Interview
11. Jahrgang
2012
Thema 2012
»Keine Tabus!« Die Parole der aufgeklärten Gesellschaft, kaum ausgesprochen, lockt sie hervor, eines nach dem anderen: das Tabu, das keines mehr sein soll, neben dem, das auf diesem Weg in die Welt tritt, gleich dahinter das Tabu der Tabulosigkeit selbst. Es dürfte schwerfallen, einen anderen Begriff aus dem Umkreis der frühen Ethnologie zu finden, der so selbstbezüglich die forschende Zivilisation in den Blick rücken konnte wie dieser: der scheinbare Blick in die Vergangenheit der Menschheit hat die in der ›entwickelten‹ Gegenwart anwesende Vergangenheit zwar nicht enthüllt, aber ein für allemal als Bewusstseins-Trug kenntlich gemacht. Man kann die Wörter ›Tabu‹ und ›Fetisch‹ als die kritischen Grundwörter des progressionsbetonten Gegenwartstypus betrachten, wobei das ›Tabu‹ den Vorteil besitzt, nicht an die Marxsche Begriffsarbeit zu erinnern und – im Ernstfall – fast völlig ohne ›konkrete‹ Bedeutung auszukommen. Am bündigsten lässt es sich als Zauberwort charakterisieren, mit dem das aufgeklärte Vorurteil über Gesellschaften mit geringem Veränderungsbedarf oder -willen oder -vermögen in Szene gesetzt wird...
Iablis © 2012