
Wer sich einträgt, trägt etwas aus: einen Gedanken, eine Differenz, eine Verschiedenheit, die im Meinen befangen bleibt, um sich aus ihm zu befreien. Dazu bedarf es nur einer Fläche, einer Freifläche, von überallher einsehbar, und eines Grundes, der trägt, was man ihm anvertraut. Keinem Grund vertrauen - das sagt sich leicht im Vertrauen, das nirgends ausbleibt, und sei es das auf den kleinen hellen Fleck, der den Eintrag ermöglicht und festhält. Die Nötigung, aufzuschreiben, was ist, weist dem Notat-Gedicht seinen Platz an: das flüchtige, dem Tag oder dem Augenblick entwendete Wort, das sich nirgends zur Rede-Wendung verfestigt, trägt sich in Ordnungen ein, die es übersteigen, um in den Hintergrund zu treten.
Seidentexte: ein Fund-Wort, mit dem Archäologen die 1973 in Mawangdui entdeckten Exemplare des Tao te King und des I Ging bezeichnen. Willms’ Einträge 08 finden, so ließe sich sagen, Grund genug in einem Widerspiel, dem ein schmaler Ausschnitt des I Ging und seiner 64 Hexagramme als Fläche genügt: eine Verbeugung vor der Ordnung der Wörter, vor der sich die Ordnung der Dinge nicht ganz verbergen kann.
Das Motiv der Wunde
Wunden in der Dichtung Celans sind so zentrale Ausgangspunkte, dass es überraschen
kann, dass erst 40 Jahre nach dem Tod von Paul Celan eine Untersuchung explizit zu
diesem Motiv – das weit mehr als ein solches ist – vorliegt. Sicher gehört zu den ersten
Fragen, um welche Wunden es sich handelt. Im Kontext Celans wird man an die
historisch-biographische Wunde denken im Umkreis der Shoah und vielleicht auch
daran, ob es denn wirklich sinnvoll ist, diesen Komplex zu bearbeiten, der doch
dokumentiert ist und von daher vorausgesetzt werden kann. Ein solcher erster Gedanke
griffe indessen allzu kurz: Die ›Wunde‹ in der Dichtung Celans steht mit so vielen
Phänomenen und Motiven zusammen, woraus sich eine mehr und mehr veränderte
Haltung ergibt – was es im Folgenden nachzuweisen gilt –, dass es gerade um diese
Verbindungen geht wie etwa um das Verhältnis von «Wunde und Sakralität«, «Wunde
und Ethik« oder »Wunde und Heimkehr«.
Aus dem Vorwort
»(...)
2 [ sublimer Bote ]
zu den Folgen der Gewalt gehört
der allerfeinste Strahl, ein Faden
scheint wenig Natürliches aufzuweisen
es ist das, was aus der Zermalmung entsteht
wenn es dieser auch nicht zu eigen ist
sondern dem zersprungenen Wesen...«