Phobos

Phobos

Phobos, oft mit Schaudern übersetzt, gelegentlich auch mit Furcht, entspricht jenem inneren Zittern, das Menschen befällt, die sich plötzlich einem Stück Welt gegenüber befinden statt, wie üblich, in Welt eingebunden zu sein durch Kontexte, die für sie die Wahrnehmungssteuerung übernehmen und ihr Handeln in geeigneten Bahnen verlaufen lassen. Das muss nichts landläufig Schreckliches sein. Die kleinste Wahrnehmung kann zum Auslöser werden, eine Email, eine Szene im Café oder der Anblick einer Ente im Park. Das seismographische Schreiben, das dieses Zittern aufzeichnet, folgt einer langen Tradition. Es kann also nicht so tun, als sei jede seiner Gebärden frisch und jede Vokabel neu. Die Kunst besteht darin, den Einsatz zu finden, Schnitte zu setzen und rechtzeitig auszusteigen, bevor das Bedürfnis, Zusammenhänge herzustellen, die Führung übernimmt. Am Ende ist das die einzige Opposition, die Willms gelten lässt: der vernutzten Welt stellt er nun nicht eine Welt ohne Nutzen gegenüber – wo wäre die zu finden? –, doch mit einer gewissen Entschlossenheit den Anflug der Unvernutztheit: unerwartet, unvermittelt, folgenlos, wenigstens in der Zeitfolge, dabei selbst eine Folge bildend, die vermutlich allem, was wahrnehmend lebt, den letzten Grund zur Empfindung gibt, da zu sein.
Ulrich Schödlbauer

Phobos
Notate
Acta Litterarum

Scham-Kerne

[theoretische Ansätze]

im Zustand der Ausgelöstheit
   interaktive Krümmungskerne
      in deinen Öffnungsprozess geraten
         die dir wie dem andern...«

Scham-Kerne
Acta Litterarum
Seidentexte

Seidentexte. Einträge 08

Wer sich einträgt, trägt etwas aus: einen Gedanken, eine Differenz, eine Verschiedenheit, die im Meinen befangen bleibt, um sich aus ihm zu befreien. Dazu bedarf es nur einer Fläche, einer Freifläche, von überallher einsehbar, und eines Grundes, der trägt, was man ihm anvertraut. Keinem Grund vertrauen - das sagt sich leicht im Vertrauen, das nirgends ausbleibt, und sei es das auf den kleinen hellen Fleck, der den Eintrag ermöglicht und festhält. Die Nötigung, aufzuschreiben, was ist, weist dem Notat-Gedicht seinen Platz an: das flüchtige, dem Tag oder dem Augenblick entwendete Wort, das sich nirgends zur Rede-Wendung verfestigt, trägt sich in Ordnungen ein, die es übersteigen, um in den Hintergrund zu treten.
Seidentexte: ein Fund-Wort, mit dem Archäologen die 1973 in Mawangdui entdeckten Exemplare des Tao te King und des I Ging bezeichnen. Willms’ Einträge 08 finden, so ließe sich sagen, Grund genug in einem Widerspiel, dem ein schmaler Ausschnitt des I Ging und seiner 64 Hexagramme als Fläche genügt: eine Verbeugung vor der Ordnung der Wörter, vor der sich die Ordnung der Dinge nicht ganz verbergen kann.

Seidentexte. Einträge 08
Notat-Gedichte
Acta Litterarum

Traumatologie

»(...)
2 [ sublimer Bote ]

zu den Folgen der Gewalt gehört
der allerfeinste Strahl, ein Faden
scheint wenig Natürliches aufzuweisen
es ist das, was aus der Zermalmung entsteht
wenn es dieser auch nicht zu eigen ist
sondern dem zersprungenen Wesen...«

Camera Inversa
Traumatologie. Zu einer
Bilderfolge des Fotokünstlers Walter Rüth
Grabbeau
Das Motiv der Wunde

Celan-Studien

Das Motiv der Wunde

Wunden in der Dichtung Celans sind so zentrale Ausgangspunkte, dass es überraschen kann, dass erst 40 Jahre nach dem Tod von Paul Celan eine Untersuchung explizit zu diesem Motiv – das weit mehr als ein solches ist – vorliegt. Sicher gehört zu den ersten Fragen, um welche Wunden es sich handelt. Im Kontext Celans wird man an die historisch-biographische Wunde denken im Umkreis der Shoah und vielleicht auch daran, ob es denn wirklich sinnvoll ist, diesen Komplex zu bearbeiten, der doch dokumentiert ist und von daher vorausgesetzt werden kann. Ein solcher erster Gedanke griffe indessen allzu kurz: Die ›Wunde‹ in der Dichtung Celans steht mit so vielen Phänomenen und Motiven zusammen, woraus sich eine mehr und mehr veränderte Haltung ergibt – was es im Folgenden nachzuweisen gilt –, dass es gerade um diese Verbindungen geht wie etwa um das Verhältnis von «Wunde und Sakralität«, «Wunde und Ethik« oder »Wunde und Heimkehr«.
Aus dem Vorwort

Das Motiv der Wunde im lyrischen Werk von Paul Celan (2011)

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