagen: ich bin ich. Sie wollen damit ja nicht ihr besonderes Ich zum Ausdruck bringen, die Kindheit, die es geformt hat, die zehn stärksten Erfahrungen auf den üblichen Feldern, von denen es zehrt, eher wenden sie sich gegen den Prägehammer, mit einer leicht bittenden, leicht trotzigen Gebärde. »Bitte präge mich nicht«, heißt diese Gebärde, »präge mich nicht immerfort weiter, ich bitte darum. Eigentlich möchte ich so, gerade so, wie ich jetzt bin, nur ein bisschen dahinleben, ein bisschen länger, wenns geht, als andere Leute, ein bisschen kürzer als jene, die schon zu lang leben, jedenfalls sagt mir das ihr Blick, auch wenn sie anschließend anders reden.« Es ist eine Frage der Berufung. Man wird berufen und abberufen, man versucht einem Ruf Folge zu leisten, einem Lockruf zum Beispiel oder einem Wink des Schicksals, dem man besser nicht nachgehen sollte, Schicksal hat etwas Gefährliches.
Aber man kann sich nicht immer fernhalten. Man will es auch nicht. Manche Winke stammen direkt aus den Ursprüngen der Identität. Es kommt nicht darauf an, wie man ist, sondern aufs Durchkommen. ›Durchwursteln‹ zum Beispiel ist so ein Wort: wo die Passage eng wird, formt sich der Mensch zur Wurst, er würde auch jede andere Form annehmen, je nach Durchlass. Dieses Wursthafte lässt sich gut an Menschen studieren, von denen die Mitwelt sagt, sie seien erfolgreich, das geht oft bis ins Detail der äußerlichen Erscheinung. Aber man täuscht sich schnell. Die geschmeidigsten Würstchen wirken alert und proper und die Menschen lieben sie. Das ist leicht zu erklären: wer täglich zu Brei verarbeitet wird, der wünscht sich nichts sehnlicher als eine Haut, in der viele Menschen gern stecken würden. Eine Haut, die jede Füllung lächelnd wegsteckt – den Schmutz der Seele, die Trostlosigkeit der Gedanken, die Gnadenlosigkeit der Organe und vor allem die nächste Verwurstung.
Rette deine Haut: aber wie? Aber wann? Aber wo? Und ist sie die deine? Bist das, was dich zusammenhält, du? Wer bist denn du? Dich wollen wir haben, denkst du, während wir dich vergessen.
Zustimmung ist ein Ausdruck des Vergessens, wusstest du das nicht? Du bist gut, geh deiner Wege. Wir beneiden dich, also geh. Und wenn du schon gehen musst, zieh bitte den Karren ein bisschen weiter. Wir leben hier im Schlamassel, davon verstehst du nichts, dreh deine Pirouetten, aber sei kein Klugscheißer.
IDOLWECHSEL
Die These ist vielleicht nicht zu gewagt: Mit der westlichen Idolisierung der
Frau ist es für die nächsten Jahrhunderte vorbei. Noch
schlagen die Wellen der Propaganda gleichmäßig an den Strand, doch
da sitzen keine notorischen Bräuner mehr, Bulldozer ziehen ihre
Spur durch den Sand und türmen Hügel auf, die ahnen lassen, dass im
nächsten Frühjahr andere Formen des Auslaufs zu gewärtigen sind.
Die Heiligsprechung des ›anderen‹ Geschlechts im Namen einer
antizipatorischen Ideologie war, wie die vorangegangener
historischer Fackelträger, ein Flop: soviel versteckte, soviel
›durchaus‹ aktiv betriebene allseitige Aushebelung von...
Gerechtigkeit hätte niemand erwartet. Niemand? Als ob hier nicht
alle Karten gezinkt wären – wo alle erwarten, sind automatisch alle
Erwartungen im Spiel und die lautlosen wollen den Vorteil pur. Der
Gedanke, dass jedes System seine Gewinner und seine Verlierer
besitzt, liegt nahe und wird deshalb von vielen ergriffen, weil sie
ihn für eine Waffe halten, mit der sich aufkommende Unruhe bändigen
lässt, aber eine Woge lässt sich so nicht aufhalten, sie geht über
die Köpfe hinweg, vor allem, wenn sie sich rechtzeitig ducken. Das
System... jedes System verfügt über seine geheimen Hebelchen, von
denen sich das approbierte Denken nicht träumen lässt, weil es die
Beobachtungsfähigkeit der Menschen aus systemischen Gründen
unterschätzt. Es gibt eine subkutane Wirksamkeit der passiven
Existenz, die sich nicht erst auf lange Sicht, sondern als Wand in
allen Verhältnissen bemerkbar macht: als Wand der abgeschnittenen
Möglichkeiten, der sich willkürlich begrenzenden Phantasie, der mit
Vorsatz missbrauchten Sprache und einer schweigend sich erhaltenden
und fortpflanzenden Alterität des Wollens und Wünschens. Diese
Wand, in Bewegung gedacht, ist die Woge, die durch alles
hindurchgeht. Man sieht sie nicht, man spürt sie nicht, aber man
nimmt sie wahr.
ILDEFONDO
Ildefondo war ein großer Held. Er betrieb eine Hundezucht für den
Hades und ließ sich zur Erprobung ihrer Wut an allen beseelten
Stellen seines Körpers beißen. Um den grässlichen Schmerzen
standzuhalten, pries er heulend die lange vergessenen Götter der
Unterwelt und lobte ihr Wissen um Schuld und Sühne. Dabei glichen
die hellen Töne der Transparenz eines Schmelzofens im Bereich der
Titanen, wenn das flüssige Gold sich rötet, in ihren Tiefen aber
den Feuersbrünsten in Akkon, als die christliche Ritterschaft,
neuen Gestirnen opfernd, den Tempel des Hephaistos-Stupidides in
Brand steckte. Ildefondo starb, von Wunden bedeckt, unter dem
Sternbild der Krone im Kynokephalus. - PM
IMHOFF
Nichts verzeiht die
Luhmann-Gesellschaft schwerer als Äußerungen persönlicher Ruhmsucht: das trifft die Poeten unter den Schriftstellern, die nicht billig genug sind, das Geldverdienen als Quelle ihres Selbstwertbewusstseins gelten zu lassen. Ein wenig Menschheitssauce muss bei vielen dabei sein, die Kämpfer-Attitüde sagt zunächst und vor allem, ich bin nicht allein, ich bin einer von euch, falls ihr die richtigen seid, was ich zu euren Gunsten einmal annehmen will. ›Nehmt mich, ich komme nicht weiter in Betracht, es ist ganz belanglos, was ich da schreibe, es sei denn, in euch wird es zur Waffe. Reden wir nicht von mir. Ich hatte eine schwere Kindheit, aber gegen eure gehalten ging es mir gut. Wenn ich von mir rede, dann nur euretwegen, in Wahrheit rede ich von euch, immer von euch.‹ Nein, es schickt sich nicht, das Selbstbewusstsein eines Aretino zur Schau zu stellen. Es wird hart geahndet, werʼs versucht, wandelt als Toter unter den Lebenden, schlimmer, als einer, der nie gelebt hat. Es nimmt daher nicht wunder, wenn einer, der es nicht lassen kann, zu der Überzeugung gelangt, er wandle Wasser zu Wein, während es sich doch gerade umgekehrt verhält und aller Wein, den er ausgeben könnte, als Wasser den Hügel herunterläuft. Die schärfste Waffe der Gesellschaft gegen ihre Ausreißer ist das Befremden – das willkürliche Schwernehmen dessen, was leicht gesagt ist, knochenharte Ironiefestigkeit und jenes fatale ›Was soll denn das?‹, an dem alle ungleiche Ambition zerschellt. Wer die Selbsterhöhung im Wissen um die Wirksamkeit dieser Mechanismen betreibt und geduldig zusieht, wie sein Leben verrinnt, muss ein Blinder sein oder ein Großer. Zumindest darf er sich selbst das alle Tage sagen, weniger deutlich allerdings mit dem Zusatz, dass die Frage, die daraus entsteht, unentscheidbar ist, jedenfalls für ihn selbst. Es bleibt ihm daher nichts anderes übrig, als sich als Medium entwerfen, den Blick auf eine kommende Menschheit gerichtet, deren Urteil freier, genauer und wissender sein wird als das der gegenwärtigen – also auf den Weltgeist, falls er zufällig Hegelianer ist oder eine alte Liebe zu diesen Formeln bewahrt hat. Aber nicht die Welt wird der Rufer in der Wüste für sein Dilemma verantwortlich machen, sondern das Kollektiv, um dessen Anerkennung er buhlt, also die Nation. Wäre die Nation frei, sie würde ihm freudig zustimmen. Da sie mit Blindheit geschlagen scheint, scheint es vernünftiger, sie in Ketten zu denken: versklavt, verdummt, kopf- und ideenlos, ihrer historischen Sendung ledig. Platons Höhlengleichnis spukt in diesem Modell, es zuckt hier und dort und reißt an den verhandelten Gegenständen, so dass sie einen Zug ins Skurrile bekommen, obwohl sie doch menschlich sind und sein sollen.
Die Höhle lebt, weh dem, der Höhlen birgt, könnte man über diese Texte schreiben, doch der Autor kommt einem mit dem unvermeidlichen »Die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung...« zuvor und ist schon fertig.
INNEN
Kein Wort ist so in Verruf geraten wie dieses. Erstaunlich, denn
gebraucht wird es nach wie vor. Welchen Sinn machte sonst das
Außen? – Es hat es aber auch zu bunt getrieben, dafür wird es hart
hergenommen.
Im Innern
vergraben – das ist so eine Phrase, vor der sich die Leute
fürchten, als müssten sie dort ihr eigenes Grab schaufeln und es
mangelte ihnen an allem, vor allem an Zustimmung zu einem solchen
Unterfangen. Auch wüssten sie nicht, wo beginnen. Wo soll es sein,
dieses Innen? Und wenn man es fände, läge man dann schon drinnen?
INSTANZ
Der Satz, Hölderlin sei nun genügend interpretiert, interpretiert
sich selbst, aber auf überraschende Weise. Hölderlin, befragt,
wüsste dazu nichts zu sagen. Das
Genug! des Interpreten gilt ja nicht
einem Autor, es gilt dem eigenen Wahn, der nun durch Augen und Mund
nach außen tritt, nachdem er lange den Weg durch die Poren nehmen
musste. Nie wieder schwitzen um eines Gehaltes willen, von dem die
Interpretierten, armseliges Gewürm, nur hätten träumen können. Als
Rentner des Geistes kann so einer den Stoff entbehren, den er lange
kneten musste; im Alter beginnt er, sich die Hände zu säubern.
Mani puliti! Nicht, dass
er sich jemals durch Auslegung hervorgetan hätte, das haben andere,
die sein Scheelblick verfolgte, nein, dass er die Gedanken der
anderen als die eigenen ausgeben musste, ganz Stand der Forschung,
das macht ihn jetzt, da er mit allem durch ist, zu einer Instanz.
Er hat erfahren, wie wenig an alledem dran ist, wie wenig es das
Gehirn zu Gedanken zu bewegen vermag und wie wenig den Menschen zu
Taten – er hat das Drama der Vermittlung durchlebt und hält es für
das Drama des Geistes. Alles sinnlos! Das Alter träumt von
Arbeitslagern für Wissensvermittler, vom harten Weltstoff, der die
Regale füllt, auf denen eben noch das Gewebe der Verse ein
schalkhaftes Eigenleben führte, es wüsste, wo es die Schlüssel in
dem großen, kühlen Büro verwahrte, ließe man es noch hinein, aber
es hat Vertrauen in die Nachwelt und hält sich durch Reisen
schadlos. Die gereinigten Hände... in Unschuld... sie beenden die
christliche Epoche, die in jenen anderen begann, zupfend:
vorsichtig, beim leichtesten Widerstand stockend, ausweichend,
weitergleitend. Gedankenverloren, das ist so ein Wort, ein
seltsames Wort, ein Wort für Seltsamkeiten, die sich wegheben. Der
anämische Versuch, die Bücher über einer Faszination zu schließen,
die realer ist als man selbst, gemahnt an die Idee, den
homo novus als
Tischvorlage ›durch‹ zu bekommen. Hauptsache durch!
INTELLEKTUELLEN, DIE
Die Intellektuellen und die Gesellschaft, aufgeteilt auf
verschiedene Räume, zwischen beiden eine verspiegelte Scheibe, die
den Durchblick nur in eine Richtung gestattet, den Einwegblick; man
sieht, seitens der Gesellschaft, die Intellektuellen rauchend auf
hohen Stühlen, Tafeln schwenkend, die sie zuweilen mit
gesetzgeberischer Miene gegen die unsichtbare Gesellschaft
emporrecken. Niemand kann diese Tafeln auf der anderen Seite
entziffern, wo man sich wie vor einem Schaufenster drängelt, im
lauten Buchstabieren übt und gegenseitig Brocken von Gelesenem und
Erratenem zuwirft, von Erratenem oder Geargwöhntem, um genau zu
sein. Manchmal brechen Rufe aus der Menge hervor – Hoch- oder
Drohrufe, das ist schwer zu entscheiden –, während die
Intellektuellen, sich offenbar gegenseitig mit Schmähungen
tiefreichender Art bedenkend, in immer rascherem Tempo die Zeichen
auf den verschiedenen Tafeln löschen und gegen andere auswechseln.
Ein Vorgang, der sie gleich Puppen mit mechanisch wirbelnden
Gliedmaßen in eine Bewegtheit versetzt, die den Bereich zweckhafter
Abläufe weit hinter sich lässt, so dass die Menge, deren
Faszination zunächst zu wachsen scheint, sich allmählich, zunächst
unwillig, dann mehr und mehr gleichgültig, erst grüppchenweise
abwendet und schließlich ganz zerstreut. Nur ein paar Kinder
bleiben und drücken sich an den freigewordenen Fensterflächen
herum, sie haben einwärts gekehrte Blicke und bohren sich in den
Nasen.
INTELLIGENZ
»Man hält gewöhnlich für Intelligenz, was in Wirklichkeit nur
fruchtbare und brillante Dummheit ist.« Das schreibt der deutsche
Verlag auf den Schutzumschlag eines der Bücher
Alberto
Savinios, des Bruders von
Giorgio de
Chirico. Man kann
auf andere Weise mitteilen, was man von seinem Autor hält, aber so
geht es auch.
INTERPRETATIO RUSTICA
Die Nachwelt schuldet den Millionen ermordeter Kulaken eine
Interpretatio rustica der
Geschichte. Das ist nicht leichthin gesagt und es erschöpft sich
nicht im obligaten Aufarbeiten dessen, was einmal gewesen ist. Kein
Bauer hat je öffentlich die Schlüsse gezogen, die nötig gewesen
wären, um den bäuerlichen Verlauf der Geschichte zu skizzieren und
gegen die hochfahrenden Pläne der Mächtigen oder zur Macht
Gezogenen aufzurechnen, und sollte es einen gegeben haben, so gab
es selten jemanden, der ihm zugehört hätte. Dennoch klingt die
bäuerliche Stimme klar und vernehmbar durch die Schiffbrüche dessen
herüber, was man einst Weltgeschichte nannte und heute am besten
sprachlich verhüllt. Die Leute bekunden schnell Sympathie mit
entfernten Bauernaufständen. Dabei tritt ihnen ein Lächeln ins
Gesicht, das man aus der Kindererziehung kennt. Auch sah ich es
einst zu Heidelberg, wenn der Neckar über die Ufer trat und die
feinen Karossen den Schnupfen bekamen. Aus Kindern werden Leute,
aus Bauern Agrararbeiter und schließlich Landwirte, das ist der
Lauf der Welt. Dennoch tragen wir diesen Bauern, den es nicht mehr
gibt, in uns, und manch einer trägt ihn sogar in seinem Namen. Gibt
es ihn also oder gibt es ihn nicht? Das ist eine Frage der
Anerkennung, wer darauf pfeift, verliert leicht seinen Einsatz.
IOKASTE
Solange wir den Druck nicht verstanden haben, unter dem Iokaste
sich entleibt, solange bleibt dieses Stück unvollständig – ein
Scherben, an dem man sich ritzt, während man das eine oder andere
zu sehen glaubt, aber die Sonneneinstrahlung ist zu stark und das
Aufblitzen der Ränder entschärft den Blick. Vielleicht ist diese
Figur zu stark für das, was wir zu sagen wünschen und redend
vertagen. Vielleicht sollten wir von anderem reden und uns ihr
hinterrücks nähern. Vielleicht sollten wir einfach anders zu reden
beginnen – wie Leute, die mit einer Sache durch sind und nicht mehr
viel Federlesens zu machen bereit sind. Soll sie doch vor die Hunde
gehen. Wer ist überhaupt diese Iokaste? Menschen, die nicht
aufhören können, gibt es zuhauf. Besitzen sie erst die Mittel,
ihrer Schwäche nachzugehen, bis ans Ende und darüber hinaus, dann
werden sie, ganz richtig, zur Pest. Höre Ödipus, wie sonst nur
Gläubige hörten: du hast die Pest im Haus, du hast sie am Leib, du
hast sie überall, aber du bist sie nicht und du bist nicht ihr
Erzeuger. Ausgelöst hast du sie und ein Hauch davon schlägt dir ins
Gesicht. – Er ist taub, der Gute: ein Tauber. Sich am Haar der
Iokaste schneiden, das ist, das ist ... kein Verhängnis, eher eine
Dummheit.
IONAS
Der kleine Prophet ist ein Prophet wider Willen. Darin liegt seine
Größe. Es schmeckt ihm nicht, wie da einer über sein Leben verfügt,
aber die Hauptsache ist etwas anderes. Er selbst ist ja dieser
andere, der kommt und geht, während er zu bleiben verspricht,
unablässig, als ginge es um nichts anderes. Das Herausreißen liegt
ihm, es liegt in ihm, in diesem unzugänglichen Selbst, dem kein Ich
nachkommt, einer fremden Macht, sehr anonym, sehr beherrschend,
sehr unstet und sehr drängend. Die Truhe, das Haus, das Kind:
lauter Interpretationen, die zugleich Beruhigungen sind,
aufgebrochen, eingeäschert, gemordet oder entführt, das Los
gezinkt, bleibt der Wal. Wer den Wal begreift, begreift auch die
Empörung des Propheten darüber, dass der in ihm angefachte Zorn
sich in den Straßen der großen Stadt Ninive verläuft – spurlos,
sozusagen, auf wechselnden Sohlen. Leider ist dieses Begreifen
nicht zu haben, unter Ausgespieenen versteht es sich von selbst und
die Münder schweigen. Andererseits reden sie ununterbrochen davon,
jedenfalls bleibt es ihrer Rede beigemischt oder unterlegt wie ein
Malgrund, ein
Homomaris-Weiß, ein Wasweißich, so
könnte man es zur Not nennen. Den Tod gewinnen scheint ein
seltsames Los. Auch ist es kein Gewinn, sondern ein Verlust. Darin
liegt der leise Tadel des Blätterfalls. Das letzte Blatt fällt auf
den, der den Schatten liebt. Es könnte ihn bequem erschlagen, aber
so geht es auch.
IRONIEFEST
Die Ironie – gestern zu Gast, heute wieder unterwegs wie eh
und je: was will ich mehr? Ich freue mich, wenn sie kommt, ich
spüre dieses leise Bedauern, wenn sie scheidet, aber ich weiß, dass
ich sie nie ganz vermisse: da liegt sie zwischen zwei Buchdeckeln,
leicht aufzuschlagen, ein Vergnügen, das ich mir gönne, sobald ich
mich seiner erinnere. Erinnere ich mich? Werde ich nicht erinnert?
Aber wovon denn? Da huscht es hin, es ist nicht zu fassen. Das
nicht zu Fassende selbst, welch hoher Besuch. Ironie hingegen
ist fassbar, das Inbild dessen, was nicht zu fassen ist, die
Hostie, der sich alle Häupter entgegen neigen. Alle? Ach Gott...
Beim großen Ironiefest gehen immer einige Gäste mit durch, denen
man ansieht, dass sie sich den Eintritt durch eine schicke
Maskerade erschwindelt haben. Nirgends sind sie so willkommen wie
hier, man erblickt sie auf dem Höhepunkt des Festes zur Rechten des
Gastgebers, er küsst ihnen reihum das Händchen und präsentiert sie
der Menge. Das Wort ›Beifall‹ erinnert an dieses Zeremoniell, die
Anfälligen wissen, worum es geht.
K
KÄSSMANNSCHAFT
Fähigkeit, den Mächtigen zu trotzen und dann wegen einer Lappalie den Rückzug anzutreten.
KAIOPTAITOMON
Angeblich eine im
Traum des Apelles erwähnte
Farbe von rötlichem Blau zum Schaden entehrter Künstler. Die Farbe
soll wohl im attischem Dialekt, etwa wie ›Lokopaitomon‹, ›Getränk
der Blinden‹ bedeuten und zur feierlichen Vergiftung geblendeter
Maler bestimmt gewesen sein, denen das Geld für eine Vergoldung
ihrer Maltafeln fehlte, was im alten Athen einer bösen Vorbedeutung
für den Auftraggeber gleichkam. Ebenso zögerte man zu den Zeiten
der schlimmen Tyrannen keinen
Augenblick, einen Maler zu töten, zu
blenden oder zu verbannen, wenn er das hohe Versprechen, das Wort
›Römer‹ niemals – selbst nicht wegen der kostbaren
Roma-Büttenpapiere – in den Mund zu nehmen, brach. Nur den Ort
Fabriano erlaubte man gnädigst. Hinzu kommt, dass der Maler in
Zeiten hoher Tabus jedem Auftraggeber versprechen musste, im Namen
einer neuen
Venus animalis
Purpur und derbes Gold aufzulegen. Wenn ihm dies aber durch
Genialität und Anspruch, gelegentlich wohl auch aus Not, nicht
möglich war, verstieß ihn der Zeitgeist und man zog aus der Reihe
gierig wartender Dilettanten einen genügend maskierten Lumpen zur
weiteren Übernahme des Werkes ans Licht. Dies gehört, im Gegensatz
zur falsch verdächtigten Knabenliebe, zum wahren Untergang
Griechenlands. Erst die Kultur, dann das Land. Es gab zuviel Mist.
Man merke sich das.
Aber es gibt auch eine andere Version der Bedeutung dieser
geheimnisvollen Farbe. Der im Traum sprechende Daimon wiederholte
mehrfach das Wort ›Thanatos‹ und warf verfaulte Strohhalme in ein
bläuliches Feuer. Dabei steht fest, dass kein irdisches Wesen Stroh
zu Gold spinnen kann und auch in Athen die Maler nur irdische Wesen
waren, wenngleich »von erhabenen Bärten und Locken köstlich
umwallt«. So entstand aus Frechheit der Dilettanten bereits zu
dieser Zeit ein Regietheater auf allen Ebenen der
Kunst. Hätte es eine malbare
Gegenmacht mit brauchbaren Farben gegeben, so würden sich die
Künstler wohl schon damals zur Wehr gesetzt haben. Aber die
Sykophanten waren in der Überzahl und eine echte Farbe des
magischen Kampfes ließ sich heimlich weder auf der Agora noch
jenseits davon anreiben, geschweige denn mischen und öffentlich
vermalen. Die Spitzel lauerten überall. Erst heute, im
Schattenreich des Intrumentariums der Netzstricker, entsteht zum
Schutz der wenigen vergoldungsunfähig gebliebenen Künstler, im
Zeitstrom des
Alphazet, ein
neuer Stiftungsaltar aus flimmernden Worten. Auf ihm wird die von
aller Bosheit gegen die wahren Künstler geläuterte Farbe
Kaioptaitomon als Gegenmittel zum Dilettantismus angerieben und
wortwörtlich unter die Speisen der Sprache gemischt. Auf der
Gebrauchsanweisung zur Nutzung des Stiftungsaltars heißt es: »Das
neue, das wahre Kaioptaitomon entsteht im Zeitstrom des Alphazet
unter dem Druck gesetzlich beförderter Barbarei, der man die Worte
erneuern und färben muss.« - PM
KALABRESER
Hüte als Heilsbedeckungen, lange nach der übergeordneten Bedeutung
der Auren, sind Gegenstände der hohen Selbstschätzung des
aufragenden Menschen. Immer wieder versänke der Kopf in Wirrnis,
Wolken und Nebeln, nicht nur der Natur, wenn nicht, wie Osram
gesagt hat, durch den Lampenschirm eines Hutes im Prozess
zerstörerischer Erleuchtungen, besonders bei Künstlern, eine
schlichte aber wirksame Grenze gegen den Wahnsinn gezogen
würde.
So wird ja bekanntlich der leider nicht oft genug erleuchtete Kopf
im Volksmund, nicht ohne Bezug zu Elektrizität und Inspiration, am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts abfällig als Birne bezeichnet. Er
ist eines besonderen, fast zärtlichen Schutzes bedürftig und gerade
der Name des Filzes, seit der Zeit des Herzogs Montefeltro von
Urbino, der, seinem Namen entsprechend, bedeutende Filzmühlen
gestiftet hat, wurde durch diesen bedeutenden Adelsnamen enorm
gesteigert. Er gilt bis heute als milder, weicher und
wetterbeständiger Stoff für alle Arten von ›Hauben des Hauptes‹.
Nur die Hutränder wechseln im Spiel der Kulturen, aber keineswegs
bloß auf Grund oberflächlicher Moden.
In früher Zeit waren die Hauben oft eng.
Mitellae nannte man sie in Rom. Es
waren haubenförmige Kopfbinden mit Backenklappen, die unter dem
Kinn mit dem
stringentis
zusammengebunden wurden. Man findet sie noch bei Dante als
carum caput, als ›theures
Haupt‹, den Kopf als Schatulle umspannend.
Dass die viel zeitlosere goldene Aura keinen äußeren Schutz bot,
liegt auf der Hand, sie ist aber auch aus Prunksucht niemals
allgemein tragbar gewesen, weil sie als christliches Original wohl
immer nur spirituell erkennbar zu bleiben hatte. Wobei man von dem
gescheiterten Unterfangen französischer Surrealisten absehen muss,
die sie als vergoldete, tafelförmige Kopfbedeckung in Paris unter
Künstlern einführen wollten. Chadron de Mitré, ein Freund Bretons,
trug sie nur in öffentlichen Badeanstalten für Männer, allerdings
noch zur Zeit der deutschen Besatzung, wie Villipere Placaton dem
nachmaligen Antiquitätenhändler Max Valentiner versichert
hat.
Übrigens sind ja auch schon die Kronen, als flache Auren tief in
die Stirne gedrückt, nach 1789 nur selten zur Mode geworden und vom
Kopfputz des Satanismus muss man nicht reden, da er bis heute
grundsätzlich nur den Haaren gegolten hat. Rote, zuckerverklebte
Stacheln, grasgüne Wellen, hochstehende Bündel sind keine Hüte,
sondern Kopien höllischer Überlieferung.
Ganz anders der Kalabreser, ihm war es gelungen, zur breitrandigen
Kopfbedeckung der Künster des neunzehnten Jahrhunderts zu werden.
Bei Toulouse-Lautrec, über dem Radmantel getragen, vervollständigt
er die Rückenansicht eines fliehenden Künstlers, vielleicht aus
einem Bordell, in dem ihm das Unheil kulturfreier Zeiten begegnet
sein mag. Bis heute ist dieser Gedanke insofern prophetisch, als
der inzwischen eng verschnittene Hut, mit knappem Rand, der
Beschränkung von Köpfen entspricht, die ihn bei jedem Auftritt in
der Öffentlichkeit als Requisit ihrers Angriffs auf offene Türen
benutzen. Entsprechend solchen Umständen wurde, nun umgekehrt, der
Kalabreser zum Bühnenschlapphut erniedrigt, der, wie die
Sonnenbrille auf deutschen Bühnen, zur Halbuniform einer in
verwilderten Irrenanstalten wütenden Geheimpolizei gehört.
Allein dem Kalabreser kann nachgesagt werden, er sei schon viel
früher zum letzten Schattenbegleiter der Künstler geworden. Auf
Amphoren gehört er den trauernden Schatten der Unterwelt an, die
auf Felsen hockend den Charonsnachen erwarten, nicht viel anders
als die französischen Damen die Barke, die sie zur Fahrt nach der
Insel Cythere bringen soll. Auch sie haben uns in kunstvoll
gerafften Roben, nicht grundlos, fast alle den Rücken zugekehrt. -
PM
KALAUER
Man darf den Kalauer nicht fürchten, er ist ein treuer Freund und fast immer zur Hand, wenn man ihn braucht. Leute, die keine Kalauer mögen, mögen auch anderes nicht, z.B. Erbsen, es bringt sie um den Verstand, wenn sie daran denken, wie viele Menschen täglich mit Erbsen traktiert werden; sie persönlich bevorzugen Blutwurst. Sind Kalauer billig? Wie kann einer das wissen, der keine Ahnung davon besitzt, dass es auch hier Börsen gibt, mit unterschiedlichen Notierungen, mit dem üblichen Auf und Ab, mit Überraschungscoups und Börsengängen, die von allen gefeiert werden, die sich hier ihre Heiterkeit verdienen. Nur eins mögen Kalauer nicht: die ordnende Hand.
KAMPF
Man muss gegen das Lächerliche den Kampf aufnehmen, auch wenn es
allmächtig erscheint und das Unterfangen in jeder Hinsicht
aussichtslos wirkt. Aus dem Lächerlichen entsteht das Ärgerliche,
aus dem Ärgerlichen das Furchtbare – früher oder später, durch
plötzliche Zufälle vermittelt oder durch den langsamen,
schleichenden Gang der Dinge. Komischerweise – es ist nicht die
einzige Komik dabei, aber vielleicht die seltsamste –
komischerweise erweckt das Lächerliche den Eindruck, die Zukunft
für sich zu haben. Ihm eignet dieser unwiderstehlichen Zug,
gestützt auf lauter Notwendigkeiten. Dabei scheint es bequem
fortzublasen: es liegt so leicht auf und die Menschen lachen, wenn
man darauf zeigt.
KARMA
Das ist die
übernatürliche Erbfolge von Glück und Unheil im Seelenzustand bis
über den Tod hinaus. Ihre furchtbare Gerechtigkeit zertrümmert
sowohl die hochfahrenden Pläne der Gerechten wie den Glauben
hoffnungsvoller Tyrannen in neuerer Zeit. Ja, selbst die Schicksale
einfacher Gegenstände wie Hämmer und Zangen, Sägen, selbst die
giftigen Speisen, die einst auf andere gute Speisen verderblich
gewirkt haben, unterliegen diesem Gesetz. Denn ohne Zweifel gibt es
auch die hilfreichen Zangen, die hilfreichen Nägel, die guten
Speisen, die einst voller Mitleid den schlechten Speisen geholfen
haben. Man denke an die Leinwandnägel der Bilder Poussins, an
Rembrandts Gemälde und Tizians Keilrahmen. Und sollte man hier
nicht glauben, sie stünden in einem unendlichen Gegensatz zu denen
am Kreuze Christi?
Denn die Wirkweise Karmas ist übermächtig und kennt keine Grenzen,
weder vor den Werken der
Kunst noch der großen Natur. Auch
Meere, Wälder und Flüsse unterliegen der Erbfolge dieser Allmacht.
»Denn alles hat seine Freiwilligkeit« sagt
Homomaris der Deuter, »und ist
somit den Folgen unterworfen.«
Szenen auf Bildern, die gehobene Faust des Kain, der Versuch eines
Dolchstoßes auf Tizians
Tarquinius und Lucretia, alles hat
nicht nur über die Netzhaut jedes Betrachters, sondern im Bilde
selbst seine Folgen. Je sensibler der Restaurator, um so genauer
kennt er die Ursachen des Zerfalls eines Bildes. Rudolph II.
hinterließ durch Kuhlgräbers Notizen über zweihundertfünfzig innere
Ursachen des Zerfalls der Bilder »durch sich selbst«. Warum wohl
sonst sterben Wälder und trocknen die Meere aus? So Ochsen wie
Himmelskörper sind diesem Gesetz unterworfen. Aber gewaltiger noch:
der Himmel und seine Götter bewegen dieses Gesetz, stoßen es an,
sind ihm unterworfen. Der Tod Gottes ist das furchtbarste
Beispiel.
Die wenigen Folgenforscher wie Max von Englschall, Brotgerber oder
der große Engermann haben zumeist vergeblich die Ketten solcher
allmächtigen Anstöße zu deuten versucht. Brotgerber, der Gottes
Untergang an die Genesis-Homomaris zu binden sucht, weil allein
deren Beschreibung weder ein Vorwärts noch ein Rückwärts kennt,
scheitert bereits ein halbes Jahr später an den Erbsensuppen des
deutschen Miltärs contra russischen Kaviar, völlig hilflos und fast
verzweifelt. - PM
KARRIERE
Man hört sie wohl, die gerupften Gänse des Kapitols, doch da
niemand sie sieht, ahnt man die üble Vorbedeutung, ohne sie zu
erkennen. Seit die Europäer sich das lose Maul per ›Karriere‹
verbieten, ist ihr Gedankenreichtum auf ein überschaubares Maß
zurückgegangen. Was auffällt, ist die Masse an Einfällen, die sich
von selbst erledigen, sobald jemand sich um sie kümmert, was nur
selten geschieht. Da gehen die jungen Menschen hin – die alten, das
beiseite, desgleichen – und haben es eilig, sie haben es so
ungeheuer eilig, dass es sie bei keiner Sache hält, denn sie wollen
durch sein, wenn es sie trifft, und treffen muss es sie: Erwählung
ist keine kleine Sache in einer Welt, in der die Erwählten sich
gegenseitig auf die Hacken treten und einander den Ton abdrehen, um
nicht die Gurgel suchen zu müssen. ›Zu den Sachen‹ – das klingt,
das riecht nach Entfremdung, wenn man ›Menschen mag‹, wenn man
Botschafter werden möchte und schon einstweilen den Sekt kalt
stellt. Diese groteske Botschaft des irgendwie grotesken, irgendwie
befreiten, irgendwie leeren und irgendwie illusionären Kraft-Ich,
das nichts weiter als Seife und Duschstrahl braucht, um seinen
täglichen Schweiß abzunehmen, eingewickelt in ein Kack-Wort aus
einer Kack-Welt... wir wollen nicht fragen, ob sie die richtige
sei, denn das kann nicht sein, das darf nicht sein, das müssten wir
wissen... Wissen? Durch die Hecken, da geht es doppelt so gut. Gut
zu wissen, dass nichts dazu kommt, außer, einer trägt auf, da muss
man die Aufträge annehmen, wie sie hereinkommen. Fette
Auftragsbücher, daran erstickt keiner, daran kann man sich
abarbeiten, lebenslänglich und darüber hinaus.
Gutes Wissen für gutes Geld: das muss
irgendein Pakt sein, den die erwachsene Gesellschaft ihren Gliedern
anträgt. Aber wer nur Gutes weiß, was weiß der schon? Nichts
Besonderes, könnte man meinen, falls Meinen hier in Betracht käme.
Man erforscht die Produktion von Wissen, wie man die Produktion von
Gülle erforscht – mit zugehaltenen Nasen und einer durch Ekel
gesteigerten Lust an dem, was da auf einen zukommt.
KASUISTIK
Diese sorgfältig konstruierten Fälle, diese akribischen Tüfteleien,
das Auf-Messers-Schneide-Wägen, das Um-die-Entscheidungen-Wissen,
diese jahrtausendlange Arbeit der Moralisten, das
Auf-den-Stand-Bringen eines Gesprächs, das ohne Anfang scheint und
unaufhörlich die Gemüter fortreißt, Illustriertengeschichten und
Bettlektüren – währenddessen gehen die Metzeleien ihren Gang,
entzücken imperiale Gebärden die verschwiegenen Herzen der
Friedfertigen, gehört Genozid zur Statistik. Realität und Moral
spielen, wie allgemein bekannt, in verschiedenen Räumen.
Schuldphantasien, das Sich-Hineinträumen in die großen
Entscheidungen der Vergangenheit, das imaginäre Soll und Haben der
Menschheit berührt Moralisten weit stärker als die
Zwangsläufigkeiten ihres unausweichlichen Tuns. Leicht, nahezu ohne
Bodenhaftung, erfechten sie ihre Siege, verzeichnen sie ihre
Niederlagen. In welcher Handlung geht ihre Gleichung auf? Gibt es
Anhaltspunkte, um sich zu orientieren? Der Zyniker nebenan weiß es
besser, kann es aber nicht äußern. Und das ist auch nicht schlecht.
KATEGORIENSCHWUND
Nach einem soliden Saufabend in der Provinz lässt sich beobachten,
was jeder weiß: auch Kategorien unterliegen der Artenwahl. Manche
setzen sich durch und dominieren den Sex, währenddessen andere ab- und
ausfallen und verheerende Rätselschneisen in die Wahrnehmung
fräsen. Zu den notorischen Säufern zählt auch die Öffentlichkeit,
der heute diese, morgen jene Kategorie abhanden kommt, ohne dass
sie sich das anders erklären könnte als durch einen Lernprozess.
Dinge, die gestern noch mit Leichtigkeit zu verstehen waren, liegen
ihr heute schwer im Magen und erfordern diätetische Maßnahmen, vor
denen einem im Privatleben graust, aber sie geht darüber mit
Leichtigkeit weg und erklärt sie für ›unverzichtbar‹. Das Wort
lässt sich bequem als Anzeige eines eingetretenen
Kategorienschwunds lesen. Wann immer etwas unversehens als
unverzichtbar gilt, kann man fast sicher sein, es handelt sich um eine
Zumutung für den Verstand. Er soll beschäftigt werden,
damit er den Verlust an Mitteln nicht bemerkt oder wenigstens nicht
dazu kommt, sich zu beklagen. Ach was,
stolz soll er sein auf die
kolossalen Aufgaben, die seiner warten, und Stein und Bein
schwören, dass er endlich ›an den richtigen Fragen‹ arbeitet,
während ihm die Zauberfee sanft über den Scheitel fährt und ihn
unbemerkt an den Busen drückt, dass ihm Hören und Sehen vergeht. So
sah man einst biedere Literaturwissenschaftler in die
black box des
öffentlichen Bewusstseins hineinwandeln und grimmige
Universalgrammatiker wieder herauskommen. Seit die Genforschung
boomt, gehen viele gern über Leichen und behaupten, es sei die
Evolution, die sie zu solchem Tun animiert. Warum nicht?
Das Frausein zum Beispiel will mittels einfacher
Versuchsanordnungen gelernt sein, während es sich im Privatleben
ungerührt fortschreibt, so dünkt sich jeder der öffentlichen Rede
überlegen und lernt, sie durch zweckmäßige Anwendung auszubeuten,
nach einem Motto, das man einst im Badischen auf einer
Elternversammlung vernahm: »Gelle, des kenne mer aa!« Sie können es,
sie können es.
KATOPTROMANTIE
Weissagung aus Spiegelbildern, eine in unseren Breiten seit dem
Ende des letzten Krieges mit ungeheurer Leidenschaft Woche für
Woche ausgeübte Form der weißen Magie, die zum Teil recht paradoxe
Ergebnisse zeitigt – nicht immer zum Wohle ihrer Betreiber. Für
Gesprächsstoff ist in jedem Falle gesorgt. In heißen Zeiten
erzeugte diese Form der Weltverspiegelung bereits Klimawandel, die
es in sich hatten und dem von 2007 in nichts nachstanden.
War der Spiegel schon immer ein Gerät mit reflektierender
Oberfläche, das der Selbstschau diente, so gilt die ruhige
Wasseroberfläche als ältester Spiegel. Ein erster Fall von
Katoptromantie findet sich in der griechischen Sage. Narziss
erblickt sich selbst in einer Quelle, verliebt sich in sein
Spiegelbild und wird darüber in die nach ihm benannte Blume
verwandelt.
Spiegel sollen – wie andere eng mit ihm verbundene Gegenstände –
Charaktereigenschaften ihres Besitzers aufnehmen und sie bei
Wechsel des Besitzers auf den Nachfolger übertragen. Agrippa von
Nettesheim schrieb dazu: »Man sagt, dass Personen, welche das Kleid
oder Hemd einer Hure anziehen oder den Spiegel, in dem sie sich
täglich beschaute, bei sich tragen, frech, furchtlos, unverschämt
und unzüchtig werden.« Demgegenüber ist anzunehmen, dass es sich
bei der Form der Katoptromantie, die heutzutage praktiziert wird,
eher um eine Art frei flottierender, zu Zwecken der
Volksaufklärung magisch verbrämter Nabelschau handelt.
Alle Versuche der Obrigkeit, sich des Phänomens zu entledigen,
sind kläglich gescheitert. So hat die Regierung der
Volksrepublik Greisenau auf ihrer vorerst letzten gemeinsamen
Sitzung endgültig beschlossen, die Katoptromantie für ihre Zwecke
zu nutzen. Ähnliche Versuche kennt die Forschung bisher nur von der
altrömischen Augurenschau. Von daher ist man gespannt auf die
Ergebnisse einer Feldstudie über die gesellschaftlichen
Auswirkungen dieser Entscheidung, die 2011 zum Abschluss kommen
soll, zumal in den letzten Jahren im öffentlich-rechtlichen Bereich
eine Reihe von Änderungen und Entscheidungen zu verzeichnen waren,
die im Ganzen eher als Rückkehr zu Adam und Eva zu bewerten
sind. – Frage eines bayerischen Abgeordneten: »Habt’s ös jetzt a
aan Spiegel?« - AC
KATZENALTAR
Wem, bitte, genügt schon, was er hier sieht? Nicht jedem, das kann
gar nicht anders sein. Die Katze hingegen, dem Allerheiligsten
gegenüber, kennt keine Scheu und sie scheut kein Genügen. Sie
sieht, was sie sieht, und es genügt ihr. Daher lässt ihr Anblick
die Tränen im Entstehen trocknen, die er hervorruft. »Wie süß«,
rufen Menschen aus, denen es graut. Das süße Grauen stolziert über
Tisch und Bänke oder zwischen ihnen hindurch, als kenne es den
Unterschied, sei aber nicht gewillt, ihn zu respektieren. ›Für ein
Linsengericht‹, könnte es den Menschen, den Denker von Lichtel
zitierend, zurufen, ›für ein Linsengericht habt ihr dieses Vorrecht
aufgegeben. Nun seht, wie ihr zurechtkommt.‹ Das erklärt manches,
darunter den Aberglauben, Katzen seien stolz. Nichts liegt ihnen
ferner. Wer das Stolzieren beherrscht, lässt sich von keinem Stolz
beherrschen. Der Stolz liegt den Menschen schwer auf, so dass viele
versuchen, unter ihm durchzuschlüpfen – ein vergebliches
Unterfangen, wie jeder weiß. Die Katze hingegen, im Entweichen
geübt, scheint immer gerade dem Tabernakel zu entsteigen, das
hinter ihr zuklappt wie ein ausgelesenes Buch. Da steht sie, ein
Bewusstseinstier, man könnte ihr Hörner andichten und sie, die
ernste, würde sie fortlächeln durch Gegenwart. ›DB‹ lauten ihre
Initialen –
DU BIST.
KEHRICHTBESEN
Ich habe mein Wort gesagt und erinnerungslos gehe ich darüber weg.
Heißt das: immer wieder leben? Oder: den Tod versäumt haben? Oder:
einer Täuschung erlegen sein? Oder: noch nicht
durch sein? Vor welchen Instanzen?
Kann es hier Instanzen geben? Sprechen sie von jenseits des Stroms
oder sind sie ein Echo des Geräusches, das ich bin, ohne es zu
bemerken? Das Totengericht inmitten von Zimmerpflanzen, bei
laufendem Geschirrspüler wirkt fremdartig, unwirklich, komisch. Es
erscheint den Leuten ›kafkaesk‹. Das Kafkaeske ist der
Kehrichtbesen der Munteren, er putzt jede ernsthafte Erwägung weg.
KERNDIENER
Niemanden in Europa schreckt die jahrhundertelange fromme
Überformung des antiken Weltwissens, niemanden dessen Verwandlung
in etwas anderes nach seiner triumphalen Wiedereinführung,
niemanden das Versinken des ›christlichen Weltbildes‹ in den
Strudeln einer Begrifflichkeit, die, zwischen ein paar stabile
Henkel gefasst, eine Dauer genießt, die konstant gegen Null
tendiert, aber durch die Trägheit der gesellschaftlichen Akteure
eine Art Nachleben zu Lebzeiten führt: Hülsen nachgeschleifter
Ideen, die im voraus jedem halbwegs aktuellen Gedanken ein feuchtes
Grab im gutmütigen oder beißenden Spott der Nachgeborenen
versprechen. Niemanden schreckt dergleichen, weil die Alternative
dazu nicht sichtbar ist. Nicht wenige wären über Nacht bereit, sie
zu ergreifen, aber der Griff ginge ins Leere. Stattdessen wissen
wir notorisch Bescheid, wissen, was wir ›vom Menschen‹ zu halten
haben (nichts), von der Gesellschaft (alles), vom Körper (das
meiste). Wenn wir zum Therapeuten gehen, dann weiß auch er
Bescheid. Er hat seine Theorien gelernt und benützt ihre Begriffe,
wobei er durch die Finger sieht oder blinzelt: erst das Blinzeln
erlaubt ihm den Abgleich. Er ist stolz darauf und nennt es
Erfahrung oder Intuition, aber es ist nichts weiter als
Gutmütigkeit: gutmütig lässt er die Begriffe gelten und den
Patienten, nebeneinander, durcheinander, außer einander und
miteinander. Nicht anders der Student, der dem Professor die Wörter
vom Mund abliest und bereits andere formt, den Widerspruch formt,
bevor ein einziger Grund sichtbar geworden wäre, der es ihm in der
Sache geböte.
Geht doch –
das gilt, weil es gilt, weil die Geltung nicht an der Richtigkeit
einer Sache hängt, sondern an der Art von Beharrungsvermögen, die
unter Menschen Erfolg genannt wird. Der Aufforderung ›Mach dich
nicht lächerlich‹ ist die Lächerlichkeit eingebrannt, sie enthält
den Wunsch, der andere möge das Lächerliche aus sich heraussetzen,
aber nicht jetzt, nicht hier, nicht unter uns. »Warte, bis ich die
Tür hinter mir geschlossen habe, dann hast du frei, dann darfst du
tun, was du nicht lassen kannst.« Unverständlich werden Theorien,
sobald der Erfolg sie verlassen hat, sobald ihre Leichen den
Hermeneuten anheimfallen, welche die Frage, warum just diese hier
oder jene dort so lange geglaubt wurden, niemals schlüssig
beantworten können, weil sie schon zu ihrem Kern nicht mehr
vorstoßen können. Jeder gesichtete Kern ist ein anderer, das
verbindet ihn mit dem Ich der Verbrecher und der Poeten. Seine
traurigen Tänze vor versammelter Kennerschaft erinnern entfernt an
– ja was? Kerndiener, seid wachsam, ihr werdet gebraucht! Es macht
nichts, wenn euch die Systemdiener gegenwärtig den Rang ablaufen,
ihr kommt wieder, daran besteht kein ernsthafter Zweifel.
KERNSCHMELZE
Die Kernschmelze beginnt in den Gehirnen und breitet sich von dort fächerförmig aus. Fragt man die Leute: »Wollt ihr den totalen GAU?«, dann zeigen sie sich interessiert, schließlich wäre es einmal etwas Neues und so schlimm wird es schon nicht kommen. Sie reagieren also, wie Menschen so reagieren, teils-teils, das Restrisiko kennen sie und die Mehrzahl nimmt es billigend in Kauf, weil sie weiß, dass es im Ernstfall den anderen trifft, man selbst wird es schon zu vermeiden wissen. Das Leben ist risikobehaftet und wenn man dem Risiko eine angenehme Seite abgewinnen kann, dann hat man ihm ein Schnippchen geschlagen. Das ist nichts Geringes, verglichen mit den endlosen Möglichkeiten des Darbens und Frierens, des Abgehängt- und Verlorenseins. Der Mensch braucht eine Perspektive und die treibt ihn an die Spitze des Zuges. Wenn endlich die Bilder vom Unglück der anderen eintreffen, dann reagieren die Gehirne menschlich, das heißt, sie wollen nicht, dass sie selbst so etwas trifft, sie wollen es
um keinen Preis. Diese Phrase hat etwas, das selbst in der Katastrophe erheitert, weil es besagt, dass sie, schreckverloren, wie sie nun einmal sind,
gar keinen Preis zu zahlen bereit sind, weder diesen noch jenen, geschweige denn alle beide. Führer aus der Not, Anführer der Verwirrten oder Filou der Stunde ist gerade der, der ihnen versichert, dass das Abschalten folgenlos bleibt.
Aber das wäre ja... Wer zum Teufel hat uns da hineingeritten, wenn ein Fingerschnipsen genügt und der Spuk ist vorbei? Warum schnipst denn keiner? Warum versteinern ringsum die Gesichter, wenn die Hand zum Ausschalter tastet? Warum trägt das Eigeninteresse so unbeeindruckte Züge, wenn es in Gestalt des Anderen entgegentritt? Ein Glück, dass es wenigstens in den Medien wütet und stürmt.
KINDER DER SCHAM
»Kinder, schämt ihr euch nicht?« Nein, sie schämen sich nicht, die lieben Kleinen, und sollten sie wider Erwarten sich einmal schämen, dann kichern sie dazu töricht und finden sich Spitze. Wider Erwarten? So sollte das Wort nichts gelten? Das Wort, auf das alles ankommt? Wer besitzt so wenig Schamgefühl, mit Wörtern zu spielen, die doch das Wichtigste ausdrücken sollen? Wer tunkt sie in den Putzeimer, in dem diese schmutzige Brühe steht?
KINDERLADEN
Die Männer sind gut beraten, sich ihrer Kinder ein für alle Mal zu
entschlagen, sobald die Mütter illoyal werden. Das sind die neuen
Gegebenheiten, die so neu nicht sind, aber von denen, die sie
zuerst betrafen, systematisch verschwiegen wurden – Stoff für
Therapeuten und Richter, die die Misere seit langem kennen und als
individuelles Elend verwalten. Nichts daran ist individuell als die
Umstände; alles andere ist dem Krieg gegen die Väter geschuldet,
der vor vierzig Jahren entfesselt wurde und in den Kindern noch
längst nicht zu Ende gegangen ist. Es wird immer nachgelegt.
Wortführer nennen es Zukunftsfähigkeit und das blanke Gegenteil
wächst heran: eine neue Generation ›Geschädigter‹, die ihre
Obsessionen weiter tragen wird. – Was sind das für Menschen, die
ungerührt das Elend der anderen verdoppeln? Öffentliche Heuchler,
ideologische Hochstapler und Klinkenputzer vergangener Schrecken,
die glauben, privat davonzukommen. Ein Irrglauben, so recht
geschaffen für die Kirche der Hartköpfigen und Hartherzigen, deren
Gehirn nicht mehr als einen Gedanken zu fassen vermag. Dieser,
durch einen historischen Zufall in sie hineingeraten, hat
Prägestempel aus ihnen gemacht: ungestalt selbst, ungenießbar für
die Erfahrung, die sich früh abwandte.
KINDIDOLATRIE
gewöhnlich um die Lebensmitte herum einsetzend, galoppierende
Spätfolge eines betont asymmetrischen Kindschaftsverhältnisses
(unglaublich, dieses Wort), in dem die Mutter alles, der Vater
nichts oder weniger als nichts ist, das Negativ, die Folie, vor der
alles ins Positive geredet und gewendet wird, was so geht oder gar
nicht geht oder längst daneben gegangen ist. Übrigens nicht auf
Väter und ihren irren Spät-Stolz auf die Töchter beschränkt.
Weniger bemerkt, aber nicht weniger aufschlussreich die Neigung von
Frauen, sich ein zweites Mal an ihre Kinder zu verlieren, die
erwachsenen Kinder erneut auszutragen. Dazu gehört nicht besonders
viel, es reicht doch, die Welt erneut in eine Innenwelt zu
verwandeln, sich als schützenden Mantel zwischen die jungen oder
nicht mehr jungen Leute und das zu stellen, was andere Generationen
›existentielle Erfahrungen‹ nannten. Schwer zu entscheiden, wer da
wem etwas antut und wo die Entgleisung beginnt, schließlich weiß
niemand, wohin die Reise geht. Ein inverser Generationenkonflikt
tut sich hier auf; die ältere Generation kämpft ihn mit sich selbst
aus, bis zur bitteren Neige, und bittet die Kinder inständig, sich
da herauszuhalten, die Opferrolle nicht aufzugeben, in der man sie
nun einmal sieht und
behalten möchte – um jeden Preis, auf
absehbare Zeit oder Unzeit.
KINDSCHAFT
Ich habe ein Kind, verstehen Sie,
ich habe ein Kind, das klingt ziemlich
possessiv, ganz schlecht, besser hätte ich für ein Bankkonto sorgen
müssen, für unzweifelhaften Besitz. Aber das ist nicht richtig,
denn ich habe zwei Beine, zweifellos auch ein Possessivverhältnis,
doch auch eine – Leibeigenschaft, wäre das Wort genehm? Also eine
Leibeigenschaft. Ganz so weit möchte ich doch nicht gehen, sobald
es sich um eine Grippe oder den Grauen Star handelt, das wäre auch
ein Possessivverhältnis, aber ein abstoßendes, jedenfalls wäre ich
die beiden gern los, was nicht so einfach ist, sie benehmen sich
wie eine Verwandtschaft, die nicht weiß, wann es Zeit ist zu gehen
etc. Nun, ich habe ein Kind, das nicht weiß... aber was? Man hat es
mir abspenstig gemacht, so heißt das, man hat es, in täglicher
zäher Kleinarbeit, darauf dressiert, keinen Vater zu haben, was ist
daran merkwürdig? Aber ja, ich kann es Ihnen sagen: Vordergründig
arbeitet da diese Person, zu der ich einmal eine Beziehung hatte,
vordergründig arbeitet da immer eine Person, es gibt viele solcher
Personen, zu viele, denn hinter ihnen steht etwas, das Druck macht,
etwas, das manche Leute Gesellschaft nennen,
die Gesellschaft, so wie man sagt:
der Oberförster, und alles
ist geklärt. Die Gesellschaft also stünde hinter jener
Entfremdungsarbeit, dieser Entfernungsarbeit, da ist etwas dran,
sie redet leise, sie redet laut, sie redet in eine Richtung, das
ist es: Sie redet durcheinander, aber in eine Richtung. Mag sein,
ich täusche mich und das alles ist längst vergangen. Manchmal höre
ich die Stimme meines Kindes, aber wie aus weiter Ferne, dann
steckt es sich wieder, denn es ist fast schon erwachsen, den Knebel
in den Mund und die gewohnte Sprachlosigkeit beherrscht das Feld.
Beherrscht das Feld. Manche sprechen da von Therapie. Aber wie
therapieren, wenn es um Übergriffe geht, um wirkliche, nicht
endende Übergriffe? Wenn sie doch aufhörte, diese Gesellschaft.
Vielleicht ist sie ja längst nach Hause gegangen, vielleicht sitzt
in dieser Maschine, die auf unseren Feldern fortrattert, einem
Traktor nicht unähnlich, nur noch ein Automat, programmiert von
Leuten, die ruhig im Altenheim sitzen und Gott Alzheimer eine Socke
weihen.
KING
OF FLOP
Gehen Sie, nein, gehen Sie nicht, wer weiß, wo Sie in diesem
Zustand sonst ankommen, ungestraft tut das keiner, wenigstens auf
längere Zeit. Also hören Sie, ich bin Ihr Beichtvater, ich könnte
Ihnen Ihre Sünden erlassen, sie bräuchten sie mir nicht einmal
anvertrauen, ich bin über Sie im Bilde. Woher ich das weiß? Fragen
Sie mich lieber, warum ich mit Ihnen rede. Gehen Sie, auch diese
Frage sei Ihnen erlassen, ich erkläre es Ihnen später. Wir beide,
Sie und ich, sind aus demselben Stoff, ja? Wir beide also... Ich
möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, obwohl... Ich fürchte... Was
fürchten Sie denn? Nur heraus mit der Sprache. Doch nicht etwa...?
Genau das? Sehen Sie, ich bin nicht gekommen, um Ihre Befürchtungen
zu zerstreuen, das gerade nicht, und wie es sich nun anhört,
scheinen Sie ja... Habe ich Sie falsch verstanden? Habe ich Sie
falsch verstanden? Nun, ab jetzt sollten wir uns richtig verstehen,
bevor ich Sie wieder hinausschicke, denn verstehen Sie, die
Situation kann nicht ewig so weiter gehen, sie muss doch einmal zu
einem Ende kommen. Alles hat einmal ein Ende, sagen Sie? Das ist
einer von diesen Sprüchen, die mich ärgern, soweit ich zurückdenken
kann. Wenn ich so etwas sage, geht das in Ordnung, es gehört zu
meinen Berufspflichten. Bei Ihnen ist es eine überschießende
Bemerkung, die Sie disqualifiziert. Merken Sie nicht, dass Sie sich
disqualifizieren? Nein? Sie merken nichts? Auch gut, das trage ich
mir ein. Dafür benutze ich eine Kladde. Was mir das einträgt? Was
mir das einträgt? Das fragen Sie? Gut, fragen Sie. Sie haben ein
Recht, also fragen Sie. Aber lassen Sie sich nicht zuviel Zeit, es
könnte sein, dass wir in den Regen kommen. Wie ich das wieder
meine? Ganz einfach. Vergessen Sie also den Regen, es wird Ihnen
ohnehin nichts nützen, ich sehe erst jetzt, dass Sie völlig
durchnässt sind. Wie konnte das geschehen? Völlig durchnässt! An
einem solchen Tag. Sind Sie eigentlich bei Trost? Nein? Deshalb...
der Aufwand hier? Den hätten Sie sich schenken können, ich warne
meine Klientel immer, bei mir gibt es nichts zu holen, Sie müssen
schon alles mitbringen. Habe ich etwa einen Bauchladen? Eigentlich
müssen Sie mehr mitbringen, das ist ein Geheimnis, das ich für
gewöhnlich aufhebe. Da, ich schenke es Ihnen.
KITSCH
Der einzige Zustand, in welchem sich göttliche Wesen anrufbar und
in der Süße beschaulicher Zuckerwolken erhalten haben, ist der
Kitsch. Besonders die Geduld der Venus in Mode und Parfümerie, aber
auch die Milde der anderen Götter, erlaubt diesen letzten und
echten Ausdruck der Religiosität, seit sich die
Kunst, in Unterwerfung unter die große
Vernunft, zur reinen Wahrheit der Photographie entschlossen hat.
Dieser üble Zustand vertritt die Härte der gnadenlosen
Selbstbespiegelung, die zunächst den Teufel als unbekanntes Wesen
zum Teufel gejagt hat, um dann ahnungslos zum schlechteren Teufel
zu werden.
Es darf in diesem Zusammenhang gesagt werden, daß die
Pietà Michelangelos, angesichts der
zahllosen Unfälle der Menschheit, niemals auch nur eine einzige
Träne vergossen hat, und selbst wenn es geschehen wäre, hätte es
niemand geglaubt. Nur süßlich bemalter Kitsch hat je um die
Menschen geweint.
Da aber jeder nachdenkliche Kunstfreund die Wirkungen der Dämonen,
ihre Anwesenheit im kleinsten Gegenstand unter dem Tisch und im
Zimmer bemerken kann, vorausgesetzt, dass er noch nicht prophetisch
erblindet ist, bleibt die Sichtbarkeit ihres geheimnisvollen Wesen
dem frommen Kitsch und den Obskuranten überlassen.
Der Surrealismus, dessen Instinkte dies immer bewahrt haben, trägt
deshalb offen oder heimlich das Brandzeichen seiner aufgeklärten
Verächter, wie es das unaussprechbar gewordene Spätwerk Chiricos
beweist. Um aber alle die zahllosen geheimnisvollen Träger des
Lebens, die sich unablässig im Unbekannten verwandeln, nicht zum
Schaden der Spekulationskraft des menschlichen Geistes zu
vergessen, stiftet die Gnade der fernen Mächte, nicht allein nur
für arme Leute, wie die
petit
raison so gerne behauptet, den frommen Kitsch. Er befördert
jede phantastische Lüge, den ornamentalen Schmuck jedes schönen
Gedankens, und sogar den berühmten ›immerwährenden Genuß der
Erdbeeren‹ als kaiserlich gesegnete Süßspeisen des Gemütes, ohne
Bedrängung durch Fakten, nach Bosch. Und schließlich, da der
Sauberkeit und Ordnung durch ungeschickt geschwungene Putzlappen
nicht nur Hekatomben köstlicher Porzellane und alter Gläser zum
Opfer gefallen sind, duldet der Surrealismus des Kitsches sogar den
Staub und das Spinngewebe, die selbstverständlich zur überladenen
Kirche des Kitsches gehören.
Homomaris behauptet, die
Wartezimmer der Ärzte beschädigten die Phantasie eines Menschen für
sieben bis vierundzwanzig Stunden. - PM
KITZEL
Es zerrt an den Nerven, zu sehen, wie sich die Kleinen bekriegen,
während die Großen, verzaubert durch ein Kalkül, das jeder kennt,
fest an der Kette liegen. Sie müssen fest sein, die Großen, eine
Mischung aus Sphinx und Gipfel. Es genügt, dass einer von ihnen ein
wenig Geröll ablässt, um ganze Landschaften zu verheeren – äußere
wie innere, daran kommt keiner vorbei. Oder doch? Woher der Wunsch,
den Spalt aufzuspüren, der den Durchstieg ermöglicht? Sind die
unteren Gletscher nicht gefährlich genug? Woher diese Sportsucht
nach dem extremen Kitzel? So sollten die Beruhigten gerade nicht
fragen, solange sie wissen, was sie so grandios beruhigt hat. Es
ist ihr Spiel, das sie der Welt überließen, weil sie es mussten,
und das jetzt andere spielen.
Nach der Geschichte ist vor der
Geschichte – das wäre eine alte Geschichte, oft erzählt und
nichts Besonderes insofern, als das Besondere daran nur die
Verteilung der Rollen betrifft. Auch da kann man sich täuschen. So
mancher spricht von ›kommenden Mächten‹ und unterdrückt das Jucken
in der Hand, das ihn peinigt. Geschichte ist offen. Fragt sich, für
was.
KLASSIKER
Im
Yagir liest man die Klassiker nicht, man ist natürlich weiter als sie und blickt sinnend in die Ferne, wenn einer aus ihnen zitiert. Dennoch behält man sie bei, das Wort Klassiker kommt von Klasse und meint alles, was Schulklassen langweilt, so dass sie fürs Leben genug davon haben. Das ist ganz normal und wäre keinerlei Aufhebens wert, wenn nicht von Zeit zu Zeit etwas passierte, was die Leute klassisch nennen, weil es ihnen vorkommt, als hätten sie dergleichen schon öfter gesehen, ohne dass sie sich gleich daran erinnern können. Man müsste mehr alte Filme sehen, seufzen sie dann, denn sie kennen, wenn es hart auf hart kommt, nur Filmklassiker und auch da nur diejenigen, die auf die Leinwand kamen, solange sie jung waren. Überhaupt ist die Jugend ihr ewiger Klassiker, vermutlich, weil sie darin die Hauptrolle spielen. So muss es sein, so ist es überhaupt richtig und deshalb wirken all die Profis verschoben, die aus Gründen den Gelderwerbs den Jungen ihre künftigen Klassiker streitig machen, indem sie alles, was ihnen unterkommt, praktisch ohne Schamfrist klassisch nennen, nur weil sie später ohnehin tot sind und nichts mehr zu sagen haben. Klassisch ist das Versagen der Älteren angesichts der Aufgabe, die das ewige Jungsein ihnen stellt, ein Thema, immerhin, der ältesten Klassiker, die ihre Versager auch schon von innen kannten. Homer zum Beispiel – sehen Sie, ein Alters-Ausreißer, wenn Sie mehr davon wollen, lesen Sie das Feuilleton oder, besser, die Blogs der abgehalfterten Feuilletonisten. Schon grinsen sie, Homer Simpson im gefletschten Gebiss (eine schwachsinnige Maskerade, die für tausend andere steht), sie haben die Kurve gerade noch bekommen und schleudern in halsbrecherischer Manier auf die nächste zu. Sagen Sie nur ›Dioskuren‹ und ein paar erbleichen bereits, weil sie den Comic noch nicht kennen. Überhaupt kann man nicht alles kennen, das meiste lohnt den Aufwand nicht, ›klassisch‹ kommt von ›klasse‹ und klasse ist, was praktisch nicht vorkommt. Ein klassisches Argument, das leider den Sinn des Daseins verfehlt, der lautet: Sei klassisch! Lebe im Jetzt! In meiner Umgebung lasse ich nur Klassiker zu, sie sollen sich anstrengen, die Hunde, sonst sende ich sie in den Orkus. ›Ent-sende‹...?
KLATSCH
Wir haben, liebe Kinder, die Sprache der Gesellschaft gelernt,
jetzt lernen wir die der Kultur. Schwer ist das nicht, es geht fast
von selbst. Gesellschaft, wann war das? Wir wollten etwas
erreichen, etwas
durchsetzen, und nun ist es
durchgesetzt und durchsetzt von etwas, das nicht gemeint war und
nicht gemeint sein konnte, denn es ist irgendwie... gemein, man
könnte fast meinen, es sei die Gemeinheit selbst, die sich an die
Spitze des Zugs gesetzt, die sich durchgesetzt hat und nun, in die
anspruchsvollsten Gesinnungen gewandet, einherschreitet. Und hat
sie nicht recht? Man fertigt sie ab, mit höhnischen Worten, und
bedient sich ihrer, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne viel
Federlesens, ohne ein Aufheben davon zu machen, da liegt vielleicht
der Fehler. Man hat vergessen, die Gemeinheit aufzuheben, per
Dekret, im Mondschein. Die Gemeinheit ist nicht so gemein, wie es
scheint, sie ist riesengroß und überaus differenziert, überdies
anhänglich, sie kommt überall mit hin. Das irritiert die
aufgeräumten Gemüter, sie halten sie für einen Fleck und wischen
sie weg, aber sie ist immer noch da. Zwischen Kultur und Gemeinheit
besteht ein reger Verkehr, sie tauschen sich aus – über die Köpfe
all derer hinweg, die wissen, wohin der Zug geht. Die Kultur ist
das Organon der Gemeinheit, wer sich weigert, sie zu buchstabieren,
findet leichter in den Klatsch als ans Ziel.
KLIMA
Das Klima... das intellektuelle Klima... Aber sehen Sie denn nicht,
dass es keine Intellektuellen mehr gibt? In welcher Zeit leben Sie
denn? Hat Ihnen das Fernsehen das Gehirn versehrt? Lesen Sie noch
immer die alten Artikel und strahlen, wenn es so richtig zur Sache
geht? Sie Narr! Sie alter Narr! Sie haben es gut, Sie werden immer
ein Dach über dem Kopf finden, wenn andere unter der Traufe stehen.
Selbst schuld? Sage ich doch. Jeder ist seines Schwachsinns
Schmied. Ihrer ist endemisch, er braucht nicht mehr als die
Einladung zur Entspannung, schon stellt er sich ein, das ist ganz
natürlich. Aber vielleicht müssen Sie nicht entspannen, vielleicht
finden Sie das, was Sie da konsumieren, ›ganz schön anstrengend‹.
Das ist ein Affekt, dem sollten Sie nachgeben. Fahren Sie weg,
verreisen Sie! Es gibt soviel zu sehen. Was ist hier schon los? Sie
versäumen nichts, gar nichts, sage ich Ihnen. Ein Land ohne
Perspektive. Verreisen Sie! Es vermisst Sie auch niemand, warum
zögern Sie? Kurz treten? Finanzen? In welcher Welt leben Sie denn?
Alter? Gesundheit? Also sehen Sie: das Klima...
KLIMAFORSCHUNG
Nun also haben sich alle geeinigt: Unser Klima muss schöner werden.
Das klingt einleuchtend, nachdem die notwendigen Einkäufe getätigt
und die Börsen befriedigt sind. Ein schöner Schub wird das werden,
ein schöner Schub. Nur die Klimaforscher sind nicht zufrieden, sie
spüren, dass die Entwicklung sich gegen sie wendet, und wirklich
ist nicht ganz einzusehen, wozu sie noch forschen sollen, wo jetzt
doch alles so klar ist. Natürlich ist nicht alles klar und die
Arbeit wird ihnen so schnell nicht ausgehen, aber tief drinnen,
dort, wo die Forscherseele ihr warmes Plätzchen besitzt, fließen
plötzlich die Tränen: Was wäre, wenn...? Wenn alles ganz anders
wäre, gleichgültig darum, was alles kommen mag? Die Freiheit der
Datenmanipulation ist unendlich, doch nichts gegen die Freiheit,
alle Modelle umzuwerfen und völlig neu anzufangen, mit neuen
Prämissen und neuen Methoden. Und auch diese Freiheit bedeutet
wenig gegen die Freiheit des Findens, vor allem wenn es um neue
Gedanken geht, das ist wie neues Gebäck, aber größer, universeller.
Im Netz der Politik kommt man nicht heute mit neuen Gedanken, wenn
man morgen für die alten bezahlt wird. Aber wer spricht vom Geld.
KLOAKE
Der Rechtsradikalismus ist die Kloake der Gesellschaft; jeder ist
aufgefordert, sich hier all dessen zu entledigen, wovon er nichts
wissen zu wollen behauptet – jedenfalls solange andere in
Sichtweite sind. Wer hineinfällt, stirbt den elendesten aller Tode.
Man sagt, es wimmle darin von gefährlichen Elementen. Man muss tief
blicken, um solche Einsichten zu gewinnen, man muss tief in sich
selbst hineingeblickt haben; Exorzisten wissen, wovon sie sprechen.
Aber im Ernst: dass Gesellschaft einen solchen Ort nötig hat, dass
sie ihn unterhält und stets aufs Neue bestückt, zeigt das
Gottähnliche, das ihr noch immer innewohnt – sie erweist sich am
Anderen ihrer selbst und muss es ›unter Kontrolle halten‹. Das
erinnert daran, dass sie auch die Familien kontrolliert, aus denen
sie sich erneuert und die sie nicht völlig unter Kontrolle bekommt.
Der Hinweis mag schräg klingen, aber welche Rede ist nicht
›schräg‹, welche ist nicht abschüssig, sobald man sich diesen
Dingen nähert? Die Familie, der Klan, sie müssen in die
Gesellschaft aufgelöst werden und leben nicht zur Gänze aufgelöst
in ihr fort. In der Gespenstergesellschaft wird jedes ›Vorkommnis‹
zum Menetekel: Man treibt miteinander Entsetzen, so wie man sein
Spiel mit einer Vergangenheit treibt, die keinem gehört.
KÖRPER
Der Körper geht immer dem Tod voraus, aber dieser schlichte
Gedanke, der auch umgekehrt leicht zu beweisen wäre, empfängt
gerade hierdurch die Weihen des Geistes. Denn wenn man sagen würde,
der Körper folge dem Tode nach, so würde sich an der Wirkung des
ersten Gedankens nicht das allergeringste ändern. Ob uns der Tod,
von welcher Seite auch immer, antritt, seine und des Körpers
Schicksale ändern sich hierdurch nicht im geringsten. Der Tod
bekommt den Körper, auf welche Weise auch immer, in seine
Gewalt.
Folgten wir etwa dem Tode nach, so brauchte er nur ein wenig
langsamer zu gehen, unmerklich vielleicht, was bestenfalls das
Alter des Körpers verlängern würde. Aber dennoch würde er in jedem
Fall das gleiche Gesetz seines dunklen Auftrags an ihm vollziehen.
Gelangte der alte ermüdete Leib endlich in seine Nähe, so drehte
der Tod sich mit einem Mal um und legte seine mächtige Hand endlich
doch auf das Herz des Verfolgers. Ascoli von Savona, der Tyrann der
Stadt, glaubte auf den Zinnen seiner Festung an der Spitze seiner
Soldaten durch eine Art Gleichschritt den Tod zu betrügen, er
stolperte nur ein einziges Mal und verlor den Zeittakt. Von
diesem
Augenblick an war
der Abstand beschädigt, er konnte marschieren lassen, so langsam er
wollte, da war nichts mehr zu machen, er starb schneller, als er
langsam zu sein vermochte.
Der Philosoph und Kanoniker Marsilio Ficino hatte diese Berechnung
bereits fünfzig Jahre zuvor in seinem Traktat zur Platonischen
Philosophie aufgestellt:
Bewegung
= Ziel = Ende. Ebenso später Wittgenstein: »Man stirbt immer
zu rasch oder zu langsam, dennoch ist Geschwindigkeit niemals ein
Mittel, den Tod zu überlisten.«
Eine andere, noch höhere Erkenntnis lehrt, dass Körper und Tod in
einander verliebt sind. Sie sind das einzige Liebespaar, das von
Anfang an zusammengehört, denn mehrfache Liebesverbindungen mit dem
Tode sind ausgeschlossen. Deshalb sind auch die Krankheiten,
nach
Homomaris,
nichts anderes als Liebesabenteuer oder Seitensprünge innerhalb
einer unlösbaren Verbindung. Nur der Selbstmord steht in der Mitte.
Hier müsste die Mathematik, falls sie je einen geistigen Anspruch
besäße, der Metaphysik zur Hilfe kommen. Dass hier Brücken zu
schaffen sind, wird bei Dante und
Manganelli hinreichend bewiesen.
Dante sucht am Ende des »Geometers Bogen«, Manganelli maschiert auf
der Straße der zehnten Legion, mit Augen an den Knöcheln, über sich
selbst hinweg. Was ja nichts anderes bedeuten kann, als dass er
noch im Inferno versucht hat, im Liegen den Tod zu unterwandern.
Homomaris lehrt die Anwesenheit des Todes in jeder Region, die der
menschlichen Seele zugänglich ist. - PM
KOHABITATION
Jede Generation lebt mit Geräten zusammen, die tief in die sogenannte Psyche hineinwirken und sie, wer weiß, erst ein Stück weit hervortreiben. So hat die Generation, auf die wir jetzt blicken, sich dem Fernsehgerät verbunden und wird zusammen mit ihm verdämmern. In gewisser Weise hat sie ihn sich erschaffen, auf alle Fälle haben ihre Bedürfnisse ihn erobert, sie lebt dieseits und jenseits der Mattscheibe und das Leben, durch das sie nicht mitten hindurchgeht, dünkt sie matt. So gibt es keine Anmut, keine Würde, keine Geltung und keinen Ruhm, es sei denn durch dieses Medium, wie es nicht ohne Witz genannt wird, weil es die Mitte markiert und, mehr als das, wirklich ausfüllt. Dabei ist es seit langem im Sinken. Nichts bringt es hervor, was nicht die Brandzeichen des Betrugs und der Dummheit trüge, und nichts kommt hinein, was nicht von Grund auf gleichgültig und lächerlich wäre. Es stimmt, man kann dort einen Teil der Leute besichtigen, die uns, auf die eine oder andere Weise, regieren, vielleicht auch nur herumscheuchen, was immer Aufschluss verspricht. Man kann, wenn man will, die meisten wollen gar nicht und schalten weiter. Nein, in Betracht kommt allein die Scheibe, die den einen Teil der Menschheit vom anderen trennt und mitten durch jedes einzelne Exemplar der Gattung hindurchgeht, sie ist sogar bedenkenswert und sollte verstanden werden. Nicht das Virtuelle der Bilder, damit kann man Leute ablenken, die sich um nichts den Kopf zerbrechen, Mystiker des Wortes und der Verstellung, sondern der absolute Schnitt zwischen zwei Wirklichkeiten, einer saugenden und einer sich rapide entleerenden: was die Leute Gesellschaft nennen, ist eine denkbare Interpretation dieser Anordnung unter vielen, vielleicht nicht die schlechteste. Man muss, will man Dinge bedeutend machen, ihnen eine Dimension entwenden, was unter Menschen nicht so leicht zu bewerkstelligen ist. Die Scheibe suggeriert einen Mangel, der in Wirklichkeit so nicht existiert, aber auf Ausgleich drängt. Wer immer davor sitzt, gibt von dem Seinigen hinzu, bis zur völligen Leere. Witz, Temperament, Verstand, Lebenszeit, Freiheit, sich zu gesellen, Durchsetzungskraft und natürliche Autorität, nichts davon behält diese träge graue Masse, die starrt und starrt, bevor der Schlaf sie überkommt und gnädig vom Rest-Ich erlöst, das mangels Substanz beim Träger verbleibt. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, außer man sieht sich im Fernsehen – mit diesem Saisonschlager des alten Westens hob die Epoche an, sie könnte enden mit den bedeutenden Worten, dass, wo nichts ist, der Konsument das Recht verloren hat, sich bei lebendigem Leib zu verdrücken.
KOMFORTLAGE
Eigentlich befinde ich mich in der komfortablen Lage eines
Selbstmörders, der weiß, dass alles, was seine Mitwelt zu seinen
Gunsten (und denen seines Weiterlebens) vorbringt, gezinkt ist:
Ausdruck des Bemühens, ihn im Leben zu halten, gleichgültig, mit
welchen Mittel. Er weiß, dass man ihn nicht für voll nimmt, während
man ganz und gar auf ihn eingeht, dass man seine Reden nach allem
Denkbaren absucht, nur nicht auf die Möglichkeit hin, ihm recht zu
geben, während man gerade das mit größter Bereitwilligkeit tut. Er
weiß also, dass er nicht viel zu sagen hat außer dem einen, auf das
sich seine Rede für die anderen ohnehin verkürzt. Was tut man in
einem solchen Fall? Was mache ich, wenn ich weiß, dass dieses
gespannte Lauschen Ausdruck eines Unwillens ist, der den Akt
verhindern will, der das zu Erlauschende in die Welt schleudert?
Denn es geht nicht um Meinungen, es geht nicht um Überzeugungen,
wer das glaubt, tappt so sehr im Dunkeln, dass er den Strick, den
er sich um den Hals legt, für eine Laterne hält, geradewegs auf die
Zukunft zu. Worum es geht? Wer das wüsste. Die Weigerung,
auszuführen, was andere erdacht haben, es in irgendeiner Weise
weiter zu tragen, als sei es das eigene, während das Selbst mit
allen Fasern dagegen rebelliert – das ist der Kern dieser
Angelegenheit, die erst ein Ende findet, wenn es mit mir zu Ende
geht. Bin ich deswegen ein Rebell? Aber die Rebellen sind doch die
anderen, sie sind stolz auf ein Rebellentum, von dem sie reden, als
reiche es in biblische Zeiten zurück, von denen sich die heutigen
in gerader Linie herschreiben. Ich habe sie doch gesehen, ich habe
den Riss wahrgenommen, der zwischen ihrer Selbstdeutung und dem
lag, was für sie die Verhältnisse waren – diesen Riss, der mit der
Zeit zu einer schwarzen Wand angewachsen ist, über die man nicht
reden darf, bei Strafe des wirksam verhängten Schweigens, während
das Reden munter weiter geht. Ich könnte mich unter die Dichter
mischen und Endzeitmonologe verfassen, aber ich will das nicht. Es
sind schlechte Dichter, es sind schlechte Texte, die einem da
zugemutet werden. Sie paktieren mit dem Schweigen und sie
vermehren, was keiner zu sehen vorgibt. Man nimmt sie nicht ernst,
man hängt den Verfassern Preise um und sie beklagen sich darüber.
Aber sie haben keinen Grund, sich zu beklagen, sie sind im Grunde
ganz zufrieden und nennen es Klagen auf hohem Niveau. Das Niveau
möchte man sehen, aber man sieht nur, dass sie gebettet sind. Soll
ich also gehen, ohne bezeugt zu haben, was ich sah? Wer will dieses
Zeugnis sehen? Wer will es wahrhaben? Wer will, dass es existiert?
Und wozu wäre es gut?
KOMMA
Im Komma erscheint die volle List des Schreibens noch einmal,
deshalb setzen es manche Leute erst später, gleichsam bei vollem
Blatt. Sie erspähen die leeren Stellen zwischen den Wörtern, die
verborgenen Orte, vorherbestimmt, das verschwiegene Zeichen in sich
aufzunehmen, das die anderen redend macht. Oder fast: denn reden
können sie schon, sie reden von sich ohne Unterlass, wären sie
nicht redend, dann schwiegen sie vielleicht und das Zeichen
verschwände. Es machte kehrt – auf dem Absatz, so könnte man sagen,
denn sprechend wird es von sich aus nur vor vollem Haus. So aber,
der Plappersucht der anderen gegenwärtig, lässt es sich geduldig
hin- und herschieben, bis die leichte Vertiefung gefunden ist, in
der es zur Ruhe kommt, weil sie ihm vorbestimmt ist. Das zu
ertasten kostet Geduld. Es gibt Sprachen, so sagt man, die keines
Kommas bedürfen. Das ist nicht wahr, oder nur beinahe, denn wer das
Komma kennt, erkennt es auch dort, wo es nicht gesetzt ist, sondern
nur gedacht oder auch nicht gedacht, vielleicht gefühlt oder, wer
weiß, gesehen. Ein solcher Gedanke erfreut das mit Widerhaken wie
mit Sternzeichen besetzte Gemüt und schafft einen Ausgleich für die
Unbill, die ihm täglich begegnet.
KOMM
HERAUS!
Der törichte Mensch zieht das Drama der Wiedergeburt in einen Akt
zusammen, der Weise zieht es auseinander und gibt sich
lebenslänglich. Na und? Wie einer sich gibt, so kommt er zur Welt.
Also gib dich, du Ochs. Ohne Schauspielerei ist in den Gefilden der
Seligen nichts auszurichten, sie sind scharf auf jeden neuen
Darsteller, der ihnen Gesellschaft leistet. Erwähltheit ist wie ein
Pulli, den einer überzieht: was nach innen wärmt, soll nach außen
Eindruck machen. Und das ist wenig gesagt. Wer mehr wissen will,
muss wissen, dass im Kino der Gefühle das Herauskommen jede andere
Bewegung schlägt.
Komm ans
Licht! Der erste Leib darf den zweiten darstellen, der sich
nach dem perfekten ersten verzehrt. Die Erwählten spielen
Erwählung, sie spielen den Anderen vor, was im Leben der Meisten zu
viele Umstände machen würde. Erst so bleibt Erwählung Erwählung:
eine ernste und ganz schön schwierige Sache, die man denen
überlässt, die sich damit auskennen. Den Spezialisten des
Erwähltseins schlägt jede Stunde doppelt. So sehr sind sie sich
ihrer Bedeutung bewusst, dass sie sich von ihr bedienen lassen. Wer
so von Bedeutung strotzt, dass sie ihm den Kaffee und die
Morgenzeitung ans Bett bringt, der hat es geschafft. Das werte
Selbst hält die Klamotten und das listige Ich schlüpft hinein.
Demütig kann es sein, denn es weiß, was es am Anderen hat. Das
Selbst zum Arbeiten bringen: dieser innere Rassismus macht staunen.
KOMPETENZDIEBSTAHL
In Wahrheit – ich stelle mir vor, wie die Ameisen an dieser Stelle
zu wimmeln beginnen –,
in
Wahrheit ist doch nichts geklärt, was uns berechtigte, das
Bewusstsein als eine abzuleitende Größe zu handeln. Wer einen Draht
zerschneidet, unterbindet unter Umständen eine Botschaft – na und?
Hält man ihn deshalb für einen intimen Kenner der
Familienverhältnisse derer, die sich da untereinander verständigen?
Wer weiß, welche Stoffe und Bahnen beteiligt sind, wenn
Empfindungen entstehen und Worte sich formen, kennt der deshalb den
Sinn der Wörter oder den Grund, aus dem sie zum Einsatz kommen?
Natürlich kennt er ihn – weil er ihn kennt. Wäre es anders, so
bliebe ihm nicht nur der Sinn seines Forschens dunkel, sondern der
Forscherdrang selbst hätte sich erledigt. Er will also wissen, was
er schon weiß, methodisch kontrolliert, aber vor allem: in einem
anderen Stoff. Man könnte ihn wegen versuchten Kompetenzdiebstahls
vor Gericht zerren, aber das würde ihn keine Sekunde lang
anfechten. Auch dafür gibt es einen leicht erkennbaren Grund:
Prestige. Man las schon Narren, die das Bewusstsein zur subjektiven
Täuschung erklärten: Hut ab! Vielleicht auch mehr.
KONFITÜRE
Wir wollen die Jahrtausende alte Tradition der Skepsis nicht durch Zweifel beschädigen, das wäre dumm. Alles bedenkend strebt der Mensch vorwärts, ein ergötzlicher Anblick. Das All zu bezweifeln ist schon eine persönliche Niederlage, an diesem Punkt wird es schwer. Der bezweifelte Kosmos ist eine Münze, die in den Rinnstein rollt, abrupt ihre Bahn verändert, sich kurz um die eigene Achse dreht und im Gully verschwindet. Im Gully? Ein schmutziges Wort, von dem die Partikel sich lösen, als bestünde es nur aus Staub. Durch und durch schmutzig, das wollten Sie sagen. Was wollte ich sagen? Ach ja, die Skepsis. Confiteor. Die Sprache gibt das ›Ich glaube‹, ich glaube, am ehesten könnte man es vielleicht der Kopula vergleichen, es bindet die Menschen zusammen wie Ruten, vermutlich, weil es so schlagend ist und so wenig Aufwand erfordert. ›Ich glaube, die Skepsis ist unser kostbarstes Teil, das es zu verteidigen gilt.‹ Wer Teil sagt, muss auch Ganzes sagen, und das Ganze ist immer das Unser. Ein Teil des Unser ist also die Skepsis, da hätten wir schon das notwendige Stück Gewissheit. Wo kommen wir damit hin? In die Menschlichkeit natürlich, du Hasenfuß. Damit hätten wir ihrer drei: die Menschlichkeit, die Natürlichkeit und die Hasenhaftigkeit. Denken Sie einmal darüber nach. Ich für mein (!) Teil dächte, Sie hätten fürs erste genug. Nein? Das bringt uns jetzt nicht weiter. Nichts ist bekanntlich gewisser als die Gewissheit über die Ungewissheit, sie überdauert im Ungewissen. Es ist ihr Elixier. Nicht darüber wollte ich reden. Reden wollte ich vielmehr... Lassen wir das. Behalten Sie ihren kühlen Kopf, den hitzigen lassen Sie wohlmeinend zu Hause. Überzeugungsarbeit ist hart. Diese Leute dort wollen wir haben, die setzen wir durch. Bei den Menschen ankommen, wenn Mars lockt, das ist das Wunder der Geschichte, vor dem die Sterne erblassen. Sterben Sie süß.
KONSTRUKTIVISMUS
Am Ende ist aller Konstruktivismus unkonstruktiv: er trägt nichts bei, er vergrößert nur die Zahl der Gedanken- und Weltdinge sowie der Beschäftigungen.
KONSUMMODERNE
Im Umkreis der Postmoderne zählt Kondylis’ Begriff der
›massendemokratischen Postmoderne‹ zu den prägnanteren Prägungen.
Der Ausdruck ›Postmoderne‹ wird allerdings überflüssig, hat man
erst einmal begriffen, dass es sich um eine Binnendifferenz handelt
und keineswegs um eine Massenflucht aus der Moderne. Reden wir also
von der massendemokratischen Konsummoderne. Sie ist ein Ergebnis
der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Weltwirtschaftsordnung
und verwandelt sich unter der Hand in etwas, für das die
Bezeichnung noch fehlt, weil das, was sich hier ankündigt, erst als
Schatten oder Schemen – nicht sichtbar, eher fühl- oder spürbar
wird. Die Massen herrschen und konsumieren, sie herrschen mittels
Konsum, kein Zweifel, auch lässt sich nicht sagen, sie verführen
darin mit nachlassender Energie. Allenfalls fehlt ihrer Herrschaft
der Geschmack, selbst der an guten Worten, man könnte meinen, sie
führen sich öfter über die Stirn, um die trüben Gedanken zu
vertreiben – ein langweiliger Zeitvertreib, weil es mit dem Denken
bei ihnen nie weit her war. Die trüben Gedanken sind einfach und
eigentlich nur ein einziger: die Widersacher sind unterwegs. Jeder
Weltzustand hat seine erbitterten Gegner, von denen ein Teil
öffentlich zu Feinden deklariert und bekämpft wird, während die
restlichen, aus welchen Gründen auch immer, einen diffusen Schutz
genießen – künftige Opfer vielleicht oder Garanten einer Zukunft,
in der die Verhältnisse sich wandeln und man sich dringend neu
arrangieren muss. Der Konsumzwang ist immer auf Verachtung
gestoßen, die Verwandlung der Ökobewegung in eine Geschäftsidee hat
andersartige, noch wenig erforschte Widerstandslinien in die
Gesellschaft eingezogen. Sie bringt Leuten das Sagen bei, die, so
oder so, den Obszönitäten des Geldes weitgehend gleichgültig
gegenüberstehen. Auch diese Leute hat es immer gegeben, ihre
Einstellungen sind nichts Neues, bemerkenswert ist allenfalls, dass
ihre Mitanwesenheit als latente Drohung verstanden wird, als
potentieller Unruhefaktor, sie könnten ja auf Gedanken kommen.
Welche das sein mögen? Die Journalisten stehen unter dem Druck der
Konstellation, sie recherchieren per Mausklick, sie klopfen an
Foren, ob nicht ein Einfall, ein winziger nur, herausfallen möge,
sie machen ein Gewese, sobald sie etwas an etwas erinnert, das sie
schon kennen. Ansonsten üben sie sich in Spott. Der Gedanke der
Machtlosigkeit hat in Ländern mit christlichem Herkommen eine große
Macht. Deshalb liebt man in ihnen auch das Gerede, man trägt es auf
Knien.
KONTEXTUALISIERUNG
Auch der Gedanke der Kontextualisierung der Kritik verdient es,
kontextualisiert zu werden. Denn er ist vor allem Kritik: die
Kritik von Verhältnissen,
insofern sie sind, soll nicht
statthaft sein. Erlaubt ist die Kritik von Verhältnissen,
wie sie sind. Das ist
viel, das ist – vielleicht – in praktischer Hinsicht genug. Aber es
lässt unerörtert und unreflektiert, was in aller Kritik
vorausgesetzt ist: die Existenz eines denkenden Wesens in einer
Welt, die seiner offenbar nicht bedarf, um in sich zu ruhen und zu
realisieren, was offenbar das Ziel aller immanenten Kritik ist:
Verhältnisse, in denen sich jede weitere Kritik erübrigt. Gegen
dieses Ziel wird heftig in ihrem Namen polemisiert, aber das gehört
zum Geschäft, weil man kein anderes Ziel benennen will. Wir
betreiben mit Löwenmut das Geschäft der Kühe; der Verstand in all
diesen Dingen ist klein. Die Konzentration auf das Denken selbst
dekontextualisiert die Kritik, macht sie zum Perpetuum mobile einer
Selbstverständigung, die nicht in den Verhältnissen aufgehen will,
die eher die Verhältnisse in sich aufgehen lassen möchte – ein
unmögliches Ziel, aber ein realistisches. Ein Verhältnis zu den
Verhältnissen haben und ein Verhältnis zu diesem Verhältnis, das
bringt auf keinen Beobachter- oder Beraterposten, sondern ins
Bodenlose. Das ist der Boden der Tatsachen.
KONTINENT
Du hast dich mit jemandem vom anderen Geschlecht zusammengetan,
dieser andere hat, aus einer Laune oder einem tiefsitzenden
Bedürfnis heraus, dir die Loyalität aufgekündigt, und du hast ihn
verlassen. Du bist bereit zu glauben, diese Erfahrung habe dich
verändert, und es widerfährt dir ein weiteres Mal. Diese beiden,
Todfeinde selbst, verbinden sich, um dich zu töten. Sie töten dich
stückweise, Organ für Organ. Sie machen auch vor den Kindern nicht
Halt, sie benützen sie und zögern nicht, sie zu zerstören, wenn sie
dich damit treffen. Was ist das? Eine Reise um die Welt? Um den
›inneren Kontinent‹? Ein Stück Gesellschaft? Ein archaischer Ritus?
Nein, es ist etwas anderes, sagst du. Es liegt nicht innen, es
liegt nicht außen, und dazwischen gibt es nichts. Woran liegt es
also? Sie stoßen auf keine Grenze und also gehen sie weiter. Warum
stoßen sie auf keine Grenze? Das ist eine Frage, die du dir stellen
musst. Du kannst sie nicht beantworten, denn die Antwort ist
aufgeschoben. Du selbst hast sie aufgeschoben, weil du mit ihr
allein stündest. Du willst aber nicht allein stehen, nicht in einer
Frage, in der die andere Seite niemals allein steht. Ihre Macht,
nach Belieben Verbündete zu gewinnen, schreckt dich. Sie schreckt
dich als Problem. Du wärst bereit, jede Herausforderung anzunehmen,
aber gegen das da kommst du nicht an. Es ist zu dumm. Wie stündest
du da, wenn du deinem Zorn folgtest? Und wohin kämst du da? Nicht
sehr weit vermutlich, selbst dein Zorn leidet an dieser Lähmung.
Vielleicht ist es ein Problem deiner Gruppe, Jahrgang, Bildung
etc., aber sicher weißt du das nicht. Vielleicht wirst du es nie
erfahren. Sicher weißt du nur eins: wohin auch immer du es
verschiebst, es bringt keine Entlastung. Wolltest du das? Wolltest
du Entlastung? Aber wovon? Entlastung wovon? Wie, bitte, willst du
dich von einem Druck entlasten, in dem du auf der anderen Seite
stehst? Im Lager deiner Feinde, bereit, dich anzugreifen, wann
immer sich eine Gelegenheit bietet, blickst du auf dich wie auf
einen Fremden. Dieser Fremde, findest du, ist hässlich. Er ist dir
fremd, fremd und vertraut, vertraut wie eine Sache, die man nicht
mehr anrühren möchte. Du möchtest dich nicht mehr anrühren, du
findest, es lohnt den Einsatz nicht, denn die Sache ist, wie sie
steht, verloren. Es ist aber keine Sache, das ist der Punkt. Du
kannst nicht abwehren und du kannst nicht annehmen, was da
geschieht. Vielleicht überlebst du noch eine Weile oder nicht.
Vielleicht behandeln sie dich wie einen Toten, das wäre immerhin
ein Glück unter vielen.
KOSMOS-KOMPOTT
Weniger in der Größe einer städtischen Schüssel, vielmehr als
Inhalt eines großen bäuerlichen Napfes fand die Obstküche des
unermesslichen Himmels ihr Symbol im Kompott. Er hat die
chinesische Landkultur mit dem Himmel vereint und so zur Vollendung
gebracht. Das zur Herbstzeit in Kreidekreisen gesammelte Fallobst
ist die Grundsubstanz der kosmischen Berechnung der Felder. Die
bäuerliche Zweiteilung der Ernte von Fallobst und Baumobst, das von
den Alten vom Boden oder von jungen Mädchen von den Zweigen
gepflückt werden muss, entspricht insofern den beiden Symbolen Yin
und Yang, als das gefallene Obst den Greisen und das gewachsene
Obst am Zweig zur Reife der Jugendblüte gehört. Jeder Zweig mit
hängenden Früchten gleicht demnach dem spendenden Arm der Jugend,
davon vielleicht Hölderlin in einem seiner letzten Gedichten
gesprochen haben mag, wenn es dort heißt: »Die Früchte aber sind
sehr schön gedrängt«.
Ob also oben am Baum, unten im Gras oder später im bäuerlichen Napf
die Früchte gedrängt erscheinen mögen, unterliegt allein dem
Prinzip der Gestaltung, die nach unten zur Erde oder nach oben zum
Kosmos ausgerichtet ist. Verspeist wird der Kosmos-Kompott von
Bauern und Priestern gemeinsam im Herbst, unter dem Kreis der
Gestirne. So werden alle erhoben und die Landwirtschaft blüht. -
PM
KOSTEN
Dass einem alles, wovon man kostet, in Rechnung gestellt wird, ist
ein bekannter Mechanismus. So kostet der Kardinal vom Begriff der
›Entartung‹, als handle es sich um eine besonders süße Frucht am
Baum der Erkenntnis, in der Hoffnung, die prompt servierte Rechnung
vom Tisch peitschen zu können. Etwas in der Art las man immer: eine
Erkenntnis, die in der Art bliebe, eine
artige Erkenntnis wäre es, das Prinzip
der Freiheit zu verraten und im Lippenbekenntnis, das nichts
kostet, einen artigen Biologismus zu fordern, in dem der Apfel erst
gar nicht vom Stamm fällt, sondern an Ort und Stelle verfault. Man
könnte das degenerierende Denken gleich Denken nennen und es dann
lassen, man kann es auch gleich lassen, um artig zu degenieren. Es
liefe beides auf dasselbe hinaus. Der klerikale Biologismus hält
die Unzucht, in der er sich auskennt, huld- und zuchtvoll in den
eigenen Reihen, umso komischer wirkt es, wenn an dieser Stelle die
Politik sich eindrängt, um daran zu erinnern, dass sie in ihren
schwärzesten Stunden sich ebenfalls in dieser Sparte versuchte. Die
laikalen Dilettanten können nicht begreifen, dass das, was sie sich
eingedenk des Entsetzlichen nicht herauszunehmen wagen, von einer
halbwegs denkenden Instanz aus dem Spiel genommen werden muss, soll
sich kein Spieler daran vergreifen. Dass Politik sich nicht
herausnehmen darf, was sich Kirchen herausnehmen, hat gute Gründe,
einsehbar unter dem Stichwort ›Fundamentalismus‹, leicht abzurufen
für jedermann. Provinzielle Politik macht daraus ein verbales Tabu,
Wegweiser des Unheils. Das heißt man wohl: mit dem Latein durch
sein.
KRAFTVERDACHT
Einem, der unter Kraftverdacht steht, winken herrliche Zeiten. »O
welche Kraft«, zirpt die Banane, »was mag daraus entstehen?« Sie
zirpt, als Banane, nicht wirklich, eher mental. Seit den letzten
großen Willensbekundungen des Volkes und dem darauf erfolgten Umbau
der Gesellschaft gilt sie als Persönlichkeit, nun, vielleicht mehr
als
Personality, da eine
Persönlichkeit eher konservativen Personen attestiert wird und man
sie für historisch anrüchig hält. Eine Personality hingegen,
das kann ein Auto sein oder eine Marke, im Grunde alles, was steht
und rennt und geht – ob über den Ladentisch oder davor, spielt da
keine Rolle. Seit die Banane als Personality durchgeht und die
Werbeflächen füllt, wenn es nichts zu werben gibt, ist sie eine
gesellschaftliche Instanz und steht für Kraftverdacht. Sie darf ihn
äußern, wann immer und wo sie will. Dem oder der Kräftigen – oder
als kräftig Verdächtigten – öffnet es alle Verschläge und Nischen
der Gesellschaft. Zum Dank trägt er oder sie eine Banane am Revers
oder an vergleichbar zugänglichen Stellen. Zugänglich sein – dies
ist die hauptsächliche Aufgabe aller, die unter Kraftverdacht
stehen, und sie kommen ihr in umfassender Weise nach.
Dafür dürfen sie sich ein wenig bereichern.
KREDITGRENZE
Während man jedes Stäubchen Macht einer Zweifelsbetrachtung unterzieht, wird jedes Stück Glauben für bare Münze genommen. Was fehlt, ist eine Kritik des Glaubens, der Glaubensbereitschaft ohne System und ohne Punkt und Komma, der alltäglichen informellen Gläubigkeit, ohne die der Mensch nicht auskommt und die den hartnäckigsten Leugner im Handumdrehen überrollt. Man hat geglaubt, den Glauben zu kritisieren, indem man die religiösen Glaubenssysteme kritisierte. Ein großer Irrtum und ein verheerender dazu. Man hat eine Hülle gesprengt und den Stoff in alle Winde zerstreut. Man hat sich für den Glauben das Glauben eingehandelt und alle sind jetzt
believers. Jedes Wissen ist heute ein ›geglaubtes‹. Wer etwas anderes sagt, lügt oder glaubt, er sage die Wahrheit, was in der Sache auf dasselbe hinausläuft. Die Wahrheit muss geglaubt werden, sie ist das, was man ›zu wissen glaubt‹, das allein macht sie kenntlich, und woran man nicht glaubt, daran muss man augenscheinlich auch nicht... glauben, was sonst? Es gibt keine Wahrheit, sagt der herrschende Glaube, der alleinseligmachende, der alles weiß. Nein, es gibt keine Wahrheit, das liegt am Es und seiner mangelnden Bereitschaft zu geben. Und selbst wenn es gäbe, glaubten wir ihm kein Wort. Nur der Unglaube ist schöner als alles Glauben, er ist hartnäckiger, zäher und frisst jeden Glaubensartikel auf, während er die allgegenwärtige, allbereite Glaubensbereitschaft anheizt. Der Unglaube ist der Treibsatz hinter dem Glauben, sein Panier. ›Ich glaube nicht‹ – so beginnen viele Sätze, vielleicht, wenn man in sie hineinhört, die meisten. ›Ich glaube ja eher...‹ Etwas anderes zu glauben wäre entschieden naiv, das lehnt jeder ab, der zu glauben gelernt hat. Was hat er da gelernt? Vielleicht das: Kredit zu geben. Ist es das? Kredit? Kann ich mir das leisten? Kann ich mir gerade das leisten? Nein, ich kann es nicht. Und selbst wenn ich es könnte, warum sollte ich? Sprechen wir es aus: leistete ich es mir, so würde es über mich verfügen, vielleicht nur über ein kleines Stück von mir, aber dieser Gedanke wäre mir unerträglich, er ist es jetzt schon, und fort ist der Kredit. Nein, kein Kredit. Stehe ich denn fest? Worauf? Nein, es ist die Planke, nach der ich mich strecke, sie schwimmt soeben vorbei und könnte mich forttragen, ein Stück weit, nicht sehr viel, denn die See ist mit Planken übersät und ich habe, wohin ich greife, die Wahl. Das Wirkliche will ergriffen werden, nur so wird es wirklich.
Wirklich glauben also, darauf läuft es hinaus. Ein unwirklicher Glaube trägt, aber nicht wirklich. Was ich wirklich glaube, das entscheide ich, wenn es soweit ist. Das heißt, ich entscheide es nicht, sondern ich glaube einfach, was mir sinnvoll erscheint, zu seiner Zeit, zu keiner anderen. Sinnvoll also muss etwas erscheinen, damit ich mich dafür entscheide: es scheint und ich glaube. Ohne den Schein des Sinns geht nichts. Aber was ist der Schein des Sinns? Das Aufscheinen des Glaubens? Sinn und Glauben gehen zusammen, sie gehen durch jeden Spalt. Diesen Unsinn sollte ich glauben? Das gerade bleibt ausgeschlossen. Wenn sich der Sinn verwirrt, geht der Glaube baden. Worin er badet? Das weiß doch jeder. Der Unglaube ist der Jungbrunnen des Glaubens. Hier sammelt er seine Kräfte, von hier kehrt er erfrischt in die Arena zurück.
KÜR
Dies sind die Wege der Kür und wir sind sie nicht gegangen, teils,
weil die Pflicht uns rief, teils, weil wir anders unterwegs waren.
Ein Fehler? Das wollen wir nicht hoffen, das wäre ja, als müsse man
sich vergiften, bevor man sich in den Brunnen stürzt, um ernst
genommen zu werden. Andererseits – was wäre daran schon Besonderes?
Das Besondere an der Kür liegt, das wissen alle, die schon immer
dabei waren, im Moment der Wahl. Der, auf den sie fällt, darf sich
verbeugen, das lastet ihn aus und erfüllt ihn womit? Ein Segen,
dass er es nicht weiß, denn das Hochgefühl, das er empfindet, ist
vor allem eins: ein geschickter Stellvertreter. Sein Körper hat ihn
hastig gezimmert, ein paar Bretter und Nägel, alles was recht war
im
Augenblick der Not, so
umsichtig reagieren Körper, wenn sie gefragt werden. Sie werden es
eher selten, dafür trainieren sie viel vor blinden Spiegeln. Am
Ende gelingt ihnen ein Gefühl und ihr Auftritt ist eine Wucht.
Hinter dem Hochgefühl, an seiner Rückseite, wo die Spanndrähte
laufen, nagen die Zweifel, die unbedacht blieben. Sie sind nicht
gefragt, sie gehören nicht zur Erfüllung. Die Erfüllung selbst
bleibt leer, eine Breitseite, wie man unter angeheuerten Landratten
sagt, aus der nichts folgt. Das ist auch, alles in allem, besser
so. Wie selbstlos muss einer sein, um mit bloßem Finger den
Nachteil herauszufischen, der im Vortreten liegt. Ein Stiefel,
wer’s kann.
Mit schönen Menschen in den Ring steigen ist ein Privileg der
Dummheit.
KULTURFALLE
Hier entsteht ein Werk, beinahe selbsttätig, es erblüht
gedankenreich unter den Händen, den emsig über die Tasten
gleitenden Fingern, und draußen steht einer und sagt »hoho« und
»nana« und »soso« und spricht vom trügerischen Werkbegriff und vom
nichtexistenten Autor, mit einer Stimme, nur leise und seltsam
undeutlich im Rattern und Summen der Druckmaschinen vernehmbar, die
seine Gedanken unters Gelehrtenvolk bringen. »Da bin ich wohl in
die Kulturfalle geraten«, denkt der, dem das gerade passiert, »aber
warum? Sollte es nicht so sein, dass dieser da und ich Verbündete
sind? Aber in welchem Fall? Und in welcher Sache? Es gibt wenig
Gemeinsamkeit in der Welt, das ist wahr. Auch die Gedanken müssen
sich auseinanderlegen, um da zu sein, am besten so weit, dass sie
links und rechts herunterfallen und aufgehoben werden müssen, denn
das Aufgehobensein ist ihre Weise zu überleben. Aber der da, was
denkt so einer überhaupt? Denkt er überhaupt? Er zieht andere bei
den Ohren, während er sich am Ohrläppchen zupft, das macht Eindruck
auf alle Ohrläppchen, so möchten sie auch verwöhnt werden.« Wer so
denkt, wird es schwer haben, sich durchzusetzen, denn er wird nicht
einsehen, dass er dem da zu Willen sein muss und wenn schon nicht
ihm, dann all denen, die nicht aufhören können, die Sprüche dessen
da nachzubeten, besser gesagt, herunterzuleiern, als stünde der
Jüngste Tag dicht bevor und als gelte es, bis dahin unbedingt
durchzuhalten. Der da, ein Standbild seiner selbst, steht bereits
entrückt, ein paar Wolken sind um ihn aufgezogen, bald wird er
Blitze schleudern, so ehern steht’s um sein Kinn.
Eines Tages aber, der Gefoppte ward alt und weise inzwischen, ist
die Luft rein und der da fort. Was ist geschehen? Ist das Papier
ausgegangen? Hat sich der Äther empört? Wurde das Erz eingezogen?
Nichts dergleichen, natürlich. Nichts ist geschehen. Dass nichts
geschieht, dass es immer wieder geschieht und alles, was nicht
geschieht, mit allem, was geschehen ist und geschehen hätte können,
zusammen entsorgt, das ist, gelinde gesagt, der Skandal der Kultur,
aller Kultur, ihr inhärentes Maß.
KULTURNATION
In Deutschland erwürgt man die Literatur in den Windeln, indem man
von ihr Taten verlangt, statt ihr zuzuhören. Das erging der
Romantik nicht anders als dem lebensphilosophisch motivierten
Aufbruch vor dem Ersten Weltkrieg. Die Weimarer Literaten waren
bereits verständigt und ›ethisch‹ motiviert bis in die
Staatszerstörung hinein. Lauter abgebrochene, autoritativ
ruhiggestellte, im schlimmeren Fall als Kanonenfutter verheizte
oder von Mordbuben gehetzte Bewegungen, unter denen der Romantik
die zweifelhafte Ehre widerfuhr, als dauerhafter ›Ausdruck‹ der
deutschen Seele in Spiritus gestellt und gelegentlich zu
Demonstrationszwecken aus dem Regal geholt zu werden – auch und
gerade von Leuten, denen bei ihrem Anblick das Messer im Sack
aufzugehen pflegt. Mit dem Ausdrücken ist das so eine Sache, es
beginnt bei den Jugendpickeln und endet bei den mechanischen
Kopierern, die selten imstande sind, mehr als ein vergröbertes
Abbild zu liefern, angesichts dessen man erst eine Weile überlegen
muss, wo oben und unten ist und wie die Seiten zusammengehören.
Diese schlechten Kopien bilden zusammen das, was eine
Mehrheitsüberzeugung von Leuten, die weiß Gott anderes zu tun
haben, Kultur nennt, am besten lebendige. ›Unsere reiche Kultur‹
kann es sich leisten, den armen Schluckern vom Überfluss abzugeben.
Man sitzt am Tisch der Kultur, als handle es sich darum zu prassen.
Währenddessen studiert man die Unterlagen, Dossiers, die dies und
jenes Interessante verzeichnen, Schlafgewohnheiten, sexuelle
Neigungen, verdächtige Äußerungen von Leuten, die lange tot sind
und von anderen Leuten geplagt wurden, die schon genauso verfuhren.
Man nennt es ›aufmerksam sein‹.
KULTURWÜSTE
Wie jeder Anschluss hat auch dieser binnen kurzem Wüste erzeugt. Nichts gegen die Wüste, doch diese hier hätte vermieden werden können, sie musste nicht sein, oder doch? Wer verfügt Wüsten aus blühenden Landschaften, so dass man nicht unterscheiden kann, wo das eine aufhört und das andere anfängt? Oder sind beide eins? Im
Yagir herrscht die Auffassung, dass durch die Wüste hindurch muss, wer das Gelobte Land erreichen will. Sie nennen das, nicht ohne Hohn in der Stimme, ›unsere kulturelle Option‹. Manchmal liest man die Buchstabenfolge UKO an einer Fabrikwand, da und dort findet sie sich auch an Wohnhäusern, häufig mit einem Punkt im O, der wie ein Abschluss wirkt. Wenn man ihn genauer betrachtet, dann sieht er aus, als habe sich der Schreiber durch ihn hindurch aus dem Bild entfernt. Wohin? Durch die Wand? Durch die Wand zu wollen gilt im Yagir als kulturelle Option, vor allem, wenn es mit dem Kopf geschieht, doch sind noch mehr Organe im Einsatz. Dieser Fall hingegen liegt anders. Wer mit dem Kopf durch die Wand will, wünscht sich nicht zu entfernen, er will die volle Gegenwart, das kann bitter werden. Im Grunde seines Herzens liebt er die Bitterkeit und macht ihr ein Angebot. Dieser hier hat, wie es scheint, nichts mit ihr zu schaffen. Schon der Schwung seines U ist bewundernswert und stößt an die Wolken. Aber göttlich ist das zum Trichter ausgebildete O, das Organ des Verschwindens, es saugt den Schreibenden ein und stößt ihn vorwärts, während er vorstößt oder vielmehr die Bewegung des Schreibens, in die er hineingeriet wie in einen Orkan, ihn hinreißt und versiegelt in einem. Versiegelt, ja, so sollte man die Stelle nennen, die ihn auf irgendeine Weise noch immer enthält, wenngleich nur von ferne. Bleibt das K zu erläutern, das die Schreibbewegung durchläuft, durchlaufen muss, möchte man sagen, das notwendige Mittelstück aller Bewegung, ihr Ausweis, ohne den sie nicht existierte. Ein K kommt selten allein, es sind ihrer viele, wie schon das Wort Kakophonie bezeugt, eines der Hauptwörter der Bewegung. »K« sagt der Yagirit und seine Stimme bebt von Bedeutung, er erscheint innerlich bewegt und muss sich stützen. Rasch ist ein K herbeigeschafft, es besitzt die Form einer Krücke. Dieses Wort ist verpönt, es ist außer Dienst gestellt wie viele Personen im Yagir, die weiter arbeiten, als sei nichts geschehen. Man bezahlt sie trotzdem und alle sind zufrieden. Nur das Krisen-K tanzt aus der Reihe und verlangt Aufmerksamkeit, ein seltenes Gut, das vielleicht keines ist, sondern ein Aussatz. Raumgreifend nennt man eine Bewegung, die Aufmerksamkeit erheischt, doch da liegt vielleicht das Missverständnis.
KULTURZUTEILER
Kultur gehört zu den knappen Gütern. Deshalb ist es in
Spannungszeiten erlaubt, sie zu rationieren und von Amts wegen
zuzuteilen, damit keiner zu kurz kommt. Die schwere und
verantwortungsvolle Aufgabe des Austeilens fällt an die Literaten,
die sich ihrer häufig mit großer Bravour entledigen. Das stellt ein
umso größeres Verdienst dar, als sie dafür Sorge zu tragen haben,
dass der überwiegende Teil bei ihnen verbleibt. Je größer das
Virtuosentum, desto leichter gelingt die Aufgabe der wunderbaren
Kulturvermehrung hüben und drüben, so dass an ihnen das Wort
zuschanden wird:
Geben ist
seliger denn Nehmen. Autoren wie Rudolf Borchardt in
Deutschland oder Alberto
Savinio
in Italien haben es in dieser Klasse zur Meisterschaft gebracht.
Auf ihre Prosa trifft vielleicht das Wort zu, das von Brecht auf
eine ganz andere Handschrift gemünzt wurde:
Der preußische Adler / Den Kleinen hackt er /
Das Futter ins Mäulchen. Wobei Savinio zugute gehalten
werden muss, dass er für seine Nation immer eine Extraration unter
dem Ladentisch bereithält. Als überzeugter Internationalist muss er
dagegen streng sein. Ihre Hoheit, die mediterrane Kultur, gibt
sich nicht aus, sie teilt nur aus, und wehe denen, die diese edle
Form der Zuwendung nicht zu schätzen wissen. Der Ahnherr aller
Kulturzuteiler hingegen stammt aus Sachsen: ein Adler zwar, aber
ein ängstlicher, wie sein mutiger Biograph zu Recht vermutete.
Diese angeborene Lehrer-Ängstlichkeit verpasste dem tradierten
Europa einen Großteil seiner Noten – ein überwältigender Erfolg, allein
wenn man bedenkt, wie schamlos das Bewertungsschema von
aller Welt übernommen und nach Bedarf modifiziert wurde. Ein
schöner Nebenzug verdient ebenfalls bemerkt zu werden: Was
immer
Nietzsche über
andere schrieb, es wurde irgendwann auch über ihn geschrieben. So
ist die Bildung zwar der Spiegel der Gebildeten, aber sie gibt
eilig zurück, was sie empfängt. Warum nur?
KUNST
Man hat den Aristokratismus aus der Kunst hinausgeworfen; man
wird ihn wieder in sie einführen müssen. Man hat mit Rorty und
anderen geglaubt, man müsse oder könne die Kunst demokratisieren,
aber man hat sich nur den Hochmut von Leuten eingefangen, von denen
nichts erwartet werden darf als die soziale Tugend des Drückens,
und die selbst nichts von ihr erwarten als Karrieren. Man hat die
Kunst sinnloserweise an das soziale Spiel ausgeliefert, ohne ein
paar Mindestanforderungen zu formulieren. Man hat sie einem
Menschentypus ausgeliefert, der mit ein paar Handgriffen dafür
sorgt, dass diejenigen, denen es um die Kunst zu tun ist und die
man traditionell Künstler nennt, in ihr nichts zu suchen haben und
nichts an ihr finden können. Die Kunst ist das erste
hochdifferenzierte Teilsystem der Kultur, das in ein Medium bloßer
Kommunikation verwandelt wurde. Wer das Gewäsch leid ist, muss ihre
Gesellschaft meiden. Als hätten sie einen Ausgleich zu schaffen,
sind die Techniken der Reproduktion denen der Vergangenheit so
unendlich überlegen, dass die Museumsbestände mühelos die Grenzen
von Raum und Zeit überwinden. An den Ausstellungskatalogen werden
die Originale zuschanden. Sie fügen sich einer neuen Gegenwart ein,
einer Hypergegenwart, in der die Größen des Betriebs zu Randfiguren
schrumpfen, die niemanden ernstlich kümmern. Das, nicht die
angebliche Gewöhnung an die erregende und erregte Kunstsprache der
Moderne, hat dazu geführt, dass die Gesellschaft ihre Künstler für
friedliche Gartenzwerge hält, an deren Tun und Lassen kein Mensch
Anstoß nimmt, der seine fünf Sinne beisammen hat. Emphase für die
Kunst ist heute Ausdruck von Schwachsinn. Die Sirenen schweigen:
alle Macht der Künste ist darin versammelt.
KUNSTINSTITUT
»Das ›Nationale‹ ist eine ›Frage‹, die heute entweder unterschätzt
oder bloß vom äußeren und oberflächlich-wirtschaftlichen
Standpunkte behandelt wird, weshalb seine negativen Seiten stark in
den Vordergrund treten und das Anderseitige spurlos verdecken. Und
gerade dieses Anderseitige, d.h. das Innere, ist das Wesentliche.
Von diesem letzteren Standpunkte aus würde die Summe der Nationen
nicht eine Dissonanz, sondern eine Konsonanz bilden. Wahrscheinlich
wird auch in diesem scheinbar hoffnungslosen Falle die Kunst –
dieses Mal auf wissenschaftlichem Wege – unbewusst oder
unwillkürlich harmonisierend eingreifen. Die Verwirklichung der
Idee der zu organisierenden internationalen Kunstinstitute kann
eine Einleitung dazu werden.« So Kandinsky 1926. – Ergänzend ließe
sich feststellen, dass die Organisation der Kunstideen auf der
Grundlage breitester Zustimmung auf genau zweierlei Weise zu
verwirklichen ist: durch den Verzicht auf Ideen oder durch Moden
als Meta-Instanzen, die an die Stelle des ›wissenschaftlichen
Weges‹ treten, wenn sie nicht einfach auf diesem Wege Verbreitung
finden.
KUNSTPOLIZEY
Danteske Betrachtung
Zur Übergabe unerträglicher Zustände der
Kunst, an Richter in unbekannten
Zuständen des Bewusstseins und der ästhetischen Erkenntnis, bedient
sich in neuerer Zeit ein offenbar unerklärliches Machtfeld
gereizter Geister der Hilfe unbekannter Fahndungsorgane. Es
geschieht, dass sich die Verhaftung und Überführung der Dummheit in
Bündeln oder personifizierbaren Sprüchen immer öfter ereignet.
(Bisher konnten dazu nur im
Alphazet Andeutungen gefunden
werden.)
Zerstörungsprozesse des
Mal
governo sowie die banalen Dogmen einer frech
besitzergreifenden Oberwelt, die immer mehr der einstigen Unterwelt
gleicht, werden plötzlich mitsamt ihren Vertretern erfasst und
abgeführt, und zwar von einer unsichtbar agierenden,
metaphysisch-dämonischen Kunstpolizey. Diesen völlig neuartigen
Zugriff auf die Phrasen vorsetzlicher oder unschuldiger Verblödung,
durch welche die wahren Künste verdrängt worden sind, bekommt man
jetzt in Träumen von seltsamer Süße zu sehen. Man sieht in ihnen,
wie die alten geschichts-moralischen Dogmen samt den üblen Kadavern
ständiger Kopien ihrer selbst ganz plötzlich, gleichsam intuitiv,
nach rätselhaften Urteilen der erwähnten Gerichtsbarkeit, in sich
zusammenstürzen und in tote Gebiete abgeführt werden. Das sind von
Geräuschen durchzogene Einöden ohne Landschaft, von keinem Himmel
bedeckt noch von Horizonten umgrenzt.
Die besondere Form des neuen Infernos besteht in einem
entsetzlichen Wissen, das den verurteilten Antikünstlern
eingepflanzt wird, wodurch sie den Folgen ihrer ehemaligen
Verwüstungen ebenso schutzlos ausgesetzt werden wie einst die von
ihrem Treiben erbarmungslos ausgerotteten Menschen des guten
Geschmacks und der feineren Nerven. Die Geister dieses Ortes sind
abseitige Philosophen, die mit hohen und schweren Denkaufgaben, die
sie pausenlos offenbaren, die verurteilten Schwachköpfe aufs
Tödlichste langweilen, indessen zugleich eine völlig selbständig
gewordene Kunst, die sie einst gehasst und beiseite geschafft
haben, aufs Schlimmste über sie kommt und sie peinigt. Die
plötzliche Begegnung mit ihrer eigenen, stark verkürzten
Intelligenz und den Geistern des Platzes wird auch deswegen zur
äußersten Qual, weil der Unterricht zwar empfunden, aber niemals
begriffen wird.
Bilder von neuer und großer Schönheit, begleitet von einer Musik
der Gedanken, die sie nicht verstehen, treibt ihre aufs höchste
gereizten Gehirne in gespaltene Zustände aus Scham und Verwirrung.
Einer Sonderform ihrer kritischen Dummheit, einer erkennenden
Gefühlskraft, sind sie hoffnungslos ausgeliefert und sie versetzt
sie in rasende Wut. Überhaupt ist diese Abteilung der Hölle völlig
neu und quält die Kulturverderber durch wirkliche Kunst, die sie
sinnlos verfluchen. Man sollte auch wissen, daß seit der Aufklärung
der Stil der Hölle gewechselt hat. Im großen und ganzen ist sie
heute ein aus Banalitäten zusammengesetztes Regietheater
kollektiver Satanie. Eine Massenveranstaltung folgt der
anderen.
Das ganze Gebiet, das einstmals in all seiner Dunkelheit durchaus
noch das glanzvolle Gepränge des Herrn dieser Welt zu bieten hatte,
ist den Antikünstlern durch eine wissende Unbildung gänzlich
entzogen. Sie leben in in einer Art qualvoll erkennender Barbarei,
ohne den Ausgleich eines dunklen Genusses dämonischer Schönheit.
Töpfe mit Kunstschlamm aus tierischem Eiweiß, gleich dem Schleim
der von ihnen verbreiteten Abkunft der Menschen, die nie eine Seele
besaßen, gehören zu ihren Speisen. Das furchtbare Wort an den
Säulen der anatomischen Finsternis: ›Die Toten lehren die
Lebenden‹, wird hier mit Zirkeln und Mikroskopen
scheinwissenschaftlich gekocht und tierisch verschlungen. -
PM
KUNSTSONNE
Die moderne Kunst ist in Paris aufgegangen und man merkt es ihr an.
Was danach kam, ging nicht mehr auf, sondern strahlte verlegen.
Auch daran hat sich das Publikum gewöhnt, das seine eigene
Verlegenheit ablegte, sobald es lernte, dass es durchaus gemeint
war. Das Publikum strahlt zurück, es ist mehr ein Glimmen in den
Augen, aber es reicht, das Feuer der Kunst zu steigern. Ein
Aufenthalt in den gehobenen Kunstbezirken ist wenig mehr als ein
Autodafé, bei dem keine Menschen verbrannt werden, sondern Scheine.
Das alte Scheinen der Kunst ist zurückgekehrt, aber im Plural. Das
Scheineverbrennen bestimmt die Verweildauer vor dem Gebilde, der
Arbeit, dem Arrangement –
meist geht es schnell, im Vorübergehen, manchmal kommt ein schwer
brennbares Stück unter, da steigt die Neugier, wie es sich macht.
»Weitergehen, nicht stehenbleiben« steht in Scheintinte über den
Anstalten, die sich mit teuren Anschaffungen in die
Aufmerksamkeitszone beamen, aber das wissen die Leute selbst. Die
Kunstsonne spendet das Licht, für das Inventar und die Wände sind
die Menschen verantwortlich. So steht hinter jedem Schein eine
Wand, die hält, bis sie abgerissen und durch eine andere ersetzt
wird. Das kann dauern, aber alles in allem bleibt die Sache
überschaubar. »Macht keine Witze« steht über dem guten Stück,
jedenfalls kann man es auf den Gesichtern lesen, die darauf
starren. Nein, sie machen keine Witze, die Guten – weder die einen
noch die anderen. Es fällt ihnen wenig ein.
KURIOSITÄT
›Emanzen‹ nannte man Frauen, die einen bestimmten Lebensstil
pflegten und damit kenntlich wurden – gefürchtet, verehrt,
belächelt, verhöhnt, aber selten mit Gleichgültigkeit bedacht. Seit
der Staat die Emanzipation in seine administrativen Hände genommen
hat, ist eine Emanzipierte eine, die ihre Pflicht gegen das gemeine
Wesen dadurch erfüllt, dass sie Berufe ›erobert‹ – wogegen prima
vista nichts spricht, auch nicht
seconda vista, außer vielleicht, hier
und da, die Methode. Aber der Staat der Dienstleister lässt sich
diese Dienstleistung, für die er ›kämpft‹ und die er am Ende
verlangt, mit einem Konformismus des ›Perfektseins‹ bezahlen, der
an die alte Tugend des Gehorsams erinnert und bis in die letzten
geformten Sätze, in die Blicke und Nagelrundungen hinein bekundet,
wem er gehört. Frauen haben in leidvollen Jahren gelernt, mit
diesem unerwarteten Phänomen umzugehen; inzwischen wissen die
meisten halbwegs, wie man sich seiner an den Grenzen zum
Privatleben entledigt. Das macht das alte Emanzenblatt zu einer
wirklichen Kuriosität. Die jungen Frauen sehen hinein wie in einen
Koffer voll Wäsche, den ihre Mütter einst packten, um zu ›gehen‹,
und den sie jetzt auf dem Dachboden finden. Vater war schneller.
KURSBUCH
Kurs halten, sagen die Schlaumeier, die See ist glatt und das Ziel
hinter dem Horizont, jedenfalls versinkt es dort gerade, wir werden
es nicht mehr schaffen. Na und? Der Bogen ist gespannt, der Pfeil
flirrt, er steht in der Luft. Der Rest ergibt sich von selbst oder
wie von selbst, den Unterschied wollen wir kappen. Wir haben die
Pest an Bord, eine schöne Leiche geben wir, aus lebhaftem
Personal, das sieht berückend aus und wer weiß? Organisation ist
alles. Diese latente Neigung zur Gewalt macht uns zu schaffen, aber
es gibt Ventile. Was wäre denn gewonnen, wenn wir an Land gingen?
Kursbücher wird man lesen, solange die Reiselust unter den Menschen
anhält. »Wann fährt der Zug?« ist eine ebenso naheliegende Frage
wie die nach dem nächsten Hafen. Der Aufbruch enthält den Bruch wie
die Sirene den Marterpfahl des Odysseus. Man bricht ein, wenn man
aufbricht, aber man überdeckt es durch Hochgefühl.
KURZWEIL
Es soll Leute gegeben haben, die vor Langeweile gestorben sind,
selbst zu Zeiten, zu denen so etwas gang und gäbe war, jedenfalls
von heute aus betrachtet, was bereits einem Standpunkt gleichkommt.
Das muss sich geändert haben, jedenfalls stirbt einer heute eher an
Kurz- als an Langeweile. Die kurze Verweildauer wird zum Problem
bei Patienten, die sich zum Sterben Zeit nehmen. Ihren letzten
Kampf fechten sie, wissentlich oder nicht, mit ungeduldigen
Klinikverwaltungen aus, die ihre Betten bereits verplant
haben.
Steh auf und
wandle: eine ganz normale Aufforderung an jemanden, der
seiner Gliedmaßen und vielleicht seiner Sinne nicht mehr ganz
mächtig ist. Nimmt ihn eine barmherzige Seele mit, verbucht man’s
als Heilungserfolg. Gestorben wird dann halt anderswo. Und es ist
was dran. Nur was? Die kurze Weile ist ein Symbol für
das
Leben, das nirgends zureicht. Da
freut sich einer mit seinen Lesern aufs Alter, weil ihm die
Gehirnforschung sagt, dass man gegen Demenz etwas tun kann –
endlich etwas tun, nach so vielen Jahren des Nichtstuns, der
Kurzatmigkeit, ein Aufatmen geht durch den Mann, er ist ganz aus
dem Häuschen. Eine Demenz ist auch schon gebucht, sie freut sich
aufs Treffen.
L
LATTE MACCHIATO
»Die Sorgen und Ängste der Menschen zum Ausdruck bringen« – ist es das? Ist es besser, sie einzulullen: »Mach dir keine Sorgen, du lebst nur heute«? Dabei liegt gerade da der Hase im Pfeffer. Wer nur heute lebte, der wäre fein heraus. Und doch würde er sich Sorgen machen: Was geschieht morgen? Was passiert, wenn ich nicht dabei bin? Kann das gut sein? Und wie ist das, nicht mehr zu sein? Ist es so wie nicht sein? Wie war ich überhaupt, als ich noch nicht war? War ich gut? Sicher war ich gut, damals, bevor alles schief lief. Gern wäre ich wieder so gut wie damals, vor meiner Zeit, also zu meiner Zeit, als sie noch keine war. Eine Zeit, die keine ist? Also kein Morgen? Also kein: Ich werde nicht mehr sein? Das ›nicht mehr‹ gilt nur für die anderen? Es geht mich nichts an? Wieso lebe ich dann nur heute? Lebe ich überhaupt? Bin ich nicht tot? Bin ich nicht begraben unter lauter Kram, der mich nichts angeht? Müsste ich nicht aufstehen und hinausgehen, um nachzusehen, wie es aussieht, dort draußen? Aber nein, ich bin doch kein Schlächter, ich kann diesen Organismus, der Ich sagt, kaut, verdaut und all diese Dinge bewerkstelligt, von denen man sagt, sie seien das Leben oder sich machten es aus oder es bestünde daraus oder so sei das eben oder daran ließe sich nun mal nichts ändern, ich kann ihn nicht zerstören. Er zerstört sich ja selbst und ich sehe dabei zu. Mache ich mir deswegen Sorgen? Eine gewisse Ängstlichkeit scheint aus diesem Ich nicht wegzudenken. Darum also muss ich mir keine Sorgen machen. Ich lebe im Heute und das ist nur ungenau gesagt, denn ich erinnere mich nicht daran, wie heute begann und weiß nicht, wie es endet, auch wenn ich darüber gewisse Erwartungen hege. Erwartungen also, das Leben kommt aus dem Wartestand nicht heraus. Dennoch warte ich darauf, dass es mit dem Warten ein Ende nimmt, bevor das Ende eintritt. Tritt es denn ein? Begrüßt es einen mit Handschlag? Darf man es auf sich aufmerksam machen? Ihm vielleicht bedeuten, wie lange es auf sich hat warten lassen und dass es mir jetzt etwas bieten muss? Schließlich ist es mein Ende, es wird sich mit mir beschäftigen müssen. Wie lange? Bringt es Zeit mit? Viel Zeit? Quälend viel Zeit? Ausreichend Zeit? Oder geht alles auch diesmal huschhusch und wieder weiß keiner, wohin die Zeit gegangen ist? Die gute Zeit, die Zeit der Sorgen und Ängste: da geht sie hin und keiner kann sie aufhalten. Seltsamer noch, das alles spielt heute, jetzt, jetzt, jetzt, j... Diese Gedanken sind nicht aufzuhalten, nicht abzuwehren und unüberwindlich. Vielleicht überwinden sie sich selbst, schließlich sind es Gedanken und unterliegen den Gesetzmäßigkeiten des Denkens. Nur Gedanken können Gedanken überwinden und letzte Gedanken sind letztlich mit sich allein.
LAUTENSCHLÄGER
Eigenartiger Ausdruck, der daran erinnert, dass die Lauten geschlagen werden, immer und immer wieder. Die Lauten wie die Leisen, sie müssen geschlagen werden, das ist der Gong der Welt. Die geläuterten Deutschen, die nicht sehen wollen, dass sie geschlagen, und noch viel weniger wissen, wie sie geschlagen wurden, wünschen sich weder laut noch leise getroffen, sie hassen den Aufschrei und lieben es, ihn zu unterdrücken. Am liebsten möchten sie gar nicht getroffen werden. Man trifft sie deshalb selten zu Hause an und nie, ohne dass sie schon ein wenig getrunken haben und ihre Offenheit damit relativieren. Nein, sie sind nicht offen, sie weichen auch selten aus. Sie sprechen deutlich, überdeutlich und damit
beyond interpretation über alles Mögliche, worüber Klügere lieber schweigen. Andererseits schweigen sie gern, um Stimmen Raum zu geben, von denen sie sich Belehrung versprechen. Leider werden Völker selten belehrt, außer von Großsprechern und Windbeuteln. »Über alles, worüber sonst?« lautet das verborgene Motto und keiner weiß, wie es damit weitergeht. Ein belehrtes Volk, so würde man sie gerne nennen und findet, wohin man auch blickt, wenig Anlass – so vieles geschieht unbelehrt und unbelehrbar vor, unter und hinter den Belehrungen, dass, wer die Lauten schlägt, nur die Leisen findet, die Leisetreterischen und leise Treterischen, sprachvergessen und lärmversessen ohne Ende.
LEBEN
»Würdest du so leben wollen, wie die tot sind?« – Die immer
virulente Frage stellt sich nicht allein vor Gräbern, gleich
welcher Ausstattung, sie stellt sich ganz allgemein angesichts der
erdrückenden Übermacht des Vergangenen, die nicht anders, nur
gespenstischer anmutete, wöge die gegenwärtige Weltbevölkerung die
gesamte bisherige Menschheit zahlenmäßig auf. Die Übermacht der
Vergangenheit ist die Übermacht der Kausalität, des
nexus rerum universalis, in den auch
die Wertungen hineingehören, denen die Lebenden unterliegen.
Erbarmenswert ist das Dasein derer, die unter dem Diktat der
Wertungen anderer dahinleben, ohne eigene dagegensetzen zu können
oder von ihnen getragen zu werden. Doch wird man hier unterscheiden
zwischen dem objektiven und dem subjektiven Fall. Denn auch was
eigene Wertungen sind, regelt sich im Verkehr der Menschen
untereinander und so fällt die ganze Entgegensetzung dahin. Am Ende
bleibt das Problem der Bettung zwischen Menschen, die einem näher
stehen als andere, einem aber im Ernstfall auch nicht helfen
können, weil sie sich selbst nicht zu helfen vermögen. Ein
sadistisches Ranking sorgt dafür, dass die Ränge immer gefüllt
sind. Was ein Mensch wert sei, entscheiden Ökonomen, ohne mit der
Wimper zu zucken, es ist aber vorab entschieden in der
Wertschätzung, welche die Ökonomie selbst genießt und in den
Interpretationen wuchert, die Ökonomen und Nichtökonomen ihr
angedeihen lassen. So gibt es eine der Ökonomie
vorgeschaltete Ökonomie, in der das Leben des Einzelnen nach
Weltregionen und Kollektivzugehörigkeiten bereits taxiert ist,
lange bevor er zu krähen beginnt. Man sieht es an den teuren Toten
der Naturkatastrophen und Kriege, die von den Medien zu
unterschiedlichen Preisen gehandelt werden. – »Aber das weiß doch
jeder!« Das ist es, gerade das. – Es gibt andere Fälle, z. B. die
Vorratshaltung an Guten und Bösen, an
Schurken im Weltmaßstab, die dem
Betrachter atemberaubend erscheint und sich ungeniert beliebiger
Individuen bedient, die durch die Zufälle der Geburt in ihre Netze
geraten. Auch die Konstruktion der Vergangenheit schafft
ihre
Ungeheuer:
Zwitterwesen, die weder ganz vergangen noch ganz gegenwärtig sind,
halb Mensch, halb Dämon, klauenbehaftet, beliebig zitierbar, bis
zur Unkenntlichkeit kenntlich.
LEBENSERWARTUNG
Dass die durchschnittliche Lebenserwartung in der westlichen
Wohlstandszone seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs steigt und
steigt, wird gern durch die verbesserte medizinische Versorgung,
den technologischen Fortschritt, die besseren Nahrungsmittel, die
gesünderen Lebensumstände erklärt, lauter Faktoren, die sich leicht
objektivieren lassen und insofern ›stimmen‹, obwohl aus ihnen die
Wut nicht begreifbar wird, mit der sich ›die Gesellschaft‹ auf die
Herstellung all dieser Umstände geworfen hat, warum sie an dieser
Stelle so viele Umstände macht. Vielleicht deswegen, weil ihr das
Überleben um jeden Preis eingeprägt ist, weil es die Lektion ist,
die sie aufs Eindrücklichste gelernt hat. Dazu gehören auch andere
wie die, auf der richtigen Seite stehen zu müssen, koste es, was es
wolle, und die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, auch wenn es
schmerzt. Die richtige Seite ist die, die sich durchsetzt – wie
wäre sie sonst die richtige? Was Agamben das Lagermodell nennt,
wäre die Fixierung aufs Überleben, eine Verengung der Erwartung,
ein dünner Erwartungsfaden, der alles, nur nicht abreißen darf:
mehr wird nicht erwartet. ›Weiter, weiter!‹ ist die Formel eines
Lebens in Erwartung von nichts Besonderem außer dem, dass es weiter
geht, jede Stunde, jede Minute ein Gewinn. Wer sich zum Sterben
niederlegen möchte, wer sterbensmüde ist und sich prompt in
Granatenhagel und unter fallende Bomben zurückversetzt findet, der
fügt sich jeder Rehabilitationsmaßnahme, der will, was man von ihm
verlangt. Es wird auch wieder anders gestorben werden, das ist der
leicht zu ziehende Schluss, wenn die Beobachtung stimmt.
LEICHTSINN
Wer einmal die Leichtigkeit der Bewegung gefunden hat, kehrt selten oder nie, eher nie als selten, zur schulmäßigen Bewegungsart zurück. Man muss also vermeiden, dass sich eine Art Selbstbewegung in den Köpfen herstellt. Zu den professionellen Weisen, sie zu unterdrücken, zählt die Praxis der permanenten Zurschaustellung: wer das Erreichte auf immer neuen Symposien, in immer neuen ›Kontexten‹, zwischen immer neuen Buchdeckeln, in immer neuen Worten – denn etwas anderes wäre Plagiat und Betrug am Kunden – darbieten muss, der muss auch immer wieder ins Geschirr der Ex- und Dispositionen zurück, der darf nicht, sondern muss wieder- und wiederholen, was ohne diese Anstrengung bereits halb und halb versackt wäre und neuen Aus- und Ansichten Platz gemacht hätte. Er muss kenntlich bleiben, verlässlich in seinen Themen und Überzeugungen und Forschungsergebnissen und Gefühlsszenarien, und überdies formal konsistent und vermittelbar, soll heißen, den gängigen Schematismen verbunden bis zum Abwinken. Abgewunken, das weiß die Kollegin, wird immer; dass jemand hinten im Bild schon die Fahne hebt, rührt ihr verborgenes Herz und lässt sie fürs nächste Symposium rüsten: Auf zum letzten Gefecht.
LEIDEN
Die chinesischen Arztpuppen dienten keineswegs bloß der Diskretion,
wie man heute platterdings behauptet, sondern sie stellten einen
geheimnisvollen Abstand her, der zwischen Körper und Geist, oder
zwischen dem leiblichen Dasein und seinem Spiegelbild, einen
Fetisch als Übergang setzte. Diese Brücken zwischen dem Brennpunkt
des Leidens und einem als nebelhaft fern empfundenen Ich bildeten
jene Puppen aus Holz, Leder, Porzellan und Elfenbein – in
ländlichen Gegenden genügte oft Stroh –, die es dem Arzt erlaubten,
mit seinem Patienten das Leiden als ferne Macht ins Visier zu
nehmen. Allein die Entfernung war bereits hilfreich.
Im Kaiserhaus und an den Höfen der Fürsten gab es Meister der
Puppen, Fu-hsi genannt. Sie verfügten über medizinisch geübte
Bogenschützen, die unter Lautenmusik dem Leidenden die Stellen
seines Übels an lebensgroßen Figuren zu deuten wussten. Letztere
wurden, teilweise mit ornamentalen Organen oder magischen Malereien
verziert, in astrologisch berechneter Entfernung vom Lager des
Kranken aufgestellt. Heutzutage betrachtet man sie
irrtümlicherweise als von Pfeilschüssen beschädigte
Kunstgegenstände.
»Wer sein Leiden nicht von sich selber zu trennen weiß, ist in
schlechter Verfassung. Er gewinnt keinen Abstand und der Feind hält
die Festung seines Hauptes besetzt.« So schreibt ein chinesische
Arzt, von dem wir nur über die Jesuiten in Japan den lateinischen
Namen kennen. Segmund van den Dusend, ein Arzt des Ordens, nennt
ihn in seiner Schrift
De
waterlosmakene kunst to de genezing schlicht oder auch
falsch:
Cui bono
(möglicherweise Tibetisch ›Shik-bon‹).
Es heißt, C.G. Jung sei im Besitz dieser Schrift gewesen und habe
sie gerne unter Studenten und Freunden in holländischer Sprache,
nicht ohne alemannische Klangfarben, zitiert, indem er behauptet
habe, dies stifte bereits den genügenden Abstand zwischen Körper
und Krankheit.
Interessanterweise setzt heute eine aufgeklärte
Wirklichkeitstrennung ein, die den Verlust des magischen Feldes
zwischen dem leidenden Menschen und seinem geistigen Spiegelbild
nicht mehr erfassen kann. »Der allein stehende Mensch hat seinen
Hof verloren«, sagt Homomaris, der in seiner Schrift
Gestaltgewinnung der Krankheiten durch die
plastische Kunst behauptet, die geglättete, organlose
Körperdarstellung des Menschen in der plastischen Kunst sei nichts
als eine geistlos-ästhetische Entwicklung der Arztpuppen. In
Sonderheit träfe dies auf die Darstellungen des heiligen Sebastian
zu, deren Pfeilschüsse Homomaris an einigen hundert Statuen,
zwischen Europa und Südamerika verglichen und untersucht haben
will.
Dass unter solchen Aspekten die katholische Kirche um
Neunzehnhundert eine Schrift über Nietzsches Leiden in lateinischer
Sprache herauszugeben gedachte, ist wenig bekannt. In ihr sollte
die Hauptursache seiner Erkrankung und der seines Vaters im
protestantischen Egozentrismus als der alleinigen Selbstexistenz
eines jeden Menschen vor Gott gesucht werden. Es heißt in dieser
Schrift, jeder Mensch besäße von seiner Geburt an eine leere
Persona oder Maske, besser
noch eine Seelenpuppe, die er im Laufe seines Lebens, das immer
auch Leiden bedeute, zu erlösen und zu besprechen habe. Der
Protestantismus habe allein an dieser Stelle der religiösen Medizin
so nachhaltig geschadet, dass in Europa und Amerika die
Geisteskrankheiten zu Volkskrankheiten geworden seien
(»democratissimus et morbus mentis«). Die Herausgabe der Schrift
schien aber um Neunzehnhundert bereits zu heikel, angeblich weil
sie dem Aberglauben in abgelegenen Gebieten der Kirche hätte
Nahrung geben können. In Wahrheit fürchtete man wohl den
massiven Widerspruch der längt irreal vagabundierenden
Vernunft.
Das unbewachte Leiden, abstandslos am Menschen haftend, ist darüber
zum modernen Problem geworden. Die Leiden werden in der uns fremd
gewordenen Natur gesucht und der leidende Mensch sozialisiert und
kollektiviert. - PM
LEIDENSCHAFT
Dass die leidenschaftliche Weltsicht Leiden schafft, liegt
einerseits in der Natur der Sache und geht andererseits weit über
sie hinaus. Wie alt muss einer werden, damit er beginnt, das Leiden
zu leiden? Am Leiden leiden viele, man nennt das Verdruss. Auch
hier gibt es Unterschiede, die selten auf den Tisch gebracht
werden, seit Einheitskost herrscht. Nehmen wir uns beim Wort und
werfen wir uns in die Stromschnellen des Verlangens. Das ist ein
Experiment, das keiner besonderen Mittel bedarf, eigentlich kein
Experiment, sondern eine Erscheinung. Und was passiert? Was soll
schon passieren, wenn
ER
erscheint? Oder
SIE? Oder
– horribile dictu! –
ES?
Das erste, was stört, ist die Sprache selbst, die schon weiter ist
und die Erscheinungen kassiert, eine um die andere. Die Sprache
vermittelt die Leidenschaft weiter, das will sie ja, da liegt das
Enigma. Eine Leidenschaft, die sich nicht auszudrücken vermag, die
nicht zur Sprache kommt, mag bleiben, wo der Pfeffer wächst, sie
korrespondiert keiner Seel’. Aber wehe, sie kommt, treu wie ein
Hund, wedelnd, brav, den Knochen im Maul – Verdruss! Die
leidenschaftliche Weltsicht entspringt dem Verdruss wie der Wärter
der Anstalt: freiwillig, doch mit flackerndem Blick und dem
unfreien Wunsch, der wohltätig verhängten Ruhe ein für alle Mal zu
entkommen. Erlangen könnte so jemand vieles, im Verlangen verdreht
es sich und wird unerreichbar. Wer dagegen im Sturm navigiert, als
säße er auf dem Trockenen, kann sich einbilden, er sei bald am Ziel
seiner Wünsche. So einen nennen die Mitmenschen eingebildet. »Ein
Schnösel«, schimpfen sie, »woher nimmt er das?« Geschöpft, liebe
Mitbewohner, alles geschöpft. Das Leiden leiden, damit ist alles
gesagt.
LEIDMASCHINE
Das ist der züngelnde, durch keinerlei Nebenabsichten zu zähmende
Schmerz, der sich kostbarer anfühlt als alle Tröstungen, den man
ihm anbietet und der sich vor ihnen versteckt, wenn sie gehäuft
auftreten oder das Feld zu behaupten versuchen, um hinter ihnen, in
einer einzigen Geste der linken Hand oder in einem stummen Moment
aufs Neue zu explodieren. Er nützt eine kleine beredsame Stelle im
Gehirn, die für ihn reserviert scheint, jedenfalls leer, bevor er
zu sprechen begann, und seine Sprache erstreckt sich über das Organ
des gewöhnlichen Reden hinaus bis auf die Zunge, die seinen
Geschmack aufnimmt und triefend wie ein Schwamm vor dem Absturz
bewahrt. Hüte deine Zunge! Das gilt niemals so wie in den Tagen des
Schmerzes, wenn sie durch die Reibung des sanften Gebrauchs
versucht, seiner Herr zu werden, und ihn doch nur verteilt: in
welche Richtung du ihn auch nötigst, er richtet sich in seiner
Folgsamkeit ein, die das Wort Trennung nicht kennt, und rollt sich,
blitzartig oder langsam, ein Reptil der Nötigung, rückwärts in
deine Substanzen zurück. Ein Lügner, der nicht mit dir leidet und
dich ruhig auf die Freiheit verweist, die dich wie ein Mantel
umfängt und die härteren Stöße des Schicksals abfedert. Ein Lügner
sagst du, einer von der Sorte, die sagen können, was sie
wollen; wenn er gerade in diesem Punkt die Wahrheit sagt, dann nur
deshalb, weil sie wie ein Scheinwerfer seine verquere Existenz
beleuchtet. Jedenfalls scheint es dir so. Nein, von dieser
Trennung gibt es kein Zurück, es gibt aber auch kein Vorwärts,
jedenfalls keins, das dich lockte. Die Lockung selbst hat ihre
Richtung geändert und ist retrospektiv geworden, eine Späherin in
Verhältnisse, die so niemals bestanden haben, Zukünfte von
Vergangenheiten, die nicht ausgeschöpft wurden, die Potential
hatten und es jetzt zeigen, eine Beinstellung hier, eine enthüllte
Rundung dort. Dieses obszöne Pack scheint zu wissen, was es will,
es scheint überhaupt nach Belieben zu wissen. Es hat sich in der
Kammer des Wissens verfangen und rast in ihr kreuz und quer, auf
und nieder wie ein Insekt, dessen letztes Stündlein geschlagen hat.
LEISTUNGSDRUCK
Etwas drückt an der Leistung und es sind keineswegs nur Linke, die
es bemerken. Es drückt gleichsam an der Wurzel und man bedarf
keines Spatens, um den Befund zu bestätigen oder zu erhärten. Im
Prinzip genügt ein klein wenig Lebenserfahrung, näherhin
der Umgang mit dem Unbedingten in seinen verschiedenen
Spielarten. Leistung ist unbedingt. Wer nicht aus sich
herauszuholen gewillt ist, was nie und nimmer in ihm gelegen ist,
der weiß nicht, wovon die Rede ist, für den ist Leistung allenfalls
eine statistische Größe. Und es ist wahr, dahin tendiert sie, alle
Fühler, alle Tentakel ihres vielgliedrigen, dabei überaus einfach
gestrickten Seins zieht es in diese Richtung. Sie will in die
Statistik eingehen, unbedingt, am liebsten natürlich in die der
Rekorde. Aber im Prinzip genügt ihr die Schwellung, das ist die
Stelle, an der die Werte ein wenig zugelegt haben. »Ein hoher
Wert«, sagt sie gern und sie meint nicht das Fieber, »ein hoher
Wert kommt nicht von allein, er muss gebracht werden.« Sie sagt
nicht ›erbracht‹, das Wort sagt ihr nichts, mit einem Achselzucken
geht sie darüber weg. Den klassischen Erbringer vergleicht man am
besten mit einem Bauern, der Frondienste leistet. Er weiß, dass man
sie ihm abzwackt und spürt die Minderung als Druck in allen
Gliedern. Bedrückend gleichbleibend, das heißt nennenswert, wird
Leistung erst dann, wenn der Kopf sie bringt: ein Bringer ersten
Grades, der jeden Zubringer hinter sich lässt, obwohl er ohne
dessen Zunft nichts wäre, wofür er manchmal dankt, aber beiher. Nur
die Leistung zählt. Sie zählt wirklich, alle anderen schaffen es
bloß bis drei. Was sie wohl zählen mag? Dumme Frage. Ein Schein
wäscht den anderen.
Eine Steigerung des Leistungsdrucks bietet der Erfolgszwang, mit
dessen Hilfe sich Calvins Erben auf Gotteskurs halten. Als
klassische Zuarbeiter schätzen sie das Aufarbeiten nur selten,
beherrschen es aber zur Not – da immer letztere es ist, die
gewendet sein will, gehört das Aufarbeiten zu den immerwährenden
Tätigkeiten der Wende. Nicht ein Leben, zwei sollten es schon sein,
wenn der Erfolg uns antritt: straff, schön, entspannt soll er uns
vorfinden, so wie wir einst antraten, als ein Tritt zu genügen
schien, um auf die andere Seite zu gelangen. Im Alter, da sind wir
jung. Die Märchen wissen darüber viel, sie schätzen die Leistung,
das Wort ›abschätzig‹ stammt aus diesem Milieu.
LESEHIRSCH
Der Lesehirsch betritt den Garten der Lüste versonnen, mit einem
Buch in der Hand, er blickt kurz hoch, aber das zählt nicht
besonders in einem Raum, in dem es vor Spannungen knistert. Er hat
einen langen Aufstieg hinter sich und begehrt im Grunde nur eines:
den freien Ausblick. Der wäre ihm auch gewährt, hätten sich nicht
Lesende jeder erdenklichen Art zwischen ihn und sein Sils Maria
geschoben, darunter Leute, die das Buch so sehr erhoben haben, dass
sie es nur auf Gerüsten, ausgerüstet mit Ferngläsern, zu entziffern
imstande sind. Einige wenige haben sich ihr Buch erkoren und
blicken nicht links und nicht rechts, aber die meisten sind mehr
damit beschäftigt, auf den Gerüsten herumzuklettern oder beständig
zwischen ihnen zu wechseln, um nichts zu verpassen. Den Lesehirsch
ficht das nicht an, er ist mehr denn je bemüht, das Gewimmel zu
seinen Füßen nicht im Weiterlesen zu zertreten, weshalb er nur
langsam vorankommt und den Felsen, die sich jenseits der Bücherwand
türmen, ein gelassenes »Servus« entbietet.
Homomaris, der Aufnahmen von ihm
verwahrt, glaubt nicht, dass es eines Tages zum Kontakt kommt.
»Nein«, sagt er, »das ist etwas für Tiere. Er wird eher in die
Ewigkeit eingehen als ins Gestein. Hoffen wir auf ein gescheites
Verschwinden.«
LICHTSCHALTER
Keine Erfindung der Menschheit hat die Wahrnehmung der Vernunft so
verändert wie der Lichtschalter. Ja, man kann sagen, dass sie
seither erst wahrgenommen, dass sie für blanke Münze genommen wird:
Man kann sie handhaben. Wer den Schalter umlegt, sagt kein
Simsalabim oder
Fiat Lux, er sagt
eigentlich gar nichts, aber er hegt eine starke Erwartung: falls
wider Erwarten das Licht nicht angeht, ist etwas kaputt und
muss ausgewechselt, notfalls repariert werden, sollte kein Ersatz
zur Hand sein. Doch schon die Herstellung der Birnen ist kein
einfacher Vorgang und der Defekt, der sie außer Funktion setzt,
steckt tief in ihnen drin. Man kann sie zerschlagen, ohne an ihn
heranzukommen, besser sollte man sie gleich in den Abfall stecken,
ohne sich erst die Finger blutig zu schneiden. Wenn einer die
Vernunft einschaltet und es bleibt dunkel, so weiß er immerhin, wie
sich dieser Zustand beheben lässt, er weiß es im Prinzip und alles
hängt davon ab, ob eine Ersatzbirne zur Hand ist, die mit der
richtigen Fassung, versteht sich, sonst hat alles keinen Sinn.
Derweil verrichtet der Lichtschalter, der von solchen Kautelen
nichts weiß, weiß und klinisch seinen Dienst. An ihm liegt es
nicht, wenn nichts geht, er ist nur der einfache Mittler zwischen
hell und dunkel, seine Konstruktion bewahrt den alten Gegensatz und
erlaubt es jederzeit, ohne
Ansehen der Person, auf die richtige Seite
zu wechseln, dorthin, wo alles deutlich wird und die Schatten
welken.
Welke Schatten
steht auf einem alten Buchumschlag, man könnte aufschlagen und
hätte gleich, wonach man suchte, Schatten hin, Schatten her. Jeder
trägt diesen kleinen Schalter in sich, er ist weiß und eigentlich
farblos, keiner sieht ihn, er will nur gedrückt werden, nur
gedrückt, nicht an die Brust, das wäre ein Irrtum, ein
welthistorisches
Verhängnis, es wäre, als
schnitte einer die Menschheit entzwei und wollte den größeren Teil
des Kuchens für sich. Welch ein Irrtum. ›Nicht geschaltet, was?‹
Man kann drücken, ohne zu schalten, man kann schalten, ohne es zu
merken, man kann merken, ohne zu drücken. Letzteres, ein wahres
Epiphänomen, begleitet das Industriezeitalter des Intellekts, er
bemerkt es wohl, doch sobald er drückt, ist es verschwunden. Mein
Schalter und ich, wir gäben ein gutes Paar, aber man verweigert uns
die Papiere, wir sind zu stark miteinander verwachsen, um für zwei
durchzugehen. Um ehrlich zu sein, ich vermisse sie nicht zu sehr.
Hätten wir einen Vertrag, wo wollten wir ihn aufbewahren? Im
Hellen? Im Dunkeln? Sollte man ihn lesen, bevor... oder danach...
bevor... danach...? Und wer, bitteschön, sollte wann für wen
sorgen? An der Versorgungsfrage scheitert so manches Projekt,
deshalb – Hände weg.
LIEFERANTENEINGANG
Dass die Träume wie die Schrecken einer Generation in Jahren
wurzeln, die nicht die ihren sind, ist wohl
normal. Wirklichkeit stellt sich durch Wirksamkeit unter
Beweis, die Spur, die sie durch das Dasein des Einzelnen zieht. Wo
man selbst wirkt, zeigt sich die Welt offen, formbar, ein bisschen
desorganisiert, mit einer Tendenz zum Amorphen, die kaum verstehen
lässt, wie die harten, abgeschlossenen, dichten Gebilde, in denen
sich die Vergangenheit dem darstellt, der hinsieht, möglich sein
konnten. Das ist eine perspektivische Täuschung. Den Menschen
bleibt keine Zeit – niemals, an keiner Stelle. Die Aufforderung,
sich Zeit zu lassen, ist zweideutig, wenn nicht tückisch, sie
verrät, dass der, an den sie ergeht, den Anschluss verliert. Er
sollte sich sputen und kann es nicht. Wer sich Zeit lässt, gerät in
eine andere Welt, der man gern ›Eigensinn‹ attestiert, weil sich
sonst nichts mit ihr anfangen lässt. Ins Aufatmen hinein
explodieren die Sprengsätze. Die Menschen lieben ihre Auszeiten
nicht, sie nehmen sie mit einem leisem Widerwillen, sie halten sie
für Medizin und die Wirkung ist danach. Wer in die versprochene
andere Welt, die es ›in Wirklichkeit‹ gar nicht gibt, in die
Traumwelt der Familiendramen und Privatexpeditionen, des
Baumeln-Lassens und Stricke-Drehens hineingerät, der gerät in einen
Albtraum. Bekanntlich nimmt das normal belastbare Gemüt
industrielle Gestaltungsangebote, verkappte oder offene
Wiedereingliederungsprogramme, erleichtert, ja dankbar an. Mit
ihnen lässt sich leben, zumindest umgehen, was eine Form des
geminderten Lebens meint, in der man es sich und anderen recht
macht. So gehen die Kulturwissenschaften mit dem Faktum des
Geistes um, der jede Zeit der Welt bräuchte. Sie haben beschlossen,
ihn ›schwierig‹ zu finden. »Das ist nicht so einfach«, kann einer
hören, sobald er etwas begriffen hat –
begriffen zu haben glaubt und damit
selbst ein Schwieriger geworden ist. Begreifen ist subjektiv – ein
seltsamer Satz, recht bedacht, unter Leuten, die mit dem
›Subjektdenken‹ in all seinen Formen ›durch‹ sind. Begreifen ist
ausgeschlossen, heißt das, und es richtet sich gleichmäßig gegen
alle Regungen des Begreifens, eine einzige ausgeschlossen: dass
diejenigen die Herren der Welt sind, die begriffen haben. Zu
wissen, wie es geht, ist ein hohes Gut, auch wenn es am Ende anders
geht. Es reißt die anderen mit, ein Stückweit, bis sie in wieder
anderer Leute Wirbel geraten und so fort. Aber die Schrecken... sie
bleiben ja, sie sind das Gängelband, das daran erinnert, dass wir
zu spät gekommen sind, zu spät aufgestanden, wie der korrekte
Ausdruck lautet, denn der aufrechte Gang, dieses Menschheitsthema,
spukt in all diesen Formen. Die Hallen der Wissenschaft vom
Menschen sind nicht dicht, es zieht in ihnen vom Lieferanteneingang
her, durch den nicht bloß der Stoff gekarrt wird, sondern die
Substanz – alles, was zählt. Sie lebt von dem, was sie sich
distanzierend vom Leib hält, und wenn sie es zu beobachten vorgibt,
so sagt sie die Unwahrheit wissentlich: sie beobachtet nicht, sie
liegt auf der Lauer.
LILA
Die Farbe der Sehermasken am Rande der deutschen Wälder. Nicht ihre
Helme sah Parzival damals leuchten, sondern die Masken jener drei
Ritter, die bereits an den Zeiten der Kühnheit zu zweifeln
begannen. Die herbei gerufenen Wolken zögerten nicht, das Maß zu
nennen. Sie gebaren in großer Höhe Grieseldis, die lilafarbene
Zweiflerin, die den Rehen die Hörner gab, denn zuvor waren es
Zweige aus Eichenlaub, die sie zum Lob ihrer Wälder trugen. Das
Zeichen dieser Wandlung gehörte von nun an zum hörnernen Zeitalter,
das dem feurigen folgte, nach welchem das steinerne und schließlich
das hölzerne aufkam. Alle Frauen wissen dies seit diesen Tagen. Das
hölzerne ist das unsrige und das weibliche. Ab jetzt ist die Seele
nach Hidaijoshi »eine Lampe aus Seidenpapier die dem Mondlicht
gleicht. Sie ist angefüllt mit kleinen gekochten Hirsekörnern die
feucht und durchsichtig sind.«
Immanente
Antworten führen
von nun an, anders als je zuvor, jegliches Wissens bis an die
Gipfel der Verstandeskraft, nicht aber des
Geistes. Unwissenheit bleibt verlassen
zurück in den Zonen herbstlicher Gärten des steinernen Zeitalters,
von älteren Zirkeln verrostet bepflanzt.
Jene Körner schießen zusammen oder entfernen sich, je nach den
Stimmungen der
Augenblicke, durch welche die Zustände
menschlicher Empfindungen bewegt werden. Es heißt in früheren
Werken
Grabbeaus, das
Geringe werde dunkler, das Erhabene lila. In neuerer Zeit
durchbricht diese Farbe in tiefer Trauer die Felswand über den
Augen, wenn die Seele weiblich herabsinkt. Das nennt sich die
hölzerne Offenbarung in vernagelten Sarkophagen (hierzu: s.e.&o
–
salvo errore et
omissione).
Mag das Geräusch eines Luftzuges oder der hässliche Ton eines
Motorrades den inneren Wächter der Lampe bewegen, immer verfärbt
sich sogleich ein jegliches Hirsekorn und strebt einer neuen
Verbindung entgegen. So verfärbt sich die Seele und so kreisen die
Hirsekörner in innerer Erregung der Deutung durch Götter entgegen.
Zehntausend Mal am Tage prüfen auf solche Weise gewisse Mächte den
Menschen. ›Lampenkönige‹ nannte sie
Homomaris, ohne genau zu wissen,
welchen Geistes sie sind. - PM
LIPPENSPITZER
Wer glaubt, man könne die Lippen nicht spitzen, ohne zu pfeifen,
der täuscht sich nicht: ein winziger Pfeifton entweicht ihnen
immer. Es ist das Klägliche dieses Tons, das Aufmerksamkeit erregt.
Allerdings erkennen die wenigsten seine Herkunft. Er steht
sozusagen im Raum, einsam, isoliert, um Aufmerksamkeit bittend.
Aber wofür? – »Wofür?« fragt die versammelte Sippschaft vergebens
und wartet ein Weilchen, bevor sie auseinandergeht. Dies, dass sie
unfehlbar auseinandergeht, beweist, dass ihn alle gehört haben. Es
ist im Grunde wie mit den Hundepfeifen. Keiner hört sie, außer den
Hunden natürlich, aber die Wirkung ist unübersehbar und jeder weiß:
aha, Herrchen hat wieder gepfiffen!
Man weiß nicht genau, wann das Lippenspitzen in Gebrauch kam.
Solche Kulturtechniken sind uralt und ihre Anfänge entziehen sich
der direkten Beobachtung. Unter Julian Apostata sehen wir es in
voller Blüte. Aus jener Zeit sind uns einige kostbar gearbeitete
Lippenspitzer erhalten. Die Museen reißen sich um diese
Instrumente. Sie stehen deutlich höher im Kurs als eine Stradivari
oder eines dieser seltenen Alphadrome. Natürlich kommt es darauf
an, die Lippen zu spitzen, ohne sich zu schneiden. Das interessiert
die Leute. Sie rücken in hellen Scharen an und drücken sich die
Nasen an den Glaskästen platt. Wie immer verrät ihnen das, was sie
sehen, nichts von dem, was sie wissen wollen. Daher halten sie sich
an die Kunst: an das prachtvolle Aussehen, die fein ziselierte
Oberfläche, die ganze ›Arbeit‹, die der Handwerker in die Objekte
hineingesteckt hat und die ihn jetzt als Künstler dastehen lässt.
Das alles erregt die Aufmerksamkeit der Leute in hohem Grade, sie
opfern ihre Sonntagnachmittage dafür und fahren von weither vor,
damit sie es gesehen haben und darüber berichten können.
Hin und wieder schleicht einer aus der Zunft derer, die das hohe
Handwerk noch immer üben, an den Vitrinen vorbei. Der Blick, den er
auf das alte Exemplar darin wirft, ist kurz, er kennt jedes von
Grund auf und kann dem Anblick nicht widerstehen. Er verdient gut,
heißt es, aber die Diskretion erlaubt nicht, dass sein Name genannt
wird, vor allem nicht in einem Atemzug mit der Prominenz, für die
er Tag und Nacht arbeitet. Doch viele Leute, von denen es niemand
vermutet, besitzen ein feines Stück aus seiner Produktion und
Sammler gibt es in der Provinz, deren Kollektionen Erstaunen
hervorrufen würden, aber vor den Blicken der Neugierigen
abgeschirmt bleiben und vielleicht bleiben müssen, denn wenn auch
die Wirkungen in der Regel spürbar werden, so ruhen die Ursachen
gern warm im Verborgenen.
LIVING
Living Under
the Empire, erzählt G. mit diesem Luccheser
Charme, dem auch Jahrzehnte des Exils nichts anhaben können, hieß
eine Platte, die mein Sohn irgendwann nach Hause brachte, es hätte
auch
Under Destruction
oder
Under Deconstruction heißen
können oder dergleichen, der Unterschied wäre marginal gewesen,
aber irgendetwas ließ daran aufhorchen. ›Living‹ ist
eine Vokabel, die viele Unbedarfte mit dem englischen Wort
für ›leben‹, ›lebend‹ o. dgl. verwechseln. Dieses hier beginnt
mit einem kräftigen ›L‹ wie ›Lümmel‹ und teilt seine weitere
Aussprache mit dem ›Struwwelpeter‹, zu dem es auch sonst
verwandtschaftliche Beziehungen unterhält. Das Wort hat Eingang in
viele Song- und sonstigen Werbetexte gefunden und ich habe mich oft
gefragt, wer dieser Living wohl sei. Durch meine Vorstellung
geistert er als eine Art entsteinter Livingstone, ein wenig unstet
und aufbrausend, weil es ihm an der rechten Beschwerung fehlt,
dabei durchaus imperial eingestellt, dem Entdecker und
Eroberer aus dem vorletzten Jahrhundert auch in dieser Hinsicht
ebenbürtig – ein Bewusstseinshai, der mit anderer Leute Leben
herumspielt wie der sprichwörtliche Immobilienhai mit ihren
Finanzen und ihrer Gesundheit. Während ich das hinschreibe, bemerke
ich natürlich die Differenz und bin geneigt, die Äußerung als
unpassend zurückzuziehen. Auf diese Reste von Schamgefühl scheint
Living zu bauen – und offenbar nicht schlecht: ganze
Scheinarchitekturen, die in schwindelnde Höhen ragen und von
Springbrunnen umkränzt sind, aus denen immer einige Vögel Lust
trinken, von denen bereits wieder manche das Fliegen verlernt zu
haben scheinen, während andere die tollsten Manöver vollführen.
›Living & Co‹ begegnete ich in einer einfachen Seitenstraße, es
war nur ein harmloses Schild, das nicht preisgab, welches Business
hier zugrunde lag. Ich wollte es auch nicht wissen, aber ich fühlte
die Verwandtschaft. Einmal fand ich an einer Mauer die
Sprühschrift:
Living ist
Jeder, das kam mir übertrieben vor und ich schloss es für
meine Person aus, aber wenn ich heute darüber nachdenke, so kann es
gut sein, dass ich den Vorgang geträumt habe und die Schrift aus
mir selbst stammte. Am Selbstausschluss gehen viele zugrunde,
andere profitieren davon und machen sich einen schönen Lenz. Gern
wäre ich Living in all den Jahren begegnet, einmal nur, in einer
Schummerkneipe am Tresen, vollkommen absichtslos und unverhofft, es
hat nicht sollen sein. Aber wer weiß, was nicht ist, kann
vielleicht noch werden und unverhofft kommt oft. Nein, aufhalten
will ich ihn nicht.
LOCKUNG
Locken wir sie aufs Feld der Begriffe, wo die alten Hasen den Klee
mit ihren
Angstknuddeln
düngen, und zeigen wir ihnen, was sie nicht sehen wollen, obwohl
sie schon wollten, wenn sie dürften, was ihnen keiner verbietet
außer dem unbestimmten Gefühl, dabei über Ränder zu treten.
Bravsein mit Wörtern –
eine Art Unzucht, der sich gern hingibt, wer nichts zu bestellen
hat. So bestellt er wenigstens ab, was ihn ungefragt heimsucht. Nur
Begriffe in ihrer knarzigen Bewegtheit können da helfen,
vorausgesetzt, es sind auch die richtigen. Wir wollen nicht nur
genießen und ›Spaß haben‹, wir wollen auch klug sein und die Ohren
spitzen, wir wollen auch die Lippen spitzen und sogar pfeifen,
unbedingt pfeifen, wenn uns danach ist, nicht nur die
›Verhältnisse‹ studieren, die so spannend nicht sind, dass man sie
sich Tag für Tag mit gleicher Intensität zu Gemüte führen müsste.
Ein dünnes Gemüt wäre das, wenn es damit auskäme. Was also tun?
Eine Lockung, die ratlos lässt – ist das erlaubt? Aber liegt darin
nicht das Wesen aller Lockung, sofern man ihr ein Wesen konzedieren
möchte, das heißt etwas im Grunde Unerlaubtes? Das ist ein
seltsamer Grund, der sich im Negieren fordert. Ein Verbot diesseits
aller Verbote, Vorbote eines Unglücks, das sich als Glück verkauft
– an den Nächstbietenden, der etwas Festes um jeden Preis vorzieht
und sich im Grunde wundert, wie billig man sich hier eindeckt. Wer
die Lockung zulässt, erliegt ihr zuletzt. Wer aber keinen Grund
scheut, dem laufen irgendwann die Gründe davon.
LOOSE GUN
Das lose Maul hält die Untaten anderer auf Vorrat und schleudert sie in den Raum, sobald ein Bedarf sich meldet. Ein abgehalfteter Nachrichtensprecher ist kein Held, eher ein Herr mit Kleiderbügelphantasie, der in der Wäsche anderer Leute besser zu Hause scheint als im eigenen Gehirn. Dergleichen heißt man einen Zeitkritiker, manche begnügen sich auch mit dem Epitheton ›nachdenklich‹, wogegen wir nachdrücklich protestieren: dieser hier denkt weder nach noch vor, er tickt überhaupt nicht richtig, sondern verdient es, auseinander genommen und auf Spuren intrinsischer Gewalt untersucht zu werden. Wir unterstreichen: er verdient es, er kann sich eine solche Operation ohne weiteres leisten, ohne dass die Kasse ihren Teil daran übernimmt. Überhaupt haben diejenigen, die sich die dreistesten Tiraden leisten, die Tendenz, es sich leisten zu können, vermutlich deshalb, weil das Über-den-Leisten-Schlagen ihr Metier ist und sie sonst nichts beherrschen außer der öffentlichen Meinung, die solchen Herrschern mit einem leisen Lächeln begegnet. Man kann bei ihm nicht unterscheiden, ob es sich dem Spott oder der Ehrerbietung oder der Ratlosigkeit verdankt. »Ist das wichtig?« fragt die Sirene, sie kann Ratlosigkeit nicht leiden und tut ihr Bestes, um sie in Fassungslosigkeit zu verwandeln wie andere Wasser in Wein. Ja, es ist wichtig, das beweist der Fall, um den wir uns gerade bemühen, als sei er ein Neugeborenes, obwohl, jedenfalls nach biblischem Maßstab, es sich um den ältesten aller Fälle handelt. Nach biblischem Maßstab geschieht viel, auch in nach-nachbiblischer Zeit, so wie das Christentum erst unter seinen Verächtern explodiert ist: alles Gezeichnete vor oder nach dem Herrn, der noch aussteht. Unausstehlich das Wüten der Herren gegen das eigene Geschlecht im Namen eines still verdrückten Genießertums, das großkotzig einmal aus Katakomben die Welt erneuern wollte und heute in ihren Kloaken seine Spaziergänge unternimmt. Aus der heroischen Phase haben sie nichts gerettet außer dem ehernen Vorurteil, die anderen tickten wie sie und lebten es noch immer insgeheim aus. Greise bezichtigen Greise unerhörter Ausschweifungen, die sie sich mühelos, aber unter Bedauern verkneifen – so könnte man ihre Lieblingstätigkeit nennen und wäre damit bei den Alten.
LOTRECHT
Was dem Lot recht ist, kann der Waage billig sein. Das Lotrecht ist alt, älter als das Faustrecht, was etwas heißen möchte unter den Spitzbrüdern, die sich beider bedienen. Und mit Erfolg, wie die Geschichte beweist. Was beweist sie nicht alles, die Gute. Nein, sie ist nicht gut, nur die Gute, die den Dreck wegmacht. Wer die Geschichte liebt, braucht sich um Lot nicht zu kümmern. Eher um Lots Weib, diese natürliche Erstarrung, aus der immer etwas Lebendiges hervorgeht, etwas, das sich sehen lassen kann. Also doch: Waage. Wäge deine Schritte! Vor allem: Wäge deine Wagnisse. Erwäge sie gut, denn einmal gewagt, fallen sie unter das Lotrecht und wupp! sind sie verschwunden. Dieses ›wupp!‹ hat schon viele beschäftigt, die freiwillig oder nicht über die Wupper gingen, bevor das Abendrot dem Land die passende Färbung gab. Warum wägen, was doch gewagt sein will? Warum in Gedanken verdoppeln, was bloß in Gedanken zur Hand ist? Warum die Verdopplung verdoppeln, um des Einfachen willen, das nicht zur Hand ist, wenn man es braucht? Das Einfache um des Einfachen willen, brav getan, unter einem Augenaufschlag, den schon das Aufschlagen eines Eis ganz gefangennimmt, kennt die Verdopplung wohl. Aber es grüßt sie nicht, niemals. Schließlich zählt es sich nicht zu den
morituri, die Caesar grüßen, bevor die Arena sie aufnimmt, und hält seinen Gegner nicht für den Abgott, von dem man sich verabschieden muss, bevor einem die Augen gewaltsam geschlossen werden.
LUFTGEIGEN
Dieses Organum Apollos von der Länge Groß-Griechenlands wurde im
Liebesdienst des gefallenen Knaben Serostibos wohl ein letztes Mal
vom Gott der Musik bezwungen. Stilos war es, des Zeno Hausgenosse,
der später vierhändig geigend noch einmal das Werk bezwang und
kostbare Töne zum Ärger der »ohrenbefreiten« Lyker über »Busch und
Hain hintanzen ließ, als schwämmen sie hin auf gläubiger Luft«, wie
es in der sechzehnten Vorrede zur
Musikgewalt der Antike Winckelmann so
empfindsam geschildert hat. Der Musikwissenschaftler Jablos Nahomi
hingegen schildert es, allerdings in bereits anämischer Zeit, viel
weniger treffend an Stefan George, der einst den Rhein bei
Bingen in Flammen geraten sah, wenn »Zypris der eherne knabe des
windes mir sang • vom eisen zum feuer und wieder zurück als käme er
an..« Er sah ja auch zwei Rosen bei Speyer »die geige führen im
wohlklang des pfaffengartens • reineren trostes bevölkernd ein
schmaleres griechenland mir.« Irgend jemand hat später aus Rosen
›Rosse‹ gemacht, was bei einer Vorlesung im vierten Kreis seiner
Freunde zum Aussschluß des Grafen X. geführt haben soll, dem man
die Schönheit des
Geistes
absprach. Allerdings hat George selbst, der über zwei seiner Kreise
niemals hinaussah, von dem Vorgang auch niemals erfahren. -
PM
LUHMANN-EFFEKT
Er war ein Deutscher und dachte genetisch. Das war es, was man
eigentlich von ihm erwartete und er beeilte sich, den Kundenwunsch
zu erfüllen. Was Hegel die Krämer und Händler des Geistes nannte,
das waren ihm die verständigen Leute, für die er schrieb. Man muss
ihnen die Wünsche an den Augen ablesen, den offenen und den
geschlossenen – soweit die Maxime seiner Weisheit, die einzige, an
die er sich hielt, für die anderen hatte er keine Zeit. Und es gab
immer zu tun. Man darf den Leuten nur wenig zu sagen haben, das
aber immer wieder, in jeder erdenklichen ›Anwendung‹, damit sie
sich langsam hineinfinden und jedes Mal ein Stück für sie abfällt.
Den halten sie für reich, der sorgsam die Brosamen über die Kante
schiebt, gleichgültig, was davon auf dem Tisch bleibt. Die
Brosameninhaber erkennen sich leicht, sie halten Kongresse ab, auf
denen sie ihre Begriffsschildchen hochhalten und nachsehen, ob die
Färbung auch einerlei ist, darüber vergehen Jahre. Das Denken darf
die Karriere nicht aufhalten, es muss sie beflügeln, daran halten
sie sich und es ist ihnen ernst. Dem Denken bleibt es gleich, es
findet für jeden die passende Murmel, sie rollt ihm gleichsam aus
dem Säckel, das es für solche Gelegenheiten dabei hat, so muss es
sich nicht weiter damit befassen. Wer einer Generation von
Habenichtsen auf die begehrten Stühlchen verholfen hat, darf mit
Dankbarkeit rechnen – im
Leben und
darüber hinaus. Am Ende feiern sich alle gegenseitig, schöne
Festschriften gibt das.
LUST-ÖRTER
Garganelli erinnert sich,
wie er vor ein paar Jahren die Spirale des New Yorker
Guggenheim-Museums erklomm und ihm aus jedem ausgestellten Bild ein
weibliches Geschlechtsteil in Öl entgegenblickte. Mein Gott, so
sein erster Gedanke, das habe ich nicht verdient. Aber was hat
einer schon verdient? Es war eine Retrospektive und Garganelli, der
sich unter Kollegen wusste, noch dazu aus dem Land seiner Herkunft,
geriet ins Grübeln. »Da ist dieser Maler, merkwürdigerweise
gleichen Alters wie du, der sein
Leben
damit zugebracht hat, diesen Anblick zu studieren und als eine Art
Manna auszuteilen, damit keiner nachlasse auf dem weiten, sandigen
Weg ins Gelobte Land. Wo wird es sein? Wie wird es sein? Wird dort
alles wirklich sein, was wir hier im Bilde sehen? Ist das, was ich
hier sehe, vielleicht eine klitzekleine Blasphemie? Aber der
Kollege hat in Indien gelebt, er hat sich die Weisheit der
östlichen Kulturen angeeignet, er wird sich nicht auf so einen
schlichten Provinzialismus einlassen, das kann nicht sein. Was also
will er uns sagen? Dass er der bedeutendste Maler der
wirklich wichtigen Dinge ist seit
jenem teutonischen Neorealisten, den seine Spießgesellen
probehalber den Schamhaar-Leibl nannten, teils, um zu provozieren,
teils, um die Ehre, ihn unter sich zu wissen, wie Brot zu brechen,
das sich an alle austeilen lässt? Die dort sind in Schande
vergangen, vergehen wir in Wonne? Aber ich will nicht vergehen, so
nicht und hier nicht, es fröstelt mich angesichts all dieser
Lust-Örter, durch die hindurch einer kalt auf mich sieht, nein
starrt, einer der vielen Helden des
Geistes, die Tag für Tag ihr
Strahlenschwert schwingen, um eine Wurstpelle zu zerschneiden.«