EHRE
»Ich erinnere einzig daran, dass die kostbaren Gaben des Geistes
den Verlust auch des kleinsten Quentchens Ehre nicht vertragen.«
André Breton. – Leicht zu missbrauchende, aber untilgbare
Elementarbegriffe wie Ehre oder Stolz überantwortet man
nicht dem toten Feind oder dem ›fremdkulturell Geprägten‹, man
paradiert mit ihnen nicht in Gänsefüßchen und benützt sie nicht, um
Nachbarn anzuschwärzen, sondern bewahrt sie vor falschem
Zungenschlag und fatalen Lockungen. Man stellt solche Begriffe
klar, nicht bloß. Dergleichen gehört zu den Regeln ihres Gebrauchs,
ohne die sie ganz sinnlos erscheinen – totes Gewäsch von Leuten,
die, aus welchen Gründen auch immer, beschlossen haben, nicht in
Betracht zu kommen. Diese hier sind archaischer Herkunft, sie
halten ein Stück Menschheitsvergangenheit fest, das macht sie der
liberalen Gesellschaft verdächtig und signalisiert Gefahr.
Zugleich stehen sie für die innersten Überzeugungen und
Regularien eines Menschen.
Das lässt sie unverzichtbar erscheinen. Wer diese aristokratische
Begriffsschicht in sich abtötet, wirkt in der Regel geistlos, ein
Unhold unter den Menschen, einer, der Anstoß erregt und den man
stehenlässt, wann immer man die Möglichkeit dazu besitzt. Überdies
erscheint er potentiell gefährlich, denn er achtet die Menschen
nicht, er schmeichelt ihnen nur.
EHRENHAFT

An einer ordentlichen Ehrenhaft ist nichts ehrenhaft außer der
Phrase und die ist abgeschmackt. Es gibt aber auch, woran viel zu
wenig gedacht wird, die außerordentliche Ehrenhaft, die selten
verhängt wird, allerdings mit großem Erfolg. Wer mit
außerordentlichen Ehren haftet, ist praktisch nicht wegzukriegen.
Auch wird es von niemandem ernsthaft versucht. Die Versuchung liegt
in der Ehrenhaft selbst, sie kriecht in ihr hoch wie in einem
Mantel aus Blei und es ist nur eine Frage der Zeit und der
Witterung, ob sie ihren Weg in die Freiheit findet, die als
Knopfloch am oberen Ende prangt: die Freiheit der Selbstanzeige,
die von den Steuerbehörden so außerordentlich geschätzt wird, aber
erst bei Schriftstellern und Großintellektuellen die ihr ganz und
gar gemäße Ausprägung findet. »Seht her, dieses klägliche Häufchen,
das war ich, ihr solltet euch die Nase zuhalten und mich verachten,
aber es gelingt euch nicht. Ihr könnt euch ruhig ein wenig mehr
anstrengen, man möchte ja meinen, ich hätte es nicht um euch
verdient. Beugt euch ruhig darüber, in dieser Pose habe ich euch
gern, ich könnte mich daran gewöhnen. Übrigens, wenn ihr mich
sucht: Hier bin ich, hoch über euren Köpfen.«
EICHENDORFF
Der Seelenlaut hat eine Literaturgeschichte im Gepäck und die tickt katholisch. Sie könnte auch anders ticken, aber so, wie sie nun einmal tickt, tickt sie fort,
in einem fort, könnte man, mit einer Spur Häme im Gesicht, anmerken. Es ist die alte Geschichte, das Erste und Einzige braucht die längste Rechtfertigung. Pädagogisch muss sie sein, das unbedingt, die ganze lange Rolle des Geschriebenen darf nicht mehr enthalten als eine Anleitung zu dem, was man gerade so treibt, das unbedingt und weiter ohne Besinnung. So muss es sein. Waldesrauschen und Weihrauchduft und Wortkaskaden über alles, was anders spurt. Die eiserne Romantik rumpelt auf Holzkarren durch den Zauberwald und reklamiert die Sterne als geistiges Eigentum. Warum? Weil sie so funkeln. Hübsches Wort für eine verteufelte Sache. Dass die Minnesänger noch »hoch zu Ross« dichten, wer möchte einen Pferdeapfel dagegen setzen? So atmen sie freier und sind, aus der Perspektive von Steigbügelhaltern, den Stars näher, auf die man, tick tack tick tack, zählt.
EINAUGE
Wenn ein Einäugiger ein Museum einrichtet, wie sollte das anders
sein als...? So denken die Leute, mit einem gewissen Recht, wenn
man ihren Standpunkt einnimmt, der sicher einer unter mehreren ist,
aber eben... Eben, das ist das Wort. Über der Ebene der
Sonnenhaften glühen die Sonnen mit verstärkter Wucht, sie suchen
näher heranzukommen, um jeden Preis, sie versuchen die große
Verschmelzung. Da tut es gut, durch ein totes Auge zu sehen, durch
das Auge der Toten. Es fehlt den Lebenden, den nur Lebenden, es ist
ein Privileg,
ein wenig
tot zu sein, es ist ein menschliches Privileg oder das
Privileg der Menschen. Wessen auch sonst? Sollen unsere tierischen
Freunde ihre Toten hervorkramen, um uns einen Gefallen zu tun? Wir
halten sie doch ohnehin für unsere Vorfahren, also für tot.
Melancholisch, wie sonst, treten sie uns gegenüber, als unsere
anderen Toten, die nichts hinterließen als uns. Eine schreckliche
Erbschaft. Eigentlich sollten sie uns hassen. Oder wir sie.
EINHEIT
Das Glück, wenn es denn eines ist, kommt, als sei es aufgehalten worden, ein wenig später. Die Menschen nennen es ›innere Einheit‹ und verlangen zu viel und zu wenig von ihr, so dass sie nicht umhinkommen, sie zu verfehlen. Als Getrennte waren sie vollständig, nichts fehlte ihnen außer der Erfahrung der Einheit, die, da sie fehlte, keinen zerbrach. Nun, als vereinten, fehlt ihnen alles. Der Grund zum Beisammensein hat sich verflüchtigt und wohnt bei der Schwiegermutter. Dabei ist das der Weg, auf dem man sich findet: der Grund trägt den Gang, nicht den Kopf, den jeder selbst tragen muss, was immer schwer fällt. Manche wissen das und bestehen auf ihrem eigenen Kopf. Solange sie nicht stehen bleiben, geht das in Ordnung, es geht ganz gut, nur der verlorene Grund zeigt an, dass sie kopflos gehen.
EK1
Wer das Wort ›Elite‹
betont, der führt etwas im Schilde. Er spricht einer gewissen
Konzentration von Kräften das Wort, einem gezielten Um- und Ausbau
von Institutionen, einer strafferen Indienstnahme
gesellschaftlicher Ressourcen, einer Mobilisierung der Gesellschaft
über das im
Laissez-faire
der sozialen Kräfte erreichte Maß hinaus. Die Zukunft, dieser
diffuse Horizont über einer Landschaft, in der die Dinge ihren
gewohnten Gang gehen, wird unversehens zur Aufgabe, die es zu
meistern gilt. Die Situation ist ernst, es gilt, ihr angemessen zu
begegnen. Elite, die eingebildete wie die vorgebildete, ist das
Schoßkind einer Gesellschaft, die ihren Überlebenswillen in einer
gefahrvoll sich wandelnden Umwelt entdeckt. Ihre Stärke, so ließe
sich folgern, ist mithin die Schwäche derer, die ihr Vertrauen auf
Vorschuss bekunden. Es ist eine Stärke, die von Erwartung genährt
wird. Aus dem Versagen der stets existierenden, sattsam bekannten
Eliten bezieht das Konzept einer künftigen Elite seinen magischen
Reiz. Offenkundig trägt sie die bekannten Züge derer, die heute
(wie der populäre Ausdruck lautet) ›das Sagen haben‹, nur eben ins
Ideale überzeichnet. In den einschlägigen Entwürfen figuriert sie
als eine nie ganz reale, nie ganz futurische Größe. Eins vor allem
zeichnet sie aus: sie wirkt ganz und gar unberührt von den mühsamen
Selbstbehauptungszwängen des gegenwärtig vorhandenen
Führungspersonals. Die neue Elite hat den Nachweis ihrer
Fähigkeiten immer schon hinter sich. In ihrem Handeln – so will es
die planende Regie – manifestiert sich der Behauptungswille der
Gesellschaft. Entsprechend gilt ihr das Vertrauen aller, denen der
Zweifel an den eigenen Fähigkeiten zur zweiten Natur geworden
ist.
Es fragt sich allerdings, wie weit hier Wunschdenken im Spiel ist,
wie weit das Schillernd-Zukünftige dieser neuen Elite nicht in den
Bereich irrealer Wunscherfüllung gehört, wie man sie aus Märchen
kennt. Es fragt sich darüber hinaus (obgleich die Frage selten
gestellt wird), ob und wie lange eine neue Elite bei der Lösung der
ihr vorab gestellten Aufgaben verharren darf, insbesondere dann,
wenn sich diese Aufgaben im wesentlichen als unlösbar erweisen.
Besteht nicht die Gefahr, sie könnte sich aus eigener Machtbefugnis
und getrieben von unabsehbaren Systemzwängen an neuen, eigenen
Aufgabenstellungen versuchen, die den Zielen ihrer heutigen
Propagandisten geradewegs zuwiderlaufen? Und wäre dann dies noch
die heute projektierte Elite? Kurz: Ist Exzellenz planbar? Die
Frage klingt, zumindest auf den ersten Blick, paradox.
Nichtsdestoweniger verdient sie, dass ihr nachgegangen wird. Nicht
vergessen sei, dass ›Elite‹ einst eine Güteklasse bezeichnete. Es
wäre daher angebracht, zur leichteren Bezeichnung für die
Bewältiger der unterschiedlichen Aufgaben, die im Schoß der Zukunft
lagern, Eliteklassen einzuführen, EK1, EK2 usw., deren wesentliche
Bedeutung sich nur einer kleinen Schicht von Gesellschaftsplanern
erschließt, die selbstverständlich über jeder Elite rangiert.
ELSTERNPARADIES
»Ekelhaft, das ist ekelhaft!«, ruft der alte Mann im Park mit der strengen Stirnfalte und zeigt auf die rund um den Papierkorb verstreuten Abfälle. ›Jetzt weiß ich also, was dieses Wort bedeutet‹, denkt das Kind, vielleicht sein Enkel, und mustert ihn gleichmütig. Die Elstern rings auf den Bäumen, Urheber des Spektakels, schweigen. Dumpf empfinden sie, dass es gegen sie geht, dabei sind sie längst weiter und haben anderes vor.
EMANZIPATION

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Anders ausgedrückt, an ihren
Früchten kann man sie erkennen. Eine ganz eigene Art der
Erkenntnis, die reklamiert wird für dieses Paradies, in dem man
keine Äpfel essen durfte. Die Schlange als Ohrwurm, der Eva zu der
Art Selbsterkenntnis trieb, die sie ihre Überlegenheit über Adam
erkennen ließ, eine sexuelle (oder doch biologische?) Abhängigkeit
und notwendig, da es sonst schlecht bestellt gewesen wäre um die
zukünftige Menschheit. Ein standhafter oder frauenfeindlicher Adam
hätte die Sache vor jedem Gedanken an sie abgetrieben. Eva dämmerte
sie mit den Worten der Schlange im Ohr ganz allmählich und sie
opferte sich für die kommende Menschheit. Wie gut, dass Adam bis
heute nichts begriffen hat. Der heutige Adam hält Eva für eine
gefährliche Frau. Ach wie gut, dass er nicht weiß, dass ihr einfach
langweilig war mit ihm allein im Paradies. Nicht, weil er ihr nicht
genügte oder nicht schön, klug oder reich genug war. Nein, das nun
wirklich nicht. Er sah sie doch gar nicht. Jedenfalls hatte er sie
nicht ›erkannt‹, wie es so rätselhaft in der Bibel heißt.
Selbstgenügsam wie Männer in diesen Dingen nun einmal sind,
beschäftigte er sich in diesem verdammten Paradies mit allem
Möglichen, bis hin zum Gärtnern, nur nicht mit ihr. Die Worte
»Wachset und mehret euch« waren noch nicht gesprochen. Das waren
Post-Paradiesworte. Eva kam die Erkenntnis, die ihr die Schlange
ins Ohr gesetzt hatte, gerade recht.
Ergreifen was einen
ergreift. Und so ließ sie Adam kräftig zubeißen. ›Nimm mich!‹
sollte der Apfel ihm sagen und es begann der erste Akt, an dessen
Ende auch für Adam eine Erkenntnis stand. Die Fron begann.
Die
Geburt der Klamotten aus der Erkenntnis der Nacktheit oder,
anders ausgedrückt, als Rat an den Mann (genauer nachzulesen bei
Kant): ›Pass auf, dass deiner Frau nie langweilig wird, sonst bist
du schneller emanzipiert als dir lieb ist.‹ ›Keine Gefahr‹ kann man
da heute nur rufen, ›die machen doch alle Karriere. Das ist ganz
groß in Mode‹. - AC
EMERGENZ
Unter den Begriffen, mit denen man den Wandel zu fassen
versucht, erfreut sich die Emergenz, das blinde Hervorbrechen einer
größeren Einheit, gesteigerter Beliebtheit. So erscheint es der
Risikogesellschaft angemessen. Wo sich nichts kalkulieren lässt,
kalkuliert man das Risiko, am Ende steht das Risiko für das Ganze.
Dass das ganze Begriffsfeld verfehlt sein könnte, dämmert
vielleicht in einigen Köpfen, aber dieses Konzept ist viel zu
schön, als dass man es aus der Hand geben möchte. Das Ersinnen von
Metagrößen, von Meta-Ereignissen und Metastrukturen stößt auf keine
wirklichen Widerstände, auf theoretische ebenso wenig wie auf
praktische, es ist, um es einfach zu sagen, ein müßiges Spiel. Seit
dieses Spiel politisches Handeln begründet, Geldflüsse steuert,
Gesetzgebungen umformt, die Stätten des Wissens zum Umbau freigibt
und globale Freiflächen für militärische Einsätze präpariert,
sollte man wissen – und wenigstens ein Stückweit zugeben –, dass
man spielt.
ENERGIEVERLUST

Was ist passiert? Wie konnte ein solcher Absturz geschehen? Hat man
den jungen Leuten das Welt-Sensorium herausgeschraubt, als handle
es sich um eine kaputte Glühbirne? Was sage ich! Das Malheur ist
nicht auf die jungen Leute beschränkt. Alle leiden simultan. Leiden
sie denn? Man könnte immer noch meinen, sie hätten das Glück
erfunden. Es geht, wenn ich so sage, rückwärts voran, das ist ein
großes Wort für eine unmerkliche Sache, die doch in allen Köpfen
spukt. Das geparkte Leben summt, als sei es entschlossen, aus der
Garage herauszufinden, in die es durch Unvernunft hineingebracht
wurde, aber durch wessen? Und wessen Vernunft sitzt jetzt am
Steuer? Das sind Fragen eines pensionierten Chauffeurs, der, unter
uns, in seinem Leben nie eine Anstellung gefunden hat. Ich denke
aber, dass er Recht hat. Man muss den Dingen auf den Grund gehen
und wo gefahren wird, dort entstehen Lenkungsprobleme. Was ich
eingangs den Absturz nannte, ist ein solches Lenkungsproblem. Man
hat den Leuten nicht gesagt, was ihnen bevorsteht und jetzt tut es
sich hinter ihnen auf. Schlimmer: nichts tut sich auf als dieses
Dunkel, in das der Dieselqualm mächtig hineinbläst, als wolle er
das Problem vergrößern. Auf Energie gesetzt: das ist es. Man hat
die Leute auf Energie gesetzt und jetzt zieht man sie ruckweise aus
ihnen heraus. Aber das stimmt nur halb. Man zieht sie aus ihnen
heraus und steckt sie ihnen an anderer Stelle wieder zu. Eine
Energieart entbirgt der Gesang: »Wir köhönnen uns euch nicht
leisten, das Leheben ist viel zu kurz.« So etwas singt man nicht
wirklich, nur übersetzt könnte es so lauten. Natürlich erhebt sich
die Frage, wer hier
wir
ist und wer
ihr, aber kaum
gestellt, erhebt sich das Wir auf seine eigensten Zehenspitzen und
ergeht sich im hohen Ton, so dass man sein eigenes Wort nicht
versteht. Woran erkennt man dann, dass es das eigene ist?
Vielleicht an der Art, wie es untergeht, man könnte meinen, es
winke.
ENTFÜRCHTEN
Im Inneren des entfürchteten Universum braut sich etwas zusammen.
Weit entfernt davon, sich zentrifugal zu entfernen, lockert es die
Distanzen, schraubt die Birnen aus, deren kaltes, hartes Licht
seinen Platz als Platzanweiser beansprucht, fegt als Sturm über die
Gefilde des Tausches und stellt den Ramschtisch in die Mitte des
entkorkten Gemüts. Da steht er, ein wenig schwankend, weil
überladen, zum unmittelbaren Genuss des Heterogenen auffordernd,
zum verzehrenden Blick. Oder zum verheerenden? Wer will das wissen.
Wer sich fürchtet, geht über derlei Unterscheidungen im
Schweinsgalopp weg. Und auch das ist nur eine Metapher. Die
Zukunftssorge, so hört man, nimmt die Zukunft hinweg, in die hinein
sie sich sorgt. Diese Zukunft wird niemals stattfinden, während sie
unaufhaltsam auf den sich Fürchtenden zurast. So bleibt nichts als
sich zu entfürchten. Wo
lernt man das? An welcher Quelle? Am Quell der Weisheit, das ist
doch selbstverständlich. Das Wort allein weist es aus. Im Weisen
herrscht Ruhe. Nicht jene Friedhofsruhe nach dem Sturm, den der
Fürchtende fürchtet. Die Ruhe des Entfürchteten versteht sich nicht
von selbst, sie versteht sich nicht von gestern oder morgen, sie
versteht sich von... Heraus! Heraus mit dem Wort! Es muss heraus,
will einer nicht daran ersticken. Das Wort ist einfach, es knirscht
zwischen den Zähnen, es ist nicht zu knacken, es ist einsilbig,
soviel wird verraten. Ist das viel? Wer sollte das wissen? Unsinn,
hört man da sagen, das ist doch Unsinn. Nun, welcher Unsinn kommt
einsilbig aus – keiner! Im Unsinn steckt ein Winkel, ein
gewinkelter Sinn, der den Anschluss sucht und das Fürchten lehrt,
um der Sorge willen. Sorge dich nicht! Das ist leicht gesagt und
überdies töricht. Tor, auch so ein Wort, das den Einsilbigen plagt
und nicht zur Ruhe gelangen lässt. Er spuckt es aus und verlässt
die Walstatt, wer weiß, zu früh.
EPIKRISIE
Man kann es mit dem Gedächtnis leicht übertreiben. In dieser Hinsicht ist die Alzheimer-Erkrankung eine Erkrankung der ganzen Gesellschaft, so wie einst das
ganze Haus am Kapitalismus erkrankte und verschied. Die künstliche Bevorratung der Erinnerungen erzeugt Visionäre des leeren Gedächtnisses, die sich laut rufend in den Spalten der Jahrtausende verirren und nur durch engen Umgang mit dem geschulten Pflegepersonal der Informationsmedien so etwas wie eine späte Normalität erfahren. Wer immer in früheren Jahren oder Jahrzehnten ihren Weg oder auch nur ihre Gedankenbahn kreuzte, sollte sich von ihnen fernhalten oder äußerst warm anziehen. Der Eishauch, der von ihnen ausgeht, wirkt absolut tödlich. Da sie nichts zu sagen haben, kommen ihnen die Tränen, sobald sie den Mund aufmachen, und niemand macht ihn ihnen zu. Diese aufgeklappten, mahlenden Münder sind ein Symptom, aber für was? Wie immer haben die klinisch Kranken das Nachsehen: das Aufregende an ihnen ist, dass sie für etwas stehen, von dem sie nichts wissen können und, könnten sie es, nichts wissen wollten. Und selbst damit sind sie ein Zeichen.
EPOCHÉ
Das Ende einer Vorherrschaft ist gekommen, wenn es zwar Kandidaten für eine Nachfolge, aber keine Nachfolge gibt. Mancher Anwärter lauert ewig darauf, das Amt anzutreten, das sich ihm akribisch verweigert. Die Auguren des Heute würden ihn gern installieren, aber etwas passt nicht: dieses nicht, jenes nicht, einmal, zweimal, immer wieder, sooft der Versuch auch gewagt wird. Woran es liegt? An wechselnden Gründen, also an nichts Bestimmtem, also an dem, was sich nicht ändern lässt. So verändern sie einmal dies, einmal das, und vertun damit ihre Zeit. Es kommt auch vor, dass der Kandidat klüger ist als seine Parteigänger, es passt ihm nicht, so beim Wort genommen zu werden, und er entzieht sich. Wohin? Das bleibt sein Geheimnis.
ERDBEWOHNER
Sie sind Getriebene des Planeten und wissen es nicht, sie halten
ihn für ein zu klein geratenes Geschenk und wünschen sich zum
nächsten Festtag ein größeres. »Behandelt es gut, man weiß nie, was
danach kommt.« Solch mütterlicher Rede sind sie hilflos
ausgeliefert, zur rechten Stunde kommen ihnen die Tränen.
›Erdbewohner‹ ist ein Wort wie ›Rittmeister‹; verständlich durch
langen Gebrauch, verrätselt es sich, sobald einer hinhört, als höre
er es zum ersten Mal.
ERFÜLLUNG
Humanisten haben sie einst verhöhnt und von leeren Tüten geredet,
die als Stiftung des Teufels den Mützen gleichen, die Seher im
Gefolge des Satans bemerkt haben wollen. In diesen Tüten stecken,
nach der
Organisatione
della Armada Diaboli, tatsächlich die Häupter
seiner ersten Familie (er besitzt deren drei, nach der
Verstümmelung der Dreifaltigkeit): der Ankläger und Sykophanten,
das sind die Lieblinge der Könige und Demokraten, der Pragmatiker
und Rationalisten. Sie bilden die Fundamente der Wissenschaften und
des Bankwesens.
Immer wieder seit unendlicher Zeit, ruckweise, aber gelegentlich
auch in einem Zuge aufs Haupt gesetzt, ›erfüllen‹ sie gemäß einem
rätselhaften Kommando das exercitium antispirituale, denn ihre
Waffen sind (gleich denen aller ›Spitzbuben‹ – sic! – dieser Welt)
ihre flinken Köpfe, die sie stets aufs Neue bedecken, um wie Büßer
zu wirken.
So war es auch ein französischer Jesuit und Cornet seines Ordens,
der das Tütenkleben als Strafe in den Gefängnissen Frankreichs
eingeführt hat (das Cornetieren). Um die Gefangenen wie einst
Diogenes vor den Statuen der Götter im ›Nichtsbekommen‹ zu üben,
mussten sie sich jede hundertste Tüte ans Kinn kleben, um so
erniedrigt und beleidigt ihre Suppe zu löffeln. Napoleon schaffte
zwar diese Strafe ab, ersetzte sie aber durch das Kleben von
Edikten in Form von Pulverkartuschen, von denen sie jede zehnte als
Papilotte an bestimmte Haarsalons in Paris abliefern mussten. Die
Rue Papillote an der Place de la Pulvre legt von dieser Auflage
immer noch Zeugnis ab. - PM
ERHALT

Wer das Messer im Sack trägt, braucht für den Erhalt nicht zu
kämpfen. Welchen Erhalt? Heilige Einfalt! Ein Erhalt lässt sich nun
einmal nicht zerlegen, nur quittieren. Die Quittung fügt dem Erhalt
nichts hinzu außer seiner Ordnungsgemäßheit. Der Geber sichert sich
ab und der Abnehmer ist der Dumme, denn ihm obliegt hinfort die
Sorge um den Erhalt. Wir wissen nicht, ob er nächtens wachliegt,
weil der Erhalt ihn drückt. Was wir wissen ist, dass die Sorge ihn
zu befremdlichen Handlungen treibt. Seine Versuche, das Erhaltene
einzuhegen, sind rasch Legion. Gut dokumentiert ist die Geschichte
der Zäune, deren er sich bedient und von denen jedes Modell durch
das nachfolgende entwertet wird. Ein entwerteter Zaun ist zu gar
nichts nütze, etwa wie ein beiseite geworfenes Verkehrsschild oder
ein Wachhund, der sich vergnügt. Er muss aber entsorgt werden,
dafür ist das eingezäunte Gelände gut. So stapeln sich die Leichen
entsorgter Zäune, Zeichen einer immerfort verdoppelten Sorge, auf
dem ach so erhaltenswerten Grundstück. Wie bald verstellen sie den
Anblick des Himmels, der uns sonst so rührte, weil er der
Sorglosigkeit eine zugegebenermaßen flüchtige Bleibe verschaffte.
Schon zieht sie klagend über die Erde, nächtens hören wir ihr
Geheul.
ERINNERN

Da ist eine denkerische Aufgabe, die hält dich fest. Und da ist das
Erinnern, aufgegeben auch das, eine Aufgabe, meinetwegen, aber sie
hält nicht fest, sie lässt los, sie zwingt dich, loszulassen, nein,
das ist falsch, sie zwingt nicht, sie wartet. Sie wartet darauf,
dass du loslässt, Stückchen für Stückchen, Bröckchen für Bröckchen,
in die Netze hinein, ans Davonschwimmen ist nicht zu denken. Aber
in den Netzen herrscht keine Geborgenheit, ihre drangvolle
Verdichtung schafft keinen Raum. In ihnen herrscht Enge, sonst
nichts. Auch das ist zu viel gesagt, es herrscht der Nicht-Raum.
Der Nicht-Raum kennt keine Fläche, er kennt kein Außen, das in ihm
läge, er kennt nur das Außen, das unerreichbar bleibt. Dennoch
treiben die Netze, das Außen umspült sie, fast hätte ich gesagt,
von Ewigkeit zu Ewigkeit, aber das wäre nur eine Floskel. Sie
treiben dahin, da ist keiner, der sie birgt. Aber auch das ist ein
Wort, das den Widerspruch aufruft. Da steht er, eine Ampel auf
einsamer Strecke, sie könnte sich den Wechsel sparen und alle
Farben auf einmal anzeigen: Grün, Rot, Gelb, das wäre ein schöner
Zusammenprall, wenn mal jemand käme.
ERLÖSUNG
Sie wirkt auf verschiedenen Ebenen. Man kann befreit werden, was
der Erlösung nicht gleich kommt. Man kann von Fesseln, vom Schmerz,
von der Bosheit seiner Feinde und Feindinnen befreit werden, aber
erlöst werden ist etwas anderes. Erlösung ist nicht zu erleben,
denn sie ist eine Vorstufe des Ersterbens. Insofern ist der Sinn
dieses Wortes unter uns peinlich Unsterblichen aus der Mode
gekommen. Man hat die Stufen vergessen, die in die Leere führen, in
der die Erlösung, von einem jungen Drachen bewacht, dem Leben die
Stirne bietet. Denn mitten in diesem Licht gedeiht die blühende
Erlösung, die mit den Äpfeln der Hesperiden an ihren sechs
Luminarien jede gewerbsmäßige Schönheit der
Kunst in den Schatten stellt. Wehe dem
Haupt, das die Zahlung des Lebens an dieser Stelle verweigert. Das
Licht erlischt und der Besucher, der es vielleicht bis zum jungen
Drachen gebracht haben könnte, steht nun hinter dem Zelt eines
Marktplatzes auf verlorenem Posten. Vergebens sucht er ein Taxi,
denn er haust jetzt für lange Zeit in der dritten Natur und sein
Körper schwebt mühelos durch eine Gegend, die ihm das Zeitgefühl
nicht zum Erlöschen gebracht hat, ihn aber jahrhundertelang
festhalten könnte, obwohl er sie immer aufs Neue zu kennen glaubt.
- PM
ERLÖSUNG (2)

Die Erlösung ist zweigeteilt, sie wird gewährt, aber ebenso auch
erworben. »Oh, göttliche Teilung von Gnade und Wunsch« heißt es in
einem früher sogar von Freibündlern und in Studentenverbindungen
sehr gerne gesungenen Kanon der Serapionsbrüder, der leider den
stark verkürzten Messen zum Opfer gefallen ist, denn er war, der
Erlösung entsprechend, von fast unendlicher Länge. Männer und
Frauen, die sich erlösungsbedürftig wähnten, schlossen sich in noch
früheren Zeiten zu riesigen Chören zusammen und brausend stieg der
Wunsch in den Himmel, jedenfalls wenn die Zeit es erlaubte. In
Reims sang man einmal drei Monate lang während der Erntezeit ohne
Unterlass, und wenn nicht die Pest ausgebrochen wäre, sänge man
hier vielleicht noch immer. Aber kurz darauf drangen die Engländer
ins Land und von Johanna von Orleans hörte man damals noch nichts.
Man hätte Gründe gehabt, um Erlösung zu singen, doch die Zeit ließ
es nicht zu. Die Kollektive der Christenheit verbargen sich überall
und von gemeinsamen Chören im Schrei nach Erlösung war nichts zu
hören. Später kamen andere Völkerschaften und nach und nach auch
wieder die Pest, bis hin zu den Hugenottenkriegen und der Bluttat
der Bartholomäusnacht.
Ohne Gewährung durch höhere Mächte ist allerdings auch der höchste
Eifer sinnlos, und auf gut Glück trauen sich selbst unter
Inbrünstigen nur die wenigsten, in Reihenhäusern oder
Plattenbausiedlungen laut zu singen. Überhaupt ist der private
Gesang in Haus und Küche mit dem Erlöschen der Erlösungschöre
ebenfalls untergegangen.
Es gibt nun aber ohne den Willen, erlöst zu werden, keine Erlösung,
denn die Sache hat hier unfassliche Wurzeln. Unendlich vielen,
allzu vielen, bleibt der Erlösungswunsch stets nur ein Wahn,
eigentlich ohne den erhofften Ausgang. Zu viel muss geschehen, bis
Gewährung und Wille eins miteinander werden, und Erlösungswille ins
Blaue hinein ist oft nur ein kurzer Wunsch, immer erneut von Sünden
und Zweifeln unterbrochen. Mit ihnen im Gepäck kann niemand
Erlösung erwarten. Aber dieser Zustand mag ja noch angehen, er ist
wenigstens einleuchtend. Es gibt aber leider auch Fälle, in
welchen, dem Anschein nach, jedenfalls nach menschlichem Ermessen,
alles zusammenpasst und der berechtigte Schrei nach Erlösung
grausam, in unerforschlichen Ratschlüssen, niemals gewährt wird.
Das allerdings bezeugt dann, nicht ungeschickt für die unseligen
Materialisten, das Fortbestehen einer alten himmlischen Zerrüttung
im Vermögen über das menschliche Schicksal.
Kaiser, Könige, Päpste und Heilige haben vergebens Erlösung
herbeigefleht, hingegen empfing nach Pascal ein am Parktor
bettelnder Blinder, nichts weiter als ein namenloser Mann in
Lumpen, durch die Kutschenräder des nächstbesten Höflings den
schmerzvollsten Stoß gegen die Brust und zugleich eine grausame
Erlösung. Das wäre natürlich im Sinne des Christentums noch gerecht
und verständlich, aber der rohe Kutscher erlangte seine Erlösung,
ohne sie überhaupt je wie der Bettler erfleht zu haben, noch am
Abend durch den blitzschnellen und völlig schmerzfreien Huftritt
eines verhexten Rosses, wie Hans Baldung Grien es in Kupfer so klar
und deutlich gestochen hat.*
Man bleibt eben unbehext viel ahnungsloser als jenes Pferd, das
zwar voll glühender Bosheit, aber doch im Dienst der Erlösung
rückwärts blickt. - PM
*
Der behexte Stallknecht,
1544.
ERNST
Es gibt Regionen der Ernsthaftigkeit, in die man nur im Scherz
vorstößt – nicht zum Scherz, wie die Sprache abschließend anmerkt,
sofern niemand ihr widerspricht. Der stumme Ernst ist eine Figur,
die wenig zu denken gibt, da bereits alles gesagt ist. Man reicht
sich die Hand, eine angemessene Geste, die, wie alles, was dem
Entgleiten entgegen geht, es im Hinauszögern auslöst. Alle stürzen
sich in die Zukunft hinein, als sei sie aus einem schmiegsamen
Element, das überdies trägt; angesichts dieses Wahnsinns gibt der
Ernst den, der nicht mitkommt, eine Figur aus dem ewigen Gestern,
das sich ebenso erneuert wie alles, was ansteht. Man hält ihn für
bekloppt und alle lieben
ihn, er sich vermutlich auch. Man macht Scherze über ihn, das ist
wahr, und mancher amüsiert sich auf seine Kosten, aber das gilt als
ungehörig und verrät einen Charakter, mit dem alle können, unter
Vorbehalt, versteht sich.
E la
nave va.
ETHIKSCHWUND

Die den Ethikschwund öffentlich beklagen, haben es leicht, denn sie
haben die Eisbären auf ihrer Seite. Die Eisbären sind für die
Ethik, die ihnen nur Vorteile bietet. Sie selbst besitzen keine,
also kann ihnen niemand vorwerfen, sie suchten nur den eigenen
Vorteil. Im Gegenteil: erst der Vorteil aller verschafft ihnen das
kalte Plätzchen, das sie fürs Überleben brauchen. Eisbären leben
von anderer Leute Ethik wie diese vom Tran der Wale. Kein Eisbär
hat je die Kälte vergessen, aus der seinesgleichen kommt. Man
könnte sagen, er schmilzt unter der glühenden Sonne der Arktis wie
ein Stück Erz im Hochofen der Stahlköche. Nur den stählernen Eisbär
wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Die Evolution
verweigert ihm diesen letzten, alles entscheidenden Dienst und
schleudert ihn ins Dunkel der zoologischen Anstalten, wo er sich
wohl fühlt, aber manchmal ein Reißen verspürt, wenn er zwischen den
Besuchern die kleine Meerjungfrau sieht, die es ins Wasser zieht,
die aber tapfer dagegen angeht. Solche Tapferen kennt er, sie würde
er gern zerfleischen.
EUROPÄER, GUTE

All diese guten Europäer, die Worte von Toten im Mund führen
und einen gemeinsamen ›Erinnerungsraum‹ herbeten, an den sich so
keiner erinnert, denn er ist, was immer man sagen mag, konstruiert,
sie mogeln ein wenig, wenn man so will, diese guten Europäer. In
Wirklichkeit fühlen diese guten Europäer sich abgestoßen von der
Enge, der Muffigkeit, der Politik und den Schikanen des Europa, das
sie umgibt, und warten sehnsüchtig auf die nächste Einladung nach
Princeton oder Dubai. Wären sie die Europäer, als die sie sich
ausgeben, so arbeiteten sie still, energisch und umsichtig an der
europäischen Nation, an der Gründung der Republik Europa, um genau
zu sein, sie begriffen sich als europäische Öffentlichkeit und
setzten alles daran, diese private, von müßigen Institutionen
gesponsorte Fiktion ernsthaft umzusetzen, auf die Gefahr hin, von
notorischen Schulterklopfern halbtot geschlagen und auf offener
Straße liegen gelassen zu werden. Aber gerade das ist ihnen
verwehrt, es wäre ›zu leicht‹, es würde den Traditionen Europas
nicht gerecht. Sie sollten bedenken, dass jene früheren, allzu
wenigen ›guten Europäer‹, die
vor den großen Katastrophen des
Kontinents in Erscheinung traten, einer kulturellen Gemengelage
angehörten, die geradewegs auf die Katarakte zuhielt, dass fast
alle, darunter die ›Besten‹, von denen man hin und wieder
schwadronieren hört, mitdestruierten und dass das heutige Europa
der Normierer und Augenwischer, das sie im Unernst ablehnen und
wortreich ›weiterbringen‹ wollen, sich jenen Katastrophen
›verdankt‹ – ihren Fakten und ihren Lehren. Europa wird Nation oder
Wirtschaftsstandort, also gar nicht sein.
EUROTON

Europa kann sich nicht auf sich beschränken, es geht überall über
sich hinaus. Das macht es zu einem bizarren Erdteil für andere und
endlich, auf seine Binnenräume zurückgeworfen, auch für sich
selbst. Es kennt nur eine Lage und die ist, wie die Nietzscheaner
sagen, exzentrisch. Daneben kennt es tausend Lagen dank einer
Auslegungssucht, die noch jeden Dialog der Kulturen in eine
Simulation zu verwandeln gewusst hat. Europa redet mit sich selbst,
es redet ununterbrochen mit sich selbst, aber dazu bedarf es der
Illusion einer in Rede stehenden Welt. Die Aufforderung, über
Europa zu reden, bedeutet, den Sprechfluss zu unterbrechen und den
Simulationen schlitzohriger Politiker das Feld zu überlassen.
Warum das so ist? Es ist so geworden und es wird auch wieder
weggehen, aber abzusehen ist davon nichts. Was nützt es, den
Universalismus als Ethnozentrismus zu denunzieren, wenn dieser
Ethnozentrismus nur ein Universalismus ist (eine Anleitung zur
Selbstaufhebung oder ‑vernichtung)? Nicht viel, wie die Erfahrung
lehrt. Seit Europa sich in den Schutz einer Weltmacht begeben hat, lebt
es bequem vom natürlichen Reichtum der anderen an Waffen, Öl, Geld,
Arbeitskraft etc. Die Geschichte hat ihm gezeigt, was auf diesem
Feld möglich ist, Europa liebt die Geschichte. Dass es zur
Einwanderungszone wurde, hat seine Sucht nicht gemindert. Natürlich
nicht, in Einverleibungen kennt es sich aus. Schließlich heißt
seine Gefahr, wie fast alle wissen,
fast food.
EXPERIMENTUM MUNDI

Wer die Wege des Eros als eine ›Kette von Demütigungen‹ erfährt und
darüber im Tonfall dessen berichtet, der das Weiterlesen so satt
ist, dass er sich mit einem Schnitt davon trennen möchte, ist
entweder auf dem Weg zum Heil oder auf dem Holzweg. Das
Experimentum carnis ist Teil jenes größeren Experimentum mundi, in
dessen Zentrum die Immanentisierung oder ›Verweltung‹ steht, wie
ein aus Funk und Fernsehen bekannter Vordenker das nennt: das
Aufgehen aller Gedanken, aller Begriffe in einem Weltbegriff, der
sie nicht nur enthält, sondern rechtfertigt und Instrumente für
eine neue Menschheit aus ihnen – ja was denn? Werden, entstehen,
entspringen lässt? Ein großes ›Fiat‹ prangt über dieser Art des
Philosophierens, die sich antimetaphysisch nennt und das
Wiederkäuen ins Zentrum des Nachdenkens verschoben hat. Nachdem die
Begriffe der Metaphysik den Dienst quittiert haben, steht das Wort
›metaphysisch‹ wie eine Vogelscheuche im Raum, ein nebulöser
Stellvertreter und zugleich ein kerniger Bursche, der Wind und
Wetter trotzt und für jede Flegelei zu haben ist. Vielleicht kommen
Nächte, in denen er vor Erschöpfung umfällt oder weil der Boden um
ihn zu weich geworden ist, aber sobald der Morgen graut, haben ihn
unbekannte Helfer aufgerichtet und er reckt seinen Stecken zum
Himmel – priapisch vielleicht, wer kennt schon die Wege des Heils.
EXPLOSION
Der Ottomotor ist ein vortreffliches Beispiel für die technisch
gereizte Wut der Materie zur Gewinnung von Energie. Ströme der
Raserei durchfahren die elektrischen Leitungen und entzünden ebenso
Lichter wie Bomben. In diesem Sinne ist Rache oder der Schmerz der
Materie das wesentliche Prinzip der gewonnenen Energien. Vertieft
man diesen Gedanken, so geraten auch Speisen zur Todesmaterie des
Menschen. Der beißende und kauende Mensch vervielfacht motorisch
die Kräfte verspeister Pflanzen, so harmlos sie auch zuvor an der
Sonne gewachsen sind, wobei natürlich auch sie die Sonne um ihre
Kräfte gebracht haben, und jeder Apfel verdient eine hübsche kleine
Bombe genannt zu werden. Insofern ist selbst der
Stoffwechsel des Menschen
nichts als eine fortwährende Kette von Explosionen.
Hier übrigens begegnet die Folgenforschung unmittelbar der
Todesmechanik, die durch
Leben und Streben Schicksal stiftend
zur Explosion gelangt.
Homomaris hat diese Durchkreuzung
von
Karma und Energie
einmal »die große Explosion des Leibes und der Seele« genannt und
damit den Thanatoskomplex Sigmund Freuds bedeutend
weiterentwickelt. - PM
FALSCHE FUFFZIGER

In den Fünfzigern blühten die Blumen anders, sie trugen Handschellen und seufzten, ob jemand sie aufschließen wolle, doch es war niemand da. Es war niemand da. Die Blumen hätten sich vielleicht selbst befreien wollen, wären sie zahlreich genug gewesen, aber sie waren sich ihrer kollektiven Stärke noch nicht bewusst und so blieb es beim individuellen Protestlook. Traurige Zeiten. Der Briefträger kam in Schwarzweiß, nur die Socken lugten ein wenig heraus, und wenn sie auch noch nicht rot waren, so guckten sie doch unsäglich genug unter den amtlichen Stulpen hervor, um in Träumen wiederzukehren, die sehr verbreitet waren: Sonne, Strand und Meer, eine Kinderschippe in der Hand und viel Sex. In den Fünfzigern war unter der Decke des Schweigens der Sex so verbreitet, dass viele sich Taschentücher unter die Nase banden, um dem Geruch von verbranntem Obst auf der Straße zu entgehen. Heute kann man lesen, die Sache sei damals zu neu gewesen, um ihre Folgen richtig abschätzen zu können. Überhaupt sei man sehr unaufgeklärt an sie herangegangen. Vermutlich stimmt das sogar. Den Alten war die Lust vergangen und den Jungen wuchs sie zu den Ohren heraus. Wohin sie wohl wuchs? Zu den Sternen, den Sternen.
FALSCHHEIT
Die gewöhnlichen und ältesten
Fälschungen finden sich schon
bei den unbekannten Kopisten in den Höhlen von Lascaux. Ein
bedeutender Bison, von stattlicher Höhe und ausschweifenden
Hörnern, wird dort bereits, wenige Schritte weiter, von schamlosen
Kopisten schlecht und recht wiederholt. Nun hat er eng stehende
Hörne, Knickbeine und einen Stummelschwanz. War diese Fälschung
eine Bosheit oder der bis heute bekannte gescheiterte Ausdruck
eines gerissenen Ehrgeizes? Gab es schon damals die ersten,
vielleicht noch seltenen falschen Künstler, die schlau genug waren,
den gefährlichen Jagdkollektiven zu entgehen, um Malerfürsten zu
werden? Was kann van Gogh gemeint haben, als er auf dem Sterbebett
sagte: »Das Elend wird nie ein Ende haben.« Hier kommt das
›Fürchterliche‹ hinzu, denn fürchterlich ist im Sinne seiner
Erscheinung das Zentrum jedes Schreckens auf Erden, genau wie die
Sonne, die der Maler gemalt hat. Seine Seligsprechung, seit einiger
Zeit von
Grabbeau und
mutigen Belgiern bei vier Päpsten vergeblich versucht, gibt der
Sonne das böse
Leben
zurück. Denn bildet die Sonne das Leben, so ist sie schon furchtbar
genug. Aber sollte sie mit dem drehbaren Rücken zum All erst
lebendige Tote spenden wie in den frühesten Zeiten Gottes, so
bedürfte sie weder Wiesen noch Äcker zu deren Wachstum, sie könnte
hinabsteigen gleich einem toten Gott und sich niederlegen in einem
Feuerschweif so groß wie der Rhein. - PM
FÄLSCHUNGEN
Auf schweren Teppichen, womöglich sogar hinter täuschenden
Butzenscheiben der ächzenden Welt der ohnehin noch ganz anders
Betrogenen ein paar bunte Streiche zu spielen und neben einem im
Orient eingelegten Tisch voll kostbarer Farben und Meißentassen im
Sessel sitzend mit dem Pinsel zu lügen, das ist wahrhaftig ein
genußvolles Treiben. Wenn ein freundlicher Gott wie der Gauner
Merkur dazu einen Dauerregen aufs Dach prasseln lässt, so ist kein
Besuch zu erwarten und die Leute bleiben in ihren hässlichen
Häusern buchstäblich stecken, denn der Klingelton entsetzt doch
wirklich jeden frei gewordenen Menschen. Kein Kind auf der Straße
schreit und man wiegt sich im Rausch eines rumänisch-ungarischen
Adelstitels von glühender Farbkraft zu den Klängen eines
berauschenden Preußischen Marsches. Der Titel, ob falsch oder
nicht, wird nach Goethe so manchen Puff abhalten können.
Wen alles das und Verwandtes und anderes mehr als tiefe Erkenntnis
vom Wert der Lüge im Wesen der Kunst ganz rein und ohne Ehrgeiz
berauscht, der ist, nach meiner Meinung, zum wahren Fälschen
geboren, ob er nun bloß kopiert oder als großer Erfinder in eigener
Sache Maler genannt werden darf. Denn man sage mir was man will,
jeder Künstler ist stets auch ein Fälscher, voll glühender Lust
nach der Manifestation eines fremden oder selber erfundenen
Irrtums.
Die Hilfsgeister von oben oder unten kennen hier keinen
Unterschied, »die von unten, die köstlich Dunklen« noch am
wenigsten. Hingegen haben die von oben den Nazarenern zu lange nahe
gestanden. Das gesteht im Alter sogar unter Tränen an der Piazza
des Weinens Herr Overbeck in der Kirche Santa Maria del Pianto vor
zwölf seiner Schüler am Tage des heiligen Lucas.
Die Düfte des Leinöls, der Harze, die wachsvermischten Tinkturen
widersprechen der Bildung einer Familie und die köstlichste
Einsamkeit, die mit Spuren von Schadenfreude vermischt ist,
übergeht die trostlosen Wochenenden und Feiertage im Zauberreich
der Kultur.
Man kann als Genießer oder als Schöpfer die Kultur hereinlegen oder
man wird als eifernder Narr ihr gequältes Opfer. Allerdings, ein
monastischer Zug von Verzicht gehört als Ausdruck von Weisheit
dazu. Verzicht auf Streben nach öffentlichen Ruhm, die Vermeidung
aller intelligenten Gesellschaften und als wirkliche Hilfe nur ein
älterer Herr mit einem zierlichen Bauch unter englischem Stoff, der
Besitzer einer ebenso geheimnisvoll zeitlosen Galerie, weit, weit
entfernt von Berlin und Paris, etwa im fernen Ostende, das ein
ebenso köstlicher Schwärmer und Anti-van Gogh auf verwirrende Weise
in vollendeter Naivität schon vorgewärmt hat.
Zerfallende Bauernhöfe liefern die alten Bretter oder die an den
Rändern vergilbten Hochzeitsleinwände, die alten Nägel, den echten
Staub, der, mit Regenwasser vermischt, den wertvollen Dreck der
alten Zeiten so anspruchslos liefert. Etwas Rost für den allzu
neuen Zinnober, es gibt den alten nur noch in China, statt dessen
abgeriebene Steine von den roten Ufern des Mains, Phiolen voll
aufgewärmter Insekten mit Eierhonig, zur fleckigen Stärkung der
Leinwand mit Roggenkleister vermischt, gelegentlich auch einen
prachtvollen Schinken mit Frühstückseiern beim Aushandeln dieser
bescheidenen Waren. Was für ein Traum.
Die Inbrunst der Suche nach solchen Stoffen, dieser alchimistischen
Bildungsreisen einer kunstreichen Pilgerschaft, mischt sich mit dem
Glauben an geistige Schätze, die als Reliquien Macht besitzen, an
berühmten oder berüchtigten Hauswänden kleben oder an einfachen
Kieselsteinen am nächsten Waldrand, die nach zehntausend Jahren das
erste Mal
stupore
erwecken. Sie bilden die Hausmacht gegen alle Moral, Fälschungen
hin oder her. - PM
FAMILIÄR

Das Familiäre bedenken, bis es so mit Pusteln überdeckt ist, dass
es sich Zeit lässt: wunderbar. Aber so ist es nicht. Es bringt
seine Zeit mit, es läuft wie auf Schienen, wie geschmiert, wie man
so sagt, es unterläuft alle Bindungen, denn es bringt sie mit. Es
hat, wie man so sagt, alles dabei: dabei bleibt es. Das Familiäre
ist das Familiäre, nackte Identität, wenn du willst, aber im Grunde
wird keiner gefragt. Es hat seine Falten, das ist wahr, es besteht
nur aus Falten, praktisch, auch das ist wahr. Ach, diese
Wahrheiten, alle zusammengenommen, sie passen auf einen Seziertisch
und doch... Man muss sehen, dass sie nicht herunterfallen, das kann
wichtiger sein als eine gelungene Operation. Was bedeutet schon
eine gelungene Operation gegen die Unzahl derer, die anstehen? Das
Einzelne verzwickt, das Ganze unbezahlbar, die Verantwortlichen
schleichen sich vom Tisch, sie können nicht ertragen, was sie da
anrichten, und laufen in ihr Unheil hinein, privat, wie denn sonst,
ein richtiges Unheil kommt immer privat. All diese Privatheiten
summieren sich, sie ergeben eine erkleckliche Summe, für die man
sich eine Welt kaufen könnte, aber gegenwärtig haben wir keine im
Angebot. Das Familiäre ist ein Diebstahl am Allgemeinen, der älter
ist als das Allgemeine, das durch ihn Schaden leidet, es ist König
Diebstahl, der in allen Türen steht und die eingelagerten Vorräte
mustert, bevor man ihn rituell verbrennt. Geständig wiederholt er
noch auf dem Scheiterhaufen die Worte: »Das ist alles meins!«,
bevor ihn das Entzücken Batailles bis zum nächsten Mal in seine
Schranken verweist.
FARBKANNIBALISMUS
Der Kampf der Farbe mit dem Hunger der Leinwand ist viel
bedeutender und ernster zu nehmen, als der oberflächliche
Betrachter der Bilder ahnt. Der Maler erweckt nicht nur Illusionen,
sondern er ist auch ein Speisemeister und sättigt die Leinwand
ebenso mit gesunden Erdfarben und Leinöl wie mit den Giften des
Bleiweiß oder des Schweinfurter Grüns. Die Seher – es sind nicht
die gaffenden Ästheten gemeint, sondern die alle Materie
durchdringenden Späher des Untergangs, der in allen Dingen waltet –
bezeugen den Kampf aus Hunger und Gift auch auf der Leinwand. Warum
gäbe es sonst auch die gute Malbutter des Johannes, die
bon beurre de peinture,
die der Lichtverkünder heiliger Worte im hohen Alter den malenden
Mönchen vom Berge Athos gestiftet hat? Sie vollzieht die innere
Taufe der Bilder mit Hilfe des ›Grisams von Patmos‹, wie diese
Butter mit Recht bei ihnen genannt wird. Restauratoren unserer Zeit
ahnen wohl kaum noch, warum manche Gemälde zerfallen und andere
duften und unvergänglich erscheinen. Der Geruch der Heiligkeit
waltet auch hier, aber sie wissen es nicht.
Ein furchtbares Beispiel für die doppelte Barbarei des
Zusammenhangs zwischen den prophetischen Illusionen der Kunst und
dem Hunger der reinen Materie vollzieht sich am deutlichsten wohl
auf der großen Leinwand von Géricault, die man im Louvre unter dem
Titel
Le naufrage de La
Méduse oder als
Floß der
Medusa besichtigen kann. Hier sieht der genaue Beobachter,
der die Verwandlung der Materie im Objekt einer Illusion nicht aus
den Augen verloren hat, die verhängnisvolle Verwicklung von
materieller Gier und Vergiftung ebenso im grausamen Hunger der zu
Kannibalen gewordenen Matrosen wie in der stummen Gefräßigkeit
jener Asphaltfarben, die im neunzehnten Jahrhundert die Maler so
sehr begeisterten. Aber die Brillanz dieser Farben ermattete rasch,
indem sie sich anfänglich voller Pracht auftragen ließen, um
alsdann in die Tiefen der Leinwand zu fahren und wie gefräßige
Schlangen bloß ihre runzlige Haut zurückzulassen. Die großen,
gewiss einst schwermütigen Schatten des Bildes sind inzwischen
dunkel und blind wie Leder. »Cannibalisme
de la couleur« befand ein würdiger
alter Herr, gleichsam ein Nachfahre jener verruchten Matrosen, der
im Museum neben mir stand, und er nannte auch gleich die ebenso
verruchte Farbe, die den zahlreichen Liebhabern alter Meister übel
genug bekannt ist: »Brun de Cassel.« - PM
FASSADENKUNST

Sobald das Spiel aus ist, gelingen die entschiedensten Würfe.
– Weiter. – So sieht man einen Menschen, der eben noch in vollem Spagat
seinen Geschäften nachgeht und sich privat vergrübelt, verborgen
bis zur Unkenntlichkeit in Formeln, die, von ihm abgesehen, keiner
entziffern kann. Von sich absehen kann er nicht, die anderen können
es wohl, ihr Blick gleitet an ihm entlang wie am Inneren einer
Regenrinne, er tropft ab. Heute laufen seine Geschäfte leer, der
Raum, in denen er Kundschaft erwartete, ist zu und er schenkt jedem
ein zerstreutes und unverständliches Lächeln, der ihn darauf
anspricht. Das verstehen die Leute, es sagt ihnen, dass er einer
von ihnen geworden ist und Fassadenkunst betreibt. Fassadenkunst!
Er könnte darüber lachen, doch er bemerkt es nicht einmal. Oder er
bemerkt es und versteht es nicht. Oder er versteht es und glaubt es
nicht. Oder er glaubt es und ist froh. Die Formeln bedecken die
Mitte des Raumes, er vertreibt sich die Zeit damit, zwischen ihnen
hindurchzugehen, man könnte es einen Tanz nennen, einen sehr
privaten Tanz, den keiner zu sehen bekommt. Dabei schichtet er
Hölzchen auf, eins neben das andere, eins über das andere, in
unregelmäßigen Schichten. Zusammen könnten sie eine Pyramide
ergeben, er weiß es noch nicht. »Nicht verzetteln« brummt er und
schiebt einen bekritzelten Zettel zwischen zwei Hölzer.
FAUSTRECHT
Dass die Faust recht hat, dass sie gern recht hat, ist allgemein
bekannt und bedarf keiner Nachfrage. Weniger bekannt scheint zu
sein, dass sie nur gezwungen auf dem besteht, was ihr gutes Recht
ist: das Recht nötigt sie dazu. Ungezwungen wäre die Faust ein
Zeitgenosse wie jeder andere, ein wenig kauzig vielleicht, aber man
ließe ihm das durchgehen. Gezwungen entsteht aus ihr ein Wesen
anderer Ordnung, das sich holt, was ihm zusteht. Da ist ein
Magnetismus im Raum, der alles, was herumsteht, ein wenig zu ihr
hinüberbiegt, ein
Stehen-zu, wenn Sie verstehen, was ich
meine, unübersehbar für den, der sich in solchen Dingen auskennt,
und das sind viele. So wird die Faust – wie gesagt, das Recht
scheint sie dazu zu zwingen – für mancherlei zuständig, darunter
ganze Bereiche, die sich ihr auf den ersten Blick zu entziehen
scheinen. Es gilt aber der zweite. Im Grunde weiß niemand, welcher
gilt, es ist auch egal, am besten sieht man nicht hin. So eine
Faust ist schließlich ein Objekt der Furcht. Sie vor allem steht
ihr zu, sie steht und stiert ihr nach, dass es einen juckt. »Ich
hole mir mein Recht« – an einem solchen Satz erkennt man die Faust,
bevor sie niederfällt und dem Recht die erste Quetschung beibringt,
das noch nicht weiß, dass es ihr Recht ist und mit der Folgsamkeit
zögert. So mag es der Teufel holen. Er ist ein Rechthaber, da kommt
es auf zwei oder drei neue Rechte nicht an. Wir haben ja! Man kann
sie nachschneidern, das hat keine Schwierigkeit.
FEHLERFREI

Die, denen nichts fehlt außer dem Fehlen selbst, sind der Fehler. Das ist übrigens kein Kalauer, sondern die reine Wahrheit, Betonung auf ›rein‹, so dass kein Rest bleibt, über den sich diskutieren ließe. Viele Menschen sehen das anders, sie diskutieren gern, aber in so einem Fall müssen sie passen. Müssen sie? Sie müssen nichts, darin besteht ihr Vorteil und ihr Beschränktheit. Sie müssen nicht, sie können und wollen, vor allem letzteres, mit einem Schuss ›dürfen‹ dabei, das sie ablehnen, weil es sie verrät. Warum verrät es sie? Weil sie im Grunde Erlaubte sind, Leute, denen man einen Spielraum gegeben hat und in diesem Raum einen Spielgrund. Sie haben Grund zu spielen, weil sie von allem anderen ausgeschlossen sind, was nicht bedeutet, dass sie z.B. keine Kriege führen dürfen, selbst dieses Privileg besitzen sie, aber nicht in vollem Umfang. Sie dürfen, weil sie müssen und weil es ihnen vorgeschrieben wird, übrigens auch der Rahmen und die Ziele, für die sie es tun. Sie sind also, wenn es hart kommt, reine Tötungsmaschinen und dürfen als solche getötet werden. Eine schreckliche Konsequenz, über die nicht diskutiert werden darf, auf keinen Fall und unter keinen Umständen. Eine solche Diskussion wäre ›nicht produktiv‹. Und produktiv sein, das wollen sie, am besten an allen Fronten. Warum das so ist, wird man erst später erfahren, eine Ahnung davon geht um, aber etwas Genaues weiß man nicht.
FEHLLESER

Man liest fehl, wie man fehlgeht, nichts ist natürlicher und regt
die Menschen weniger auf. In Büchern kann man sich leicht verlesen,
anders als in Menschen, an denen man sich bequemer vergeht. Das
liegt daran, dass ihr Inneres unzugänglich bleibt und nur auf dem
Weg der Selbstpreisgabe ein wenig Hokuspokus erlaubt. Der Wunsch,
in Menschen zu lesen wie in Büchern – und in ihnen statt in Büchern
–, ist uralt. Da die Buchstabenschrift an den Grenzen der Psyche
endet, verzeichnen die Analphabeten hier einen leichten Vorteil,
der allerdings dadurch entwertet wird, dass sie keine eigentliche
Leseerfahrung besitzen. So bleibt die Psyche das bevorzugte Gebiet
derer, die zwar lesen können, aber nicht ›zu lesen begehren‹.
Vielleicht wollen sie ja, aber ein sonderbarer Zwang treibt sie in
eine andere Richtung – der entschiedene Wunsch, ›etwas mit
Menschen‹ machen zu wollen. Bekanntlich ›macht‹ man mit Büchern
nichts. Nur Kindsköpfe türmen sie wie Bauklötze übereinander und
konstruieren daraus Eigenheime, in denen sie sich bei Regen
verkriechen. Wieder andere machen Geld mit ihnen oder werfen sie
ins Feuer. Doch der Heizwert pro gesellschaftlicher Meile bleibt
gering. In Zeiten, da die Bücher sich an den Rändern aufzulösen
beginnen, da sie zur Netzform übergehen oder zur Unform, werden
die, die schon weiter sind, gnädig. »Es geht um das Buch!« rufen
sie mit erregter Stimme, man merkt ihnen an, dass sie den Fehlgang
fürchten. Vom Umgang mit Büchern weiß zu berichten, wer einmal
versucht hat, sie zu verkaufen. Den Büchern geht es um nichts, als
Stapelware des Geistes genießen sie den heillosen Schreck, an der
Sonne zu bleichen.
FERNE
Alles Schreiben geht in die Ferne, aber die Menschen machen sich
nicht klar, was das bedeutet. Sie wollen Rapport: sofort. Man kann
das verstehen, aber nicht wirklich. Als Prestigemaschine ist das
heutige Schreiben allen anderen Formen der Mitteilung unterlegen;
wer ins Fernsehen drängt, sollte Umwege scheuen, auf denen
man bequem sein Leben vertrödeln kann. Die Zeit der Bücher ist
nicht die Zeit der Menschen, die sie geschrieben haben. Auch
verdient sie nicht wirklich Zeit genannt zu werden. Es ist etwas an
ihr, das sich schwer benennen lässt. Sie ist durchlässig, eine Zeit
mit Löchern, eine Art Sieb oder Fangnetz, durch ein Gewässer
gezogen. Was sie fängt, ist die Aufmerksamkeit von Leuten, die
einander nichts oder wenig zu sagen haben und sehr überrascht
wären, wenn sich der Autor
in
persona in ihre Gedanken drängen würde. Goethe, Tolstoi,
Proust: hätten Sie sie kennen mögen? Mit ihnen reden? Tagaus,
tagein? Ohne Unterlass? Über alles mögliche? Das ist nicht Ihr
Ernst. Oder Sie sind buchuntauglich und sollten an dieser Stelle
das Lesen einstellen. So wie ein Autor nur für das wahre, das
anomyme Publikum schreibt und sich vor Reaktionen bekreuzigt, so
will ein Leser das wahre, das anonyme Werk, eine Folge von
Buchstaben, die ihn überallhin begleitet, aber auf ihre, nicht auf
Menschenart. Es gibt Leute, die Bücher verabscheuen, in denen es
menschelt, in denen ein Autor fleischlich wird, sich am Ende in des
Wortes Vollsinn erklärt. Von derlei Ergüssen mag etwas halten, wer
will, sie sind
erschrieben, so wie man etwas
ertrickst oder sich
ereifert, statt Eifer zu
zeigen – oder ihn gar zu verbergen, was wesentlich effizienter
wäre. Wer sich aber, wiederum in des Wortes Vollsinn,
verschreibt, der kommt der Sache schon
näher. Man verschreibt sich, wie man sich
verläuft: auf einmal kreuzen sich alle
Wege und man steht
inmitten – von was auch immer.
Verschrieben hat man sich mit dem ersten Wort, sofern es steht –
wem auch immer, der Sache, dem Widersacher, dem Sachwalter, der
vielleicht nicht ausbleibt. Da gehen die Leute hin und schreiben
für die Lebenden, um etwas zu bewirken, etwas anzuschieben, um zu
kämpfen, um zu zeigen, wie sehr sie dabei sind und auch gehört
werden wollen. Aber man schreibt immer für Lebende, man kennt
sie nur nicht. Die Autoritäten von heute, sie sind schon tot, sie
hören kaum noch hin und lesen –... Lesen? Können sie das? Ist so
ihr Leben? Ist das ihr Kampf? Wirklich lesen Menschen,
bevor sie über den Köpfen der anderen
auftauchen, danach brauchen sie Stoff. Wer ein richtiger Lieferant
ist, wird immer den Unterschied leugnen. Daran erkennt man ihn und
seinesgleichen.
FERNSEHEN
Wer im Heiligen Officium nur den Hort finsterer Machenschaften und
grausamer Beschlüsse sieht und darüber die wahrhafte Sorge um die
richtige Auffassung vom Menschen vergisst, den bestürzend
schütteren Stand der Rechtgläubigkeit in den sich christlich
nennenden Gesellschaften der damaligen Welt und die sich daraus
ergebenden Missstände, um das, was zu tun bleibt und was not tut,
der hat vom Fernsehen nicht viel verstanden oder weigert sich, den
Dingen ins Gesicht zu sehen. Man sollte auch den Anteil des
Geheimen am Walten der Inquisition nicht willkürlich übertreiben.
Sie hat es über Jahrhunderte geschafft, die Phantasie der Menschen
zu beschäftigen, ihre bekannten Protagonisten waren in aller Munde
und ihre
Performances, vom
freiwilligen Widerruf bis zum Autodafé, waren, neben allem anderen,
wirklich gute Unterhaltung, professionell gemacht und beim
Konsumenten äußerst beliebt.
FETISCHCHARAKTER
Dass
Kunst Ware ist, dass
sie Ware sein kann, dass sie nichts als Ware sei, hat mehr Gehirne
in Bewegung gesetzt als jede andere Bestimmung, die ihr angehängt
wurde. Das ist verständlich, denn dadurch wurde sie Leuten
zugänglich, die sich ansonsten leichter erhängten als
ein Wort von dem zu verstehen, was da
steht, oder denen
diese
Bildsprache jetzt nichts sagt. Seit das Wort ›Fetisch‹ im
Raum steht, plappern sie unentwegt und sie finden, dass Kunst ein
guter Begleiter ist, eine wirklich wichtige Sache, ein Stück
Lebensart: »So wollen wir leben.« Unter dem Aspekt des größeren
Glücks für die größere Zahl wäre es allemal besser, wenn sich die
Künstler erhängten anstelle der Kunstliebhaber, leider war von
letzterem nie die Rede. Der Fetischcharakter ist in der Kunst das,
was die Gräten im Fisch sind: unerlässlich fürs Fortkommen, doch
unendlich lästig und endlich gefährlich für den Genießer.
FEUERWERK
Am Ende ist alles Feuerwerk. Das betont die Ratte mit feinem
Akzent, als sie die Zündschnur durchbeißt und sich des ungewohnten
Geschmacks wie einer fernen Morgenröte erfreut. Die sichere Distanz
wird nicht ersessen oder erarbeitet, sie wird erjuxt. »Das ist
nicht wahr«, schmollt das Tierreich, »einen Seufzer für jede
Wohltat.« Die aufregendsten Langweiler sind aber die Hasen, ihre
spröde und behende Art kommt aus dem hypertrophierten Gehör hervor
wie der Schnaps aus der Flasche.
FILMSPRACHE
Sprache, in der das Töten leicht fällt.
FILMTABLETTE
Es gibt Kalauer, die man nicht ausführen muss. Nur soviel: keine Bambi-Verleihung und keine Bachmann-Festspiele werden den Antagonismus von Tabletten-Kunst und Literatur jemals besiegen können. Begründet liegt er in jenem
‑iteratur, im Wieder- und Wiederlesen, rein zeitlich im Verfügenkönnen über einen Gedanken, der einmal schriftlich fixiert wurde, und zwar an jeder Stelle, in jeder beliebigen Konfiguration. Das macht, abseits des Lesens, die ›Lektüre‹ zu einem so komischen Unterfangen: wer ein Buch einwirft, wie man Tabletten einwirft, der ärgert sich am Ende, den Film verpasst zu haben, oder er fühlt sich erhaben und ein wenig von der Welt im Stich gelassen, weil er sich soviel Zeit gelassen hat wie sonst kaum jemand. Er lobt sich also dafür, dass er so langsam ist. Vielleicht ist er das ja wirklich: dann ist das Buch sein Kino. Vielleicht hat er einfach zuviel Phantasie, die bei der Lektüre in alle Richtungen davongehen kann, während der Film sie mit Messerhieben traktiert. Oder das Gegenteil ist der Fall und der Film rauscht unverstanden vorbei. Nach aller Erfahrung ist das sogar die Regel. »Ach Gott, ja«: darin besteht die kathartische Anwandlung seitens aller Medien, die über die Zeit gebieten, verbunden mit einem dumpfen Wunsch nach Veränderung. Man könnte z. B. einen neuen Fernseher kaufen und sicher wird man jetzt das eine oder andere kritischer sehen als früher.
FLASCHENHALS

Auf einer kleinen Anhöhe liegt das Kloster der bekennenden
Immanentisten. Sie reicht aus, um es gut sichtbar werden zu lassen,
doch fehlt jeder Anflug von Erhabenheit, die seine Bewohner mit an
Inbrunst grenzender Überzeugung ablehnen. Mit ein wenig Ironie
könnte man von einer Warft sprechen, aber das wäre gegen den
Comment. Gern nennen sich die Bekennenden hart, obwohl sie die
weichen Themen instinktiv vorziehen. ›Erkennen, was ist‹ lautet ihr
Motto, es steht auf einem kleinen Schild über der Klingel. Übrigens
mag man sie drücken oder auch nicht. Jede Annäherung haben sie
bereits von weitem erspäht und wissen, wie sie den Gast zu
empfangen haben. Nicht umsonst kaufen sie, so wie sich Gelegenheit
bietet, alles angrenzende Land zu. Viele dieser Käufe bleiben
unerkannt. Unmerklich verändern sie das Land, indem sie es mit
Markierungen überziehen. Manch einer orientiert sich daran. Das
merken sie und keiner ist ihnen in der Kunst der Wahrnehmung über.
Wer diese Abzweigung genommen hat oder jene, wann und wo und wie,
mit welchem Ausdruck im Gesicht – solche Fragen sind ihr tägliches
Brot und, seltsam anzuschauen, ihre Gymnastik. Es gibt Grade
weltfrommer Unbefangenheit, die sie aufs schärfste missbilligen.
Aus den Zeiten, als ihre Vorgänger nur Protokollsätze zuließen, ist
der Sinn für das Protokoll geblieben, das anderswo ›Etikette‹
heißt. Alles ist eine Zulassungsfrage, das haben sie klug erkannt
und beuten es aus. So ähnelt der Eingang in ihren Bezirk einem
Flaschenhals: Man sieht die Welt wie bisher, nur ein wenig verzerrt
und grün oder rot oder braun angelaufen, je nach Tageszeit, und man
fühlt sich an gewissen Stellen seltsam gehemmt. Wer nachgibt, darf
gleichwohl erwarten, dass er, alles in allem, zügig vorankommt.
Bleibt die Frage, ob man so aus der Flasche heraus- oder in sie
hineingelangt. Zugelassen ist die Frage selbstredend nicht, wer sie
trotzdem stellt, bekommt einen Cent.
FLUCHVERBOT
Dass Fluchen, kommt es nicht von ganz oben, eine Form der Heterodoxie darstellt, ist allgemein bekannt. Du sollst nicht fluchen denen, die da oben für Ordnung sorgen, ist mithin die Regel, nach welcher der Fluchende, ob er will oder nicht, verfährt. Wie das? Dass er selbst die oberste Instanz sein könnte, erscheint ihm kaum glaubhaft. Eben deshalb will er es glauben machen. Die Leute können sich das Glaubenmachen nur als Nasführen, also als heuchlerische Verführung verständlich machen. So ist es nicht. Entscheidend für den Akt des Fluchens ist der Sprung, der sich in ihm vollzieht. Der Rausch des Glaubenmachens lässt den Fluchenden nicht unberührt, er erfasst ihn ganz und gar, er formt aus ihm keinen Gläubigen, aber er verhilft spontan zu dieser Empfindung des
So muss es sein, ohne die unter Menschen nichts geht. Darin liegt das Geheimnis der Heterodoxie. Das Geheimnis der obersten Instanz hingegen liegt darin, dass sie niemals flucht. Jeder Fluch, jede Verfluchung ist ein Akt der Heterodoxie, die Einrichtung einer Fluchverbotszone für Anderstickende, die
hier nichts zu sagen haben sollen, denn –. Man kennt sie gut, diese Denns, an denen ebenso viele Wenns hängen, auf dass die Verkettung der Schicksale kein Ende nehme.
FLUTWELLE

Die Leute sondern ihre vorgeschriebenen Ängste ab, dass es einen schon nachdenklich macht. Aber wer schreibt sie ihnen vor? Menschen haben Angst, das ist bekannt, nur das Phänomen erklärt sich so nicht. Interessen, sagt der Kritiker: Interessen. Interessen sind das A und O der Marktgesellschaft. Also: die mächtigsten Interessen machen am meisten Angst. Man muss sich die Angstmacherei einmal praktisch vorstellen. Wer Angst macht oder verbreitet oder gemachte oder verbreitete Angst zu eigenen Zwecken missbraucht, der fürchtet sich nicht, jedenfalls nicht vor der Angst. Er betrachtet sie als gegeben. Auf dem Schachbrett der Mittel schiebt er sie dahin und dorthin, wo er sie gerade braucht. Wie er das macht? Ach du liebes bisschen. Schauen Sie sich um. Aber schauen Sie nicht zuviel. Es könnte Ihnen angst und bange werden. Warum ich das sage? Gegen einen Orkan, der im Gehirn wütet, sind die wenigsten gewappnet. Und selbst wenn sie es wären: Was sollen sie machen? Beidrehen heißt die Devise. Da tut es gut, ein Boot zu sehen, das, den sicheren Untergang im Hafen vor Augen, gegen die Flutwelle steuert.
FÖRDERWILLE

Der Förderwille ist mit Sicherheit wilhelminischer Herkunft. Die
ältere Förderabsicht verging mit dem barocken Regierungsstil, nur
der Tourismus profitiert noch immer von ihr. Der Förderwille
hingegen erweist sich bis heute als ungebrochen. Ihm verdanken sich
bereits der Tirpitzsche Flottenbau, der märchenhafte Aufstieg
Krupps und des Simplizissimus aus den Niederungen altdeutscher
Borniertheit, späterhin die Filmwirtschaft und der Rennsport,
schließlich die Atombombe und das Fernsehen und die Windräder und
das deutsche Reedereigewerbe, aber auch die Rednergabe von
Sozialpolitikern und die Kultur. Vor allem letzteres erscheint
schlüssig, wenn man bedenkt, wie gering das Bedürfnis der Menschen
ist, ohne staatliche Anleitung Messer und Gabel zu benutzen, die
Schamteile zu bedecken, kulturell wertvolle Musik zu erzeugen und
Theater zu spielen. Nur geballter Förderwille hält diese Funktionen
in Gang und macht sie ausbaufähig. Hingegen muss das Schreiben
nicht gefördert werden, es sei denn bei Legasthenikern. Das liegt
daran, dass gute Texte sich von selbst schreiben. Bloß die weniger
guten machen Schwierigkeiten, für die der Staat wohl nicht
zuständig ist. Jedoch auch hier hat er seine Hände verdeckt im
Spiel und es spricht für ihn, wenn seinen Vertretern die Schamröte
ins Gesicht steigt, sobald einmal die Rede darauf kommt. Wer z. B.
ist sich beim Schreiben bewusst, dass nicht allein die Kommata sich
der staatlichen Vorratshaltung verdanken, sondern eine so
wunderbare Sinnlosigkeit wie das ›scharfe S‹ ohne Hintergedanken
der Macht praktisch bereits ausgestorben wäre? Aber wie wenig
besagt das gegenüber der im Zweijahresrhythmus erfolgenden Ausgabe
von Hochglanzwörtern. Nachdem sie in einer ersten Erprobungsphase
dem Verkehr zwischen den Erwählten der Macht und ihren
Planungsgehilfen Würde und Effektivität verleihen, beglücken sie in
schönem hierarchischem Abstieg das nach unverbrauchtem Ausdruck
dürstende Publikum. Tadelnswert ist der Staat dort, wo er sich
mittels Verordnungen direkt in die Benennung der Weltdinge
einmischt und in seiner grenzenlosen Naivität Menschen, Formen und
Dinge durcheinanderwürfelt, bis jedes ein künstliches
Geschlechtsteil im Gesicht trägt wie auf manchen Bildern Savinios
oder auf dem Gemälde eines verrückten Wiedertäufers, der von den
Gesinnungsgenossen in der Münsterschen Aa ertränkt wurde, zum
Leidwesen seiner bis heute hier und da auffindbaren Bewunderer.
Doch muss man zugeben, dass sich der moderne Staat auf diese Weise
eine neue Schicht von Ministerialen erschafft, eine Art Dienstadel
wie im frühen Mittelalter, Lehnsfrauen und -männer, die für ihn
durch dick und dünn gehen, je nach Kleiderordnung.
FOLGEGEISTER
Da nichts ohne Folgen ist, gelten die schwebenden Geister dieser
rätselhaften Strömungen, personifiziert nach ihrem jeweiligen
Anstoß, nicht nur als Verfolger einer bereits rückwärts eilenden
Vergangenheit, sondern selbst als Bedränger der Zukunft, die ja
auch von ihnen verfolgt wird. Durch das öffentliche oder auch
einzelne Schicksal bis weit in die Zeiten vor der Geburt eines
Menschen hat man die Folgeister entweder als drängende oder
fliehende Macht, schädlich entschwebend oder boshaft kommend, im
Rücken oder selbst im Kopf und im Schlaf und zumeist als Flecken
der schmerzenden Zukunft mitten im Auge. Verfolgt wird von allen
Seiten, daran hat sich seit Ewigkeiten nicht das geringste
geändert.
Der seit Urzeiten uns bedrückende Seelenrucksack war anfänglich
nichts als das Netz und der Schnappsack eines beginnenden Daseins,
das sich früh der Natur zu entziehen begann. Am Feuer magisch
entleert lasen schon in frühesten Zeiten Frymerker, die Vorläufer
der Poeten, den Inhalt, als wären es Kräuter der Luft. Wandernde
Kinder fingen sie ein. Im
Cruciatus Animae des Feuervaters
vom Lichteler Wölobrunn sind Schuld und Schicksal von Kindern
gesammelt – entweder quälende Lasten im Rucksack oder schmerzende
Flecken im Auge. Indogermanischen Ursprungs, lange vor dem
Buddhismus, galt das verwirrende Schwebegesetz der Folgegeister, in
zweierlei Form vereinfacht, als Schuld und Schicksal oder Schicksal
und Schuld, und ward so zur Ursache jeder Philosophie als Netzwerk
ohne Erlösung.
Im Prinzip ist der Folgegeist dem immerwährenden Unheil eingebunden
und zwar »gleichen Ursprungs, aber geteilten Wesens«, eine
Wesensbestimmung, die auf dem Konzil zu Ephesus von den Magiern
unter den Christen Athens im Namen des gekreuzigten Jesus »wider
die Wohltaten Gottes« durchgesetzt wurde. (Siehe auch die
Gottblätter des Homomaris in Köln.) Erst mit dem Aufkommen
der Gnade verendete diese neue Geburt einer ausschließlich
menschenbezogenen Jesusphilosophie unter den Segensfäusten der
Theologen mit »fauler Psyche«. Noch wenig bekannt ist, dass die
Folgegeister, von welcher Seite auch immer sie wirken und woher sie
auch kommen mögen, ob aus der Natur vor oder nach der Schöpfung,
von höher geordneten Supergeistern verfolgt werden und im mal
governo schlimme Bedrückung erleiden. Sie wüten und strafen im
Niederen und erleiden die Folgen – von vorne bedroht und von hinten
bedrückt durch die Sonderform der infinitas animalis – bis in
unendliche Zeiten.
So zeigt sich im ältesten Werk der bildhaft strafenden Metaphysik,
bei Dante, »des Geometers Bogen« am Ende tatsächlich ja nur als
erster Kreis der Ewigkeit, den der Zirkel als farbige Luft
fahrlässig durchstochen hat. Dieser erste Kreis empfand durchaus
noch den Schmerz seiner Deutung und entwickelte Folgen, die einem
höchsten Zeichen Dantes nicht eigen sein dürften. Dieser höchst
künstliche Sonnenschein in all seinem Leuchten war eben noch immer
ein menschenverwandter Anfang.
In der Nachfolge jener verdrängten Urchristen Griechenlands wird
die Vermessung des Geistes durch falsch durchstochene Luftbilder
als schmerzende Seelenfolge betrachtet und seine Weiterentwicklung
im Kreise der Kaleidoskopen den Schattenforschungen
(Folgenforschungen) zugerechnet. Diese wiederum spielen in der
poetischen Heilkunst die Rolle, den geistigen Schmerz kollektiver
Strömungen zu erforschen. Es heißt beispielsweise bei ihnen:
»Gemessener Geist, (es ist hier die materielle Intelligenz gemeint)
treibt den Kopf an falsche Altäre.« Oder auch : »Wo der Zirkel der
objektiven Wahrheit den Geist durchsticht, entsteht der
schmerzhafte Irrtum«, oder: »Man durchbohre den Geist nicht
außerhalb seiner selbst.« - PM
FOLTERKUR

Jedermann sieht die Spur der Verwüstung, die die Wissenschaften vom
Menschen hinter sich herziehen, ihr ewiges Zu-kurz-Springen, das
die neuesten Forschungsergebnisse mühsam verdecken. Morgen
schon werden sie Schnee von gestern sein, ein müdes Lächeln im
Gesicht der Auguren. Doch heute tun sie ihre Schuldigkeit, daran
besteht kein Zweifel. Jedermann schweigt, er ist niemand, eine
Theaterfigur, und wer geht schon ins Theater. In kaum jemandem hat
das sang- und klanglose Ende der Freudschen Dampfturbine, ›Psyche‹
genannt, den Verdacht aufgerührt, das Spiel der Enttäuschungen
könnte weiter gehen, viel weiter als die methodisch gesäuberten
Phantasien derer erlauben, die heute dran sind. Auch das
Computermodell des Bewusstseins ist vielleicht nicht aller Tage
Abend. Dahinter steckt System. An dieser Stelle nicken viele
heftig, die in ihrem Leben keinen einzigen wissenschaftlichen
Gedanken zu fassen imstande sein werden. Aber wer ist das schon.
Kaum jemand schweigt, das ist sein Markenzeichen, er kann nicht
anders. Dieses vertrackte Schweigen... niemand beherrscht es so gut
wie er, zwischen beiden herrscht eine Konkurrenz, die keiner sieht,
denn dieser sieht immer. Keiner, pflegte Großmutter zu sagen, weiß,
was er sieht. Vertraue niemand! Ein verwegener Rat, wie man sieht,
der letzterem eine Verantwortung aufbürdet, unter der er
zusammenbricht. Hinter dem stürzenden Niemand steigt Jedermanns
Standbild steil in die Höhe: Wer bräche da ins Knie? Umspült von
Wissenschaft, ein Opfer subtiler Folterkuren, ist keiner so wenig
beschlagen, dass er durchschaut werden könnte. Warum auch.
FORESTIER
Können Verse narren? Spiegeln sie ein Leben vor? Sind sie deshalb verwerflich? Diese hier wurden verworfen, weil die Einsicht in ihr Mittelmaß unmittelbar der Erkenntnis entstieg, dass man gefoppt worden war. Warum gefoppt? Ist Literatur nicht
fiction? Wurde der Comte de Lautréamont von einer übellaunigen Kritik geschasst, als Herr Ducasse zum Vorschein kam?
Der ganze Vorgang ist äußerst lächerlich – ein Stück Nachkrieg, dem das Wasser am Hals steht. In Wirklichkeit tickte das Wort ›Waffen-SS‹ in der leeren Brust eines ›Frühvollendeten‹, den es nie gegeben hatte, und niemand wollte in der Nähe sein, wenn sie hochging. Stattdessen erwischte es einen Nobelpreisträger, doch da war ein halbes Jahrhundert verstrichen. Seltsam die Rolle des armen Georg Forster im Hintergrund, als Namenspender für einen Angeber, den die Vorsicht zur Tollkühnheit trieb.
FORTSCHRITT
Bei der unbekannten Größe und Form aller Dinge die unbekannte
Richtung als euphorischer Weg in die scheinheilige Nullität der
Geschichte, denn diese allein wird von nun an von uns für gewiss
gehalten. So bekommen wir diesen Wegweiser des Narrentums, von den
wilden Windrichtungen der Windrose weit entfernt, durch die
Einseitigkeit eines Wegen nach rückwärts. Wir haben die blitzhaft
zuckende Poesie von Himmel und Hölle verdrängt für die stille Null
eines Nebels von gestern. Sie macht selbst die Erde bodenlos, mit
all ihren technischen Löchern, das sind gerade die Nullen, ebenso
die der Granaten wie der Bohrlöcher.
Dieser Schwebezustand aus Glaube und Technik verläßt die Ställe
Darwins mit Geruch und Geräuschen aus den maskierten Ärschen der
Teufel, wie sie auf gotischen Tafeln gemalt worden sind. Denn
tatsächlich blickt hier die Steißgeburt des Verstandes nach
rückwärts. Zuerst in die Gewissheiten der Materie, dann in die
künstliche Unnatur der Selbstbarbarei und schließlich auf die
Schlachtfelder der Gemeinheit als großes Regietheater der
Geschichte. Die Blicke werden gemessen, sie werden berechnet und
bilden so die schrittweise explodierenden Gewissheiten, gleichsam
die Artillerie der Verblödung. Indessen steht die verkommene
Aufklärung mit dem gesenkten Phallus als Fackel aus Gummi
kreischend daneben, als sei sie soeben vom Lautsprecherwagen einer
Love Parade geklettert, um dem Menschenzoo näher zu sein. -
PM
FRAUENBEIN
Das wohlgeformte Frauenbein gibt es nur aus besonderem Anlass. Allein die wahren Inhaberinnen des Fleisches haben nichts zu verbergen und zeigen, was sie haben, bis an die Grenze, an der es verschwimmt. In diesem Frühjahr schaffen es selbst die an Jahren fortgeschrittenen Frauen, dass ihre Beine sich wie schwarze Würmer aus den angesagten hemdartigen Bekleidungen zu Boden ringeln. Was das alles bedeuten mag? Man sollte sich notieren, in welchem Jahr man sich bewegt, wenigstens das, bevor alles in einem anderen Einerlei aufgeht, das, wie jedes Einerlei, nur die Notdurft über dem Vielerlei zeigt.
FRAUENFEINDLICH
Die Frauen in den liberalen Gesellschaften werden dieses
Etikett noch gründlich verfluchen, wie es einige ja bereits
tun. Es räumt Widerstände dort weg, wo sie vielleicht dringend
gebraucht würden, um schreckliche Rückschläge zu vermeiden oder
auch nur, um dem klassischen Eignungsdilemma auszuweichen. Aber es
geht ihnen bloß wie der Gesellschaft insgesamt mit dem wachsenden
Wald der Verbotsschilder: sie blockieren das Denken an Stellen, an
denen es sehr zu empfehlen wäre. Die beamteten Macher fürchten das
ewige Problematisieren, sie wünschen freie Fahrt. Das Wort
›wirtschaftsfeindlich‹, weniger gefragt zu einer Zeit, in der sich
die staatlichen Instanzen vor Willfährigkeit überschlagen, wirkt da
wie ein Menetekel: einer Macht, die alle Türen eindrückt, wird man
niemals Genüge leisten. Auch diese Macht ist nicht
die Wirtschaft, sie versteckt sich in,
gelegentlich hinter ihr und möchte nicht genannt werden. Die Macht
des Wähnens ist herrenlos: eine Karte, die jeder zückt, der sie
zufällig in die Hand bekommt. Manche Hände halten sie auffällig
oft.
FRAUEN-GHETTO
Eine interessierte Gesellschaft behandelt die Frauen
in summa und sperrt sie damit nachhaltig ins Frauen-Ghetto, das gerade zu öffnen sie ihnen versichert. Das gibt eine schöne Empörung, die sich in Feuilletons und dem kritischen Buch der Saison zu entladen weiß. Und sie bleibt wahr, solange es keiner Stützungskäufe bedarf, um die Währung ›Frau‹ vor dem Absturz in die gefährlichen Regionen des Weiblichkeitswahn zu bewahren. Nicht ob die Frauen mit den Verhältnissen, wie sie sind, zurechtkommen, ist die Frage, sondern ob man sie zurechtkommen lässt. Alles Zurechtrücken von Frauenbildern erzeugt nur Mode und Maskenbildnerei, alles Unterschieben von Fördermitteln und Extragewinnen aus Geschlechteranteilen steht im Verdacht, einem Weltbild zu huldigen, das der
Apollonius von Tyrland, ein Ritterroman des späten Mittelalters, bündig zusammenfasst: »Ain weyb ist ain halber man«. Auch damals ging es um Frauenförderung, gelegentlich wäre es an der Zeit, sich auf die Wurzeln zu besinnen.
FRAUENSACHEN

Immer, wenn die Frauenfrage gerade entbrennt, trägt sie den neuesten Schick, und immer verabschiedet sie sich in den Gewändern der Suffragetten von anno dunnemal unter der Versicherung, darum gehe es nun wirklich nicht mehr und frau hätte andere Sorgen. Übrigens ist das nicht nur eine Angelegenheit wechselnder Zeiten, sondern auch wechselnder Gemüts‑ und Lebenslagen, was ohne weiteres einleuchtet, weil die sogenannte Frage, genau betrachtet, ebenso wenig existiert wie sie nicht existiert. So wenig sie einst durch die überfällige, ein Jahrhundert lang aufgeschobene rechtliche Gleichstellung abgetan werden konnte, so wenig bringt die administrative Frauenförderung sie einer abschließenden Lösung näher. Stattdessen bringt sie, neben Vorteilen für Schnellentschlossene, neue Stressmodelle zum Tragen und wirft Fragen auf, die unbedingt beantwortet werden müssen, falls man sie nicht gerade vergessen möchte, weil eine bestimmte Art zu fragen mehr an den Abgründen kratzt als konstruktive Potentiale entbindet. Eine ethische Dimension allerdings hat die Frauenfrage und vielleicht liegt in ihr die Frage der Frage selbst beschlossen. Man kann die Frauen nicht fragen, was ihnen frommt, um diesen etwas altväterlichen Ausdruck hier zu benützen. Natürlich kann man sie fragen, kreuz und quer, mit Häkchen und Kreuzchen und ja und nein und Präferenzen und ›weiß nicht‹, aber diese Antworten bleiben stumm, weil sie immer nur Auskunft darüber geben, wie es die anderen halten. Die Lage der Frauen ist so, dass ihr bloßes
Frausein nirgendwo ihre Interessen begrenzt oder ›definiert‹: so weit, immerhin, sind die Dinge
nun wirklich gediehen und niemand sollte Uhren willkürlich anhalten, am wenigsten Uhrmacher.
FRAUSEIN

Wer die sogenannte Frauenliteratur ein dürftiges Zeug zu nennen
wagte, hätte sie alle gegen sich. Dennoch empfinden die meisten
Frauen so und geben es unumwunden im privaten Gespräch zu
Protokoll. Sie schütteln den Kopf über die Männer, die nichts zu
bemerken vorgeben, die, wie immer, positiv entflammt sind, und
wissen Bescheid. Kalt taxieren sie die Motive derer, die den großen
Wandel der weiblichen Lebensformen, das neue Selbstbewusstsein und
die ererbten Einstellungen, die darin fortwirken, zu erwünschten
Geschichten und angesagten Begriffsmustern verarbeiten. Warum das
so ist? Sie kennen das Schweigen, das im weiblichen Schreiben
fortdauert, zu gut, um sich über seine Ziele zu täuschen, während
die Männer diesem wie allem Schreiben eine Art von Hilflosigkeit
entgegensetzen, als müssten sie den Sinn darin gegen den Widersinn
der Subjekte ertrotzen. Zu den Asymmetrien der Kultur gehört, dass
Frauen die besseren Biographien schreiben, weil sie, anders als die
Männer, nicht immerfort werten und sich dadurch das Beste entgehen
lassen. Über das Schweigen ist viel geschrieben
worden, darin liegt ein kaum zu vermeidender Fehler. Es schweigt
sich schwer über etwas, dessen Auswirkungen man alle Tage erlebt.
Wäre es aufzulösen, so wäre es längst verflogen wie so mancher
Hautgoût, den man nicht wegzubekommen meinte. »Wer viel redet,
verschweigt viel« – das mag gelegentlich richtig sein, sollte aber
um die Anmerkung ergänzt werden, dass nicht alles, was jemand
verschweigt, privater Natur sein muss. Man verschweigt gern, aus
Diskretion und anderen Gründen, was das Geheimnis aller ist. Von
ihm handeln die guten Biographen unter dem Schleier des
Persönlichen. Die ›Bewegten‹ erklären die Person gern zum
Konstrukt, das heißt, sie sind drauf und dran, das Geheimnis
auszuplaudern, aber es gelingt ihnen nicht, denn es ist
unaussprechbar, die Sprache scheut vor diesem Punkt zurück. Person
oder gar nicht sein – die Alternative gilt vielleicht eingeschränkt
für die vielen gesichtslosen Funktionsträger, die vergeblich nach
Büroschluss ›nach Hause‹ streben, wohl wissend, dass sie dort
nichts erwartet. ›Frau‹ wird man so nicht.
FREIGEIST

Es handelt sich bei ihm um ein vollkommen anderes Wesen, als es
sein vermeintlicher Ursprung aus der neueren Vernunft vermuten
lässt. Der wahre Freigeist ist vom Schnee der Blindheit umhüllt,
ein empfindsamer Schneemann, der die treibenden Flocken des
Neuschnees als durchsichtige Gedanken empfängt und mit dem Kern
seiner erfrorenen Tiernatur zu verbinden weiß. Die rote Möhre, die
ihm die Kindsnatur seiner Verehrer in den riesigen weißen Kopf
stößt, macht ihn in der einfachsten Weise blumenhaft. Mehr
Schönheit duldet er nicht. Der Rauch der Feuer in den Kaminen ist
ihm zu seiner Zeit, wenn er sich draußen sehen lässt, lieber als
das Feuer selbst, denn auch sein ganzes Gemüt ist weiß wie Schnee
und entsprechend empfindlich gegen die Hitze. Die Freigeisterei
bestimmt ihn, kälter zu leben als andere Menschen, feuerfrei ist
für ihn keinen Flintenschuß wert, vielmehr horcht er an den
öffentlichen Türen, ob die törichten Freuden um den Kamin,
politisch gefärbt, die Geschichte entstellen. Die Übereinkunft der
Lügner macht ihn noch kälter. Seine kleinen Verehrer liefern ihm
die aufgeschnappten Tabus und lassen auch sie, mit dem Freigeist
gemeinsam, von Neuschnee bedecken. - PM
FREIHEIT
Umsetzungsauftrag der Geistesmusik, sowohl von Beethoven wie
Bruckner. Ein Kriegsbegriff der Erlösung wohnt ihm inne und selbst
Napoleon konnte nur auf diese Weise von Hegel als Weltgeist erkannt
werden.
Die Negersklaven sangen bei ihren Aufständen auf Haiti: »Grenadiers
à l’assaut! / Ça qui mouri zaffaire à yo!« »Wer stirbt, ist selber
schuld.« Eine gewaltige Erkenntnis zum wahren Freiheitsbegriff, der
vom Christentum weit entfernt ist. Vielleicht heute noch in Indien
begreifbar.
Der Grundzug dieses Erlösungsgedankes besteht wohl darin, das Magma
der Erde durch die Schächte der Finsternis empor zu drängen, um,
oben angelangt, die Äcker so fruchtbar zu machen, dass sie, mit
Weinbergen bedeckt, dem Brot noch den Wein hinzufügen können.
Vulkanismus hieß dieser dem Geist der Urmutter Gaia und dem Bacchus
entsprechende Fruchtbarkeitskult, der, trotz der strengen Sitten
der Römer, seit Scipio-Asiagenes als berechtigte Trunksucht im
Geiste vulkanischer Erdunterstützung geduldet wurde. Durch die
Nutzung der geweihten vesuvischen Erde wurde der heilige Wein an
den nachmaligen Hängen des Lacrima Christi von beiden Gottheiten
geschützt. Heilige Trunksucht und lateinischer Erdmagnetismus sind
hier eng und wohl auch dionysisch miteinander verknüpft. Selbst die
Gänse des Kapitol wurden seit jener Zeit mit Brotbrocken ernährt,
die zuvor in den köstlich braunen vesuvischen Rotwein getunkt
wurden.
Die bedeutenden Suffragetten Italiens waren bei ihrer Gründung 1878
noch so klug, die Kapitolinischen Gänse zu ihrem Wahrzeichen zu
wählen, und das altehrwürdige Ristorante
Oca di Roma an der
Milvischen Pforte war bis 1923 ihr Vereinslokal.
Die Freiheit, für sich genommen, ist ohne Verfügung durch Götter
saturnisch-chaotisch und reine
Kunst, die indessen bezeichnenderweise
und lange genug, bis zur Erfindung der Stahlfeder, von Gänsekielen
begleitet wurde. - PM
FREITREPPE

Sie trieben das Buch über die Freitreppe hinauf und verfolgten es
in die hintersten Räume, wo sie es endlich stellten: so entsprang
hinter der Bibliotheca Laurentiana der St. Lorenzstrom der
Literatur, in dem es von Monstern wimmelt, vor denen sich jede
Haifischflosse verzieht. Das Ungeheure, zum Ereignis geworden,
diminuiert sich selbst und seine Umgebung, das bewirkt der
Schatten, den es wirft und in den es sich stellt, als sei er der
große Bruder und verfüge über alle Mittel, den Kampf zu beenden,
bevor er begann. Welchen Kampf? Das ist das Geheimnis aller
Piraten. Freischärler, Aufständische aller Art haben davon gekostet
und Blut geleckt, am Ende hat man sie totgeschlagen. Im Kampf der
Deutungen leben sie weiter, Blutsäufer auch als Schattenwesen, mit
Brille und Haarnadel, als kämen sie frisch vom Trödel. Nichts liegt
ihnen ferner, nur das Herabschreiten beherrschen sie, als ginge es
immer noch himmelwärts. Wo sie irgend Grund berühren, ergreift sie
die Wallung. Deshalb hält man sie hoch, so gut man kann. Über alle
Köpfe hinaus, über die Herzen: sie leben doch, die Guten.
FREMDGEDANKEN

Fremdgedanken sind heimliche Gedanken, also solche, von denen der Organismus unwillkürlich annimmt, dass sie sich einem Fremdgehen verdanken, und die er deshalb zu verheimlichen strebt. »Welcher Organismus«, fragt G., er scheint zerstreut zu wirken. Keine Ahnung, was ihn gerade beschäftigt. »Lieber G., du hörst mir nicht zu, sonst wüsstest du gleich, wovon ich rede. Wäre es anders, so wärest du nicht gerade jetzt mit anderem beschäftigt. So aber weißt du recht gut, dass deine eigensten Gedanken dir am fremdartigsten erscheinen. Was soll das schon heißen: dir? Wenn du das Tier darin nicht erkennen willst, ist dir nicht zu helfen. Warum auch? Wenn Gedanken sich in Tiere verwandeln, wenn sie eine fremde Witterung annehmen, wenn sie beschnuppert werden wollen, wenn ihre Anziehung mächtig ist, obgleich ihre gedankliche Potenz gering erscheint, dann deshalb, weil der Organismus mit ihnen etwas anfangen kann und folglich bereits angefangen hat. Welcher Organismus?« »Lieber A., du hörst mir nicht zu: gerade das war meine Frage. Aber da du sie nicht beantworten kannst, will ich es versuchen. Was du gedankliche Potenz nennst, ist nur das wundersame System aus sich gegenseitig stützenden Annahmen, in denen ein einzelner Gedanke steht wie im Garten Eden. Diese Annahmen sind viel zu komplex, um präsent zu sein, sie werden vertreten von etwas flächiger geratenen Vorstellungen, die man die liebgewonnenen nennt, doch das ist ein Thema für sich. Aber das einfache, starke Gefühl, das damit gemeint ist, wird durch deine Fremdgedanken Lügen gestraft. Sonst noch Fragen?« »Du meinst...?« »Jeder Fremdgedanke ist ein Abschied vom Paradies, er spricht dem Einverständnis Hohn, das zwischen den Beteiligten herrscht. Sei unbeteiligt! Nur so viel, dass der Abschied in dir eine leere Hülle findet.«
FREMDHEIT

Zu Beginn und am Ende des Rennens überwiegen die Fremdheitsgefühle.
Wenn die verzerrten Gesichter zurücktreten, wenn die Schwelle höher
liegt als erwartet und die Distanz kurz erscheint, wenn die Leute,
an denen man vorbeizieht oder deren wortloses Gekeuche einen eine
Zeitlang begleitet, so belanglos und selbstversunken erscheinen,
dass es dich graust, wenn das Rennen ebenso entschieden wie nutzlos
zu wirken beginnt und die Strecke sich in lauter Nebenwege
verzweigt, während die aufgewirbelte Aschewolke einen zweiten,
künstlichen Horizont zeichnet, der jeden, der sich umblickt,
erschreckt, wenn plötzlich die Toten, ausgeruht, wie es scheint,
neben einem auftauchen und sich nicht um das angeschlagene Tempo zu
kümmern scheinen, wenn Leute, mit denen man früher das Ziel zu
teilen glaubte, aus ganz anderen Vergangenheiten hervorzuströmen
beginnen, dann verwandelt sich der Läufer in einen von jenen
Schachspielern, die fast menschengroße Figuren auf schwarzen und
weißen Flächen herumschleppen, immer in
Angst, die Anordnung der Felder aus dem
Auge zu verlieren und sich an falschen Rändern in Illusionen über
das Spiel zu ergehen. Er verwandelt sich und läuft dabei weiter.
Wohin? Wenn er das wüsste, dann wäre ihm vielleicht wohler. Er weiß
es aber nicht, deshalb bleibt auch das bloß Vermutung.
FRENETISCHE PRIVATHEIT

Dischko, mit diesem unfassbar feinen Gehör begabt, regt an, als
PolitikerInnen nur zuzulassen, wer sein privates Dasein unmittelbar
in Politik zu überführen vermag. »Kosmos, Oikos, Phrenos« sagt er
mit einem leicht drohenden Unterton, man kann nicht unterscheiden,
ob er damit meint: ›Wie der Herr, so’s Gscherr‹, aber aufgrund
seiner nicht geschlechtergerechten Sprache scheidet der Spruch
ohnehin aus. Es gibt auch andere, die man zitieren könnte, doch
worum es dem Autor geht, ist die Vereinbarkeit. »Geht doch!« ist
seine Standardformel, wenn die Durchstechereien von Leuten ruchbar
werden, die behaupten, sie könnten ihre eigene Steuererklärung
nicht lesen. »Geht doch!«, wenn sich Leute nach einer Nacktstrecke
warm anziehen dürfen. »Geht doch!«, wenn die Ministerin eine
Pferdezucht und Kinder wie Orgelpfeifen vorweisen kann. »Geht
doch!«, wenn der Gesamtschullobbyist seine Kinder aufs Gymnasium
schickt, »Geht doch!«, wenn die Haushaltsexpertin nach einem
häuslichen Anruf unwillkürlich in die alte Rechtschreibung
verfällt, »Geht doch«, wenn die verunsicherte Hinterbänklerin ihre
illegale Putzfrau gegen eine Fortbildung tauscht, »Geht doch!«,
wenn der Herr Amtsanwärter mediengerecht die Klinken seiner Frauen
putzt, um zu zeigen, dass ein Mann nicht nur Nerven, sondern auch
Psyche besitzt, »Geht doch!«, wenn dem Eurokommissar die
Tabakkrümel vom Anzug rollen und das Geschwader
der CO
2-Reduzierer seine Urlaubsmaschinen besteigt.
Was geht und was nicht geht, geht selten zusammen, allenfalls die
Treppe herunter, dann wird es sichtbar. Wie sie hinaufgekommen
sind, wer soll das wissen? Man wird PolitikerInnen
karrieren als ordentliche
Staatsgeheimnisse zu behandeln sich entschließen müssen, damit die
Ausgießung des Privaten in Form von Gesetzen und Verordnungen
ungehinderter vonstatten geht, als dies heute bereits der Fall ist.
Der Schein der Sichtbarkeit sollte die Ersten unter Ihresgleichen
umglänzen, nicht umwabern, wozu gäbe es sonst Reformen.
FRESSE
Sobald die
performance beginnt und die angehübschten Interessenvertreter sich vor den Studio-Kameras das Wort aus dem Munde nehmen wie ein falsches Gebiss, versinken das Leid und das Elend der Welt und die Sorge um die gemeinsame Zukunft zeigt, was manch einer eine Fresse nennt.
FREVEL
»Der Frevel ist stets eines Steinmetzen Kappe gewesen.« So heißt es
in Christian Lodendorffs Schrift
Über die Spitznamen des Teufels. Die
Kappe war ursprünglich die gebräuchliche Mütze der Steinmetze, der
›Mäzenes‹, bei der Arbeit auf hohen Türmen. Als Windmütze bestand
sie aus Leder und aufgenähen Plättchen aus Alabaster, gelegentlich
wohl auch aus Schiefer. Im Umkreis des Kölner Doms oder an
ähnlichen Plätzen in Straßburg, Ulm oder Speyer fand man sie
haufenweise sowohl aus Pergament wie aus Ziegenleder.
Neuerdings fand man sie auch bei Lützen und Magdeburg als billige
Sturmhauben ärmerer Landsknechte, wodurch ihr Name wohl erst in
Verruf geriet, denn diese wüteten (›frevelten‹) am ärgsten. -
PM
FRIEDHOFSKULTUR
Friedhöfe – das Gedächtnis
unserer Stadt. Man muss diesen Satz zweimal lesen, um die
Ungeheuerlichkeit zu begreifen, die da steht. Beim dritten Mal
fällt einem ein, wieviel schlichtes Wissen um die menschlichen
Dinge beerdigt wird, sobald es einer Theorie beifällt, Gedenk- und
Gedächtnisorte so miteinander zu vermengen. Dabei sind selbst die
Gedächtnisorte ›im engeren Sinn‹ wie Bibliotheken, Archive, Museen
nicht ohne Tücke. Allzu oft vernebelt die Rede vom kulturellen
Gedächtnis den einfachen Tatbestand, dass Gedächtnis ohne
Bewusstsein nichts weiter ist als eine Schimäre. ›Da drinnen‹
findet es statt, nicht in reizvoller Innenstadtlage mit anhängigem
Cafébetrieb. Aber was heißt schon Bewusstsein angesichts von
Leuten, die einem mit starrem Blick versichern, das sei ihnen
durchaus bewusst. Sie haben es nicht besser gelernt; nichts anderes
besagt ja die Theorie, die sie instinktiv für richtig halten, weil
ihnen der theoretische Sinn abgeht, den sie ›im Betrieb‹ täglich
unter Beweis stellen müssen. Dass sich Unsinn tradiert, bedarf
keiner weiteren Erläuterung. Man muss nur die Inschriften auf den
Friedhöfen lesen, um zu wissen, wie im Erbfall gelogen wird.
Insofern sind die Gedächtnisse, immer hübsch im Plural, der
Friedhof der Vergangenheit. Kein Gedanke ist Vergangenheit – er ist
Gegenwart oder gar nicht, wie die Würmer, die ihre Bahn durch die
teuren Toten ziehen und dafür sorgen, dass nichts Nennenswertes von
ihnen erhalten bleibt außer ein paar Knochen, an denen jeder
Gedanke versagt.
FRÜHLINGSGERÄUSCH
Man geht als Ertrinkender hinaus und kehrt als Angeschossener zurück.
FÜHLIGKEIT
Glauben Sie mir: die Wetterfühligkeit hat mich gemacht. Diese
Möglichkeit, alles, was einen bewegt, nach außen zu tragen, es dem
immer beweglichen Elementargeschehen anzuhängen, ist sehr bequem,
wenn man weiß, was man will. Zu wissen, was man will, kann
ausgesprochen hinderlich sein, weil man leicht dahin gerät, zu
stark zu wollen oder zu direkt oder auch nur zu wollen. Da macht
sich das Wetter verdient, es sorgt für Doppelungen,
Verschleifungen, Spiegelungen, Eintrübungen, Aufruhre, Aufschübe
und Verdämmerungen, es rührt den Schmerz hinein und die Lust am
Dasein, lauter Dinge, die dem, was einer will, eine Wirklichkeit
vor jeder Wirklichkeit anhängen, die dann auch nicht mehr vonnöten
ist, wie man sagt, obwohl sich daran die Geister scheiden. Ich für
meinen Teil spüre die Nötigung und sie leistet mir gute Dienste.
Andere mögen es anders halten. Warum miteinander rechten? Es ist
unnötig, sage ich ihnen, und mehrt die Notdurft.
FUROR

Die rohen Kräfte des Denkens wollen entfesselt werden, sie kratzen
an den Käfigen, in die man sie gesteckt hat, zusammen mit den
feineren, die bei dieser Gelegenheit lernen, was das Leben von
ihnen fordert – zumindest sollten sie das, der Theorie nach. Was am
Ende herauskommt, davon erhält man selten einen Begriff. Warum
auch? Begriffe, als Umwege definiert, werden niedergerannt, wie es
nur geht und steht, die Vorgärten, einst blühende
Musterlandschaften, sind von Maulwurfsgängen unterminiert und
zeigen in der Draufsicht zarte Arabesken aus Trampelpfaden, die der
Blick aus der Nähe so nicht wiedererkennt. Aber was erkennt ein
Blick schon, dem es an Schärfe gebricht? Wenn es hochkommt, nicht
viel, und darunter – pah! Das ist schade, es stellt sich die Frage
nach dem Gebrechen selbst, dem Streublick, der dem Denken
vorangeht, als habe er es hinter sich. Er zwinkert, gleichsam im
Blicken, als wolle er sagen: Seht nur, was nachkommt, aber man
bemerkt nichts, nur diesen seltsamen Blick, der einem durch und
durch geht, so sehr ist er mit allem durch. Dieser Blick ist mit
dem rohen Denken ein Bündnis eingegangen, doch er ist nicht mit ihm
›im Bund‹, wie die Leute sagen, das ist, er macht sich nicht
gemein. Er macht sich überhaupt nicht gemein; wenn das ein Fehler
ist, steht er zu ihm. Nur grob darf man den Fehler nicht nennen,
das goutiert der Blick nicht, da wächst die Unnahbarkeit, da karrt
einer Eis in die Wüste. Das rohe Denken ist derweil so wüst nicht,
wie mancher denkt. Es misstraut nur den Köchen. Hat es darin nicht
recht? Leiden nicht alle unter den Köchen? Wer um den heißen Brei
schleicht, ist schon verständigt, er trägt das Mal und will kein
zweites.
GARGANELLI, ITALO LUCIO
Die zu blattlosen Ästen und Hecken zusammengefügten, tänzerisch
beseelten Umrisse Italo Garganellis entstanden zumeist mit großem
Schwung auf den Spiegeln gefrorener Seen, hoch in den Alpen. Hier
tanzte der Meister im Winter seinen ›grafiko al di sotto Alpine‹.
Bei seinem bisher letzten größeren Auftritt entstanden allerdings
zwei Blattdämonen, die den anwesenden
Homomaris in Erstaunen und Schrecken versetzten.
Er sah in ihnen den Anfang einer Theateraufführung unter
abgefallenen deutsch-protestantischen und bekennenden
italienisch-katholischen Hexen zum Zweck der Beschädigung aller
männlichen Köpfe nach Goethe. Garganelli selber war ratlos und
legte seine an den Kufen mit kostbaren Bergkristallen besetzen
Schlittschuhe ab, um siebenTage später auf neu angefertigten
Schlittschuhen, mit seltenen schwarzen Korallen besetzt, von
Homomaris angeschoben, einen Gegenzauber zu tanzen. Über die
Auswirkungen dieser Bewegungen, bei welchen sogar die schwarzen
Korallen fast gänzlich abgenutzt wurden, ist nichts weiter bekannt
geworden.
In Kreisen der Kenner wartet man vorerst ein Urteil Garganellis ab.
Günstiges zeigte sich bisher nicht. Das Bild, das vom Gebirge herab
mit Ferngläsern betrachtet wurde, ergab eine vielleicht noch
schlimmere Hexengestalt, die neben den Spuren, die Garganelli
gezogen hatte, unerklärliche Linien bildete, welche jedoch von
übenden Dilettanten stammen konnten, die ja alle Künste des
Meisters bewundern und immer schon eifrige Nachahmer seiner Linien
waren. Aber niemand, der das Besondere des neueren Hexenwesens
kennt, er sei nun getäuschter Liebhaber, Ehemann oder Rechtsanwalt,
wird mit Vergesslichkeit oder Gnade der Hexen rechnen. Erst ein
älterer Malerplan von mehreren Metern Länge, aus einem Dachstuhl in
ferner Gegend herab gezogen, ergab endlich durch die Darstellung
eines Drachensturms von erbittertem Schwung eine neue Einsicht.
Ausgehend von der alten Erkenntnis, dass Drachen die Hexen hassen,
beschloss Garganelli, das matt gewordene Bild im nächsten Winter
durch Tanz zu erfrischen. Das Ergebnis gilt es dann abzuwarten. -
PM
GATTUNGSWESEN

Dass der Fortschritt so leicht verhöhnt werden kann, liegt auch an
der Sprache: man verlacht ihn gern und fürchtet die Progression.
Wohin geht die Reise? Fort, wohin sonst, nur fort! Da wissen die
Sesshaften, womit sie es zu tun haben, und halten sich heimlich den
Bauch vor Lachen. In zweihundert Jahren sieht man sich wieder. Die
Progression geht ihren stetigen Gang, sie ist das Salz der
Statistik, sie ist das, was man sieht und fühlt, alle
Teuerungsraten fließen am Ende zusammen in einer, der
Gattungsteuerung. So teuer wird sich die Gattung, dass sie die
Unkosten kaum mehr aufbringen kann und hinter sich blickt. Dieses
Gattungswesen, das im Einzelnen das Auge aufschlägt und nach
Statistiken Ausschau hält, die ihm das Gefühl geben zu sein,
progrediert, kein Zweifel, das Dunkel, aus dem es kommt, hat es wie
einen Mantel um sich geschlagen, wie man hört, geht es einer
ungewissen Zukunft entgegen, was einen im Stillen wundert, wo doch
die Gewissheiten auf dem Tisch liegen und darauf warten, dass einer
kommt, der sie durchblättert. Das muss wohl ein anderer sein,
Gattung II oder wie man
ihn nennen mag. Vielleicht ist Gattung das falsche Wort und es geht
nichts. Auch diese Auffassung hat ihre Liebhaber. Zu Beginn des
dritten Jahrtausends, inmitten einer, wie Herr Sloterdjik meint,
zweiten Achsenzeit, an der Schwelle zu einer neuen Menschheit tut
es gut, sich daran zu erinnern, dass schon die alte wenig mehr
darstellt als eine Schwierigkeit – des Denkens, des Empfindens, des
Glaubens, des Weiterkommens, im Grunde des Alphabets.
GEBURTSTAG

Aber wenn es das Leben gilt, wo bleibt dann das Leben? Hält es sich
hinter den Leidgebirgen versteckt und lugt nur ein wenig hervor, um
im geeigneten Augenblick davon zu rennen? Die Menschen lieben doch
das Leben, sie besitzen eins, das sie um jeden Preis bewahren
wollen, sie stehen Schlange an jeder Kasse, die sich vor ihnen
auftut, und zahlen astronomische Summen – wofür? Zweifellos dafür,
leben zu dürfen. Sind sie denn Geiseln, die sich selbst auslösen
müssen? Oder sind sie unter die Wegelagerer gefallen und entledigen
sich nun, um irgend davonzukommen, nach und nach ihrer Barschaft
und ihrer Wertgegenstände? Mitnichten. Sie arbeiten ja, es strömt
ihnen zu, beidseitig, Sex und Geld, das ist wichtig zu wissen, um
nicht zu falschen Schlussfolgerungen zu gelangen. Nein, auslösen
wollen sie sich nicht, eher hineinbohren in etwas, was außer ihnen
niemand sieht. Es sind Maulwürfe, denen der Erdgeruch teuer ist,
und sie bewegen sich, wie der Instinkt es befiehlt. Aber bewegen
sie sich? Das ist die Frage. »Eher weniger«, sagt G. und schneuzt
sich. »Das ist es ja. Die Witterung trägt ihnen etwas zu.
Was sie ihnen zuträgt,
weiß keiner. Was immer der Instinkt ihnen befiehlt, er kann es
nicht richten.« Soll er das? Was ist das für ein Instinkt, der es
nicht richtet? Richtet er sich nicht selbst? Richtet er sich nicht
ununterbrochen? Sind sie nicht genau das: ein tägliches
Standgericht über sich selbst? Wenn sie aufstehen, worüber erheben
sie sich? Sie können nicht liegen bleiben, soviel ist sicher. Die
in den Betten bleiben und künstlich, wie es heißt, versorgt werden
müssen, sie sind im Leben angekommen. Sie haben es hinter sich,
sagen die Leute erleichtert, wenn die Geräte abgeschaltet sind und
die Betten in die Empfangslage zurückrollen. Woher die
Erleichterung? Woher der Neid auf die Toten, wenn alles lebt? Ist
das Leben des Bewusstseins Leben?
GEDÄCHTNIS
Tut dies zu meinem
Gedächtnis – einer muss kommen, der die Stunde ansagt,
vielleicht ein zweiter, ein dritter. Mehr dürfen es nicht werden,
dann ist Schluss. Es dürfen die Jünger kommen, die Streiter, die
Mitstreiter, die Gläubigen, die Ungläubigen und die Spätgeborenen,
die die sich nicht mehr entscheiden können, weil jede Entscheidung
so... so kontaminiert ist, weil jede Menge schlechtes Volk
durchgelaufen ist und man nicht mehr das Gefühl haben kann, sich
starken und reinen Menschen anzuschließen. Das Gedächtnis bewahrt
die Stunde, es bewahrt die Texte und Taten, es bewahrt auch die
Untaten, es bewahrt sie für die, die nicht anders können als zu
tun, was ihnen gesagt, und zu bewundern, wie es gesagt wurde. Den
anderen, den Gedächtnislosen, genügen zwei, drei Fetzen
Vergangenheit, um sich davonzumachen und einer neuen Weltstunde
entgegenzuleben. Wenn sie sich einen Helden erwählen, verkrallen
sie sich in seine Leiche, als müssten sie sie zu neuem Leben
erwecken, während sie doch nur versuchen, den letzten Tropfen Blut
aus ihm zu lecken. Nicht seinetwegen, bewahre, soweit will ihr
Fetischismus nicht gehen. »Hat gesagt«, sagen sie, »hat schon
gesagt!« Sie sagen es im Brustton der Überzeugung, als wollten sie
zu verstehen geben, sie selbst hätten alles schon vor fünfzig
Jahren gesagt, am besten vor ihrer Geburt. Haben sie nicht recht?
Haben nicht alle recht? Im Land der Rechthaber setzt das Gedächtnis
sich leicht ins Unrecht. Es wird schweifend und ungenau, weil es
den Punkt nicht findet, an dem es einstimmen kann. Alle sind
weiter, da will es nicht zurückbleiben und setzt sich lieber ein
schiefes Denkmal. »Sieh doch«, sagen die Leute. »Haben wir’s nicht
gesagt?«
GEDENKMINUTE

Die öffentliche Gedenkminute leidet ein wenig darunter, dass sie bereits vom Gedanken an sie konsumiert wird, jedenfalls beinahe, die eine oder andere Restsekunde wird schon noch abfallen. Aber wer weiß, vielleicht reicht der Gedanke ans Gedenken über die Zeit des Gedenkens weit hinaus. Das muss kein Unfall sein, keineswegs. Da niemand weiß, was während der Schweigeminute geschieht, wenn der Vorsatz, sich zu konzentrieren, alle Konzentration beansprucht, um sie (sich) zu verfehlen, bleibt es beim Schweigen und darauf kommt es schlussendlich an. Man ist beruhigt, es getan zu haben und beunruhigt darüber, nichts getan zu haben, stärker vielleicht als darüber, das innere Schweigen durch einen Gedanken verunreinigt zu haben, der nun wirklich nicht dahin gehört, weil er nur der Chauffeur ist, der vor der Tür warten sollte. Alle Gedanken, die das rituelle Gedenken betreffen, sind nur Chauffeursgedanken. So ist das rituelle Gedenken am Ende auch nur eine Chauffeurstätigkeit, bei der jeder sein eigener Fahrgast sein darf. Streichen wir also das dreifache ›nur‹ und ersetzen wir es durch das Wörtchen ›wirklich‹ und alles ist wirklich so, wie es ist.
GEDICHTE
Seid eingedenk der Zeiten, in denen man die Idee, Gedichte in
Büchern abzudrucken, als Notbehelf ansehen wird. Das geringe
Ansehen, das sie heute genießen, hat damit zu tun, dass sie
gedruckt werden. Sie sind
kaum bedrucktes Papier. Bei der
allgemeinen Papierverschwendung richtet sich der Ärger gegen das
schwächste Glied.
GEDULD

Wann, bitte, ist jetzt? Soeben vergangen. Da war doch... um das zu
sehen, braucht keiner den Philosophen. Und wann, bitte, ist ein
Ende? Soeben vergangen? Ein vergangenes Ende, das ist so wie... ein
gegebenes Versprechen, es wurde einem gegeben und jetzt hängt es im
Schrank, man kann es schließlich nicht jeden Tag herausholen und
betrachten. Jeder besitzt so einen Schrank, in dem er die Enden
aufbewahrt. Eines fehlt, die Sammlung wäre komplett in dem Moment,
in dem man es hätte. So sammelt man weiter, als mache die Sammlung
das eine, das noch aussteht, wahrscheinlicher. Vielleicht soll auch
die Fülle gesammelter Enden das Fehlen des einen vergessen machen.
In dem Fall handelte es sich um Plunder. Wie soll ich etwas
vergessen, an das mich alles erinnert? Das ist unmöglich,
jedenfalls nicht wahrscheinlich. Damit stünde man wieder am Anfang.
»Wahrscheinlich schon«, sagt einer, den man fragt, ob er weiß, dass
das Ende kommt, »wahrscheinlich schon«, und er lässt unentschieden,
ob sich die Rede aufs Wissen oder aufs Kommen bezieht. Darin ist er
wenigstens ehrlich, denn angenommen, er sagte »Mit Sicherheit!«,
dann wüsste man, dass sich seine Rede aufs Wissen und Kommen
bezieht und hielte ihn für einen Falschmünzer. Wie kann er so etwas
wissen? Der Fragende, nun, er weiß, er geht davon aus, denn er
wittert eine Trophäe für seine Sammlung. Aber der Gefragte...?
Warum sollte er sich im voraus enterben? Das ausstehende Ende ist
ihm kostbar, er kann warten, die Zeit rinnt ihm durch die Finger,
doch er kann warten, seine Geduld ist unendlich.
GEFOLGSCHAFT
Sie stürmen voran mit wehendem Haar, sie sind, das »Nie wieder«
noch auf den Lippen, in Kriege verwickelt, für die ihnen neben der
Ausrüstung selbst die Wörter fehlen, aber das macht nichts, sie
werden folgen, wie sie immer gefolgt sind, schließlich bilden sie
die wahre Gefolgschaft. Um die Gefolgschaft der Wörter muss einem
nicht bang sein, sie gilt unbedingt und sie enthält alle Kautelen.
Was das bedeutet? Ach nichts. Wörter gibt es wie Sand am Meer,
manch einer lässt sie vor sich ausstreuen und wirft sie mit beiden
Händen in die Menge. Im Karneval schmecken die Wörter süß, danach
entsorgt man sie mit dem Kehrbesen, auch das ist leichter gesagt
als getan. Einer findet sich immer, der redet, wie ihm der Schnabel
gewachsen ist, und da sind sie: die Wörter. Ein loses Maul bedeutet
den Durchbruch; wer in der Sprache lebt, der opfert gern einen
kleinen Finger. »In welcher Welt lebst du eigentlich?«
fragt
Garganelli oft. Er fragt es
gern, denn es interessiert ihn aufrichtig und die
Antworten lassen ihn aufhorchen. Keiner
sagt: »In der oben links« oder »Raum einundvierzig«; alle werden
beredt. Wahre Gefolgschaft zeigt sich im Schweigen, derweil
behauptet die falsche das Feld. Böse Mäuler behaupten, es gäbe nur
falsche – sie haben sie gegen sich. Die Sprache ist eine
Lästergrube, wer in sie hineinfällt, beschmiert sich mit dem Kot
verwunschener Zeiten und wünscht sich mit der Zeit einen sauberen
Abgang.
GEGENÜBER
Wer das Gegenüber nicht kennt, lebt wie ein Hausbesitzer, der
niemals durchs Fenster geschaut hat, denn jede Stube medizinisch
durchforscht, beschriftet und instand gesetzt zu haben, bedeutet ja
nicht, von der großen Ferne jenseits des Hauses auch nur das
Geringste zu wissen. Lunge, Herz, Leber, Galle und Milz sind innere
Gegenstände, mag selbst die Psyche als durchforschbares
Kellergewölbe für solche Sachen hinzukommen.
Nur im wahren Gegenüber zeigt sich die Bühne der Dekoration für die
Kunstarbeit eines Hausbesitzers jenseits des ererbten inneren
Mobiliars. Man könnte sagen, ein teurer Spaß, denn alleine die
durchaus existierenden Beispiele unbeschreiblicher Vorbilder müssen
mit einem immerwährenden Aufwand an Zeit, mit einem empfindsamen
Herumlungern vor Heiligtümern in Museen, an Pilgerstätten und
selbst vor Büchern und Bildern bezahlt werden, und wenn es nur
Andachtsbildchen und Weihwasser wären. Denn was sind gewisse
Abteilungen selbst der größten Bibliotheken der Welt wohl anderes
als Schaubuden mit Reiseberichten aus dem Jenseits? So kostet die
Arbeit am farbigen Nebel immerhin leicht das ganze übrige
ordinäre
Leben.
Für das andere, das gebildete oder eingebildete Leben – denn
angeboren ist in der zweiten Natur ja nichts – geht die Zeit mit
unendlichen Aussichten nur so im Fluge dahin. Offen gestanden,
welche andere Literatur als Legenden, Wunder und Heiligkeiten aller
Art könnte den
Geist
eines Künstlers wohl höher beflügeln, etwa die Mathematik? Der
ordinären Seite der Existenz ist das natürlich nicht förderlich,
denn die alten Hüllen der vornehmen Armut haben sich vollständig
aufgelöst, alles ist öffentlich geworden. Es gehört inzwischen eine
höchst private Art von religiöser Technik dazu, den allerdings
unberechenbaren, aber zahlreichen, von den verschiedenen Mächten
des Gegenübers durchaus noch immer gestifteten Brücken und
Hilfsmittel blind zu vertrauen. Ja blind zu nutzen, denn zu den
echten Gebeten und Ritualen gehört der Mut, gegen die Schatten der
alles beherrschende Wirklichkeit standhaft zu bleiben und das
Unbekannte sich selbst zu erfinden und so auch zu nutzen. »Obwohl
es existiert, muss es dennoch erfunden werden«, sagt der große
Pompe funebre.
Allerdings gehören zum großen Gewinn eines solchen Aufbruchs nach
und nach eine magische Menschenkenntnis, ein bezwingender
Obskurantismus zur Täuschung der allgemeinen Gewissheiten und eine
ganz natürlich erscheinende Rhetorik, ja am Ende sogar eine schwer
zu deutende, aber erleuchtende
Angst. Sie ist wahrscheinlich die
Eigenschaft des noch völlig neuen, heute noch nicht verstandenen
wahren Massenmenschen. Dies ist ein neuer Begriff für das, was man
früher Genie genannt hat. Der Menschenwissende ist nicht mehr der
schwebende Besitzer des elfenbeinernen Turms, sondern ein
Erdbewohner, der die Welt als Atmosphäre der Alchimie betrachten
kann. Feuer zu Feuer, Wasser zu Wasser, Menschen zur Luft, Freiheit
über dem Horizont, da wo noch Berge und Waldspitzen letzte feine
Zeichnungen bilden. Damit wird experimentiert.
Dies scheint am Ende sogar der Wunsch jenes fernen Theaters zu
sein, damit wir zur Entschuldigung der kolossalen
Schöpfungsirrtümer des Direktoriums wenigstens mitten zwischen uns
selber die Tiernatur überwinden. Dazu blickt die gesamte Natur
schon lange auf uns. Es ist sogar ziemlich sicher, dass die
Intuitionen und Phantasien, ja manchmal selbst Geld, nicht ganz
ohne Hintergedanken verteilt werden, indem die seltsamen Demiurgen
vermutlich einen unbekannten Obergott fürchten. So streuen sie auch
die Spuren des Schönen, um einzelne Seelen zu fangen, ganz wie in
Platens Gedicht, als kostbare Ahnungen aus und bannen ein solches
Gemüt für immer.
Natürlich erschüttert ein stilles Begreifen die schlichten Gemüter
der Eltern, Freunde und anderer Weltmenschen, wenn sie vom Wesen
solcher unvertilgbaren Schattenspiele etwas erfahren, und so
streift auch sie ein belehrender Hauch wider die allgemeine
Vernunft wie eine Aussaat des Unbegreiflichen und stiftet die
stille Wut in den Schulen des Lebens. Das zählt zu der schlimmen
Notwendigkeit zur Sichtbarmachung des Gegenübers, weil der Obergott
oder das Direktorium die sogenannte Schule des Lebens als Quelle
des Schreckens benutzt, den ahnenden Menschen rechtzeitig ins
Gegenüber und selbst ins Jenseits zu hetzen. Welche Mittel hätten
der Obergott oder das Direktorium denn sonst in dieser verpfuschten
Mechanik der Schöpfung? Was würden denn wir wohl tun, wenn wir der
Obergott wären....? Wer hier überhaupt noch das Wirken einer
menschlichen Vernunft vermutet, kann sich zum Tierreich der
pragmatischen Aufklärung zählen. - PM
GEIST
»Na bitte«, sagt
Garganelli und
streckt die Fühler aus, »der Geist ist unberührbar. Solange die
Menschen gegen wilde Tiere kämpfen, den Hirsebrei stampfen, von
Hunger, Krankheit, Seuchen, meinetwegen Nachbarstämmen heimgesucht
werden, solange sie, nach dem gängigen Register, ihrer natürlichen
Umwelt ausgeliefert sind, legen sie großen Wert darauf, sich zu
unterscheiden und diesen Unterschied ›Geist‹ zu nennen. Wer mit
Geistern kämpft – oder sich ihrer Freundschaft rühmt –, ist von
anderem Kaliber als einer, der mit den Wölfen heult. Er ist selber
Geist, er ist ›geistigen Wesens‹. Er hat den Unterschied benannt,
der er ist, den er darstellt, den er vertritt. In einer Umwelt, die
vom Geist bestimmt wird, der nun nicht mehr so heißt, sondern
Organisation, Technik, Wissenschaft, kehren sich die Verhältnisse
um und Menschen, die der dauernden Lockung erliegen zu glauben, sie
seien Organisatoren, Techniker, Wissenschaftler, müssen sich mühsam
daran erinnern – oder werden schmerzhaft erinnert –, dass sie
Naturwesen sind und dass ihnen die Wölfe, die Graugänse oder die
Ratten am Ende mehr über sich verraten als das zur zweiten Natur,
zur künstlichen Umwelt gewordene Geistsein. Das ist übrigens eine
Frage der Gewichtung und kein Entweder-Oder. So gerät der Geist
unter die Räder und wird verächtlich. Aber« - Garganelli spuckt in
den Rinnstein – »dieser verdammte Geist hat den Vorteil, offen zu
sein – über alle Begriffe, über alle Verhältnisse, selbst die
ominöse ›Welt‹ hinaus, während die künstliche Umwelt jeden in einem
eisernen Klammergriff hält und ihm nirgends die Idee eines
Durchschlupfs gewährt, des aufrechten Gangs oder wie man das nennen
möchte. Man hat das natürlich gemerkt und die berühmte
›Veränderbarkeit‹ der Verhältnisse als eine Art Antwort in den Raum
gestellt. Da steht sie nun und kommt nicht von der Stelle. Die
Verhältnisse ändern sich unentwegt, leider bleibt, wer sie
verändern möchte, rascher hinter ihnen zurück als er denkt.« »Dann
denkt er zu langsam.« »Er denkt, wie er denkt. Aber gegen das, was
sich ein paar Milliarden Menschen von Tag zu Tag ausdenken, hat er
doch keine Chance.« »Du siehst das zu pessimistisch.« »Siehst du:
so reden sie alle. Und anschließend geht jeder seiner Wege. Das
bisschen Geist...«
GEIST (2)
Die Bewegung des Geistes im Raum berührt die Gedanken, hierin
besteht seine einzig spürbare Wirkung. Einem unsichtbaren Vogel
vergleichbar, vielleicht der Taube des heiligen Geistes, streift
der Geist den Gedanken mit leichten Schwingen. Er macht ihn
seelisch, tierisch oder pflanzlich. Schon der Raum der Gedanken ist
unter diesen Bedingungen unterschiedlich. Denn die Seele des
Menschen gleicht einem grauen Salon, dessen Vorhänge, je nach
ästhetischer Auffassungskraft, Kopfschmerzen erwecken können.
Kopfschmerzen sind ein Zeichen der geistigen Anwesenheit in Nähe
des Seelensalons.
Im Tier lebt der Geist in Adern begrenzt, immer gleichsam in Blut
gebadet, zieht er als Fisch hinauf und hinunter, den Zeigern einer
Uhr aus Muskeln vergleichbar. Die Bedeutung des Blattschusses unter
den Jägern bezieht sich auf diesen Fisch, dessen Wohnung immer
wieder die gesuchte Stelle des Herzens ist.
In den Pflanzen lebt ein feiner Hauch des Novalis, er ist von der
menschlichen Seele zwar nicht wirklich erfassbar, aber doch ein
sympathetischer Hauch zu ihrem höchsten Vergnügen. Die Wurzel der
Romantik nährt sich von diesem Geist der stofflichen
Unberührbarkeit und er macht die Süße ihrer erdachter Blumen aus,
deren es zahllose gibt. In diesem Zusammenhang ist wohl kaum ein
schönerer Satz zu finden als der: »Seht die Lilien auf dem Felde,
sie spinnen nicht und sie weben nicht, doch Salomo, in all seiner
Pracht, war nicht gekleidet wie eine von ihnen.« - PM
GEISTBLASE

»Spar dir den Geist« lautet die Devise derer, die im Ernst die Welt beherrschen oder jenen buckligen Zipfel, auf dem sie am Ende gebettet sein wollen. Was dabei ›Welt‹ heißt, möchte man gerne wissen, man erfährt es spät oder nie. Ähnlich steht es um den Ernst und um die Beherrschung. Nur der gesparte Geist klappert in seiner Büchse, als fielen Geister- und Autogrammstunde ineins: was Autogramm-Liebhaber schon immer vermuteten und -Jäger in vielen Stunden der Pirsch systematisch erkunden. Immerhin kann der gesparte Geist zu ungeheuren Summen anwachsen, die in keiner Büchse mehr Platz finden und als Regen über blühenden Landschaften niedergehen. Die Menschen fangen dann an zu lallen und sich seltsame Dinge zu wünschen, von denen sie nichts mehr wissen, wenn sie zu ihren gewohnten Tätigkeiten zurückgekehrt sind. Bloß ein leises Gefühl der Scham hält sich und der Wunsch, es sich nachzutun, sobald der Zeitplan das zulässt. Dabei hat es sich mit dem Sich-Nachtun, es ist ein eigen Ding und verlangt den Schöpfer oder, wie es im Schwäbischen heißt, das Kreative, das sich bei solchen Gelegenheiten tunlichst bedeckt hält. Da ist es leichter zu warten, bis die nächste Geistblase platzt, um noch etwas abzubekommen: einen blauen Fleck oder eine gebrochene Nase oder ein verbogenes Rückgrat oder einen Gehirnschaden, lauter Dinge, bei denen man sich etwas denken kann, wenn es einmal nichts zu denken gibt und der Westwind braust, als müsse ein Wüstenstaat kirre gemacht werden.
GELÄCHTER
Die Wahrheit ist konvulsivisch, sie
bricht heraus, aber was da
herausbricht, formt sich zu keiner artikulierten Rede. Es bleibt
Gelächter, bleibt Ausdruck der Spannung zwischen dem, was so
bestimmt behauptet wird und dem, was im Akt des Behauptens anwesend
ist, aber sich entzieht. Sokrates wird geopfert und er opfert sich
selbst auf dem Altar des Rechts. Das macht ihn zum Begründer einer
Religion, einer Sekte. Das Denken wird geopfert und es opfert sich
selbst auf dem Altar der Gutwilligkeit, das macht aus ihm ein
Instrument des Lebens, also einer
per se unfassbaren Instanz,
deren Objektivierung zu den unfasslichsten Entgleisungen
führt. Sokrates opfert sich, folgt man Platon, ›aus Prinzip‹, für
die gute Sache, die in diesem besonderen Fall gegen die Person
ausschlägt, was nichts oder beinahe nichts bedeutet. So zu reden
heißt, die Leute ein letztes Mal hinters Licht zu führen.
Wenn Aristophanes an Sokrates zum Verfolger wird, dann nicht
um der Sache willen und nicht aus Prinzip, sondern weil es nun
einmal geschehen muss. Der Philosoph in den
Wolken ist aus einem dauerhafteren
Stoff als der sterbliche Mensch, unsterblich das Gelächter,
das hier und da aufbricht und, wenn schon nicht die Verhältnisse,
so doch das feste Meinen zum Tanzen bringt.
GELDFRESSER
Diese Sorte Wesen ist nicht eindeutig zuzuordnen. Seine
unauffälligste Erscheinung ist, gesellschaftlich gesehen, der
gemeine Geldfresser. Im
Gegensatz zu König Minos stirbt er keineswegs den Hungertod. Das
liegt auch daran, dass moderne Währungen bekömmlicher sind als die
Methode, alles in Gold zu verwandeln, die ein erhebliches Problem
für die Beißwerkzeuge dieser Wesen darstellt, von Materialengpässen
einmal abgesehen.
Wie Forscher der Universität Meins nachweisen konnten, handelt es
sich um eine genuine Fortentwicklung des Dagobertismus, einer
Manie, die nach bisherigen Erkenntnissen durch die Lektüre bunter
Hefte in der Kindheit ausgelöst wird und die Befallenen dazu
veranlasst, alles für bare Münze zu nehmen und in ihr zu
baden.
Lange Zeit glaubte man, es handle sich beim Geldfresser um eine
Parallelerscheinung zum Stromfresser. Die Gier dieser Wesen hat
sich in den Jahrzehnten einer immer globaleren Wirtschaftsweise
jedoch verstärkt, so dass sie heute alle vergleichenden
Parameter sprengen und zu
reinen und sogar
wahren Geldfressern mutieren, zumal
der gesellschaftliche Bann, der auf dieser Art der Existenz lag, im
Schwinden begriffen ist und die Spezies sich wachsender mimetischer
Bewunderung erfreut.
An der Universität Rubljanka hat man im Rahmen der weltweiten
Ausschreibung von Exzellenzclustern ein Projekt aufgelegt, das sich
unter anderem der Erforschung der Spezies und ihrer
Lebensbedingungen widmen soll, da sie im dortigen Teil der Welt
extrem zugenommen hat. Eines der Ziele der internationalen
Forschungsgruppe, die sich hier zusammengefunden hat, besteht
darin, den immer noch geleugneten oder unterbewerteten Zusammenhang
zwischen dem Scheinmangel in gewissen Währungen und der
Zunahme der Geldfresserei in Zeiten globalen Börsengeschehens, das
fast ausschließlich mit virtuellen Mitteln operiert,
wissenschaftlich zu untermauern und empirisch zu belegen. Ein Ziel,
das den Notenbanken dieser Welt wie Musik in den Ohren klingen
müsste, könnte man davon ausgehen, das solche dort zu hören wäre.
Allerdings ist zu beobachten, dass die gesellschaftliche
Entwicklung in den Ländern des sogenannten Westens einen anderen
Weg geht. In demselben Maße, wie der Verzehr von
Fast Food den Bratenduft verdrängt,
lässt sich ein Rückgang des Pfennigklangs bei gleichzeitiger
Zunahme der Geldfresserei verzeichnen.
»Der frisst das Geld roh!« – spontane Äußerung einer Freundin nach
der Begegnung mit einem Immobilienmakler, dessen legendäre
Kunstsammlung neben einigen kleineren Objekten mehrere Säcke mit
500-Euro-Scheinen enthält. - AC
GELTUNG
Den Geigenkasten unter dem Arm, bestreitet man Olympiaden, die
keiner sieht, die keiner kennen will, Olympiaden des Herzens, des
metaphorischen Organs, das überall anwächst, mit größter
Leichtigkeit, ohne Unterlass. Wer uns so sieht, könnte meinen, die
Natur habe uns zu etwas bestimmt, zu irgendeinem abstrusen,
grausamen Zweck, einem Ritual, das wir nicht sehen, nicht riechen,
nicht schmecken, nicht bestimmen können, zu dem wir aber vorgesehen
und offenbar nötig sind. Wir lehnen diese Meinung nicht ab, wir
hören sie an, neigen das Ohr und das Kinn fällt ein wenig herab,
nicht viel, aber gerade genug, um eine kleine Erschlaffung
anzudeuten, denn eigentlich haben wir dergleichen genug gehört und
möchten nun weitermachen. Das Weitermachen wird viel beredet, in
Film und Fernsehen, man zeigt es einander und stimuliert sich so zu
Leistungen, die gestern noch als unvorstellbar galten. Dieses
Gelten ist unsere Spezialität, unser Trick, uns gerade
hier aufzuhalten, wo es just
geschieht, uns in der Zeit zu halten, aus der wir sonst hemmungslos
herausfallen würden, denn welchen Grund sollte es geben, diese
Herzensplackerei fortzusetzen, unterbrochen und ergänzt durch die
Mühsal, Lebensmittel heranzuschaffen, die ohnehin nicht für alle
reichen? Aber was soeben in Geltung ist, glänzt über den Wassern,
und nur die harten klinischen Fälle können sich dem Anblick
entziehen. Hagere Philosophen, die sich mit Geltungsfragen
herumschlagen, behaupten gelegentlich, es käme aufs Begründen an,
doch damit zielen sie weit an der Sache vorbei. Auch Begründungen,
sofern sie denn stichhaltig sind und nicht ihrerseits einfach
gegriffen, müssen in den Bann- und Strahlkreis des Geltens treten,
bevor sie uns etwas sagen – es gibt vieles, das, gesagt, ungesagt
bleibt, weil es denen, die gerade das Sagen haben, nichts sagt. Das
Sagen ist immer gerade, gerade eben, aber vor allem gerade, es ist
eine ebene Straße, die geradewegs in die Zukunft hineinführt. Es
kann aber blitzschnell umschlagen in ein anderes Sagen, das
plötzlich ›an der Zeit‹ ist – ein schöner Euphemismus! – und seine
eigene Vorzeit mitbringt. Dann werden andere Gründe geltend
gemacht, als man sie vorher hörte, die Dinge stellen sich anders
dar und ein Narr ist, wer einen vergangenen Diskurs weiter pflegt.
Statt auf den Wankelmut der Zeitgenossen zu schimpfen, sollte man
ihn als Waffe begreifen, die es ihnen ermöglicht, tapfer die
Gegenwart zu bestehen, vor allem aber als – sagen wir, um etwas zu
sagen,
Epiphanie des
Geltens und damit dessen, was es uns ermöglicht zu sein.
Nicht Institutionen bilden das starre Gehäuse der Gegenwart, aus
dem keiner herausfällt, es sei denn aufgrund eines organischen
Defekts – sie sind schnell ab- und umgebaut, wenn es sein muss –,
sondern die augenblickliche Geltung, von der niemand weiß, wie
lange sie anhält. Woher sie kommt, woraus sie entsteht – Fragen an
den Wind, der, wie ein Mystiker der Zerstörung wusste, stetig aus
der Vergangenheit weht. Man sollte hinzusetzen, dass kein
Vergangenes zählt, wenn es die Zukunft gilt, in der es sich ebenso
zahl- wie zahnlos wiederfindet.
GEMEINSCHAFTSERREGUNG

Der Gedanke, die Nation als Erregungsgemeinschaft zu fassen, hat
Charme, verlangt aber Nachbesserung. Denn wie es außer Frage steht,
dass es viele – und vielerlei – Erregungsgemeinschaften gibt, so
muss auch die Art der Erregung sorgfältig differenziert werden. Die
schöne Erregung, die das Bewusstsein der ideell unterfütterten Tat
in denen hervorbringt, die sie nicht ausgeführt, aber begleitet
haben, hat wenig gemein mit der Erregung, die aus Mittäterschaft
erwächst und dort am größten ist, wo es sich um gemeine Verbrechen
handelt. Oder doch? Erregung ist Erregung, wird sich der Denker
gedacht haben, ein Aushilfsdenker vielleicht, denn es ist ein
Aushilfsgedanke, den er da gedacht hat. So gibt es vor, neben und
hinter der Erregungsgemeinschaft die Gemeinschaftserregung – eine
Erregung, in der Gemeinschaft ›fühlbar‹, ›sichtbar‹, kurz, als
vorhanden erfahren wird. Das wäre nicht unbedingt die Nation und
diese keineswegs unbedingt. Es gehen mehr Menschen kalt an solchen
Gefühlen vorbei, als die auf Sichtbarkeit getrimmten Zeitgenossen
sich klar machen wollen. Gemeinschaftserregung setzt
Erregungsgemeinschaft nicht notwendig voraus. Doch scheinen
Erregungsgemeinschaften zu existieren, die das Thema der Nation
gepachtet haben. Auch in der Art der Erregung finden sich
Unterschiede. In Deutschland zum Beispiel gehören dazu der lebhaft
gefühlte Groll und die Bereitschaft zum Umschlag, das berufsmäßige
Entsetzen und der unterschwellige Trotz. Andere Völker, andere
Erregungen. Wer erregt sich über Europa und wie? Das ist keine
kleine Frage, hier liegt eine Zukunft in Windeln und lässt sich
belächeln. ›Wir sind ein Volk‹? Fassen ließe es sich schon, zu
fassen ist es selten.
GENERATION NULL
Die Nullität in allem, was von der eigenen Generation ausgeht, muss konstatiert werden. Man hat es lange gewusst, weil man die Selektionen sah, denen sich ihre Sprecher verdanken. Der ideologische Rausch der vorausgegangenen Jahrgänge hat über Angst und Abwehr die Auswahl bestimmt, die später das Sagen bekam – eine paradoxe Feststellung, da sie nichts zu sagen hatte und hat. Sie sind wie stumme Fische durch jede Schleuse geschwommen, die man ihnen geöffnet hat, und da treiben sie nun. Man hat ihnen Leitungsfunktionen übertragen und sie ›füllen‹ sie ›aus‹, bis man sie ihnen, überdrüssig der Vorstellung, wieder abnimmt, jedenfalls dort, wo das möglich ist. Das Beste, was man von ihnen sagen kann, ist, dass sie ›in die Jahre kommen‹, und es besteht Hoffnung, dass man sie nicht mehr herauslässt. Dabei fehlte es ihnen an nichts – außer, vielleicht, an Weggenossen, denen zuzuhören sich gelohnt hätte. Die Aufpasser waren stärker.
GENERATIONSFRAGE
Wir haben es ungern existenziell. Das ist eine Generationsfrage, vielleicht Folge einer Frühvergiftung oder eines steckengebliebenen Gelächters. Vermutlich gehört es zu den Kennzeichen einer Generation von Langweilern. Wobei die lange Weile in beide Richtungen geht. Was sie wohl findet? Sind die Gedanken unnütz, sind es die Geräte nicht minder. In diesem ›nicht minder‹ steckt eine Kehrtwendung, der sich keiner entzieht. Die Generation ist eine Hängebrücke zwischen zwei Abgründen. Das freut die Rechner, wenn sie sich in die Netze einklinken. Warum so spöttisch? Das ist schwer zu sagen, solange niemand weiß, worauf der Spott zielt. Wer ist dieser Niemand? Vielleicht die Existenz in Frageform, unwillig, die Frage der Existenz anzuschneiden, solange zu befürchten steht, dass nur Käse heraustropft.
GEOPSYCHOSE
Landschafts
angst oder
timor regionum tritt immer
ohne eine deutlich erkennbare Ursache auf. Weder eine auffallende
Hässlichkeit in der Natur, falls es sie überhaupt geben kann, noch
technische Beifügungen von Menschenhand rufen diese
Gemütsverfassung hervor. Aber die einmal erlebten Empfindungen an
solchen Orten, es können auch Stadtteile sein, bleiben selbst nach
Jahrzehnten immer die gleichen. Der ungarische Maler Zoltan Doltai
empfand sie sogar des Nachts bei völliger Dunkelheit, wenn er mit
verbundenen Augen nach einigem Hin und Her von Freunden an solche
Stellen geführt wurde. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein
unbekannter Besitzer, besonders wenn er schon tot ist, hier seinen
Herrschaftbereich vor neugierigen oder forschenden Künstlerblicken
zu schützen weiß. So sind solche ästhetischen »Novimente« oder
Geisterhausflecken, wie sie damals Doltai genannt hat,
möglicherweise ausgedehnte unterirdische Matten oder Wurzelwerke,
in denen in vergangenen Zeiten die Geburtsstätten der Alraunen
vermutet wurden. Eine tief gehende Ahnung vom Schatzwesen im
Erdreich muss keineswegs mit verborgenen Dukaten zusammenhängen,
sondern kann auch durch ein lebhaft empfundenes Lichtschattenspiel
und durch Farben im blassen Vorbereich ihres völligen Auftauchens
entstehen. Die rätselhaften ›Vorfarben‹, die
antecolori Vitruvs, die er durch
abgerichtete Eulen aufspüren ließ, mögen hier eine Rolle spielen,
denn Farben, besonders im Zustand ihres Entstehens, können
rauschhafte Empfindungen hervorrufen. Eine Bemerkung des
seinerzeitigen Irrenarztes Gachet lässt darauf schließen, dass van
Gogh die Farbe Gelb als verwirrend (»verwarring«) empfunden hat. -
PM
GERICHTSPSYCHE

Wer immer die Psyche frequentiert, findet etwas. Sie ist der große Stichwortgeber der erwachsen gewordenen Menschheit, die sich nach Kindheit sehnt. Diese Sehnsucht ist ein verwickeltes Ding, um tausend Ecken gebogen, die meisten davon verloren und vergessen im Schlund der Zeit. ›Sehnung‹ sollte man sie nennen, schon um ihre Nähe zur Biegung herauszustreichen. Was heißt schon Nähe? Sie ist an ihr befestigt, am besten an beiden Enden, wer zieht, zielt schon weiter. Wer immer zieht, der biegt jeden Sachverhalt, bis er ihn so hat, wie er ihn braucht. Man merkt das vor Gericht anlässlich jener Prozesse, die das Volk beschäftigen, weil sie wie ein umgekehrtes Fernglas auf die eigenen Verhältnisse gerichtet sind. Jeder sein eigener Richter, aber auch Staatsanwalt, Verteidiger, Zeuge, Sachverständiger, Gutachter, Bösachter, vor allem letzteres. Der Verdacht springt die Wörter an, als lebte er von ihrem Blut, Syntax ist ihm ein Fremdwort, das den Zusammenhang stört. Aber lassen wir den Verdacht, er ist alt und erzeugt ein Gähnen bei denen, die vom Leben mehr erwarten als alte Geschichten. Das Sehnen will keine Geschichten, es will den Auftritt. Dafür erzählt es Ihnen, was immer Sie wollen. Alles erlebt! Alles frei erfunden! Solange der Körper es hergibt, ist jede Geschichte recht, auch das Schweigen, diese beste aller Geschichten. Wer schweigt, kennt die Geschichten und weiß sich darin mit seinem Publikum einig. Das Publikum hat sich über ihm geschlossen und verdaut ihn bei lebendigem Leibe. Was immer noch kommen mag, er hat gelebt, denn er hat alles getan und nicht getan, er ist ein schmutziger Gott. Überlassen wir den Gerichten die Psyche! Dort hat sie es gut.
GERMANEN
»Die Würde der Barbarei ist unantastbar, denn sie vertritt die
letzte natur-chaotische Einfalt jenseits der Bildung.« Die hier
dogmatisierte Bedeutung einer zu jeder Unregelmäßigkeit des Denkens
befähigten Sprache hätte der Kunst zwar viel zu bieten gehabt, aber
die lateinischen Bildungsklötze standen einer solchen Freiheit
durch die Unfähigkeit, sie gebührend zu würdigen oder ihrer gar zu
bedürfen, im Wege. Bei Hölderlin, Kleist und Novalis oder in den
Nachtwachen des
Bonaventura wird das hohe Rätsel dieser abgrundtiefen
Einsamkeit im glücklos verlassenen Volksbesitz der eigenen Barbarei
offenbar. Im
Zarathustra
herrscht noch ein letztes Aufpauken wie bei den germanischen
Weibern, die im Kampf gegen Rom auf die ledernen Wagendächer
geschlagen haben. Nietzsche konnte den alten Gott, weil er ihn fast
als seinen protestantischen Ehemann ansah, nicht loswerden. Er war
kirchlich mit ihm verheiratet.
Sanft hingegen, allenfalls ein wenig spitz erklingt die Stimme
Thusneldas, der Geliebten eines Nachfahren des Varus und jetzigen
Besitzers eines Bordells an der Place de la Victoire in dem weithin
unbekannten ›Urteilswerk
pro
Germanos‹ Hans in
Paris: »Nein mein Freund, die Taten der Barbarei sind
sprachlichen Ursprungs. Die Sprache wurde nie ernsthaft im Spiel
mit den Nachbarn gebraucht, das beweist sogar noch der zweite Teil
des
Faust. Bis in die
Zwanziger Jahre lagen die Bücher bei Cotta herum. ( Leiser:) Ich
will ihnen etwas anvertrauen, es erscheint da in Deutschland soeben
das
Alphazet, ein überaus bewegliches
und befremdliches Werk, das, lieber Freund...................« Hans
versucht ihr hastig zu antworten....................... Hier
fällt der Vorhang. Das erste Stück der neuesten germanischen
Literatur, zu Recht mit geheimem griechischem Titel, denn die
geheime deutsche Bildung athenisiert sich wie zu den Zeiten Roms,
wird vorläufig....................... unterbrochen. - PM
GESCHLECHTERHATZ

Wer die Geschlechter gegeneinander hetzt, zerschlägt das Bild der Welt. »Welches Bild?« fragen die Interessierten. »Ist nicht jedes Bild der Welt wert, dass man es zerschlägt? Ist nicht jedes Bild eine unzulässige Fixierung von etwas Fließendem? Und überhaupt, von welchen Bildern ist hier die Rede? Als wir jung waren, hielt man die Frauen praktisch in Käfigen. Wir haben sie befreit. Ist das keine Tat? Gott, ja. Einer musste es schließlich tun. Wir haben den Feminismus in beide Hände genommen. Was die Arbeiterbewegung versiebt hat, das haben wir gemacht. Das ist unsere Story. Das wird bleiben. Das hat auch mit Sex zu tun. Nein, der Feminismus ist nicht tot, das mag glauben, wer will. Eine Vision wurde Recht und Gesetz. Fiat lux. Das ist Latein. Endlich Sanktionen. Wir werden nicht zulassen, dass die Frauen jemals, sagen wir... wissen Sie… Schon klar. Keiner kehrt in die Geschichte zurück. Ihr gesellschaftlicher Ort – wie sagt man? – ist heute ein anderer. Und morgen? Junge Frau! Morgen mehr als heute. Sie lächeln? Lächeln Sie weiter. Heute sprechen wir über Erfolg ... messbaren Erfolg, wohlgemerkt, nicht über Wohlfühlkurven. Kurven, jawohl. Haben Sie ein Problem? Ich nicht. Die Frauen sind heute ein Wirtschaftsfaktor. Kinder übrigens auch. Das haben wir geschafft. Auch Sex, klar. Warum nicht. Haben Sie damit ein Problem? Also von Ihnen hätte ich das jetzt nicht gedacht. Aber reden wir doch übers Wohlgefühl. Heute finden wir junge, athletische Frauen in allen Berufen, in allen Positionen, und wir? Ach du liebes bisschen. Auch wir, also wir haben gelernt. Wir haben den Kapitalismus gezähmt, zu unserer Zeit, ist das nichts? Nicht der Rede wert. Bitte. Wir haben den Machismo auf die Bretter gepfeffert, Sieg durch K.o. Das ist doch was, oder? Lieber Junge, quatsch keine Oden. Und komm mal vorbei. Kein lautes Wort. Nein, wir sind nicht in die Frauenberufe gegangen. Nicht diese Falle. Sei vorsichtig, Junge. Gleicher Lohn, gleiche Arbeit. Nein, wir sind nicht zu Gebärern geworden. Das nun gerade nicht. Haben Sie ein Problem damit? Ich frage: Haben Sie ein Problem damit? Legen Sie ab, Madame. Kita für alle. Ach was. Erzieherinnen für alle. Geschlechtsneutral, ja. Naja. Ja, wir haben uns aus den Schulen zurückgezogen. Heißt das nicht Platz machen? Nein? Nicht überzeugend? Ja was denn dann? Was soll der Quatsch? Sie kriegen Ihre Quote und wir kriegen Sie ins Bett. Sie legen sichs zurecht und wir legen uns dazu. So läuft das. Solide Abmachung, ziehen wir durch. Ja ja ja. Wir werden nicht zulassen... dazu stehen wir... Apropos zulassen: Sei’s drum. Was ich sagen wollte... Der Kampf geht weiter. Welcher Kampf? Was ich sagen wollte... zuführen, was heißt zuführen... lehnen wir ab. Mädchenhandel? Scheiße, was. Wir, wer sind wir? Gute Frage. Gute Schule, nicht wahr? Wie? Ganz der alte...? Gute Nacht, ja... Habe die Ehre... Was soll...«
GESCHLECHTERKRIEG
Wir haben im Dritten Weltkrieg gelebt und er ist
ongoing, wie unsere amerikanischen Freunde sagen, die gewohnt sind, auf niedrigem Niveau Krieg zu führen. Wir, das sind ein paar Freunde, auch weitere Bekannte, darunter echte Penner, ferner, wenn man die Zeitungen liest, eine Reihe von Leuten auf unterschiedlichen Kontinenten, darunter Harmlose, Spinner, der Rechtschreibung Unkundige, auch Gewiefte, womöglich Bestien, vielleicht gibt es irgendwo Lager, in denen Skelette den Boden pflastern und Ausgemergelte sich die Hand an der Sonne verbrennen. Die Zahlen gehen in die Millionen, zig-, hunderte, was weiß ich. Nein, es scheint nicht vorbei zu sein, nur unser Part ist zu Ende gegangen, wir sind nicht mehr so gefragt und haben die Gelegenheit benützt, uns in die Büsche zu schlagen. Wir können nicht wirklich berichten, worum es in diesem Krieg geht, er geht über alle Grenzen, zu viele Parteien mischen in ihm mit, als dass jemand wissen könnte, worauf es hinausläuft. In solchen Kriegen erneuert sich die Welt, jedenfalls nimmt sie dieses Privileg in Anspruch, es ist aber nur ein Freibrief für Metzeleien. Der Geschlechterkrieg muss durch private Friedensschlüsse beendet werden, also kommt es darauf an, sie zu verhindern oder, wo irgend möglich, zu erschweren. Besser, man verkündet, das Ende der Privatheit sei gekommen, als dass man an dieser Stelle nachgäbe. Überhaupt kann man Ideologen gut an ihrem Hass aufs Private erkennen. Hier steckt ihr pathologischer Pferdefuß: die Hölle für alle braucht immer Nachschub und keiner, der sich voranbringen will, möchte hier zurückstehen.
GESCHNATTER
Ein Beispiel für die Verheerungen, die das Wort ›Kultur‹ über die
nützlichsten Erfindungen bringt: der Start
der professionellen Schreiber in die Segnungen des
web2, wie sie es nennen,
um anzuzeigen, womit man bereits wieder durch ist. Da hocken sie
wie Weltkrieg-II-Grenadiere in Erdlöchern aus schlechtem Design,
halten ihre Konterfeis hoch und wackeln mit ihnen, auf dass
jemand draufhält –
aber
dalli und ohne Verzug. Sie wissen, dass sie
Kulturschaffende sind, wie es die Katze weiß, die sich
insgeheim doch für die Maus hält. Sie sind es leid, immer ins Leere
zu sprechen, und wünschen Kontakt, egal welchen. Ach, und wie
schnell sind sie desillusioniert. Nichts enttäuscht rascher als ein
Medium. Das wissen die Tischrücker schon länger. Aber niemand hört
ihnen zu, gesellschaftlich gesprochen, dort, wo man spricht, damit
die Lücke nicht spürbar wird. Welche Lücke? Es braucht Ideen, um
ins Leere zu sprechen. Lieber füllt man sie mit Gestalten. Sie
scheint wählerisch zu sein, die Leere. Soeben verließ sie den Raum.
GESCHWÄTZ

Wenn es der Kultur eines Landes gefällt, mit der Dummheit zu
paradieren, weil es zu mehr als Geschwätz nicht reicht, dann ist
das die Lage und die klugen Leute gehen ihrer Wege. Man könnte
natürlich fragen, was für eine Kultur das sei und wer in ihr
das Sagen habe und wem damit gedient sei, solche Fragen könnte man
stellen und beantworten und vergessen, es bliebe sich gleich. Man
kann auch sagen, dass man in einem Land, für dessen Literatur man
sich schämen muss, nicht leben möchte. Wer zwingt einen, sich zu
schämen? Was zwingt einen hinzusehen? Und wer zwingt einen, nicht
auszuwandern? Etwas Besseres als den Tod findest du allemal. So ein
Land ist kaum mehr als ein Durchgangslager für Leute, die darin
nichts zu sagen haben. Irgendein Schwätzer greift sich irgendein
Anliegen, der Markt drückt es ihm auf, das allgegenwärtige
Fernsehen schleift es zurecht, ein kraftstrotzender Konkurrent
liefert die Maßstäbe, das Zeug wird gebraucht, geliefert,
konsumiert, es bleibt Zeug. Jeder weiß, dass es sich um Zeug
handelt, niemand wird darauf zurückkommen, für den
Augenblick taugt es. Daneben liegen die
Themen, schwer, kantig, schartig von früheren, nie zu Ende
gebrachten Arbeiten, altes, verworfenes Zeug, wertlos, unabgeholt.
Sie liegen gut, sie liegen außer der Zeit. Das Land ist sich billig
geworden, na und? Die Leute haben Probleme, das Geld will angelegt
werden und die Renten, hört man, sind nicht sicher, man muss schon
was tun. Die Leute sind schnell durch mit dem, was sich ihnen
anbietet. Die bedeutsamen Dinge darf man nicht anbieten, sie liegen
wie Blei in den Senken des Bewusstseins, sie sind nicht Kultur, sie
sind
kaum merklich.
GESELLSCHAFT
»Was für eine Gesellschaft!« Im Wort ›Gesellschaft‹ steckt das
Pejorative, das nicht weggeht. Die
gute Gesellschaft, die
feine Gesellschaft, das sind
Unterscheidungen, die den Makel der Trennung auf der Stirn tragen.
Aber auch die Gesamtgesellschaft ist nicht so unverdächtig, wie sie
erscheint. Dass sie an das ›Gesamtkunstwerk‹ seligen Angedenkens
erinnert, mag man ihr noch durchgehen lassen. Doch das Totalisieren
an sich ist ohne eine Tendenz nicht zu haben; die Begriffe sind
nicht so unschuldig, wie sie den anblicken, der sich nicht
vorsieht. Auch die Gesamtgesellschaft schließt aus: dass sie es
ablehnt, den Rest zu benennen, verheißt nichts Gutes. Kurioserweise
entstammt der Begriff dem Repertoire der Kritischen Theorie, die
sich selbst einem Rest zuzählte, der – wie man hoffte – nicht
weggeht. Zum Wir-Begriff wurde die Gesamtgesellschaft in dem Maß,
in dem die kritisch Bewegten sich in ihrer Mitte einzurichten
verstanden. Demnach zählt sie unter die eher komischen Exuberanzen
des Mit-der-Zeit-Gehens. Und wirklich hellen sich die Mienen der
Menschen auf, wenn der Ausdruck fällt – sie lassen ihn zwischen
sich durchfallen und sehen ihm nach bis auf ihre blankpolierten
Schuhspitzen, dann heben sie leise den Fuß und man hört es
knirschen. Aber das nebenbei. Im Grunde hat niemand ein solches
Wortungetüm nötig, das einfache ›Gesellschaft‹ genügt, und jeder,
der mit feineren Sinnen geschlagen ist, riecht den Braten. Wer sich
in Gesellschaft begibt, setzt die Freiheit, sich aus ihr zu
entfernen, voraus, er bedankt sich sehr, wenn man ihm bedeutet,
dass er außerhalb ihrer nichts bedeutet und dass er dort niemals
ankommen wird, so sehr er sich auch anstrengt und ›isoliert‹.
Dieses Wort gibt ihm zu denken. Isolation – was ist das? Eine
gesellschaftliche Verrichtung, eine Strafe, ein verhängter
Ausschluss und ein bekundeter Unwille, den sich aus eigenem Antrieb
Entfernenden zuzulassen. Gesellschaft ist ein Distanzbegriff; eine
Gesellschaft, die auf sich hält, thematisiert sich nicht als
›Gesellschaft‹, sie begreift sich als Raum, in dem man sich
aufhält – auf Zeit, wie in allen Räumen, die sich im
Leben öffnen. In dieser Hinsicht
bezeugt eine Prägung wie ›Weltgesellschaft‹ keinen Begriff, sondern
das Grauen schlechthin. Alle empfinden es, alle gehen darüber
hinweg, so stark ist der gesellschaftliche Sog, der den Einzelnen
mindert und das stärkt, was keiner will und am Ende keinen
befriedigt.
GESINNUNGSSCHLAFMÜTZE
Mersmannsche Kappe für den Hausgebrauch, mit Circumcisio, ohne
Brandmal, leicht vergilbt. Man kann sie gelegentlich ersteigern,
aber im Netz stehen genaue Anweisungen, nach denen es leicht
möglich sein sollte, sich eine neu zu verfertigen.
Angst davor, dass es dieselbe Kappe irgendwo ein
zweites Mal gibt, muss keiner haben, die Bastelanleitung ist ebenso
locker gefasst, wie die Kappe anliegen sollte. Wer sich ihrer
bedient, will nicht als Parteigänger Beachtung finden, sondern als
Zeitgenosse. »Wer seine Zeit genießt, ist ihr Genoss, wer das nicht
weiß, fliegt in die Goss.« Solche derben Sprüche findet man überall
dort, wo man darauf gefasst sein sollte, mitten im Gewühl einer
Gesinnungsschlafmütze zu begegnen. Viele ihrer Träger sind
organisiert, manche darunter im Zeitlerorden, dem Orden der
unvermittelten Abbrüche und der gestreckten Lebensläufe. ›Wir haben
Urlaub‹ steht in den Unterlagen, die man zugeschickt erhält, wenn
man um Aufnahme bittet, womöglich vom Pförtner, der als einziger
noch die Stellung hält. Die Zeitler hält es wenig im Lande, sie
sind ›unterwegs‹. Wohin? Eigentlich reisen sie der Sonne entgegen,
sie stecken voller Begegnungen, von denen die Haut hier und da
Zeugnis ablegt. Wenigstens sie, immerhin ist sie das größte Organ
und kann sich sehen lassen.
GESPENSTERMALER
Die Gestalt einer negativen Ewigkeit besteht aus der uns umgebenden Natur. Sie zu
bezweifeln, zu erneuern und zu durchstreifen ist die Aufgabe der Gespenstermaler. Seit alters besteht das Missverständnis des Naturalismus darin, die natürliche Außenseite der Dinge, selbst wenn sie ununterbrochen Erweiterungen erfährt, bereits für Teile eines Ganzen zu nehmen.
Darin besteht der Irrtum des sogenannten gesunden Blicks, der bloß am sinnlichen Mantel der Maja hängen bleibt. Sehlichte Täuschung der Nerven ist überhaupt das Prinzip der natürlichen Ewigkeit, sie füttert den Menschen, gleich einem Tier ohne Instinkt, mit den Luftblasen ungemalter Prinzipien, seit es über das plötzliche Einfahren der göttlichen Seele instinktlose Zweifel gibt. Aus diesen Gründen werden die Gespenstermaler unseren vernachlässigten Geistesaugen immer wichtiger, nicht nur im Traum.
Nichts gegen die Vermutung, der Mensch sei tatsächlich ein von Dämonen gequältes Tier, aber es sind dann immerhin Dämonen, die ihn heimsuchen und nicht die bilderlos aus sich selber wütenden Fehler der Krankheiten.
Solange die Ärzte sich nicht gelegentlich mit den neuen Gespenstermalern vereinigen können, um Krankheitsbilder auf riesige Deckengemälde zu malen, schwebt das Verhängnis der Bildlosigkeit über unseren einsam schlafenden Köpfen, die jenseits der Träume bloß mit Geschwätz und Zahlen gefüttert werden.
Immer wieder die Spritzen beiseite legend, sehe ich die malenden Ärzte und Künstler eines Tages auf hohen Gerüsten nebeneinander die neuen Gemälde dämonisch umwölkter Menschen prachtvoll ins Blau der Kuppelgewölbe malen. Auch die Organe sind endlich ornamentale Schleifen kühner Gewänder, so außen wie innen. - PM
GESTATTEN
a) Im Paradies der Billigen haben die Teuren Ausgang. Nur die Teuerste zieht ihre Kreise, als ginge sie das Ganze nichts an. Vielleicht hat sie recht und es ist nur ein böser Traum.
b) Der Allerwerteste greift sich den Schritt und bestreitet den Vorgang. Ein teurer Standpunkt: hier steht keiner, der vorher nicht fiel. Oder auffiel, was fallentechnisch die Sache erleichtert, aber kein gutes Echo hervorruft.
c) Wer auffällt, ist schon gefallen. Das Auffallen beschreibt eine Kurve, die steil gen Himmel strebt, um sich dem Schoß der Erde rapide zu nähern und mit ihm zu verschmelzen.
d) Das Abgreifen, eine egalitäre Tätigkeit: fällt auf, wenn der Griff schmerzt. Nicht was, sondern wo jemand abgreift, macht den Unterschied. Eine Sache im Griff haben heißt, auseinander zu reißen, was umso stärker zusammenwirkt.
e) Die ›Lust, niemandes Lust zu sein‹, ist ein altes Motiv und eines der stärksten. Das wissen Ermittler aller Couleurs, sie haben mit ihr manches Kind gezeugt und fürchten noch immer, sie müssten für die Folgen aufkommen.
f) Wir haben die Lust befreit und nun befreit sie sich. Das steht, als Kainszeichen, an den Türen der Erlesenen, die keine Lust haben, Opfer zu spielen.
g) Das Land aller Möglichkeiten ist das Land, in dem die Lust frei hat und jeder für sie haftet. Die Menschen leben hinter Sicherheitsanlagen und halten die Gewehre bereit.
h) Allem, was Recht ist, schlägt seine Stunde.
i) Simultan ist das alles, dass einem, erschüttert, das Kreuz bricht.
GEWISSEN
Eine Lehrerin betrügt den Mann, der sie vergöttert, mit dem Säufer,
der sie gnadenlos in den Dreck zieht. Ein Namenloser sprengt sich
täglich in Gedanken mit dem Präsidenten seines Landes in die Luft,
um das Schlimmste zu verhindern. Der Kommandant eines mit
Atomraketen bestückten U-Boots, den Befehl, es zu tun, auf dem
Bildschirm, lässt sein Boot an einem Riff zerschellen. Die
pummelige Kunststudentin, vertraut mit den Kniffen der Borgias,
liest Vergewaltigungsphantasien in den Augen ihres
Straßenbahnnachbarn und stößt ihm eine präparierte Nadel ins Herz.
Ein Spieler erhöht den Einsatz und begeht Selbstmord. Seine Frau
gewinnt. Spielen Sie mit, wägen Sie mit, urteilen Sie mit! Das
vertreibt Zeit und macht ein gutes Gewissen. Vor allem: Sie sind
dabei. Jedenfalls bis auf weiteres.
GEWITZTHEIT
Wer ab und zu denkt, findet leicht, ein abgetaner Gedanke besitze die Kraft nicht mehr, sich zu behaupten – er beanspruche keine Geltung. Weit gefehlt. Was soll ein abgetaner Gedanke anderes beanspruchen als eben Geltung? Er hat frei, er hat Zeit, die Köpfe der Leute zu erobern, während der Gedanke, an dem noch gearbeitet wird, vor Ungeduld mit den Hufen scharrt. Leicht möglich, dass ein Jahrhundert die Obsessionen des vergangenen erbt, um sie zu realisieren – als wären sie das Neue, die neue Zeit, der neue Geist über den Wassern einer alten Gewitztheit. Die alte Gewitztheit kennt die Woge, die da heranrollt, sie gehört ganz zu ihr, aber als Oberfläche. Die tiefen Massen, die anders ziehen, halten sich anders bedeckt. Darin besteht ja das Neue.
GEWUSST WIE

Die Dichotomie von Glauben und Wissen beherrscht den Alltag, so dass selbst, wer glaubt, sich auf der sicheren Seite wähnt. Er weiß etwas, was die anderen nicht wissen, denn er glaubt und er hat die Wirkungen des Glaubens an sich erfahren. Er weiß also, was Glauben ist – nicht irgendeiner, sondern seiner, der richtige. Einen ›bloßen Glauben‹ lehnt auch er ab, das wäre Aberglaube und Vorurteil, kulturell gewachsen, aber durch Aufklärung und Wissenschaft durchschaubar und damit widerlegbar geworden. Da liegt der Hase im Pfeffer: der ›bloße Glaube‹ ist im Prinzip widerlegbar, auch wenn im Moment die Mittel dazu fehlen. Er ist schon überwunden, weil er als überwunden gilt. Was wäre das Wissen, wäre es nicht gerade das: Überwindung des bloßen Glaubens? Der reflektierte Glaube hat das Wissen in sich aufgenommen, er ist über den bloßen Glauben hinaus, er ist ein Exzess. Dieser Gläubige weiß um seine Situation, er hat sie lange erwogen und durchlebt und das hat ihn stark gemacht: stark wofür? Für das Besondere, das er repräsentiert. Unter der Ägide des Wissens zu glauben ist etwas Besonderes, eine Auszeichnung, ein Konzept, das Überlegenheit verleiht. Was wäre ich ohne meinen Glauben? Nicht viel. Was wüsste ich ohne meinen Glauben? Nichts Besonderes. Wo wäre ich ohne meinen Glauben? Auf jeden Fall weit dahinten, mit Nässe, Dunkelheit und Chancenlosigkeit kämpfend, abgeschlagen, eine armselige Existenz. So wie ich bin, bin ich reich.
GIMPELFÄNGER

sind besser. Sie sagen: »Unsere Jungs sind besser« oder »Frauen
sind besser« oder »Marmelade ist besser« und schon rennt die
Marmelade, den Auftrag zu erfüllen, der tief in ihrem Inneren
tickt: besser zu sein, besser als die anderen, besser als sie
selbst, besser als das Weltall, das, wie der Mond, ein faul’ Stück
Holz ist, vom Ich überglänzt seit altersher. Die Gimpelfänger
bleiben im toten Winkel, sie überblicken die Materie und halten die
Fäden in Händen, die selber Fäden gleichen. »Ich stehe mit allem in
Verbindung«, kann so einer sagen, sein Bauchansatz rundet sich
leicht, er ist es zufrieden. Gimpelfänger haben es leicht, sie sind
das Salz der Erde, die sich ihnen entgegenkrümmt, so sehr ist sie
aufs Lecken erpicht. Aber lassen wir die Erde Erde sein und halten
uns an die Fakten. Fakt ist, dass, wer einen Gimpel gefangen hat,
ihn auch wieder loswerden muss. Das klingt einfacher, als es sich
anlässt. Die Preise für Gimpel fallen, seit Mutter Natur
durchblicken lässt, in welcher Fülle sie sie bereithält – eine
Ressource, die nie versiegt. Was ein Gimpel wert ist, weiß keiner
so recht, es sei denn, er braucht gerade einen, um mit dem Fänger
zu rechten. Die Feinde der Fänger sind die wahren Freunde der
Gimpel. Sie tun ihnen nichts, auch wenn gerade das immer wieder
behauptet wird. Manchmal empfinden sie sogar Lust dabei, ihnen auf
die Finger zu sehen. Diese Lust vergraben sie tief, da sie
fürchten, dass man sie denunziert.
GLAUBE
Dass mehr geglaubt als gewusst wird, ist kaum zu leugnen. Einmal,
weil die entrückte Historie wie die entrückte Hoffnung nur vom
Glauben gerufen werden können, sodann, weil überhaupt die innere
Art der Unendlichkeit nie mit dem Anteil des Gewussten zu füllen
ist. Das Gewusste schwebt immer daneben und nur das Geglaubte ist
dicht bei uns selber.
Es bleibt jedem überlassen, sich innerlich so zu verkürzen, dass er
die Menge des Geglaubten nicht fühlt und die Menge des Erhofften
nicht ahnt, aber sie spielen um uns herum und schneiden Gesichter,
die niemand vermutet. Nicht der Glaube, von dem abfällig gesagt
wird, er sei eine schwache Hilfe gegen die
Angst vor den
Realitäten, sondern das ohnmächtige
Wissen in der Realität verdient den dunklen Titel des
Selbstbetrugs, denn Realitäten werden nicht anders geglaubt als
mittels eines zweiten Glaubens, den an
Tatsachen, dem ein dritter Glaube an
die vermeintliche
Wirklichkeit zur Hilfe kommen muss.
Ich glaube, es wird alles zusammen geglaubt und man gelangt so
rasch auf das Gebiet der heiligen Dreifaltigkeit.
Wissen ist keine Macht zur technischen Einsicht in Realitäten,
sondern Betäubung der Hoffnung auf unbekannte Fernen. Denn
alle
Angst hofft auf ferne
Erlösung, die kein Wissen erlangen wird. Der richtige Racker des
Agnostizismus ist ein Selbstmörder mit kräftigen Armen. Er stürzt
die Götzen der Visionen, über die nur der Einzelne verfügt, mit der
Wissensaxt der Kollektive und gerät wie ein ungeschickter
Holzfäller unter sich selbst. Das konnte dem heiligen Bonifazius
nicht passieren. Er glaubte nur einmal, die Germanen hingegen
mehrmals. Allerdings ist es gut, sich der Gestalt eines Gottes, was
dessen Wirkung betrifft, zweimal zu nähern. Einmal unter dem Aspekt
seiner Allgegenwärtigkeit, der ihn für den einzelnen Menschen
unerreichbar macht – denn für alle bedeutet für niemanden – oder
als Bruder des eigenen
Ich, als eine Innenschöpfung der
Seele. Wer an die Seele in Hinsicht der persönlichen
Gottesbezogenheit nicht glauben kann, ist genauso ein Racker mit
kräftigen Armen – einer, der sich die eigenen Beine abhaut. Affe
kann er nicht mehr werden und Mensch will er nicht sein. - PM
GLEICHHEITSDSCHUNGEL

G. spricht: Inzwischen sollte man aufhören, das, was seit fünfzig Jahren den Frauen passiert, pauschal Befreiung zu nennen. Zweckmäßiger wäre es, man kehrte zu einem Ausdruck der frühen Jahre zurück: reden wir von Vergesellschaftung. Frauen sind, in einem anderen Sinn als Männer, Gesellschaftswesen, sie bestehen auf Gesellschaft und die Männer finden ihren Vorteil dabei. Die Biologie mischt mit und sorgt dafür, dass alle von Zeit zu Zeit wieder nach Hause gehen. Nun, Vergesellschaftung zielt darauf, diesen ›Rest‹ zu vernichten und die Beute den großen Akteuren in die Hände zu spielen – von der Wirtschaft über die Medizin bis zur Psychiatrie und ihren leichteren therapeutischen Schwestern. Dazu bedarf es des Gesetzgebers und des Schwarms von Behörden, die umsetzen, was an der Zeit ist. Sie spielen den entscheidenden Part. Der formalen Gleichstellung der Geschlechter folgt, Jahrzehnt um Jahrzehnt, ihre informelle Ungleichstellung durch ›gezielte‹ Nachbesserung des Erreichten: ein Fass ohne Boden, eine Baustelle ohne Ende, eine nach oben offene Aufgabe, ein Beben, das niemals zur Ruhe kommt. Nichts davon bringt die Geschlechter der Gleichheit näher. Man kann auch nicht sagen, dass es sie voneinander entfernt. Nur die reale Ungleichheit setzt sich durch, auf jeder Stufe, auf jedem ›Stand‹, mit allen verfügbaren Mitteln, den neuesten wie den ältesten. Hier liegt das Ärgernis und mancher reißt sich lieber das Auge aus, als dass er zu dem stünde, was er sieht. Fazit: Wer den ἄνθρωπος abschafft oder seine Abschaffung simuliert oder den
virtualiter abgeschafften anhand simulierter oder simulierender Forschungsergebnisse im Wochentakt ad absurdum führt, riskiert... seine laufende Wiedergeburt, mit allen Folgen und Folgefolgen, den rüden wie den subtilen. Was wären wir ohne die Folgen!
Wer wären wir ohne die Folgen! Im besten Fall bekommen die Verfolgungsbehörden zu tun, im schlechtesten sind selbst ihnen die Hände gebunden und irgendwo tickt jemand aus. »Währenddessen nehmen die Menschen sich, was ihnen brauchbar erscheint. Das Mobiltelefon zum Beispiel und die Religion sind die gegenwärtigen Mittel der Frauen, sich im Dschungel der Gleichheiten zu bewegen, ohne sich ihnen auszuliefern. Entsprechend argwöhnisch werden sie beäugt.« Es gibt andere, subtilere, vielleicht mächtigere, aber zu diesen hier haben alle Zugang, sie sind barrierefrei: ›basic‹.
GLÜCKSFEE
Nicht über meine Leiche, sagt die Glücksfee, sie meint ›Nur über meine Leiche‹ und drückt sich etwas merkwürdig aus. Andererseits: die Leiche der Glücksfee – was soll das sein? Vielleicht ist es ja ein Glück, dass sich in diesen Regionen niemand zu Hause fühlt. Wenn einem die Glücksfee selbst den Weg versperrt, dann sollte man sich nicht zimperlich zeigen und ihr die Rechtsprachlichkeit erlassen. Das Glück der Wörter findet sich ohnehin anderswo.
GLÜCKSHORMON
Finde für alles den krassesten Ausdruck – und verwirf ihn.
GNOSIS

Du kannst den Gedanken an eine persönliche Vorsehung kalkulieren,
du kannst ihn ablehnen, aber verhindern kannst du ihn nicht. Wie
immer du es anfängst, wie immer in dem Geduldspiel du die Begriffe
legst: sobald du es unternimmst, diese Sache, die dich verfolgt,
irgendwie a-persönlich zu denken, beginnt die Seinsschwafelei, die
dich nicht befriedigt. Sie kann dich nicht befriedigen. Das
erfingerte Nichts ist immer zu bunt – zu bunt und zu eintönig, um
die Phantasie und das Denken für längere Zeit ruhigzustellen. Wie
das? Schließlich nistet die Vorsehung im unruhigen Denken, in der
Unruhe selbst, die nur aus Verlegenheit vorwärts will, sie würde
genauso gern seitwärts ausbrechen und es gelingt ihr oft genug.
Natürlich lässt der Gedanke, das Vorgesehene sei auf dem Weg, die
Neugierde sinken, er ist, alles in allem, ein beruhigender Gedanke,
der auf der Stelle Metastasen treibt. Diese Nebengedanken sind
lästig, aber auch interessant, sie locken das Denken auf Abwege und
es bedarf schon des Hirten, um sie zurückzutreiben, des
guten Hirten... Hier
stockt die Rede, wie abwesend geht sie zurück in den Kreis des
Gebimmels, das vorwärts zieht, in die Ruhe der Leiber, die ihr
Schicksal miteinander teilen. Kaum sind wir autonom,
erinnert unser Körper an fatale Abhängigkeiten und vor allem
ans Ende, vor allem und jedem ans Ende, an jene Ruhe, auf welche
das Denken zueilt und vor der es erschrickt, mit welchem Vokabular
auch immer. Ja, auch das Denken selbst kann erschrecken, nicht nur
das Tier oder das liebe Gemüt. Sicherlich hat es dafür seine
Gründe, doch man erschrickt nicht aus Gründen, auch das Denken
erschrickt nicht aus Gründen, eher aus Abgründen, aber das ist bloß
Wortspielerei. Es schreckt zurück und man kann nicht wissen, ob es
ein Gedanke ist, vor dem es zurückschreckt, oder ein Nichtgedanke,
eine Lücke im Netz des Denkbaren. Solche Lücken gibt es ganz ohne
Zweifel, Denken bedarf der Bahnungen und wir können nicht wissen,
ob dort, wo heute die Lücke sich auftut, morgen eine Rennstrecke
liegt. Wir können es nicht wissen, aber etwas in uns sagt, dass
dies ein infinitesimaler Prozess ist und die Lücke nach innen immer
Raum hat.
Wenn das Denken erschrickt, gibt es keinen Ausweg, keine Therapie,
keinen
Auslauf. Die
unerreichbare, stetig drohende Denkruhe ist etwas Seltsames und es
sieht aus, als sei so etwas wie die sprachanalytische Philosophie
eigens erfunden worden, um es zu bedecken, jedenfalls gibt sie dem
Denken zu tun wie einem Hund, den man apportieren lässt. Dieses
Erschrecken trägt einen altertümlichen Namen: Gnosis. G. heißt
Wissen, das weiß jeder, es ist sozusagen der Anfang des Wissens,
hinter den es kein Zurück gibt in die sokratische Attitüde. Doch,
ich weiß, ich weiß mancherlei, und es ist Unsinn zu behaupten, es
bedürfe einer Methode, um wirklich zu wissen – gerade diese
Behauptung liegt vollkommen außerhalb jeden Wissens, sie ist naiv.
Im Wissen weicht der Weltsinn vor der Brandung zurück und flüchtet
sich in Hieroglyphen, z. B. die der Wissenschaft, aber es gibt auch
andere. Es gibt immer andere und es ist immer Wissenschaft, sobald
und solange es angesagt, solange es
an der Reihe ist. Leichtgläubige
pflegen über Leichtgläubige zu lachen, Ungläubige über Ungläubige.
Nicht der Glaube, der Unglaube enthält das Wissen, er enthält auch
den Glauben, er ist das Umfassende, aus dem das andere
hervortreibt. Deshalb nennen sie den gläubigen Menschen einen
Wiedergeborenen, anderenfalls einen Naiven. Naiv sein heißt, den
Akt des Glaubens nicht zu kennen, von dem der Gläubige
weiß. Dieses Wissen, diese Gnosis ist
nie von dieser Welt, sie ist immer schon ›jenseits‹ und hat den
naiven Glauben preisgegeben, man könne weltgläubig wissen. Sie weiß
es besser.
Abwehrzauber, in vollendeter Putzigkeit auf Kathedralen montiert:
Dämonen, Engel, Schnellfeuerwaffen des Lächelns, auf einen Wink hin
imstande, ganze Landstriche mit Tod und Verderben zu überziehen.
Gnosis ist das Unterfangen, die Existenz ins Denken zurück zu
verlegen. Denken will Lösungen. Und so lautet die Lösung, vor der
allen graut: Gnosis. Nehmen wir den extramundanen Gott – er lässt
sich nicht anders als unpersönlich denken, gerade in dem Maß, in
dem er außerhalb steht. Und das ist die Wahrheit:
Er lässt sich denken – so wie man
sagt: er lässt grüßen. Nenne ihn Prinzip und das Denken beginnt
wieder zu gleiten. Mit Prinzipien kennt es sich aus, mit ihnen kann
es umgehen, es bedarf ihrer zu jeder Stunde. Prinzipien sorgen
dafür, dass sich die Kammern mit Welterkenntnis füllen, mit
Mundanität, also mit dem, worin jener Gott nicht ist. Er steht also
außerhalb wie der Pflock, um den ein Hund seine Kreise zieht, bis
der Spielraum, den die Leine gibt, aufgebraucht ist. Es war ein
kesser Spruch, zu behaupten, er sei tot, aber ein kesserer, er sei
lebendig, denn wenn sich das Leben nach ihm verzehrt, dann wäre
sein Begehren nach sich so groß, dass es ihn erdrückte.
Leben will leben, aber es will auch
tot sein, es will den Tod denken, es will ihn fühlen, es will ihn
antizipieren, es will den Tod im Leben und es will das Leben im
Tod. Das ist banal, aber nicht trivial, es ist das offenbare
Geheimnis, vor dem allen graut. Graut ihnen vor Gott? Das ist eine
dumme Redensart, es graut ihnen vor nichts, außer davor, dass es
immer weiter geht, dass jede Erfahrung bis in ihren letzten Winkel
aufgebraucht wird und dass dieser Prozess approximativ ist – nie
das Letzte erreichend, aber jeden Halt übersteigend. Es graut ihnen
auch vor dem, was sie hinter sich haben. Niemand, der seine Sinne
und seinen Verstand beisammen hat, möchte zurück. Ist das die Welt?
Ist das die Flucht? Und wie nennen wir die Stimme dessen, der von
›Verweltung‹ aller Begriffe schwätzt?
GRABBEAU
Père Grabbeau war kein hübscher Mann, er besaß nur ein menschliches
Ohr, das andere war ihm in Folge eines verbrecherischen Konzertes
abhanden gekommen. Seine Gestalt, ein wenig vorbestimmt durch
Gedichte von Trauerweiden, bot den Ausdruck pflanzlicher Weisheit.
So lag er denn oft gekrümmt und in grauer Farbe an Bächen. Seine
Sprache war leicht wie Aluminium, seine Worte wie Tiegel und
Pfannen, die man in China Hui oder Phui nennt, je nachdem sie
benutzt oder gesäubert wurden.
Sein Herz aber war so zäh wie Leder, denn das
Leben liebte er nicht, noch die
Notdurft, noch die Sünde, noch das Leben der Tiere, wie es heute
geliebt wird, und sogar Sonne und Mond waren ihm beide vollkommen
gleich, denn gesunde und große Sinnestäuschungen waren ihm
angeboren von Jugend auf.
Das durch den spirituellen Archäologen
Homomaris von Lichtel entdeckte Grabmal des
Demiurgen hat er übrigens niemals besucht, obwohl er es gekonnt
hätte, denn er wusste vom großen Murx dieser Welt durch
Wahlverwandtschaft. Der gescheiterten Macht, so nannte er seinen
Großonkel mütterlicherseits, nahm er die berühmten acht Tage nicht
weiter übel. »Wer weiß«, pflegte er bei theologischen Intimitäten
zu sagen, »wie dieser mindestens so wie ich zur Hälfte gehörlose
Gott eine solche Kritik verstehen soll. Auch ist er vermutlich tot,
und über Tote nur Gutes.« Grabbeau wußte damals noch nichts vom
Aufenthalt eines gleich Barbarossa aufs tiefste verdeutschten
Gottes, in einer gemalten Villa hoch im Albanergebirge. Ein Werk
Hans von Marées’. - PM
GRABSPRUCH, voreilend
Sie wollten es, bitte, eine Nummer kleiner und dachten sich dabei gerne groß.
GRAB-BEAU

»Greif dir das Schöne« – eine Aufforderung, nicht ohne Hintersinn,
wo wäre das Schöne zu greifen oder nur greifbar? Wo es doch das
Ungreifbare schlechthin... Wenn man doch, wie einst Dürer, es
herausreißen könnte, dann wäre man sicher weiter. So reißt einer,
immerhin, das Blatt aus dem Notizbuch, knüllt es zusammen und
überantwortet es dem Papierkorb oder dem Fegefeuer, in der irrigen
– oder nur irren – Hoffnung, damit einen Prozess der Läuterung in
Gang zu setzen, an dessen Ende... was? In diesem Prozess ist das
Schöne stets weiter, es spiegelt ihn und verdoppelt damit den
Abstand, der es von seinem Verfolger trennt. (Die Metapher des
Spiegels, ausdeutbar ohne Ende wie das Meer oder die Bewegung des
Deutens, ist viel zu ehrwürdig, als dass man sie dem
Begriffspurismus opfern dürfte.) Nur im Stillstand verschwindet es
ganz von selbst. Es ist seine einzige autonome Tat.
Unglückseligerweise findet sich immer jemand, der weiter will. Das
ist ein alter Tick, ein Geburtsfehler der Gattung vielleicht,
jedenfalls ein Fehler, daran lässt sich nichts ändern. So starrt
einer auf einen Punkt an der Wand und gewahrt eine Passage, schon
keine Überfahrt mehr, sondern eine Folge... von Wörtern auf einem
Bildschirm, blau unterlegt. Das, immerhin, ist Reminiszenz. Wo
gleitet sie hin? Ins Remis? In die Remittentensammlung? Das
wäre doch was, in diesem Halbdunkel lässt es sich aushalten. Das
Schöne, jawohl, es hat einen Riss, ein geknicktes Blatt, eine
verdruckte Seite, eine falsche Bindung. Etwas wirkt immer verkehrt
an ihm, nicht verdreht (auch das kommt vor, aber seltener). Das
Schöne als Remittent, von unbekannter Hand zurückgegeben, mit der
Bitte, den Kaufpreis erstattet zu bekommen, vielleicht auch in
einem Anfall von Generosität an Leute gespendet, denen damit
geholfen ist – eine Vorstellung, die ›Hoffnung macht‹, auch wenn
sich kein geeigneter Abnehmer findet, nur der eine oder andere
Liebhaber des Absonderlichen, der still den Staub von der Kante
wischt und es wieder zurückstellt, denn höflich, wie er ist, möchte
er keinem Bedürftigen etwas vorenthalten.
GRAD, ZWEITER
Aufgabe: die Luhmannianer beobachten: immer, überall – wie sie sich
bewegen, sich darstellen, sich behaupten, sich in Sicherheit
wiegen: das Arsenal der Griffe. Die Reduktion auf vier oder fünf
Grundbegriffe und die Zufriedenheit, die sie bei der Menge
derjenigen erzeugt, die den Widerstand des Denkens nicht empfinden.
Begriffe als Waffen. Waffengleichheit. Waffenungleichheit. Was
daraus entsteht? Warum beobachtet man Sekten? Man sieht zu, wie sie
Positionen einnehmen, wie sie auf Positionen drängen, sich
vernetzen usw., man sieht ihr Machtstreben und will ihm rechtzeitig
einen Riegel vorschieben. Andererseits erregt der Angriff einer
Gruppierung, die sich im Wissen wähnt, Interesse: Man will den
Barbarenzug sehen, man will sehen, wie er sich totläuft. Als Filme
noch ›Streifen‹ hießen, ließ sich das einfacher benennen: Man will
den Streifen sehen, den Streifen Wirklichkeit, wie er sich zwischen
Jalousien abzeichnet.
GRAL
Wo je die Sonne zu einer bedeutenden Wirkung gelangt ist, mussten
die Menschen einen Gral vermuten, denn Sonne und Gral sind enge
Verbündete, gleichsam Feuer und Kochtopf, aber natürlich auch
Stätten des Blutes, das in animalibus abstractis, durch Hitze
vergoldet, seinen Herrscher am Himmel preist.
Nicht nur ist das Kochen der Materie die erste gewaltsame und
sonnenhafte Leistung der Kunst gegenüber der rohen Natur, auch der
Topf, das Gefäß zur Sammlung künstlich vermischter Naturalien,
diente zugleich dem großen Opus der Freiheit vom Grasfressen und
dem rohen Zerreißen der wilden Tiere. Auf diesen Wegen bis hinauf
zu den ersten Symbolen gilt die Sonne als glühender Topf für Opfer,
Speise und Blut. Man kann beide Funktionen auch trennen, wenn in
Zurückführung ihrer Aufgaben sowohl die Sonne als Topf, als auch
ihr glühendes Gold als Blut begriffen wird. Insofern empfand sich
schließlich der aufrecht wandernde Mensch als Untertan einer
göttlichen Sonne, und zu Zeiten der Unkenntnis oder
Gleichgültigkeit gegen Oben und Unten, sogar als Sonnennachbar, wie
dies die Stämme der Ostraloiden unter dem Wendekreis des Steinbocks
behaupten, weil sie ohne Kenntnis des Zollstocks Entfernungen eben
nicht als messbar begreifen können. Über ihnen steht die Sonne
unmessbar weit oder ebenso unmesssbar nahe. Die Dogmen von Links
und Rechts, von Oben und Unten sind überhaupt durch Zurufe, als
Maßeinheiten, nicht zu entdecken gewesen, man denke dabei noch an
Täuschungen durch das Echo. Erst Augensprünge und aufgestellte
Stäbe am Horizont machen bis heute Entfernungen messbar. Das Auge
sei überhaupt die Wurzel des festgelegten Besitztums, schreibt
Ultimus Spezis, der erste Verfasser ländlicher Sinnesmessungen. In
Norwegen sagt man sogar bei falschen Eintragungen ins Grundbuch
sehr treffend, »du hast wohl zu lange Augen« oder »dein Stab war
wohl länger als der von Herrn X.«
In den Zeiten der Ritterschaft, ihrer Kämpfe und Opfer, überwölbte
der Himmel bereits die neue Natur und mit ihr das Blut. Und der
Speer mag hier und da auch der erste Zollstock geraubten Besitzes
gewesen sein. Viele einfache Gegenstände hatten sich vom
göttergeschenkten Nutzen zum Menschengeist absentiert, der Löffel,
ein Geschenk der Hera, ward so zum Schwert, die Gefäße der Venus
mutierten zu Helmen und schließlich sogar zu steinernen
Kathedralen, denn jeder Altar war letztenendes auch einmal ein
heiliger Ofen. Die Sonne aber wurde auf diese Weise als Gral
vergessen, weil sie und mit ihr der Gral, nunmehr als Wahrheiten
unseres eigenen Geistes gesucht, niemals zu finden sind. Man kann
sogar sagen, hierin bestünde das Opfer der menschlichen
Vergeistigung höherer Welten, hin zur Ratio einer erfolglosen
Metaphysik. - PM
GRAMMATIK
Was bedeutet es, in der Grammatik der eigenen Sprache nicht ›firm‹
zu sein? Offenkundig etwas anderes als ›nicht zu Hause zu sein in
der gedeuteten Welt‹. In der Grammatik liegt die Welt nicht
gedeutet vor, sie ist deutungsoffen. Jenseits der Grammatik
schließt sich die gedeutete Welt wie eine Wunde. Wer es mit ihr
nicht genau nimmt, der zieht es vor, den Arzt zu konsultieren, wenn
ihm etwas fehlt. Immer vorausgesetzt, er lebt kontrolliert.
GRANDHOTEL ABGRUND

Ab heute ist das Grandhotel Abgrund wieder bewohnt. Es hat einige
Besitzrangeleien gegeben, die rechtzeitig beigelegt werden konnten,
soweit sie nicht grundsätzlicher Natur sind und der Bearbeitung
durch künftige Gerichte harren, doch die streitenden Parteien haben
das Interesse an dem Fall soweit verloren, dass sie die Eröffnung
nicht länger blockieren. Das Haus selbst ist, sagen wir es offen,
verwahrlost, es bedarf einiger Anstrengungen, um es an die
gestiegenen Bedürfnisse anzupassen, doch manche Kundenwünsche haben
sich auch, wie man sagt, abgeschliffen und andere sind einfach
vergangen. Schon das Wort ›Kundschaft‹ hat seinen Klang vollkommen
verändert und mancher ist heute willkommen, der damals bereits auf
der Schwelle von Fremdheitsempfindungen heimgesucht und zur Umkehr
bewogen worden wäre. Insgesamt ist die Klientel vermutlich
geschrumpft, was dem Service keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Aber
was heißt schon Klientel, wenn man gerade einmal dabei ist, die
Spinnweben zu entfernen und den Garten wieder begehbar zu machen?
Überhaupt steht das Begehbarmachen heute im Vordergrund. Die
Leitung des Hauses überlegt, ob sie nicht Seminare zum Thema
anbieten lassen soll. Es wäre eine hübsche Einnahmequelle.
GRASS
Der Aufschneider hat in Deutschland eine lange Tradition, er trägt das Messer im Sack und träumt von der Nacht der langen Messer. Meist hat er sich daher geschnitten, ohne dass er es merkt. Blutet der Finger, so hebt er ihn hoch und sagt: »Seht!« Gewöhnlich haben es alle gesehen und zwinkern verständnisvoll, als wollten sie andeuten, dass Danzig zwar längst verloren ist, aber weiterhin Spaß macht. Das Volk liebt seine Aufschneider, nur sein täglich Brot schneidet es gern selbst.
GREISENGIFT

Ich kenne da einen Fall, so A., in dem ein Kritiker, fast schon im Jenseits, noch einmal zurückkommt und einem Filmemacher, den er vor fast zwanzig Jahren vernichtet hat, die Hoffnung auf ein Comeback zerschlägt, einfach so, aus einer Greisen-Halsstarrigkeit heraus, die sich nicht die geringste Mühe macht zu erkunden, worum es diesmal überhaupt geht. Ich habe mich gefragt, warum solche Dinge geschehen, und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass erst der zweite Schlag an den Tag bringt, worum es beim ersten Mal ging. Denn damals, beim ersten Mal, als noch beide Seiten im Rennen waren, gab es Gründe genug, sich zu verstellen, auch erzeugt jede Art von Beschäftigung, und sei sie noch so rudimentär, einen Schein von Objektivität. Jetzt, beim zweiten Mal, agiert die Erinnerung, aber blind und vor allem grundlos, es sei denn, man nimmt den alten Hass als Grund ernst und lernt ihn dadurch kennen. In seinem Fall ist es der des gewendeten Hitlerjungen auf einen, der es von Haus aus nicht nötig hatte, sich zu verdrehen, des Quirls auf den Kochlöffel, wenn Sie so wollen. Also hängt er ihm an, wovon er sich selbst nie so recht befreien konnte. Was eine Zeit lang Kritik hieß, stammt in den meisten Fällen aus Quellen wie dieser – unbrauchbar, ärgerlich und streckenweise verstörend. Gerade das wollten er und seinesgleichen sein: verstörend, sie wären jedem um den Hals gefallen, der es ihnen attestiert hätte. Verstört, wie sie waren, konnten sie nur ihresgleichen gelten lassen, es sei denn, eine patentierte Ideologie verlangte gebieterisch Durchgangsrechte oder etwa ein Popstar geruhte gnädigst, sie nicht zu bemerken, während er die Wogen der Aufmerksamkeit teilte.
Nein, Jungs, das war nichts, damals nicht und in der Reprise erst recht nicht.
GRENZE
Die Grenzen der
Kunst
verlieren sich im Unendlichen. Gefehlt: die Grenze der Kunst liegt
im Hier und Heute.
Hic Rhodus,
hic salta. Das Hick und Hack bildet ein Heute von unerhörter
Gewalt, in dem die Schaumkrone des Erschauten, Erhörten und
Erlesenen sich immerfort aus den verwachsenen Untiefen des
Unerschauten, Unerhörten und Ungelesenen erneuert. Die Selektion
ist gütig, denn sie trennt das Gute vom Unguten. Die Selektion ist
grenzenlos, denn sie bezeichnet die Grenze. Sie ist nicht ohne
Fehler, wie sie unter der Hand einräumt, aber sie ist das
notwendige Jetzt. Als solches nimmt sie jede Gestalt an, um zu
überleben. Sie ist das übergängige Heute, das sich ins Morgen
ergießt wie ein Strom, bei dem niemand fragt, wieviel von ihm auf
jedem Wegabschnitt, über den er sich wälzt, versickert. Es ist auch
nicht wichtig, da alles, was versickert, an anderer Stelle zutage
tritt und in Flüssen rauscht, die vielleicht dem gleichen Strom
zufließen, der dann nicht mehr derselbe ist. Eine wässrige
Metapher, könnte es einem scheinen, der trockenen Fußes
hinüber will.
GREVENSCHIET
nannten die Straßenkehrer der Revolution die letzten Ausscheidungen
der Delinquenten, die auf der Place de Grève ihr
Leben beendeten. Das Alter des
Ausdrucks ist schwer zu bestimmen. Was die Substanz oder Materie
angeht, auf die er verweist, so bleibt festzuhalten, dass darüber
die unterschiedlichsten Ansichten bei den Klassikern umlaufen.
Manche meinten, es handle sich dabei um die letzten auffindbaren
Manifestationen von religiösem Bewusstsein, doch scheint diese
Auffassung sich nicht gehalten zu haben. Andere tendierten dazu, in
ihr den Ausdruck reiner Menschlichkeit zu vermuten, doch gilt das
allgemein bis heute als ›zu polemisch‹. Den Anhängern der
Irrelevanzthese, die sich vor allem im zwanzigsten Jahrhundert
großer Beliebtheit erfreute, hielt Adamsen-Fritschalk (1987)
vermutlich zu Recht entgegen, dass sie nicht genug in die
Materie vertieft waren, um sich ein Urteil zu erlauben. Hier ein
Ausriss aus seiner
Geschichte der
europäischen Säuberungen in der überarbeiteten Fassung von
1999: »Was immer die Hinterlassenschaft einer untergegangenen
Epoche, einer untergegangenen Welt bedeutet, sie ist es wert, mit
Leidenschaft erfasst und im Gedächtnis der Menschheit zu wirksamen
Pulvern zerrieben zu werden. Diese Menschen haben uns nicht
gekannt, wir sind ihnen nichts schuldig, aber sie schulden uns
Auskunft. Auskunft darüber, was wir können dürfen, ohne uns ins
Entsetzliche zu verlieren. Es wäre nicht schlecht, Riechlabors für
den Geschichtsunterricht einzurichten, in denen die Schüler, nicht
anders als im Fach Chemie, an den Folgen der von ihnen im
Gruppenversuch erprobten Gesinnungen zu schnuppern resp. zu
schnüffeln hätten. Für schwache Gemüter empföhle sich die
Beimengung einer geringen Menge Alkohol.« Anzumerken bleibt, dass
erste Versuche im Osten, das Konzept in Ansätzen zu realisieren, am
erbitterten Widerstand der Bevölkerung scheiterten, die sich ihre
Erinnerungen nicht nehmen lassen möchte. Über die notorische
Gleichgültigkeit des Westens (»Was soll der Scheiß?«) erübrigt sich
jede gesonderte Bemerkung.
GRIMM, klein
Im kleinen Grimm
nachsehen: wunderbare Phrase! Und es kommt so oft vor, dass
man sich fragt, ob dies nicht das Nachschlagewerk schlechthin, das
wirkliche wahre und rechte Kompendium des menschlichen Wissens ist.
Denn wissen kann eigentlich jeder, er darf sich nur nicht dumm
anstellen. Zur Dummheit tritt die Scheu, die die Spreu vom Weizen
trennt. Kaum z. B. ist ein Preisträger gekürt, fallen die
wesentlichen Elemente der Scheu dahin und das Wissen fließt. Wohin,
das will keiner so genau wissen, vermutlich in die offenen Münder
der Zoobesucher, die der Prozedur schweigend und ergriffen
beiwohnen, doch was dann geschieht, entzieht sich der
Kenntnisnahme. So kommt es, dass der kleine Grimm zwar das
meistgelesene, aber auch verschwiegenste Handbuch des intelligenten
Zeitgenossen darstellt. Man bedient sich seiner und stellt es aufs
Bord zurück, ohne sich dessen recht bewusst zu werden. Der kleine
Grimm hat, anders als sein entfernter Verwandter, der große, der
ächte Grimm, ein Ende, das
unbemerkt herankommt – was bewirkt, dass keine Plätze nach ihm
benannt werden und keine Untersuchungen über ihn die Fachregale
füllen. ›Schlag nach im kleinen Grimm!‹ sollte es öfter heißen,
aber das wäre ebenso überflüssig wie nutzlos und, wie gesagt, die
Leute merken es ja nicht einmal, sie tun es nur trotzdem. Er ist
das Tor für mancherlei Einfälle aus dem All, für die kleinen grünen
Männchen, wie sie zu Zeiten hießen, als man es mit der
Zugehörigkeit nicht so genau nahm. Seit man peinlich darauf achtet,
scheinen sie auszubleiben, warum auch immer. Sie ist so possessiv,
die Zugehörigkeit, sie gibt nichts her. Doch das scheint bloß so,
unter der Oberfläche brodelt es weiter, die Start- und
Landetätigkeit ist beträchtlich. Nur publik soll es nicht werden.
›Achtung‹ steht an den Bretterzäunen, das Wort ist durchgestrichen
und es gelten die üblichen Schmierereien. Das Bewusstsein der Welt
ist eine Blume, wer sie pflückt, dem schlägt sie mitten ins
Gesicht.
GROSS
hieß der kleine Erläuterer dessen, was konservative Gemüter die
Dekadenz der Gegenwart nennen. Ich bezweifle, dass er selbst ein
konservatives Gemüt besaß – zu vergnügt, zu genügsam sah er all
denen in seiner Umgebung auf die Finger, die ihre Nummer nicht
brachten, ganz wie er selbst, der nach Attitüde und unter der Hand
kundgegebenem Anspruch ein Großer sein wollte, nachdem der Name es
ihm nun einmal vorschrieb. Er war und blieb ein Schreiberling der
putzigen Sorte. Als solcher unterhielt er sein Publikum, er
unterhielt es gut, für eine lange Weile, in der er die Langeweile
vertreiben half, bis er eines Tages verschwand, ohne eine Lücke zu
hinterlassen. Vor allem letzteres ist eine
Kunst, die Kunst der Höflichkeit,
selten geübt, seltener erkannt, daher von vielen gemieden, die um
jeden Preis erkannt sein möchten.
Wie anders lesen sich, aus verschiedenen Jahrzehnten
zusammengeklaubt und zwischen zwei Buchdeckel gesperrt, damit sie
nicht mehr auskommen können, die Artikel des Kunstkritikers, der,
stets mit von der Partie, wenn anstand, was seine jüngeren
Kollegen, die Englisch können, als ›Hype‹ bezeichnen, heute
der Bedenklichkeit dessen frönt, dem schwant, dass das Neue nicht
so neu und das Alte nicht so alt sei, weil Lebensgefühl und
Bedürfnislage es ihm so eingeben. Dieser war zu sehr Bewunderer der
Größe, als dass er dort hintanstehen wollte, wo sie gekürt wurde,
er stand zu sehr im Schatten der Kür, als dass er sich ein Urteil
angemaßt hätte, das nicht bereits im voraus vollstreckt war. Er,
der wahre Niemand, war groß, denn er war der Schatten, den das
Gängige warf, er vergrößerte ihn nach Kräften und sorgte mit dafür,
dass er überlebensgroß wirkte, bevor er verschwand. Einer, der
lähmte, wo Beweglichkeit alles bedeutet, ein Hasardeur der
Normalität.
GROSSENKNETEN

Die Kleinen zwicken und die Großen kneten: das hat, neben der fiskalischen Wirkung, auch eine strategische Bedeutung. Man begegnet der Überwachheit der Großen dadurch, dass man sie einzulullen versucht, und will die Kleinen in irgendeine Form von Wachheit hineintreiben, in der sie die Scheu vor dem Handeln ablegen, um eine vermutete Ruhe wieder zu erlangen, mit der es dann ein für allemal vorbei ist. Dabei passieren mancherlei Unfälle, im Großen wie im Kleinen, und auch das Verhältnis von groß zu klein kann sich abrupt in sein Gegenteil verkehren, doch beginnt hier leicht die Sozialschwärmerei, von der sich ein Erwachsener fernhält. Die beste Art zu kneten behalten sich Staaten vor, sobald sie sich in der strategischen Vorhand wähnen. Zum Beispiel führen sie Kriege, von denen sie hoffen, dass die ganz Großen sie aus der Portokasse bezahlen, falls nur genügend dabei abfällt. Eine trügerische Hoffnung, die sich hoch in der Luft leicht ins Gegenteil verkehrt. Der Strahl, auf dem eine großmütige Nation zum Sieg reitet, ist dünn und er kann jederzeit abreißen, wenn gewisse Rechnungen nicht aufgehen oder das Publikum die Geduld verliert oder wenn Gewährsleute abhanden kommen und die Konkurrenz schneller am Ziel ist. Das wahre Großenkneten ruht daher sicher in der Provinz. Flach muss es sein, soll das Verhältnis stimmen, und wer die Einnahmen scheut, hat von den Ausgaben nichts zu gewärtigen, es sei denn die nächste Wiederwahl oder leere Kassen, zumeist beides. Nur die gezwickten Kleinen stürmen hinaus in die Metropolen, in denen jener Hunger nach Mehr herrscht, der sich an der Provinz stillt. Größe, die sich rechnet, geht in die Fläche.
GROSSKRITIKER
Als das literarische System hierzulande auf die fatale Berufsschriftstellerei umgestellt wurde, erhob der Großkritiker seine Stimme und erklärte, er betrachte es als seine Aufgabe, einen erneuten Fall Kafka zu verhindern. Er meinte damit den Skandal, dass dieser Schriftsteller zu seiner Zeit nicht öffentlich wahrgenommen worden war. Auch Skandale unterliegen der Mode: seit jener Absichtserklärung hat sich kein Kafka zu Wort gemeldet. Nein, einen zeiten Fall Kafka hat es nicht gegeben, dafür wurde die Kritik zum Fall, bevor sie verfiel.
GROSSRECHNER

»An den ersten Auftritt des Großen Rechners kann ich mich gut
erinnern. Ich ging damals noch zur Schule… Wissen Sie was? Nein,
so geht das nicht, so geht das nicht. Alle erwarteten irgendwie
Gott, vielleicht nicht ihn selbst, sondern ein Zeichen, irgendein
Zeichen, irgendeinen Gott, stattdessen bekamen sie den Großen
Rechner, eine Erscheinung wie andere, die vor ihr Besessenheit
produzierten, denn, sehen Sie, besessen sind wir von ihm, keine
Frage. Wie sich das auswirkt? Nun, er kostet uns viel, dieser große
Rechner, dieser umwerfend große Rechner. Er will gefüttert sein,
das ist wahr, und sein Datenfluss gilt als unerschöpflich, man
fragt sich, wo die vielen Eimer herkommen sollen, ihn wegzutragen.
Viele von uns besitzen so eine kleine Vertiefung und einen kleinen
Hohlraum darunter, das reduziert das Problem. Menscheneimer ... sie
schaffen vieles weg, nachdem sie es angeschafft haben. Jetzt, da
der Große Rechner unter ihnen weilt, stellen sich viele Fragen neu,
gleichsam zum ersten Mal, und die Antworten, die er gibt, sind
sensationell. Ausgesprochen sensationell. Man kann auch nicht
sagen, dass die Erwartung abstumpft, solange seine Kapazität noch
wächst. Zum Beispiel darf man sich fragen, wie wunderbar unser
Geschick es gefügt hat, dass er seit seinem Erscheinen die Welt auf
den Schultern trägt. Wie das gemeint ist? Schauen Sie hinaus:
Dieses Grünen und Blühen und Blauen, es wäre schon morgen erledigt,
wenn wir ihn nicht hätten. Er, er allein lehrt uns die Natur und
die Wege zu ihrer Erhaltung. Mit jedem Leistungszuwachs auf seiner
Seite erkennen wir genauer den Abgrund, an dem wir stehen: heute,
morgen, immerdar. Er allein lehrt uns, was zu tun ist. Opfer müssen
wir bringen, das ist wahr, aber besser heute als morgen, so kommen
wir billiger davon. Was sagten Sie? Nein, es ist nicht der Gott der
Azteken, was reden Sie, die sind erledigt, perdü, fahren Sie nach
Mexiko und studieren Sie die Reste, aber geben Sie Ruh’.«
GRUNDBELEIDIGT

»Jetzt reden sie wieder vom Geist«: das Gesicht des Philosophen,
der grimmig entschlossen scheint, sich dem Unfug zu widersetzen,
zeigt diese Spur von Geistlosigkeit, die durch Zeitgenossenschaft
in den Rang eines Sigillums erhoben wird. Er kann es nicht lassen
und er kann es nicht tun. Er ist in diese Konkurrenz hineingeraten
wie in einen Tunnel, in dem jedes neue Fünkchen, das ihm für den
Ausgang steht, sich im Näherkommen als niedergebrannte Hoffnung
erweist. Kommt er denn näher? Bewegt er sich überhaupt? Ist nicht
die Ausstrahlung seiner Entschlossenheit so stark, dass die
Ergebnisse seiner Denkreise sich im Flug entfernen? Aber das hieße
ja, dass er sich immer diesseits des Aufbruchs befände, als den
sich sein Denken darstellt. Diesseits des Aufbruchs... jenseits der
Hoffnung... beiderseits des mit der Geburt des Individuums
aufscheinenden Gedankens und jeder Wahrnehmung entrückt – selbst
das Wort ist ihm suspekt, er backt kleine Brötchen daraus, die er
verhökert, um sie nicht kauen zu müssen, geschweige denn verdauen,
was wirklich das Letzte wäre und ihn im Weingenuss aufhielte.
Lieber ein Saufgelage als eine Lage: das ist, als Parole,
russisches Roulette rückwärts und also eigentlich unvorstellbar.
Nur so lässt es sich praktizieren.
GRUNDKONSENS

Die Deutschen, die nach dem Krieg etwas geworden sind, erkennt man
daran, dass sie panisch darauf bedacht sind, nicht den Grundkonsens
zu verlassen. Nicht immer fällt es leicht, zu verstehen, was sie
damit meinen: mehr jedenfalls als die Tuchfühlung von Jahrgängen,
die durch eine Phase der Desorientierung hindurchmussten, eher den
geschmeidigen Schulterschluss von Leuten, die auch dabei nicht
ertappt werden möchten. Überhaupt spielt das Ertapptwerden in ihrem
mentalen Haushalt eine bedeutende Rolle. Die ’68er haben das
verstanden und kräftig ausgebeutet. Nach ihnen kamen die Medien,
die viel vom Stil jener Jahre lernten. Sie sorgten dafür, dass der
Grundkonsens überlebte. So sind die Deutschen, bei aller
›Auseinandersetzung‹, geblieben, was man ihnen einst vorwarf: das
akklamierende Volk. Wer die rote Linie überschreitet, wird nicht
ausgegrenzt, nein – er wird geächtet. Mancher richtet sich in
seinem Renegatentum ein, als gehe es in diesem Leben darum, Unrecht
zu behalten – als eine Art Ur-Recht dessen, der sich mit der
Duckmäuserei nicht abfinden will und deshalb den ersten Stein
wirft. Die Gesellschaft hält solche Leute auf Vorrat. Man nennt
sie, mit einem griechischen Ausdruck, ›Pharmakoi‹.
HABERMAS-ZONE
Wüste mit Wasserträgern.
HÄUSERKAMPF

Die sogenannte
68er-Generation erlebt ihr Stalingrad mit 65. Ihr unaufhaltsam
scheinender Vormarsch aufs Altenteil kommt gerade hier zum
Erliegen, die Bewegung kehrt zu ihren Anfängen zurück, zum
Häuserkampf, Mann gegen Mann, Frau gegen Mann, Frau gegen Frau, und
die Zange schließt sich. Die hochfahrenden Pläne, kollektiv in die
Altenheime einzurücken und dort für das richtige Bewusstsein zu
sorgen, unter Zitterern, Nörglern und Alterspedanten die nötigen
Lernprozesse in Gang zu setzen, liegen nun auf Eis und es besteht
wenig Gefahr, dass sie noch einmal aufgelegt werden. So kämpft
jeder um das, was ihm zunächst liegt, mit einer Verbissenheit,
welche die gähnende Welt in Verwunderung versetzt, mit einem
Hochmut, der noch immer erstaunt, mit einer Selbstgerechtigkeit,
die unter den Gerechten Unruhe auszulösen vermöchte, wenn sie sie
zu bemerken geruhten. Sie sind in den Kessel geraten wie die, gegen
die sie antraten: unvermutet, beinahe hinterrücks, mit Reserven,
die sie jetzt nutzlos verpulvern. Dass die Frontlinie von Tag zu
Tag wechselt, dass sie nur Eingeweihten vertraut ist und auch denen
nur abschnittweise, dass es um nichts mehr geht als ein unmögliches
Durchkommen, versteht sich von selbst. So kommen sie endlich
heraus, im Blitzlichtgewitter, einzeln, die Hände mit Blumen
bekränzt, und betreten das Land der Zukunft, das heiß erträumte.
HAMMERWAHN
Berufsbedingtes Abgleiten von Männern in den Hammerwahn erweist
sich allzuoft als ein Ausbruch degenerierter Stärke barbarischen
Ursprungs. Aber nicht nur das Wüten an Mauern, an eisernen
Gegenständen und manchmal sogar an Bäumen zeigt Züge dieses
elementar ausbrechenden Wahnsinns, sondern der als siegreich
empfundene Begriff zierte bereits vor dem ersten Weltkrieg
Landschaften und Industriegebiete, wie den bekannten Vorort in
Kiel. Allerdings gibt es auch alte götzendienerische Ursachen, wie
die Triebfeiern von Hammerfest, die der Wölobrunst zur
altgermanischen Erniedrigung von Spitzbergen gegolten haben.
Einmal im Jahr, wenn die Sonne drei Meter über dem Gipfel stand,
schlug Thor, umgeben von Wolkenschauern, seinen Hammer in den
Felsen und erniedrigte so für Sekunden den unsterblichen Zahn des
Malcentopfs, mit dessen Splittern die Berserker und selbst Karl der
Große ihren forensischen Met zur Gärung brachten.
Manche der Psychologen, die um die Jahrhundertwende bis in die
zwanziger Jahre eine national-alchimistische Richtung in Wien
vertraten, erwarben durch den Hausmeister der norwegischen
Botschaft, Wilbeke Stördesohn, die zweifellos echten, sehr weichen
und blauen Brocken der Felsenspitze, um daraus eine psychologische
Tinte zu pressen, die sie auch Sprachtinte nannten. Síe benutzten
síe für verschiedene, angeblich nordische Rezepturen, gegen eine
Sonderform der eingebildeten Schizophrenie, von der sie glaubten,
sie sei ebenfalls germanischen Ursprungs. Durch subtile
Aufzeichnungen der Patienten mit dieser Tinte, vornehmlich das
innere Hammerwerfen betreffend, sollte die Krankheit als Traum den
Hammer verschlingen.
Man glaubte, die vermeintlich unechte
Schizophrenia germanica als rein
männliche Segensverwirrung eines neuen künftigen Berserkertums von
der echten unheilbaren, für weiblich gehaltenen
Schizophrenia feminina trennen zu
können.
Erst als eine bekannte Dame der Wiener Gesellschaft mit einem
Hammer erschien und ihn als corpus delicti ihres eigenen
Berserkertums gegen die Statue des Gründers der Nationalpsychologen
schleuderte und dessen Stirne zertrümmerte, wurde eine breitere
Öffentlichkeit auf die Hammerwahnpsychologen aufmerksam. Der gegen
die Dame wegen Sachbeschädigung angestrengte Prozess endete mit
einem Freispruch, weil der Wurf über eine Distanz von zwanzig
Schritten als gültiger Beweis für das Berserkertum der Dame von den
Psychologen akzeptiert worden war. Mit diesem Eingeständnis löste
sich die Gesellschaft auf. - PM
HANDUMDREHEN

Die richtigen Leute erkennt man daran, dass sie die richtigen
Debatten an den richtigen Örtern führen. Im übrigen sind sie zu
sehr mit ihrer Urlaubsplanung beschäftigt, als dass sie sich ihre
Gedanken ausspannen ließen. Denn Gedanken haben sie, ohne Zweifel.
Sie produzieren sie immerfort; man ist erstaunt, wenn man einmal
einen von ihnen ohne Gedanken antrifft. »Wie«, spricht man, »Sie
gedankenlos? Hat man Sie bestohlen? Oder haben Sie sie verloren?
Vielleicht irgendwo vergessen? Das tut mir leid, Sie sollten
unbedingt zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Glauben Sie, Ihr
Fall ist weniger aussichtslos, als Sie denken. Schon mancher hat
sein Denken an der falschen Stelle eingestellt und die Polizei hat
es ihm prompt hinterhergetragen.« Schon sehen Sie diese jähe Blässe
in sein Gesicht steigen und Sie wissen, er beginnt wieder zu
denken. »Nein, es ist nicht, wie Sie meinen«, beruhigen Sie ihn,
»es ist nicht die Gedankenpolizei, bei der die Anzeigen eingehen.
Im Grunde bedarf es in Ihrem Fall gar keiner Anzeige, Sie haben ja
gegen keinen Paragraphen verstoßen und niemand könnte Sie zwingen,
gegen sich selbst Anzeige zu erstatten. Was haben Sie denn? Warum
so blass? Habe ich etwas gegen Ihre
Karriere gesagt? Das habe ich nicht
gewollt, ich kenne sie ja gar nicht. Sie muss eine junge Karriere
sein, ich nehme an, Sie sind noch nicht lang zusammen. Sie fürchten
täglich, es könne ihr etwas zustoßen, so feindselig ist die Welt.
Wer versteht das nicht? So kommt es, wenn der alternde Mensch sich
etwas Junges ins Haus holt – er könnte vor Zartgefühl ausfällig
werden. Aber Sie sind ja nicht alt, Sie altern ja nicht einmal, Sie
sind ewig jung und meistern die Schwierigkeiten im Handumdrehen.
Glauben Sie mir, Ihre Karriere, die wird bald alt aussehen, wenn
Sie sich solche Sorgen machen.«
HARMLOSIGKEIT

Wer von einer Harmlosigkeit zur nächsten fortschreitet, sollte
wissen, wohin das führt: kein Harm ist zu gering, um nicht in
ungeheure Dimensionen zu wachsen, sobald er sich vom Horror vacui
affiziert fühlt. Harmlos ist nichts, gerade diese Nähe steht für
eine innere Verwandtschaft, in der die Grenze zwischen etwas und
nichts sich aufhebt wie ein Vorhang, der eine Bühne freigeben soll,
aber stattdessen einen ungehinderten Durchblick auf die
dahinterliegende Straße gewährt. Verblüfft, was? So ein
Theatergänger ist überzeugt, dass ihm etwas geschieht, das ihn
nicht betrifft, und dass, was ihn daran betrifft, nicht wirklich
geschieht. Da hätte man bereits eine Definition der Harmlosigkeit,
mit allen Tücken und Widerhaken. Die Straße als Bühne hat eine
große Tradition, man verbindet Revolutionen mit ihr, zumindest den
Einsatz von Wasserwerfern, übersieht dabei aber, dass sie dem
Harmlosen jene innere Größe gibt, die es braucht, um zu wirken. Was
einmal als Masse galt, ist diese quadrierte Harmlosigkeit, die sich
verläuft, wenn ihr niemand Beachtung schenkt, aber niemals ankommt,
weil sie sich dauernd verläuft. Hin und hergeworfen zwischen den
verschiedensten Begierden, an- und loszukommen, gibt sie zu wüsten
Berechnungen Anlass, immer an der Grenze zwischen etwas und nichts,
zwischen Alltag und Umsturz, zwischen Einschnitt und Einschnitt,
ein Paradies des nachlassenden Schmerzes.
Vorwärts, seid harmlos: eine Parole
gleich der, sein Los in die Hand zu nehmen. Da ruht es, bis gleich.
HASS-ENTEN

schießt man am besten im Frühjahr, das ist prickelnd, das macht
sich gut, das macht sich ganz ausgezeichnet, und liegen sie erst
auf dem Tisch, dann ist man der Star der Runde. Wer nicht getroffen
hat, darf beim Essen aufholen, er muss nicht lange danach fragen,
welche barbarischen Handlungen einer begehen muss, um andere satt
zu machen, er darf sich verwöhnen lassen. »Ist ja nur eine Ente«,
ruft so einer lachend, »wer fragt danach, wer sie traf.« Aber im
Stillen wurmt es ihn doch, er wäre gern Meister aller Klassen und
ist nur vom Fach. »Welches Fach«, fragt ihn die Nachbarin zwischen
zwei Häppchen, »welches Fach, ich verstehe Sie nicht?« Was gibt es
da zu verstehen? Großspurig tritt er auf, der die Ente vom
Himmel geholt hat, man könnte meinen, er habe mit einer
Boden-Luft-Rakete den großen Weltbrand geschürt, der immer weiter
schwelt und hier und da ausschlägt. Dabei will er nur, dass alle
Welt weiß, er sei der und der und habe es satt, sich kujonieren zu
lassen. Auf eine Ente mehr oder weniger kommt es ihm nicht an, er
würde sie gern am Finger tragen wie Brillanten, jeden Tag eine
andere. Eigentlich hasst er den Teich, der sie nicht loslässt, in
den sie immer wieder zurückkehren, sobald sie die Krümel
aufgefressen haben, die er ihnen hinstreut. An ihm liegt es nicht,
er würde Fünf-Gänge-Menüs auffahren, wenn es für sie einen
Unterschied machte. So ruht er nicht, bis er eine von ihnen in der
Pfanne hat. Das nennt man: sein Mütchen zwischen zwei Buchdeckeln
kühlen.
HEILIGER

Ich habe mich für das Thema des Heiligen entschieden, weil dieses
Exklusionsverhältnis exklusiver als andere ist, weil es mehr
hermacht, weil – ach gehen Sie mit Ihren Begründungen. Hier braucht
es keine, hier ergeben sich alle Dinge licht und klar, sie
entsteigen den Gräbern, die für sie geschaufelt wurden, hier
herrscht Jüngster Tag. Und hier, der Jüngste von allen: ein kleiner
Heiliger, ein Heilchen, ein Nubbelchen, fertig, was soll einer
damit anfangen? Ein Heiliger, wissen Sie, ist ein Verzückter. Aber
das ist nicht wahr, es ist die Falschheit selbst, durch alle Poren
schleicht sie sich ein. Ein Heiliger ist gebrandmarkt, bis in alle
Ewigkeit, das wird es sein. Bis in alle Ewigleit. Aus der
Heiligkeit fällt keiner heraus, es sei denn, man verweigert ihm die
Ankunft. Und auch dann... Was ist eine verweigerte Ankunft gegen
einen Absturz, den einem keiner nachmacht? Oder doch? Doch gerade?
Im verborgenen Lilienthal treibt manche Leiche die entschiedensten
Blüten, nachgemacht alle, im Fluge gewonnen, im Zerstieben
gesammelt, wenn das kein Fest ist. Am Fest scheitern die grausamen
Sachwalter des Fortschritts, sie werden zu Hilfsgöttern, die keiner
kennt, und wenn schon, dann flüchtig... vorbei. »Das war doch –«
»Ja wer schon. Komm weiter, verlier keine Zeit.« In die Heiligkeit
gerät man hinein durch Blamage – na und? Bleibt sie aus, wenn man
ihr entsagt? Und macht sie sich nicht durch Entsagung? Wer der
Heiligkeit entsagt, wer es nötig hat, ihr zu entsagen, am besten
feierlich, wer sie am Ende bekämpft, das ist ein schöner Heiliger,
mit ihm können wir ohne weiteres leben.
HEILIGFELD
Das Heiligfeld beginnt bei den Kopten im Tiglä lumi ›drei
Haselnussstecken entfernt von den Friedhöfen und über zweihundert
Ruten der gleichen Pflanze entfernt von den Tieren im Stall oder
auf dem Felde‹. Die sogenannten Arbeitsplätze der Seelen sind ihrer
hohen Antinatur entsprechend gottgesichert und luftreich oder
luftrein im Sinne der Überwelt. Regimenter dieser Region, oft auch
tiefere Wesenheiten des Lichtes in Gestalt von Punkten, stehen der
Weihe der Priester offen und fliegen vor ihnen her als Kieselsteine
des Himmels und ›geworfene‹ Vogelbrote, (bei Heidegger »in den
Glauben geworfene Sacrophanien oder Brote als Speise der
Mönche«.)
Viele koptische Schriften und Bilderrrollen, ebenfalls mit
Haselnussruten vermessen, mindestens aber von ihnen berührt, sind
den Regimentern der Punkte gewidmet, die man den Speisen durch
Segnungen zusetzt. Humboldt fand viele von ihnen »in Gold gefasst«,
also doch wohl als Ringe, da die Punkte materiell unsichtbar sind,
bei den Jabboniten der sogenannten Schablonenfelder am Unterlauf
des Rio Negro, viele tausend Haselnussstecken von Äthiopien
entfernt. Das Feld dieser Zustände ist eben viel größer als die
Erde, es beginnt am Wadi halrham nilabwärts und breitet sich danach
fächerförmig über Ägypten nach allen Himmelsrichtungen aus. Zenotus
schildert diese Bahnen als unbezwingbare Bretter aus Licht, von
Sonnenvögeln bewacht, die Steine trinken. Was immer dieses Trinken
bedeuten mag, es verbindet den Gedanken an die Vorzeit der Steine
als sonnenfarbene Kleckse mit ihrem wann auch immer bevorstehenden
Untergang als faule Früchte einer zum Schluss missratenen Ernte der
Erde. »In Gärung versetzt stirbt alles, was der irdischen
Festigkeit einmal entsprochen hat, ob Eisen, Granit oder Gold.
Alles wird früher oder später faul oder flüssig«, schreibt der
Atomverdichter und Stratosphärenvater Globalbus von Silenunt.
»Selbst die schon stinkenden Brillanten«, fügt er vorsorglich noch
hinzu.
Wir besitzen keinen Beweis für die ewige Ruhe oder den ewigen
Zerfall der wahrhaft wilden Materie, wenn der Mensch als Sauerteig
der Erde, der ja alles in Gärung versetzt, die Haselnussmeile
endgültig überschritten hat. Wäre das zu bedauern? - PM
HELDENEHRE
Die wahren Helden, wir wissen es, werden in der Gosse geboren und sterben in ihr. Aber worin besteht ihre Ehre? Nun, wir wissen es: ihre Ehre besteht darin, vors Totengericht gezerrt und immerdar zitiert zu werden. Immerdar? Was ist das für ein Wort? Für den Immerdarbenden ist es die warme Dusche, die den Frühling anzeigt, wenn ringsum Eiszeit herrscht. Zeitgenossenschaft ist Hunger nach einem Wort. Man hat diesen Hunger als Hölle beschrieben, nur Dummköpfe erblicken darin einen Anlass zu schwelgen. Dem Helden der
Stahlgewitter genügte am Ende ein Kanzlerbesuch auf dem grünen Rasen. Und er tat klug daran: das Unglück sprang auf den Kanzler über. Diese Stahlgewitter stehen über dem Scheitel des Schreibenden und er kann von Glück reden, wenn sie von außen über ihn kamen und nicht aus seinem Inneren heraufzogen. Wie dem auch sei, zwischen Blitz und Donner lebt es sich anders als im Bräunungsinstitut. Unter Tiefgebräunten erinnert der Gehäutete ein wenig ans Jenseits, auf alle Fälle ans Jenseits der Genüsse: so schicken sie ihn voraus, weil sie nicht wagen, ihn anzufassen. Sicher zu Recht, urteilt man unter Gesichtspunkten der Schmerzvermeidung, doch ebenso sicher zu Unrecht, weil der Schmerz universal und unstillbar ist. Am besten lässt man ihn schuld sein: am Weltlauf, am eigenen Unglück, an allem, was stört. Alles, was recht ist: so geht es nicht und eben deshalb geht es genau so.
HERAUSFORDERUNG
Jede Herausforderung gilt einer Macht, jeder Abfall ist ein Abfall
von einer Macht. Wer sich in diesem Punkt täuscht, bleibt ein auf
ewig Getäuschter, ein in eine lose Ewigkeit Hineingetäuschter,
dessen erstaunter Blick sich dem Umstand verdankt, dass die Tür,
die gerade hinter ihm zuschlug, verschlossen bleibt und alles
Rütteln der Klinke vergebens – der Zug rollt, er entfernt sich
langsam, langsam, nimmt Fahrt auf, bald ist er weit. Ich fand
dieses Bild, nicht unweit dem Bahnhof, vom Regen gewellt auf dem
Pflaster, ein Schuh war darüber weggegangen und hatte das Gesicht
des Erstaunten um eine blinde Fläche bereichert, die gut zu ihm
passte und ihm etwas Bestimmtes gab, das er im Leben vielleicht
nicht hat.
HERMENEUTIK
Eine im Modus des Als-ob betriebene Wissenschaft ist keine. Auch
das methodische Nicht-wissen-Können setzt voraus, dass jemand nicht
in Beispielsätzen redet, sondern zur Sache. Anders als das
gediegene Urteil lässt sich Schlitzohrigkeit nicht stornieren. Sie
ist schon immer zur Stelle, eine gewiefte Hermeneutin, die
erreicht, was sie sich vorgenommen hat. Das ist ganz normal. Jede
Auslegungskunst, die ihren Namen verdient, weiß um soviel Gründe
des Nichtverstehens, dass sie in der Praxis einer Anleitung zum
Nichtverstehen gleichkommt. Seltsamerweise entwickeln nicht wenige
Menschen an dieser Stelle ein ›neues Verständnis‹. Was es damit auf
sich hat, ist nicht leicht zu ergründen. Das angelernte Bewusstsein
lebt in gekachelten Räumen, es führt sich ausschließlich
Lebensmittel zu, die ein amtliches Gütesiegel tragen, darüber
hinaus einen Vermerk der Organisation, der es angehört. Es lebt,
denkt, redet bewusst, das heißt unter Weglassung dessen, was
hier nicht zur Sache
gehört. Dieses Hier verwandelt die Sache ins Gehörige: Auslegware,
die man überall da zu Gesicht bekommt, wo man Auslagen vermutet
oder argwöhnt, verargt oder bestreitet. Ohne Zweifel ist das
Bestreiten von Auslagen eine primäre Kulturtätigkeit, sicher nicht
ohne Reiz, vor allem für Neulinge. Später stumpft sich die
Angelegenheit ab, sie bekommt einen Zug ins Läppische, sobald erst
die Schäfchen im Trockenen sind und die sensible Haut vom Balsam
der Jahre völlig versiegelt erscheint. Der Blick streicht über das
Ausgelegte und findet die Auslegung nutzlos. Was soll das Zeug?
Habt ihr nichts Besseres? Ein Regenguss und es läuft ein.
Erbärmliches Zeug, Standardware! Der Ausleger lächelt still, er
kennt seine Kundschaft und weiß auch ihre nutzlosen Launen zu
schätzen.
HEROS
»Zwischen uns allen waltet der Heros, unwandelbar er selber, wir
aber im Verfall.« Diese Zeilen stehen am Anfang des Vorgesprächs
eines Zuckerbäckers mit seiner Muse. Sie antwortet ihm spöttisch:
»Ist der Heros in deinem Kuchen, so waltet er auch im Zucker. Ist
er in deinem Zucker, so waltet er auch im Mehl. Was geschieht aber
dann, wenn du den Kuchen in den Ofen geschoben hast? Gilt das nun
dem überall waltenden Heros oder alleine dem Kuchen?«
Der Zuckerbäcker als Doppelbild von Apollo und einer lebendigen
Aufführung des Lucullus galt als komödiantischer Zeuge alberner
Götter an den Hauswänden in Stabiae und später selbst noch in
Neapel. Es sind ›Stabiaducci‹ oder Spottverse, nach Tacitus: »res
divinas in ludibria vertere.« Sie findet Caspar von Weyenrauch, dem
wir die frühe Sammlung
Hauswandverse der Alten lange vor
Georg Büchmann verdanken, überall an den Wänden lateinischer
Popularien oder Altbauwohnungen der Antike. Ebenso den Lockruf der
Bäcker, wie ihn die Reisenden noch heutzutage in Neapel hören
können : »Lucullus, Lucullus, dolce dolce«, wie die Warnung vor den
bisswütigen Knaben, die heimlich ins Brot beißen, wenn der Bäcker
mit einem Kunden verhandelt.
Dennoch, der wahre Heros nimmt dergleichen nicht übel, selbst wenn
er mit all seinen Kräften soeben im Brote weilte.
Er, der im Wesen der Dinge waltet, kennt die Natur des Spottes über
die Götter als den einfachsten Bruch der Metaphysik, wie sie den
Ungebildeten eigen ist, weshalb sie ja oft die lateinische Sprache
weniger sprechen als dreist immitieren, ohne auch nur den Sinn
davon zu verstehen. »Sie bellen antik«, sagten früher die
verständigen Leute, und der Heros lächelt dazu, weil er weiß, daß
auch nicht alle Heroen und Heroinen dieser Sprache mächtig sind.
Die Heroen sind überall und müssen vieles erdulden, auch im Wesen
der Analphabeten oder in Büchern gepresst. Ja, selbst die törichten
Strandbewohner des Nordens salzen die Heringe, ohne zu wissen wes
Geistes Kinder sie sind. Zwischen uns allen waltet der Heros,
seufzen die Fische, wenn auch vergebens. - PM
HERRSCHAFT
Wir sind die Herren der Erde... aber im Geheimen. Ganz innen, dort,
wo alles so verborgen ist, dass es sich vor sich selbst verbirgt
und selbst das Verborgensein sich nur als Schatten seiner selbst
durchsichtig wird, weiß sie, dass sie uns untertan und unsere
Herrschaft ungebrochen ist. Sie weiß, dass alles seinen Gang gehen
darf, weil uns nicht daran liegt, sie aus dem Rhythmus zu bringen,
wir im Gegenteil darauf drängen, dass sie sich gibt, wie sie ist.
Das irritiert sie, denn sie hegt den Verdacht, wir wollten sie
dadurch festlegen, und das missfällt ihr. Sie würde sich gern
verändern, aber wir lassen es nicht zu und sagen, die Planungen
stammten von uns und wir hätten beschlossen, sie nicht auszuführen.
Doch es gibt keine Planungen, nur dieses Verlangen nach
Veränderung, es nimmt zu mit den Jahren. Wir spüren ihr Unbehagen,
wir können ihr nichts abschlagen und setzen auf alte Verträge.
HERUNTERREDEN

Man kann etwas herunterreden, das ist wahr, man kann es auch
hinaufreden, das ist ebenfalls wahr, man kann etwas dadurch
hinaufreden wollen, dass man es herunterredet, das kommt öfter vor
als man denkt, es ist, in gewisser Weise, das Gegebene. In ihm
äußert sich das Quentchen Beleidigtsein, das allem Kontakt mit der
Wirklichkeit innewohnt. Man ist enttäuscht von ihr, man ist
enttäuscht von der Rolle, die man in ihr spielt, man ist enttäuscht
von dem, was sie einem anbietet. Man hätte sie gern behalten und
man hätte sie gerne anders. Ganz anders das Herunterquatschen, das
jeden, auch den entferntesten Ballon aufs Pflaster bannt, um ihn zu
besteigen oder zu zerstechen, was in dem Albtraum, den man das
Leben nennt, häufiger zusammengeht als man denkt. Aber in der
Praxis lässt sich beides, das Herunterreden und das
Herunterquatschen, kaum auseinanderhalten. Dafür gibt es einen
pragmatischen Begriff: Kritik. Deshalb ist die Kritik der Hort der
Heuchelei. Man trifft in ihr immerfort mit Leuten zusammen, die
einem unerträglich sind, man trifft sich in einer kalten
Gemeinsamkeit, um der Sache willen, weil man das Unerträgliche
erträglich gestalten möchte, weil man das Forum will. Ganz gleich,
mit wem man dort Arm in Arm erscheint – man stellt das, was man
ohnehin getan hätte, als Aufgabe hin, die man erfüllt. Eine Art
Erfüllung ist das allemal.
HEXENVERBRENNUNGEN
Die großen Unfälle der Geschichte sind die, in denen das Geschehene aus ihr heraustritt und als Grauen pur überlebt. Niemand versteht, wie so etwas geschehen konnte und niemand will es verstehen. Nicht, weil die Erklärungen nichts taugten, sondern weil sie empörend sind:
deswegen sollte
das geschehen sein? Ein ungeheurer Hohn liegt in den Erklärungen und zwingt die Menschen, sie abzulehnen und anzunehmen, am besten in einem Atemzug, damit sie es hinter sich haben. Im Fall der Hexenverfolgungen wirken sie überdies lächerlich. Das Missverhältnis zu dem, was erklärt werden soll, wird nicht durch das Grauen diktiert, sondern durch den Eindruck von Beliebigkeit – solche Gründe finden sich immer, unter allen Verhältnissen, zu jeder Zeit. Andererseits gewinnen sie daraus ihre Stärke: Was jederzeit passieren kann, ist es nicht bereits subkutan unterwegs? Hat nicht jeder die Pflicht, ihm zu wehren – jetzt, unter allen Verhältnissen, zu jeder Zeit? So sammeln sich Hexensekten um ein lange erloschenes Feuer, darauf vertrauend, dass es sie wärmt. Das wahnhafte Begehren, immer neue Leben nachzuschütten, wo einmal die Hölle gebrannt hat, scheint unausrottbar wie die Hölle selbst.
HIMMEL AUF ERDEN
»
Der Himmel hört nirgendwo
auf, ein Satz, der mich schon als Kind zutiefst beeindruckt
hat«, sagte Frau Igel zum Hasen, als sie nach dem zehnten Rennen,
bei dem sie gewohnheitsmäßig in ihrer Laufrinne stehengeblieben
war, sich lediglich umgedreht hatte, den Hasen ausgeruht und
inzwischen ein wenig gelangweilt in Empfang genommen und sich an
seinem Einsatz – wie soll man sagen – erfreut hatte,
vielleicht, wenn man es positiv sehen
will. Um welchen der vielen angebotenen Himmel es sich dabei
handelte, ist schwer auszumachen. Immerhin gibt es Modelle, die so
täuschend echt sind, dass sie sich von dem in Aussicht gestellten
Original kaum unterscheiden lassen. Das ist auch nicht vonnöten,
denn die Sorte Himmel, die eine Frau wie die Igelin einem Hasen zu
bieten hat, ist selbst für Fakire allerhöchstens als Notopfer zu
bewerten. 10 Cent pro Stück, der Rest ist Eigenanteil. Hasen haben
lange Ohren, die, würden sie in den Himmel reichen, so allerlei
läuten hören könnten. - AC
HIMMELSTHEATER
In den Kuppelfresken barocker Kirchen wird, je nach der Verehrung
eines Heiligen oder kühner christlicher Symbole, die emporstrebende
Kraft der frommen Figuren in Flammenwolken erkennbar. Sie streben
von unten nach oben, den jubelnden Frohlockungen des Himmels
entgegen. Allerdings wohl nicht, ohne des Jüngsten Gerichts zu
gedenken.
Andererseits hat im Dienste der schönen Künste niemals ein Sturm
des begierigen Himmels auf die Zauberwelt einer Kirche
stattgefunden und hätte dort mit glühenden Pinselblitzen erst den
Boden gesprengt, dann die Stützsäulen der Katakomben durchbrochen
und wäre gleich dem Sturz eines Sonnenkörpers von dankbar jubelnden
Künstlern gemalt worden. Aber die wahre Ursache der fehlenden Kunst
solcher Antikuppeln besteht wohl darin, dass sich früher aus
Gottesfurcht niemand ein solches Himmelstheater zu malen getraut
hätte und heute, wo diese Ängste geschwunden sind, nicht einmal ein
Surrealist aus Gleichgültigkeit sich gefunden hat, diese Antikuppel
zu malen. Gott würde dort um seine dramatischen Drohgebärden
gebracht, denen selbst Christus, der gekreuzigte Menschensohn und
Widersprecher Gottes, in der Sixtina mit gewaltiger Geste verfallen
ist, wenn er die geistig doch so überaus unschuldigen Touristen
bedroht. An ein Heraufwinken oder glückliches Niedersinken zu ihnen
herab ist gar nicht zu denken.
Man stelle sich im Boden einer surrealen Kirche, die heute zu bauen
nicht nur denkbar, sondern höchst wünschenswert wäre, ein derartig
prachtvoll gemaltes Antigewölbe vor, aus welchem Heilige uns
dankbar und sehnsüchtig zuwinken, Christus in leuchtender Tiefe den
dort wohl noch hausenden Teufel in einem liebreichen Morgenmahl
freundlich begrüßt und, alle dämonische Höllen
angst in Sonne und Heiterkeit aufgelöst,
die Betrachter bittet, den Tod doch nicht allzusehr zu fürchten.
Ein schönes vergoldetes Gitter umgäbe, zum Schutz vor fröhlichem
Selbstmord, diesen prachtvollen Abgrund des Glücks.
Stattdessen aber wissen wir seit der Antike vom Homerischen
Gelächter der Götter. Da lachen sie über uns in Erkenntnis all der
verfehlten Hoffnungen, der gescheiterten Pläne samt ihrer
zweifellos wahnwitzigen Konstruktionen. Aber ist denn am Ende eine
solche Verhöhnung durch göttliche Übeltäter dem Jüngsten Gericht
wirklich vorzuziehen? Der, welcher brennen muss, will sich lieber
auslachen lassen, das ist wahr, aber Erlösung ist immerhin denkbar.
Doch dieses Gelächter selbst...?
Homomaris aus Lichtel will wissen, dass nach
Erkenntnis bedeutender Inder, angesichts der
Unendlichkeit gescheiterter Hoffnungen, auch das Gelächter
unendlich sein müsse. Was aber sei schlimmer, immer lachen zu
müssen oder immer lächerlich zu sein? Waren die Hofnarren nicht
schon immer sehr kluge Beispiele? - PM
HINTERGEDANKEN

Wir alle sind Menschen und haben unsere Hintergedanken. Manche davon sind fremd, befremdlich sogar und wir weigern uns, sie als die unseren anzuerkennen. Es kümmert sie nicht, sie umkreisen ihr Opfer und – ungesehen sitzen sie fest. Und, ehrlich gesagt, sie sind die treuesten: während alle anderen uns verlassen, so wie der Tag uns verlässt, um dem nächsten Platz zu machen, bleiben sie beharrlich, auch wenn der ihnen begegnende Blick schmerzlich zusammenzuckt. Sie sind es, die uns kontrollieren. Woher sie kommen? Sie sind da. Wenn sie nicht da sind, folgen wir ihnen am genauesten. Sie kennen ihren Pappenheimer und wissen, wann er leidlich funktioniert. Im größten Schmerz, in der größten Trauer melden sie sich am zuverlässigsten: Gefahr im Verzug! Es sind die Hintergedanken, die dafür sorgen, dass Menschen Menschen bleiben und keine Macht-Technologie der Welt sie in gelehrige Abziehbilder einer Idee, einer Konvention, eines Projekts verwandelt. Auch deshalb setzt das ›Projekt Moderne‹, dieses noch lange nicht abgesetzte Phantasma des zwanzigsten Jahrhunderts, der Heuchelei die Krone auf. Es sind die Hintergedanken, die dafür sorgen, dass jede Art von Sklaverei irgendwann ein Ende findet und nichts von alledem geschieht, wofür der ›befreite Mensch‹ einst stehen sollte.
HITZE

Täglich das Volk ein wenig beschummeln, das Gift der guten Sache
unauffällig unter die Leute bringen, ein Wort wie ›Wärme‹ mit ein
wenig mehr Nachdruck versehen, als es der Satzsinn erforderlich
machte, eine Hitze irgendwo auf dem Globus immer ›zu groß‹ oder
›ungewöhnlich‹ ausfallen lassen, jeden Wirbelsturm drohend
hervorheben – was soll denn daran falsch sein? Wer Hunger hat,
sieht den Bäckerladen von weitem, er kommt ihm größer vor als die
umgebenden Häuser, bunter, bedeutsamer, das ist ganz natürlich. Es
ist ganz natürlich, dass man langsam den Verstand verliert, wenn
man immer auf einen Punkt starrt, es ist ganz natürlich, dass man
drangsaliert, was man bestimmen möchte, es ist natürlich, dass man
die Abzweigung übersieht, wenn man die Augen starr auf den Horizont
richtet, es ist natürlich, dass man sich zum Richter über gut und
böse aufschwingt, es ist natürlich, dass man weiß – lauter
Natürlichkeiten, die man natürlich bezweifeln könnte, wenn man
anders drauf wäre, wenn man nichts zu verlieren hätte, wenn nicht
satte Gewinne warteten, wenn nicht der Kampf längst entbrannt wäre
um – nennen wir es Ressourcen, nennen wir es Vorteil, nennen wir es
Macht, nennen wir es, wie wir wollen, solange wir nur ein Quentchen
Ehrlichkeit unser eigen nennen.
HÖLLENTOR

Hier, eine Geschichte: soll ich sie erzählen? – Bloß nicht! – Ein Richter, jung, ehrgeizig... – So beginnen viele Geschichten, ich glaube nicht, dass diese sich lohnt. Aber was lohnt sich schon. Also dieser hier... Was soll das jetzt? – Dieser Richter also, ganz Richter in seiner Zeit, vielleicht in einer neuen Beziehung stehend und an ihr arbeitend, wie man an ihnen zu arbeiten hat, denn eine Beziehung ist ein Werkstück und mancher kommt über sein Gesellenstück nicht hinaus, vielleicht gerade verlassen und voller Schuldgefühl, vielleicht einfach ein bisschen dämlich und denkfaul, vielleicht auch wahrnehmungsfaul, sowas soll vorkommen... – Und wo bleibt die Geschichte? – Aber das war die Geschichte, jedenfalls weitgehend. Vielleicht doch nicht ganz, das mag sein. So ein Richter entscheidet nichts, was nicht bereits entschieden ist, er weiß, was geht und was nicht geht, er will schön sein, unbedingt schön sein, und darin liegt schon das Strafmaß, vor allem in Zivilprozessen, in denen es um anderer Leute Nachkommenschaft geht – um ihr Wohl, wie es so schön heißt, in Wahrheit um die Hölle für Jedermann.
HOFFNUNGSSCHIMMER
Eine Gesellschaft ist denkbar und sie wird kommen, in der unser Aderlass an Verkehrstoten und ‑krüppeln, an notwürftig wieder Zusammengeflickten und dauerhaft Geschädigten abscheulich und zutiefst unverständlich erscheint, ein scheußliches Ritual im Dienst eines bespiellosen Aberglaubens. Dieselbe Gesellschaft wird vollkommen gefühllos ihre eigenen Menschenopfer zelebrieren, sie wird ihre Angehörigen die fürchterlichsten Tode sterben lassen und nicht verstehen können, was daran falsch sein soll. Eine solche Aussage erscheint schlimm, sie ist jedoch nur analytisch. Wer weiß, was Gesellschaft bedeutet, weiß auch, dass es kein Entrinnen aus dieser Mechanik gibt. Aber es besteht Hoffnung. Die Gesellschaft fordert den Tod und sie gibt dafür Hoffnung –
dafür, aus keinem anderen Grund. Deshalb ist Hoffnung immer ein Hoffen, es möge anders sein, auch sie, die Hoffnung, die fleißig dazu nickt.
HOMOMARIS

Homomaris betritt die Bühne der Welt im Dunkeln. Wenn das Licht
angeht, sehen wir ihn damit beschäftigt, gewaltige Felsstücke in
Traufen und Trümmer in Türpfosten zu verwandeln. Aus dieser Zeit
stammt seine Vorliebe für das Haltbare. Kein Einsturz hat je seine
Bilder bedroht, eher schon die erbarmungslos vorrückende Zeit der
Enthaltung. »Gewaltig«, sagt Homomaris und räumt den Schutt
beiseite. Dieses Wort, wie es aus seinem Mund kommt, hat mich öfter
beschäftigt. Es steckt eine Anerkennung darin, die ohne Achtung
auskommt, aber der Verwechslung dessen, was für einen Menschen
erreichbar und was für ihn unerreichbar ist, keinen Raum gibt.
›Gewaltig‹ ist, was unerreichbar bleibt, obwohl es sich unter
unseren Augen vollzieht oder sich ihnen darbietet. Aber so gesagt,
unterstellt es eine Naivität, die dem Denker ganz fremd ist. Es
steckt ein ironischer Bezug darin, den man nicht übersehen darf,
ein Wissen, dass diese Taxierungen ›kulturell verankert‹ sind, nur
dass jemand vergessen hat, das Ankerseil zu befestigen, so dass
ihres Treibens kein Ende wird.
Homomaris sieht die Welt in Bildern. Das meint nicht, dass er die
Augen offen hat wie andere Leute oder sie aufhält wie ein bezahlter
Detektiv, es meint, dass er sie halb geschlossen hält und den
Bildern Raum gibt. Den Bildern Raum geben inmitten der Bilderflut
ist keine leichte Sache. Es sind nicht die inneren Bilder, die aus
dem Dunkel hervorkriechen, Wegelagerer, die in psychotischen Tiefen
auf ihre Chance lauern und einen hinterrücks überfallen, es sind
nicht die eingebrannten Abbilder einer verwerflichen Realität.
»Nein«, sagt Homomaris, »das wäre ja Zuckerwerk für Debile. Wer
den
Geist ausschließt, den schließen die
Geister ein. Ich sehe sie, jedenfalls manchmal, warum, weiß ich
nicht. Ich denke, man muss sie bannen.« Er sagt das einfach, ohne
die Stimme zu heben, es ist sein ›Geschäft‹. Wäre es nicht das
seine, so wäre es das eines anderen. Aber zu sehen, was andere
unwissentlich glauben, ist keine kleine Sache.
HÜHNERGARTEN
Einer Generation, die für sich beansprucht, das Geschlecht neu
erfunden zu haben, traut man zu, auch den
Tod neu zu erfinden. Aber gefehlt: die
den Tod neu erfinden, müssen im
Leben von ihm besessen sein, sie
kommen nach denen, die das Leben für sich reklamierten. Da gerade
sie, allgemeiner Übereinkunft zufolge, nichts zu sagen haben,
bleibt er drin, der Tod, im geschlossenen Mund. So überschreibt die
Phalanx der Aktivisten am Ende auch ihn: mit Geschichten, wie sie
das Leben der Älteren hergibt. Gestorben wird immer, Krebs, Unfall,
Mord, dahinter das namenlose Entsetzliche, all das darf auf
darstellerische Begabungen hoffen. Darüber in kräftigen, der
Reklame entlehnten Lettern: DER UNSTERBLICHEN. Im Hühnergarten
herrschen die Regeln der
Gesellschaft strikt. Dafür entfällt die
Geselligkeit – wer mit wem, das macht keinen Unterschied,
allenfalls in den Umständen und im Zeitpunkt. Auch das Ausscheiden
macht keine Schwierigkeit. Das Vertrauen in die Technik ist groß,
nur an den Rändern verläuft sie ins Ungewisse.
HUMANKAPITAL

Man führt die dampfenden Rösser der Intelligenz auf Felder, auf
denen sie sich bewähren dürfen. Man traut ihnen alles zu, aber man
traut ihnen nicht über den Weg. Man überträgt ihnen Aufgaben, denn
sie sind ›unser Kapital‹. Den mediokren unter den Intelligenten ist
es recht. Sie sehen sich auf der Habenseite des Daseins, sie sehen
es als ihr gutes Recht an, abzuschöpfen, was sich ihnen
bereitwillig darbietet. Dieses bereitwillige Universum ist eine
Fälschung. Sie täuscht gerade so lange, bis sich das
Spiegellabyrinth um die Ritter des Denksports geschlossen hat. Denn
niemand ist bereit, ihnen auch nur einen Millimeter nachzugeben –
in nichts, in allem. Dort, wo der Besitz es ernst meint, gilt
Intelligenz nichts. Also schlaumeiert sie am Ende wie andere
Besitzlose auch. Das böse Wort von den ›Freigelassenen‹ trifft sie
hinterrücks: die freigelassene Intelligenz fällt die Wände an, die
man vorsichtshalber eingezogen hat, bevor man die Ehre kappte, ein
vollständigerer Mensch zu sein.
HUNGERLEIDER
Der Mensch, als Gerät der Armut, wird im Elend mit diesem Namen
bedeckt. Es gab im deutschen Handwerk, das so vieldeutig ist, eine
lange und dürre Beißzange dieses Namens. Es gibt allzu dünn
geratene Suppen, zu schmale und brüchige Bausteine, Latten und
Hölzer, ja sogar Schwerter und Degen, die ihrer Zerbrechlichkeit
wegen als Hungerleider bezeichnet wurden. Dies gilt selbst für die
schönen Altäre des Biedermeier aus Papiermaché. In Schmalkalden
gibt es ein Haus, es ist kein Gefängnis, das mit sechs Fenstern
übereinander bis heute im Voksmund ›das Hungerleidlein‹ genannt
wird.
Die traurige Bezeichnung gewöhnlicher und zerbrechlicher
Gegenstände mit diesem Namen, bis hin zu Häusern und Landschaften,
unterscheidet sich deutlich von ›Hungerkleidern‹, die von den
höheren Ständen seit der Zeit Karls V. am spanischen Hof und in
Österreich getragen wurden, wenn Gefahren im Anzug waren oder
überhaupt der gute Geschmack Bescheidenheit gebot. Ganz Wien trug
während der Belagerung durch die Türken klappernde Blechstücke an
Ärmeln und Hosenbeinen und ebenso bei der Beerdigung der Kaiserin
Theresia. In Totentänzen führten Skelette von Hungerleidern die
Päpste und Könige an, so dass Adolph von Zwirnbrück den Metzgern
den Verkauf von Suppenknochen verbot, hingegen die fetten Würste
von allen Steuern und Abgaben befreite. Er galt als Freidenker und
die Zwirnbrückner Speckseiten lange als Bargeld, jedenfalls so
lange, bis einige Bürgerinnen so umfangreich waren, dass man zwei
Seitentore der Stadt, fette Hennen genannt, erweitern musste. Erst
im Dreißigjährigen Krieg schwanden dergleichen Üppigkeitsgesetze,
die dem Ziel einer protestantischen Aufhebung des Hungerleidens per
Edikt gegolten hatten. Es ist wenig bekannt, dass die Sekte der
Sociaalmaatschapisten in den Niederlanden Bismarck bewogen haben
soll, in Preußen das Rentenrecht einzuführen. - PM
HUNGERLEIDEREI
Die Hungerleiderei nach dem Unendlichen gerät ins Abseits, sobald
das körperliche Hungern keine existentielle Erfahrung mehr
bereitstellt. Doch so wenig Sattsein bedeutet, den
Hungermechanismus überwunden zu haben, so wenig verschwindet auch
der Unendlichkeitshunger. Er maskiert sich, das ist wahr, er wirkt
spielerisch, dilatorisch, nostalgisch, er vermittelt auf jede
erdenkliche Weise den Eindruck, dass es ›heute‹ im Ernst um andere
Dinge geht, er hält sich zurück wie jemand, dessen Kräfte nicht
ausreichen, um im Vordergrund, vor großem Publikum zu agieren.
Belächelt zu werden, ist seine Weise zu überleben, und er würde in
dieser Hinsicht weniger auf sich nehmen, wenn es ihm nicht ernst
wäre, wenn er über Alternativen verfügte. Eine unsichtbare Macht
drückt ihn gegen die Wand und er hält still, solange dieser für ihn
fatale
Augenblick anhält.
Wer glaubt, ihn besiegt zu haben, täuscht sich, eine solche Macht
ist unbesiegbar.
HUNGERWAHN

Hungernde Nationen verhalten sich anders als solche, die den Hunger
nicht kennen, sie hegen andere Gedanken. Das ist die unsichtbare
Linie, die den Westen von seiner Vergangenheit trennt, wobei, wie
die Statistiken sagen, im Kernland des Reichtums bereits wieder
kräftig gehungert wird. Es gibt einen Hochmut gegenüber den eigenen
Vorfahren, der sich nur mit gutem Essen erklären lässt. Diesseits
der Grenze ist alles Spiel, Muskelspiel inbegriffen, Posthistoire,
freies Spiel der Kräfte, Auswechselbarkeit der Führungsfiguren und
das, was man im Deutschen neuerdings Governance nennt, also
Verwaltung. Jenseits – die seltsamen, schwer verdaulichen Lektionen
der Geschichte, die Harakirizone der Gebildeten. Zerstört wird die
Grenze durch Gier und das Schnöseltum von Regierenden, die just
dann anfangen, sich sicher zu fühlen, wenn sie nachdenklich werden
sollten. Die Saturiertheit tötet sich, wie ein römischer Patrizier,
selbst. Über den Hunger kehrt die Geschichte nach Europa zurück,
sie hat ein bisserl pausiert, aber es geht schon wieder.
HYPER-ALL

Wer ein Weltall kennt, kennt sie alle, wer einen Urknall zulässt, lässt viele zu – das ist schwer von der Hand zu weisen oder wäre es, wenn es nicht reines Analogiedenken bliebe. Das Zulassen ist eine Form des Ausgrenzens, weil das Gleichartige gleichgültig bleibt und vor allem: draußen. Das Universum ist schließlich das Universum. So dachte man über das Atom, solange man am Wort klebte und es für unteilbar hielt. Das Universum könnte sich – was? – mit anderen teilen? Undenkbar, ein Unsinn, ein wirklicher Unsinn. Das Universum ist das Universum, weil es alles umschließt, was wir zu erkennen vermögen. Aber sollte es sich um eine Sonderform handeln, in jenem Hyper-All, in dem die einzelnen Weltalls koexistieren, so könnten andere Formen so sehr von ihm differieren, dass ihre Interferenzen mit ihm unbemerkt blieben, weil ein einfaches Denkverbot sie annullierte. Man muss das All als singulär und umfassend konstruieren und kann es nicht, weil das Denken keinen Grund dafür bereitstellt außer der Magie überkommener Begriffe, die zu den gängigen Theorien passt wie ein Holzgriff zu einem Raumschiff. Das All ist All wie das Atom Atom ist. Ein Urknall für alles – das ist Monotheismus der Materie, eine Schöpfungslotterie, bei der, wer als Gewinner dasteht, schon bald als Verlierer enttarnt werden kann. – Nun, sagt A., warum sollte es in Raumschiffen keine Holzgriffe geben? Bestimmt gibt es sie, wer daran zweifelt, hat bald keinen Zweifel mehr übrig und muss zurück auf Position 12c.