Die
dem Ort eigene Schönheit. Eine Schönheit, die sich nicht aus der Idylle
speiste. Diesmal war er sogar reichlich verwildert. Schicht um Schicht
galt es, die vergangenen Ereignisse, die sich wie Hüllen vor den Blick
geschoben hatten, zu entfernen. Was nicht hieß, sie zu vergessen,
sondern sie vergehen zu lassen, sie in die angemessene Zeitform zu
versetzen: ›passé simple‹. Sie sollten fortleben und als Überlebte
zurücksinken in den Kosmos allen Geschehens. Ganz anders verhielt es
sich mit dem Ort, der Valéry zum Cimetière marin inspiriert hatte. Um
nachzuvollziehen, was Valéry gesehen und in Verse gefasst hatte, musste
die Vergangenheit sprechend werden. Eine Straße, ein Gebäude, kurz, die
banale Gegenwart hatte sich – den Blick irritierend – dazwischen
gedrängt.
Claire saß im Garten, eine Decke über sich gebreitet, die Arme im
Nacken verschränkt und ließ den Blick über die Landschaft gleiten.
Diese Landschaft, die ihr zugleich vertraut und fremd erschien.
»Mediterran eben«, pflegte ihr Mann zu sagen, wenn sie wieder einmal
einen ihrer Beschreibungsversuche unternahm.
Bereits am Tage nach ihrer Ankunft wurde der Blick aus dem Fenster
gefangen genommen von einem Schauspiel der Natur, das ihre theoretisch
erworbenen Kenntnisse über unterschiedliche Weltwahrnehmungszustände in
ein sinnliches Bild fasste. Es war die Jahreszeit der schnell
wechselnden Himmel. Helle und dunkle Wolken jagten einander, trachteten
sich abzulösen, um die darunterliegende Landschaft – bunt bewaldete
Hügel, an deren Hängen sich mal mehr mal weniger dieser im südlichen
Stil erbauten kleinen Villen herumdrückten – in ihre wattige Präsenz zu
tauchen.