Die versiegelte Welt I
Das Ungelebte
Studie
1.
Auch nach über zwei Jahren bin ich mir nicht sicher, ob ich für
die Art von Aufgabe, die ich damals nur deshalb übernommen habe,
weil ich keinen Anlass sah, mich ihr zu entziehen – jedenfalls
erinnere ich mich an keinen anderen Grund –, auch der richtige Mann
bin. Zweifel daran sind denkbar. Hätte ich an jenem Abend geahnt,
worauf ich mich einließ – der richtige Mann hätte es wohl –, so
hätte ich mich vermutlich geweigert, zumindest aber gezögert, den
mir zugedachten Part so umstandslos zu übernehmen.
Wenn ich heute, entschlossen, der Sache ein Ende zu setzen, mit
ihr an eine begrenzte Öffentlichkeit gehe, dann nicht, weil ich
glaube, damit einer Entscheidung ausweichen zu können. Ich weiß,
dass ich ihr schon zu lange ausgewichen bin und sie mir so oder so
bevorsteht. Eines nahen oder fernen Tages wird meine
Entschlusslosigkeit in sie münden – und damit Folgen zeitigen, die
ich nicht im mindesten abschätzen kann. Mag sein, dass dieser
Umstand mich so lange zuwarten ließ, mag sein, dass ich in Wahrheit
angesichts der Unausweichlichkeit dessen, was danach kommen wird,
untätig blieb. Wie auch immer, die Situation, in der ich mich
befinde, wirft mich ein ums andere Mal auf das Problem zurück, das
ihr zu Grunde liegt. Das ist für jemanden, dessen Beruf Probleme
nicht zulässt – vor allem nicht ungelöste – keine kleine Sache, ein
Desaster im Grunde, vor allem dann, wenn sich dieses Problem als
nicht nur unlösbar, sondern unbeschreibbar erweisen sollte, obwohl
es von mir – und mir allein – eine klare und eindeutige Lösung
verlangt.