Ulrich
Schödlbauer / Renate Solbach
Das Labyrinth der Iokaste
Nur ein Orakel, das man kennt, kann sich erfüllen und ist wahr.
Das Experimentum Crucis läuft wie geschmiert.
Erster Auftritt
Iokaste, Teiresias sitzen sich an einem langen Tisch gegenüber. Von
draußen klingen Fetzen des Wortwechsels zwischen Ödipus und Kreon
herein.
I:
(steht auf und schließt das Fenster) Ich hasse diese miese kleine
Schlange Iokaste, die ihre Geschäfte von anderen erledigen lässt.
Willst du spontan Einspruch erheben? Bitte, schreib es hin. Dann haben
wir einen Dialog.
T: Kein Grund, dich zu beunruhigen. Gestern im Auto hast du gesagt:
»Das hätte ich mal machen sollen« und ich habe erwidert: »Aber
ich habe
Angst.« Schon vergessen? Du lachst. Ist das etwa kein Anfang?
I: Bitte nicht diesen Quengelton. Erinnere dich daran, dass du tot bist
und alte Geschichten aufwärmst. Selbst dein Geschlecht ist geborgt,
nebenbei. Aber wir wollen nicht von Dingen reden...
T: ... die dir unangenehm sind. Was willst du eigentlich? Bleib ruhig.
Du brauchst es mir nicht zu sagen. Mein Auftritt hat dir missfallen.
I: Ein toller Auftritt. Der König ist so gut wie tot. Ich fürchte fast,
du willst, dass ich dich dafür lobe.
T: Überrascht dich das? War ich nicht gut? Wenn ich sie nicht überzeugt
habe, so habe ich sie doch beunruhigt. Der König ist tot von Geburt.
Dafür kann ich nichts. Eher könnte ich sagen, du hast du ihn getötet.
I: Ich habe ihm das Leben gegeben.
T: Eine schöne Gabe. Das erinnert mich an gewisse Staaten, die
Kraftwerke an den Grenzen aufstellen, um ihre Großzügigkeit unter
Beweis zu stellen.
I: Was redest du da? Von solchen Dingen kannst du nichts wissen. Der
König lebt.
(Spuckt aus.) Mörder.
T: Mörderin, wenn ich bitten darf. Fragt sich nur, wem der König
gehört. Es hilft nichts, wenn wir ihn wie eine Schachfigur zwischen uns
hin und her schieben. Er ist deiner nicht minder als meiner. Vielleicht
war ich an seiner Geburt mehr beteiligt als du. Der König hat einen
zweiten Leib, den du nicht begreifst.
I: Das ist der Punkt. Unser beider Iokaste ist immer gut gefahren mit
dem, was du ihr Nichtwissen nennst. Vielleicht wusste sie mehr als wir
alle. Vielleicht wusste sie... alles. Aber das ist eine Phrase, die man
auch weglassen kann.
T: Wusste der König davon? Und falls er es wusste – mit wem teilt er
ihn, diesen zweiten Leib? Eines scheint mir ganz sicher: Du weißt
nichts. Du weißt nicht einmal, in welcher Rolle ihr euch gegenseitig
bedient habt. Wie Iokaste da gleich hinausgehen wird und die Bübchen
vom Spielplatz zu zerren versucht, das hat schon Klasse. Übrigens ganz
umsonst.
I: Kein Wort davon. Sie werden bezahlen und nicht einmal wissen, dass
es für nichts ist.
T: Dafür ist gesorgt. Trotzdem frage ich dich: Um welchen von all
diesen Leibern hast du dich verdient gemacht?
I: Man könnte denken, du wirst persönlich. Falls es dich beruhigt:
Zwischen uns war nichts.
T: Das ist nicht wahr. Und die Kinder?
I: Schaustücke fürs königliche Gemüt.
T: Du entziehst dem Drama den Saft.
I: Besser den Saft als den Sinn.
T: Was du sagst, macht mich froh.
I: Dein Humor hat mich schon als Kind erschreckt.
T: Ich wusste nicht, dass er in die Ferne wirkt. Heute zum Beispiel...
I: ... regiert uns beide der Hass. Eine schöne Regung, man könnte sie
der Dame opfern, mit der es zu Ende geht.
T: Ich könnte sie deiner Zukunft opfern, sobald –
I: – ich sie mit dir teile, ich weiß. Schlange, hinterhältige. Da sieht
man es wieder, die ganze Wahrsagerei dient nur dem Eigennutz.
T:
(lacht) Zwanzig Jahre. Ein langer Entzug. Und immer noch süchtig.
Dieser Teiresias ist die fünfundzwanzigste Haut, gerade sie wird man
nicht mehr los. Du wirst langsam unruhig, du zupfst an ihr, aber sie
sitzt fest. Ich würde mich gerne ablösen. Offenbar fehlt das
Lösemittel. Das verstehe, wer will.
I: Hab ichs mir doch gedacht. Schuft. Du willst dich vom Acker machen.
Aber – mitgefangen, mitgehangen.
T: Ein bisschen frivol bist du geworden in all deinen Jahren. Das
interessiert mich, das ist etwas Neues.
I: Heißt das, du bleibst? Hier? Heute?
T: Was man so nennt. Sagen wir lieber: ich stehe dir bei, wo doch die
Not so groß ist. Aber es wird dir nichts nützen. Die Gesetze des Volkes
sind unerbittlich und die Sache ist hausgemacht. Es gibt keinen
Christopher Street Day für Inzüchtige. Umso schlimmer, wenn die ganze
Aufführung nur fürs Volk war.
I: Wie mans nimmt. Ich liebe ihn.
T: Ist das wahr?
I: Ich habe ihn in den Tod gestoßen, indem ich ihn vor dem Tod
bewahrte. Nennt man das nicht Liebe?
T: Man könnte es auch Verrücktheit nennen. Jeder hat da seine eigene
Klaviatur. Das hier ist Liebe als Passion, soweit sind wir nicht. Auf
alle Fälle hat es mich tief gekränkt, dass du diesen Laios...
I: ... den alten Sack...
T: ... so nah an dich herankommen ließest.
I: Gegenfrage: Was sollte ich damals tun?
T: Ein königlicher Balg musste her, nicht wahr? Da hängt man sich das
Kittelschürzchen zum Gensammeln um und nennt es Liebe. Ganz schön
durchtrieben.
I: Ich muss dich sehr verletzt haben, mein Lieber.
T: Mein Unverfänglicher, das ist schön wie du jetzt das Geschlecht
wechselst. O die du da hangest am Baum des Gebärens, ich muss dir etwas
gestehen.
I: Da bin ich aber neugierig.
T: Teiresias war nur ein Vorwand, um dich einzuwickeln und dir ein
gutes Gefühl zu geben. Damals war ich noch nicht so weit. Das Seheramt
gab mir so eine Art... Festigkeit. Heute könnte ich es vielleicht
ausfüllen – ausfüllen, ja, das ist das Wort. Aber das steht auf einem
anderen Blatt.
I: Teiresias steht uns also noch bevor?
T: Wie mans nimmt. Aber, ehrlich gesagt, ich bin sein Leben satt, bevor
ich es richtig führe. Es hat keinen Sinn, die Dinge zu sehen, wie sie
sind, und es ist absurd, sich dabei auch noch in einem Mann zu
verstecken.
I: Was willst du damit sagen? Wir Frauen hätten es besser? Lernst du
eigentlich nie? Das hat dich schon mal die Identität gekostet.
T: Da draußen redet dein Sohn, der bald sterben wird. Du wirst vor ihm
sterben, aber das kümmert dich nicht. Warum? Weil du ihn bereits
überlebst. Er ist dein Sohn und du siehst ihn kommen und gehen.
Du
heißt ihn kommen und gehen. Er heißt der, der auf den Wink einer Frau
kommt und geht. Du kannst das Identität nennen, ich nenne es Schwäche.
I: Ödipus mein Sohn? Sollte ich das wissen?
T: Darüber sprechen wir die ganze Zeit. Wissen, Nichtwissen: was heißt
das schon? Sag bloß nicht, du hättest nie eine Ahnung gehabt. Das mag
glauben, wer will. Vermutlich hat dich sein knackiger Hintern zum
Schweigen gebracht. Oder was sonst?
I: Ich sollte dich aus dem Haus werfen. Aber aus wessen? Lass mich
nachdenken. Es ist sinnlos, gegen eine Barriere zu laufen, die man
selbst vor einem Menschenalter aufgerichtet hat. Warum bist du nicht
meine Freundin geblieben? Das hätte die Dinge entscheidend verändert.
T: Du darfst die Replik auch wieder streichen. Ganz wie du dich fühlst.
Geht es dir jetzt besser?
I: Du warst scharf auf diesen Seherposten. Ich wollte ein Kind. Was war
schon dabei?
T: Nichts, meine Liebe. Gar nichts.
Zweiter Auftritt
Hirte, Teiresias, Iokaste.
Hirte:
(draußen vor dem Fenster im Gespräch mit Ödipus)
Von jenem ward er Sohn genannt, doch drinnen
Mag dir am besten deine Frau es sagen.
(Iokaste steht auf und schlägt das Fenster zu.)
T:
(spöttisch)
So hörst du es. Der gute Hirte
klärt alles auf. Mir müssen sie vertrauen,
ihm glauben sie. Du solltest ihn jetzt hassen.
Stattdessen liebst du ihn.
I: Iokaste hasst ihn, nicht ich. Was soll der Lärm?
T: Sie werden keine Ruhe mehr geben, bis du deinen Platz geräumt hast.
I: Welchen Platz? Ich fahre in dem fort, was ich seit langem mache: Ich
ignoriere sie. Den Platz, den sie meinen können, habe ich schon vor
Jahren geräumt.
T: So abgeklärt, Schwester?
I: Schwester hast du mich nicht mehr genannt, seit wir zusammen auf
Schlangenjagd gingen.
T: Du wirst den Grund schon erraten haben.
I: Nachtragend bist du, übelwollend und nachtragend. Schließlich warst
du es, die auf das Schlangenpärchen einschlug. Oder sollte ich besser
sagen: die dazwischenging? Ich habe bis heute nicht verstanden, warum
du es tatest. Was geschah dann? Wurdest du Frau oder Schlange?
T: Frau, Schlange, wie man es nimmt. Ich habe den Unterschied
vergessen. Es war alles so... wirklich.
I: Du streust Komplimente, ohne hinzusehen. Oder doch? Erkennst du
mich?
T: Nun hör auf zu schmollen, es wird Zeit. Das Gesetz ist heute nicht
auf deiner Seite. Es zermalmt dich.
I: Wie naiv du bist. Das Gesetz ist nicht auf Iokastes Seite und ich
bin nicht auf der Seite des Gesetzes. Iokaste ist jetzt an der Seite
ihres Sohnes.
T: Ein trostloser Platz, wenn man bedenkt, dass er den Richterspruch
schon gefällt hat. Ohne Ansehen der Person. Ich möchte sehen, wie du
dich da herauswindest.
I: Immer wollen die Söhne sich für ihre Väter rächen, nachdem sie sich
an ihnen gerächt haben. Mit diesem Unsinn konnte ich mich niemals
anfreunden. Wenn das so weitergeht, gibt es bald keine Männer mehr.
T: Daran erkenne ich deine Grundangst. Ich hatte also Recht, mich dir
als Teiresias zu nähern.
I: Recht vielleicht, aber keinen Grund. Und wenn ich es recht bedenke,
war auch das Recht nicht auf deiner Seite. Ich hätte dich dem Volkszorn
ausliefern können, aber ich habe dich geschont. Laios war ein gütiger
Mensch.
T: Der seinen Sohn umbringen wollte und zu schwach war, dafür zu
sorgen, dass es geschah. Du hast es hintertrieben, das wissen wir
beide. Dieses Heute ist dein Werk. Du hast es nicht hergeben wollen,
dein Bübchen. Du hast auf ihn gewartet all die Jahre.
I: Nicht jeder gibt gern den Totschläger.
T: Worauf spielst du an?
I: Ein Schlangengleichnis, es fällt mir nur so ein. War es nicht sogar
zweimal? Ich hörte so etwas. Das zweite Mal sollte das erste
reparieren. Das ist die Logik des Mords.
T: Ganz recht. Genauso hätte Ödipus Kreon liebend gern geopfert, um
seinen Mord an Laios zu decken.
I: So kommst du mir nicht davon. Zwischen Wünschen und Handeln besteht
immer noch ein kleiner Unterschied.
T: Der kleine Unterschied, ich las darüber. Ein Teiresias macht diesen
Unterschied nicht. Er kann ihn nicht sehen, wenn du verstehst, was ich
meine.
I: Ein blinder Seher... Darauf tust du dir viel zugute. Ich habe mich
oft gefragt, ob du uns nicht alle anführst. Mal soll es Hera veranlasst
haben, mal Athene. Wer weiß, was du den Damen alles erzählt hast. Ich
für mein Teil jedenfalls denke mir: Vielleicht ist der Seher blind,
aber was ist mit der Seherin?
T: Du schmeichelst mir, um Zeit zu gewinnen.
I: Alle Zeit der Welt.
T: Sie wird dir nichts nützen. Das Urteil ist vollstreckt. Du bist tot,
meine Gute, und Ödipus ist ein ganz normaler Komplex.
I: Soviel Identität war nie. Eingewickelt in deine Seherhaut siehst du
wie ein ganz normaler Rechthaber aus. Ein bisschen mehr Schamgefühl,
wenn ich bitten darf.
T: Die alte Schmähsucht an einem solchen Tag. Als Iokaste warst du mir
lieber. Das Weib des Ödipus hat dich zuviel Substanz gekostet. Du hast
den Sohn nicht loslassen können, ich dich. Da sind wir beide uns nichts
schuldig geblieben.
I: Ach die Schuld. In diesem Hause spricht jeder von Schuld, seit ich
zur Tür hereingekommen bin. Bin ich schuldig, weil ich herkam? Das
könnte denen so passen. Bin ich schuld, wenn das alte Gerede nicht
aufhört? Ich habe es nicht angefangen und mich daran nicht beteiligt.
Bin ich vielleicht schuld an einem Orakel, das du ergaunert hast? Ich
habe es nicht bestellt, als es auf dem Tisch lag, habe ich es noch
nicht einmal verstehen wollen. Bin ich schuld daran, dass sich ein
Schwächling vor seinem eigenen Sohn fürchtet? Lass ihn leben, habe ich
gesagt, lass ihn leben. Jeder normale Sohn überlebt seinen Vater. Aber
er musste die Natur aushebeln, nur um sich das bisschen Macht zu
erhalten. Beim Herkules!
T: Herrlich, die Muskelspiele. Sie sind den olympischen stets voraus.
Aber du vergisst die Sphinx.
I: Auch da hat man gemunkelt, dass du dahinter steckst. Ehrlich gesagt,
soviel Intelligenz habe ich dir denn doch nicht zugetraut. Aber sie war
ein Ärgernis, das ist wahr. Dafür hat sie mir schließlich meinen Sohn
zurückgebracht.
T: Deinen Sohn? Von dem du bis eben noch nichts gewusst haben willst?
Iokaste! Du bist es! Ich kann dir nicht sagen, wie sehr es mich freut.
Gerade noch warst du eins dieser Wesen, vor denen ich mich fürchte.
I: Des Sehers Furcht ist wenigen gemeinsam. Nur manche hat des Lebens
Sinn so zugerichtet, dass sie sein bedürfen. Die anderen leben in der
Sonne hin, die jede Träne trocknet...
T: ... außer der, die aus der Götter Hand in ihren Becher rollte. – Du
siehst, es geht noch, wie in alten Zeiten.
I: Jetzt, wo es zu Ende geht. Du bist und bleibst ein Geschöpf der
Nemesis. Ich sollte vielleicht die Kinder vor dir in Sicherheit
bringen.
T: Kinder oder Enkel?
I: Kindeskinder, wie auch immer. Ich habe diese Schuld nicht gewollt.
T: So nimm sie auf dich. Du hättest sie immer auf dich nehmen müssen.
Da gibt es keine Wahl. Du wolltest leben um jeden Preis. Dass du nichts
davon abgeben konntest, das ist deine Schuld. Das Leben, das du gabst,
sollte in dich zurückfließen. Besser: Es sollte dich nie verlassen.
I: Und wenn es so wäre?
T: Wider die Natur?
I: Weißt du, Schwester, ich habe mein Leben gelebt wie jede, ich habe
keine Natur in mir gefunden. Was die Leute Natur nennen, scheint mir
ein Missverständnis. Man muss alles zu sich heranziehen, sonst hat man
nicht gelebt.
T: Schwester? Das gibt mein heutiges Amt nicht her. Aber solche Worte
aus deinem Munde! Ich könnte ihn dir mit ein wenig Prophetie wässrig
machen: Was du da ausplauderst, das wird man einmal die Gesellschaft
nennen. Die Menschen bauen eine zweite Welt und ziehen dorthin um.
Unsere Welt wird veröden...
I: Jetzt erschreckst du mich aber tüchtig.
T: Gern geschehen. Was wird aus dem, was nach uns kommt?
I: Das ist ein Geheimnis. Entweder es fällt in mein Leben, dann weiß
ich nicht, was es bedeutet, oder es fällt nicht hinein, dann weiß ich
nicht, was es ist. Also, wo liegt die Schuld?
T: Die Schuld liegt in dem, was geschieht.
I: Dann ist alles schuldig.
T: In unterschiedlichen Graden. Wer den Göttern nicht auffällig wird,
lebt gemein, aber unbehelligt. Jedenfalls ist das die gängige Lehre.
Ich sage nicht, dass sie besonders vernünftig ist, aber zweifellos ist
etwas dran.
I: Nur was? Auffällig oder unauffällig – das liegt doch nicht in
unserer Hand. Diese Iokaste zum Beispiel führt das unauffälligste Leben
unter der Sonne, sie wandelt in ihren Gemächern umher wie ein
freundlicher Hausgeist, wie eine Erinnerung oder ein Dankeschön, sie
will nichts, was sie nicht bereits hat. Dennoch ereilt es sie – in
Gestalt einer alten Liebe, einer Erinnerung wegen, die nicht vergehen
will, um einen dummen Spruch, der den Leuten nicht aus dem Kopf geht.
Heute ist sie das auffälligste Wesen unter der Sonne. Du selbst hast
sie dazu gemacht, aber du weißt nichts davon oder willst nichts davon
wissen. Du kommst hierher, um wilde Prophezeiungen auszustoßen. Bist du
sicher, dass du nicht noch am Ende einen Einfluss auf das Weltklima
nimmst?
T: Kein schlechter Gedanke, ich könnte mir darin gefallen. Sie sollen
das Rauchen einstellen, sofort!
I: Lass das, auf diesem Feld bist du inkompetent.
T: Was du das Weltklima nennst, liegt zwischen zwei Sprüchen. Nicht ich
mache sie, sie machen mich. Als Schlange habe ich gelernt, mich zu
häuten, als Mensch bin ich allem verhaftet. Aber was ist ein Mensch?
Ödipus hat die Frage nicht gelöst, sondern entschieden. Er ist in die
Falle gegangen, die ihm die Sphinx gestellt hat. Vielleicht war ich die
Sphinx, ich kann mich nicht erinnern. Ich war außer mir, dass man mir
den Zugang zu dir verwehrte. Ich hätte Laios mit eigener Hand getötet.
I: Du wärst nicht einmal an der ersten Wache vorbeigekommen. Sie hatten
auch Hunde im Einsatz. Die Sicherheit des Staates ging über alles. Wenn
ich mich auszog, wusste ich mich von hundert Blicken beäugt. Wenn ich
einen Weinkrampf bekam, verdoppelten sie ihre Anstrengungen.
T: Im Haus des Laios?
I: Im Haus des Laios.
T: Du hättest ihn töten können.
I: Ich habe ihn verhext.
T: Das hätte ich mir denken können. Lege das Schicksal eines Staates in
die Hände einer Frau und sie organisiert Séancen.
I: Lege das Schicksal einer Liebe in die Hände einer Missgünstigen und
du könntest dich ebenso gut erdrosseln.
T: Ich hätte diesen Staat auf ein Signal von dir hin in die Luft
gesprengt. Ja, die Sphinx war mein Werk, ich gebe es zu. Laios hatte
keine Chance und er wusste es. Gib deinen Sohn frei, er hat mit dem
Mord nichts zu tun. Nur in dir schließt sich die Kette.
I: Es steht mir nicht zu, das Orakel zu korrigieren.
T: Nun, dann erhebe dich aus seinem Schatten.
I: Wohin mit ihm?
T: Ins Nichts mit ihm, wie es bei den Klassikern heißt.
I: Deren Unterricht wir abgeschafft haben, weil er nichts bringt.
T: Gedanken vielleicht. Das wäre doch was.
Dritter Auftritt
Teiresias, Iokaste, später Ödipus. Iokaste liegt entseelt.
T: Ich spürs, ich spürs. Ich fühle die Verwandlung. – Ungerecht bist
du, Göttin, wie eh und je. Ich hätte mich in dieser Rolle festsetzen
können. Mit dem Fall habe ich nichts zu tun. Seit ich ihn kommen sah,
war er der Schmerz meiner Seele. Diese Frau hier habe ich geliebt – ob
als Frau oder Mann, ist mir entfallen. Ich muss dieses Gefühl, sie zu
überleben, nicht haben. Gleich wird in der unappetitlichsten aller
Szenen ihr Sohn hereinstürzen. Dagegen muss man sich wappnen.
I:
(Von hinten an sie herantretend) Was regst du dich auf? Wie von
Sinnen, so von hinnen. Das ist eine alte Geschichte bei uns Frauen:
dass Überleben und Vergehen so nahe beieinanderliegen. Ein wenig zäher
hätte ich mir unsere Iokaste vorgestellt, hätte man mich bei ihrer
Geburt konsultiert. Was solls – liegt die eine darnieder, steht die
andere auf.
T: Doppelwesen Frau?
I: Ja, ich habe mit meinem Sohn geschlafen. Ich habe sogar Kinder mit
ihm gezeugt. Warum soll ich es länger leugnen, ich bin ja tot. Dieser
Tag ist länger als jede Nacht. Alles, was jemals geschah, geschieht
jetzt. Ich habe mein Leben gelebt und ich lebe es weiter.
T: Tot oder lebendig. Das macht keinen Unterschied. Doch warum erst
jetzt? Dass du nicht loslassen konntest, macht dich zur Wiedergängerin.
(Ödipus stürzt in den Raum, blickt irre umher und stürzt wieder hinaus.)
I: Wiedergängerin? Ich? Der da... Das soll mein Werk sein. Ich erkenne
ihn nicht wieder. Sohn oder Mann, König nicht länger, ich weiß nicht...
jetzt bin ich nur noch Mutter.
T: Redest du jetzt irre? So verstörend ist das Ganze nun auch nicht.
Fehlt noch, du hättest ein Trauma. Beim Zeus.
I: Ein Traum, ja, ein Traum... das wird es gewesen sein. Die Art von
Träumen endet immer fürchterlich. Hätte ich loslassen sollen? Aber das
Kind. Mein Kind! Ein Wunschkind fürwahr. Ein solches Ende hätte ich mir
nicht träumen lassen.
(Strafft sich, richtet den Blick nach oben) Da
muss ich jetzt durch!
T: Da müssen wir jetzt durch!
I: Was hast du damit zu tun?
T: Was ich damit zu tun habe? Alles! Oder nichts, wie mans nimmt.
Zugegeben, wenn das Orakel mein Werk war, wie die Leute munkeln, dann
dachte ich dabei nicht an dein Kind, eher an dich. Ich wollte diesen
Waschlappen Laios von deiner Seite entfernen, koste es, was es wolle.
Ich wusste, du warst mit mir im Bund.
I: Das ist dir hervorragend gelungen. Zu einem Spottpreis. Jedenfalls
preise ich deine Weisheit und Umsicht. Ich sehe, du beginnst dich
wieder zu häuten.
T: Wollen wir uns jetzt umeinanderringeln und warten, dass ein neuer
Teiresias des Weges kommt und dazwischenschlägt? Dieser da scheint
ausgedient zu haben. Ich jedenfalls fühle mich frei von ihm. Es fühlt
sich gut an, nie wieder den Seher geben zu müssen.
I: Dass du dich da mal nicht täuschst. Ich habe dein heuchlerisches
Geschlecht gespürt, damals, als du mir zusetztest. Vielleicht wollte
ich Sicherheit, als ich mir diesen Sohn zog.
T:
(lacht todernst) Sicherheit durch den Mann? Das Modell hat
ausgedient, meine Liebe. In welcher Zeit lebst du?
I: Die Frage gebe ich an dich weiter. Wie gewonnen, so zerronnen.
Mutterliebe ist wahrhaft, treu und ewig. Du bist neidisch, weil dir
diese Gefühle versperrt sind. Kein Geschlechterhopping kann dich
befreien. Armselige Kreatur! Dein Geist ist männlich und dein Körper
hungrig. Dass man das nicht zusammenkriegt, wen wunderts? Von dir lasse
ich mir kein schlechtes Gewissen machen.
T: Und ich mir von dir keine Krise.
I: Du bist die Krise.
La Crisi in permanenza. Höre die Bluemelin auf dem
Felde, wie fein sie läuten. Einfach, gerade gewachsen streben sie der
Sonne entgegen. Der Sonne? Ach du Scheiße. Nein, ich möchte dich nicht
beleidigen, deine krumme Geradheit kreuzt meinen Weg, aber sie hält
nicht Schritt. Lieber wäre mir gewesen, du hättest dich an
deinesgleichen gehalten.
T: Schwester, ich bin es. Ich war es und werde es immer sein. Zürne mir
nicht zu sehr. Du bist nicht sehr verschieden von dieser da, der
draußen wird gleich verrecken. Nichts steht uns mehr im Weg, außer...
I: Außer...
T: dem Labyrinth.
I: Dem Labyrinth? Lass mich raten.
T: Dieses Rates bedarf es nicht mehr. Im Labyrinth des Mannes bist du
das Ziel.
I: Oder du? O ja, ich weiß, du willst mich zu meinem Selbst befreien.
So warst du immer. Ich erinnere mich gut an den Abend, an dem du
glaubtest, dicht vor dem Ziel zu stehen. Doch du hattest die Rechnung
ohne mich gemacht. Keine stimmt freudig zu, wenn sie wie auf dem
Viehmarkt verhandelt wird.
T: Das musst du mir erklären.
I: Erlösung durch Bevormundung unter Begutachtung aller Vor- und
Nachteile. Wie würdest du das nennen?
T: Einen Verdacht, einen sehr bösen Verdacht.
I: Einen, der sich im Laufe der Zeit, nein, schon am nächsten Morgen
erhärtet hat. Das war der Moment, in dem unsere Wege sich trennten. Für
immer, wie ich hoffte und glaubte. Dass du mir als Schwester
wiederkehren würdest... Wer konnte das ahnen oder wünschen?
T: Ich bin nicht wiedergekehrt. Ich habe dich nie verlassen.
I: Und wo hast du gehockt die ganze Zeit? Hast mich belauert?
T: Was ich für dich war und bin, geht durch alle Verhältnisse hindurch.
Es berührt sie nicht und wird nicht von ihnen berührt. In mir bist du
frei. Du kannst dich mir anvertrauen oder es lassen. Ich weiß ohnehin
Bescheid. Mir kannst du nichts vormachen.
I: Deswegen fürchte ich dich. Die Schwester, die noch im letzten Winkel
der Seele stochert, ist mir zuwider. Das kann es nicht sein. Das darf
es nicht sein. Du hast doch gar keine Ahnung. Du weißt nicht, was
Schwestersein wirklich bedeutet. Du bist nur ein Opfer, armselig, ich
sage es wieder und wieder, ein Opfer.
T: Habe ich denn gestochert? Wo habe ich gestochert? Bin ich am Ende
fündig geworden? Dein Ödipus ist auch meiner. Wir haben ihn zusammen
ausgetragen, wir haben uns seine Spiele gemerkt, wir haben ihn uns
aufbewahrt und du hast ihn dir genommen. Das war nicht fair, Schwester.
I: Also doch Neid? Wieso an dieser Stelle? Ich dachte, du hättest dein
Coming out gehabt? Ich dachte, dir ging es nur um mich? Da spricht wohl
der Mann aus dir. Oder wie soll ich das verstehen? Meine Liebe, du bist
mir das Labyrinth. Doch du wirst es nicht schaffen, dass ich mich
verirre. Mich kriegst du nie.
T: Ein seltsamer Ort, um den Preis deiner Schönheit zu steigern. Du
entkommst mir nicht. Uns beide schreckt kein Inzest.
I: Du Wahnsinnsfrau. Ein Fall von
Stalking in der Antike, die
Zeitenfolge war noch nie deine Stärke. Ein echter Fall von falschem
Bewusstsein. Du, du, du Wanderin zwischen den Welten. Nein, der Inzest
schreckt mich nicht, er interessiert mich auch nicht. Er hat mich nie
interessiert. Ödipus war ein Experiment. Ich bin unschlüssig, ob es
gelang. Alles Gelebte rechtfertigt sich selbst.
T: Auch Mord? Ist das der Gedanke? Wir beide stehen uns näher, als uns
bewusst ist. Andererseits... Ich kann nicht anders, ich werde es immer
herausschreien: Mord ist Mord ist Mord. Du, du hast seine Seele
gemordet und dazu, was schlimmer ist, deine eigene. Jedenfalls steht
sie mir näher, zu meinem Leid.
I: Das heißt, näher als dir lieb ist.
T: O nein, darin täuschst du dich. Das hieße ja, ich könnte dich
aufgeben, wenn ich nur wollte.
I: Auf deine Weise tust du es doch. Du schickst mich auf eine Reise,
deren Ziel du vage benennst, aber nicht kennst. Auch ich kenne es nicht
und weiß nicht einmal, ob ich es kennenlernen will. Auch scheint es
mir, dass es sich entzieht.
(Man hört den Schrei des Ödipus, der sich die Augen aussticht.)
I: Mir wäre lieber, er würde es nicht tun. Was soll mir ein blinder
Sohn? Die Blindheit des Laios hat ihn das Auge gekostet. Wer weiß, was
seine Blindheit anrichten wird? Was hat er denn gesehen, das ihn das
tun hieß? Nichts weiter: nenne es Häuslichkeit, nenne es praktische
Vernunft. Du kannst es auch Leben nennen, falls du das Wort über die
Lippen bringst.
T: Du vergisst deine eigene Blindheit, die du Ahnungslosigkeit zu
nennen beliebst. Aber so blind ist diese Ahnungslosigkeit nicht, die
jedem den Tod bringt, der sich dir anvertraut, sogar dir selbst, eine
Ahnungslosigkeit, die ihren Namen erst noch verdienen muss, ihr Name
ist...
I: Wenn ich es recht bedenke, fühle ich meine Entseeltheit jetzt
stärker. Ich weiß nicht, ob ich der Schonung bedarf, aber sie erschiene
mir angemessen.
T: Ich weiß, dass du dich immer entziehst, wenn ich dich brauche. Ich
sollte lernen, dich wegzulassen. Vielleicht ist dieser Tod ein Anfang.
Ich gehe jetzt weg und schließe die Tür. Das ist nur eine Geste. Aber
wer weiß, vielleicht wird einmal etwas Großes daraus.
I: Was soll schon werden? Von meinen Schwestern bist du die Kleine.
Wenn die Großen schlafen, glaubst du, etwas geht vor, das sich dir
entzieht. Aber so ist es nicht. So nicht.
(Sie richtet sich auf, wendet sich zum Publikum und erhebt die Hände.)
T: So nicht und jetzt nicht, das Spiel geht weiter. Wir sind jetzt
global.
This is a never ending story. Vorhang bitte.
(Vollzieht dieselbe Geste wie Iokaste, so dass sie beide mit erhobenen
Händen zum Publikum stehen.)
Abgedruckt in: Das Daedalus-Prinzip. Ein Diskurs zur Montage und Demontage von Ideologien. Steffen Dietzsch zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Leila Kais, Berlin 2009
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