»Im Bauch des Wals
drei Tage, drei Nächte,
dann ausgeworfen, gestrandet:
was maß diese Zeit, was trieb die Sekunden,
Stunden, Nächte langsam, tropfend, in strammer Muldung vorbei;
der Sand fühlt sich feucht an.«
»Der Gedanke, ein Totenbuch zu schreiben, kam mir früh, etwa mit zwanzig, nachdem mir die unter diesem Titel bekannte Sammlung altägyptischer Texte in der Übersetzung von Gregoire Kolpaktchy in die Hände gefallen war: einer jener Blitze, wie sie junge Menschen treffen, um sie ihr weiteres Leben lang zu beschäftigen. Irgendwann fasste ich den Vorsatz, dieses Buch bis zum fünfzigsten Lebensjahr abzuschließen, weil mir auffiel, dass die Todesrede danach einen anderen Ausdruck annimmt, sofern sie nicht überhaupt, jedenfalls in einer bestimmten Richtung, verstummt...«
»Es lässt sich kaum verbergen, dass PoliFem sein Thema den ersten Jahren dieses Jahrhunderts verdankt. Dieses Thema ist die Machtfrage, wie sie damals in äußerster Härte gestellt und bis heute nicht wirklich beantwortet wurde. Sie zieht sich durch alle Bereiche des zwischenstaatlichen, des öffentlichen und privaten Lebens hindurch, vergiftet hier eine Existenz, bläht dort eine zu unangemessener Größe auf, verschiebt Proportionen und streut Sand in die Augen der Akteure. Auch Scharfblick verdirbt. Polyphem-Niemand, ein ›Bild der Macht, die darauf fixiert ist, herausgefordert zu werden, und blind jede Herausforderung annimmt‹...«
»Über der Schulter öffnete sich die nahe Rose des Münsters. Aus unbestimmter Tiefe traten Fialen ins Bild und zielten direkt auf das Herz. Sie stellten Lanzen dar oder rhythmisch geordnete Gitterstäbe. Ihr Auf und Nieder umspielte das Zentrum der Welt. Es war eines der vielen Zentren, die sie sich zu geben pflegt, neben- wie nacheinander, menschlichen Blicken greifbar oder ihnen dauerhaft enthoben, dafür umso entschiedener in den Köpfen fixiert. Die sechzehn Blätter der Rose schwiegen dazu, sie glitzerten in der Sonne, verträumt, wie es Rennertz vorkam, doch er mochte sich täuschen. Er war sich sicher, dass er sich täuschte, das kleine, fast unmerkliche ›fast‹ darin störte ihn nicht, im Gegenteil, es belebte ihn und sorgte dafür, dass der Fluss der Gedanken auch an dieser Stelle nicht zum Erliegen kam.«
Alphazetismus
»Es gibt kein Alphazet, außer man schreibt es. Der Alphazetismus besteht darin, einen Gedanken, den man lange gedacht hat, zu ergreifen, sobald er sich flügge zeigt, als eine Geste der Erschließung all dessen, was Menschen mangels überzeugenderer Konzepte niemals aufhören werden, als wirklich zu bezeichnen. Ins Gehege des Alphabets findet die Wirklichkeit kaum anders hinein als eine Daphne in den Lorbeer – rasch, aus einer gewissen Atemlosigkeit heraus, im Sich-Umwenden, im Entgleiten der Bewegung, die eben noch alles beherrschte und jetzt den Körper in Wellen verlässt, die den Betrachter wie Windgekräusel anmuten. Das Alphazet will betrachtet werden. Bereits darin liegt ein Alphazetismus, ein Unwille, sich zu bedienen und bedienen zu lassen...«
»Schön, dass du sie bemühst,
die erwünschte Bemühung.
Keiner, der sie verweigert,
keiner, dem sie gelingt.
Auch das möchte ich dir sagen
bei dieser Gelegenheit,
die vielleicht nicht wiederkommt,
ein Mann hat keine Freunde,
dem das passiert.
Es passiert aber vielen.
Was willst du damit sagen?
Dass ich nicht der einzige bin.
Viele gehen kraftlos
unter die Erde, als ginge es dort
besser zu als darüber, Hauptsache,
der Spaten kratzt sie nicht und der Rest
liegt leicht auf. Nur einen langen Aufschub
verlangen sie, das nächste Modelljahr und
ein wenig Augenpulver fürs Wollen,
das so nicht weggeht, aber zur Seite tritt,
wenn das Angebot stimmt.
Damit habe ich nichts zu tun.«
»Nein, man wird den Fortschritt nicht so leicht los, wie man denkt. Die Geschichte schreitet fort, unaufhaltsam, was sollte sie auch sonst. Sie schreitet voran, das scheint bereits eine ernstere Sache. Denn es enthält den Hintergedanken, dass nicht alle in gleicher Front marschieren, dass es Zurückgebliebene gibt – im Denken, in der Kunst, in den Manieren, in den ›Verhältnissen‹. Ganze Länder und Regionen lösen sich aus dem Verbund, sie bleiben zurück. Vielleicht sind sie weniger an der Geschichte interessiert als andere. Oder sie glauben bereits zu wissen, wie es ausgeht. So dächte man gern, aber die Tatsachen geben es nicht her...«
»Gruppe A ist rasch, rüstig, entschlossen, sie strebt voran. Gruppe B ist langsam, unentschlossen, sie trödelt. Da ist es nur gerecht, wenn Gruppe A beschließt, aus dem Verbund mit Gruppe B auszuscheren, um schneller voranzukommen. Es ist nur gerecht, sage ich. Bei sich bietender Gelegenheit wird Gruppe B wieder zu Gruppe A aufschließen. Wir stehen alle im gleichen Prozess. Angenommen, ein Lastwagen nimmt Gruppe B mit, dann genießt sie den Vorteil, ausgeruht am Ziel einzutreffen – kein Keuchen, kein Krampf, kein Pardon. Die Schnellen sind die Dummen. Vielleicht gehen sie auch im Kreis, das hilft den Lastwagen einsparen, jedenfalls in der Theorie. «